Buch&Bar 92: Harry Rowohlt “Und tschüs”

Der Botschafter der knallharten Pointe

Heute: Über Lust am bösen Witz beim Lesen und Trinken

Harry Rowohlt: "Und tschüs". Nicht weggeschmissene Briefe III. Verlag Kein & Aber. 20 Euro

Der Brief-Band „Und tschüs“ (Kein & Aber, 20 Euro) des Übersetzers und Schauspielers Harry Rowohlt ist voller grimmig-schöner Pointen. Tun Sie sich einen Gefallen und: Lesen! Sie!! Das!!! Absolut zauberhaft ist sein Ablehnungsschreiben an einen in Ungnade gefallenen Verleger, der ihm einen Roman zuschickten mit der Bitte, ihn zu übersetzen: „Wenn Sie das Buch zurückhaben wollen: Bis Samstag 14 Uhr liegt es in meinem Papierkorb.“

Hinreißend auch die zehn Goldenen Regeln, die er Autoren ans Herz legte, die händeringend einen Verlag für ihre ungedruckten Manuskripte suchen:

1. Machen Sie’s

2. wie ich.

3. Ich schreibe

4. nur auf

5. Bestellung

6. und brauche mir dann

7. um die Veröffentlichung

8. keine Sorgen

9. zu

10. machen.

Ein einziges Mal saß ich in einer Bar mit Harry Rowohlt an einem Tisch. Er trank Bier. Zugegeben, ein Single-Malt passte imagetechnisch viel besser ins Bild, schließlich war Rowohlt offiziell bestallter „Ambassador of Irish Whiskey“. Doch was wahr ist, muss wahr bleiben. Also entbiete ich diesem Wotan des Wortes meinen Respekt mit Pils im Glas und seinem Lieblingsgruß: „Gottes Segen und Rot Front“.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Benedict Wells: “Vom Ende der Einsamkeit”

Wer könnte ich sein?
Oder: Lobrede auf Benedict Wells

Was lernt man in Lebenskatastrophen über sich selbst? In seinem Roman “Vom Ende der Einsamkeit” erzählt Benedict Wells von drei Kindern, die ihre Eltern verlieren. Und sich fragen, wer sie geworden wären, hätten sie länger in einer Familie statt einem Internat aufwachsen dürfen. Das Buch stand lange auf allen Bestsellerlisten und ist einer der erfolgreichsten deutschen Romane des Jahres 2016. Am 28. November wurde Wells in Berlin für “Vom Ende der Einsamkeit” mit dem mit 12.000 Euro dotierten Buchpreis für Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet. Ich durfte den Lobgesang auf das Buch anstimmen. Hier ist er:

Sehr geehrte Frau Hess-Maier, lieber Benedict Wells, meine Damen und Herren,

allen Menschen, so schrieb der Philosoph Ernst Bloch einmal, erscheine in ihrer Kindheit etwas, „worin noch niemand war: Heimat“. Der Satz gehört zu den meistzitierten Sätzen aus Blochs Werk. Es gab Jahre, in denen sich viele freundlichen Seelen, aber auch Seminaristen der Weltrevolution so häufig auf diesen Satz beriefen, dass er bald fadenscheinig wirkte. Bloch hat in den Jahren der Weimarer Republik lange fürs Feuilleton gearbeitet, er verstand sich viel besser auf mitreißende Formulierungen, als man das bei einem deutschen Philosophen erwarten würde. Ob dieser bezaubernde Satz nur fauler Zauber der Rhetorik ist, oder eine zauberhafte, tiefe Wahrheit formuliert, kann letztlich wohl jeder nur für sich selbst und für seine Erfahrungswelt klären.

Benedict Wells: "Vom Ende der Einsamkeit". Roman. Diogenes Verlag. 22 Euro

Mir ging Blochs Satz im Kopf um, als ich den Beginn von Benedict Wells’ Roman „Das Ende der Einsamkeit“ las. In diesen Anfangskapiteln stellt uns der Autor die Familie Moreau vor: die Eltern, die bald beim Autounfall ums Leben kommen werden, den verträumten Jules, aus dessen Perspektive und von dessen Leben der Roman vor allem erzählt, seine impulsive Schwester Liz, den eigenwilligen, zugeknöpften Bruder Marty, und auch die kühle, fern und bitter wirkenden Großmutter. Es wäre leicht gewesen – und jeder schwache Schriftsteller hätte sich vielleicht dazu verführen lassen – das frühe Zusammenleben dieser Familie harmonischer zu schildern, als Benedict Wells es tut. Im Grunde erfahren wir Leser nur von den feinen Bruchlinien, die sich zwischen den Beteiligten abzeichnen, von den Zänkereien zwischen den Kindern, von der zuerst großen Zuneigung, dann der zunehmenden Entfremdung zwischen den Eltern, von der Schwäche des Vaters und dem distanzierten Verhältnis zur Großmutter.

Nein, als ungetrübte Idylle werden die Jahre der Familie Moreau, in denen die Eltern noch am Leben sind, keineswegs geschildert. Haben die drei Kinder Jules, Marty und Liz also je die Chance gehabt, ihre Kindheit in jener Sphäre zu verbringen, die Bloch mit dem großen, ja fast erdrückend großen Wort Heimat benennt?

Gleich in diesem Eröffnungskapitel, in der Exposition des Romans zeigt sich das literarische Talent des Schriftstellers Wells. Denn obwohl er fast nur von Familienproblemen erzählt, von kleinen, von schleichenden, von verschwiegenen Konflikten, gelingt es ihm dennoch, dem Leser spürbar zu machen, dass und wie sehr die drei Kinder in dieser Familie zu Hause sind, dass also diese Familie mitsamt ihrer Konflikte das Fundament ist, auf dem die Kinder stehen und aufwachsen. Es ist, glaube ich, nicht zuletzt der Ton der Vertrautheit, mit der Jules von diesen spannungsvollen Kräftefeldern innerhalb der Familie berichtet, durch den Wells dieses Kunststück gelingt. Wenn Heimat als ein Ort verstanden wird, in dessen Schönheiten, aber auch in dessen Widersprüchlichkeiten und Kontoversen man wie selbstverständlich hineingewachsen und hineinverwoben ist, dann haben die Kinder Moreau diese Kindheitsheimat wohl tatsächlich erlebt. Wenn man, wie Bloch unter Heimat einen Ort jenseits jeder Entäußerung und Entfremdung versteht, dann hat das letztlich wohl mehr mit universaler Eschatologie als mit konkreter Utopie zu tun.

Wie gut sich Benedict Wells mit Kindheit auskennt und wie genau er sie zu beschreiben versteht, erkennt man noch an einem anderen Aspekt dieses Romanbeginns. Die drei Geschwister Moreau fühlen sich in ihrer Familie sicher und daheim. Aber sie kennen sie nicht. Zumindest nicht deren Vergangenheit. Warum der Vater Frankreich verließ, weshalb er sich mit seiner deutschen Frau ausgerechnet in München niederließen, wieso sein Verhältnis zu seiner Mutter gestört und was eigentlich mit dem früh verstorbenen Onkel Eric geschehen ist, für all das hat Jules allenfalls pauschale Allerweltsantworten. Solche Fragen interessieren ihn nicht. Seine Familie gibt ihm, was er braucht: Geborgenheit. Also ist sie für ihn gut. Alles andere kann ihm gestohlen bleiben. Wir wachsen in unseren Familien nicht auf als Biografen oder Historiker unserer Eltern oder sonstigen Vorfahren. Uns interessiert nicht die Herkunft, sondern die Gegenwart. Das Fragen nach Gründen und manchmal auch nach den Abgründen der Familiengeschichten kommt erst Jahre später und dann müssen wir meist tief graben, bis unter den Allerweltsantworten die etwas spezielleren Wahrheiten sichtbar werden.

Benedict Wells: "Vom Ende der Einsamkeit". Roman. 6 Audio-CDs. 455 Minuten. gesprochen von Robert Stadlober. Diogenes Verlag. 25 Euro

Die Kindheit der Geschwister Moreau endet abrupt mit einem Anruf kurz nach Weihnachten, als sie 11, 13 und 14 Jahre alt sind. Der Tod der Eltern verändert nicht nur ihre Lebenswege, sondern er verändert sie selbst, er verändert sie in ihrem Wesen. Das ist die Versuchsanordnung des Romans: Benedict Wells spürt dem Unterschied nach zwischen den Personen, die diese drei Kinder möglicherweise hätten werden können und den Personen, die sie nach ihrer Lebenskatastrophe tatsächlich geworden sind. Zumindest denkt Jules häufig über diese Fragen nach, nicht zuletzt weil er mit seiner Entwicklung hadert, die ihn mutloser und gehemmter hat werden lassen. Doch Wells bieten uns mit Liz und Marty noch zwei andere Reaktionsweisen auf die selbe gewaltsame Lebenszäsur an: Liz erweist sich als der Gegensatz zum introvertierten Jules, sie ist lebenshungrig, ungestüm und reichlich unachtsam im Umgang mit ihrer Gesundheit. Die Diagnose dazu stellt sie sich selbst: Sie habe nach dem Tod der Eltern „dafür gesorgt, dass es nie mehr still war, dass mein Geist nie mehr zur Ruhe kam.“ Denn so ein Dasein im Modus permanenter Höchstgeschwindigkeit ist keine schlechte Möglichkeit, unerwünschte Empfindungen unempfunden hinter sich zurückzulassen. Und Marty? Marty war immer schon, wie man früher gesagt hätte, ein Tüftler. Heute gibt man diesem Menschenschlag gern den Namen Nerd. Er ist eher an Aufgaben, an komplexen Problemen, an Sachfragen interessiert, sein Bedürfnis nach menschlichen Beziehungen ist geringer und reduziert sich auf ganz wenige Personen, weshalb es leicht so wirkt, wie Jules einmal sagt, als fühle Marty sich „im Innersten unangreifbar“.

Wer sich ganz eng an dem Begriff „Familienroman“ festklammert, kann sich auf den Standpunkt stellen, im Grunde erzählten nur die ersten 50 Seiten dieses Buches bis zum Unfalltod der Eltern tatsächlich von einer kompletten Familie. Doch ich glaube, auf diese Weise wird man der Idee nicht gerecht, die wohl hinter einem Familienroman stehen sollte, nämlich mit literarischen Mitteln, mehr über dieses ebenso einmalige wie vielfältige Beziehungsgeflecht Familie zu erfahren. Benedict Wells’ Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ ist vieles zugleich, ein Kindheitsroman, ein Liebesroman, ein psychologischer Entwicklungsroman. Aber neben all dem ist er vor allem eines: ein Familiensehnsuchtsroman. Jedes der drei Geschwister Moreau versucht auf seine Weise jenes Beziehungsgeflecht, aus dem sie so früh herausgerissen wurden, für sich wiederherzustellen: Der in sich und seinen wissenschaftlichen Interessen ruhende Marty, indem er sich sehr früh für eine Frau entscheidet, und dann erleben muss, dass seine Ehe kinderlos bleibt. Liz, deren heikle Leidenschaft für starke Männer sie von einer Liebelei in die nächste treibt, es ihr aber zugleich schwer macht, zu einer dauerhaften Bindung zu finden. Und Jules, der verträumte Zögerer, der viele Jahre und endlose Umwege braucht, bis er seine große Liebe Alva erobert hat und sie dann viel zu schnell wieder an den Krebs verliert.

Vielleicht ist diese Familiensehnsucht eine der Unabänderlichkeiten in den Charakteren der Moreau-Kinder, die auch vom Tod der Eltern unberührt bleibt, ja eher sogar noch verstärkt wird. Ansonsten ist Benedict Wells viel zu behutsam, als dass er bündige Antworten auf die Fragen geben würde, die aus der Versuchsanordnung seines Romans folgen. Vielmehr lässt er die Figuren verschiedene Möglichkeiten durchspielen, was aus ihnen hätte werden können, wenn sie länger mit den Eltern und nicht im Internat aufgewachsen wären. Von der philosophisch geschulten Alva zum Beispiel werden Überlegungen Kierkegaards zur Persönlichkeitsbildung erwogen, die in dem recht martialisch klingenden Satz kulminieren: „Das Selbst muss gebrochen werden, um Selbst zu werden.“ Also die Überzeugung, dass sich der wahre Charakter einer Person erst dann enthüllt, wenn sie durch massive und schmerzhafte Lebensprüfungen auf die Probe gestellt wurde. Jules formuliert das gegen Ende des Romans ähnlich, aber viel vorsichtiger: „Als junger Mann hatte ich“, sagt er, „das Gefühl, seit dem Tod meiner Eltern ein anderes, falsches Leben zu führen. Noch stärker als meine Geschwister habe ich mich gefragt, wie sehr mich Ereignisse aus meiner Kindheit und Jugend bestimmt haben, und erst spät habe ich verstanden, dass in Wahrheit nur ich selbst der Architekt meiner Existenz bin. Ich bin es, wenn ich zulasse, dass meine Vergangenheit mich beeinflusst, und ich bin es umgekehrt genauso, wenn ich mich ihr widersetze.“

Womit sich dann allerdings abschließend die Frage stellen ließe, durch was dieses Ich denn geformt wird, dass sich durch Schicksalsschläge entweder beeinflussen lässt oder sich ihnen widersetzt, dass durch sie stark und unbeirrbar wird wie Marty oder selbstzweiflerisch bzw. sprunghaft wie Jules und Liz? Und der Seelenkenner Sigmund Freud würde an dieser Stelle vielleicht noch auf die grundlegende Ambivalenz jener Anlagen hinweisen, die sich über kurz oder lang zu einem Charakter ausformen, dass also kein Charakter von Anfang an beeinflussbar oder widerständig, stark oder schwach, gut oder böse ist, sondern eben beides zugleich und es kaum möglich ist, die Gründe namhaft zu machen, die eine der beiden Seiten vorübergehend oder dauerhaft die Oberhand gewinnen lassen.

Der Roman von Benedict Wells versucht nicht dieses Rätsel zu lösen. Das wäre größenwahnsinnig und sehr wahrscheinlich schlechte Literatur. Wells erzählt vielmehr von diesem Rätsel, er zeigt uns Menschen, die von diesem Rätsel umgetrieben werden und stellt es damit seinen Lesern in all seiner Unergründlichkeit vor Augen. Das ist ihm in seinem Roman auf beeindruckende, auf großartige Weise gelungen. Deshalb möchte ich ihm hiermit gleich zweifach gratulieren. Erstens natürlich, wie es sich für den Laudator gehört, zum Buchpreis 2016 der Stiftung Ravensburger Verlag, zweitens aber zu seinem lebensklugen Roman. Herzlichen Glückwunsch.

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 91: Barbara Vinken (Hg.) “Die Blumen der Mode”

Mein Gott, wie laufen Sie denn rum?

Heute: Über megamodisches Lesen und Trinken

"Die Blumen der Mode. Klassische und neue Texte zur Philosophie der Mode". Herausgegeben von Barbara Vinken. Klett-Cotta Verlag. 39,99 Euro

Mode ist unfassbar. Darin ähnelt sie der Kunst. Sie lässt sich nie definieren, sie ist These und Antithese zugleich.

Als die Welt noch mittelalterlich in Ordnung war, hatte jeder Beruf, jede Landschaft eine Tracht, die keiner ungestraft wechseln durfte. Mode wurde (fast) nicht gebraucht.

Sobald in modernen Zeiten die Grenzen zwischen Regionen, sozialen Schichten und neuerdings sogar Geschlechtern durchlässig werden, sich also alles irgendwie immer ähnlicher sieht, brauchen wir dringend Mode, um uns unterscheiden zu können. Sie soll unsere Individualität unterstreichen. Doch sobald wir den Vorbildern der Mode folgen, ist unsere Individualität sofort wieder dahin.

Herrlich verwirrend, nicht? Die Philosophie der Mode gibt manche Nuss zu knacken. Die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken hat jetzt die wichtigsten Texte zum Thema von Nietzsche bis Simone de Beauvoir, von Georg Simmel bis Sigmund Freud in einem supermodisch gestalteten Band zusammengetragen: „Die Blumen der Mode“ (Klett-Cotta, 49,95 Euro).

Auch die Barkultur kennt Moden, neuerdings z. B. den Cuisine-Style. Ein Trend, der dafür sorgt, dass man seltsame Flüssigkeiten oder Gemüse im Drink findet. Der Barchef der Züricher „Kronenhalle“, Peter Roth, mixt jetzt 4 cl Gin mit 1 cl Olivenöl (!), 6 cl Orangen-Passionsfrucht-Saft, 1 Kugel Zitronensorbet und zerstoßenem Eis zum Olio Nobile. Das ist Mode. Also runter damit.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 90: Wolfgang Kemp “Der Oligarch”

Der Wille zur Jacht

Heute: Über herrlich dekadentes Lesen und Trinken

Wolfgang Kemp: "Der Oligarch". Essay. zu Klampen Verlag. 18 Euro

Für jeden, der sich beruflich verändern und gern mal Oligarch werden möchte, hat Wolfgang Kemp das perfekte Lehrbuch geschrieben: „Der Oligarch“ (zu Klampen, 18 Euro). Der kluge Essay zählt penibel auf, was dazu unabdingbar ist: „Das sündig teure Penthouse in London, der Fußballclub, die extravagante Geliebte und die alle Rekorde brechende Abfindung für die Ex-Ehefrau.“ Hinzu kommt, ganz wichtig, eine gigantische Jacht mit James-Bond-reifen Gadgets: irre schnell, mit eigenem SWAT-Team, Helikopter und Mini-U-Boot, Panzerglas, Flugabwehrraketen. Toll.

Das alles wäre lustig, müsste Kemp nicht auf eine Faustregel hinweisen, die sich während der oligarchenproduzierenden Zeit der Privatisierung der Sowjetwirtschaft herauskristallisierte: pro 100.000 Dollar Gewinn 1 Toter. Allein 1994 wurden in Russland 36.000 Morde registriert. Bleibt als kleiner Trost, dass für einen Oligarchen hundsmiserabler Geschmack unerlässlich ist: Er muss in gold-, kristall- und marmorüberladenen Interiors dahinvegetieren, als wäre Donald Trump sein Innenarchitekt.

Für jeden, der so etwas mag, gibt es naturgemäß auch den passenden Cocktail: der Oligarch Caviar Martini. Man bereitet ihn zu wie jeder andere Martini auch, die übliche Olive wird allerdings durch einen Löffel Kaviar ersetzt. Ob das schmeckt? Keine Ahnung. Ich habe noch keinen Barkeeper gefunden, der bereit gewesen wäre, das zu mixen.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Sibylle Berg: „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“

Wer hat Angst vor Sibylle Berg?

Hier mein Erfahrungsbericht über ein Treffen mit Sibylle Berg und unser Gespräch über ihren Eheroman “Der Tag, als meine Frau einen Mann fand”, der jetzt als Taschenbuch erscheint. Der Roman ist eine recht grell geschilderte Dreiecksgeschichte, in der munter onaniert, gevögelt und vor allem verzweifelt wird. Sibylle Berg ist zweifellos eine Erfolgsautorin, die zur Selbstinszenierung neigt: Gern spielt sie die Domina der deutschen Literatur, dann wieder ein scheues Reh oder auch – als Mixtur aus beidem – das Kätzchen mit wildem Blick. Doch was steckt hinter diesem Maskenspiel? Ich weiß es natürlich auch nicht, aber wenn man Sibylle Bergs Bücher liest, lohnt es sich, darüber nachzudenken.

Sibylle Berg: "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand". Roman. dtv. 9,90 Euro

Sibylle Berg ist die Meisterin des Spotts, eine Virtuosin der Verachtung und des Zorns. Ihre Romane leben von Polemik, nicht von Poesie. Sie kultiviert einen kalten Blick auf Menschen und spaltet das Publikum damit zuverlässig in zwei Lager: zarte Gemüter, die erschauern vor der Wucht ihres Grimms, und in Abgebrühte, die ihren Furor genießen.

Wir sind in einem Café in Berlins Prenzlauer Bergverabredet: Trödlermöbel, gepflegte Stillosigkeit, Wohnküchenflair. Sibylle Bergbetritt den Raum, scheu wie ein Reh, das sich in der Mondnacht auf eine Lichtung vortastet. Dann kuschelt sie sich auf eins der Sperrmüllsofas, zieht noch die Füße hoch aufs Polster, schmiegt den Kopf an die Rückenlehne. Jetzt wirkt sie wie ein Kätzchen, das sich genussvoll auf ein Kissen drapiert. Wird sie gleich schnurren? Sie schnurrt nicht.

Schon als ich den Verlag ihres neuen Romans bat, das Treffen mit ihr zu arrangieren, hieß es, manche Journalisten hätten regelrecht Angst vor ihr. Doch Angst brauche man nicht zu haben. „Es ist schwer, gegen Kategorisierungen anzugehen“, sagt Sibylle Berg. „Am besten spart man sich die Mühe. Wenn Journalisten schreiben: Frau Bergist nett, die Bücher auch, wird das ja kein spannender Artikel. Also beschreiben sie mich als die Fachfrau des Bösen, Brutalen. Ist Literatur, die nicht brutal ist, interessant? Apropos – haben Sie jetzt Angst vor mir?“

Ihr neuer Roman heißt „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“. Er erzählt von einer vertrauten, um nicht zu sagen von einer steinalten Erfahrung: Die erste Leidenschaft der Liebe bleibt nicht lange frisch. Rasmus und Chloe sind in Sibylle Bergs Buch seit fast 20 Jahren ein Paar, von der Glut, die sie einst aneinanderschmiedete, ist nur noch Asche geblieben.

Sibylle Berg: "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand". Hardcover. Hanser Verlag. 19,90 Euro

Für romantische Illusionen lässt der Roman keinen Raum. Auf der ersten Seite lernen wir Rasmus beim Onanieren kennen und sehen zu, wie er sein Sperma tölpelhaft auf der Computertastatur verschmiert. Chloe masturbiert lieber unter der Dusche und ist froh, dass die beiden immer seltener miteinander schlafen, denn mehr als einen „kleinen Schmerz“ empfindet sie nicht dabei. „Ich hatte früher“, sagt Chloe, „nichts gegen Sex. Falls es rhetorisch korrekt ist, würde ich sagen, dass ich theoretisch gerne ficke. Aber nicht mit Rasmus.“

Doch trennen wollen oder können sich die beiden nicht. Zu tief stecken sie in ihren Gewohnheiten. Sie haben weder den Wunsch noch die Kraft, allein oder gemeinsam zu neuen Ufern aufzubrechen: „Schlafen, essen, ficken, kacken. Das ist es, bitte schön, worum es geht“, resümiert Rasmus.

„Kann es sein“, frage ich die malerisch ins Sofa geschmiegte Sibylle Berg, „dass Sie die Helden Ihres Romans nicht mögen?“

„Ist es für einen Roman nicht uninteressant, ob ich tiefe Gefühle für die von mir erdachten Menschen aufbringe? Die meisten Menschen, mich selbst eingeschlossen, rühren mich, weil sie an ihren zu großen Erwartungen ans Leben scheitern.“

Haben nicht alle Leute zu große Erwartungen ans Leben?

„Ich nicht.“ Sie schüttelt den Kopf. „Ich habe nur sehr kleine, niedliche Erwartungen.“

Sagt sie. Dabei könnte sie große Erwartungen haben. Sie ist gut im Geschäft, eine Erfolgsautorin: Auf ihrer Website (neuerdings komplett in Englisch) verzeichnet sie elf Bücher und 21 Theaterstücke, die zusammen in 26 Sprachen übersetzt worden sind. Ihr Stück „Und jetzt: die Welt!“ wurde vom Fachblatt „Theater heute“ zum Stück des Jahres 2014 gewählt. Seit jahren schreibt sie eine wöchentliche Kolumne für SPON. Und kürzlich erst stellte sie “Wundebare Jahre” zusammen, in dem sie ihre nicht immer originellen Reiseerfahrungen gewohnt flappsig und bissig zusammenstellt

Sibylle Berg: "Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten". Hanser Verlag. 18 Euro

Es geht ihr also besser als ihrem Helden Rasmus, denn der hat seine Karriere als Regisseur an die Wand gefahren. Zum ehelichen Elend kommt nun noch ein finanzielles. Doch nicht nur das: Chloe verliebt sich in einem schmuddeligen Tropenort in einen Masseur namens Benny. Er folgt ihr nach Europa, sie quartiert ihn in der gemeinsamen Wohnung ein, überlässt Rasmus das Schlafzimmer und zieht zu Benny auf die Couch. Mit ihm hat sie nun überall Sex: „Natürlich auf dem Ehebett, ein Wort, in dem Pflichterfüllung mitschwingt, natürlich in der Küche, während des Essens, im Bad selbstredend.“

Sibylle Bergs Augen stehen erstaunlich schräg. Man sieht das noch genauer, wenn man ihr auf Sofalänge gegenübersitzt. In Kitsch-Romanen würden sie wohl außerdem noch „mandelförmig“ genannt. Das verleiht ihr einen irritierenden, irgendwie schnittigen Blick. Sie unterstützt diese Wirkung nach Kräften mit den Tricks der Kosmetik. Sie scheint diese Wirkung zu genießen.

„Die liebenswerteste Figur ist wohl Benny“, sagt sie. „Er wird erst von Chloe, dann von Rasmus ausgenutzt. Aber bei Dreierbeziehungen bleibt meist einer auf der Strecke. Wir verraten noch nicht, wer das in meinem Roman ist.“

Früher einmal, in den angeblich guten alten Zeiten, in denen es schon als politische Protestform galt, wenn Männer lange Haare trugen, gab es noch das Wort vom „Bürgerschreck“. Sibylle Berggefällt sich in der Rolle eines literarischen Bürgerschrecks. Sie provoziert gern ein bisschen, sie redet oder schreibt gern ein bisschen zu schrill über Sex und benutzt ein bisschen zu häufig Worte, die feine ältere Damen für wenig salonfähig halten könnten

Sibylle Berg: "Vier Stücke. Helges Leben. Ein schönes Theaterstück /Wünsch Dir was! Broadwaytaugliches Musical /Schau, da geht die Sonne unter. Ein Spaß ab 40 /Das wird schon. Nie mehr Lieben. Reclam Verlag. 8,90 Euro

Das wirkt gelegentlich ein wenig pennälerhaft, zugegeben. Aber hinter dieser Attitüde, hinter diesem Markenzeichen macht sich fast immer noch etwas anderes bemerkbar: eine scharfe Verzweiflung darüber, wie brutal das Leben mit unseren Träumen und Idealen umspringt. Wie bitter es ist, dabei zuzuschauen, wenn die eigenen Leidenschaften verwehen. Wie die Zeit uns in einen gnadenlosen Abnutzungskampf zwingt, den wir nicht gewinnen können.

Zynismus, so soll der italienische Schauspieler Alberto Sordi einmal gesagt haben, entstünde, wenn ein heißes Gefühl zu kalt geduscht wird. Manche der galligen Spitzen, die Sibylle Bergin ihre Romane packt, sind billige Effekthascherei. Sie neigt zur Selbstinszenierung, mal als böse Domina der deutschen Literatur, mal als scheues Reh oder als Kätzchen mit wildem Blick. Doch wenn man genau hinschaut, entdeckt man hinter ihren diversen Masken ein heißes Herz unter einer zu kalten Dusche.

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 89: Hanna Diyāb “Von Aleppo nach Paris”

Ein Syrer beim Sonnenkönig

Heute: Über märchenhaftes Lesen und Trinken

Hanna Diyap: "Von Aleppo nach Paris". Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV. Übersetzung: Gennaro Ghirardelli. Andere Bibliothek. 42 Euro

Es war einmal eine Zeit, in der die Welt nicht vom Pulverfass Nahost, sondern vom Zauber des Orients sprach. Es war einmal eine Zeit, in der Aleppo blühte.

Vor rund 300 Jahren zum Beispiel sandte König Ludwig XIV. den Franzosen Paul Lucas aus, um im Orient Kunstschätze für zu kaufen. In Aleppo engagierte Lucas einen jungen christlichen Syrer namens Hanna Diyāb als Dolmetscher. Ihre Abenteuer führten sie über Zypern, Ägypten, Libyen, Tunesien und Italien  zurück nach Versailles, wo der König sie empfing. Diyāb hat später aufgeschrieben, was sie auf ihrer Reise erlebten „Von Aleppo nach Paris“ (Andere Bibliothek, 42 Euro). Schon allein Ludwig XIV. samt seinem Hofstaat mal durch die Augen eines unbekümmerten Arabers zu betrachten, ist ein köstliches Vergnügen.

Doch Diyāb brachte auch immaterielle Kunstschätze mit. In Europa erschienen zu seiner Zeit erstmals die „Märchen aus 1001 Nacht“. Sie waren damals noch lange nicht vollständig. Diyāb konnte dem Herausgeber in Paris 14 weitere Märchen seiner Heimat erzählen, darunter zwei der heute berühmtesten: „Ali Baba und die 40 Räuber“ und „Aladdin und die Wunderlampe“.

Ob Diyāb Urenkel heute noch in Aleppo leben, ist unbekannt. Wo immer sie sind und wer immer heute in dieser Stadt eingesperrt zu überleben versucht – ich trinke einen für diese Weltgegend typischen Arak Brun auf sie, einen Anisschnaps, der älter und stärker ist als der französische Pastis. Könnte vielleicht endlich mal jemand an seiner Wunderlampe reiben und auch in dieser Weltgegend das Märchen namens Frieden beginnen lassen?

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Christoph Ransmayr: “Cox oder Der Lauf der Zeit”

Kommt Qualität von quälen?

Christoph Ransmayr ist einer der Größten unserer Gegenwartsliteratur und wurde für seine Bücher vielstimmig gepriesen – und war doch lange gefangen in einer katastrophalen Depression. Jetzt hat er sich aus seinem selbst errichteten Kerker herausgeschrieben und präsentiert seinen neuen Meisterroman „Cox oder Der Lauf der Zeit“. Ich habe ihn in Wien besucht.

„Einige Monate“, antwortet Christoph Ransmayr.

Genauer gesagt: Ransmayr lässt diese Antwort auf meine Frage, wie lange er denn gearbeitet habe am ersten Satz seines neuen Romans, nebenbei einfließen irgendwo halb versteckt in seinen amüsanten kleinen Bericht über seine Suche nach dem Anfang, nach dem Tor, das mich ins Innere meines Romans führt“.

Einige Monate. Für einen Satz.

Christoph Ransmayr: "Cox oder Der Lauf der Zeit". Roman. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 22 Euro

Mit so etwas muss man rechnen bei Ransmayr. Er ist ein literarischer Perfektionist. Zeit spielt für ihn bei seiner Arbeit keine Rolle. Er „verschwindet“, sagt er, in seinen Geschichten. Er lebt in ihnen. Sie sind sein Zuhause. Warum also sollte er hetzen beim Schreiben, wenn doch die Geschichten seine eigentliche Heimat sind? Ransmayr ist der Beethoven der deutschen Gegenwartsliteratur, der jede seiner Arbeiten mit unbeirrbarer Kraft in Richtung Vollendung vorantreibt. Vier große Romane hat er so geschrieben in über 30 Jahren. Jetzt ist der fünfte fertig.

Cox heißt der Held der Geschichte, er ist Schöpfer der präzisesten und prächtigsten Uhren des 18. Jahrhunderts und folgt einer Einladung, die ihn aus England an den Hof von Peking führt: „Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Staatsbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ.“

Ein Auftakt-Akkord, den man so rasch nicht vergisst. Natürlich ist auch Cox ein Perfektionist und natürlich darf man Ransmayrs Roman über ihn getrost lesen als Geschichte über den Stolz, die Not und den Irrsinn eines jeden Künstlers, der seine Arbeit in Richtung Vollendung vorantreibt. Cox baut für den Kaiser eine Uhr, die dem Perpetuum Mobile, also einer physikalischen Unmöglichkeit, so nahe kommt, wie man ihm auf Erden nur nahe kommen kann. Und baut sich dabei zugleich selbst eine Falle, der er lebend zu entkommen nur noch wenig Aussicht hat.

Zeit spielt für Ransmayr bei seiner Arbeit keine Rolle, in seiner Arbeit aber ist die Zeit ein beherrschendes Thema: Wie nur wenige andere vermag er in seinen Romanen das langsame Versiegen der Zeit für den Wartenden zu beschwören, das Rasen der Zeit für den Geängstigten oder auch den Stillstand der Zeit in Sekunden des Glücks. Es muss also niemand überrascht sein, wenn er jetzt einen Uhrmacher zur Hauptfigur macht, der mit seinen hochartifiziellen  Chronographen sogar diesen Spielarten des subjektiven Zeiterlebens gerecht zu werden versucht.

Wir sitzen im Restaurant Schnattl in Wiens 8. Bezirk. Wirtin und Wirt begrüßen Ransmayr ebenso herzlich wie vertraut. Auf der Mittagskarte steht österreichische Küche, zwei Gänge, großartig gekocht, aber doch sehr günstig. Ich erinnere ihn an seinen ersten Roman, in der Polarforscher das allmähliche Einfrieren ihres Zeitgefühls oder an seinen zweiten Roman, in dem Seeleute das atemlose Voranstürmen der Zeit während eines Orkans erleben, und Ransmayr kann die entsprechenden Stellen aus dem Kopf seitenlang zitieren. Er arbeitet derart besessen an seinen Romanen, dass er auch Jahrzehnte später noch ganze Kapitel auswendig beherrscht.

Ein Leidenschaft, die für die Leser herrliche Folgen zeitigt: Ransmayrs Romane sind durchkomponiert wie Symphonien. In jedem Satz, in jedem Absatz spürt man Musikalität und Rhythmus.

Ein Leidenschaft, die für den Autor lange fürchterliche Folgen zeitigte: Er schrieb, feilte, änderte, verbesserte bis er, wie er erzählt, „in einem katastrophalen Ausmaß der Depression verfallen war“. Der jeweils nächste Roman wurde für ihn buchstäblich zur Existenzfrage: „Wenn es mir nicht gelang, diesen Roman in der Form zu schreiben, die ich mir vorgenommen hatte, dann wäre ich kein Schriftsteller. Und könnte ich kein Schriftseller sein, dann wollte ich gar nicht mehr sein, denn ich hatte keine anderen Pläne für mich.“

"Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr". Herausgegeben von Uwe Wittstock. Fischer Taschenbuch Verlag. 12,90 Euro

Das Schreiben nahm Züge der Selbstqual, der Selbstzerstörung an. Er schrieb nicht einfach nur den nächsten Absatz, was bei seinen Qualitätsansprüchen schwer genug ist. Nein, er schrieb jeden Absatz in bis zu zwanzig Versionen neu, um alle vorstellbaren Varianten zu erproben, und um sich gegen jede mögliche Kritik unangreifbar zu machen. Bis er begriff, dass der Wunsch unangreifbar zu sein, „keine Haltung ist, mit der man schreiben sollte, jedenfalls nicht, wenn man überleben möchte.“

Was ihm den Ausweg aus der selbstgemauerten Sackgasse gewiesen hat? Ransmayr nennt es: „Strampeln.“ Es gab keinen klar abgezirkelten Weg in die Freiheit, sondern nur verzweifelte Fluchtversuche in alle Richtungen: „Strampeln, eben.“ Heute kann er, wenn erst einmal ein makelloser Absatz auf dem Papier steht, zu sich selbst sagen: „Lass es gut sein“ – und muss nicht mehr zwanghaft dutzende von Varianten entwerfen.

Der Intensität seiner Geschichten, der Schönheit seiner Sprache hat das nicht geschadet. Im Gegenteil, vielleicht ist seine Prosa heute sogar noch etwas überraschender, leuchtender als zuvor. 2012 erschien, wie zum Zeichen, dass er erste tastende Schritte aus dem durch die eigenen Besessenheit errichteten Kerker machte, ein fabelhafter Band mit Reise-Erzählungen von ihm. Wenn er heute, nur vier Jahre später, einen neuen Roman beendet hat, so ist das nach seinen Maßstäben ein geradezu atemberaubendes Produktionstempo.

Cox, sein Romanheld, entpuppte sich dabei als unerwarteter Helfer. Denn, sagt Ransmayr, als wie nach dem Essen noch beim Kaffee sitzen, „es sind nicht nur die Autoren, die ihre Figuren verändern. Auch die Figuren verändern manchmal die Autoren.“ Und Cox, dieser Perfektionist, der selbst den Hinterhalt legt, in den er zu gehen droht, sei vor allem eines gewesen: die perfekte Mahnung.

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 88: Benjamin von Stuckrad-Barre “Nüchtern am Weltnichtrauchertag”

 Die Macht der Nacht mal sacht bedacht

Heute: Über ristkante Fragen beim Lesen und vor allem beim Trinken

Benjamin von Stuckrad-Barre: "Nüchtern am Weltnichtrauchertag". Kiepenheuer & Witsch. 8 Euro

Das Glück ist ein Rausch, schnurren uns die Life-Coaches ins Ohr. Das mag so sein. Sobald allerdings ein Tresen in Sicht kommt, stellt sich die Frage schnell andersherum: Ist der Rausch ein Glück? Riskantes Thema, die Antwort kann leicht gesundheitsschädlich ausfallen. Sagen wir mal so: Wenn man mit Freunden in einer Bar steht, die ersten Gläser geleert sind und der Abend allmählich Fahrt aufnimmt, dann, ja dann kriegt die Welt manchmal so einen kostbaren kleinen Extraschwung in Richtung Glücksgefühl.

Benjamin von Stuckrad-Barre ist ein intimer Kenner solcher Schwung-Momente und er besingt sie klug und kraftvoll in dem kleinen Buch „Nüchtern am Weltnichtrauchertag“ (Kiepenheuer & Witsch, 8 Euro). Aber er nimmt nicht mehr an ihnen teil. Denn er ist, schreibt er, seit Jahren trocken: „Wenn ich am Alkoholtrinken etwas immer verachtet habe, so ist es das sogenannte maßvolle Trinken. Vernünftig trinken wohl gar noch, Rausch ohne Reue? Amateure!“

Klingt irre heroisch. Und irgendwie so radikal. Boah. Darf sich aber keiner wundern, wenn diese Kamikaze-Haltung ihn pfeilschnell auf modrige Friedhöfe oder ist fade Entzugskliniken führt. Egal. Stuckrad-Barres Büchlein zeigt, dass er auch alkoholfrei jede Menge vorbildlich ausdestillierte Sätze aufs Papier bringt. Schon deshalb hebe ich aus der Ferne mit allem Respekt ein solidarisches Glas Mineralwasser und bringe den Toast aus: „Nüchtern bleiben!“

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.


Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 87: Thomas Gsella “Saukopf Natur”

Geht der Sommer, kommt der Kummer

Heute: Über die Gefahren der Natur beim Lesen und Trinken

Thomas Gsella: "Saukopf Natur". gedichte. Kunstmann Verlag. 16 Euro

Das Schlimmste, was regelmäßig über uns Deutsche hereinbricht, ist das Ende des Sommers. Okay, zugegeben, Kai Pflaume ist auch schlimm, kommt viel öfter und macht genauso melancholisch. Aber vom Fernsehen erwartet man nichts Besseres. Vom Wetter schon. Die herrlich hohen Himmel des Sommers! Die dünnen Hemden! Die kurzen Röcke! Die lauen Abende vor der Victoria Bar!

Da ist es wichtig, dass es Dichter gibt, die uns an Schattenseiten des Sommers erinnern. Thomas Gsella ist, wenn’s um komische Gedichte geht, der Stellvertreter Robert Gernhardts auf Erden. Über eine der Sommerplagen schreibt er im neuen Band „Saukopf Natur“ (Kunstmann, 16 Euro):

Am Abend fliegt die Mücke
Zu uns ins warme Licht
Und reißt die Nacht in Stücke,
Denn schlafen lässt sie nicht.
Sie weiß sie zu versauen.
Man kommt sich wehrlos vor.
Wir liegen wach und hauen
Uns fest auf Stirn und Ohr.

Damit hat er natürlich recht und auch mit seinem Zorn auf die Naturvernarrtheit der Deutschen: „Gibt es überhaupt Leiden, gibt es Sorgen und Nöte, für die die Natur nichts kann? Die Antwort lautet: Nö.“ Die Natur nimmt uns den Sommer und gibt uns Kai Pflaume. Anderes Beispiel: Sie gibt uns Wacholderbeeren, bitter, leicht giftig. Erst mit enormem, Natur überwindenden Intelligenz- und Arbeitsaufwand wird ein Gin daraus, den man am Sommerabend vor der Victoria Bar genießen kann. So wie den schottischen Old Raj etwa, blassgolden, mit Safran aus dem Iran, Koriander, Zimt, Nuss. Fabelhaft.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.


 

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Günter de Bruyn zum 90. Geburtstag

Die Familie war eine feste Burg

Günter de Bruyn wird heute 90 Jahre alt. Hier ein Gespräch mit ihm über seine Autobiographie “Zwischenbilanz”, die Vorstellung, das Gute im Übermaß könnte das Schlechte besiegen, Fotos, die unsere Erinnerung verändern und die Schrecken des Krieges, sowie seine Dankbarkeit für Karl May

Uwe Wittstock: Zu Beginn Ihres Buches Zwischenbilanz schildern Sie eine eindrucksvolle Szene: Sie erzählen von dem Film Emil und die Detektive, den sie als Kind gesehen haben. Gegen Ende des Filmes wird, wie es sich gehört, der Bösewicht von der Polizei verhaftet. Emil und seine kleinen Freunde helfen dabei. Sie schreiben über dieses happy end, daß Ihnen „das Bild der Kinderscharen, die sich um den Schuft mit Melone drängen, ihn am Fliehen hindern und damit zu beweisen scheinen, daß geballte Güte stärker sein kann als Gewalt“, dauerhaft im Gedächtnis geblieben ist. Hat diese Vorstellung – das Gute in Übermaß könne das Schlechte besiegen – Sie in Ihrer Jugend beherrscht?

Günter de Bruyn: "Zwischenbilanz". Fischer taschenbuch Verlag, 9,99 Euro

Günter de Bruyn: Ja, das schon. Aber diese Filmszene wird so erzählt, daß die Enttäuschung gleich mitgeliefert wird. Der Leser soll sich nicht die gleichen Illusionen machen wie ich damals. Richtig ist, daß ich der idealistischen Vorstellung lange angehangen habe, das geballte Gute werde schon irgendwie das Schlechte besiegen. Ich habe sie mir erst spät mühevoll abtrainiert. Ich habe die Erinnerung an diesen Kinobesuch auch deshalb ziemlich zu Anfang meiner Zwischenbilanz geschildert, weil das Buch natürlich den Reifeprozeß des jungen Menschen beschreiben soll, der ich einmal gewesen bin. Dieser naive Glaube an den Sieg des Guten wird dann später durch Lebenstatsachen korrigiert. Nebenbei: Die Szene im Kino endet damit, daß ich die Angst schildere, die ich als Kind hatte, aus dem schönen Traum zu erwachen, den mir der Film vermittelte. Offenbar hat auch das Kind, das ich war, zumindest geahnt, daß die Welt nicht so schön und gerecht ist wie dieser Film.
Wittstock: Manche Kapitel Ihres Buches erzählen Sie entlang der Fotos, die Sie noch aus der entsprechenden Epoche besitzen. Sie erklären, wie stark die Erinnerung geprägt ist durch die Fotografien, die wir kennen – auch wenn sich dieser Aspekt in Ihrem Buch nie vordrängt und Sie letztlich doch mehr den persönlichen Erinnerungen vertrauen als den Fotos. Werden unsere Erinnerungen durch unsere Fotos im Nachhinein verändert?
de Bruyn: Das glaube ich schon. An einer Stelle meines Buches erzähle ich, daß ich mir heute nicht mehr sicher bin, ob ich mich an etwas tatsächlich Erlebtes erinnere oder nur an eine Fotografie. Erst nachdem ich die Fotografie nach einiger Zeit wiedergesehen habe, wurde mir klar, daß meine Erinnerung so genau mit dem Foto übereinstimmt, daß ich mich wohl nur an die Fotografie von jenem Ereignis erinnere, nicht an das Ereignis selbst. Da hat sich wohl etwas geändert, seit es die Fotografie gibt: Vor ihrer Erfindung konnte man sich seiner Erinnerungen sicherer sein. Vielleicht ist das aber auch nur für meine Generation so. Möglicherweise gibt es diese Art von Täuschung heute nicht mehr so häufig, weil das Bild inzwischen eine viel alltäglichere Rolle spielt. In meiner Kindheit war die Fotografie noch etwas Neues und etwas Besonderes: In unserer Familie spielten die Familienfotos immer eine große Rolle, sie wurden bei allen Geselligkeiten gezeigt. Wir haben sie oft angeschaut und so haben sie sich stark eingeprägt. Das ist heute, wo fast jeder ein Fernsehgerät im Zimmer hat, wahrscheinlich nicht mehr so. Wenn Bilder in Massen vorhanden sind, ist die Bedeutung des einzelnen Bildes sicher nicht mehr so groß.

Wittstock: Ihre Zwischenbilanz verliert sich nicht in den Erinnerungen, sondern ist geordnet in knappe Kapitel, denen man dramaturgischen Schliff anmerkt. Sie erzählen oft sehr komplexe Geschichten in wenigen, ganz einfachen Sätzen. Wie haben Sie das gemacht?
de Bruyn: Die Schwierigkeit war für mich in erster Linie folgende: Ich wollte mein Leben so einfach wie möglich, daß heißt chronologisch erzählen. Aber im strengen Sinne ist das gar nicht möglich, weil sich oft viele Dinge nebeneinander entwickeln, die nichts mit einander zu tun haben. Das kennt jeder: Was man an einem bestimmten Tag in der Schule erlebt hat, muß nichts zu tun haben mit dem, was am gleichen Tag in der Familie passiert ist. Wenn man also tatsächlich streng chronologisch berichten würde, brächte man für den Leser alles durcheinander. Ich habe dann eine Möglichkeit gefunden, zwar ungefähr in chronologischer Reihenfolge zu erzählen, aber das Erlebte doch zu bestimmten Themenschwerpunkten zusammenzufassen. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, viel wegzulassen, was nicht unbedingt erzählenswert ist. Ich konnte so Schwerpunkte setzen und Spannungsbögen schlagen. Außerdem habe ich mich immer bemüht, neben meinem Leben die Zeit mitzuerzählen. Auch dadurch wird die Erinnerung gesiebt: Man achtet darauf, was wirklich bedeutsam ist, was ein Zeitbild geben kann. Damit entsteht natürlich wieder die Gefahr, daß man das Individuelle vergißt, oder daß man sogar die eigenen Erinnerungen verfälscht, damit sie zum Zeitbild passen. Da muß man aufpassen und eng an den Erinnerungen bleiben. Insofern war das immer eine Gratwanderung zwischen der rein persönlichen Erinnerung und dem Erinnern an das damalige Zeitgeschehen.

Günter de Bruyn: "Zwischenbilanz / Vierzig jahre / Das erzählte Ich". Buch im Leineneinband. S.Fischer Verlag. 49 Euro

Wittstock: Wenn man Zwischenbilanz liest, hat man den Eindruck, alle Jugendlichen waren damals in der sogenannten „bündischen Jugend“ organisiert. Das kann man sich heute kaum vorstellen. Uniformen und Aufmärsche sind heute geradezu abschreckend für Jugendliche.
de Bruyn: Die damalige Begeisterung für Jugendorganisationen ist heute schwer nachvollziehbar. Aber den großen Einfluß, den die Hitlerjugend auf die junge Generation hatte, kann man sich wohl nur erklären, wenn man bedenkt, welche Bedeutung die „bündische Jugend“ schon während der Weimarer Republik erreichte. Jede politische Richtung hatte ihre meist uniformierten Jugendbünde. Der Anpassungsdruck, der heute von der Popkultur ausgeübt wird, ging damals in dieser Richtung. Nur wenige konnten sich dem entziehen.
Wittstock: Waren die kirchlichen Jugendorganisationen so etwas wie eine Zuflucht vor den politischen Problemen in dieser Zeit?
de Bruyn: Das waren sie auf jeden Fall mit dem Beginn der Nazizeit. Aber damit ist die Frage nicht beantwortet, warum die „bündische Jugend“ vorher schon so wichtig und beliebt war. Das läßt sich nur historisch erklären. Die Jugendorganisationen entstanden um die Jahrhundertwende, als Ausbruch aus der damaligen Erwachsenenwelt. Die Jungen revoltierten gegen die Alten. Dann machten sich die Parteien diese Organisationen zunutze. Nach 1933 wurden dann vor allem die kirchlichen Organisationen tatsächlich zur Zuflucht für die, die nicht zu den Nazis wollten. Das war eine ähnliche Lage, wie sie später in der DDR wieder auftrat. Da war die Kirche auch in gewisser Weise ein ideologiefreier Raum. Dorthin zog man sich zurück, wenn man von der staatlichen Ideologie nichts wissen wollte.
Wittstock: Sie schreiben, daß Sie die Außenwelt schon vor der Machtübernahme Hitlers als feindlich und angsteinflößend empfanden und die Familie als behütenden Schutzraum. Woher kam das?
de Bruyn: Damals gab es viel mehr intakte Familien im traditionellen Sinn. Die Kinder wuchsen sehr behütet auf. Meine Familie war auch so ein behütendes Nest für die Kinder. Wer so aufwächst, schaut in jungen Jahren die Umwelt leicht etwas ängstlich an. Dann kam bei mir noch hinzu, daß meine Familie in Berlin lebte, aber katholisch war. Wir lebten also in der Diaspora. Ich wuchs mit dem Gefühl auf, daß alles außerhalb der Familie anders war als wir. Die Außenwelt war das Nicht-Katholische und damit Fremde – und also mit Angst verbunden. Hinzu kam selbstverständlich auch noch die Unsicherheit der politischen Zustände am Ende der Weimarer Republik.
Wittstock: Der regelmäßige Weg zur Kirche war also einer, der von den Spiel- und Klassenkameraden wegführte?
de Bruyn: Ja, das war so. Obwohl ich das damals als ganz natürlich empfand. Ich kannte ja nichts anderes. Aber wichtig ist auf jeden Fall, daß früher die Bindung der Kinder an die Familie viel stärker war, als sie das heute üblicherweise ist. Es gab damals für Kinder, bevor sie zur Schule kamen, fast keine Berührung mit der Welt außerhalb der Familie. Es war nicht üblich, die Kinder in Kindergärten zu schicken. Man war kinderreicher als heute, die Mutter war normalerweise zu Hause, und auch die entferntere Verwandtschaft spielte eine größere Rolle. Die Familie war noch so etwas wie eine feste Burg.

"Günter de Bruyn. Leben und Werk". herausgegeben von Uwe Wittstock. Fischer Taschenbuch Verlag

Wittstock: War die Literatur für Sie eine Zuflucht vor  Angstgefühlen? Würden Sie Ihre frühe Leidenschaft für die Literatur als eine Flucht vor der Wirklichkeit bezeichnen?
de Bruyn: Nein, das halte ich für einen Fehlschluß. Die Kämpfe, die bei ihm ausgefochten werden, sind welche zwischen Gut und Böse, bei denen das Gute immer siegt. Sie wecken nicht Kriegsbegeisterung, sondern Sinn für Gerechtigkeit. Ich habe Karl May in einer Zeit gelesen, in der Krieg und Militär die Ideale des deutschen Jungen zu sein hatten, und ich habe ihn immer als ein Gegner dieser Ideale empfunden. Seine Bücher vermitteln ein bestimmtes Gefühl von Freiheit, weil es immer Einzelne sind, die alle entscheidenden Dinge tun. Natürlich sind diese großen Einzelnen, Winnetou oder Old Shatterhand, auch Kämpfer, Krieger, aber das ist nicht das Entscheidende dabei. Es ist ein ausgeprägter Individualismus, der sich in den Karl May-Gestalten zeigt. Ich hab das damals, als ich Karl May las, als direkten Gegensatz zu der Gleichmacherei der Nationalsozialisten empfunden. Karl Mays Helden sind immer Einzelgänger, niemals Teil einer uniformen militärischen Masse, wie sie die Nazis verherrlicht haben.
Wittstock: Ihre Erinnerungen an die Kriegsjahre gehören zu den erschütterndsten Abschnitten Ihrer Zwischenbilanz. Sie lassen Ihr Erschrecken über Ihre Mitmenschen, vor allem über die männlichen Mitmenschen, die Soldaten erkennen. Was hat Sie damals am stärksten berührt?
de Bruyn: Ahnungslos wie ich war, entsetzten mich die seelischen Abgründe, die sich in besonderen Situationen plötzlich offenbarten. Ich sah, daß Leute, die gewöhnlich ein ganz normales Leben führen, sich als Soldaten sehr verändern können und einen Zug zur Grausamkeit entwickeln, der besonders dann aufbricht, wenn sie in Gruppen auftreten, in Männerbünden, wie zum Beispiel beim Militär. Normale vernünftige Leute werden hemmungslos brutal. Das habe ich als Kind erlebt und später als Soldat. Im Lazarett erlebte ich Männer, die sich zunächst als hilfsbereite Menschen zeigten, die mir von Frau und Kindern erzählten, und die dann plötzlich Erschießungen als besondere Höhepunkte ihres Lebens bezeichneten. Das war besonders erschreckend deshalb, weil ich das Gefühl hatte, diese Ausbrüche waren nicht an ideologische Schulung gebunden. Es ging hier vielmehr um seelische Abgründe, die immer wieder hervorgerufen und von politischen Kräften jederzeit ausgenutzt werden können.
Wittstock: Andererseits erzählen sie in Ihrem Buch, daß Sie in Ihrer Jugend dazu neigten, Frauen zu idealisieren. Ist das als Kehrseite Ihres Erschreckens vor den Abgründen der Männerseele zu verstehen?
de Bruyn: Das ist einmal die Kehrseite – aber nicht nur das. Diese Neigung, Frauen zu idealisieren, hat auch damit zu tun, daß ich in meiner Jugend keine Gelegenheit hatte, sie kennenzulernen. Wir sind damals fern von den Mädchen aufgewachsen. Meine Oberschule war und hieß Oberschule für Jungen. Dann sind wir früh kaserniert worden und bekamen Frauen überhaupt nicht zu Gesicht. Kein Wunder also, daß man dazu neigte, sie mit einem Heiligenschein zu versehen.
Wittstock: Die Schrecken des Krieges, die Sie als Soldat erlebten, werden in Ihrem Buch zurückhaltend geschildert. Es gibt einige Passagen, die genau und deutlich zeigen, was passiert ist. Aber Sie haben diese Szenen nie melodramatisch oder reißerisch ausgebaut. Welche Ereignisse oder Erlebnisse haben Sie ausgewählt für Ihr Buch, und nach welchen Kriterien?
de Bruyn: Jede Antwort auf diese Frage muß sich so anhören, als sei das alles bewußt gemacht. Das ist aber natürlich nicht so. Es ist in einem Kapitel des Buches davon die Rede, daß ich zu einer Zeit, in der es mir besonders schlecht ging – nach meiner Verwundung – ein großes Zutrauen ins Wort hatte, und daß ich mir vorstellte, man könne den Krieg genau so schildern, wie man ihn erlebte. Diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben. Ich bin in dieser Hinsicht bescheidener geworden. Ich weiß, selbst wenn ich das Ganze ausführlich beschreiben würde, könnte ich trotzdem niemals so ganz den Leser erreichen. Ich bin also sparsam umgegangen mit schockierenden Szenen. Vielleicht ist das sogar wirkungsvoller. Ich übergehe also manche Erlebnisse, weil ich das Gefühl habe, sie nicht adäquat wiedergeben zu können. Aber bis ins Letzte kalkuliert, ist das alles nicht.
Wittstock: In der Erinnerung arbeiten ja unbewußte Auswahlmechanismen. Bestimmte Erinnerungen werden intensiv gespeichert, andere werden weggedrängt. Sind sie bei der Arbeit an Ihrem Buch Ihrem Gedächtnis genauer auf die Spur gekommen?
de Bruyn: Problematisch ist das Verhältnis von Erinnerung und Wirklichkeit immer. Es gibt verdrängte Erinnerungen, die beim Schreiben wieder freigelegt werden, manchmal hatte ich aber auch den Eindruck, daß die Erinnerungsarbeit die Verdrängung noch vollständiger macht. Wonach man krampfhaft sucht, das entzieht sich erst recht. Auch gibt es Erinnerungen, die nebelhaft bleiben, und andere, die sich durch Dokumente aus der Vergangenheit als falsch erweisen. Die Zweifel an den Erinnerungen habe ich auch in meinem Buch anklingen lassen. Erinnerung ist nie ganz korrekt.
Wittstock: Die ersten Wochen nach Kriegsende, die Sie auf abenteuerlichen Rückwegen zu Ihrer Familie verbrachten, beschreiben sie als Tage der Anarchie und des freien Lebens. In dieser ersten Nachkriegszeit bekannten sich viele Menschen in Deutschland zu sozialistischen Ideen. Die bildeten dann einen Teil der Anhängerschaft der sich allmählich bildenden DDR. Sie begeisterten sich dagegen eher für die Idee, künftig ganz ohne Staat auszukommen und für einen betonten Individualismus. Warum das?
de Bruyn: Es ist falsch, wenn Sie von Ideen sprechen, zu dieser Zeit war das für mich eher eine Gefühlssache. Ich hatte nach dem Krieg Gelegenheit, in sozialistische Kreise hineinzukommen und war von der Form der wiederum einsetzenden Organisiertheit abgestoßen. Ich hatte in Zwangsorganisationen gelitten und wollte aus jedem uniformierten Denken heraus. Politisch war das nur in Ansätzen. Vorherrschend war eine Skepsis, die mich vor Vereinnahmung auf der Hut sein ließ.

Veröffentlicht unter Personen | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar