Buch&Bar 109: Michael Behrendt “I Don’t Like Mondays”

Verkannte Genies an der Gitarre

Heute: Über Das Vergnügen an Missverständnissen bei Lesen und Trinken

Michael Behrendt: "I Don't Like Mondays".Die 66 größten Songmissverständnisse. Theiss Verlag. 19,95 Euro

So ein Rocksong ist ja ganz allein und schutzlos auf der Welt, falls die Band, die ihn geschrieben hat, nicht tagtäglich auf ihn aufpasst. Und dann passieren die schrecklichsten Dinge mit ihm. Er wird missverstanden, missdeutet, missbraucht, miss … sonstwas.

Über die 66 größten Songmissverständnisse hat der Journalist Michael Behrendt jetzt das Buch „I Don’t Like Mondays“ geschrieben (Theiss, 19,95 Euro). Der Titel zum Beispiel zitiert einen Hit der Boomtown Rats, der gern als Nach-dem-Wochenende-Blues gedeutet wird, tatsächlich aber an ein kalifornisches Schulmassaker erinnert. Interessant ist auch, wie viele Leute beim Hören des Nena-Songs „99 Luftballons“ statt der Zeile „99 Kriegsminister, Streichholz und Benzinkanister“ glaubten, die Worte „99 Kriegsminister streichelten Benzinkanister“ zu verstehen. Die erstaunlichste Fantasie bewiesen jedoch die Reklame-Heinis, die mit Johnny Cashs Liebeslied „Ring Of Fire“ einen Werbespot für Hämorrhoiden-Salbe unterlegten.

Das unerschöpfliche Reservoir an Alkohol-Mischgetränken hält natürlich auch zu diesem Thema den richtigen Drink bereit. Der „Misunderstood Beer Cocktail“ wird gemixt aus je 3 ml Mezcal und Tequila, je 2 ml Ginger-Sirup und Limettensaft, 1 ml Honig und Gurkenstreifen, aufgefüllt mit Lagerbier. Probiert habe ich ihn noch nicht. Klingt, als wäre er erfrischend. Ich werde ihn im Sommer testen.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Willy Brandt und Günter Grass: “Der Briefwechsel“

Der Dichter und sein Kanzler

Vor zwei Jahren starb Günter Grass. Seit der “Bechtrommel” war er nicht nur ein Erzähler von Weltruhm, sondern entwickelte sich bald darauf auch zu einem jederzeit politisch engagierter Schriftsteller. Vielleicht ist es, wenn heute die politischen Debatten rapide an Heftigkeit und Dramatik zunehmen, nicht falsch, an den politisch denkenden Autor Grass und seine Freundschaft zu Willy Brandt zu erinnern. Der 2013 veröffentlichte Briefwechsel verrät viel darüber, wie nahe sich beide standen und welchen Einfluss Grass auf den Politiker und Bundeskanzler hatte.

Zwei Männer von Weltruhm, zweimal Tränen: 1966 besuchte Willy Brandt, der spätere Friedensnobelpreisträger, im Berliner Schillertheater das Theaterstück „Die Plebejer proben den Aufstand“ von Günter Grass. Danach schrieb er dem Autor, wie sehr ihn die Aufführung „aufgewühlt“ habe und dass er „mehr als einmal auch nahe am Heulen“ gewesen sei. Literatur war es, die den Politiker aus der Fassung brachte. 1974 dann, als Brandt wegen der Guillaume-Affäre vom Amt des Bundeskanzlers zurücktrat, weinte Grass, der spätere Literaturnobelpreisträger, wie ein Schlosshund. Politik war es, die dem Schriftsteller die Fassung raubte.

Willy Brandt und Günter Grass: "Der Briefwechsel“, Steidl Verlag, 49,80 Euro

Die acht Jahre zwischen beiden emotionalen Aufwallungen machen den Hauptteil des gewaltigen Briefwechsels zwischen Brandt und Grass aus. Gewaltig schon wegen seines Umfangs: Über 1200 Seiten hat der Band „Der Briefwechsel“. Gewaltig aber auch von seiner Bedeutung her: Seit Goethes Freundschaft mit Großherzog Karl August vor 200 Jahren gab es keinen deutschen Schriftsteller mehr, der so enge Beziehungen zu einem aktiven Machthaber pflegte wie Grass zu Brandt und einen so unmittelbaren Einfluss auf dessen Politik hatte.

Erstmals begegneten sich beide, als der Regierende Bürgermeister Brandt kurz nach dem Mauerbau einige Schriftsteller zum Gespräch ins Berliner Rathaus bat. Grass war zwar nicht eingeladen, ging aber trotzdem hin. Als Brandt die Autoren fragte, wer künftig bereit sei, ihm beim Überarbeiten seiner Reden zu helfen, meldete sich nur einer: ausgerechnet der damals als Anarchist und angeblicher Pornograf verschriene Grass. Der aber hielt Wort.

Schon bald ging es nicht mehr nur um Formulierungstipps. Grass kümmerte sich um Brandt wie ein Rede-Coach um seinen Klienten: Er korrigierte dessen Aussprache („verschwimmende Satzenden“) oder Vortragsrhythmus („stockend“). Schließlich begann er, konkrete politische Empfehlungen zu geben. So beschwor er Brandt 1966, auf keinen Fall in eine Große Koalition („falsche Harmonie“) einzutreten, und bittet, seine Argumente allen SPD-Abgeordneten vorzutragen: „Ich weiß, dass Herbert Wehner allzu rasch geneigt ist, im Andersdenkenden einen Neurotiker zu vermuten. Dennoch bitte ich Sie, diesen Brief der Fraktion zu verlesen. Nichts soll unversucht bleiben.“

Günter Grass: "Der politische Literat". 1 CD. Günter Grass im Originalton. Random House Audio. 10,95 Euro

Damit hat der Briefwechsel seine Tonlage gefunden: Grass häuft Vorschlag auf Vorschlag, wie die SPD und das Land zu führen seien, liefert Argumente für Wahlkämpfe oder berichtet von der Stimmungslage unter Intellektuellen. Brandts Antworten dagegen sind kurz und konzentriert, er bestreitet nur gefühlte zehn Prozent der Korrespondenz. Manche haarsträubende Idee des Schriftstellers übergeht er dabei mit diplomatischem Schweigen: So etwa, wenn Grass 1968 anregt, die SPD solle „einen Anteil ihrer Mitgliedsbeiträge Nord- und Südvietnam zur Verfügung“ stellen.

Anderes jedoch nimmt Brandt sehr ernst – und das zu Recht. Grass, mit dem sich Brandt ab 1968 duzt, ist in mancherlei Hinsicht erstaunlich hellsichtig. So warnt er schon 1970, noch bevor die RAF die ersten Banken überfällt, eindringlich vor den Gefahren des Terrors. Und erkennt bereits 1971 in Helmut Kohl („stärkster Eindruck“) das größte Talent der CDU: „Auf sympathisch anmutende Weise gab er bestimmt und ohne die in Bonn üblichen Ichwürdemeinen-Formulierungen Auskunft über seinen politischen Standort.“

Mehrfach fragt Grass an, ob Brandt ihn nicht mit politischen Aufträgen betrauen wolle: „Dir direkt unterstellt“, sei er gern bereit, „für eine Entwicklungspolitik zu arbeiten.“ Brandt reagiert sehr zurückhaltend, bietet ihm kaum mehr an als die „Eröffnung des Goethe-Instituts in Australien“ – wozu Grass keine Lust hat. Doch der Freundschaft beider Männer tut das keinen Abbruch.

Willy Brandt: "Ein Zeitbild in Originaltönen. Wir sind keine Erwählten, wir sind Gewählte." Verlag Antje Kunstmann. 12,99 Euro

Das Verhältnis von Grass zu Brandt wirkt tatsächlich wie das eines hochbegabten, aber rebellischen Sohnes zum verehrten Übervater. Was gelegentliche Anfälle von Größenwahn auf Seiten des Schriftstellers nicht ausschließt. Als Brandt erstmals Kanzler wird, gibt Grass detaillierte Hinweise, wie das Kabinett zusammenzustellen sei, und drängte ihn, keinesfalls „untaugliche Männer wie Egon Franke und Carlo Schmid“ zu berufen: „In dieser Stunde sollten wir uns jede Sentimentalität verbieten.“

Auch mit direkter Kritik hält sich Grass nicht zurück. Immer wieder verlangt er von Brandt einen „härteren Führungsanspruch“ innerhalb der Partei. Und wirft ihm vor, die falschen Mitarbeiter auszuwählen: “. . . möchte ich Dich darauf aufmerksam machen, dass die Muse der Personalpolitik Deine Nähe scheut.“ Ein höchst ahnungsvolles Urteil, wenn man bedenkt, woran Brandt als Kanzler schließlich scheiterte: an seinem persönlichen Referenten Günter Guillaume, der sich als Stasi-Spion entpuppte.

Indirekt hatte Grass vielleicht sogar Anteil an einer der berühmtesten politischen Gesten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Bevor Willy Brandt 1970 zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags nach Polen aufbrach, ermahnte ihn Grass, dieses außergewöhnliche Ereignis nicht mit der “üblichen Glätte und innerhalb des gewohnten Protokolls vonstatten“ gehen zu lassen. Möglicherweise war es dieser Rat, der Brandt auf die Idee zum Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos brachte – dem größten symbolpolitischen Erfolg in seiner Karriere.

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Buch&Bar 108: Philipp Blom “Die Welt aus den Angeln”

Die Philosophie, die aus der Kälte kam

Heute: Über den Fluch des schlechten Wetters beim Lesen und Trinken

Philipp Blom: "Die Welt aus den Angeln". Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart. Hanser Verlag. 24 Euro.

Übrigens: Das Mittelalter hatte gutes Wetter. Im Schnitt war es in Europa zwei bis drei Grad wärmer als heute, schreibt der Historiker Philipp Blom. Das hat die Leute fröhlich, aber auch ein wenig faul gemacht. Auf den Feldern wuchs und gedieh alles, warum sich also Sorgen machen?

Doch dann sanken die Temperaturen rapide um fast fünf Grad und damit ging dem Spätmittelalter der Hintern auf Grundeis: Missernten, Hungersnöte, Bauernaufstände. Plötzlich war, so Bloms Buchtitel, „Die Welt aus den Angeln“ (Hanser, 24 Euro). Und er zeigt, wie die Klimakrise die Gesellschaften förmlich umkrempelte, in Glaubenszweifel stürzte, zu Hexenjagden aufstachelte, aber auch Zuflucht suchen ließ bei mehr Wissenschaft, Technik, Aufklärung. Viel von dem, was heute unser modernes Denken ausmacht, ist unter den tiefen Schneedecken des endlos langen Winters von 1570 bis 1700 gesprossen.

Zugegeben, es ist ein bisschen merkwürdig, so ein frostiges Buch ausgerechnet jetzt zu lesen, wenn im Frühlingslicht die Krokusse blühen. Aber es lohnt sich, Blom ist ein saukluger Weltgeschichts-und-Witterungskenner. Ein paar warme Worte zum heutigen Klimawandel liefert er außerdem gleich mit. Nach denen kann man einen steifen Drink gut vertragen, zum Beispiel den Cocktail-Klassiker „Damn the Weather“ mit 3 cl Gin, 1,5 cl Orangensaft und je 1 cl süßen Wermuth und Triple Sec. Und Eis.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Buch&Bar 107: Hanns Zischler “Kafka geht ins Kino”

Als Franz Kafka mal bei Mona Lisa vorbeischauen wollte

Heute: Über die Lust am Kunstraub beim Lesen und Trinken

Hanns Zischler: "Kafka geht ins Kino". Galiani Verlag. 39,90 Euro

Früher war alles besser. Sogar das Kino war besser. Am 21. August 1911 wurde im Louvre die Mona Lisa gestohlen. Als der Tourist Franz Kafka am 8. September, nur 18 Tage später, nach Paris kam, zeigte ein Kino am Boulevard Montmatre bereits einen Verfilmung des Verbrechens als Komödie.

Daran sollte sich Hollywood heute mal ein Beispiel nehmen. Zugegeben, der Film war nur 10 Minuten lang und eher putzig als komisch. Aber mit den Augen Kafkas betrachtet, hatte er was: Der Louvre-Direktor kriegt die Nachricht morgens im Bett, gerät in Verdacht, selbst der Dieb zu sein, und wird verhaftet. Drei Jahre später begann Kafka seinen Roman „Der Prozess“ mit dem Satz: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Der Schauspieler Hanns Zischler hat nicht nur das wunderbare Buch „Kafka geht ins Kino“ (Galiani 39,90 Euro) geschrieben, sondern jetzt auf DVD noch sechs Filme hinzugefügt, die Kafka sah. Ich mochte sie alle und habe mir dazu einen Cocktail Mona Lisa gemixt mit 5 cl trockenem Martini, 2 cl Crème de Cacao, Maraschinokirsche, Eis und einem Hauch frisch geriebener Muskatnuss.

Der Louvre bekam seine Mona Lisa übrigens zwei Jahre später wieder zurück, als der Dieb das Bild in Italien für 500.000 Lire zu verkaufen versuchte. Er war sich ganz sicher, nie geschnappt zu werden, denn er hatte sich für den Verkauf den Decknamen Leonardo gegeben.

 

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Buch&Bar 106: Dagrun Hintze “Ballbesitz”

Der Intendant tanzte in der Nachspielzeit

Heute: Über den Rausch des Dionysos beim Lesen und Trinken

Dagrun Hintze: "Ballbesitz". Frauen, Männer und Fußball. Mairisch Verlag. 11 Euro

Wie nah sich Theater und Fußball sind, begriff ich 2013 beim Spiel Borussia Dortmund gegen FC Malaga. Ich sah es in einer verräucherten Berliner Kneipe. Sie liegt schräg gegenüber eines bundesweit gefeierten Theaters, das für diesen Abend eine fünf Stunden lange Premiere angesetzt hatte. Nach der ersten Halbzeit schlich der bundesweit gefeierte Intendant aus dem Theater zu uns rüber, sah die beiden legendären Tore in der Nachspielzeit, schrie, tanzte, umarmte Menschen, trank Bier, viel Bier, und schlich dann zurück, um die letzte Stunde seiner Inszenierung abzusitzen.

Die Theaterautorin Dagrun Hintze hat jetzt ein hinreißend kluges, witziges und schon von der Spielanlage her brillantes Fußballbuch geschrieben: „Ballbesitz“ (Mairisch Verlag, 11 Euro). Sie erinnert daran, dass die Dionysien, die frühesten Theaterfeste der Antike, dazu dienten, das Publikum in einen Rausch der Entgrenzung und Verbrüderung zu versetzen. Und stellt fest, „dass Fußball eine größere Nähe zu den Dionysien aufweist als die meisten Theateraufführungen, die ich besuche“. Das nenne ich eine Tatsachenentscheidung, da gibt’s nix zu reklamieren.

Dagrun Hintze hat ihr Herz an den BVB verloren. Also nehme ich ihr zu Ehren einen tiefen Schluck Brinkhoff’s No. 1 und singe laut, die Flasche in der einen erhobenen Hand, das Buch in der anderen: „Forza BVB – Schwarz und Gelb olé!“

 

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Buch&Bar 105: Jan Mohnhaupt “Der Zoo der anderen”

Die herrliche Ruhe der Elefanten beim Streit

Heute: Über langsame Kühe und andere Zoo-Skandale beim Lesen und Trinken

Jan Mohnhaupt: "Der Zoo der anderen". Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete. Hanser Verlag, 20 Euro

Es waren mal zwei kleine Zoodirektoren. Beide so um die 1,70 Meter. Und beide hatten ihren Zoo in der gleichen Stadt. Der eine in Ost-, der andere in West-Berlin. Glücklicherweise stand zwischen ihnen damals eine Mauer, denn leiden konnten sie sich nicht. Aber sobald sich einer etwas schickes Neues für seinen Zoo kaufen konnte, sagen wir: ein Hängebauchschwein, eine Warzenschnecke, ein paar Brüllaffen oder was sonst ein Zoodirektorenherz höher schlagen lässt, luden er den anderen zur Premiere ein, damit er vor Neid richtig schön blass wurde.

Die beiden hießen Klös und Dathe und Jan Mohnhaupt hat ihre sehr lustige, sehr lehrreiche Geschichte jetzt in „Der Zoo der anderen“ aufgeschrieben (Hanser, 20 Euro). Wenn man das Buch liest, wundert man sich, dass seinerzeit aus dem kalten Krieg nicht doch irgendwann mal ein heißer wurde. Als Klös (West) zum Beispiel sein Elefantengehege erweitert hatte, meinte Dathe (Ost) das Gehege sein schön, aber die Elefanten mickrig, woraufhin Klös ihn gegen einen der grauen Riesen schubste und Dathe munter zurückrempelte. Glücklicherweise erklärten sich die Elefanten für neutral und ließen die Menschen das unter sich ausmachen.

Zur Beruhigung habe ich mir nach dem Buch eine Dose „Slow Cow“ aufgemacht, das Gegenteil zu „Red Bull“: Mit Kamille, Baldrian und L-Theanin sorgt die Langsame Kuh für das, was damals auch Ost und West brauchten: für Entspannung.

 

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Buch&Bar 104: Marc Ritter / Tom Ising „Size matters“

Das Flüstern der Frau am Ohr des Mannes

Heute: Über die Gefahren der Größe beim Lesen und Trinken

Marc Ritter / Tom Ising: "Size matters". Das Buch über wahre Größe. Ecowin Verlag. 24 Euro

Okay, ich gebe zu, es ist ein heikles Thema. Aber wir müssen da jetzt durch. Wie wichtig ist Größe? Ich meine, wie wichtig ist sie wirklich? Weltweit flüstern verständnisvolle Frauen besorgten Männern zu: „Size doesn’t matter.“ Gut. Aber stimmt das tatsächlich?

Marc Ritter und Tom Ising trauen derart tröstenden Sirenenklängen nicht. Ihr Buch über wahre Größe heißt „Size matters“ (Ecowin, 24 Euro). Sie versammeln lauter Superlative: Der größte Baum der Welt ist ein Sequoia mit 115 Metern. Das höchste Haus der Welt wird nach Fertigstellung 2018 der Jedda Tower in Saudi-Arabien mit 1007 Metern sein. Die Stadt aller Städte ist Chongqing in Zentralchina: fast so groß wie Österreich und 31,8 Millionen Einwohnern. Politisch wird’s, sobald man nach den größten Tötungsrisiken fragt: 1,25 Millionen Menschen sterben jährlich bei Autounfällen, über 32.000 durch Terror, davon allerdings nur 0,5 Prozent in westlichen Ländern. Und die größte Müllansammlung ist ein Plastik-Strudel im Nordpazifik, der die vierfache Fläche Deutschlands einnimmt.

Auch jeder Bar-Besuch beweist, wie wichtig wahre Größe ist. Hier, in der Bar,  wird sie sogar zur Herrscherin über die Zeit. Wählt man beispielsweise einen Cocktail wie TGV – Tequila, Gin, Vodka zu gleichen Teilen – wird schlagartig klar: Je größer das Glas, desto kürzer der Abend. Ein rasend schneller Zug in Richtung Untergang.

 

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Buch&Bar 103: Matthias Debureaux „Die Kunst, andere mit seinen Reiseberichten zu langweilen“

Der Gentleman reist, genießt und schweigt

Heute: Über den Kampf um die Aufmerksamkeit beim Lesen und Trinken

Matthias Debureaux: "Die Kunst, andere mit seinen Reiseberichten zu langweilen". Übersetzung: Patricia Klobusiczky. Nagen & Kimche. 12 Euro

Es gibt Künste, die jeder  beherrscht. Wirklich jeder, ganz instinktiv. So zum Beispiel „Die Kunst, andere mit seinen Reiseberichten zu langweilen“. Der französische Journalist Matthias Debureaux hat jetzt trotzdem ein gleichnamiges Lehrbuch geschrieben (Nagel & Kimche, 12 Euro).

Warum hat er das getan? Ich habe keinen blassen Schimmer. Vielleicht war er scharf auf die zwölf Euro. Das Buch besteht aus 109 Seiten. Das ist fürchterlich lang, wenn man bedenkt, dass ein durchschnittlich begabtes Versuchsäffchen spätestens nach acht dieser Seiten begriffen hat, nach welchen immergleichen Muster der Text gestrickt ist: Debureaux hangelt sich von einem Ratschlag zu anderen, wie man möglichst klischeehaft, öde, selbstgefällig, und witzlos erzählt. Offenbar hält er das für komisch. Mir kam es ab der neunten Seite klischeehaft, öde, selbstgefällig und witzlos vor.

Mit Rücksicht auf meine zunehmende Schläfrigkeit habe ich beim Lesen vorsichtshalber auf jede Form von Alkohol verzichtet. Lieber griff ich zu dem Kinder-Klassiker Roy Rogers: Cola und Grenadin-Sirup im Verhältnis von 10:1, dazu einen Zitronen-Spalt und eine Maraschino-Kirsche. Mein Puls begann nicht gerade zu rasen, aber, immerhin, ich blieb wach. Danach habe ich nochmal das Gleiche gemixt, diesmal mit einem guten Schuss Rum. Als Trost. Nennt sich Rum’n’Roy. Ich hatte es nötig.

 

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Buch&Bar 102: Umberto Eco “Pape Satàn”

Der Bär, der keine Handys mochte

Heute: Über herrliche Brummigkeiten bei Lesen und Trinken

Umberto Eco: "Papa Satàn". Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen Übersetzung: Burkhard Kroeber. Hanser Verlag. 20 Euro

Umberto Eco war ein Schriftsteller und Professor von bärenhafter Gestalt. Doch manchmal verließ ihn seine bärenhafte Gutmütigkeit und er wurde brummig. Zum Beispiel als ihn Zuhörer bei einem Vortrag immerzu mit ihren Handy-Blitzlichtern blendeten. Sie sollten, sagte er, lieber zuhören, statt Bilder zu machen. Ihn permanent zu fotografieren wäre nur gerechtfertigt, wenn er nicht als Professor arbeitete, sondern als Stripper.

Einige seiner unzeitgemäßen Brummigkeiten hat er noch vor seinem Tod 2016 zusammengefasst in dem Band „Pape Satàn“ (Hanser, 20 Euro). Er habe, schreibt Eco, seinen Fotoapparat schon als junger Mann weggeschmissen, als er von einer Reise haufenweise Fotos mitbrachte, aber sich nicht mehr erinnern konnte, was er tatsächlich erlebt hatte. Die Unfähigkeit vieler Leute, den Blick wenigstens auf offener Straße mal vom Handy zu lösen, nennt er den „Wahnsinn“ einer Menschheit, die „nicht mehr die Umgebung betrachtet, nicht mehr über Leben und Tod nachdenkt, sondern wie besessen redet und redet, fast immer ohne etwas zu sagen“.

Ich weiß nicht, was Eco trank, wenn er mal in einer Bar saß und redete und redete. Nach einem guten Essen beim Italiener servierte man mir einen Grappa Orso Bruno. Orso heißt auf Italienisch Bär. Tatsächlich war der Drink bärenstark und höllisch gut und die Flasche so verbogen, als hätte ein Bär sie zu öffnen versucht.

 

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F.W.Bernstein alias Fritz Weigle zum Geburtstag

Der allerschärfste Kritiker der Elche

Um ein Haar hätte ich es verpasst. Aber F.W. Bernstein feiert heute Geburtstag, und zwar den 79. Eine gute Gelegenheit den Grandseigneur des Grotesken nach besten Kräften zu feiern. Hier meine Verbeugung vor dem Nonsens-Lyriker und Absurditäts-Dramatiker und Bildergeschichten-Zeichner und Gentleman und großartigen Künstler im komischen Fach:

Seine taufrischen Gedichte, gerade eben erst erschienen: F.W.Bernstein "Frische Gedichte" Kunstmnann Verlag. 18 Euro

Es gibt nur wenige, aber Fritz Weigle, genannt F.W. Bernstein, ist einer davon, einer von jenen freien Geistern, die soviel Talent, Verstand und Glück haben, dass sie sich nie in irgendein Schema fügen müssen und allen Zwängen die Zunge rausstrecken können. Der Zeichner, Karikaturist, Cartoonist, Dichter, Dramatiker Bernstein gehört zu den fabelhaft Vielfachbegabten der inzwischen legendären Neuen Frankfurter Schule.

Er hat einen entscheidenden Teil seiner Biografie im tänzelnden Gleichschritt mit Robert Gernhardt verbracht. Geboren in Göppingen, traf er Gernhardt 1956, studierte mit ihm in Stuttgart und Berlin, wurde im Doppelpack mit ihm 1964 als Redakteur für das Satiremagazin “Pardon” engagiert, veröffentlichte mit ihm den Lyrikband “Besternte Ernte” und dazu noch mit Gernhardt und F.K. Waechter die ebenso hochkomische wie fiktive Biografie “Die Wahrheit über Arnold Hau”.

Neben seiner künstlerischen Karriere verfolgte Bernstein, anders als das übrige Neue Frankfurter Schulpersonal, auch eine bürgerliche Laufbahn. Er begann Mitte der Sechzigerjahre als Kunsterzieher, schrieb über seine einschlägigen Erfahrungen “Die Lehrprobe”, einen satirischen “Report aus dem Klassenzimmer”, wechselte dann an die Pädagogische Hochschule in Göttingen, bevor er 1984 die deutschlandweit einzige Professur für Karikatur und Bildergeschichte an der Kunsthochschule in Berlin übernahm.

F.W.Bernstein / Robert Gernhardt: "Besternte Ernte". Fischer Taschenbuch Verlag. 7,95 Euro

Aber auch den Zwängen einer solchen akademischen Existenz entzog er sich schließlich wieder und gab sein Amt 1999 auf. Als Praktiker und Pädagoge eines Zeichnens, das auf die Lachlust zielt, ist es ihm gelungen, die Grundlagen dieser Kunst auf das nach ihm benannte Bernsteinsche “Gesetz von den drei großen G der Karikatur” zu bringen: “Gritik, Gomik und Graphik”. Entgangen ist ihm dabei allerdings ein vierter entscheidender G-Faktor, nämlich: Graft. Bernstein ist mit Stift, Kreide, Pinsel unermüdlich, arbeitet buchstäblich pausenlos, und hat allein oder in Zusammenarbeit mit anderen eine schier unübersehbare Zahl von Büchern herausgegeben oder illustriert. Vor allem “Bernsteins Buch der Zeichnerei”, ein, wie es im Untertitel heißt, “Lehr-, Lust-, Sach-, und Fach-Buch sondergleichen”, ist eine so umfassende wie inspirierende Einführung in die Geheimnisse der Karikatur.

Als Dichter ist Bernstein ein Meister der Nonsens-Lyrik. “Horch – ein Schrank geht durch die Nacht, / voll mit nassen Hemden … / den hab ich mir ausgedacht, um euch zu befremden.” Er ist ein Sprachjongleur, der die formalen Ansprüche der Gattung leichthändig erfüllt, auf deren hartnäckige Tendenz zur Sinnstiftung aber allemal mit der Freude an der Unsinnstiftung antwortet. “Erwin aus der Unterschicht / liebt die Oberklasse nicht. / Doch vom Chef die Tochter / sah er gern und mocht er.”

F.W.Bernstein: "Der Untergang Göttingens und andere Kunststücke in Wrt & Bld". Herausgegeben von Peter Köhler. Salzwerk Verlag. 15 Euro

Seinem poetischen Genie verdankt die Neue Frankfurter Schule nicht zuletzt ihren heute wohl bekanntesten und geflügeltsten Zweizeiler: “Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.”

Eine ganz eigene, schwer vergleichbare Form der Komik hat Bernstein mit seinen kurzen “Dramen in unordentlichem Zustand” für sich erobert. Sie versetzen den Leser in eine aberwitzige Welt, die irgendwo zwischen den literarischen Ländereien von Karl Valentin und Alfred Jarry angesiedelt ist. Ob da ein Städter mit Sehnsucht nach dem Landleben vor einem strengen bäurischen Prüfer eine Dialektprüfung ablegen muss, ob ein Starpianist namens Franz Liszt sich von einem Reporter nach seinen Geliebten befragen lassen muss oder ob ein Ministerialdirektor fröhlich die komplette Vernichtung Göttingens organisiert – die Stücke sind allesamt von betörend verwirrendem Witz.

Zum Ungewöhnlichen des Künstlers F.W. Bernstein gehört, dass er nicht nur von den Zwängen der literarischen Sinnstiftung oder des bürgerlichen Karriere-Ehrgeizes frei zu sein scheint, sondern auch von jenem Drang zum Ruhm, der so viele Künstler lebenslang quält. Anstatt von Kollegen, Kritikern oder Publikum mit der Besessenheit des Egozentrikers Anerkennung einzufordern, ist ihm die so menschenfreundliche Fähigkeit zur Bewunderung gegeben. Fast nie spricht er von der eigenen Arbeit, umso häufiger stimmt er Hymnen der Begeisterung und des Lobes auf andere an. Er ist ein Gentleman des Gags, ein Grandseigneur des Grotesken, der nichts so sehr genießt wie “die Lust, sich über die Wirklichkeit lustig zu machen.”

W.P. Fahrenberg (Hrsg.): "Meister der komischen Kunst: F.W.Bernstein". Kunstmann Verlag. 16 Euro

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