Sascha Anderson im Film “Anderson”

Die Schriftsteller und der Verrat

Gestern habe ich die Presse-Vorführung des Films Anderson über Sascha Anderson gesehen – war aber offenbar in der falschen Vorstellung. Denn wie Susanne Schleyer berichtet (https://www.facebook.com/susanne.schleyer?fref=ts), gab es am Nachmittag nach der offiziellen Berlinale-Premiere „riesiges geschrei von betroffenen und sich betroffen fuehlenden. vor dem kino polizei. es haette nur noch gefehlt, dass sich leute pruegeln.“ Das habe ich verpasst. Auch 25 Jahre nachdem der Schriftsteller Sascha Anderson als Stasi-IM enttarnt wurde, sorgt sein Fall scheinbar noch immer für öffentliche Erregung. Erstaunlich.

Da ich kein Betroffener bin, brauche ich mich nicht so zu erregen. Ich habe Anderson 1983 in „Berlin, Hauptstadt der DDR“ besucht und ihn in der FAZ porträtiert als Lyriker und Impresario vom Prenzlauer Berg, der federführend dabei half, die dortige Boheme zum Markenartikel PRENZLAUER BERG zu machen. Er erzählte mir schon damals, und ich schrieb es in meinem Porträt, dass ihn die Stasi regelmäßig verhöre. Was er der Stasi bei diesen Gelegenheiten alles in die Notizblöcke diktierte, sagte er mir nicht.

Sascha Anderson in "Anderson" von Annekatrin Hendel

Ich bin Anderson seither immer wieder mal begegnet und habe gelegentlich auch über ihn oder seine Bücher geschrieben. Zwei der Artikel sind hier zu finden: http://uwe-wittstock.de/blog/?cat=68

Im Film Anderson war Anderson selbstkritischer und vor allem sachlich klarer, als ich ihn je erlebt habe. Anderson neigt zu verschachtelten Satzkonstruktionen, die er gern halbfertig in der Schwebe lässt und deren Sinn mir oft dunkel bleibt. Der Filmerin Annekatrin Hendel ist es jedenfalls gelungen, ihn konkreter als sonst über seine Zuträgereien zum Sprechen zu bringen, und dafür darf sie sich und ihrem Film schon mal ein paar Pluspunkte gutschreiben. So gibt Anderson zum Beispiel unmissverständlich zu, es sei ihm klar gewesen, dass die Stasi Material suchte, um Regimegegnern juristisch korrekte Prozesse nach DDR-Recht machen zu können – und dass er solches Material wissentlich geliefert habe.

Das Ende des Films fand ich allerdings schwach: Hendel stellt eine Szene an den Schluss, in dem Anderson erklärt, weshalb die von ihm verratenen ehemaligen Freunde noch heute vergeblich auf eine Entschuldigung warten. Er bemüht dazu ein rhetorisches Täuschungsmanöver: Er könne doch nicht, sagt Anderson, mit dem Satz „Ich entschuldige mich“ eine Verzeihung gleichsam einfordern. Nein, nur die anderen könnten ihm verzeihen. Dass er stattdessen sehr wohl „um Entschuldigung bitten“ könnte, blendet Anderson aus – und Hendel lässt ihn nicht nur damit davonkommen, sondern gibt Andersons windiger Scheinerklärung sogar noch zusätzliches Gewicht, indem sie den Film damit unkommentiert ausklingen lässt.

(Sascha Anderson teilt dazu per Mail mit, seine Erklärung in der letzten Szene sei verkürzt worden: “vollständig hieß sie, dass ich mich für das, WAS ich getan habe, nicht entschulden (nicht entschuldigen!) kann und werde, aber für das WIE um verzeihung bitten muss und will. was übrigens offline längst (seit über 20 jahren) passiert ist.”)

Wie auch immer: Ob Andersons Bitte um Entschuldigung tatsächlich seit Jahrzehnten ausgeblieben ist, und ob der Fall Anderson deshalb noch heute für Erregung sorgt, könnte aber letztlich nur eine Vollversammlung der Verratenen klären.

Und zu denen gehöre ich nicht, weshalb ich mir beim Anschauen des Films anderes durch den Kopf ging. In dem sehr eindrucksvollen Film Capote, der Philip Seymour Hoffmann seinen Oscar einbrachte, ging es im Kern ebenfalls um den Verrat eines Schriftstellers an einem Freund. Der Film ist kein Dokumentarfilm wie der von Annekatrin Hendel, aber er ist der tatsächliche Lebensgeschichte Truman Capotes hart auf den Fersen und seine Handlung keine Erfindung eines verschwitzten Hollywoodautoren-Hirns.

"Capote". Fox. Regie: Bennett Miller

Capote freundete sich bei den Recherchen zu seinem Tatsachenroman Kaltblütig mit einem der beiden Mörder an, über die er schrieb – und beschaffte ihm bessere Anwälte, die dem Mann Strafaufschub verschafften. Doch als das Buch fertig war, und nur noch das letzte Kapitel – die Hinrichtung der Mörder – fehlte, stellte Capote seine Hilfe ein. Ein ultimativer Verrat: Sein Buch kann erst dann abgeschlossen werden, wenn das Urteil vollstreckt wird – also lässt Capote den Freund im doppelten Sinne des Wortes hängen.

Mit anderen Worten: Schriftsteller sind keine netten Menschen. Wenn sie es mit einem Buch ernst meinen, nehmen sie wenig Rücksicht. Oder genauer: keine Rücksicht. Das Werk ist ihnen wichtig, nicht die Menschen. Vielleicht hat Literatur tatsächlich, wie häufig behauptet wird, eine menschenfreundliche, humanisierende Wirkung. Das Verhalten von Schriftsteller im realen Leben hat diese Wirkung eher selten. Es geht ihnen um ihre Arbeit, nicht um Moral.

Möglicherweise liegt hier eine Lehre, die man aus dem Fall Anderson ziehen kann. Sascha Andersons Hauptwerk waren nicht seine Gedichte, es war seine Arbeit als Impresario, der die Marke PRENZLAUER BERG mitprägte und in Ost und West popularisierte. Eine nicht ganz uneigennützige Arbeit, denn je wichtiger die Marke wurde, desto wichtiger wurde auch deren Zentralfigur Anderson. Diese Arbeit wäre gegen die Stasi nicht möglich gewesen, also hat er sie im Kontakt mit der Stasi vorangetrieben. Für moralische Bedenken war da wenig Platz.

Aber gerade in der DDR wurden Schriftsteller gern als Gegenspieler zum diktatorischen Regime betrachtet – und also in der Rolle von Weisen, Märtyrern oder säkularen Heiligen gesehen. Umso schmerzlicher die Enttäuschung, als sich Einzelne davon als Verräter entpuppten.

P.S.: Sehr gut gefallen hat mir auch die Verzückung, mit der die Ausstellungsmacherin Ingrid Bahß im Film von der Ausstrahlungskraft Andersons berichtete und von der Grandezza, mit der er seine Jeans zu tragen wusste. Dazu wurden alte schwarz-weiß-Fotos eingeblendet, auf denen Anderson wirkte wie ein etwas zerknautscher Bruder von Jim Morrison. Vielleicht sollte man auch nicht unterschätzen, wie sehr Anderson zur Identifikationsfigur und zum role modle der Boheme im DDR-Sozialismus aufgestiegen war. Weshalb dann später die Enttäuschung und die nachträglichen Abgrenzungsbedürfnisse so besonders groß waren – wer möchte sich schon über so lange Zeit mit einem Verräter identifiziert haben.

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Mails sonder Zahl

Als der kleine Sonderzahl Verlag mal riesengroß auftrat

Ich verdanke dem Wiener Sonderzahl Verlag einen äußerst unterhaltsamen Samstag. Offenbar hat ein Mitarbeiter des Verlags am Freitagabend per Mail-Verteiler eine Routine-Anfrage an alle bekannten Literaturkritiker verschickt: Ob sie die Programmvorschau künftig digital oder in Papierform erhalten möchten. Der unglückselige Mitarbeiter hat allerdings – vermutlich irrtümlicherweise – dafür gesorgt, dass jede Antwort auf diese Anfrage an sämtliche Adressen des Kritiker-Verteilers weitergeleitet wurde. Und danach offenbar den Arbeitsplatz in Richtung Wochenende verlassen, ohne auf den Rücklauf zu achten.

Mit dem Ergebnis, dass sich in diesem Kritiker-Verteiler in kürzester Zeit eine herrliche Mail-Lawine entwickelte: Es wurde nicht nur jeder Kritiker darüber unterrichtet, wie seine Kollegen die Sonderzahl-Vorschau zu Kenntnis zu nehmen wünschen, ob elektronisch oder analog. Nein, der rasant anschwellende Mail-Gesang informierte auch in Echtzeit über die Nervenstärke der hochverehrten Mit-Kritiker. Freitagabend waren es schon rund 50 Mails in meinem Verzeichnis, Samstagfrüh dann noch einmal 75. Solcher Mitteilungsflut stand mancheiner der sonst so souverän urteilenden Literaturkenner nicht völlig gelassen gegenüber.
Es begann zunächst, wie sich das für Kritiker gehört, fragend und um Aufklärung bemüht:

Aber warum bekomme ich ständig die Antwortmails an diesen Sonderzahl-Verlag geschickt? Scheint irgendetwas falsch verdrahtet zu sein.

Doch bald schon wurde der Ton schärfer:

Erstens brauche ich Ihre Vorschau weder auf Papier noch digital – zweitens brauche ich auf gar keinen Fall alle Meldungen Ihres Verteilers in cc.
Etwas genervt

Dann wurde der scharfe Ton knapper:

Bitte diesen Irrsinn abstellen!

Auch die Zahl der Ausrufezeichen nahm rasant zu:

Es reicht jetzt!!!

Und:

unerhört!!!

Das für Kritiker berufsnotwendige Temperament machte sich in Versalien bemerkbar:

Ich brauche ab sofort NULL Information von Ihnen.

Der Verlag Sonderzahl wird wohl künftig damit rechnen müssen, für einige Literatursachverständige nicht allein seines Programms wegen zu einem festen Begriff geworden zu sein:

diese sonderzahl geht mir irgendwie auf den nerv kann man das abstellen
bitte hören sie alle auf, meinen mailbriefkasten zuzufüllen … zum letzten
mal.
Keine Mails mehr von Sonderzahl! 

Doch nun meldeten sich die Analytiker unter den Lawinenopfern zu Wort:

Ein Wort zur Güte: Begreifen Sie denn nicht, Sonderzahl hat einen dilettantischen IT-Fehler gemacht. Sie können das nicht, die eMail-Massenversände. Anstatt die Adressdatei ins BC  zu setzen, haben die ihre ganze Adressdatei als Empfängerfeld eingesetzt. Jeder der antwortet, antwortet allen, Sie könnes es in der Tat nur stoppen, wenn Sie schweigen. Anders geht es nicht, die Antworten werden automatisch multipliziert und an alle geschickt!

Eine Schweige-Aufforderung an Kritiker zu verschicken, ist freilich eine heikle Sache. Sie erwies sich, selbstverständlich, als nicht erfolgreich. Vielmehr wurden sogar Angebote zur grenzüberschreitenden Entwicklungshilfe wurden gemacht:

Sonderzahl sollte vielleicht endlich mal reagieren vielleicht eine kleinen Nachtschicht einlegen, einen IT-Spezialisten engagieren, etwas unternehmen. Ich kann sonst vielleicht einen IT-Studenten aus der Schweiz schicken :-)  

Naturgemäß fand sich in der Schar der hochtrainierten Rezensenten bald einer, der den kultur-, zivilisations- und zeitkritischen Aspekt der Angelegenheit in angemessen düster-melancholischen Ton herausarbeitete.

Liebe ( und zum Teil sehr aufgebrachte) Kolleginnen und Kollegen,
gerade bin ich nach Hause gekommen und habe nochmals in meine Berufs-Mail geschaut – inzwischen finden sich dort Aberdutzende von Sonderzahl-Antwort-Mails. Ich kann Sie nur bitten, die Sache gelassen hinzunehmen – und vor allem den engagierten kleinen Verlag nicht fortwährend zu beschimpfen und ihm mit Liebesentzug zu drohen.
Was hier abgeht, ist ganz einfach: Es ist der Sieg der alles platt walzenden Eigendynamik von digitaler Kommunikation über jeden/jede von uns – den Verlag selbst eingeschlossen. Irgendetwas – keine Ahnung, was – ist auf dem Sonderzahl-Server oder bei der Programmierung der Mail schiefgelaufen. Der Verlag selbst ist – logischerweise – nicht mehr besetzt, kann also nicht eingreifen. Also rotiert das System selbstherrlich vor sich hin und zeigt uns exemplarisch, was wir als E-Mailer & I-Phoner & Smartphoner wirklich sind: Objekte einer längst sich selbst bestätigenden & eben gelegentlich auch außer Rand & Band geratenden Kommunikation.

Das war in seiner analytischen Brillanz derart adornomäßig unübertrefflich, dass die weiteren Kommentare zwangsläufige einen anderen Aspekt ins Gespräch bringen mussten, um überhaupt noch Punkte machen zu können:

Sehr geehrte Damen und Herren des Sonderzahl-Verlags,
vielleicht ist es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, aber mit einer Rundmail von Freitag, Ihren Vorschauversand betreffend, haben Sie den deutschsprachigen Literaturbetrieb erfolgreich gegen sich und die Produkte Ihres Hauses aufgebracht. Zu diesem speziellen Beitrag zum Wiener Aktionismus kann man nur gratulieren. Man wäre Ihnen für die Beendigung  der Aktion allmählich aber dankbar.

Damit war das Stichwort gefallen, dem einer Kritiker-Versammlung – wie virtuell sich auch immer sein mag – einfach nicht widerstehen kann. Ist es möglich, das kleine Kommunikations-Desaster unter künstlerischer Hinsicht betrachten? Ist es vielleicht sogar möglich, es sich mit salbungsvollen Zitaten (samt Fußnoten) garnieren und menschelnde Lebensweisheiten daraus zu destillieren?

Liebe Leidensgenossinnen und Leidensgenossen ;-)
lassen sie es uns mal als unfreiwilliges Experiment und Kunstaktion betrachten. Hier ein Gedanke zum Thema – von Marina Abramovic:
“Die Geschwindigkeit unseres Lebens beschleunigt sich am Ende dieses Jahrhunderts immer mehr. Unsere Konzentrationsspannen werden immer kürzer. Unsere Kinder Zippen (!) sich durch die Fernsehprogramme (und wir uns analog dazu durch die Apps). Eine Folge davon ist, dass wir immer rastloser und neurotischer werden. Der Mensch sollte wieder ins Nichtstun investieren. Es ist wie bei einer Bank: je mehr man investiert, desto mehr bekommt man zurück. In diesem Fall ist die Zeit das Investment”. (aus Double Edge, Kunstmuseum Kanton Thurgau). 
wenn es also einen Supergau gibt…
nehmen wir es gelassen…
denken darüber nach…
und schmeissen das Handy und/oder den Computer den Berg runter..
vielleicht hilfts ja..

Um ganz offen zu sein: Ich haben leise Zweifel daran, ob die Autorin dieser Anregung der eigenen Aufforderung Taten folgen und ihre IT-Ausrüstung der Schwerkraft überließ. Selbst die Urheber solcher Lebensweisheiten wollen so lebensweise dann doch nicht sein. Aber solchermaßen künstlerisch auf Trapp gebracht, war dann auch die ersten sprachlich rundum gelungene Reaktionen zu bestaunen. Die erste betrachtete den ganzen Vorgang streng unterm Gesichtspunkt moderner Kunst, die bekanntlich ja immer streng im Gegensatz zu dem schlechten Zustand der Realität stehen und eine Gegenwelt errichten soll:

…wenn es Kunst ist, ist es okay, wenn es okay ist, kann es keine Kunst sein und wenn es nicht okay ist, ist es eben doch Kunst – man kommt da gar nicht raus…

Die zweite bemerkenswerte Reaktion beschränkte sich aufs lakonische Sprachspiel:

Mails sonder Zahl

Eine Reaktion, die unmittelbar die adäquate literaturkritische Anerkennung nach sich zog:

Genau: vergesst die Lyrik nicht

Einmal in der Welt der Literatur angekommen, ließ auch eine Talentprobe von Thomas Bernhardschen Furor nicht mehr lange auf sich warten. Sie richtete sich allerdings überraschenderweise (aber Überraschung, Irritation, Brüskierung sind ja vielfach erprobte Mittel der literarischen Moderne) nicht gegen Sonderzahl, sondern gegen die Kollegenschaft:

namentlich an alle schlaumaier, die gestern und heute mit teils dummdreisten
mails diese kiste hier weiter sponnen: ist es wirklich sooo schwer zu
checken?!? es gibt hier a) eine mailingliste sonderzahl2@mail.aufdraht.at
die offenkundig von außen bedient werrden kann und dann das tut was
mailinglisten tun sollen – an alle die auf ihr eingetragen sind weiterleiten
und b) die eigentliche absenderadresse verlag@…
hätte gestern insb. jeder von denen, die hier seither dummdreist spammen und
dummdreist das maul aufreissen, selber auch nur für einen cent
technikverständnis wäre NIE etwas passiert! denn: wer bat denn irgendwen an
die gesamte liste zu schreiben via mutmasslich “antworten an alle”?!? hätte
keiner von jenen die hier herumpoltern und weiteren traffic verursachen
etwas anderes getan als was man tun will wenn man einen einzelnen account
erreichen will, nämlich NUR an verlag@sonderzahl.at  gemailt, aka antwort
einzig und allein an den absender der original-pressestellenafrage, wäre
niemand über deren bisher einmalige bitte mitzuteilen, ob man e-mails oder
gedruckte vorschauen will, hinaus belästigt worden.
und dann noch diese 24/7-anspruchsmentalität – zum kotzen solche sog.
kollegen!

Bemerkenswert, wie hier – als Beispiel experimenteller Schreibweisen – die orthographischen und grammatikalischen Strukturen der Sprache aufgesprengt werden und so die Ordnungslosigkeit des erlebten Kommunikationskataströphchens auch formal in den Text eingeschrieben sind. Von der Zeichensetzung mal ganz zu schweigen. Großer Sport! Ganz großes Kino! Hier zeigt sich, wie Kritik selbst zur Kunst wird – so wie Alfred Kerr es forderte. Hier, in dieser Kritiker-Beschimpfung, spricht der wahre Kritiker-Meister und ihm wird zu huldigen sein, sobald der Sonderzahl-Unfall für die Gründung der ersten Sonderzahl-Selbsthilfe-Gruppe gesorgt hat. Denn auch die wie gefordert:

Ich bin für ein Treffen der Sonderzahl-Opfer auf der nächsten Frankfurter Buchmesse.

Sehr gut! Als Treffpunkt schlage ich vor: den Sonderzahl-Stand. Und bitte, bitte ladet mich dazu ein. Das möchte ich auf keinen Fall versäumen. Selten habe ich über die Literaturkritik hierzuland so Vieles und Vielfarbiges gelernt wie heute bei der gekürte meiner Mails.

PS: Inzwischen gib es eine objektivere und nicht so vergnügungssüchtige Darstellung des Sonderzahl-Spaßes. Hier der Link, für alle, die noch mehr wissen wollen:

http://www.lesenmitlinks.de/meta-spam-2-0/

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Khaled Hosseinis “Traumsammler” – eine Rezension (ausnahmsweise in Englisch)

A love that came from the desert

The Kite Runner already made him famous. But with his new novel And The Mountains Echoed (dt. Traumsammler), Khaled Hosseini proves to be a storyteller of international standing.

Khaled Hosseini: "Traumsammler". Übersetzt von Henning Ahrends. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 19,99 Euro

“Who?” The guy at the reception desk in St. Louis has no clue. I repeat and spell “Khaled Hosseini” for him and explain that this hotel is temporarily accommodating one of the most successful writers in America. “Really?”, the guy asks helplessly. However, as soon as I mention the book title The Kite Runner, he becomes alert. “Oh yes”, he happily says, “I know the movie.” A great movie, so striking. Finally he finds Hosseini’s name on his list, rattles his keyboard to connect me, and bids me farewell with the words: “Okay, tomorrow I read the book.”

To read The Kite Runner tomorrow would be a good idea already. Because not only is it a successful, but also a remarkably human book. The first two novels of Hosseini have by now reached a worldwide print run of over 38 million. At some point they could be more famous, even at reception desks, than the film adaptation of Hosseini’s debut.

On the other hand, it is a bit unfair to always link the name of the writer Hosseini to the title The Kite Runner like a trademark. At least now, after his new, third novel And The Mountains Echoed has been published. Because this is the best Hosseini has written so far.

The book contains an enormous range of space and time: It starts with two children in a village removed from the world, somewhere in the Afghan desert. But then the story spreads over decades and continents, and expands to a monumental family epic in the age of internet and globalization.

Hosseini has phenomenally succeeded in coalescing seemingly reluctant elements: the ancient, unfading power of storytelling on the one hand and the virtuously used devices of modern literature on the other hand. The novel that has thus come into being is altogether current, but at the same time seems to stand beyond time: a ravishingly vivid book, yes, but never bitter, gentle, wise, of great world-knowledge, and – if it is permitted to borrow the word from the guy at the reception desk – therefore striking.

Khaled Hosseini: "And The Mountains Echoed". Bloomsbury Trade. 16,95 Euro

Did he want to capture new settings for his literature with the new novel, I ask Khaled Hosseini. After all, his first two books The Kite Runner and A Thousand Splendid Suns are almost exclusively confined to his native country Afghanistan. “I didn’t plan it”, he says, “I followed the ways of my characters. Their story grew under my hands like a tree that develops new, strong, protruding branches.”

But what is it, in spite of everything, that holds his novel together at the core? How does he manage the feat that his story, which leads around half the globe, at the same time conveys a feeling of great intimacy and closeness to his characters? “At the center of the novel”, Hosseini says, “is the story of two siblings, who are very closely connected, but – to their anguish – are separated and marked by the scar of their separation their whole lives.” However, this feeling of having suffered a permanent loss not only bothers those two, but also other important characters – it is basically the motif of the whole novel.

When the reader encounters them for the first time, Abdullah is ten and his sister Pari three years old. Their father, an impoverished day laborer, is struggling hard for the survival of his family in the Afghanistan of the Fifties, and he is on the verge of going under. His first wife bled to death while giving birth to Pari. His second wife, which he married afterwards, had a child that died in the grim winter shortly after its birth. Now the next winter is on its way, and again the hardships are so great that he has to fear cold and hunger will take another victim in the family.

Khaled Hosseini: "Drachenläufer". Übersetzt von Angelika Naujokat und Michael Windgassen. Berliner Taschenbuch Verlag. 9,99 Euro

He therefore decides to sell his daughter Pari to a childless rich couple in Kabul. This not only establishes better future prospects for Pari, but also better chances of survival for the rest of the family. However, the price is almost unbearable: never seeing the beloved child again, and to tear the siblings apart, who have grown up in close intimacy.

Hosseini traces the fates of his characters over decades up until the present: Abdullah, who leaves his home country because of the endless wars and eventually opens a restaurant in the US. Pari, who emigrates with her very western-oriented adoptive mother to Paris. But also the fate of the adoptive father, who stays behind in Kabul, bed-bound by a stroke. Or that of the servant, who holds out for the sick man and finally inherits the grand mansion from him, which he tries to save through the commotion of the years of the Taliban regime.

Hosseini’s narrative strength is tremendous. Sometimes he rushes through the lives of his heroes. Then again he dives deep into the crucial moments along their way and makes every of their emotional impulses accessible to the reader. Whether it is the Greek doctor, who works for a relief organization in Kabul; or the Afghan warlord, who committed severe war crimes against the Sowjet occupiers, and now sometimes gives gifts to his fellow Afghans and sometimes steals from them – Hosseini plainly shows all of them with graphic accurateness in their moral conflicts.

Khaled Hosseini: "Tausend strahlende Sonnen". Übersetzt von Michael Windgassen. Fischer Taschenbuch Verlag. 9,99 Euro

With his first two books, Hosseini already succeeded with something that belongs to the special gifts of literature: he gave Afghanistan a human face when its image was marked by the daily war news. For his readers, the grey figures that the cameras panned after a bombing suddenly were not strangers anymore, but the oppressed, and they at least got an idea of their desperation.

With “And The Mountains Echoed Hosseini transcends even that. He knows how to link the fate of his fellow countrymen – whether they stay in their home country or leave it as refugees – with that of the people in the West. He draws a convincing picture of a connected world, where the affliction of one country doesn’t stop at its borders, but can touch people anytime in continents far away.

The writer Hosseini never lacked success. His very first novel “The Kite Runner, which he wrote as a doctor in the small hours before he left for the hospital to work at his day job, became an international bestseller. But in spite of everything, some critics remained skeptical. In their eyes, Hosseini aimed too much for the emotions of his readers and sometimes took the easy way out by letting his heroes always be heroes and his villains always be villains.

However, such very straight lines between good and bad are not to be found anymore in “And The Mountains Echoed. With this extraordinary novel, Hosseini proves to be a storyteller and expert for the soul of a degree that can compete with colleagues as great as Nadine Gordimer or Gabriel García Márquez.

(Der S.Fischer Verlag hat drei hierzulande erschienene Rezensionen von Hosseinis Traumsammler ins Englische übersetzen lassen, damit sich Hosseini ein Bild von der Resonanz seines Romans in Deutschland machen kann. Darunter war auch meine. Und da der S.Fischer Verlag so freundlich war, mir die Übersetzung zur Verfügung zu stellen, möchte ich sie hier den englischlesenden Büchersäufern nicht vorenthalten.)

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Cordula Stratmann hilft. Immer.

Goldene Worte

Vermutlich bin ich derzeit ein wenig dünnhäutig, aber scheinbar wohlmeinende Sätze wie die folgenden gehen mir sagenhaft auf den Wecker: “Endlich sagt es mal jemand: Bücher helfen. Immer.” Cordula Stratmann

Zu finden sind sie auf der Rückseite der frisch aus dem Briefkasten gefischten Frühjahrsvorschau des Insel Verlags.

Goldene Worte selbst noch auf der Rückseite der Programmvorschau des Insel Verlags

Vermutlich sollen derart pauschal daherschwadronierten Weisheiten der literarischen Imagepflege der gewiss freundlich-harmlosen Frau Stratmann und des Insel Verlags dienen. Wer aber den Fehler macht, nur eine Sekunde über sie nachzudenken, wird sofort sonnenklar: Frau Stratmann hat recht. Ein Roman wie Soll und Haben von Gustav Freytag ist eine prima Hilfe für alle Antisemiten, Célines Werke fabelhaft für jeden Rassisten oder Dwingers zartes Prosawerk Panzerführer eine wahre Köstlichkeit für alle Militaristen.

Klar, Frau Stratmann, Bücher helfen. Immer. Stalins Schriften, Maos Bibel oder der Bestseller Mein Kampf des österreichischen Essayisten A. Hitler entstanden aus tiefer Menschenliebe und sind unendlich hilfreich für jeden Massenmörder mit Ambition. Endlich sagt es mal jemand: Stratmanns Goldene Worte helfen. Immer.

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Berliner Buchbetriebs-Bericht (2): KOOKread

Labor für Literatur als Leseform

Das literarische Leben Berlins ist, wie gesagt, legendär. Was man niemandem erklären muss, der je einen Blick in die prallen Veranstaltungskalender der Stadt geworfen hat. Vollständig kann über die Szene nur der Auskunft geben, der die reizvolle Fähigkeit besitzt, an bis zu siebzehn Orten gleichzeitig zu sein. Mir ist das nicht gegeben, doch das hält mich nicht davon ab, mich immer wieder mal  ins Publikum zu mischen. Und vom Erlebten hier gelegentlich zu berichten. Heute: KOOKread.

Klar, „Kook“ heißt im Englischen so viel wie „Verrückter“ oder „Exzentriker“. Wer also zu einem KOOKread geht, sollte sich nachher nicht beschweren, wenn nicht alles läuft wie bei konventionellen Lesungen in ehrwürdigen Literaturhäusern. Zumal die KOOKreads eine Veranstaltungsreihe des KOOKbooks Verlags sind, der sich schon auf seiner Homepage als „labor für poesie als lebensform“ bezeichnet. Verlegerin Daniela Seel ist mit KOOKbooks zu einem Liebling der deutschen Lyrik-Gemeinde geworden – von Literaturpreisen und jubelnden Verlagsporträts überhäuft. Allerdings stellt sie auf derselben Homepage dem genannte Motto die betont skeptische Zeile „literature’s over. let’s go. face it“ gegenüber. Wir lernen: Konsequente Kleinschreibung ist cool, Englisch schadet nicht, Widersprüche erst recht nicht.

Kvartira No. 62 in der leicht schmuddelig verschneiten Lübbener Str. 18

Ein wenig exzentrisch ist schon der Ort von KOOKreads. Die Kneipe heißt „Kvartira No. 62“ und befindet sich nicht etwa in der Lübbener Str. 62, sondern in der Lübbener Str. 18. Tiefstes Kreuzberg. Der Mann hinter der Theke spricht mit Vorliebe russisch, bietet Borsch, Pelmeni oder Vareniki und einen höllisch guten Wodka an. Die Ausstattung des Etablissements ist ungefähr so, wie es die Vokabel Etablissement nahe legt: plüschig, dunkle Tapeten, schwere rote Vorhänge, Wandleuchten mit kleinen Schirmchen. Alles getreu der kvartira-eignen Devise: „Die Bar im Stil der russischen Kultursalons der 20ger Jahre“.

Leninwinkel mit Kerze direkt überm Tischlämpchen

Besonders gut gefallen hat mir eine Art realsozialistisch-satirisch-postmoderner Herrgottswinkel, der gleich rechts oberhalb jener Posterbank eingerichtet wurde, von der aus die Autoren lesen: In dem Winkel befindet sich statt des traditionellen Kruzifixes ein Band der Schriften W.I. Lenins in russischen Original samt beschaulich flackernder Kerze.

Ich war schon einmal Ende des vergangenen Jahrs bei einem denkwürdigen KOOKread: Neben den lesenden zwei Autorinnen/einem Autor und dem Moderator fanden sich nur fünf Zuhörer ein. Dennoch wurde die Veranstaltung eisern durchgezogen, was mich sehr für die poetische Unbeirrbarkeit der Akteure eingenommen hat.

Am 28. Januar war das KOOKread sardinenbüchsenmäßig besser besucht und stand unter dem unbedingt beherzigenswerten Titel „Love me tonight for I may never see you again“ (wie gesagt, Englisch schadet nicht). Es lasen der Grazer Christoph Szalay, der ein Ski-Gymnasium besuchte und bis in den ÖSV B-Kader für Nordische Kombination vordrang, bevor er sich für Poesie als Lebensform entschied. Dazu Ron Winkler, der bereits so viele Gedichtbände usw. veröffentlicht hat (auch bei KOOKbooks), dass eine Aufzählung hier echt sperrig wäre. Und die mit mehreren Jugendliteraturpreisen ausgezeichnete Romanautorin Tamara Bach.

Christoph Szalay: "Asbury Park, NJ". Luftschacht Verlag, 16,40 Euro

Eine Zusammenstellung (2 x Lyrik + 1 x Jugendbuch), auf die nicht jeder Veranstalter gekommen wäre und die dem Abend von Beginn an einen leise exotischen Touch gab. Szalay las sausensible Gedichte über Asbury Park, New Jersey, Winkler eine lyrische Prosa, an der er vor Jahren gearbeitet, die er aber nie fertig gestellt habe, und Tamara Bach Ausschnitte aus einem in betont knappen, mitunter stakkatohaften Sätzen gehaltenen Scheidungskind-Roman. Keiner länger als 25 Minuten.

Ron Winkler: "Prachtvolle Mitternacht". Schöffling Verlag, 18,95 Euro

Der Moderator – oder sollte man in diesem Fall besser von Maitre de Plaisir sprechen? – war Alexander Gumz, selbst Lyriker und Clemens-Brentano-Preisträger. Er macht seine Sache unaufdringlich, kassiert persönlich vier Euro von jedem Zuhörer und fügt mit absolut überzeugendem Augenaufschlag hinzu: „Für die Autoren.“ Die Autoren stellt er mit sehr effektvollen Uneitelkeit vor, kurz, präzise, irgendwie abrupt und immer mit Hinweisen versehen, wo er die Daten im Internet zusammengeklaubt hat. Zum Titel des Abends hatte sich Gumz – vermutlich auch per Internet – durch Szalays Buchtitel anregen lassen, der ihn folgerichtig zu Bruce Springsteens Song “4th of July, Ashbury Park (Sandy)” brachte. Darin findet sich die, wie gesagt, absolut vorbildliche Zeile: “Love me tonight for I may never see you again, hey Sandy girl”.

Tamara Bach: "Marienbilder". Carlsen Verlag, 13,90 Euro

Daniela „KOOKbooks“ Seel saß derweil im Hintergrund, gleich neben dem Eingang, die Haare neuerdings blond, verkaufte eigenhändig Bücher der vortragenden Autoren und fiel durch den Zwischenruf auf, der Christoph Szalay aufforderte „neue Gedichte“, statt weiter aus dem vorliegenden Band Ashbury Park zu lesen.

Alles in allem ein rundum angenehmer literarischer Abend, nicht zu lang (ca. 90 Minuten einschließlich Bier-Pause), abwechslungsreich, unprätentiös präsentiert, preiswert und mit freundlichem, geduldigem Publikum. Dazu der teuflisch gute Wodka (2 Euro fürs halbvolle Schnapsglas mit einem Scheibchen Saurer Gurke, 3 Euro fürs randvolle Schnapsglas mit dicker Scheibe Saure Gurke). Kurz: Sehr empfehlenswert.

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Streit ums “Blutbuchenfest”

Martin Mosebach vs. Andreas Platthaus

Das Buch „funktioniert“ nicht – schreibt Andreas Platthaus heute in der FAZ. Martin Mosebachs Gesellschaftsroman Das Blutbuchenfest spiele im Jahr 1991, die handelnden Figuren benutzten aber Technik, die es damals noch nicht gab: Smart-Phones, Laptops, das Internet, Emails. Es werde interessant sein zu beobachten, „ob sich Mosebachs Publikum über seine Erzählverschluderung erregt“, meint Platthaus. Noch ist der Roman offiziell gar nicht erschienen, schon wird er in die Tonne getreten. Oder übertreibt Platthaus doch ein wenig?

Zunächst einmal, damit keine Missverständnisse entstehen: Andreas Platthaus ist ein sympathischer Kollege, den ich nicht zuletzt für seine immensen Kenntnisse zur Kunst des Comics, des Cartoons und der Graphic Novel bewundere. Aber gerade weil ich ihn schätze und als differenzierten Kritiker kenne, verblüfft es mich, wenn er es sich in diesem Fall so einfach macht.

Bekanntlich ist Maria Stuart, Königin von Schottland, ihrer Gegenspielerin Elizabeth I. nie begegnet. In Schillers Drama Maria Stuart gewährt ihr der Autor nicht nur ein Treffen, sondern einen langen, hinreißenden Dialog mit Elizabeth. Das widerspricht den historischen Fakten eklatant. Aber „funktioniert“ Schillers Stück deshalb nicht?

Im Gegensatz zur Geschichtsschreibung lässt sich die Literatur nicht auf die Treue zu den Tatsachen festlegen. Wer die Zeit um 1991 mit den Augen des Zeithistorikers oder des Soziologen betrachtet, hat sich sklavisch an die historischen Fakten halten. Doch wer einen Roman über diese Zeit schreibt, muss die Wahrheit seiner Geschichte erfinden – und wenn er zugunsten dieser erfundene Wahrheit ein paar historische Tatsachen so zurechtrückt, wie er es für die innere Logik seines Romans braucht, dann ist das nicht nur sein gutes literarisches Recht, sondern seine literarische Pflicht.

Martin Mosebach: "Das Blutbuchenfest". Roman. Hanser Verlag, München 2014. 24,90 Euro

Mosebachs Blutbuchenfest zeigt eine gerade in ökonomischer Hinsicht konsequent modernisierte Stadtgesellschaft: Die meisten Figuren gehen sehr abstrakt gewordenen, etwas halbseidenen Tätigkeiten nach. Sie leiten eine PR-Agentur, die Kontakte schafft und für derlei luftige Leistungen gut bezahlt wird. Oder sie sind Kuratoren ohne Aufträge, die Kongresse oder Ausstellungen organisieren, für die sich später – vielleicht – die nötigen finanziellen Mittel finden werden. Oder sie haben ihren Job in der Werbung längst verloren und lassen deshalb jetzt für ihren aufwendigen Lebensstil nicht mehr das Spesenkonto, sondern einen gutmütigen Restaurantwirt einstehen.

Ich finde diese Beschreibung der gesellschaftlichen Situation überzeugend und zutreffend. Als langjähriger Bürger Frankfurts bestätige ich gern, wie schön Mosebach manche seiner Schauplätze nach der Frankfurter Wirklichkeit modelliert hat und wie viele seiner Figuren realen Personen dieser Stadt wie aus dem Gesicht geschnitten sind.

Die immer schwerer greifbaren, sich verflüssigenden beruflichen Verhältnisse, die Mosebach schildert und die bereits die neunziger Jahre prägten, sind naturgemäß nicht das einzige Kennzeichen dieses sich radikalisierenden Modernisierungs-Prozesses. Parallel dazu erleben wir eine Revolution der Computer- und Kommunikationstechnik. Die traditionelle Ordnung der Berufstätigkeit löst sich damit immer weiter auf: Mit einem Smart-Phone haben heute viele ihre Produktionsmittel buchstäblich in der Tasche. Wer früher für seine Arbeit einen Schreibtisch brauchte, braucht heute nur noch ein Telefon-Display oder ein Laptop. Er ist räumlich ungebunden, immer mobil, auf Präsenz nicht mehr festlegbar und wird so immer unfassbarer.

Das hat natürlich Folgen für das Leben der Menschen – und diese Folgen versucht Mosebach in seinem Roman erkennbar werden zu lassen. Diese zunehmende Schwerelosigkeit unseres Arbeits- und Gesellschaftslebens ist aber keineswegs eine Erfindung der letzten Jahre, sondern war auch schon in den Neuzigern spürbar. Folglich ist es mir als Leser von Mosebachs Roman schnuppe, ob er nun die jüngsten Erfindungen der IT-Branche entgegen den historischen Fakten in diese Neunziger zurückverlegt. Es geht ja darum, einen gesellschaftlichen Prozess mit den Mitteln eines Erzählers so sichtbar wie möglich zu machen. Und dabei hilft der kleine Zeitsprung, der technische Umwälzungen zehn Jahre früher beginnen lässt, ganz unbedingt.

Martin Mosebach, fotografiert von Peter-Andreas Hassiepen. Copyright bei Peter-Andreas Hassiepen

Andreas Platthaus versteht – und da kann ich ihm überhaupt nicht mehr folgen – Mosebachs Roman als eine Abrechnung mit jenen Menschen, die diesem Modernisierungsprozess unterliegen. Er schreibt: „Denn die ständige Erreichbarkeit ist zentral fürs ganze Geschehen; erst sie macht den behaupteten moralischen Skandal einer egozentrischen Gruppe von Wohlstandsbürgern plausibel, in deren Wohnungen jeweils dieselbe bosnische Putzfrau arbeitet, die im Laufe des Buchs alles verlieren wird, ihr Kind, ihre Heimat, ihre Familie und schließlich auch jeden Respekt vor dem Gastland und seinen Menschen.“

Das ist schlicht falsch. Mosebach verurteilt seine Figuren nicht, er beobachtet sie. Er konstruiert aus dem finsteren Schicksal der bosnischen Putzfrau Ivana keinen Vorwurf gegen jene „Wohlstandsbürger“, die ihr Arbeit geben: 1) Ivanas Kind kommt bei einem Unfalls in Bosnien um. 2) Ihre Heimat geht verloren wegen der lang zurückreichenden ethnischen und religiösen Konflikte in Jugoslawien. 3) Ihre Familie wird vertrieben, weil sie schicksalhaft in diese historischen Konflikte hineingeboren wurde, in denen sie Täter und Opfer zugleich ist.

Daraus einen Vorwurf gegen die „egozentrische Gruppe von Wohlstandsbürgern“ zu konstruieren, wie Platthaus das tut, ist absurd. Im Gegenteil: Mosebach zeigt in den Kapiteln seines Romans, die in Bosnien spielen, sowohl den Reiz als auch die Schrecken der vormodernen Lebensverhältnisse dort sehr deutlich. Es feiert mit der ihm eigenen Sprachpracht manche Schönheit, die seinem Helden dort begegnet, beschreibt aber auch die ausweglose Grausamkeit, mit der sich dort Nachbarn seit Jahrhunderten belauern und bekriegen.

Ebenso wird das moderne Großstadtleben einige hundert Kilometer nördlich in Deutschland nicht verdammt – denn schließlich herrscht hier ein wunderbarer Frieden und auch wenn die Menschen allerlei windigen Geschäften nachgehen, so verstehen sie es doch ihre Konflikte allesamt gewaltlos auszutragen. Zugegeben, die bürgerliche Gesellschaft Frankfurts macht in Mosebachs Roman tatsächlich einen recht egozentrischen Eindruck, aber dass die Bosnier von ihm als vorbildliche Altruisten beschrieben werden, kann niemand behaupten. Mosebach schildert halt Menschen und keine Heiligen.

Platthaus schreibt spürbar abfällig von den „Lobpreisern“ Mosebachs, die ihn um jeden Preis gegen Kritik verteidigen wollen. Um auch hier einem Missverständnis vorzubeugen: Ich kann mit Mosebachs Kampf um liturgische Feinheiten der katholischen Messe wenig anfangen. Und wenn Mosebach öffentlich verlangt, Gotteslästerung solle hierzulande juristisch strenger verfolgt und bestraft werden, stehen mir die Haare zu Berge. Kritik an Mosebach ist selbstverständlich möglich und meines Erachtens gelegentlich angebracht.

Aber ich habe es schon immer für einen Fehler gehalten, von den politischen Stellungnahmen eines Schriftstellers auf seine literarischen Werke kurzzuschließen. Der Schriftsteller Günter Grass, der mit Blechtrommel und Hundejahre großartige Romane geschrieben hat, ist ein anderer als der Bürger Günter Grass, der mir mit seinen Ansichten zu USA oder Israel häufig genug auf die Nerven geht.

Hier, glaube ich, ist der Grund für den Unwillen zu finden, mit dem Platthaus auf Mosebachs neuen Roman reagiert: Er liest das Buch und hat die fröhliche Unverfrorenheit im Kopf, mit der sich Mosebach selbst als Reaktionär und Antimodernist bezeichnet. Und glaubt deshalb in dem Roman ziemlich platte reaktionäre und antimoderne Züge zu entdecken.

Aber das ist nicht der Fall: Die spezifische Erzählweise des Gesellschaftsromans bleibt auch für Mosebach nicht ohne Folgen. Sie ist so etwas wie eine literarische Schule der Toleranz, die jede Gesellschaft als Versammlung von Individuen betrachtet, in der keiner der alleinige Inhaber der Wahrheit ist, sondern in der alle mit dem gleichen Recht ihrer persönlichen Wahrheit und Weltsicht folgen. In diesem Nebeneinander der Standpunkte, das sich nie harmonisch auflöst, sondern nur ausgehalten werden kann, haben antimoderne Sichtweisen ebenso ihren Platz wie solche, die sich für die Moderne begeistern.

Und um diese Gegenüberstellung geht es dem Roman: Hier das vormoderne Lebensverständnis von Ivana, der bosnischen Putzfrau, und dort die hypermoderne Lebenssituation der guten Frankfurter Gesellschaft. Und ob die Angehörigen dieser Gesellschaft nun bereits Anfang der Neunziger ein Smart-Phone in der Tasche hatten oder erst zehn Jahre später, ist dabei literarisch herzlich egal.

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Jón Gnarr, der Punk als Politiker

Smokescreen im Rathaus

Der weltweit lustigste Bürgermeister Jón Gnarr liefert seine politische Programmschrift ab: “Hören Sie genau zu und wiederholen Sie!!!” Reykjavík ist gut mit ihm gefahren, ob Gnarr aber als Bürgermeister so viel Spaß hatte wie erhofft, bleibt offen. Hier eine Erinnerung an seinen Wahlsieg und Ausschnitte aus einem Gespräch mit ihm:

Island kann auch im Frühjahr verdammt kalt sein. Aber ich hatte Glück. Am Abend des 27. Mai 2010 war es angenehm lau. Es war der Tag der Kommunalwahl auf der Vulkaninsel – auf der eine Menge der sonst friedfertigen Isländer kurz vor dem Ausbruch standen.

In Jón Gnarrs Wahlkampf-Hauptquartier versammelten sich seine Unterstützer, darunter Schriftsteller, Sänger, Schauspieler. Gnarr, der bekannteste Komiker des Landes, hatte wenige Monate zuvor die „Beste Partei“ gegründet, einen fabelhaften Wahlwerbespot auf YouTube gepostet (Unbedingt ansehen! Laut!:  http://www.youtube.com/watch?v=xxBW4mPzv6E) und seine Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters von Reykjavík verkündet. Die Wahllokale hatten gerade geschlossen, als ich Gnarrs kahler Büroentage besuchte, überall liefen die Fernseher und immer wieder ging ein Raunen durch die Mannschaft.

Allerdings zeigten die Bildschirme nicht die Wahlergebnisse aus Islands Hauptstadt – sondern die des Eurovision Song Contests in Oslo, den an diesem 27. Mai Lena Meyer-Landrut für Deutschland gewann: „Satellite“. Erst danach wurde umgeschaltet: 34,7 Prozent für die Beste Partei, keine andere hatte mehr: Gnarr war neuer Bürgermeister seiner Heimatstadt.

Jón Gnarr: "Hören Sie gut zu und wiederholen Sie". Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte. Übersetzt von Betty Wahl. Tropen Verlag, Stuttgart 2014. 14,95 Euro

Eine Protestwahl, natürlich. Die Finanzkrise 2008 hatte den drei größten Banken Islands das Genick gebrochen, das Land schlidderte haarscharf am Staatsbankrott vorüber, aufgebrachte Bürger lärmten wochenlang mit Töpfen und Pfannen vorm Parlament und manche von ihnen drohten, die Politiker handgreiflich in die Eiswüste zu schicken.

Da kam ihnen einer wie Gnarr gerade recht: Ein Schulabbrecher, der zwei Jahre in einem Internat für Schwererziehbare verbrachte. Ein Punk, der sich lange als Taxifahrer durchschlug. Ein bekennender Anarchist, der jede Ideologie oder Staatstheorie ablehnt, sogar den Anarchismus. Ein Standup-Comedian, der fürs Radio Sitcoms und fürs Fernsehen Sketch-Shows schrieb und dessen einzige politische Leidenschaft es schien, Politikern eine Nase zu drehen.

Doch Gnarr, der nie die ihm zugedachten Rollen übernahm, verweigerte sich auch dieser. Seine Beste Partei bildete mit den Sozialdemokraten eine stabile Koalition, krempelte die Ärmel hoch und begann eine, auch mit der Opposition betont respektvolle Zusammenarbeit zum Wohl der Stadt. „Wir haben den finanziell angeschlagenen Energiekonzern Reykjavíks wieder hingekriegt“, sagt Gnarr, wenn man ihn nach seinen größten politischen Erfolgen fragt, „wir haben die Internet-Plattform ‚Betri Reykjavík’ eingerichtet, die eine sehr direkte Bürgerbeteiligung möglich macht, wir haben eine Schulreform gemacht, für mehr Fahrradwege gesorgt, und, und, und…“

Sein Buch „Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!“ (Tropen Verlag), das jetzt in Deutschland erscheint, ist ein ebenso unterhalt- wie bedachtsamer Rechenschaftsbericht über seine Expedition in die Gefilde der Politik, gespickt mit Ratschlägen für Protest-Parteigründer weltweit – und eine Aufforderung an jedermann, sich einzumischen: „Wie gut Demokratie funktioniert, hängt davon ab, wie viele von uns aktiv teilnehmen. Wenn es zu wenige sind, wird die Demokratie platt und banal.“ Der Titel des Buches ist wohl wörtlich zu verstehen: Gnarr möchte seine Botschaft per Buch weltweit verbreiten und Nachahmungstäter finden.

Allerdings hat Gnarr seine Rolle im Rathaus vornehmlich als, wie er schreibt, „Smokescreen“ verstanden. Er lenkt die Angriffe der politischen Gegner wie „eine Art Blitzableiter“ auf sich, um dem Rest des Magistrats ruhige Arbeit zu ermöglichen. Um reizvolle Mittel dafür ist er nie verlegen: Mal tritt er mit Kleid und Gesichtsmaske von Pussy Riot auf, um gegen die Verhaftung der russischen Frauen-Band zu protestieren, mal als Yedi-Ritter, wenn er Lady Gaga einen Friedenspreis überreichen soll, oder auch als Drag-Queen bei der jährlichen Gay-Pride-Parade der Stadt – was etliche Politiker und Bürger für unvereinbar halten mit der Würde seines Amtes.

Das ist er allerdings bald los. Zur Wiederwahl im Mai tritt er nicht an. „Die Beste Partei liegt zwar“, sagt er, „in den Umfragen bei 37 Prozent, könnte also wieder gewinnen, aber ich möchte das nicht. Man kennt das doch: Nach ein paar Jahren beginnen alle politischen Bewegungen zu verkrusten und ihren Schwung zu verlieren.“ Die Beste Partei solle nicht enden wie alle anderen Parteien auch: als behäbige Institution. Lieber räume er den Platz. „Dann können andere mit neuen Ideen weitermachen.“

Aber auch Gnarr ist in eigener Sache nicht um neue Ideen verlegen. „Vielleicht gründe ich jetzt nach der Besten Partei eine Beste Religion.“ Ob er nach dem Amt des Bürgermeisters nun in das  des Papstes einer selbstgestifteten Glaubensgemeinschaft wechseln wolle? „Papst!“ ruft er: „Das wäre fabelhaft. Seit meinem Auftritt als Drag-Queen habe ich ja schon Erfahrung mit Crossdressing.“

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Daniel Kehlmann “Requiem für einen Hund”

Kehlmann und Komik

Heute feiert Daniel Kehlmann Geburtstag. Für mich zählt er zu den wichtigsten und reifsten Schriftstellern deutscher Sprache und wird doch erst 39 Jahre alt. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Zu diesem Anlass eine kurze Überlegung von mir zu dem leider wenig beachteten Gesprächs-Band, den Kehlmann und Sebastian Kleinschmidt 2008 veröffentlichten, in dem es um Götter und Genies, Zählen und Erzählen, Tod und Ruhm geht – aber vor allem auch um Komik

Das Buch erschien (ursprünglich im Verlag Matthes & Seitz) unter dem Titel „Requiem für einen Hund“, denn Kehlmanns Hund Nutschki begleitete die Gespräche schweigend und starb kurz darauf. Kehlmann und Kleinschmidt widmeten ihm daraufhin das Bändchen.

Daniel Kehlmann und Sebastian Kleinschmidt: “Requiem für einen Hund”. Rowohlt E-Book Verlag, 7,99 Euro

Die beiden treiben hier nicht das übliche Frage-Antwort-Spiel des Interviews. Sie lassen sich auf einen konzentrierten Dialog über literaturtheoretische Fragen ein. Wieder einmal zeigt sich, dass Kehlmann nicht nur kluge Romane zu schreiben versteht, sondern auch Kluges über die Kunst des Romans zu sagen hat. Meist werden sich Kleinschmidt und er schnell einig. Doch in einem, wie ich finde, aufschlussreichen Punkt bleiben mehr Fragen offen, als Antworten gefunden werden.

Kehlmann hat oft beschrieben, wie glücklich er war, als es ihm in Ich und Kaminski (2003) erstmals gelang, seinen Romanen ein dezidiert komisches Element hinzuzufügen. Da er mit diesem Buch dann bei Kritikern wie Lesern auch seinen ersten großen Erfolg erzielte, ist der Verdacht vielleicht nicht ganz aus der Luft gegriffen, dass gerade dieser Sinn für Komik seine Arbeit auf ein neues literarisches Niveau hob. Kein Zufall also, dass Kleinschmidt und Kehlmann in ihrem Gespräch lange um eine Definition des, wie sie sagen, „Humors“ ringen – obwohl Humor wohl eher die Gabe eines Menschen bezeichnet, Komisches zu genießen, nicht aber das Talent, Komik zu erzeugen.

Lehrreich scheint mir, dass Kleinschmidt versucht, zwischen guter und schlechter Komik zu unterscheiden, dass er mit einem ethischen Argument in eine ästhetische Diskussion eingreift: „Entscheidend ist, das der Humor seinen Vorteil nicht auf Kosten seines Gegenstandes oder seines Gegenübers erringt.“ Er wirbt mit Fontane für die „verklärenden Macht des Humors“.

Kehlmann dagegen verteidigt den „eisigen Sarkasmus“, den „eisigen Humor“. Tatsächlich juckt es einen als Leser ja wenig, wenn in einem Roman Pointen auf Kosten einer naturgemäß fiktiven Romanfigur gemacht werden. Wichtig ist nur, ob die Pointe schlagartig etwas über die Figur klar macht – und sie eben nicht verklärt. Ein kleiner Dialog nur, aber er verrät doch viel über die tief sitzende Bereitschaft hierzulande, die Literatur zuallererst unter moralischen, statt unter ästhetischen Gesichtpunkten zu betrachten.

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Sarah Stricker “Fünf Kopeken”

Nur das Beste über Mara Cassens und Sarah Stricker

Diese Auszeichnung ist schon ziemlich einmalig: 1970 wurde von Mara Cassens der nach ihr benannte “Preis für einen ersten Roman” gestiftet. Inzwischen ist er mit 15.000 Euro dotiert und damit einer der einträglichsten für Debütanten. Von Christoph Hein bis Lukas Bärfuss haben ihn einige inzwischen sehr namhafte Autoren bekommen und konnten – durch diese private Förderung – ihre Arbeit mit etwas geringeren finanziellen Sorgen fortsetzen. Bemerkenswert auch, dass der Preis nicht durch Profis aus dem Literaturbetrieb vergeben wird, sondern durch eine ehrenamtliche Leserjury, die sich aus 15 Mitgliedern des Hamburger Literaturhauses zusammensetzt. Ich wurde gebeten, die Laudatio auf die diesjährige Preisträgerin Sarah Stricker zu halten, was ich gern getan habe, weil ich ihren Roman Fünf Kopeken schon im Herbst mit Vergnügen gelesen hatte. Gestern, am 9. Januar, wurde die Auszeichnung im Hamburger Literaturhaus vergeben, hier meine Laudatio:

Die komische Tragödie des Hauses “Mode-Schneider”

Lob für einen starken Familien-, Liebes- und Berlinroman samt kleiner Schlenker hin zu Leo Tolstoi und Philip Larkin

Einer der berühmtesten Romane der Weltliteratur, Anna Karenina, beginnt mit dem Satz: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche ist auf ihre Art unglücklich.“

Ich bewundere, mehr noch: ich verehre den Romancier Leo Tolstoi, seine Werke sind ein literarischer Maßstab, aber für diesen Anfangssatz von Anna Karenina verehre ich ihn nicht. Denn ich halte ihn für falsch oder zumindest für reichlich unklar. Zunächst einmal ist es schwer, als Außenstehender zu beurteilen, ob eine Familie zu den glücklichen oder zu den unglücklichen gehört, oder zu jenen, deren Befindlichkeit irgendwo in der himmelweiten Spanne zwischen Glück und Unglück beheimatet ist. Ein Zwischenzustand, der mir weit verbreitet erscheint, der aber in Tolstois apodiktischem Satz gar nicht vorkommt.

Zum anderen glaube ich bei Familien, die ich als glücklich bezeichnen würde, erhebliche Konstruktionsunterschiede feststellen zu können: Mal sind sie aus einer ersten, mal aus einer zweiten Ehe entstanden und manchmal haben sie mit Ehe absolut nichts im Sinn. Mal begegnen sich die Partner auf Augenhöhe, mal scheint zwischen ihnen ein gewisses Machtgefälle zu existieren. Mal haben sie viele Kinder, mal nur eins. Kurz: Diese glücklichen Familien sind sich untereinander nicht sehr ähnlich. Im Gegensatz dazu sind Ursachen für familiäres Unglück keineswegs immer so individuell, wie Tolstois Satz es behauptet. Nein, unter bestimmten gesellschaftlichen Umständen und in bestimmten Zeitphasen scheint es mitunter recht weit verbreitete Unglücksverhältnisse zu geben.

Sarah Stricker: "Fünf Kopeken". Roman. Eichborn Verlag, Köln 2013. 19,99 Euro

Von einem solchen charakteristischen Unglücksverhältnis erzählt Sarah Stricker in ihrem Roman Fünf Kopeken, den wir heute feiern. Die Grundstruktur ihrer drei Generationen überspannende Familiengeschichte klingt zumal in Deutschland vertraut. Der Großvater war einst Soldat in Hitlers Armee, dann Kriegsgefangener. Bei seiner Heimkehr fand er ein moralisch abgewirtschaftetes, materiell zerstörtes Land vor. Ideale Voraussetzungen für den Heimkehrer, um mit der verinnerlichten soldatischen Disziplin und Organisationskraft nach dem militärischen Misserfolg nun den geschäftlichen Erfolg zu suchen. Der Großvater gehört, formelhaft gesagt, zur Wirtschaftswunder-Generation, sein Leben wird zu einem pausenlosen Gefecht um den ökonomischen Nutzen. Zweifel oder Zögern kennt er nicht, sondern nur den ewigen Imperativ des finanziellen Höher-Schneller-Weiter. „Er ging nicht“, schreibt Sarah Stricker über ihn, „er rannte. Er fuhr nicht, er raste. Er überlegte nicht, er wusste. Vor allem: es besser.“

Und seine Frau, die Großmutter dieser Romanfamilie, hat den Krieg als jugendliches Opfer des Bombenkriegs erlebt. Alles was eben noch verlässlich erschien, alles was ihrem Leben Form und Halt gegeben hatte, sah sie über Nacht in Rauch aufgehen: Ihre Familie, ihre Stadt, ja ihr ganzes Land mitsamt seiner staatlichen Ordnung. Es gab für sie, musste sie lernen, nichts, mit dem sie rechnen, nichts auf das sie bauen konnte. Also wurde, wie Sarah Stricker schreibt, die Angst „die erste und einzige wahre Liebe meiner Großmutter … Alles was danach kam, waren nur Variationen.“

Das ist zweifellos eine unheilvolle Ausgangslage. Doch zu den vertrackten Eigenschaften der Menschennatur gehört, wie gut sie sich einzurichten versteht, selbst wenn alles in Trümmern liegt. Hätte Sarah Stricker es sich literarisch leicht gemacht, hätte sie das weitere Leben dieses vom Krieg geprägten Paares als eine Art permanenten emotionalen Lazarettaufenthalt beschrieben. Aber sie beweist ihre Qualitäten als Erzählerin nicht zuletzt, indem sie zeigt, dass die beiden ihr Leben nicht als Ausnahmezustand, sondern als ihre spezifische Normalität empfinden – und folglich überhaupt keine Hemmungen haben, ihre Werte, Vorstellungen und Ziele, die sie für ebenso normal halten, an ihre Tochter weiterzugeben.

Ihnen fehlt vor allem die Fähigkeit zur Freude, zum Genuss, zum sinnfreien Wohlgefühl. Was vielleicht kein Wunder ist nach dem totalen Zusammenbruch, den sie erlebten. Denn zur echten Hingabe an die Lebenslust gehört wohl auch eine Bereitschaft zum vorübergehenden Kontrollverlust. Aber wer sich einmal so gründlich wie sie dem unkontrollierbaren Chaos eines Kriegs ausgeliefert sah, dem ist der Spaß daran, die Zügel auch nur zeitweise aus der Hand zu legen, möglicherweise für immer vergangen.

Sarah Stricker, geboren 1980 in Speyer, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und lebt seit 2009 in Tel Aviv. Copyright für das Foto: Oliver Favre

Wenn es unter diesen Umständen auch ihre Tochter nicht leicht hat mit der Lust, muss das niemanden überraschen. Von Kindesbeinen an wird von den Eltern ihr Verstand gefeiert und gefördert, ihre Leistungsfähigkeit bejubelt, ihre Hingabe an die Ziele der Familie verherrlicht. Aber alles andere, ihr Körper, ihre Gefühle, ihre Wünsche werden nicht weiter beachtet und sind schließlich auch ihr selbst fremder als das fernste Ausland. Sie erlebt das klassische Drama des begabten Kindes, das Anerkennung nur dann erhält, wenn es die Bedürfnisse seiner Eltern erfüllt, nie aber eine Chance hat, die eigenen Bedürfnisse zu entdecken.

Wodurch nicht zuletzt ihr Liebesleben zum Desaster wird. Denn als sie Arno kennenlernt, einem Mann, der nichts von ihr fordert, sondern ihr seine Zuneigung bedingungslos entgegenbringt, ist sie überrascht, irritiert, ja sogar abgestoßen und kann in ihm nur einen Schwächling sehen. Wogegen sie ihrem Nachbarn Alex sofort verfällt, denn der nimmt sich von ihr rücksichtslos nur das, was er haben will und kümmert sich ansonsten nicht um sie. Damit kommt sie gut zurecht, bei ihm fühlt sie sich sofort Zuhause, denn dieses Verhalten ist sie von Kindesbeinen an gewohnt.

Sarah Stricker hat aus dem, was man im Jargon der Psychologen eine dysfunktionale Familie nennen würde, nicht nur ein temperamentvolles Familienspektakel gemacht, sondern auch eine tieftraurige Liebesgeschichte über ein Mädchen, das Liebe nicht erträgt und einen hinreißendes Porträt der wilden Stadt Berlin um die Jahrtausendwende. Ihr Buch ist ein fabelhaftes Beispiel dafür, dass ein Roman über triste Lebensverhältnisse keineswegs ein trister Roman sein muss, sondern vom Autor auf rasante und rhetorisch pointierte Weise mit gelegentlich sogar komödiantischen Zügen erzählt werden kann.

In den sechziger Jahren produzierte der Hessische Rundfunk eine herrliche Fernsehserie, „Die Firma Hesselbach“, die bis heute bei Kennern einigen Ruhm genießt. Die Firma Mode-Schneider, die von Sarah Strickers Romangroßvater gegründet und schließlich von der Pfalz nach Berlin umgesiedelt wird, hat gelegentlich Hesselbachsche Züge. Wenn Tante Gundl bei dieser Übersiedlung buchstäblich auf der Strecke bleibt, ist das von haarsträubender Komik und Tragik zugleich. Man kann nur bewundern, mit welcher Sicherheit es Sarah Stricker gelingt, Elemente des Volkstheaters mit präziser psychologischer Analyse und einem kritischen Blick auf deutsche Realitäten und Mentalitäten zur Zeit der Wiedervereinigung zu verbinden. Es ist ihre Sprache, die ihrer Familiengeschichte alle idyllischen, aber auch alle in Schwermut schwelgenden Töne austreibt. Sie erzählt mit Intelligenz und Witz und Verve und mit einem gnadenlosen Biss, mit dem es in meinen Augen in erzähltechnischer Hinsicht eine besondere Bewandtnis hat.

Doch bevor ich auf diesen Punkt eingehe, möchte ich noch ein kleine literarische Reminiszenz einflechten. Denn nicht nur durch den Inhalt von Sarah Strickers Roman, sondern mindestens ebenso so durch seinen Tonfall fühlte ich mich beim Lesen immer wieder an das Gedicht This Be The Verse des großen britischen Lyrikers Philip Larkin erinnert. Es ist gerade zwölf Zeilen lang und hat eine unvergessliche Anfangszeile:

They fuck you up, your mum and dad.
They may not mean to, but they do.
They fill you with the fault they had
And add some extra, just for you.

But they were fucked up in their turn
By fools in old-style hats and coats,
Who half the time were soppy-stern
And half at one another’s throats.

Man hands on misery to man.
It deepens like a coastel shelf.
Get out as early as you can,
And don’t have any kids yourself.

Philip Larkin: "The Complete Poems". Herausgegeben von Archie Burnett. Farrar, Strauss & Giroux. 27, 95 Euro

Larkins Anfangszeile ist bis heute wunderbar provokativ und sie muss in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als Larkin sein Gedicht schrieb, noch ein wenig provokativer gewirkt haben also heute, weil er den Mut hatte, eine dem Alltagsslang entlehnte, betont vulgäre Phrase wie „fuck up“ in die noblen Sphären des lyrischen Sprechens und der dichterischen Lebensweisheiten einzuführen.

Auch Sarah Strickers Roman hat einen provokativen Auftakt. Ich habe keine Rezension gelesen, in der die ersten zwei Sätze des Buches nicht zitiert worden wären. Die wollte sich kein Rezensent entgehen lassen. Sie lauten: „Meine Mutter war sehr hässlich. Etwas anderes hätte mein Großvater ihr nie erlaubt.“ Zwei großartige Sätze, und zwar nicht nur weil sie bei Leser von Beginn an jede Schläfrigkeit verscheuchen, da sie offenbar, wie Sarah Stricker in einem Interview sagt, an ein Tabu rühren, nämlich das Tabu, die eigene Mutter öffentlich nicht allzu ruppigen ästhetischen Urteilen zu unterwerfen.

Literarisch großartig ist dieser Auftakt auch, weil hier mit nur zwei Sätzen gleich drei Hauptfiguren des Romans in wesentlichen Punkten gekennzeichnet werden. Im Grunde hat der Leser mit diesen beiden Sätzen das Familiendrama des Romans bereits vor Augen: Nämlich eine Frau, die offenkundig wenig Glück hat im Leben; dazu ihren Vater, der, ohne großes Interesse am Wohlergehen seiner Tochter, unerbittlich Macht über sie ausübt. Und schließlich lassen die zwei Sätze Rückschlüsse zu über jenes Mädchen, von dem die Sätze stammen, Rückschlüsse über die Enkelin des genannten Großvaters: Sie nämlich, so teilt uns schon der Ton der Sätze mit, nimmt für sich in Anspruch, das Familiendrama genau durchschauen und ungeschminkt darüber Auskunft geben zu können.

Wir erfahren im Roman nicht viel über diese Enkelin: Sie ist die Tochter von Arno, jenem demütig liebenden Mann, den ihre Mutter als Schwächling verachtet, sie wurde nach der deutschen Wiedervereinigung geboren und sie ist inzwischen alt genug, ihre ersten beruflichen Schritte als Journalisten zu tun. Ansonsten verrät uns diese Erzählerin kaum etwas über sich. Wir hören von ihr nur, mit welcher Gnadenlosigkeit sie die Fehler der anderen aufspießt, ihre Schwächen offenlegt und über deren lebenslange Unbelehrbarkeit den Kopf schüttelt.

Eine wirklich sympathische Figur ist diese Erzählerin nicht, und ich halte das für einen literarisch höchst gewitzten und geschickten Kunstgriff Sarah Strickers. Denn mit der Bissigkeit ihrer Urteile über Mutter und Großvater, mit ihrer entschiedenen Überzeugung, die Familienmitglieder durchschauen zu können, mit eben dieser Haltung erweist sie sich als perfekte Enkelin ihres Großvaters. Denn so wie sie es ihm nachsagt, kennt sie kein Zweifeln und kein Zögern, so wie er weiß sie nicht nur alles, sondern „vor allem: es besser“.

Eine Pointe dieses Romans über eine unglückliche Familienkonstellation ist also, dass dieses Unglück keineswegs nach zwei Generationen sein Ende findet. „Man hands on misery to man“, sagt Philip Larkin.  Auch in der dritten Generation pflanzt es sich fort. Doch diese allmählich milder werdende Stufe des Familienunglücks nicht in der Romanhandlung zur Sprache zu bringen, sondern in der Romansprache deutlich zu machen, also nicht durch das was erzählt wird, sondern dadurch wie erzählt wird, ist eine glänzende literarische Leistung. Ich gratuliere der Jury des Mara-Cassens-Preises zu ihrer Entscheidung, Sarah Stricker diese Auszeichnung zuzusprechen und möchte Sarah Stricker zu dem Preis, aber vor allem zu ihrem beeindruckenden Debüt beglückwünschen.

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Berliner Buchbetriebs-Bericht: Alice Munro

“Was machen Sie denn hier?”

Das literarische Leben Berlins ist legendär. Was man keinem sagen muss, der je einen Blick in die Veranstaltungskalender der Stadt geworfen hat. Vollständig kann über die Szene nur der Auskunft geben, der die reizvolle Fähigkeit besitzt, an bis zu siebzehn Orten gleichzeitig zu sein. Mir ist das nicht gegeben, doch das hält mich nicht davon ab, mich immer wieder mal irgendwo ins Publikum zu mischen. Vielleicht ist es, dachte ich gestern, interessant oder gelegentlich sogar amüsant, über das Erlebte Auskunft zu geben. Also möchte ich mich hier hin und wieder an einem Berliner Buchbetriebs-Bericht (sog. BBbB) versuchen. Mal schaun, ob’s Spaß macht.

Alice Munro: "Liebes Leben". Erzählungen. Übersetzt von Heidi Zernig. S.Fischer Verlag, 21,99 Euro

Was würde sich zum Auftakt besser eignen, als die Buchpremiere zu Ehren einer Literatur-Nobelpreisträgerin am Tage der Nobelpreis-Verleihung? Obwohl Alice Munro gestern weder in Stockholm noch in Berlin dabei war. In Stockholm vertrat sie ihre Tochter, in Berlin lasen die Munro-Verehrerinnen Judith Hermann, Monika Maron und Eva Menasse eine Erzählung aus dem neuen Munro-Band Liebes Leben, umrahmt durch biographisch-literaturkritischen Vor- bzw. Nachbemerkungen von Manuela Reichart. Und zwar im Babylon-Kino, das einst in Berlin – Hauptstadt der DDR eine ähnliche Rolle spielte wie der Zoo-Palast im alten West-Berlin. Der offenbar seit Jahren hingebungsvoll konservierte leicht angestaubte Charme des Ortes gab dem Ganzen zusätzlichen Reiz.

„Was machen Sie denn hier?“ fragte mich die Dame, neben die ich mich setzte. Sie wollte damit, wie sich herausstellte, nicht andeuten, dass wir uns kannten. Sie wollte vielmehr ihrer Überraschung Ausdruck geben, einen Mann bei der Präsentation eines Buches einer Autorin durch vier Autorinnen zu sehen. Zur Ehrenrettung der Dame muss ich hinzufügen, der Anteil männlicher Zuhörer im Saal war tatsächlich erstaunlich gering (er ist meiner Erfahrung nach bei Lesungen jedoch nie sonderlich hoch). Mir hängt allerdings der Geschlechterdiskurs in literarischen Fragen besonders weit zum Hals heraus. Ich habe deshalb, um ehrlich zu sein, den Gedankenaustausch mit der Sitznachbarin vergleichsweise kurz gehalten. Alice Munro schreibt weder Frauen- noch Männerliteratur, sondern eben Weltliteratur aus der Perspektive einer Frau, und die sollte für jeden Menschen von Interesse sein – ebenso wie Weltliteratur aus der Perspektive eines Mannes.

Alice Munro: "Love Life". Stories. Random House US, 16.95 Euro

Das Programm war tadellos, die Anmerkungen Manuela Reicharts klug, die drei lesenden Autorinnen eindrucksvoll, die Erzählung selbst fabelhaft. Aus Alice Munros Sätzen ist auch noch der letzte Funke Eitelkeit getilgt, sie verzichtet auf alles Prunkende oder Prächtige in ihrer Sprache, ja sogar auf das heimliche Gepränge allzu demonstrativer Lakonie. Im ersten Moment kann ein unbedachter, wenig erfahrener das Leser mit Schlichtheit verwechseln. Vor ein paar Jahren legte ich an der Universität in Jena einem Seminar mit Germanistik-Studenten eine anonymisierte Erzählung Alice Munros vor und bat sie, Rezensionen darüber zu schreiben. Fast die Hälfte lieferten glatte Verrisse ab, sie hielten die Geschichte für eine dürftige Anfängerarbeit ohne die geringste Kunstfertigkeit. In Deutschland wird, fürchte ich, der Wert von Literatur noch viel zu oft nach dem Grad des sprachliches Schwulstes auf der nach oben offenen Bombast-Skala bewertet. Identifiziert hat die Autorin keiner der knapp dreißig Seminar-Teilnehmer.

Was diesen Punkt angeht, erwiesen sich die Ausführungen des S.Fischer-Verlagschefs Jörg Bong im Babylon als aufschlussreich: Seit etlichen Jahren verlege, sagte Bong, der S.Fischer Verlag Alice Munro, leider ohne große Auflagenerfolge. Doch nach der Nobelpreis-Nachricht im Oktober konnten, so berichtete er mit Stolz in Stimme und Blick, in nur zwei Monaten 600.000 Exemplare ihrer Bücher hierzulande an die Leserinnen und (darauf bestehe ich:) Leser gebracht werden.

Alice Munro: "Love Life". Stories. Random House US, Vintage London, 11,95 Euro

Gute Literatur, gute Nachrichten: lauter Anlässe zur Freude also. Kommt hinzu, dass die Sitze im Babylon-Kino wirklich saubequem sind, weitaus bequemer als die Stühle bei Lesungen üblicherweise. Zu allem Überfluss ließ die Kanadische Botschaft danach im Foyer noch Weißwein ausschenken, mit dem es sich der Meisterin nach Clinton, Ontario, hervorragend zuprosten ließ. Wenn die Stockholmer Akademie immer ein so gutes Händchen bei der Auswahl ihrer Laureaten erwiese, dürfte aus der Veranstaltung von mir aus gern eine feste jährliche Reihe gemacht werden.

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