V.S. Naipaul ist tot

Ein Mann mit mindestens drei Gesichtern

Gestern, am 11. August 2018 starb der Literatur-Nobelpreisträger V.S. Naipaul in London. Er galt als einer der größten englischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1932 in Trinidat als Nachkomme verarmter indischer Wanderarbeiter geboren, hatte er den atemberaubenden Weg eines “Barfüßigen aus der Kolonie” bis hin zu einem Mitglied der Oberklasse in England erfolgreich bewältigt. Naipaul erhielt nicht nur einige der begehrtesten Literaturpreise, sondern 1990 auch den Adelstitel. Seither durfte er sich Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul nennen, zeichnete seine Bücher aber weiterhin mit der kappen Chiffre: V.S. Naipaul.

V.S.Naipaul: "Ein Haus für Mr. Biswas". Roman. Übersetzt von Sabine Roth. Fischer Taschenbuch Verlag, 12,99 Euro

Der Schriftsteller V. S. Naipaul hatte mindestens drei Gesichter. Er war zu Anfang seiner literarischen Karriere ein Erzähler von großem Atmen und beeindruckender Suggestivität. Zwei seiner Romane – “Ein Haus für Mister Biswas” (1961) und “In der Biegung des großen Flusses” (1979) – gehören zu dem Eindrucksvollsten was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über die fragilen, von ihren ehemaligen Kolonialherren in eine krisengeschüttelte Freiheit entlassenen Gesellschaften der Dritten Welt geschrieben wurde. In Anspielung auf seine Herkunft erklärte Naipaul, als er 2001 den Literaturnobelpreis erhielt: “Ich bin höchst erfreut. Dies ist eine große Anerkennung für England, meine Heimat, und für Indien, die Heimat meiner Vorfahren.”

V.S.Naipaul: "Eine islamische Reise". Unter den Gläubigen.Übersetzt von Karin Graf. Derzeit nur als dtv-Taschenbuch lieferbar

Zweitens war der 1932 auf Trinidad als Nachkomme eingewanderter indischer Landarbeiter geborene Naipaul ein Reiseschriftsteller von internationalem Rang. Schon in jungen Jahren, nach der Veröffentlichung seiner ersten drei satirischen Frühwerke, die er selbst als “soziale Komödien” bezeichnete, nahm Naipaul eine ausgedehnte und weitschweifende Reisetätigkeit auf. Wie nur wenige andere Autoren – zumal wie sehr wenige deutschsprachige Schriftsteller – eroberte er sich auf diese Weise weite Erdteile und fremde Zivilisationen durch eigene Anschauung. Als literarischer Erträge brachte er von diesen Expeditionen epische Reportagen mit, die wie “The Middle Passage” (1962), “Indien: Eine verwundete Kultur” (dt. 1978) oder “Eine islamische Reise. Unter den Gläubigen” (dt. 1982) zu dem Anschaulichsten und Informativsten zählen, was man über die Karibik, Indien und die islamischen Länder lesen kann. Zu den Eigentümlichkeiten des deutschen Buchmarktes gehört, das derlei literarische Reisebeschreibungen – auch Naipauls – hierzulande nur sehr wenige Leser finden, obwohl die Deutschen sich doch so gern als überaus reise- und leselustiges Volk betrachten.

V.S.Naipaul: "The Enigma of Arrival" Novel (dt.: "Das Rätsel der Ankunft") Macmillan Publishers International, 9,99 Euro

Drittens schließlich hat sich Naipaul mit zunehmendem Alter zu einem explizit modernen, vielfältig experimentierenden Prosaautor entwickelt, der sich von seinem früheren traditionellen Schreiben fast demonstrativ abwandte. In “Das Rätsel der Ankunft” beispielsweise beschreibt Naipaul über viel hundert Seiten hinweg im Grunde nichts anderes als ein kleines Tal östlich von London, wo er in einem kleinen, feuchten Landhaus jahrelang lebte und schrieb. Ein Buch, dass man eher einem Autor des französischen “Nouveau Roman” zugetraut hätte, als einem ehemals so lebendig und temperamentvoll erzählenden Romancier oder einem politisch kühl analysierenden Reporter zugetraut hätte.

Seinen internationalen Ruhm begründete Naipaul mit dem Roman “Ein Haus für Mister Biswas”, der in seiner karibischen Heimat und den Kampf eines einfachen, aber ambitionierten eingewanderten Inders beschreibt, der das kühne Lebensziel verfolgt, mit seiner Familie ein wirtschaftlich selbständiges und zugleich kultiviertes Leben zu führen. Mit diesem autobiografisch gefärbten Roman setzte Naipaul seinen Vater, der sein Leben lang darum rang, ein Journalist und Schriftsteller zu werden, immer aber an den erbärmlichen Lebensbedingungen Trinidads scheiterte, ein menschlich anrührendes, unvergessliches Denkmal.

V.S.Naipaul: "An der Biegung des großen Flusses". Roman. Übersetzt von Sabine Roth. Fischer Taschenbuch Verlag, 14,99 Euro

Wie beweglich Naipauls literarische Fantasie ist, wie unabhängig von spezifischen Milieus oder Landschaften er zu erzählen vermag, bewies er rund 15 Jahre später, als er mit dem Roman “An der Biegung des großen Flusses” das Porträt einer afrikanischen Gesellschaft schrieb, in der sich ein Einwanderer als Geschäftsmann einen festen Lebensplatz zu erobern versucht. Seine jahrelange Arbeit, seine intensiven Anpassungsbemühungen und auch seine so behutsam angeknüpften Liebesbande zu einer ihm unerreichbar erscheinenden Frau werden kurzer Zeit zunichte gemacht, in der gewalttätige Rassenunruhen die wenigen, mühsam herausgebildeten zivilisatorischen Strukturen in diesem Land hinwegschwemmen.

Wegen seines gnadenlosen Blickes nicht nur auf die Schwächen der Ersten Welt, sondern auch auf die der Dritten Welt ist Naipaul oft heftig angegriffen worden. Sein Fazit, nachdem er als Collegelehrer in den USA gearbeitet hatte: “Ungebildete Studenten mit weißen Söckchen bedrohen Amerika mehr als Öl-Embargos”. Über seine britische Wahlheimat schrieb er: “Das Leben hier ist eigentlich eine Art Kastration. In England sind die Leute sehr stolz darauf, dumm zu sein.” Und nach einer seiner Afrikareise schrieb er: “Die Leute sagen, der Mann im Busch ist ausgebeutet worden, ist ein Opfer des Kolonialismus. Ich dagegen glaube, dass die Menschen in Europa viel größere Ungewissheiten und Gewalt ertragen haben als je ein Mensch, der im Busch lebt. Ich bin erstaunt über die Kreativität in Europa. Unkreative Länder, das sind doch wohl die arabischen Länder und Afrika. Sie tun nichts, das sind parasitäre Orte.”

V.S.Naipaul: "Indien - eine verwundete Kultur". Derzeit nur antiquarisch lieferbar

Naipaul war kein Mann der politisch ausgewogenen, begütigenden Äußerung. Doch er konnte seinen Furor stets mit großer Kompetenz und Lebenserfahrung rechtfertigen: Er kannte, wovon es sprach und konnte sein Urteil durch eigene Erlebnisse untermauern. Naipaul, der vom namenlosen Sohn verarmter indischer Eltern auf einer verlorenen Karibikinsel aus eigener literarischer Kraft zu einem Kosmopoliten und weltweit anerkannten Autor geworden war, legt unerbittliche Maßstäbe an. Dass ihn das zu einem sanftmütigen Menschen machte, wird niemand behaupten. Er sei ein glänzender Schriftsteller, gestanden ihm viele seiner Kritiker zu, aber eben auch ein Mann mit einem schwierigen Charakter.

Naipaul schonte nichts und niemanden – aber am wenigsten sich selbst. Er war ein fanatischer Arbeiter, der seine Manuskripte, nachdem sie getippt waren, mehrfach mit der Hand abschrieb, um so an jedem Satz, an jeder Formulierung erneut zu feilen – mitunter bis zum körperlichen Zusammenbruch. Auf diese Weise wurde er im buchstäblichen Sinn des Wortes ein freier Autor: “Das hat mit die Unabhängigkeit bewahrt”, schrieb er einmal, “von Leuten, von Verstrickungen, von Rivalitäten, vom Wettbewerb. Ich habe keine Gegenspieler, keine Rivalen, keine Meister: Ich fürchte niemanden.”

Gerade zu Beginn des neuen Jahrtausends und nach den Terroranschlägen vom 11. September – V. S. Naipual den Literaturnobelpreis zu verleihen, war mehr als eine literarische Entscheidung. Es war eine politische Demonstration: Für einen in vielen Kulturen erfahrenen Mann, der ohne Scheuklappen auf seine Epoche sah und der ohne Ärmelschoner schrieb und dachte. Für eine Mann, der – auch schmerzvoll – die Globalisierung sämtlicher Lebensverhältnisse schon Jahrzehnten zuvor am eigenen Leibe erfahren hatte. Und nicht zuletzt für einen Schriftsteller, der in der literarischen Tradition Europas den Lesern aller Kontinente mit hinreißender erzählerischer Anschaulichkeit von scheinbar entlegene Weltgegenden berichtet hatte, und der dort letztlich die gleichen Hoffnungen, die gleichen Schmerzen, die gleichen Träume, kurz: die gleichen Menschen entdeckt, die alle großen Romane bevölkern. V.S. Naipaul hat den Horizont unserer Literatur um ein gutes Stück ins Unbekannte vorangeschoben.

Veröffentlicht unter Personen | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Anna Seghers und John F. Kennedy II

Als John F. Kennedy mal Anhalter mitnahm

Hatte der junge John F. Kennedy, lange bevor er Präsident wurde, einen Gastauftritt in Anna Seghers berühmtesten Roman “Das siebte Kreuz”? Diese Spekulation ist natürlich höchst gewagt, aber es gibt ein paar Indizien für sie.

Das großartige und klug gemachte Literaturfestival “Frankfurt liest ein Buch” war vom 16. bis 29. April des Roman von Anna Seghers gewidmet. Da ich eine der vielen Veranstaltungen zu dem Buch bestreiten durfte, habe ich den Roman wiedergelesen und dabei fiel mir eine ziemlich bemerkenswerte Szene auf, in der der Flüchtling Georg Heisler per Anhalten mitgenommen wurde. Weitere Recherchen machten die Sache immer interessanter.

In einem Artikel für die Frankfurter Rundschau vom 30. April 2018 (Seite F3) breite ich meine Indizien aus – und stelle ihn hier nun online. Meine Behauptung ist natürlich komplett unbeweisbar, aber vielleicht doch bemerkenswert genug, einmal vorgestellt zu werden. Kennedy besuchte Deutschland dreimal zwischen 1937 und 1945. Hinterließ er dabei Spuren in der deutschen Literatur?

Anna Seghers: "Das siebte Kreuz". Ein Roman aus Hitlerdeutschland. Aufbau Verlag. 20 Euro

Um die Entstehung von Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“ ranken sich Legenden. Ich möchte eine neue hinzufügen. Beweisbar ist meine nicht, aber fantasieanregend.

Anna Seghers hatte bereits 1933 vor den Nazis fliehen müssen. Doch auch Jahre später war sie, zeigt ihr Roman, noch immer exzellent orientiert über die Ereignisse und die soziale Atmosphäre in Deutschland. Offenbar erreichte sie über Exilorganisationen wie die „Rote Hilfe“ einen steter Strom von Informationen über Gruppen, die das Hitler-Regime bekämpften. So erhielt sie vermutlich auch Nachricht von der Flucht von sieben Häftlingen aus dem KZ Sachsenhausen 1936. Sechs von ihnen wurden eingefangen und an Pfählen auf dem Appellplatz des KZs aufgehängt. Der Siebte aber entkam, sein Pfahl blieb leer und wurde so zum Hoffnungszeichen.

Doch wie detailliert waren die Berichte, die Anna Seghers zugetragen wurden? Schließlich lebt ein Roman wie ihrer nicht allein von der Handlungsidee – der dramatischen Flucht –, sondern ebenso von einer Unzahl möglichst überzeugender Kleinigkeiten, die diese Handlung glaubwürdig erscheinen lassen.

Fast in der Mitte ihres Buches hat Anna Seghers eine überraschende Szene eingebaut: Ihre Hauptfigur Georg Heisler wird von einem jungen Ausländer, der einen ausländischen Wagen fährt, per Anhalter mitgenommen. Der Fahrer kaut Kaugummi und spricht gebrochen Deutsch. Die Vermutung, er sei Amerikaner, liegt nahe.

Fabelhaft ist diese Episode schon deshalb, weil Anna Seghers hier den erzählerischen Mut hat, ihren Helden von einer moralisch unvorteilhaften Seite zu zeigen: Heisler erwägt kurz, den freundlichen Fahrer zu ermorden, um den „schönen Schlitten“ zu stehlen. Wie verfiel Anna Seghers auf diese Szene? Sie hatte die Handlung ihres Romans in den Oktober 1937 verlegt, und die Vorstellung von einem jungen Amerikaner, der in dieser Zeit mit einem großen amerikanischen Wagen durch Deutschland reist, liegt nicht eben nahe.

John F. Kennedy: "Unter Deutschen". Reisetagebücher und Briefe1937-1945 Herausgeber: Oliver Lubrich; Übersetzung: Tessari, Carina. 9,95 Euro

Vor fünf Jahren wurde allerdings das Reisetagebuch eines 20-jährigen Amerikaners veröffentlicht, der tatsächlich im 1937 mit seinem Ford Deluxe Cabriolet durch Europa tourte und am 21. August von Süden kommend über Frankfurt nach Köln fuhr, also die fiktive Fluchtroute Heislers berührte. Dieser Amerikaner gelangte später ins höchste politische Amt seines Landes und wird bis heute verehrt: Es war John F. Kennedy.

Er bereiste mit seinem Studienfreund Kirk LeMoyne Billings einen Sommer lang im eigenem Wagen den alten Kontinent. Obwohl der junge Kennedy in Harvard Politik studierte, vertrat er erstaunliche politische Ansichten: „Komme zu dem Schluss, dass Faschismus das Richtige für Deutschland und Italien ist, Kommunismus für Russland und Demokratie für Amerika und England.“ Zudem schreibt er das Wort „Faschismus“ („Fascism“) in seinen Notizen konsequent falsch („Facism“).

Um mehr über Land und Leute zu erfahren, bestand Kennedy darauf, so Billings, „dass wir jeden deutschen Anhalter mitnahmen.“ Darunter sei auch ein Student gewesen, „der sehr gegen Hitler war. Wahrscheinlich ist er jetzt tot.“ In Anna Seghers Roman beginnt die entsprechende Szene mit der Bemerkung, der ausländische Wagenbesitzer habe förmlich Ausschau gehalten nach Anhaltern und „Georgs Wink geradezu erwartet.“

Natürlich kann die Vorstellung, der spätere Präsident Kennedy habe eine Art Gastauftritt im berühmtesten Roman von Anna Seghers, nicht mehr als eine Spekulation sein. Doch ausgeschlossen ist es nicht, dass ihr die unwahrscheinliche Begegnung zwischen einem deutschen Hitlergegner und zwei Amerikanern irgendwo bei Frankfurt bis ins Pariser Exil zugetragen wurde. Ein berührender Gedanke ist es allemal, dass es vielleicht ein Widerstandskämpfer war, der dem Politikstudenten Kennedy zu ein paar realistischen Einsichten über den Nationalsozialismus verhalf.

 

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher, Uncategorized | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Matthias Politycki: “Tankwart, das Lied vom Volltanken singend”

Das Leben zwischen Manta und Mazda

Matthias Politycki: "Sämtliche Gedichte 2017-1987". Mit einem Nachwort von Wolfgang Frühwald. Verlag Hoffmann und Campe. 32 Euro

Matthias Politycki gehört für mich zu den originellsten Dichtern, die wir derzeit in der deutschen Literatur haben. Seine Gedichte bereiten mir sinnlich und intellektuell immer wieder ein prachvolles Vergnügen. Jetzt hat Politycki einen umfangreichen Band mit seinen “Sämtlichen Gedichten 2017-1987″ auf den Buchmarkt gewuchtet, den ich jedem, der Gedichte als Genuss und nicht als literaturwissenschaftliche Decodierungsvorlage betrachtet, ans Herz legen möchte. Das Buch enthält außerdem ein kluges Nachwort von Wolfgang Frühwald. Matthias Politycki und sein Verlag Hoffmann und Campe haben mir erlaubt, eines der Gedichte hier im Blog vorzustellen und einen kleinen, hoffentlich erhellenden Kommentar hinzuzufügen. Der Kommentar mir zugleich Gelegenheit gibt, über eine Interpretation nachzudenken, die ich vor über zwanzig Jahren zu eben diesem Gedicht geschrieben habe. Mein Dank an Autor und Verlag!

Zuerst natürlich das 1994 entstandene Gedicht von Politycki:


Tankwart, das Lied vom Volltanken singend

Ist doch
ziemlich egal, ob du einer von denen bist -
einer der lausigen Lichthupenfürsten,
die (mit ner Beifahrerloge in Blond)
hier ihren Unterarm raushängen müssen

Ist doch
wirklich egal, ob du einer von denen bist,
die (mit ner schönen Bescherung zur Rechten
und auch drei schreienden Schrazen im Fond)
vollauf beschäftigt sind, Chips ranzuschaffen

Ist doch
völlig egal, ob ich dir deine Mühle jetzt
volltanken soll, denn schon morgen, da hab ich
den Tag komplett frei und da steig ich, ihr
windigen Manta- und Mazda-Rummurkser, ihr
hochwürdigen Audi- und Volvos-Schnarchsäcke, steig
in meinen Turbo-Metallic und dann: nix wie
weg! Mann, die Kurve gekrazt

bis zu
dieser, oh ja: dieser Tanke, und wenn ich
das Fenster dann kaum einen Spalt runterkurble und
keinen Mucks leiser gar dreh die Musik und auch
keinen Deut rauf in die Stirn etwa schiebe die
Brille mit blickdichtem Sonnenglas, wenn ich
dann nur so leicht nicke und – na? Ist doch
absolut schnurzpiepegal

Fitnesstrainer für die Erinnerung

Polityckis Gedicht hatte mir sofort gefallen, als ich es in seinem Band “Jenseits von Wurst und Käse” (1995) zum ersten Mal las. Also schrieb ich damals für Marcel Reich-Ranicki eine kleine Interpretation dazu, die er am 30. März 1996 in der FAZ in seiner Reihe “Frankfurter Anthologie” veröffentlichte. Die Chance, das Gedicht jetzt in dem 639seitigen Band “Samtliche Gedichte” wiederzulesen, gibt mir folglich auch Gelegenheit, mir nach gut zwanzig Jahren noch einmal meine eigene Interpretation vorzuknöpfen. Hat die Zeit etwas an dem Gedicht geändert oder an meinem Blick darauf? Denn es ist, auch wenn es das im ersten Augenblick vielleicht nicht gleich sichtbar wird, ein politisches Gedicht, dass zu politischen Reaktionen und Interpretationen herausfordert. Und die können sich im Laufe von über zwanzig Jahren ändern.

Aber zunächst einmal zur sprachlichen Seite der Angelegenheit. Denn damit begann ich damals meinen Beitrag zur “Frankfurter Anthologie”:

“Gute Dichter ziehen aus, neue Sprachterritorien zu erbeuten. Sicher, sie kennen jene wunderbaren Wortlandschaften, in denen die Poeten früherer Jahre und Jahrhunderte ihre Lyrikernte einbrachten, und sie tun sich dort ebenfalls um. Aber solche bereits bekannten Areale allein genügen ihnen nicht. Sie wollen Neuland gewinnen und erforschen – denn die wissen, dass sich Sprache unentwegt wandelt.

Aber selbst unter den Autoren, die in ihren Versen der ständigen Spracherneuerung auf den Fersen bleiben, bilden sich immer wieder fade Konventionen aus. So ist in der deutschen Gegenwartslyrik oft – mit wackerer Gesinnung, aber meist ein wenig abstakt – die Rede von übertriebenem Wohlstand oder vergifteter Natur, von der Fremdheit zwischen den Menschen und deren mangelnder Selbsterkenntnis. Sehr selten dagegen treten in Gedichten unserer Jahre ‘Tankstellen’ oder ‘Chips’, ‘Mazda-Rummurkser’ oder ‘Volvo-Scharchsäcke’ in Erscheinung – und das ist verwunderlich, handelt es sich dabei doch um sehr zeitgenössische, sehr vertraute Phänomene. Kann es sein, dass in der Gegenwartslyrik unsere Gegenwart viel zu selten vorkommt?

Matthias Politycki (Jahrgang 1955) liebt es, die Leser seiner Gedichte mit alltäglichen, scheinbar banalen Worten und Wendungen zu konfrontieren, die nicht zum üblichen Lyrik-Vokabular gehören wie Sonne, Mond und Sterne. So ist das ‘Lied vom Volltanken’, das sein Tankwart singt, ganz auf das Adjektiv ‘egal’ eingestimmt: liebevoll gesteigert von ‘ziemlich egal’ über ‘wirklich egal’ und ‘völlig egal’ bis zu ‘absolut schnurzpiepegal’”.

Soweit damals meine ersten Bemerkungen zur Sprache des Gedichts. Diese Ansichten zu Polityckis Arbeit sind inzwischen weit verbreitet. Im Jahr 2000 rechnete ihn der Kritikerkollege Denis Scheck zu den wenigen Autoren deutsche Zunge, in deren Büchern man “ein Soundtrack des gelebten Lebens, eine Tonspur der bundesrepublikanischen Wirklichkeit” wiederfinden könne, wie Wolfgang Frühwald in seinem Nachwort dankenswerterweise zitiert. Ich war vermutlich nicht der erste und bin hoffentlich nicht der letzte, der sich über das große Talent Polityckis freut, bislang ungenutzte Sprachschätze unserer Zeit aus dem Sprechalltag zu bergen und in die Welt der Literatur zu überführen. Ich denke, diesen Punkt können wir abhaken, an dieser Leidenschaft dieses Autors und der entsprechenden Qualität seine Bücher besteht heute kein begründeter Zweifel mehr.

Nach diesem Einstieg bog in meiner Interpretation dann zu dem gesellschaftspolitischen Aspekt des Gedichtes ab. Denn das darin so liebevoll gesteigerte Adjektiv “egal” sah ich und sehe ich auch heute als deutlichen Hinweis an:

“Das unscheinbare Wort ist, so zeigt Polityckis Gedicht, zu einem zentralen Begriff unserer weitgehend egalitären Gesellschaft geworden. Natürlich gibt es nach wie vor Unterschiede zwischen den einzelnen Milieus, zwischen ‘lausigen Lichthupenfürsten’ oder braven Familienvätern mit ‘drei schreienden Schazen im Fond’, zwischen Mazda- oder Audi-Besitzern. Und natürlich werden diese feinen Unterschiede, die nüchtern betrachtet minimal sind, von den Beteiligten gern mit ungeheurer Bedeutung aufgeladen, um sich zumindest die Illusion einer gesellschaftlichen Rangordnung zu retten.

Aber letztlich stehen wir, erinnert uns Politycki, dann doch alle an der gleichen Tankstelle. Das einst so gravierende soziale Gefälle ist letztlich in beträchtlichem Maße applaniert worden. Der Tankwart, der seine Kunden bedient, ist heute kein Diener mehr, und die anderen sind nicht seine Herren. Schon morgen hat er ‘wieder komplett den Tag frei’ steigt in seinen ‘Turbo-Metallic’, fährt zu nächstgelegenen Zapfsäule und ist dort seinerseits Kunde, der auf ein beiläufiges Nicken seines mit ‘blickdichtem Sonnenglas’ bewehrtem Kopf eilfertig umsorgt wird.”

Unschwer zu merken, dass damals meine Lektüre von Pierre Bourdieus “Feinen Unterschieden” seine Spuren im Gedicht-Kommentar hinterlassen hat. Aber ebenso unschwer ist zu spüren, dass der Kommentar vor der Agenda 2010 geschrieben wurde, die zwischen 2003 und 2005 unter Kanzler Schröder die Realitäten des Landes veränderten. Der Begriff “egalitär” gehört nicht zu den zentralen Begriffen, mit denen man derzeit den aktuellen Zustand der Bundesrepublik zu beschreiben versucht. Wenn heute vielmehr von einer “neuen Spaltung” der Gesellschaft gesprochen wird und davon, dass es eine beträchtliche Gruppe von Bürgern “angehängt” fühle von der Entwicklung des Landes, werden die Ursachen dafür regelmäßig auf die Agenda-Politik zurückgeführt.

Ob diese gegenwärtig sehr geläufige Diagnose richtig ist oder unzureichend, ob es dem Land ohne Agenda 2010 heute besser ginge oder nicht, möchte ich hier gern dahingestellt sein lassen. Es interessiert mich bei der Lektüre dieses Gedichtes (samt meiner Interpretation) im Grunde nicht. Darüber wäre in einer zähen und hoffentlich mit zuverlässigen soziologischen und wirtschaftspolitischen Fakten unterfütterten Debatte zu streiten.

Im Hinblick auf das Gedicht scheint mir anderes wichtiger: Nämlich seine Kraft, eine inzwischen fast 25 Jahre zurückliegende gesellschaftliche Atmosphäre beim Lesen zu vergegenwärtigen – eben weil es die Tonlage dieser Zeit und ihr Sprachmaterial literarisch so kunstvoll konserviert hat. Die Sprach-Sinnlichkeit und die Sprach-Freude Polityckis hat einen bestimmten gesellschaftlichen Moment durch das saloppe Schwingen der Verse, durch die kunstvolle Lässigkeit des Tonfalls eingefangen. Er führt seinen Lesern nicht nur einen Ausschnitt des Lebens unter egalitären Verhältnissen vor, er lässt sie diesen Moment mit Worten noch einmal nachschmecken. Mit Sonne, Mond und Sternen, also mit dem traditionell gewohnten lyrischen Sprachmaterial, das große Teile der zeitgenössischen Lyrik hierzulande noch immer dominiert, wäre das wohl kaum möglich. Politycki erfüllt so eine uralte Aufgabe der Literatur: die sinnliche Vergegenwärtigung von Vergangenheit. Er ist ein Fitnesstrainer für die Erinnerung.

 

 

 


 

Veröffentlicht unter Personen, Poesie, Über Bücher, Über Sprache | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Karl Marx und das Theater

Kapital und Drama

Als Student wollte Karl Marx ein romantischer Dichter werden. Bald schon sah er ein, dass seine Talente nicht in der Lyrik lagen und beendete seine poetische Karriere bevor er 19 wurde. Aber ein leidenschaftlicher Leser der Literatur ist er sein Leben lang geblieben. Was nicht ohne Einfluss blieb auf seine ökonomischen Theorien und vielleicht auch auf seine frühe Geschichtsphilosophie. Für DasTheaterMagazin habe ich einen Aufsatz über “Kapital und Drama. Was Marx von Shakespeare lernte” geschrieben. Er ist jetzt online zu lesen:

https://www.der-theaterverlag.de/theatermagazin/dtm/theatermagazin-05-2018/marx-shakespeare/

 

Veröffentlicht unter Personen | Hinterlasse einen Kommentar

Anna Seghers und John F.Kennedy

Anna Seghers, “Das siebte Kreuz” und John F. Kennedy

Anna Seghers: "Das siebte Kreuz". Roman. Aufbau Verlag, 9.99 Euro

Hatte der junge John F. Kennedy einen Gastauftritt in Anna Seghers berühmtesten Roman “Das siebte Kreuz”? Diese Spekulation ist natürlich höchst gewagt, aber es gibt ein paar Indizien für sie. Was ich für ebenso interessant wie amüsant halte. In der Frankfurter Rundschau von heute, 30. April 2018 (Seite F3) breite ich diese Indizien  aus. Meine Behauptung ist natürlich komplett unbeweisbar, aber doch höchst fantasieanregend. Kennedy besuchte Deutschland dreimal zwischen 1937 und 1945. Hinterließ er dabei Spuren in der deutschen Literatur?

John F. Kennedy: "Unter Deutschen". Herausgegeben von Oliver Lubrich. Übersetzt von Carina Tessari. Aufbau Verlag, 9,95 Euro

Hier schon mal das Cover von Kennedys Buch “Unter Deutschen”. Es enthält unter anderem ein Foto von ihm mit zwei deutschen Anhalter und seinem Ford Deluxe Cabriolet, mit dem er 1937 Europa bereiste – Anhalter die vielleicht zum Vorbild bzw. zur Inspiration wurden für Georg Heisler, der fliehenden Hauptfigur aus Anna Seghers Roman.

 

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

J.D.Salinger und Charles Chaplin

Der Dichter und die jungen Mädchen

Der Mythos um Meister-Erzähler J. D. Salinger lebt weiter. Gleich drei Bücher zeigen ihn jetzt in neuem Licht und machen nicht zuletzt seine Leidenschaft für sehr junge Frauen deutlich. Außerdem zeigen sie seine Neigung zur hinduistischen Lehre des Vedanta, die ihm den Rückzug aus Welt befahl

J.D.Salinger: "Der Fänger im Roggen". Roman. Übersetzung: Eike Schönfeld. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 10 Euro

Er gehört zu den rätselhaftesten, aber auch erfolgreichsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. J. D. Salingers Kultroman „Der Fänger im Roggen“ erschien 1951, erreichte bislang eine Auflage von mehr als 65 Millionen und gilt als literarischer Ausgangspunkt der endlosen Jugendrebellionen gegen Establishment und Erwachsenenwelt, die seither regelmäßig den Westen erschüttern.

In den letzten Jahren sind gleich drei Bücher erschienen, die den Salinger-Kult wahlweise befeuern oder nüchtern zu durchleuchten versuchen.

Salinger wuchs in New York als Sohn eines erfolgreichen jüdischen Geschäftsmanns in ebenjenem Milieu wohlhabender Bürger auf, gegen deren Heuchelei Holden Caulfield, der Held des „Fängers im Roggen“, in seinem 200-seitigen Monolog tobt und wütet. Schon mit 21 hatte Salinger die ersten Kurzgeschichten veröffentlicht und lernte 1941 das It-Girl jener Jahre kennen und lieben: die engelhaft schöne und von Klatschreportern umschwärmte 16-jährige Oona O’Neill, Tochter des Literaturnobelpreisträgers. Die Affäre der beiden war nur ein paar Monate kurz und allen Anzeichen nach keusch – aber folgenreich.

Frédéric Beigbeder: "Oona & Salinger". Übersetzung von Tobias Scheffel. Piper Verlag. 10 Euro

Der französische Erfolgsautor Frédéric Beigbeder versucht, diese Liaison in seinem Roman „Oona & Salinger“ einzufangen. Es ist ein dürftiges Buch geworden, in dem Beigbeder mit seiner Vorliebe für sehr junge Frauen kokettiert und durch literarisches Name-Dropping sein erzählerisches Unvermögen zu übertünchen versucht.

Salinger wurde bald zur US-Army eingezogen und verlor Oona an den größten Kinokomiker aller Zeiten: an den damals 53-jährigen Charlie Chaplin, ebenfalls ein entschiedener Liebhaber von Mädchen auf der Schwelle zwischen Pubertät und Erwachsensein. Schon seinerzeit erlebte Chaplin wegen dieser Neigung in der Öffentlichkeit empfindlichen Gegenwind, welchen Sturm er heute ernten würde, mag man sich gar nicht vorstellen. Oona, die von ihrem genialen Vater kaum je beachtet worden war, genoss die Aufmerksamkeit des genialen Filmers. Trotz 36 Jahren Altersunterschied heiratete das Paar an Oonas 18. Geburtstag, bekam acht Kinder und blieb bis zu Chaplins Tod 1977 unzertrennlich.

(Kleine Abschweifung: Ich hatte einmal die großartige Chance, Geraldine Chaplin über Ihre Eltern zu interviewen. Sie erzählte mir, welche innige und zärtliche Liebe ihren Vater und ihre Mutter verbunden hätte. Die beiden seien durch einen über Jahrzehnte andauernden tägliche Flirt verbunden gewesen. Was Chaplin allerdings nicht davon abhielt, gelegentlich auch mal Pointen auf Kosten seiner Frau zu machen. Die beiden hatten acht Kinder zusammen. Als das jüngste 1962 geboren wurde, meinte der 73-jährige Chaplin, er hätte ja gern noch mehr Kinder gehabt, aber seine Frau sei jetzt einfach zu alt dafür.)

J.D.Salinger: "Die jungen Leute". Drei Stories. Piper Verlag. Derzeit offenbar nicht neu lieferbar. Seltsam.

Zurück zu Salinger: Die Liebesenttäuschung Oona an Chaplin verloren zu haben und seine Jahre als Soldat im Zweiten Weltkrieg veränderten Salinger von Grund auf. Drei seiner frühen Short Storys, die jetzt in dem schmalen Band „Die jungen Leute“ erstmals auf Deutsch erscheinen, zeigen ihn als geschmeidigen literarischen Handwerker, aber noch wenig von der geradezu hypnotischen Suggestionskraft seiner späteren Bücher.

Am 6. Juni 1944, dem D-Day, landete der GI Salinger mit der 4th Infantry Division in der Normandie. Von den 3100 Soldaten seines Regiments waren am Ende des Monats nur noch weniger als 600 am Leben. Im Hürtgenwald und in den Ardennen geriet er in zwei der schwersten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Vor der Gefahr und dem Sterben seiner Kameraden flüchtete Salinger sich in die Literatur. Die ersten sechs Kapitel des „Fängers im Roggen“ hatte er schon damals bei sich, arbeitete in jeder freien Minute daran, einmal sogar, indem er während feindlichen Beschusses unter einem Tisch hockte.

Im Frühjahr 1945 erreichte Salinger völlig unvorbereitet als einer der ersten Befreier das KZ Kaufering IV. Es war erst kurz zuvor von der SS geräumt worden: Die Berge von Verhungerten, die übereinandergestapelt worden waren, und die verkohlten Leichen von Gefangenen, die das abrückende Wachpersonal bei lebendigem Leib verbrannt hatte, traumatisierten ihn dauerhaft.

David Shields und Shane Salerno: „Salinger. Ein Leben“. Übersetzung: Yamin von Rauch. Verlag Droemer/Kraur. 34 Euro

In ihrer hochinformativen Biografie „Salinger. Ein Leben“ weisen David Shields und Shane Salerno nach, dass sich Salinger nach Kriegsende wegen Depressionen in ein Nürnberger Krankenhaus einweisen ließ. Bald darauf heiratete er eine deutsche Ärztin, mit der er in die USA zurückkehrte – die er dann aber abrupt verließ, wohl weil er erfahren hatte, dass sie Informantin der Gestapo gewesen war.

Diese Ehe blieb die einzige, die Salinger je mit einer Gleichaltrigen schloss. Danach entwickelte auch er eine Obsession für sehr junge Mädchen. Das Muster seiner Liebesbeziehungen, schreiben seine Biografen, war immer das gleiche: „bewunderte Unschuld, verführte Unschuld, verlassene Unschuld“. (Die Biographie ist auch formal hochinteressant: Was Shields und Salerno hier publizieren, ähnelt über Weite Strecken dem, was man gern für den Zettelkasten eines Biographen halten möchte: Sie stellen die Erinnerungen und Kommentare von Zeitzeugen über Salinger unverbunden hintereinander, zumeist ohne sie zu werten oder untereinander zu verbinden. Die Dokumente sollen für sich selbst sprechen.)

Möglicherweise versuchte Salinger, in all seinen sehr jungen Geliebten die verlorene Oona O’Neill wiederzufinden. Mit 53 Jahren, also fast genau in dem Alter, in dem Chaplin die 18-jährige Oona geheiratet hatte – wofür Salinger ihn in Briefen lange als verantwortungslosen Lüstling beschimpfte -, ließ sich Salinger auf eine Affäre mit der 18-jährigen, späteren Schriftstellerin Joyce Maynard ein. (Auch sie hat vor rund zwanzig Jahren ein Buch über ihre Erinnerungen an Salinger geschrieben: „Tanzstunden. Mein Jahr mit Salinger“.)

Joyce Maynard: "Tanzstunden. Mein Jahr mit Salinger". Piper Verlag. Nur gebraucht lieferbar

Doch für seine Neigung zu unschuldigen Nymphen gab es wohl noch einen zweiten Grund: Shields und Salerno haben Belege dafür gefunden, dass Salinger mit nur einem Hoden geboren wurde, vermutlich als Folge eines Hodenhochstands. Die Missbildung war für ihn eine unaussprechliche Peinlichkeit, und vielleicht fühlte er sich bei Mädchen, die wenig Erfahrung mit männlicher Anatomie hatten, einfach sicherer.

Aus der tiefen Nachkriegsdepression rettete sich Salinger durch seine literarische Arbeit und eine intensive Gottsuche auf den Spuren der hinduistischen Lehre des Vedanta. Diese Lehre befahl ihm einen radikalen Rückzug aus dem öffentlichen Leben. Als er nach dem Welterfolg vom „Fänger im Roggen“ von New York ins einsame New Hampshire übersiedelte, war das für seine Fans nur konsequent: Wie sein Held Holden Caulfield wandte er sich von der Verlogenheit der Gesellschaft ab. Der Salinger-Mythos war geboren.

Tatsächlich, so zeigen Shields und Salerno, lagen die Dinge etwas anders: Er reiste viel und achtete darauf, die Welt nie vergessen zu lassen, dass er sich von ihr zurückgezogen hatte. Und schrieb weiter. Ein Roman, zwei Bände mit überarbeiteten Erzählungen, eine Novelle und ein Handbuch zum Vedanta sollen, so behaupten die Biografen, in den nächsten Jahren erscheinen. Man darf gespannt sein.

Veröffentlicht unter Personen | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Feature Marx und Engels

Zwei Freunde, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten

Ich habe für den Hessischen Rundfunk ein Feature geschrieben über die Freundschaft von Karl Marx und Friedrich Engels. Es wird am kommenden Sonntag von 18 Uhr abends an auf HR2 zu hören sein.

Bärtige Freunde: Friedrich Engels / Karl Marx

Schon äußerlich waren sie ein ungleiches Paar: Friedrich Engels groß, schlank, und sportlich, Karl Marx dagegen gedrungen, mit seltsam eckigen Bewegungen und einer Leidenschaft für Aufenthalte in Bibliotheken. Aber auch sonst waren sie höchst gegensätzlich: Marx kam aus einer aufgeklärten, Engels aus einer frömmlerischen Familie. Marx bemühte sich zeitlebens um den Anschein gutbürgerlicher Lebensformen, während Engels sie als Zwang empfand und lange mit zwei Frauen gleichzeitig zusammenlebte. Marx arbeitete chaotisch, und hinterließ bergeweise unfertige Manuskripte. Engels war ein elegant formulierender Journalist und Autor, der in kürzester Zeit klar strukturierte Bücher zu schreiben vermochte.

Dennoch wurde ihre Freundschaft neben der von Goethe und Schiller zu der wohl bedeutendsten der deutschen Geistesgeschichte. Das Feature geht der Frage nach, wie derart unterschiedliche Menschen über fast vier Jahrzehnte zu einer überaus produktiven Zusammenarbeit finden konnten. Er rekonstruiert ihr Verhältnis vor allem aus dem Briefwechsel der beiden Männer, in dem sie nahezu alles teilten: ihre politisch hochfliegenden Pläne ebenso wie ihre intimsten Geheimnisse, ihren Antisemitismus ebenso wie ihre Neigung, nahezu alle anderen Sozialisten lustvoll zu beleidigen und herabzuwürdigen. Es ist die Geschichte einer Männerfreundschaft des 19. Jahrhunderts, ohne die die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts einen anderen Verlauf genommen hätte.

Über den Sender geht das Feature am 22. April von 18:04 Uhr bis 19 Uhr in hr2-kultur

Anschließend ist es im streaming nachzuhören (kein Download möglich)

Link:  https://www.hr2.de/literatur/hoerspiel-feature/index.html

(auf der Seite muss man etwas runterscrollen)

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Interview zu “Karl Marx beim Barbier”

“Karl Marx beim Barbier”. Ein Interview

WDR 3 Mosaik | 13.04.2018 | 08:33 Min

Der WDR3 hat in seiner Sendung Mosaik ein schönes Interview mit mir gemacht zu meinem Buch “Karl Marx beim Barbier”. Hier ist der Link zur Mediathek, wo das Interview nachgehört werden kann:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-mosaik/audio-karl-marx-beim-barbier-100.html

Zur Sicherheit hier noch einmal als Download:

MARXwdr3

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Nobelpreisträger Kenraburo Oe zum Geburtstag

Vom Stolz der Toten

Heute feiert der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe seinen 83. Geburtstag. Vor ein paar Jahren hatte ich die Gelegenheit, mich an einem herrlichen Spätsommer-Nachmittag für eine Stunde mit ihm zu unterhalten. Hier die Erinnerung an diese Begegnung, eine Mischung aus Bericht, Interview und Beschreibung seiner Bücher “Stolz der Toten” und “Tagame”. Der Text wurde zuerst 2005 veröffentlicht.


Im besten Hotel Frankfurts, zwischen all den Clubsesseln, lautlosen Pagen, Mahagonitischchen und Stofftapeten, mit denen beste Hotels so gern renommieren, sitzt Kanzaburo Oe auf einem kleinen Sofa. „Life is so dark“, sagt er, „so dark“, legt sich dazu eine Hand auf die Brust wie zum Schwur und lacht breit über sein altes Kindergesicht: „So dark.“

Kantaburo Oe: "Tagame. Berlin -Tokyo". Fischer Taschenbuch Verlag. Übersetzung: Nora Bierich. 9,95 Euro

Draußen leuchtet ein lichtblauer Himmel. Der herrlichste Spätsommer seit Jahren schenkt der Stadt wundersamen Glanz und ihren Menschen vorübergehend eine seltene Sanftheit, Lockerheit. Es ist definitiv kein Tag, an dem man gern hört, daß die Welt finster sei, so finster. Aber sie ist es. Natürlich. Da darf sich niemand vom Wetter täuschen lassen. Der Sonnenschein vergeht, die Finsternis bleibt.

In Oes Erzählung „Stolz der Toten“ zum Beispiel steigen zwei Studenten aus dem Tageslicht in den Leichenkeller ihrer Universität herab. Dort werden in einer riesigen alkoholgefüllten Wanne Menschenkörper aufbewahrt, bis die Pathologen sie brauchen. Einige der Leichname, erzählt der Verwalter, warten schon seit Jahren. „In dunkelbraune Flüssigkeit getaucht“, so beginnt das Buch, „mit verschlungenen Armen, die Köpfe aneinanderdrängend, treiben wie eine einzige Masse die Toten herauf, um allmählich wieder zu versinken.“

Ja, so ist das mit den Menschen, die für den kurzen Augenblick eines Lebens aus der Flut der Zeit herauftreiben, um allmählich wieder darin zu versinken. Dann sind die beiden Studenten und der Verwalter einen Moment ganz leise und hören, wie die Toten flüstern: „Manchmal werden sie still und verfallen schlagartig in Schweigen; dann plötzlich setzt das Geraune wieder ein.“ Nicht, daß die drei sonderlich erschrocken wären über dieses Mitteilungsbedürfnis aus dem Jenseits. Die shintoistischen Japaner achten zeitlebens darauf, mit den Ahnen einen alltäglichen Umgang zu pflegen, sie besucht sie oft in ihren Schreinen.

Uwe Wittstock: Können die Lebenden mit den Toten sprechen, Herr Oe?

Kenzaburo Oe: Ich bin ein alter Mann, der Tod wird mir immer vertrauter. Er steht mir inzwischen als natürlicher Übergang vor Augen. Da liegt es nahe, den Dialog mit denen zu suchen, die den Übergang schon hinter sich haben. Es gibt definitiv ein Gespräch zwischen Toten und Lebenden. Dieses Gespräch ist ein wichtiger Teil der Kultur, es macht in gewissem Sinne die Kultur aus.

In seinem 2005 erschienenen Roman „Tagame“ entwirft Oe einen solchen Dialog – der natürlich eine Fiktion ist und zugleich mehr als Fiktion. 1997 beging der japanische Regisseur Itami Juzo Selbstmord. Mit Filmen wie „Beerdigungszeremonie“, „Tampopo“ oder „Tanz am Abgrund“ war er zu einer beherrschenden Figur des japanischen Kinos herangewachsen und wurde auch international gefeiert. Sein überraschender Freitod erschütterte Oe, denn er ist mit Itamis Schwester verheiratet und war mit ihm seit Jugendjahren befreundet.

In seinem Roman heißt der Regisseur Goro. Er hat für seinen Freund, einen Schriftsteller namens Kogito, einen Stapel mit Tonbandkassetten besprochen, bevor er von einem Hochhaus sprang. „Ich werde mich nun also ins Jenseits aufmachen“, nuschelt Goro alkoholisiert auf einem der Bänder, spielt dann als effektsicherer Regisseur das Geräusch eines Körpers ein, der aus großer Höhe auf Asphalt aufschlägt, und fährt fort: „Aber ich breche das Gespräch mir dir nicht ab.“

Wittstock: Lernen man etwas über sich selbst, wenn man mit den Toten spricht?

Oe: Es gibt tatsächlich ein solches Tonband, das Itami vor seinem Tod für mich besprochen hat. Es ist nur eine einzige Kassetten, gerade zwanzig Minuten lang. Itami redet darauf zum Beispiel über Albert Camus oder über die Gewalt. Er hat gewissermaßen einen Themenkatalog abgesteckt für künftigen Gespräche. Dieses Tonband habe ich mitgenommen, als ich bald nach Itamis Tod als Gastprofessor nach Berlin eingeladen wurde und habe dann in Deutschland die Arbeit begonnen an meinem neuen Roman. Ich ließ das Band laufen, hörte ein paar seiner Sätze, stoppte und versuchte ihm dann zu antworten. Manches von diesen Dialogen ist dann in das Buch eingegangen. Habe ich dabei etwas über mich gelernt? Früher kam ich mir sehr dumm vor, wenn ich mit Itami sprach, er schien alles schneller zu begreifen als ich. Heute habe ich das Gefühl, daß ich gar nicht so schlecht war in den Gesprächen, die wir in unserer Jugend hatten.

Kenzaburo Oe: "Stolz der Toten". Fischer Taschenbuch Verlag. 6,95 Euro

Wieder lacht Oe, als sei er, Japans Literaturnobelpreisträger, noch immer stolz darauf, in den Gesprächen mit seinem Freund eine ganz gute Figur gemacht zu haben und sei zugleich ein wenig verlegen, sich auf solche Weise ungeniert selbst zu loben. Sein Roman „Tagame“ reicht weit zurück in die Vergangenheit Goros und Kogitos. Die beiden verbindet ein Geheimnis aus den Jahren der amerikanischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg, an das sie als Erwachsene jahrzehntelang nicht rühren: „DIESE SACHE“. Haben sie sich um ein Haar in die Machenschaften einer nationalistischen Terrorgruppe hineinziehen lassen, die Anschläge gegen die amerikanischen Truppen plante? Oder geht es um eine homosexuelle Begegnung zwischen Goro und einem amerikanischen Offizier? Oder um beides?

Immer wieder rückt das Buch die zwei Romanfiguren bis zum Verwechseln nahe an die realen Personen Itami und Oe heran. Kurz nach dem finsteren, später so sorgsam beschwiegenen Zwischenfall ihrer Jugend will der künftige Regisseur ein Foto vom künftigen Schriftsteller machen: Kogito soll auf einem Spiegel liegen, Wange an Wange mit seinem Spiegelbild, umgeben von seinen Notizzetteln. Blättert der Leser nach dieser Szene im Buch um, findet auf der folgenden Seite eben dieses Foto, und der junge Mann darauf ist dem jungen Oe wie aus dem Gesicht geschnitten.

Wittstock: Obwohl man in Japan engere Beziehungen zu den Ahnen pflegt als wir in Europa, scheinen die Japaner dazu zu neigen, über bestimmte historischen Tatsachen konsequent zu schweigen. Vor allem mit Blick auf die Rolle Japans im Zweiten Weltkrieg.

Oe: Ich bewundere Deutschland für die Entschlossenheit, mit der es sich der eigenen Vergangenheit konfrontiert hat. Die Verehrung der Ahnen ist bei uns in Japan sehr pauschal. In dem Schrein, in dem sich die Seelen der Soldaten versammeln, die im Krieg gefallen sind, werden Kriegsverbrecher ebenso geehrt, wie zum Beispiel einfache Dorfbewohner, die vom japanischen Militär zum Selbstmord gezwungen wurden, damit sie nicht in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerieten. Damals mußten Mütter ihre Säuglinge töten und dann sich selbst. Die Seelen dieser ermordeten Babys finden nun im gleichen Schrein ihre Ruhe wie die Seelen deren, die ihre Ermordung anordneten. Ich habe ein Buch über das Schicksal dieser Babys geschrieben und bin verklagt worden von Hinterbliebenen jener Offiziere, die damals das Kommando führten.

Wittstock: Können die Japaner also, gerade weil sie ihre Ahnen so verehren, nur schwer ein kritisches Verhältnis zur Vergangenheit ihres Landes entwickeln?

Oe: Ja. Das ist das ein Grund. Aber alle Kriegstoten unterschiedslos in einem Schrein zu verehren, ist auch Teil der Regierungspolitik. Diese Politik sorgt für viel Zorn in anderen asiatischen Ländern wie China und Korea. Uns fehlt eine Gedenkstätte für die Menschen, die von den japanischen Truppen im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden. Ich habe großen Respekt vor dem Mahnmal, das jetzt in Berlin für die ermordeten Juden Europas errichtet wurden. Das ist eine wichtige Sache.

Die Toten geben Kenzaburo Oe keine Ruhe. Er habe, sagt er, sein neues Buch „Tagame“ geschrieben, um sich ihrem Urteil zu stellen, um sich von ihnen kritisieren zu lassen kann. Und das Urteil der Toten ist streng, eine Menge Ausreden, Ablenkungen, Illusionen werden in ihrer Gesellschaft erkennbar als das, was sie sind: Ausreden, Ablenkungen, Illusionen.

„Wie ist das denn für einen jungen Studenten wie Sie? Es ist doch sicher merkwürdig für Sie, bei den Toten zu arbeiten“, fragt der Verwalter des Leichenkellers in der Erzählung „Stolz der Toten“ einen seiner beiden Begleiter: „Wenn man noch voller Hoffnung ist! Gerät sie nicht ins Wanken beim Anblick der Toten?“

Oe war gerade erst 23 Jahre alt und Student, als er diese Geschichte veröffentlichte. „Ich habe keine Hoffnung“, antwortet sein junger Held. „Man braucht keine Hoffnung zu haben. Ich will mein Leben gut führen und gut studieren. Für ein solches Leben braucht man keine Hoffnung. Ich habe, außer in der Kindheit, nie mit Hoffnung gelebt, ich hatte kein Bedürfnis danach.“

Keine Hoffnung. Die Pagen huschen im Frankfurter Hotel vorüber, die Gäste schmiegen sich in die Ledersessel. Draußen streicht die laue Luft des Spätsommers über die Lebenden. Drinnen sitzt Oe, spricht von den Toten und lacht.


Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Annette Mingels Roman “Was alles war”

Der Roman einer echt krassen Herde

Am 27. November 2017 hatte ich das Vergnügen in Berlin die Laudatio zu halten anlässlich der Verleihung des Buchpreises 2017 der Stiftung Ravensburger Verlag an Annette Mingels für ihren Roman „Was alles war“. Es ist ein genau gearbeiteter, kluger Roman, der vor Augen führt, wie sehr sich das Verständnis von Familie in einer liberalen Gesellschaft heute verändert hat. Schon deshalb hat es mir Freude gemacht, eine Rede lang das Loblied auf dieses Buch zu singen.

Liebe Frau Hess-Maier,
sehr geehrter Herr Hauenstein,
sehr verehrte Damen und Herren,
vor allem aber: Liebe Frau Mingels,

wenn wir wissen wollen, in welcher Epoche wir leben, sollten wir gut zählen können. Früher einmal machte man es sich einfach und nannte unser Zeitalter die Moderne, der wir mit bürgerlicher Gesellschaft, individueller Freiheit und Demokratie fast alles verdanken, was unser politisches Denken bis heute prägt. Aber es ist noch nicht lange her, rund 30 oder 35 Jahre, als die Soziologen Anthony Giddens und Ulrich Beck beschrieben, wie sich diese gesellschaftlichen Grundlagen durch die Globalisierung, aber auch die Flexibilisierung der Arbeitswelt gleichermaßen zu radikalisieren und aufzulösen begannen – und nannten diese Entwicklung die Zweite Moderne. In der jüngsten Zeit beginnt nun die digitale Revolution diesen Prozess noch weiter zu beschleunigen, die Freiheiten des Einzelnen von gesellschaftlichen Zwängen scheinen immer größer, die Welt immer kleiner zu werden, aber verwirrenderweise ist gleichzeitig auch das Gegenteil richtig, denn es scheinen sich im Zugriff von Big Data sämtliche Freiheiten zu verflüchtigen und auf die Grenzenlosigkeit der Gegenwart eine neue Sehnsucht nach politischen Grenzen, Mauern, Zäunen zu antworten – was jetzt die Dritte Moderne genannt wird.

Wer heute einen Roman über unsere Gegenwart schreiben will, sollte also mindestens bis Drei zählen können. Denn man kann Geschichten von Menschen in unserer Zeit nicht erzählen, wenn man sich nicht auch ein Bild von dieser Zeit macht. Das sollte allerdings nicht das Bild der Soziologen sein, deren Geschichten immer von gesellschaftlichen Gruppen und Prozessen handeln, sondern im Roman müssen es die Bilder sein, die einzelne Figuren sich von ihrem Zeitalter machen, während diese Einzelnen zugleich von ihrem Zeitalter “gemacht” werden. Das ist klein leichtes Geschäft.

In ihrem Roman „Was alles war“ ist Annette Mingels diesem schwierigen Geschäft glanzvoll nachgegangen. Und sie hat es sich dabei alles andere als einfach gemacht. Denn sie erzählt von einigen der wichtigsten und zugleich ungreifbarsten, den prägendsten und zugleich ambivalentesten Faktoren, die ein Leben beeinflussen: Sie erzählt von dem Geflecht der Familienbindungen. Und davon, wie sich dieses Geflecht in einer dreifach gestaffelten, ersten, zweiten, dritten Moderne verändert, um das bleiben zu können, was es ist: ein Netz, das den Einzelnen wenn möglich nicht einfängt und fesselt, sondern auffängt und ihm Halt bietet.

Die Hauptfigur, von der Annette Mingels in ihrem Roman erzählt, ist eine kluge Frau. Sie heißt Susanna, erforscht als Meeresbiologin das Liebesleben der Plattwürmer, hat aber auch mit dem Liebesleben der Menschen schon ein paar Erfahrung gesammelt und kann verdammt gut bis Drei zählen. Sie könnte hier bei uns in diesem Saal sitzen, die Erkenntnisse der aktuellen Soziologie würden sie nicht überraschen, denn sie geht mit offenen Augen durch ihre Zeit und weiß sehr genau, wie tiefgreifend sich Familie in der liberalen Welt des Westens verändert hat.

Annette Mingels: "Was alles war". Roman. Knaus Verlag. 19,99 Euro

Denn Susanna ist – wie uns allen auch – in diesem Zeitalter die Freiheit der Entscheidung geschenkt worden. In Susannas Familienleben wird das besonders deutlich: Sie ist von ihren Eltern adoptiert worden, ihre Eltern haben sich also sehr bewusst für sie entschieden. Und ihre leibliche Mutter Viola hatte sich zuvor die Freiheit genommen, sie und ihre drei Geschwister zur Adoption freizugeben, weil sie, wie sie Susanna einmal schreibt, „seit jeher vor der Abhängigkeit in jeder Form zurückschreckt“. Aber damit nicht genug der Entscheidungen: Als sich Susanna in einen jungen Witwer namens Henryk mit zwei kleinen Töchtern verliebt, steht sie vor der Entscheidung nicht nur für oder gegen eine Ehe, sondern zugleich vor der für oder gegen eine Patchwork-Mutterschaft. Und die modernen Verhütungsmittel verschaffen ihr die Möglichkeit, sich für oder gegen ein drittes, gemeinsames Kind mit ihrem Mann zu entscheiden, um das familiäre Patchwork noch ein wenig bunter zu machen. Und als Henryk den lang ersehnten Ruf erhält, als Professor an einer Universität zu unterrichten, die aber unglücklicherweise fernab von jedem meeresbiologischen Institut liegt, ermöglicht Susanna das moderne Scheidungsrecht sich frei zu entscheiden zwischen ihrer beruflichen Selbstständigkeit als Alleinerziehende in ihrer vertrauten Küstenstadt  oder dem Leben als einer Fernpendler-Mutter und -Wissenschaftlerin  oder eben auch als Ehefrau, die ihre persönlichen Berufschancen eintauscht gegen die traditionelle Familienbindung.

Doch spätestens bei dem letztgenannten Entscheidungsszenario wird überdeutlich, wie zynisch es ist, noch von der Freiheit zur Entscheidung zu sprechen, obwohl es sich doch unverkennbar um einen Entscheidungszwang handelt, der die Heldin Susanna, gleichgültig wie sie sich entscheidet, zu zerreißen droht. Denn das macht die Schattenseite jener umfassenden Liberalisierungen aus, vor die wir uns durch die Entwicklungslogik der modernen Gesellschaft gestellt sehen: Sie befreit uns von lauter überkommenen sozialen Zwängen, um uns im Gegenzug vor den Zwang zu unseren ganz persönlichen Entscheidungen zu stellen, die dann unsere Verantwortung ausmachen.

Zu dem Großartigen an Annette Mingels Roman gehört, dass er diese Dialektik der gewachsenen Freiheiten nicht beklagt, denn wer würde sich schon die angeblich so guten alten Zeiten der Unfreiheit zurückwünschen. Nein, der Roman klagt nicht über die neuen Freiheiten, sondern er beobachtet und beschreibt ihre Auswirkungen mit großer psychologischer Einfühlungskraft. Ihre kluge Heldin Susanna erlebt den permanenten Entscheidungszwang, vor den sie sich gestellt sieht, nämlich zugleich als einen Bewusstmacher, der sie dazu anhält, sich alle Möglichkeiten, Chancen, Alternativen in ihrem Leben sehr genau vor Augen zu führen, bevor sie sich entscheidet. Niemand wird behaupten, das wäre leicht, aber es sorgt doch auch dafür, das sie intensiver und eben bewusster lebt. Es ist keine Konvention, kein blindes Schicksal und auch nicht die Diktatur der Mutterschaft, die sie an ihre Ehe und Familie fesseln, sondern es ist die Wahl, die sie selbst für sich trifft.

Natürlich geht es in diesem Roman nicht um Susanna allein, das macht ja den Reiz eines Familienromans aus, dass die Entscheidungen jeder einzelnen Figur immer auch abhängig sind und zurückwirken auf die Entscheidungen anderer Figuren. Doch der Versuch zu zeigen, mit welchem erzählerischen Geschick Annette Mingels auch die anderen Figuren ihrer Geschichte mit ihren jeweiligen Wahlzwängen konfrontiert, führte hier zu weit. Beeindruckend ist auch, wie sie ihre Heldin Susanna zwischenzeitlich in der Vielzahl von Rollen, denen sie als Wissenschaftlerin, Ehefrau, Mutter und zugleich auch noch als Tochter eines sterbenden Vaters gerecht werden muss, an die Grenze ihrer Kräfte führt – und noch ein gutes Stück über diese Grenze hinaus, wo sich Susanna dann so gründlich selbst verliert, dass von ihr nicht mehr aus der Ich-Perspektive erzählt werden kann, sondern nur noch aus einer distanzierten Außenperspektive.

Annette Mingels Foto: (c) Hendrik Lüders

Aber auch das ist noch nicht alles, was in diesem Roman steckt. All das klingt nach einer sehr ernsten, sehr gewichtigen Geschichte, die hier erzählt wird, und das ist auch richtig so. Aber Annette Mingels versteht es zugleich, die wunderbaren kleinen Unvernünftigkeiten und Irrtümer ihrer Figuren mit Ironie anklingen zu lassen. Dutzendfach entdecken sie Familienähnlichkeiten zwischen Menschen, zwischen denen es zumindest aus biologischen Gründen gar keine Familienähnlichkeiten geben kann. Und als sich Susanna schließlich nach dem Tod ihres Adoptivvaters auf die Suche macht nach ihrem biologischen Vater, der von ihrer Geburt nie etwas erfahren hat, entdeckt sie genetische Zusammenhänge, über die ich hier lieber nichts verraten will, um niemanden, der den Roman noch nicht gelesen hat, eine Schlusspointe vorwegzunehmen.

Aber ich glaube, dass in diesen ironischen Momenten des Romans zugleich ein großes Stück Weisheit liegt.  Es gibt einen, wie ich finde: sehr philosophischen Film über eine Adoption, der vor einigen Jahren in historischer Verkleidung von unserer modernen Erfahrung erzählte, dass Familie heute nicht mehr unbedingt in dem Fundament der gemeinsamen Gene wurzelt, sondern auch auf der Grundlage gemeinsamer Entscheidungen sich entwickeln kann. Es ist ein Trickfilm, heute nennt man so etwas einen Animationsfilm, und ich habe ihn gemeinsam mit meinen damals noch recht kleinen Söhnen angeschaut. Er heißt „Ice Age“, spielt in einer sehr frühen Steinzeit, und handelt von einem einsamen Mammut, einem Säbelzahntiger mit Altersproblemen und einem vorlauten, ein wenig dummen Riesenfaultier namens Sid. Die drei sind von der Natur offenkundig nicht füreinander bestimmt, aber sie haben sich entschieden, zusammen zu bleiben, und sie fahren gut damit, da sich ihre Stärken und Schwächen vorteilhaft ergänzen – und außerdem adoptieren sie vorübergehend einen verlorenen Menschensäugling, um ihn zurückzubringen zu seinen Eltern. Nachdem viele Abenteuer bestanden, der Säugling beim glücklichen Vater abgegeben und die Steinzeitwelt wieder in Ordnung ist, wendet sich Sid, das Riesenfaultier vom Stamme der Shakespearischen Narren an seine beiden Begleiter und meint: „Also, ich weiß nicht, wie ihr darüber denkt, aber wir sind die krasseste Herde, die ich kenne.“

Tja, und vermutlich geht es einfach darum, nicht nur beim Zusammenleben von Mammut, Tiger und Faultier, sondern auch bei Susanna, Henryk, Henryks beiden Töchtern und ihrem gemeinsamen Sohn, dass sie bei all den Unterschieden, die sie trennen, und den aufreibenden Entscheidungs-Abenteuern, die ihnen die Moderne abverlangt, dennoch immer wieder mal zu der Überzeugung kommen, hey, wir sind die krasseste Herde, die wir kennen.

Meine Damen und Herren, ich danke für Ihre Geduld, und liebe Frau Mingels, ich gratuliere ihnen zu ihrem großartigen Roman „Was alles war“ und beglückwünsche Sie sehr herzlich zum Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag 2017.

 

Veröffentlicht unter Berliner Buchbetriebs-Berichte, Über Bücher | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar