Buch&Bar 80: Susanne Mayer “Die Kunst, stilvoll älter zu werden”

Man ist so alt, wie man sich trinkt

Heute: Über sensationelle Abgänge beim Lesen und Trinken

Susanne Mayer: "Die Kunst, stilvoll älter zu werden. Erfahrungen aus der Vintage-Zone". Berlin Verlag, 20 Euro

Das zunehmende Alter macht den Körper nicht schöner, aber interessanter. Es wird super, super spannend, wenn man morgens nach dem Aufwachen checkt, wo es heute wehtut. Der eigene Körper als Abenteuerspielplatz: Man glaubt gar nicht, über wie viele Systeme er verfügt, die plötzlich versagen können und die man vorher gar nicht kannte. So bietet er ideale Weiterbildungschancen. „Lebenslanges lernen“ bekommt ganz neue Bedeutungsnuancen.

Als Mann hat man es mit dem Alter natürlich leichter als Frauen. Solange man nicht mit Trainingshose, Bierflasche und Feinrippunterhemd auf der Parkbank sitzt, gilt man als gut angezogen. Susanne Mayer beschreibt in „Die Kunst, stilvoll älter zu werden“ (Berlin, 20 Euro) wie viel schwieriger das für Frauen ist. All die Kleider, Cremes und Ayurveda-Kuren um die Formen zu wahren. Bewundernswert. Noch besser aber ist, was sie von der Fotografin Lisl Steiner erzählt, die schrill und grell und sehr laut keine Form wahrt, sondern mit 88 Jahren raustrompetet: „Ich werde jeden Tag primitiver.“

Fabelhaft. Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, wie der jung verstorbene Hamlet sagt. Und Alkohol ist, umfangreich eingesetzt, ein großartiges Mittel, beides nachdrücklich voranzutreiben, sowohl das Altern wie das Primitiverwerden. In Schottland trank ich jetzt einen zehn Jahre jungen Talisker Whisky. Ein kräftiger, rauchiger Single Malt mit gewaltigem, würzigen Abgang. Passt perfekt.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Buch&Bar 79: Nele Pollatschek “Das Unglück anderer Leute”

Die liebe Familie – und wie man sie loswird

Heute: Über das zutiefst Böse beim Lesen und Trinken

Das Beste an der Literatur ist, dass man sich als Schriftsteller jeden Wunsch erfüllen kann. Zwar nicht unbedingt in finanzieller Hinsicht, da sieht’s mau aus, dafür aber in der Fantasie. Umberto Eco sagte mal, in einer bestimmten Phase seines Lebens habe er unbedingt einen Mönch umbringen wollen. Also schrieb er „Der Name der Rose“, in dem Mönche reihenweise sterben, und konnte sich danach sogar finanziell jeden Wunsch erfüllen.

Nele Pollatschek: "Das Unglück anderer Leute". Roman. Galiani Verlag. 18,99 Euro

Die junge Autorin Nele Pollatschek überträgt das Prinzip auf das Genre des Familienromans in „Das Unglück anderer Leute“ (Galiani, 18,99 Euro). Ihre ebenfalls junge Heldin Thele fühlt sich vor allem von ihrer Mutter terrorisiert. Aber genau genommen geht ihr fast die gesamte Sippschaft auf die Nerven. Also wird einer nach dem anderen blutig abgeräumt. Schließlich sogar die Heldin selbst, was für den Leser sehr befriedigend ist, denn Thele ist eine selbstgerechte Schnepfe vor dem Herrn.

Naturgemäß promoviert die Autorin Pollatschek über das Problem des Bösen in der Literatur. Ich denke, es dürfte also ganz in ihrem Sinne sein, wenn ich mich nach ihrem Buch dem Cocktail „The Evil Sour one“ gewidmet habe. Er ist kinderleicht zu mixen: Halb Applejack (amerikanischer Apfelbranntwein), halb Martini rosso. Allerdings ist Applejack derart scharf, bissig und zutiefst böse zum Gaumen, dass ich ihn lieber durch einen guten französischen Calvados ersetze, den fruchtigen, fünf Jahre alten Lecompte zum Beispiel.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

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Axel Hacke “Die Tage, die ich mit Gott verbrachte”

Gespräche mit Gott am Glasmüll-Container

Vielleicht ist Axel Hacke einer der wenigen echten Volksschriftsteller, die unsere Literatur zurzeit hat. Seine Bücher werden nicht nur gelesen, sondern heftig geliebt. Heute erscheint sein neues Buch “Die Tage, die ich mit Gott verbrachte”: Eine überraschende Mixtur zwischen einer amüsante Großstadt-Abenteuerreise und einem philosophischen Spaziergang zu den zeitlosen Fragen nach Sinn und Ordnung des Daseins. Das Buch entwirft ein winziges mythologisches Welttheater. Ich traf Axel Hacke in München, um mit ihm über das Buch zu sprechen.

Mal eine ungewöhnliche Frage: Wie stellen Sie sich eine Begegnung mit Gott vor? Wolken, die sich auftun? Posaunenklang, im Hintergrund Himmels-Chöre, dann Auftritt: weiser Vater mit weißem Bart?

Axel Hacke: "Die Tage, die ich mit Gott verbrachte". Mit Bildern von Michael Sowa. Verlag Antje Kunstmann. 18 Euro

In Axel Hackes neuem Buch „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ läuft das so: Ein Mann sitzt arglos auf einer Friedhofsbank. Plötzlich steht ein älterer Herr im grauen Mantel vor ihm und schubst ihn unsanft von der Bank ins Gras. Verblüfft schaut der Mann vom Boden hoch und sieht, wie genau in diesem Augenblick ein großer Globus auf den Platz kracht, auf dem er Sekunden zuvor noch saß. Um ein Haar hätte ihn das Gewicht der Welt erschlagen. Eine leichtfertige Frau hatte den Globus beim Ehestreit aus dem Fenster ihrer Wohnung geworfen – und der ältere Herr im grauen Mantel verschwindet grußlos.

Der Friedhof, von dem sich Hacke zu dieser Szene inspirieren ließ, liegt im Münchner Glockenbachviertel. Es ist ein märchenhaft stiller, romantisch versunkener Ort. Die Bank gibt es nicht, die hat Hacke sich ausgedacht, aber als wir neben dem Haus stehen bleiben, aus dem im Buch der Globus fällt, tut sich im Erdgeschoss ein Fenster auf, und ein junger Mann schaut fragend: „Sind Sie nicht Axel Hacke?“ Und als Hacke nickt, sagt er: „Sehr schöne Kolumne diese Woche, wieder sehr schön.“

Zugegeben, eine Begegnung mit Gott ist das nicht, aber immerhin eine Begegnung mit gelebtem literarischem Ruhm.

Südlicher Friedhof bei Münchens Glückenbachviertel

Es gibt nicht viele Autoren wie Axel Hacke im deutschen Literaturbetrieb. Er ist ein großer Meister der kleinen Geschichten. Seine Kolumnen im „Magazin“ der „Süddeutschen Zeitung“ werden seit Jahrzehnten nicht nur gelesen, sondern geliebt, seine Bücher zu Hunderttausenden gekauft, Gesamtauflage vier Millionen, und seine Lesungsauftritte gelten als legendär, er geht regelmäßig auf Tournee und füllt große Säle. Man kann ihn einen veritablen Volksschriftsteller nennen – was vielleicht auch deshalb ein passender Titel für ihn ist, weil ihm bislang die meisten Kritiker, Akademien oder Literaturpreis-Jurys erstaunlich zugeknöpft begegnen.

Hacke wird gern in die Schublade der komischen Autoren gesteckt. Aber genau betrachtet ist diese Einteilung zu grob. „Ich bin kein Comedian“, darauf besteht Hacke, „ich will auch keiner sein. Ich freue mich, wenn die Leute in den Lesungen lachen, Komik hat etwas Befreiendes, das ist wichtig. Aber ich lese bei meinen Auftritten immer auch Geschichten, nach denen es sehr still wird im Saal.“

Anfangs war es die Politik, die ihn zum Schreiben brachte. Sein Vater, von dem im neuen Buch oft die Rede ist, war ein verschlossener Mensch, der kaum je Gefühle zeigte. Nur sonntags früh, wenn im Fernsehenbeim „Internationalen Frühschoppen“ mit Werner Höfer über politische Fragen und Skandale gestritten wurde, brachen Emotionen aus ihm heraus. „Plötzlich war Leben in seinem Gesicht“, erzählt Hacke. „Vielleicht habe ich unbewusst nur deshalb Politik studiert und Journalist werden wollen, um irgendwann beim ,Frühschoppen’ mitzudiskutieren und meinen Vater so lebendig zu machen, wie ich ihn gern gehabt hätte.“

Doch in Höfers Runde kam er nie. Er begann im Sportressort, wurde zu einer Skiweltmeisterschaft geschickt, bei der lauter Wettkämpfe wegen Schneemangels abgesagt werden mussten, und schrieb lange, sehr komische Reportagen über ausgefallene Rennen, verzweifelte Athleten, haareraufende Funktionäre.

Hacke entdeckte damit ein Talent, von dem er gar nicht wusste, dass er es besaß. Aber dieses Talent ist eben nicht allein komischer Natur. Seine Geschichten sind ebenso witzig wie fantastisch. Sie wurzeln in der Wirklichkeit, aber sie drängen blitzschnell über die Grenzen der Wirklichkeit hinaus. Und das ist gut so. Denn unser Bewusstsein wird nicht nur von Gedanken oder Gefühlen beherrscht, sondern kaum verborgen auch von uralten Mythen und magischen Bildern – und die versteht Hacke auf moderne Weise neu zu erzählen.

So tritt bei ihm ein sprechender Kühlschrank auf, ein babysittender Saurierund ein fingergroßer König, der immer weiter schrumpft. Oder es kommt – im neuen Buch – ein 25 Zentimeter kleiner Büro-Elefant vor, dazu gigantische Wespen und Schmetterlinge oder eine ganze Welt-gesellschaft, die nur aus 23jährigen Sekretärinnen besteht, die den ganzen Tag „Guten Tag, hier ist Firma Schnabelwelt, Sie sprechen mit Cordula Müller, was kann ich für Sie tun?“ sagen. Und außerdem eben auch: Gott persönlich.

Axel Hacke als Fotoobjekt auf dem Südlichen Friedhof, München

Das klingt skurril, entwickelt aber eine eigentümliche literarische Atmosphäre und Stimmigkeit. „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ ist ein doppelbödiges Buch: Man kann es sowohl als amüsante Abenteuerreise durch eine Großstadt lesen mit lauter Ausflügen ins Fantastische. Andererseits aber auch als philosophischen Spaziergang betrachten zu den zeitlosen Fragen nach Sinn und Ordnung des Daseins.Der alte, distinguierte Herr im grauen Mantel in Hackes Buch ist nicht der Gott der Christen oder anderer Religionen, sondern eher ein unglücklicher Künstler, der den Urknall angestoßen und damit unser Universum erschaffen hat, nun aber einsehen muss, wie viel ihm dabei – zumal auf Erden – missraten ist.

Der Held des Buches, der dem Autor Axel Hacke zum Verwechseln ähnlich sieht, begegnet Gott immer wieder im Glockenbachviertel. Mal steht Gott zum Beispiel am Glasmüll-Container und wirft eine leere Champagnerflasche nach der anderen hinein. Die beiden kommen ins Gespräch, wandern durch die Stadt, sprechen darüber, wie das Schlechte in die Welt kommt oder mit welcher Hartnäckigkeit die Menschen dem Sinnlosen einen Sinn zu geben versuchen, oder sie besuchen in einem alten Eisenbahn-Depot „Das Große Egal“, das Zentrum der Welt. Definitiv keine Comedy.

„In letzter Zeit“, sagt Hacke, „geschehen Dinge, die man nie für möglich gehalten hätte: Die EU ist in Gefahr auseinanderzubrechen, Nationalisten sind in fast allen Ländern Europas im Aufwind, ein Mann wie Donald Trumpist Präsidentschaftskandidat.“ Er sei nicht in der Stimmung gewesen für ein rundum heiteres Buch. Eher dafür, ein ganz grundsätzliches Thema aus sehr persönlicher Sicht anzugehen. Das konnte keine kurze, sondern musste eine für seine Verhältnisse ziemlich lange Geschichte werden, ein Langstrecken-Hacke. Denn wenn man endlich mal den trifft, der für alles, einfach alles verantwortlich ist, dann gibt es viel zu sagen.

Ein wenig erinnert das Buch an Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Es werden Traumwelten aufgeblättert und zugleich mit scheinbarer Naivität von den letzten und wichtigsten Dingen des Lebens gesprochen. Mehr als in diesem Buch hat Axel Hacke literarisch noch nie riskiert.

Als künstlerischen Begleiter auf dieser philosophischen Wanderschaft hat er sich wieder einmal den MalerMichael Sowa ausgesucht, mit dem er schon viele Bücher gemacht hat. Der Berliner Sowa ist einer der großen komischen Künstler Deutschlands. Von ihm stammen einige klassische Gemälde dieses Genres, die längst wie Sketche von Loriot zur Grundausstattung des deutschen Alltagsbewusstseins gehören: das daumengroße glückliche Schwein, das sich in einem Teller Suppe wälzt, das Schwein beim rasanten Kopfsprung in einen nächtlichen Waldsee oder der riesige, dämonische Osterhase, der österlichen Eiersammlern auflauert.

Doch auch für Sowa war dieses Buch offenbar etwas Besonderes. Auch er entwirft Bilder von seltsamer, träumerischer Magie, die über reine Illustrationen weit hinausgehen. Er platziert sie exakt auf die Grenze zwischen Komik und Ernst, Fantastik und Realismus.

Der Witz ist Axel Hacke bei dem kammerspielartigen Welttheater, das er hier ersonnen hat, nicht ausgegangen. Es gibt ein paar saustarke Pointen in dieser Geschichte. Aber alles in allem ist es eine Art moderne Mythologie. Wenn Hacke bei künftigen Auftritten daraus vorliest, wird es wieder mal still werden im Saal. Und genau so hat er es immer gewollt.

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“Volltext”-Fragebogen zu Literaturkritik

In Sarrazins Gästesessel an Schiller denken

Die Literaturzeitschrift “Volltext” schickte mir ihren Fragebogen zu zum “Geschäft der Literaturkritik heute”. Ich habe ihn ausgefüllt, “Volltext” hat ihn gedruckt, hier ist er nun online.

Was sehen Sie als die primäre Aufgabe der Literaturkritik heute?
Lassen Sie mich mit einer Geschichte antworten: Kürzlich veröffentlichte Thilo Sarrazin ein neues Buch, und ich bekam Gelegenheit ihn zu besuchen, um ein Porträt über ihn zu schreiben. (http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1760)

Volltext Heft 2/2016

Auch wenn man Sarrazin nicht mag, muss man zugeben dass er ein belesener Mann ist. Überall im Haus wachsen Bücherregale die Wände hoch voller Literatur: Klassiker, Romane, Erzählungen. Wir sprachen über einige Autoren, wir waren nicht immer einer Meinung, aber seine literarischen Ansichten waren durchdacht und kompetent.
Dann sprachen wir über sein Buch, darüber, dass er nicht die geringste Verpflichtung dazu sieht, Flüchtlingen aus anderen Ländern in Deutschland Zuflucht zu gewähren, und mehr noch: dass er es offenkundig noch nicht einmal bedauert, Notleidende abzuweisen.
Aber wofür, fragte ich mich in Sarrazins Gästesessel, wofür all diese endlosen Bücherwände, all dieser literarische Bildungseifer, wenn dabei nichts anderes herauskommt als rhetorisch glänzend verpackte Mitleidlosigkeit? In gewisser Hinsicht erinnert Sarrazin an Alexander Gauland, den Vizechef der AfD: Auch der ein hochkultivierter, hochbelesener Konservativer mit dem moralischen Verantwortungsgefühl eines Kleiderbügels.
Einer der deutschen Klassiker, auf die sich Sarrazin und Gauland so gern berufen, hieß Friedrich Schiller. Er glaubte fest an die „ästhetische Erziehung des Menschen“, also daran, dass Kunst und Bildung die Leute nicht nur zu klugen, sondern auch zu guten, zu mitfühlenden, Anteil nehmenden Zeitgenossen machen.
Ende der Geschichte.
Was betrachte ich als die primäre Aufgabe der Literaturkritik? Schön wäre es, wenn Literaturkritik dazu beiträgt, dass Literatur diese besondere Fähigkeit entfalten kann, die Schiller an ihr zu entdecken glaubte. Tatsächlich hat die Literatur die ungewöhnliche Fähigkeit, Menschen zur Einfühlung in andere Menschen zu verführen, sie an den seelischen Vorgängen Fremder teilhaben zu lassen. Ob das ausreicht, sie zu mitfühlenden, Anteil nehmenden Zeitgenossen zu machen, wie Schiller hoffte? Ich weiß es nicht, der Besuch bei Sarrazin war ein ernüchterndes Erlebnis.

Was sind die größten Herausforderungen/Probleme für die Kritik heute?
Literatur spielte mal als gesellschaftliches Leitmedium eine große Rolle. Heute bietet es kaum noch gesellschaftliche Vorteile, Literatur zu lesen. Unter diesen Bedingungen die Aufmerksamkeit für Literatur zu erhalten, Kommunikation über Literatur herzustellen, Leser für sie zu gewinnen, zählt für mich zu den großen Herausforderungen heute. Zu den Problemen zählen sicher die schlechten Arbeitsbedingungen: Wenig Platz in Zeitungen oder Sendeanstalten, geringe Honorare für Kritiker.

Spielen literaturwissenschaftliche Theorien eine Rolle für Ihre Tätigkeit als Kritiker?
Ja, klar. Im Idealfall verfügt der Kritiker über jede literaturwissenschaftliche oder sonstige theoretische Kompetenz, die dabei hilft, das jeweilige Buch möglichst angemessen zu beurteilen und dem Leser vorzustellen. Allerdings: Es gibt nur Annäherungen an den Idealfall, erreicht wird er nie.

Welche LiteraturkritikerInnen schätzen Sie am meisten? Für welche Qualitäten?
Marcel Reich-Ranicki. Er war (und ist) der temperamentvollste und wirkmächtigste deutsche Kritiker. Hans Magnus Enzensberger ist wahrscheinlich einer der klügsten. Ulrich Weinzierl ist ein Freund, den ich für seine schier endlosen Kenntnisse und seinen eleganten Witz schätze. Volker Weidermann für seine rhetorische Verve. Christine Westermann für ihre Menschlichkeit. Volker Hage und Ulrich Greiner für ihre Genauigkeit und Kompetenz.

Wie viele Bücher muss ein Kritiker gelesen haben, um kompetent urteilen zu können? Wie viele haben Sie gelesen?
Ich habe keinen blassen Schimmer. Der Erwerb literaturkritischer Fähigkeiten steht, gebe ich zu bedenken, vermutlich nicht in direkter Relation zu Lektürequantitäten.

Wie viele Neuerscheinungen lesen Sie pro Jahr?
Im Durchschnitt eine pro Woche. In letzter Zeit mehr, da ich eine wöchentliche Kolumne füttern muss. Viele andere Bücher fange ich nur zu lesen an und höre auf, sobald ich merke, dass sie mich nicht interessieren.

Welche AutorInnen haben Ihnen mit 15 gefallen, welche schätzen Sie heute?
Reich-Ranicki hat es geliebt, solche Listen zusammenzustellen. Ich mag es nicht.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Sobald die Zeit es zulässt, greife ich auf Klassiker zurück. Das hilft, die literaturkritischen Maßstäbe zurechtzurücken. Es ist immer wieder ein Vergnügen zu sehen, was echte Meister auf dem Papier zustande gebracht haben.

Haben Sie in Ihrer Laufbahn als Kritiker je ein Urteil grundlegend revidieren müssen?
Sobald ich in die Verlegenheit komme, alte Kritiken von mir zu lesen, werde ich skeptisch. Waren die Bücher wirklich so gut/so schlecht, wie ich damals geschrieben habe? Ich denke, Skepsis ist immer eine gute Haltung beim Lesen von Kritiken, auch der eigenen. Aber „grundlegend revidieren“ musste ich bislang keine – vielleicht deshalb, weil die Anlässe, die dazu zwingen, eine Kritik nach Jahren noch einmal eingehend zu überprüfen, selten sind.

Uwe Wittstock, geboren 1955 in Leipzig, war Literaturkritiker bei der FAZ und der Welt und ist gegenwärtig Literatur-Redakteur des Nachrichtenmagazins Focus.

Quelle: VOLLTEXT 2/2016

Online seit: 8. September 2016

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Buch&Bar 78: Greg Palast “Gern geschehen, Mr. President”

Die hohe Kunst, die Wähler einfach abzuschaffen

Heute: Über tiefe Ernüchterung beim Lesen und Trinken

Greg Palast: "Gern geschehen, Mr. President! Wie man die US-Wahl manipuliert in 10 einfachen Schritten". Illustration: Ted Rall. Übersetzung: Andreas Simon dos Santos. Verlag Haffmans & Tolkemitt. 14,95 Euro

Zu den plattesten Plattitüden gehört der Satz, Politik sei ein schmutziges Geschäft. Und falsch ist er außerdem: Politik ist nämlich vielmehr ein sauschmutziges Geschäft.

Passend zum Wahlkampf in Amerika, legt der Reporter Greg Palast jetzt seine Beweise für die Manipulation von US-Wahlen vor: „Gern geschehen, Mr. President!“ (Haffmans & Tolkemitt, 14,95 Euro). Mit allerlei Tricks werden Millionen Wähler aus den Wahlverzeichnissen gestrichen oder ihre Stimmen für ungültig erklärt, weil sie  als Latinos, Schwarze oder Immigranten traditionell mehrheitlich Kandidaten der Demokraten wählen. Bei der Wahl, die George W. Bush im Jahr 2000 nach endlosen Querelen gegen Al Gore für sich entschied, sollen auf diese Weise über vier Millionen Stimmen für ungültig erklärt worden sein, schreibt Palast. Donald Trump hat im gegenwärtigen Wahlkampf mit dem Satz „Es gibt Leute, die wählen viele, viele Male!“ bereits das Argument vorgegeben, mit dem angebliche Mehrfachwähler heimlich um ihre Stimme gebracht werden sollen.

Aber weshalb geht die Demokratische Partei gegen diesen Bertrug nicht vor? Weil sie, zeigt Palast, bei Wählerschichten, die den Republikanern zugerechnet werden, das Gleiche betreibt, wenn auch in geringerem Umfang. Ein zutiefst ernüchterndes Buch.

Apropos nüchtern. Im Rahmen der Buch-&-Bar-Kolumne wären hier natürlich Ratschläge fällig, um diesem Zustand abzuhelfen. Mir scheint das aber in diesem Fall fehl am Platz. Die Demokratie gerät auch in Old Europe mehr und mehr in Gefahr. Um sie zu bewahren, werden wir alle einen klaren Kopf brauchen. Der empfohlene Drink deshalb: kühles, reines Mineralwasser.

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Paul Murray: “Der gute Banker”

Die böse, bissige, burleske Euro-Komödie

Die europäische Finanzkrise hat Stoff für Tausende von Tragödien geliefert. Der irische Schriftsteller Paul Murray hat sie einen ebenso klugen wie komischen Roman verwandelt: “Der gute Banker”. Ich traf Murray in Dublin in einem der berühmtesten Pubs der Stadt und sprach mit ihm über seinen Roman.

John Mulligan's, Dublin

Sie haben Irland verkauft“, sagt Paul Murray, „das ganze Land. Gleich zweimal.“ Wir stehen im „Mulligan’s“, einem der berühmten Pubs von Dublin. Aber Murray ist stocknüchtern, er hat weder Guinness noch Whiskey getrunken, nur Kaffee. Er schreit, flucht oder schimpft nicht, sondern redet ruhig und sachlich, und vieles spricht dafür, dass Murray Recht hat: „Sie haben Irland verkauft.“

„Mulligan’s“ liegt nicht in Dublins Touristenviertel Temple Bar, sondern in einer schäbigen, DDRgrauen Nebenstraße, die tatsächlich so aussieht, als wäre das Land zum Dumpingpreis zu haben. „Mulligan’s“ ist älter als die Französische Revolution. Generationen irischer Schriftsteller und Journalisten haben hier getrunken, geraucht und schwadroniert. Die Redaktionen lagen gleich um die Ecke. James Joyce soll hier Notizen für „Ulysses“ gemacht haben, Nobelpreisträger Seamus Heaney für seine Gedichte.

Mulligan's at 8 Poolbeg Street, Dublin

Doch die Geschichte, die Murray in seinem Roman „Der gute Banker“ erzählt, klingt noch fantastischer, noch extremer als die seiner Vorgänger. Dabei hat Murray sie nicht frei herbeifabuliert, sondern nach dem realen Vorbild der Bankenkrise in Irland entworfen, deren Ausmaß in Europa einmalig ist: „Es gab allerdings ein Problem. Manche Leute, die damals am Ruder waren, benahmen sich so bizarr, so übel, dass sie selbst als Romanfiguren unglaubwürdig wirken. Ich musste sie harmloser schildern, als sie wirklich waren, damit die Leser sie mir abnehmen.“

Aber das Buch ist nicht nur in vielen seiner Eckdaten wahr, es ist zugleich auch voller Witz. Murray hat das erstaunliche Kunststück vollbracht, aus der Krise eine Komödie zu machen.

Sein Held ist Claude, ein schüchterner Franzose, der in Dublin für eine fiktive Investmentbank arbeitet. Er lernt den irischen Schriftsteller Paul kennen, der sich bei ihm einschmeichelt und vorgibt, über ihn als Jedermann der globalisierten Finanzwelt einen Roman schreiben zu wollen. Bald stellt sich aber heraus, dass Paul als Autor längst gescheitert ist und in Wahrheit den Safe von Claudes Bank ausräumen will. Bis Claude ihm klarmacht, dass es in einer Investmentbank gar keinen Safe gibt.

Paul Murray: "Der gute Banker". Roman. Übersetzung: Wolfgang Müller. Kunstmann Verlag, 25 Euro

Woraufhin Paul sich nach anderen Erwerbsquellen umschaut, vom Geschäft mit hanebüchenen Websites bis zum Kunstraub – und Claude jedes Mal in seine Wahnsinnsprojekte verstrickt. Bis es Claude endlich gelingt, ihn wieder an den Schreibtisch zurückzubugsieren, eine neue Romanidee vor Augen.

Parallel zu diesen kleinkriminellen Abenteuern erlebt Claude einen großkriminellen Banken-Thriller von historischem Ausmaß. Im Spätsommer 2008 geriet die Anglo Irish Bank – in Murrays Roman heißt sie Royal Irish – ins Trudeln, nachdem sie jahrelang völlig verantwortungslos Immobilienkredite unters Volk gebracht hatte.

Manager der Bank spiegelten der irischen Regierung durch haarsträubende Manipulationen vor, ihr Haus sei systemrelevant und mit einer Finanzspritze von sieben Milliarden Euro zu retten. Am Ende kostete es die irischen Steuerzahler jedoch über 30 Milliarden, rund ein Siebtel des gesamten Bruttoinlandsprodukts, was das kleine Land fast im Alleingang in den Ruin trieb.

Trotzdem wurden die Verantwortlichen Jahre später nur zu lächerlich geringen Haft- oder Bewährungsstrafen zwischen zwei und dreieinhalb Jahren verurteilt, wenn nicht gar freigesprochen. Denn die Richter stellten fest, die Kontrollen der irischen Bankenaufsicht seien in jenen Jahren so miserabel und unfähig gewesen, dass es nicht möglich sei, den Managern die Schuld für die Bankenpleite allein zuzurechnen.

„Sie müssen das verstehen“, sagt Murray, „Irland war immer arm: wenig Bodenschätze, keine Industrie, schlechtes Farmland. Als der Bankenboom in den 90er-Jahren begann, sah Irland seine Chance gekommen und wollte einen Teil vom Kuchen abhaben.“ Das Land liberalisierte das Finanzgeschäft radikal, bis es nahezu keine Kontrollen mehr gab. Heute gilt Irland als Offshore-Steuerparadies, in dem sich aus guten Gründen die Hälfte der 50 Top-Banken und die Hälfte der 20 Top-Versicherungen der Welt niedergelassen haben.

Mulligan's Pub

„Damit wurde“, so Murray, „das Land symbolisch zum ersten Mal verkauft. An die Hedgefonds, an die Investmentbanken, die hier tun können, was sie wollen. Und sie tun es, glauben Sie mir.“ Im Jahr 2015 zum Beispiel explodierte das Bruttoinlandsprodukt Irlands plötzlich um astronomische 26,3 Prozent. Deutschland verzeichnete im gleichen Jahr 1,7 Prozent. Wegen der niedrigen Unternehmenssteuer verlegen multinationale Unternehmen ihren Sitz rechtlich nach Irland, „auch wenn sie nur ein Firmenschild an die Tür eines leeren Büros kleben“.

Für die Iren springt dabei nahezu nichts heraus. „Im Gegenteil, sie werden oft noch ärmer“, sagt Murray. „Jetzt wird das Land zum zweiten Mal verkauft, und diesmal buchstäblich. Hausbesitzer, die ihre Kreditenicht bezahlen können, fliegen raus, und ihre Grundstücke gehen an ausländische Investoren.“

Das ist der Stoff für Tausende von Tragödien. Doch nach bewährter irischer Tradition hat Paul Murray ihn in eine böse, bissige, burleske Komödie verwandelt. Ein Buch voller überraschender Wendungen, Spott und lebenskluger Ironie. Die Iren waren, sagt er, über Jahrhunderte ein kolonisiertes Volk, erst 1922 konnten sie ihre Freiheit von den Briten erkämpfen. Vielleicht sind die Banken Irlands neue Kolonialherren. Und die in Grund und Boden zu lachen gehört zu den ältesten irischen Überlebensstrategien.

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Martin Mosebach: “Mogador”

In der Stadt der Dämonen

Martin Mosebach erlebt für seine Romane ebenso hohe Anerkennung wie rabiate Anfeindungen. Er ist notorisch umstritten, schon weil er sich selbst gern einen Reaktionär nennen. Daran wird sich auch mit seinem neuen Roman “Mogador” nichts ändern: Es geht darin um einen Bankmanager auf der Flucht, eine Bordellmutter mit besten Kontakten zum Jenseits und die alte Frage nach dem Glück. Ich traf Mosebach in München und habe mich mit über sowohl über das Glück, als auch über „Mogador“ unterhalten

“Das Glück?“

Martin Mosebach sitzt am Café-Tisch in der Sonne, die sich in diesem Sommer nur so selten zeigt. Der Himmel über Münchens Englischem Garten ist bayerisch blau mit zart hingetupften Schäfchenwolken, Vögel zwitschern, Kinder lachen. Ein guter Augenblick, um mit Mosebach über Glück zu reden.

Martin Mosebach: "Mogador" Roman. Rowohlt Verlag. 22,95 Euro

„Die Vorstellung, ein Recht auf Glück zu haben“, sagt er, „die Vorstellung, das Recht zu haben, nach Glück zu streben, Pursuit of Happiness, ist für die westliche Welt seit der Amerikanischen Revolution entscheidend geworden.“

Mosebach hat eine charakteristische Diktion, eine Sprachmelodie, wenn er so etwas sagt, der Großteil des Satzes kommt sehr schnell, zack, zack, zack, stakkatoartig, aber dann, meist gegen Ende, zieht und dehnt er ein oder zwei Worte: „enteiiidend geworden“. Man spürt, wie genussvoll Mosebach mit Worten spielt, wenn er manche auf diese Weise zu streicheln scheint.

„Doch dieses Streben ist oft ein wahnhaftes Unternehmen, denn wir wissen nicht, worin unser Glück besteht.“ Wir lassen uns vielmehr, so Mosebach, kopfscheu machen von der permanenten Fahndung nach dem Glück, wir werden zu gehetzten Glückssuchern und verfehlen so erst recht das Ziel, Glück zu empfinden.

„Glück als Leistung“, sagt Mosebach, „das ist die Vorstellung, von der wir uns viel zu sehr beherrschen lassen. Wir glauben, versagt zu haben, wenn sich das Gefühl von Glück nicht einstellt.“

Dann setzt Mosebach eine kleine Pause, eine Sekunde der Stille, bevor er ein wenig leiser fortfährt: „Glück ist keine Leistung. Glück ist etwas, das uns hinzugegeben wird, manchmal. Wir können es nicht anstreben, nicht arrangieren. Wir bekommen es, oder wir bekommen es nicht.“

„Als Geschenk?“, gebe ich das Stichwort. „Ja“, nickt Mosebach, „das ist es wohl.“

Der Gedanke, Glück nicht erzwingen, sondern nur mit Demut erhoffen zu können, hat es in sich. Er verrät viel über den Schriftsteller Mosebach und viel darüber, weshalb seine Bücher neben faszinierten Lesern auch unversöhnliche Gegner kennen. Denn sie unterstellen ihm, dem gläubigen Katholiken, dass er Glück ohne metaphysische, göttliche Hilfe nicht für möglich hält.

Auf den ersten Blick spielt die Suche nach Glück in Mosebachs ebenso schönem wie geheimnisvollem Roman „Mogador“ keine große Rolle. Es geht um einen jungen Bankmanager namens Patrick, der sich halb aus Leichtfertigkeit, halb aus Willenlosigkeit von einem Mitarbeiter in kriminelle Unterschlagungen verstricken lässt. Als ihn die Polizei zu einem Gespräch vorlädt, gerät er in Panik, springt in das erste beste Flugzeug nach Marokko und taucht unter in der abgelegenen Hafenstadt Essaouira, die einst Mogador hieß.

Mosebach nennt sich selbst gern und mit Freude an der Provokation einen „Reaktionär“, und von literarischen Gegnern wird er als „Anti-Modernist“ bekämpft. Doch genau betrachtet ist er heute einer der modernsten, geistesgegenwärtigsten Romanciers der deutschen Literatur: Wie kaum ein anderer versteht er es, ein Porträt unserer globalisierten Welt zu zeichnen, in der die Industriekultur des Westens fast ungebremst auf die feudalen Strukturen zum Beispiel eines Landes wie Marokko prallt.

Virtuos entfaltet Mosebach dieses spannungsvolle Miteinander von Smartphone und Eselkarren, von Jeans und Dschellaba, von Coca-Cola und Kochen auf gestampftem Lehmboden. Seine Romane schärfen den Blick dafür, wie sehr die angeblich exotischen Kulturen anderer Kontinente aus ihren Traditionen heraus in eine hochkomplizierte Zukunft gerissen wurden. Und weshalb Religion – und eben auch religiöser Fanatismus – für manche Menschen dort eine stabilisierende Lebensstütze ist inmitten des rasenden Umbruchs.

Auf Patrick, den halbkriminellen Bankmanager, strömt all das ein bei seiner Flucht. Vor allem seine marokkanische Wirtin Khadija beeindruckt ihn, die ihm Unterschlupf gewährt, ohne Fragen zu stellen oder Papiere zu verlangen. Sie ist, im Gegensatz zu Patrick, ein wahres Monster an Willenskraft: Obwohl in brutaler Armut aufgewachsen, zweifach verwitwet und Mutter eines behinderten Kindes, hat sie sich dennoch zur Hausbesitzerin hochgearbeitet, zur Bordellchefin und zur Wahrsagerin mit besten Verbindungen zu übernatürlichen Kräften.

„In Essaouira, dem alte Mogador“, erzählt Mosebach, „ist der Dämonenglaube stärker verbreitet, als man es in der islamischen, der sunnitischen Welt erwarten sollte.“ Er stammt wohl von den schwarzen Sklaven, die früher aus Mali oder dem Senegal nach Mogador verkauft wurden.

Von einem solchen Dämon fühlt Khadija sich seit Kindheit an begleitet. Alle wichtigen Entscheidungen ihres Lebens, die Glück oder Unglück für sie bedeuten können, trifft sie mit dessen jenseitiger Beratung. Was ihr eine viel größere Entschlossenheit und Ruhe verleiht als dem wankelmütigen Patrick – der seine Flucht am Ende nur per Zufall mit heiler Haut übersteht.

Stimmt Mosebach in seinem neuen Roman also allen Ernstes ein Loblied an auf den Geisterglauben statt auf das rationale Streben nach Glück, wie es ihm Gegner vorwerfen? Empfiehlt er, der selbst ernannte Reaktionär, literarisch die Rückkehr in eine vormoderne Welt der Heilslehren? „Mein Buch“, sagt Mosebach, „ist ein Roman und keine Handlungsanweisung. ‚Mogador’ erzählt von zwei Menschen, die sehr unterschiedlichen Lebenshaltungen folgen. Mehr nicht.“

Als vorbildlich stellt Mosebach weder die eine noch die andere hin – aber in der Gegenüberstellung, im Kontrast werden beide deutlicher und erkennbarer. Kann man von einer guten Geschichte mehr erwarten?

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Buch&Bar 77: Marc Augé “Lob des Fahrrads”

Der Kommunismus der Ritter und Ritterinnen

Heute: Über die Rettung der Welt beim Lesen und Trinken

Marc Augé: "Lob des Fahrrads". Übersetzt von Michael Bischoff und mit Illustration: Philip Waechter. Verlag C.H.Beck. 14,95 Euro

Ach ja, eh’ ich es vergesse: Die Welt ist übrigens gerettet. War irre knapp, sah lange gar nicht gut aus, aber die Apokalypse ist jetzt abgesagt und die Zukunft liegt leuchtend vor uns. Definitiv.

Wollte ich nur erwähnt haben, ist ja wichtig für alle, die fragen, ob eh schon alles egal ist oder ob es sich noch lohnt fürs Wochenende zu planen. Also Leute, es lohnt sich, Marc Augé, der französische Ethnologe, hat es rausgefunden und schreibt es in seinem Buch „Lob des Fahrrads (C.H.Beck, 14,95 Euro)

In Paris, wo Augé lebt, gibt es nämlich seit ein paar Jahren öffentliche Leihfahrräder. Tja, und das war’s dann, Weltuntergang fällt aus, Überleben gesichert. Denn Fahrräder schonen nämlich nicht nur die Umwelt, nein, wer Fahrrad fährt, sagt Augé, empfindet die Welt und sich selbst ganz anders. Es macht uns „sanft und freundlich“, lässt uns die Stadt bewusster, ja achtsamer erleben und schon bald bricht er aus, der „urbane Kommunismus für Ritter und Ritterinnen des Fahrrads“. Kurz: „Ich radle, also bin ich“ und „Das Radfahren ist ein Humanismus.“

Wie schön. Augé meint auch: „Das Band, das den Radler mit seinem Rad verbindet, ist eines der Liebe.“ Der Mann hat an meinen Rad noch nie den Schlauch geflickt, sonst würde er das nicht sagen. Aber egal, im Sommer in Paris in einem Cafe mit einem Pastis hält man vieles Utopische für möglich. Kann ich gut verstehen. Dank also für die Weltrettung, Marc Augé, und Santé.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Wolfgang Herrndorf zum 3. Todestag

So sterben?
Nur über meine Leiche!

Vor drei Jahren, am 26. August 2013 starb Wolfgang Herrndorf. Er hatte zunächst Kunst studiert und lange als Illustrator (u.a. für “Titanic”) gearbeitet, bevor er sich ganz auf die Literatur konzentrierte. Seine Romane „Tschick“ und „Sand“ waren Sensationserfolge der an Sensationen armen deutschen Literatur. Nach seinem Tod erschien sein Blog und Internet-Tagebuch „Arbeit und Struktur“ auch als Buch: klug, brillant geschrieben, verzweifelt und gnadenlos komisch. Zur Erinnerung an Herrndorf (1965-2013) hier ein paar Bemerkungen über sein Tagebuch

Wolfgang Herrndorf: "Arbeit und Struktur" Rowohlt Taschenbuch Verlag, 10,99 Euro

„Ich brauche eine Waffe.“ Gemeint ist: einen Revolver. Vier Wochen bevor der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf diesen Satz notiert, haben die Ärzte bei ihm ein Glioblastom entdeckt, einen nicht heilbaren, ausweglos tödlichen Hirntumor. Seine Lebenserwartung wird nur noch nach Monaten beziffert. Den Revolver brauche er, schreibt Herrndorf, als „Exitstrategie“.

Schon bald hat er sich eine “.357er Smith & Wesson, unregistriert“ beschafft. Über ihre Herkunft verrät er nichts. Aber sie entwickelt, schreibt er, „eine so durchschlagend beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt“. Denn: „Ich könnte mich nicht damit abfinden, vom Tumor zerlegt zu werden. Aber ich kann mich damit abfinden, mich zu erschießen.“ Er will kein Opfer sein, er will um jeden Preis einen letzten Rest Souveränität für sich retten.

Herrndorfs zweite Strategie, Herr seines Unglücks zu werden, entpuppt sich als Glück für die deutsche Literatur. Er arbeitet wie ein Besessener. Bereits vor der Diagnose im Februar 2010 hatte er zwei Bücher veröffentlicht, allerdings mit großen zeitlichen Abständen und geringem Erfolg. Nun holt er zwei halb fertige Manuskripte aus der Schublade  und sitzt bis zu 16 Stunden am Schreibtisch, um sie abzuschließen: “Ich schreibe auch schnell, ungefähr dreimal so schnell wie sonst, und zehnmal so viel.” Und: “Am besten geht’s mir, wenn ich arbeite.”

Wolfgang Herrndorf: "Tschick". Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 8,99 Euro

Schon im Spätsommer 2010 erscheint „Tschick“, ein gutes Jahr darauf „Sand“: zwei der aufregendsten und stilsichersten deutschen Romane der jüngsten Zeit. Sie beherrschen wochenlang die Bestsellerlisten, tragen ihm gleich fünf Literaturpreise ein und machen ihn schlagartig zur internationalen Berühmtheit: „Tschick“ wird in über zwei Dutzend Ländern veröffentlicht und auch als Theaterstück ein Riesenerfolg. Die Auflage der deutschen Ausgabe überspringt mühelos die Millionengrenze. Der Film “Tschick”, gedreht von Fatih Akin, soll jetzt am 15. September ins Kino kommen.

Neben all dem schreibt Herrndorf noch das Blog „Arbeit und Struktur“. Ein Internet-Journal, in dem er zunächst nur für Vertraute, dann für jedermann Auskunft gibt: über den Verlauf der Krankheit (Chemo, Bestrahlung, drei Hirn-OPs), den völlig überraschenden Erfolg seiner Bücher, den täglichen Kampf gegen brutale Verzweiflungsschübe und den oft lebensrettenden Beistand seiner Freunde. Nach seinem Tod „Arbeit und Struktur“ auch in Buchform

Es ist ein Tagebuch, wie es nur wenige gibt: von erschütternder Intensität, klug, illusionslos, brillant geschrieben und dazu voll gnadenlosem Witz. Es ist nicht nur das letzte Bekenntnis eines Sterbenden, sondern auch eine nachtschwarz grundierte Skizze unserer Jahre, verfasst von einem Spötter, der (von Familie und Freunden abgesehen) auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nimmt.

Wolfgang Herrndorf: "Sand". Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 9,99 Euro

Wenn der Umgang mit dem Tod etwas über den Geisteszustand einer Gesellschaft verrät, stimmen Herrndorfs Erfahrungen wenig hoffnungsfroh: Nachdem seine Romane und damit sein Schicksal bekannter werden, decken ihn nicht nur Laien, sondern auch Ärzte unaufgefordert mit absurden Therapievorschlägen ein: Rettung wird ihm versprochen, wahlweise durch Darmreinigung, grünen Tee, Omega-3-Fettsäuren, getrocknete Apfelsinenkerne oder Gemüsesaft. Vor Energiesparlampen in Kopfhöhe dagegen wird er dringend gewarnt.

Mit Grimm konstatiert Herrndorf zudem eine weit verbreitete, durch keinerlei Rationalität gebremste Neigung zu esoterischen Heilslehren. Immer wieder wird er, der Todgeweihte, zum Ziel enthemmter Bekehrungsversuche: „Wenn mich irgendwas im Leben wirklich aufgebracht hat, dann das gegen jedes Denken, jeden Gedanken und jede Aufklärung immune Gefasel von Sternzeichen, Rudolf Steiner und extravaganten Ahnungen fremder, unbegreiflich tröstlicher Welten.“

Für religiöse Empfindungen bleibt Herrndorf, um das Mindeste zu sagen, unempfänglich: „Priester sind mit Waffengewalt von mir fernzuhalten.“ Jeglicher Glaube an Jenseitiges entlockt ihm nur Kopfschütteln. Der Tod ist für ihn der Endpunkt, er macht unübersehbar, was eigentlich immer offenkundig ist: Nämlich die „unbegreifliche Nichtigkeit menschlicher Existenz. Im einen Moment belebte Materie, im nächsten dasselbe, nur ohne Adjektiv.“

Obwohl Herrndorfgelegentlich betont kaltschnäuzig oder machohaft zu klingen versucht, verschweigt er seine Zusammenbrüche nicht. Epileptische Anfälle setzen ihm zu, das Sichtfeld bekommt Lücken, die Orientierung lässt nach. Er irrt durch Berlin, selbst in vertrauten Straßen findet er sich nicht mehr zurecht, schreit, tobt, schlägt gegen Wände. („Vorteil Berlin: Auf der Torstraße bin ich unter den Gestörten nur Mittelfeld.“) Manchmal sehnt er eine radikale Verschlechterung seines Zustands geradezu herbei, damit er endlich Schluss machen kann: „Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt.“

Körperlich spürt er zunächst wenig Einschränkungen. Da Sport zeitlebens zu seinen großen Leidenschaften zählte, ist er auch mit Mitte vierzig noch fit und fühlt sich „wie mit zwanzig“. Er spielt in der Nationalmannschaft der Schriftsteller und in einem Berliner Amateurteam und will sich auch von seiner Krankheit nicht davon abbringen lassen.

Doch schließlich raubt ihm der Tumor zunehmend die Kontrolle über seine Bewegungen. So nüchtern wie möglich registriert er den eigenen Verfall: „Fußball gespielt. Ball ins Gesicht bekommen, umgefallen. Hingesetzt, gewartet. Weitergespielt, wieder umgefallen. Aufgehört. Mit dem Fahrrad nach Hause, nicht umgefallen.“ Aber als sein Berliner Team dann bei einem größeren Turnier antritt und schließlich gewinnt, kann er nur noch als Zuschauer am Zaun stehen und muss auch mit diesem Kapitel seines Lebens abschließen.

Wolfgang Herrndorf: "Bilder deiner großen Liebe". Ein unvollendeter Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 9,99 Euro

Noch einmal versucht es Herrndorf mit seiner persönlichen Therapie: mit Arbeit. Bald nach Abschluss seines letzten Romans, „Sand“, hat er ein neues Manuskript begonnen. Er will die Geschichte des Mädchens Isa erzählen, einer Nebenfigur aus seinem Roman „Tschick“. Doch er kommt zu langsam voran, er hat immer häufiger anfallsweise Artikulationsprobleme, der Tumor beginnt, das Sprachzentrum zu zerfressen. Das Manuskript wird als unvollendeter Roman erst postum publiziert: “Bilder deiner großen Liebe”.

Die Frage nach der „Exitstrategie“, nach einem selbst gewählten Schlusspunkt wird immer dringlicher. Er schaut sich auf YouTube eine ausführliche Dokumentation über die Schweizer Organisation Dignitas an, die schmerzloses Sterben durch Medikamente ermöglicht. Herrndorf reagiert mit Entsetzen und – Witz: „So will ich nicht sterben, so kann ich nicht sterben, so werde ich nicht sterben. Nur über meine Leiche.“

Stattdessen konzentriert sich Herrndorf auf die beruhigende Wirkung seines Revolvers und macht lange Spaziergänge am Hohenzollernkanal, nördlich vom Berliner Hauptbahnhof. Er ist „auf der Suche nach einem guten Ort“. Und er informiert sich genau, wie er die Waffe einsetzen muss, um mit Sicherheit das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

Am 26. August 2013 verlässt er nachts seine Wohnung, heißt es im Nachwort des Buches, und schießt sich am Ufer des Hohenzollernkanals in den Kopf. In der Nachbemerkung von “Arbeit und Struktur” heißt es: „Er zielte durch den Mund ins Stammhirn. Es dürfte einer der letzten Tage gewesen sein, an denen er noch zu der Tat im Stande war.“

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Buch&Bar 76: Ferdinand von Schirach “Terror”

Zwei ältere Herren blamieren sich

 Heute: Über bejahrte und vergessene Liberale beim Lesen und Trinken

Ferdinand von Schirach: "Terror. Ein Theaterstück und eine Rede". Piper Verlag, 16 Euro

Es ist immer wieder erstaunlich, zu welchen Dummheiten sich selbst kluge Leute hinreißen lassen. Jetzt haben die verdienten FDP-Haudegen Burkhard Hirsch und Gerhart Baum in einem Interview gefordert, die ARD solle ihre Verfilmung von Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“ (Piper, 16 Euro) nicht ausstrahlen. Oder zumindest eine nachfolgende Diskussionssendung samt Publikumsbeteiligung streichen. Zwei Liberale fordern Zensur. Siehe hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ferdinand-von-schirach-terror-baum-hirsch-14364755.html

Das Stück ist sagenhaft erfolgreich und wurde bislang allein in Deutschland an 39 Bühnen gespielt. Es führt eine fiktive Gerichtsverhandlung vor: Ein Bundeswehrpilot hat entgegen seiner Befehle eine Passagiermaschine abgeschossen, die Terroristen in ein vollbesetztes Fußballstadion lenken wollten. Am Ende stimmen die Zuschauer ab über Verurteilung oder Freispruch des Piloten.

Die Argumente von HirschBaum lassen erkennen, dass sie 1. nichts von Literatur verstehen und 2. das Stück kaum kennen. So behauptet Hirsch zum Beispiel, Schirach habe einen wichtigen Punkt übersehen: „Wieso hat der Staat das angeblich bedrohte Stadion nicht räumen lassen?“ – doch diese Frage wird im Stück auf vier Seiten pointiert behandelt. Dennoch wollen HirschBaum auf keinen Fall akzeptieren, dass sich Zuschauer in Theater oder TV mit politisch brisanten Fragen beschäftigen und – probeweise – über sie abstimmen. Sie halten das für skandalös. Siehe auch hier: http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1877

Liebe HirschBaum! Demokratie ist, wenn Bürger über Politik informiert werden (wie Schirach es tut), dann diskutieren und abstimmen. Vergessen?

Nachdem ich das Interview gelesen hatte, habe ich mir zur Beruhigung in meiner Lieblingsbar den vergessenen Cocktail-Klassiker „Liberal“ bestellt: 5 cl Rye Whiskey, 2 cl süßer Wermut, 1 cl Amer Torani, 2 Spritzer Orangenbitter. Ein herrlich leichter Drink, der dem Rye Whiskey alle Bitterkeit nimmt. Leider ist dieser „Liberal“ bei Barkeepern ebenso aus der Mode geraten wie offenbar die Liberalität bei Liberalen wie HirschBaum.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.


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