10. Todestag von Robert Gernhardt

Die Seele ist wund

Heute vor 10 Jahren starb Robert Gernhardt. Er war ein umfassend begabter Künstler und Schriftsteller und darüber hinaus ein großartiger Mensch. Ich halte es für ein Versagen der Deutschen Akademie und einen bleibenden Makel des Büchner-Preises, das Robert Gernhardt ihn nie erhalten hat. Sportreporter bejubeln manche Profis als „vollständige“ Spieler, weil sie über jede Schlag- oder Schusstechnik ihrer Disziplin perfekt verfügen. In diesem Sinne war Gernhardt ein vollständiger Lyriker: Er beherrscht alle Formen und Tonfälle, schreibt philosophische Gedichte ebenso wie melancholische, ironische wie elegische, Heine’sche wie schweinische.
Als Erinnerung an Robert Gernhardt hier mein Bericht über seine Trauerfeier 2006 in Frankfurt.

Robert Gernhardt: "Gesammelte Gedichte 1954 - 2006". S.Fischer verlag, 16 Euro

Es war einer dieser strahlenden Sommertage, hell und leuchtend, wie Robert Gernhardt sie geliebt hat. Hunderte von Trauergästen versammelten sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, um sich von ihm, der das Licht zeitlebens so blendend besungen und gemalt hat, endgültig zu trennen.

Trost gab es da kaum. Allenfalls in den Zeilen seines Dichterkollegen Gottfried Benn: „Am schlimmsten: / nicht im Sommer zu sterben, / wenn es hell ist / und die Erde für Spaten leicht.“ Dieses Schlimmste blieb Gernhardt erspart.

Aber ist das ein Trost? Sie waren alle, alle da, um einen der Größten aus ihrem Kreis zu verabschieden. Frankfurt ist heute, hat Gernhardt einmal geschrieben, „der Ort mit der größten Satirikerdichte Deutschlands“. Angelockt nicht zuletzt durch die hier angesiedelten Satiremagazine „Pardon“ und „Titanic“ haben sich in dieser Stadt mehr Autoren und Zeichner mit Talent zur Komik niedergelassen als irgendwo sonst im Land.

Der Ruhm der „Neuen Frankfurter Schule“, dieser lockeren Vereinigung unterschiedlichster Künstler-Temperamente im Zeichen von Witz und Spott und Ironie ist bundesweit längst legendär. Wenn Frankfurt heute so etwas wie eine literarische Seele hat, dann ist sie machtvoll geprägt durch diese Komik-Fachpersonal.

Robert Gernhardt: "Reim und Zeit". Gedichte. Reclam Verlag. 5 Euro

Doch die Seele in wund. Und das nicht erst seit Gernhardts Tod vor gut einer Woche. Die komische Literatur und Kunst aus Frankfurt und Umgebung erlebt eine Schwarze Serie ohnegleichen. In den vergangenen vier Jahren starben der Kabarettist Matthias Beltz, der Jazzgitarrist und Cartoonist Volker Kriegel, die Gründungsmitglieder der Neuen Frankfurter Schule Chlodwig Poth und F.K.Waechter, der Cartoonist und Maler Bernd Pfarr und die Pianistin und Kabarettistin Anne Bärenz. Und sie starben ausnahmslos vor ihrer Zeit, allzu viele erlebten nicht einmal ihren sechzigsten Geburtstag.

Der Tod hat schrecklich reiche Ernte gehalten unter Leuten, denen die Herzen zuflogen, weil sie Kritik und Komik, Geist und Gelächter, Poesie und Pointen zu verbinden verstanden zu einer lebenssteigernden, weil Gedanken, Gefühle und Gelüste ihres Publikums intensivierenden Mixtur.

Nicht zuletzt das macht den Abschied von ihnen so schwer: Denn in ihrem Witz lag immer auch ein utopisches Moment, ihr Witz barg immer auch eine Erinnerung daran, welche Lust das Leben sein könnte. Und wer versteht sich schon darauf, von solcher Utopie Abschied zu nehmen?

Natürlich wäre es zuviel gesagt, wollte man behaupten, daß eine ganze Stadt derzeit Trauer trägt um Robert Gernhardt. Frankfurt hat sich in den vergangenen Tagen der Euphorie der Fußball-WM hingegeben so wie das ganze Land. Doch mischte sich bei einem großen Teil der Bürger dieser Stadt seit der Nachricht von Gernhardts Tod in die Festtagstimmung das Empfinden, einen ganz persönlichen Verlust erlitten zu haben.

Man hat Gernhardt, der über vierzig Jahre in Frankfurt lebte, nicht nur auf Lesungen gehört, man ist ihm auch auf Straßen, in Kneipen oder Cafés begegnet. Es ist verblüffend, wie viele Menschen, die sich keineswegs zum Literaturbetrieb zählen, Gedichte von ihm liebend gern auswendig hersagen und einige seiner Zeilen regelrecht zu ihrer intimen Bewußtseins-Ausstattung zählen. Welcher Schriftsteller sonst könnten heute Ähnliches von sich und seinem Werk behaupten?

Robert Gernhardt: "In Zungen reden" 2 Audio-CDs. Der Hörverlag, 10,99 Euro

An Gernhardts Sarg sprachen Bernd Eilert über ihn als Dichter, F.W. Bernstein über ihn als Zeichner, Peter Knorr über ihn als Satiriker und Petra Roth, die Frankfurter Oberbürgermeisterin, dankte dem Toten im Namen der Stadt. Niemand konnte Gram und Schmerz in den Reden seiner drei Weggefährten überhören, niemand aber auch diesen unvergleichlichen Ton aus Intelligenz, Eleganz und Witz, der selbst die Trauergemeinde einiges Lachen entlockte.

Gernhardt und seine Freunde haben diesen Ton, der so herrlich leicht ist und so schwer zu treffen, in die Literatur und damit ins Leben ihrer Leser gebracht. Und er wird so schnell nicht wieder verschwinden, denn er ist nicht zuletzt aufgehoben in Gernhardts Gedichten und Erzählungen. Vielleicht ist das der beste, der einzige Trost an solchen ebenso strahlenden wie trostlosen Tag. Es ist mit Gernhardt etwas in die Welt gekommen, das ihr bleibt. Man kann, auch wenn er tot ist, dem Geist Gernhardts begegnen, sobald man eines seiner Bücher aufschlägt.

„Sicher“, sagte Bernd Eilert, der zusammen mit Gernhardt und Peter Knorr unter anderem Texte und Drehbücher für Otto Waalkes schrieb, „sicher“, sagte Eilert, sie hätten gelegentlich im Schatten Gernhardts gestanden, „aber ich habe mich gesonnt in diesem Schatten“.

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Sibylle Berg: “Der Tag, als meine Frau einen Mann fand”

„Apropos – haben Sie jetzt Angst vor mir?“

Ist sie die Fachfrau des Brutalen in der Literatur? Oder ein scheues Reh? Sibylle Berg erzählt in ihrem Roman “Der Tag, als meine Frau einen Mann fand” mit grellen Worten eine grelle Dreiecksgeschichte

Eine Begegnung auf den Höhen des Prenzlauer Bergs

Sie ist die Meisterin des Spotts, eine Virtuosin der Verachtung und des Zorns. Ihre Romane leben von Polemik, nicht von Poesie. Sie kultiviert einen kalten Blick auf Menschen und spaltet das Publikum damit zuverlässig in zwei Lager: zarte Gemüter, die erschauern vor der Wucht ihres Grimms, und in Abgebrühte, die ihren Furor genießen.

Sibylle Berg: "Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand". Roman. Hanser Verlag. 19,90 Euro

Wir sind in einem Café in Berlins Prenzlauer Berg verabredet: Trödlermöbel, gepflegte Stillosigkeit, Wohnküchenflair. Sibylle Berg betritt den Raum, scheu wie ein Reh, das sich in der Mondnacht auf eine Lichtung vortastet. Dann kuschelt sie sich auf eins der Sperrmüllsofas, zieht noch die Füße hoch aufs Polster, schmiegt den Kopf an die Rückenlehne. Jetzt wirkt sie wie ein Kätzchen, das sich genussvoll auf ein Kissen drapiert. Wird sie gleich schnurren? Sie schnurrt nicht.

Schon als ich den Verlag ihres neuen Romans bat, das Treffen mit ihr zu arrangieren, hieß es, manche Journalisten hätten regelrecht Angst vor ihr. Doch Angst brauche man nicht zu haben. „Es ist schwer, gegen Kategorisierungen anzugehen“, sagt Sibylle Berg. „Am besten spart man sich die Mühe. Wenn Journalisten schreiben: Frau Berg ist nett, die Bücher auch, wird das ja kein spannender Artikel. Also beschreiben sie mich als die Fachfrau des Bösen, Brutalen. Ist Literatur, die nicht brutal ist, interessant? Apropos – haben Sie jetzt Angst vor mir?“

Ihr neuer Roman heißt „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“. Er erzählt von einer vertrauten, um nicht zu sagen von einer steinalten Erfahrung: Die erste Leidenschaft der Liebe bleibt nicht lange frisch. Rasmus und Chloe sind in Sibylle Bergs Buch seit fast 20 Jahren ein Paar, von der Glut, die sie einst aneinanderschmiedete, ist nur noch Asche geblieben.

Für romantische Illusionen lässt der Roman keinen Raum. Auf der ersten Seite lernen wir Rasmus beim Onanieren kennen und sehen zu, wie er sein Sperma tölpelhaft auf der Computertastatur verschmiert. Chloe masturbiert lieber unter der Dusche und ist froh, dass die beiden immer seltener miteinander schlafen, denn mehr als einen „kleinen Schmerz“ empfindet sie nicht dabei. „Ich hatte früher“, sagt Chloe, „nichts gegen Sex. Falls es rhetorisch korrekt ist, würde ich sagen, dass ich theoretisch gerne ficke. Aber nicht mit Rasmus.”

Sibylle Berg: "Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand". 5 Audio-CDs. Gesprochen von Katja Riemann und August Zirner. Audio Media Verlag. 19,99 Euro

Doch trennen wollen oder können sich die beiden nicht. Zu tief stecken sie in ihren Gewohnheiten. Sie haben weder den Wunsch noch die Kraft, allein oder gemeinsam zu neuen Ufern aufzubrechen: „Schlafen, essen, ficken, kacken. Das ist es, bitte schön, worum es geht“, resümiert Rasmus.

„Kann es sein“, frage ich die malerisch ins Sofa geschmiegte Sibylle Berg, „dass Sie die Helden Ihres Romans nicht mögen?“

„Ist es für einen Roman nicht uninteressant, ob ich tiefe Gefühle für die von mir erdachten Menschen aufbringe? Die meisten Menschen, mich selbst eingeschlossen, rühren mich, weil sie an ihren zu großen Erwartungen ans Leben scheitern.“

Haben nicht alle Leute zu große Erwartungen ans Leben?

„Ich nicht.“ Sie schüttelt den Kopf. „Ich habe nur sehr kleine, niedliche Erwartungen.“

Sagt sie. Dabei könnte sie große Erwartungen haben. Sie ist gut im Geschäft, eine Erfolgsautorin: Auf ihrer Website verzeichnet sie elf Bücher und 18 Theaterstücke, die zusammen in 26 Sprachen übersetzt worden sind. Ihr Stück „Und jetzt: die Welt!“ wurde vom Fachblatt „Theater heute“ zum Stück des Jahres 2014 gewählt.

Sibylle Berg: "Vier Stücke" (Helges Leben. Ein schönes Theaterstück / Wünsch Dir was! Broadwaytaugliches Musical / Schau, da geht die Sonne unter. Ein Spaß ab 40 / Das wird schon. Nie mehr Lieben!) Reclam Verlag. 8,90 Euro

Es geht ihr also besser als ihrem Helden Rasmus, denn der hat seine Karriere als Regisseur an die Wand gefahren. Zum ehelichen Elend kommt nun noch ein finanzielles. Doch nicht nur das: Chloe verliebt sich in einem schmuddeligen Tropenort in einen Masseur namens Benny. Er folgt ihr nach Europa, sie quartiert ihn in der gemeinsamen Wohnung ein, überlässt Rasmus das Schlafzimmer und zieht zu Benny auf die Couch. Mit ihm hat sie nun überall Sex: „Natürlich auf dem Ehebett, ein Wort, in dem Pflichterfüllung mitschwingt, natürlich in der Küche, während des Essens, im Bad selbstredend.“

Sibylle Bergs Augen stehen erstaunlich schräg. Man sieht das noch genauer, wenn man ihr auf Sofalänge gegenübersitzt. In Kitsch-Romanen würden sie wohl außerdem noch „mandelförmig“ genannt. Das verleiht ihr einen irritierenden, irgendwie schnittigen Blick. Sie unterstützt diese Wirkung nach Kräften mit den Tricks der Kosmetik. Sie scheint diese Wirkung zu genießen.

„Die liebenswerteste Figur ist wohl Benny“, sagt sie. „Er wird erst von Chloe, dann von Rasmus ausgenutzt. Aber bei Dreierbeziehungen bleibt meist einer auf der Strecke. Wir verraten noch nicht, wer das in meinem Roman ist.“

Früher einmal, in den angeblich guten alten Zeiten, in denen es schon als politische Protestform galt, wenn Männer lange Haare trugen, gab es noch das Wort vom „Bürgerschreck“. Sibylle Berg gefällt sich in der Rolle eines literarischen Bürgerschrecks. Sie provoziert gern ein bisschen, sie redet oder schreibt gern ein bisschen zu schrill über Sex und benutzt ein bisschen zu häufig Worte, die feine ältere Damen für wenig salonfähig halten könnten.

Das wirkt gelegentlich ein wenig pennälerhaft, zugegeben. Aber hinter dieser Attitüde, hinter diesem Markenzeichen macht sich fast immer noch etwas anderes bemerkbar: eine scharfe Verzweiflung darüber, wie brutal das Leben mit unseren Träumen und Idealen umspringt. Wie bitter es ist, dabei zuzuschauen, wenn die eigenen Leidenschaften verwehen. Wie die Zeit uns in einen gnadenlosen Abnutzungskampf zwingt, den wir nicht gewinnen können.

Zynismus, so soll der italienische Schauspieler Alberto Sordi einmal gesagt haben, entstünde, wenn ein heißes Gefühl zu kalt geduscht wird. Manche der galligen Spitzen, die Sibylle Berg in ihre Romane packt, sind billige Effekthascherei. Sie neigt zur Selbstinszenierung, mal als böse Domina der deutschen Literatur, mal als scheues Reh oder als Kätzchen mit wildem Blick. Doch wenn man genau hinschaut, entdeckt man hinter ihren diversen Masken ein heißes Herz unter einer zu kalten Dusche.

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Michael Köhlmeier: “Zwei Herren am Strand”

Zwei Genies in Not

Der Tramp und der Premierminister: Michael Köhlmeier hat einen hinreißenden Roman über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Charlie Chaplin und Winston Churchill geschrieben. Die Handlung von “Zwei Herren am Strand” ist angesiedelt in der Halbwelt zwischen Fakten und Fiktionen.

Eine Begegnung mit Köhlmeier in Bregenz am Bodensee

Es ist, als würde er Scheinwerfer einschalten. Michael Köhlmeier gehört nicht zu den auffälligen Menschen. Er ist weder groß noch laut, noch fuchtelt er rum. Wenn er nicht redet, kann man ihn leicht übersehen. Aber sobald er erzählt, sobald er eine Geschichte beginnt, Figuren auftreten lässt, Handlungsfäden aufnimmt und fortstrickt: Dann ist es, als knipste jemand das Licht an, das Licht auf einer Bühne, die man nur mit inneren Augen sieht und auf der Köhlmeier ein kleines Welttheater dirigiert. Zu einem auffälligen Menschen macht ihn das allerdings noch immer nicht. Im Gegenteil, er verschwindet dann ganz und gar hinter seiner Geschichte.

Michael Köhlmeier: "Zwei Herren am Strand". dtv. 9,90 Euro

In seinem neuen Roman „Zwei Herren am Strand“ (Hanser) erzählt Köhlmeier von zwei Genies. Von Winston Churchill und Charlie Chaplin und ihrer erstaunlichen Freundschaft. Beide bekämpften denselben Feind: Hitler. Churchill als Premierminister Großbritanniens, Chaplin als Regisseur seines Meisterwerks „Der große Diktator“. Beide rangen aber auch mit dem gleichen inneren Feind, denn beide litten an Depressionen.

Für Churchill war es der „schwarze Hund“, der ihn zeitlebens bedrohte, ihn oft an den Rand des Selbstmords trieb und den er mit Alkohol betäubte. Chaplin war vor allem gefährdet, wenn er Filme fertiggestellt hatte und von der Vorstellung geplagt wurde, sie erfüllten seine Ansprüche nicht und seien misslungen.

Der Roman hält sich nicht in allen Punkten an die biografischen Tatsachen. Köhlmeiers Lust am Fabulieren ist viel zu groß, als dass er nur von dem erzählte, was die Historiker über seine zwei Helden in Erfahrung bringen konnten. Bei ihm lernen sich die beiden bei einer Schauspielerin in Santa Monica kennen, machen einen Strandspaziergang und schließen einen geheimen Pakt: Wann immer, wo immer einer von ihnen akuten Beistand braucht gegen die Depression, soll der andere alles stehen und liegen lassen und ihm zu Hilfe eilen.

Einfach haben sie es mit ihrer Freundschaft nicht. Beide sind sie, auch wenn sie einen Diktator bekämpfen, selbst Diktatoren: Der eine am Filmset, der andere in seiner Partei. Klug zeigt Köhlmeier, wie schwer es ihnen fällt, ein anderes, ähnlich großes Genie in ihrer Nähe zu akzeptieren.

Charles Chaplin und Winston Churchill

Wunderbar ist die Szene, in der Churchill mit seiner Saufleidenschaft im Begriff ist, Chaplin endgültig zu verprellen. Bis sich Churchills kleine Tochter Sarah zu ihnen setzt und Chaplin in den dem dröhnenden Machtmenschen Churchill plötzlich den zärtlich besorgten Vater entdeckt. Was ihn mit dessen Charakterschwächen sofort versöhnt.

Köhlmeier und ich haben uns ebenfalls zu einem Strandspaziergang verabredet, in Bregenz am Bodensee. Leider regnet es, und wir beschränken uns notgedrungen darauf, unter Schirmen die Uferpromenade entlangzubummeln. „Es gibt Figuren in der Literatur“, sagt Köhlmeier, „die jeder kennt, wie Romeo und Julia, wie Huckleberry Finn oder Don Quijote, Figuren, die selbst den Leuten bekannt sind, die nie die Geschichten gelesen haben, für die sie erfunden wurden.“

Köhlmeier nennt sie: mythische Figuren. Sie haben ihre Bücher verlassen, den Buchdeckel hinter sich zugeschlagen und einen Platz direkt im kollektiven Bewusstsein der Menschen gefunden. Autoren mit solcher Erfindungskraft bewundert er maßlos. „Ich würde“, sagt er „einen Finger dafür geben, eine solche Figur zu erfinden.“ Dann lacht er: „Ach was, eine ganze Hand würde ich geben.“

Chaplin hat das geschafft. „Sein kleiner Tramp ist längst ein Mythos“, meint Köhlmeier. „Jeder erkennt ihn, jeder liebt ihn. Seine Eleganz, seinen Witz, seinen Kampf als David gegen all die Goliaths dieser Welt.“ Bei Churchill ist es ähnlich. Als Politiker mit Charisma hat er sich selbst zu einer Art Kunstfigur stilisiert: Das Foto vom unbeugsamen Mann mit Anzug und Zigarre, der zwei Finger zum Victory-Zeichen gespreizt in die Kamera hält, wurde zur Ikone des Widerstands gegen Hitler.

Köhlmeiers Roman erzählt von dem Preis, den beide für ihre enorme Begabung zahlten, von der seelischen Finsternis, in die sie gelegentlich stürzten. Und von dem Beistandspakt zwischen diesen zwei so ungleichen Männern. Churchill, der dem höchsten Adel Englands, Chaplin, der dem hoffnungslosesten Elend Londons entstammte.

Es ist eine ungeheuer suggestive Geschichte, die auf einem schmalen Grat zwischen Fakten und Fiktionen entlangbalanciert. Sie strickt fort an den Mythen von Chaplin und Churchill. Vielleicht ist nicht alles genau so gewesen, wie Köhlmeier es erzählt. Aber er erzählt es so gut und glaubwürdig, dass man in seiner Geschichte mehr Wahrheit findet als in den nackten Tatsachen.

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Buch&Bar 69: David Grossmann “Kommt ein Pferd in die Bar”

Das verletzte Lachen über die Gesunden

 Heute über:  Lustvoll beleidigendes Lesen und Trinken

David Grossman: "Kommt ein Pferd in die Bar". Übersetzung: Anne Birkenhauer. Hanser Verlag, 19,90 Euro

Bei Buch & Bar war bislang noch nicht von Jan Böhmermann die Rede. Diese peinliche Lücke der deutschen Presselandschaft kann ich jetzt schließen, nachdem ich Ayran probiert habe. Das ist der Joghurt-Drink, den Erdogan zum türkischen „Nationalgetränk“ erhoben hat. Er schmeckt wie leicht gesalzene Dickmilch. Ich mochte ihn – und das ist gut für mich. Denn die Eisteefirma Caykur fand Ayran zum Einschlafen und wurde von Erdogans Handelsministerium prompt wegen Beleidigung bestraft. Merke: Redest du von Erdogan, / dann ruf schon mal den Anwalt an.

Zugegeben, manche Witze der Böhmermänner dieser Welt zeugen eher von Zorn als von Geschmack. In dem Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ lässt David Grossman (Hanser Verlag, 19,90 Euro) so einen wutschnaubenden Comedian auftreten und einen Abend lang von seinem Leben erzählen. Seine Pointen sind bissig, blutig, böse oder, wie die Kanzlerin wohl sagen würde, bewusst verletzend. Aber diese Wut hat ihre Gründe. Das Leben ist nämlich oft auch ziemlich bissig, blutig, böse. Und die Leute, denen das nie was ausmacht, weil sie mit allem prächtig zurechtkommen, ja sogar Präsidenten, Machthaber, Diktatoren werden findet Grossmans Comedian schlichtweg zum Kotzen. Mir leuchtet das ein, und ich glaube, aus Grossmans Buch etwas über des Seelenleben von Satirikern des Böhmermann-Kalibers gelernt zu haben, was anderweitig nicht zu lesen war. Ein fabelhafter Roman ist es außerdem.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Zum Geburtstag von Wolfgang Koeppen

“Koeppens entscheidendes Buch ist im falschen Augenblick erschienen. Viel zu früh!”

Vor zehn Jahren wurde Wolfgang Koeppens 100. Geburtstag gefeiert. Damals war das für mich ein Anlass, mit Marcel Reich-Ranicki über diesen Meister des Verträumens und Versäumens zu sprechen, schließlich hatte sich MRR für ihn hartnäckig und über Jahre hinweg eingesetzt – allerdings ohne den durchschlagenden Erfolg bei den Lesern, den Reich-Ranicki sonst von sich gewohnt war. Er zählte Koeppen zu den wichtigsten Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur. Weshalb Koeppen dennoch nur ein recht kleines Publikum findet, ist m.E. auch heute noch, an Koeppens 110. Geburtstag, ein paar Überlegungen wert.

Uwe Wittstock: Für keinen anderen Schriftsteller haben Sie sich so hartnäckig eingesetzt wie für Wolfgang Koeppen. Heute gehört er unverändert zu den wenig gelesenen deutschen Nachkriegsautoren. Ist Koeppen für Sie als Literaturvermittler eine große Niederlage?

Wolfgang Koeppen: "Tod in Rom". Suhrkamp, 9 Euro

Marcel Reich-Ranicki: Nein. Aber ein Sieg oder ein Triumph war es nun auch nicht. Das erste Buch von Koeppen las ich Mitte der fünfziger Jahre noch in Polen, den Roman “Tod in Rom”. Nachdem ich die frühen Bücher von Böll, Walser oder Siegfried Lenz gelesen hatte, erschien mir Koeppen damals der modernste unter den neueren deutschen Schriftstellern zu sein. Damit begann meine Begeisterung für ihn, ich war entschlossen, seine öffentliche Wirkung nach Kräften zu fördern. Nicht primär, um Koeppen zu unterstützen, sondern weil ich glaubte, daß es für die deutsche Literatur wichtig sei, einem so modernen Erzähler zum Erfolg zu verhelfen.

Wittstock: Was erschien Ihnen damals so originell an Koeppen?

Marcel Reich-Ranicki: Die deutsche Literatur nach 1945 stand insofern unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, als sie sich vor allem gegen Geist und Sprache des Dritten Reiches wendete. Die Autoren, die damals ihre Karriere begannen, Wolfgang Borchert, Böll, Schnurre, später Lenz schrieben im Grunde eher konventionelle Literatur, die an den Expressionismus anknüpfte oder unter dem Stichwort “Kahlschlag” firmierte: Sie kämpften gegen jedes Pathos, jeden Schwulst, noch einfacher gesagt: gegen die großen Worte, die von den Nazis mißbraucht worden waren. Hinzu kam der lapidare, lakonische Stil Hemingways, der viele Autoren damals beeinflußte. Mit all dem hatte Koeppen nichts zu tun. Er knüpfte an andere Vorbilder an, an Joyce, Dos Passos, Faulkner, Proust und Döblin. Diese Tradition moderner Prosa in Deutschland wieder zu stärken, schien mir sehr wichtig.

Wittstock: Aus heutiger Sicht wirkt manches an Koeppens Romanen gar nicht modern, sondern recht kolportagehaft.

Wolfgang Koeppen: "Tauben im Gras". Suhrkamp, 8 Euro

Marcel Reich-Ranicki: Gewisse kolportagehafte Elemente finden Sie in fast jedem Roman. Und Koeppens Romane sind von unterschiedlicher Qualität. Keine Frage, sein bedeutendstes Buch ist “Tauben im Gras”. An diesem Roman ist nichts kolportagehaft, das ist große Literatur. Etwas schwächer sind “Tod in Rom” und “Das Treibhaus”.

Wittstock: War Koeppen für Sie nicht auch eine Gegenfigur zu Arno Schmidt? Wenn Sie Koeppen für die Modernität seiner Prosa loben, dafür, daß er sich an Dos Passos und Joyce geschult hat, trifft das doch in vielleicht noch höherem Maße auf Schmidt zu?

Marcel Reich-Ranicki Ich habe mich viel mit Schmidt beschäftigt. Ich bewundere einige seiner Erzählungen, zumal “Seelandschaft mit Pocahontas” und “Die Umsiedler”. Beide habe ich in meinen Kanon aufgenommen. Seine Romane haben mich allerdings nie ganz überzeugt, sie sind oft blutleer. Es ist aber richtig, daß Schmidt in mancherlei Hinsicht einen ähnlichen Weg wie Koeppen gegangen ist. Aber weder Schmidt noch Koeppen haben einen großen Einfluß auf die deutsche Literatur der fünfziger und sechziger Jahre gehabt.

Wittstock: Bleiben wir bei Koeppen: Warum hatte er trotz seiner Modernität und Ihres Engagements für ihn so wenig Erfolg?

Marcel Reich-Ranicki: Sein entscheidendes Buch, “Tauben im Gras”, war im falschen Augenblick erschienen. Es kam 1951 viel zu früh. Das Publikum war weder bereit noch fähig, diese Literatur zu akzeptieren. Joyce war ja damals in der Bundesrepublik nahezu unbekannt, Dos Passos nie populär gewesen oder schon wieder vergessen, und Faulkner setzte sich gerade erst langsam durch. Die Deutschen waren durch die Nazis zwölf Jahre lang von der modernen Literatur abgeschnitten gewesen. Die Leser hatten kein Verständnis für Koeppen, er wirkte allzu avantgardistisch auf sie.

Wittstock: Tatsächlich?

Marcel Reich-Ranicki: Ja, das war so. Viele Leute, die ich persönlich kenne, haben auf meine Empfehlung hin “Tauben im Gras” gelesen. Und nach fünf oder zehn Seiten klappten die das Buch zu und sagten: “Ich verstehe das nicht.” Dabei sind die ersten Seiten des Buches besonders gut geschrieben – aber sie sind nicht leicht zugänglich.

Wittstock : Koeppens Roman “Tauben im Gras” wurde vorgeworfen, lebende Zeitgenossen so genau zu porträtieren, daß diese sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlen könnten. Er hat darauf in seinem Aufsatz “Die elenden Skribenten” geantwortet. Hat dieser Vorwurf Koeppens Roman damals geschadet?

Marcel Reich-Ranicki: Ich glaube nicht. Damals protestierten Leute gegen “Tauben im Gras” und behaupteten, Koeppen habe ihr Leben in dem Buch dargestellt. Doch er kannte diese Leute überhaupt nicht. Er sagte einmal zu mir, er sei verblüfft gewesen, wie viele Menschen genau jene Gefühle zu teilen schienen, die er in seinem Roman beschrieben hatte: diese Angst, dieses Leiden an der Nachkriegszeit. Er hatte sie offensichtlich genau getroffen. Ein großer Triumph für einen Schriftsteller.

Wolfgang Koeppen: "Das Treibhaus". Suhrkamp, 8,50 Euro

Wittstock: Gibt es nicht noch einfache Gründe dafür, daß Koeppen wenig Erfolg hatte? Im “Treibhaus” macht er einen Bundestagsabgeordneten zur Hauptfigur, der sich als pädophiler sozialistischer Selbstmörder entpuppt. Ist es wirklich eine Überraschung, daß dieses Buch kein Massenerfolg war?

Marcel Reich-Ranick: Nein, das ist keine Überraschung. Der Held verführt gleich nach dem Krieg ein sechzehnjähriges Mädchen – das ist, wie so vieles in den Romanen Koeppens, natürlich autobiographisch. Literatur ist doch meist Selbstdarstellung.

Wittstock: Die Hauptfigur ist sehr eindrucksvoll, aber nicht eben eine, mit der sich viele Leser gern identifizieren würden.

Marcel Reich-Ranicki: Ich habe den Eindruck, daß Koeppen “Treibhaus” viel zu schnell geschrieben hat. Das Buch ist streckenweise flüchtig. Dann kommt hinzu: Das Milieu war zuvor noch nie dargestellt worden. Noch kein anderer hatte die politische Welt in Bonn, das Parlament, die Parteien, die Fraktionen, die Bundestagsabgeordneten zum Thema der Literatur gemacht. Es gab also keine Vorbilder. Trotzdem hätte Koeppen das noch besser schaffen können, wenn er der Sache mehr Zeit gewidmet hätte.

Wittstock: Ist “Tauben im Gras” wirklich einer der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur?

Marcel Reich-Ranicki: Es ist künstlerisch der beste deutsche Roman dieser Zeit und dieser Generation. Von Arno Schmidt war schon die Rede. Seine Romane scheinen mir doch alle etwas blutleer zu sein. Uwe Johnsohn ist im Kanon selbstverständlich enthalten (eine Erzählung, ein Essay), aber ein Roman wie “Mußmaßungen über Jakob” scheint mir für die Leser doch zu schwer. Die beiden Romane von Jurek Becker und Patrick Süskind waren für den Kanon vorgesehen, mußten aber der grausamen Umfanggrenze zum Opfer fallen.

Wittstock: In einem der Briefe an Siegfried Unseld beschwert sich Wolfgang Koeppen massiv über Sie: “Reich-Ranicki, gefährlich gekränkt, begreift überhaupt nichts, hat kein Empfinden für Sätze, die nicht in seine Erwartungen passen, er mißversteht erfreut und rührt im Literaturklatsch, er liest nicht, sucht eine Wunde, steckt die Hand hinein und reißt auf zum Schlachtfest.” Haben Sie mit solchen Äußerungen Koeppens gegen Sie gerechnet, obwohl sie sich so für ihn einsetzten?

Marcel Reich-Ranicki: Nein. Ich habe damals, als das geschrieben wurde, noch nicht gewußt, was ich später gelernt habe: Die Autoren wollen meist doch nur gelobt werden. Und werden sie nicht gelobt, behaupten sie immer, der Kritiker sei gefährlich gekränkt, begreife überhaupt nichts und habe kein Empfinden für Sätze.

Wittstock: Aber Sie haben Koeppen gelobt.

Marcel Reich-Ranicki: Nein. Diesen Brief schickte er an Unseld, nachdem ich über sein Buch “Romanisches Café” geschrieben hatte, es sei ein Sammelband mit alten Arbeiten, der auch einige “ziemlich schwache Stücke, flüchtige oder nebensächliche Gelegenheitsarbeiten” enthalte. Das hat mir Koeppen verübelt.

Wittstock: Sie sind ein sehr temperamentvoller, aktiver Mensch. Koeppen dagegen war ein großer Meister des Verträumens und Versäumens. Wie sind Sie mit seiner Neigung zur Trägheit, zur Passivität zurechtgekommen?

Marcel Reich-Ranicki: Schlecht. Ich hatte gehofft, ihn zum Schreiben zu bringen. Und es ist mir auch gelungen, in sehr bescheidenen Grenzen. Also habe ich ihm immer wieder Aufträge gegeben, Bücher des 19. Jahrhunderts für die FAZ zu rezensieren. Manche dieser Bücher habe ich überhaupt nur besprechen lassen, damit er Aufträge erhielt. Aus diesen Artikeln ist dann Koeppens Buch “Die elenden Skribenten” entstanden. Ich glaube, es ist ein wichtiges Buch, aber natürlich kein Ersatz für den Roman, den ich von ihm zu bekommen hoffte.

Wittstock: In Ihrer Autobiographie “Mein Leben” nennen Sie Ihren Vater einen “willensschwachen Menschen” von “erschreckender Untüchtigkeit” und kritisieren seine “Passivität”. Die Beschreibung könnte ebensogut auf Koeppen passen. War der eine halbe Generation ältere Koeppen für Sie auch so etwas wie eine Erinnerung an Ihren Vater? Und haben Sie sich deshalb so hartnäckig für diese Vaterfigur eingesetzt?

Marcel Reich-Ranicki: Nicht im geringsten. Die Ähnlichkeiten, von denen Sie sprechen, waren mir nicht bewußt – weder als ich Koeppen zu fördern versuchte, noch als ich das Buch “Mein Leben” schrieb. Aber ich verstehe, daß sie heute darauf hinweisen.

Wittstock: Könnte es sein, daß Wolfgang Koeppen Sie unbewußt an Ihren Vater erinnert hat?

Marcel Reich-Ranicki: Ja.

 

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Hans Magnus Enzensberger: “Tumult”

Liebe in den Zeiten der Rebellion

Nie wollte Hans Magnus Enzensberger seine Autobiographie schreiben. Nun hat er es doch getan – zumindest für ein kurzes, aber wichtiges Kapitel seines Lebens: In  „Tumult“ erzählt vom wilden Jahr 1968 und seiner großen, verwirrenden Amour fou – lässt dabei aber Wichtiges ungesagt. Jetzt ist der Band als Taschenbuch erschienen. Eine Leseempfehlung.

Hans Magnus Enzensberger: "Tumult". Suhrkamp Verlag. 10,99 Euro

Hans Magnus Enzensberger ist der Lucky Luke der deutschen Literatur: schlank, lässig, ungebunden. Und: schnell. Der schnellste Dichter-Denker im Westen. Als die Nachkriegsautoren 1960 noch mühsam durchbuchstabierten, was denn die von den Nazis verbotene literarische Moderne sei, erfand er schon im Vorübergehen die Postmoderne.

Doch sich an irgendeiner Theorie fest- oder aufzuhalten, war seine Sache nicht. Lieber blieb er im Sattel, immer auf dem Weg zu neuen und allerneuesten Horizonten. Er ist, in geistiger wie in geografischer Hinsicht, einer der meistgereisten Schriftsteller des Landes. Ein Reiter mit leichtem Gepäck, souverän, ironisch, frei, der nichts so verabscheut wie Versuche, ihn an die Kette zu legen.

Doch in seiner geistigen Abenteurer-Biografie gibt es ein paar Jahre der Peinlichkeit. Es ist die Zeit der Studentenbewegung zwischen 1966 und 1970, in der er weniger der intellektuellen Pflicht zum Zweifel huldigte als vielmehr der Freude an der linken Parole. Später ließ er sich nur ungern zu dieser Phase seines Lebens befragen und gab sich wortkarg wie ein verwitterter Cowboy.

Doch kurz vor seinem 85. Geburtstag schlug Enzensberger wieder mal einen jener überraschenden Haken, für die er legendär ist. Von ihm sei, so ließ er schon mehrfach wissen, eine Autobiografie nicht zu erwarten, da er derlei Schriften allesamt für halb bewusste, halb unbewusste Fälschungen halte: „Man braucht weder ein Kriminologe noch ein Erkenntnistheoretiker zu sein, um zu wissen, dass auf Zeugenaussagen in eigener Sache kein Verlass ist.“

"Hans Magnus Enzensberger". Edition Text und Kritik. 23 Euro

Morris: "Auf den Spuren von Lucky Luke". Übersetzung: Horst Berner. Verlag: Ehapa Comic Collection. 70 Euro

Doch dann fand Enzensberger, so schreibt er es zumindest, in seinem Keller, „zwischen Weinregal und Werkzeugkasten“, eine verstaubte Pappschachtel mit lange vergessenen Briefen, Notizen und Fotos, ausgerechnet aus den politisch so brisanten 60er-Jahren. Da Inkonsequenz eine seiner lange geübten Stärken ist, hat er aus diesem autobiografischen Material jetzt – nicht ohne zuvor einiges auszuklammern und anderes zu bearbeiten – ein Buch gemacht, es auf den Titel „Tumult“ getauft und sich selbst zum Geburtstag geschenkt.

Tumult meint nicht nur das politische Getümmel jener Zeit, sondern vor allem einen persönlichen Liebestumult Enzensbergers. Auf einem „Friedenskongress“ in Baku am Kaspischen Meer entflammte er 1966 für eine Russin namens Maria, genannt Mascha – und zwar so sehr, dass er in seinen damaligen Aufzeichnungen nicht mal die Farbe ihrer Augen ohne Verwirrung notieren konnte: Erst sind sie „grün schimmernd“ und nur zwei Seiten später von einem „strahlenden Blau, das bald in ein metallisches Grau, bald in ein Türkis changieren kann“.

Hans Magnus Enzensberger: "Gedichte 1950 - 2015". Suhrkamp Taschenbuch Verlag. 10 Euro

Die beiden Verliebten lassen sich von ihren jeweiligen Ehepartnern scheiden und heiraten ein knappes Jahr später in Moskau. Doch mit Maschas Ausreise aus der Sowjetunion beginnt der qualvolle Teil dieser Amour fou: Mascha erweist sich, so zumindest beschreibt es Enzensberger, als psychisch gefährdet, rasend eifersüchtig und für ein Alltagsleben untauglich. Da Deutschland sie maßlos enttäuscht, siedelt sie gleich weiter um nach London. Und Enzensberger lässt sich wie auf der Flucht um den Globus treiben.

Es beginnt eine rastlose Suche nach einem Ort, der das Zusammenleben möglich macht. Nach vier Monaten in den USA („Mascha war nicht glücklich“) wirft Enzensberger einer amerikanischen Universität ein üppig dotiertes Stipendium vor die Füße – und begründet seine Abreise ideologisch: Das Ziel der US-Regierung sei „die politische, ökonomische und militärische Weltherrschaft“. Dann verbringt das Paar ein knappes Jahr in Fidel Castros Cuba („Mascha war glücklich“), angeblich, um die Revolution zu unterstützen. Doch schließlich erkennt Enzensberger die diktatorischen Züge des Regimes und verabschiedet sich Richtung Berlin.

Eine anrührende Liebesgeschichte. Enzensberger hat sein Privatleben bislang gegen die Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmt. Wenn er diese Deckung jetzt teilweise aufhebt, darf er sich neugieriger Blicke sicher sein.

Doch aus politischer Sicht ist das Buch enttäuschend. Den größten Teil nimmt ein Selbstgespräch ein, in dem der alte Enzensberger fiktiv den jungen Enzensberger der 60er-Jahre nach seinen Motiven ausfragt. Doch er fragt so zahm und lahm, dass er sein junges Ich nie in Verlegenheit bringt.

Jörg Lau: "Hans Magnus Enzensberger. Ein öffentliches Lebven". Alexander Fest Verlag, 24,80 Euro

Enzensbergers vorübergehende ideologische Radikalisierung fällt recht genau in die Zeit seiner Liebesschlachten mit Mascha. Kann es sein, dass seine erotische Konfusion eine Konfusion in seinem politischen Denken nach sich zog? 1971 trennte er sich von seiner Frau und kehrte danach auch in seinen Essays zu vertrauten, von Ironie und Zweifel geprägten Tonlagen zurück.

Das alles hat mehr als nur literaturgeschichtliche Bedeutung. Enzensberger nahm mit seiner Zeitschrift „Kursbuch“ erheblichen Einfluss auf die Studentenbewegung, er nennt sie heute noch stolz ein „Leitmedium“ jener Jahre. Sicher, er hat nie der Gewalt das Wort geredet. Aber wenn Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader im Mai 1970, unmittelbar nachdem sie den Häftling Baader aus Polizeigewahrsam befreit hatten, zu Enzensbergers Haus nach Berlin-Friedenau flohen, zeigt das, welche wichtige Rolle er seinerzeit für manche Wirrköpfe spielte.

Enzensberger hätte also Gründe, seine damalige Rolle einmal selbstkritisch zu beleuchten. Doch mit der charmanten Geste des literarischen Dandys winkt er ab: Ihm sei „weder an einem Verhör noch an einer Beichte gelegen“. Dem Dichter Enzensberger wird das niemand vorwerfen wollen. Doch von dem politischen Publizisten Enzensberger würde man das alles gern etwas genauer erklärt bekommen.

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Buch&Bar 68: Max Scharnigg „Herrn Knigge gefällt das! Das Handbuch für gute Manieren im Netz“

Die Liebe zum Telefon und andere Teufeleien

Heute: Über die piekfeine Lebensart beim Lesen, Trinken und digitalem Dasein

Max Scharnigg: "Herrn Knigge gefällt das! Das Handbuch für gute Manieren im Netz". Atlantik Verlag. 15 Euro

Zu den traurigsten Szenen, die ich in Bars beobachte, gehören Paare, die sich gemeinsam an Tisch oder Tresen setzen, aber kein Wort wechseln, weil sie lieber auf ihren Telefonen rumtippen oder -wischen. Da mich das schwerstens deprimiert, verlange ich, dass schleunigst drakonische Gesetze dagegen erlassen werden.

Leider hält sich das beste Benimm-Buch der Gegenwart, „Manieren“ von Asfa-Wossen Asserate, mit Regeln für den stilvollen Umgang mit digitalem Gerät zurück. Doch diese schmerzliche Lücke schließt jetzt Max Scharniggs Fibel „Herrn Knigge gefällt das! Das Handbuch für gute Manieren im Netz“ (Atlantik, 15 Euro). Es klärt Grundlagen wie z.B. die Frage, ob man bei Gesprächen ins Gesicht des Gegenübers oder doch lieber auf den vertrauten Bildschirm schauen solle. Erläutert aber auch die neue Zeichensprache der digitalen Welt: Darf man es als Liebeserklärung deuten, wenn einem der frisch gewonnene Sexualpartner das Wi-Fi-Passwort seiner Wohnung anvertraut? Und: ist es ratsam, ihm daraufhin Fotos eigener unbekleideter Körperteile zuzusenden?

Einen “Earl Grey Vodka Tonic” mit den allerbesten Manieren trank ich jüngst in der Berliner Bar „Schwelgerei“. Er schmeckte so wohlerzogen englisch, dass ich den Tweed-Dreiteiler förmlich auf dem Körper zu spüren glaubte. Gemixt wurde er aus Partisan Vodka weißrussischer Herkunft mit 40 % vol., exzellentem Tee und Thomas Henry Tonic Water.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Dave Eggers Roman “Eure Väter, wo sind sie?…” jetzt als Taschenbuch

Wie das Kind eines Dämons

Nach seinem Welterfolg „Der Circle“ legt Dave Eggers im vergangenen Jahr gleich den nächsten politischen Roman vor. Er trägt den alttestamentarischen Titel “Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?”. Es geht um einen Kidnapper, der mit Gewalt gegen Gewalt kämpft. Der Dialog-Roman ist jetzt als Taschenbuch erschienen – und lohnt die Lektüre. Eine Leseempfehlung.

Dave Eggers: "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?". Roman. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 9,99 Euro

“Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ Die Welt ist ein Rätsel, keineswegs nur für Kinder. Aber die „Sesamstraße“, jenes große Bildungserlebnis unserer frühen Jahre, weiß, wie das Rätsel zu lösen ist: Irgendwo da draußen sind Antworten. Wir müssen halt fragen, fragen, fragen. Dann werden wir sie bekommen. Dann werden wir Bescheid wissen.

Thomas glaubt fest daran. Er ist ein ratloser, nicht mehr ganz junger Mann, der an Amerikas Westküste aufwuchs und inständig um eine Richtung für sein Leben ringt. Deshalb schreibt er Briefe mit Fragen an Prominente oder Politiker. Doch sie antworten nicht. Also entschließt er sich, sie zu entführen und an entlegenem Ort anzuketten, um sich endlich in Ruhe mit ihnen zu unterhalten. Um Antworten zu bekommen.

Dave Eggers ist in den letzten Jahren zum heißesten und zugleich coolsten unter Amerikas Schriftstellerstars aufgestiegen. Jahr für Jahr legt er Romane vor, die auf die politischen Kernfragen der Gegenwart zielen: 2013 erzählte er in dem jetzt mit Tom Hanks verfilmten „Ein Hologramm für den König“ von der weltweiten Wirtschaftskrise, die dem Mittelstand den Boden unter den Füßen wegzieht, und 2014 in „Der Circle“ von den unabsehbaren Gefahren der allgegenwärtigen Überwachung aller Lebensäußerungen durch IT-Konzerne.

Den Titel seines letztjährigen Romans hat Eggers dem Alten Testament entlehnt: „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“ Das Buch handelt von einer geradezu alttestamentarischen Wahrheitssuche: Vordergründig geht es um einen Fall mühsam vertuschter Polizeigewalt, wie sie spätestens seit den Toten von Ferguson die amerikanische Gesellschaft spaltet. Im Hintergrund aber um den Verlust zukunftsweisender politischer Visionen in der westlichen Welt und um die letzten Fragen des Daseins. Um das große Wieso, Weshalb, Wozu des Lebens.

Der Roman besteht nur aus Dialogen: Kidnapper Thomas spricht, diskutiert, streitet 220 Seiten lang mit seinen entführten Opfern, darunter ein Astronaut, ein ehemaliger Kongressabgeordneter, ja sogar Thomas’ eigene Mutter. Eggers kann sich das leisten, denn seine Dialoge sind brillant geschrieben, spannend, witzig, temporeich. Wie in einem Gerichtsverhör klären sie nach und nach nicht nur den Polizeieinsatz, bei dem ein Freund von Thomas erschossen wurde, sondern enthüllen zugleich die charakterlichen Stärken und Schwächen der Beteiligten.

Dave Eggers: "Der Circle". Roman. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 10,99 Euro

Eggers hatte das alles nicht so geplant. Aber bei der Arbeit am Roman wurden die Dialoge immer mächtiger, bis sie schließlich alles Übrige aus der Geschichte herausdrängten. „Mehr als bei jedem anderen Buch, das ich zuvor geschrieben habe, hat dieses Buch sein Eigenleben entwickelt“, sagt Eggers. „Es fühlt sich seltsam und wild an, nicht wie etwas, das ich jederzeit unter Kontrolle hatte. Es ist wie das Kind eines Dämons.“

Wer den Roman mit kühlem Kopf liest, merkt das. Manches an ihm wirkt ungebändigt, fast ungeordnet. Mittendrin findet sich ein Plädoyer gegen die Hysterie, mit der heute selbst gemäßigte, angeblich unschädliche Formen von Pädophilie verfolgt werden. Sebastian Edathy würde es wohl mit Vergnügen lesen. Auch kommt Thomas der Wahrheit über den Polizeieinsatz, der seinem Freund das Leben kostete, nur auf Grund eines haarsträubenden Zufalls näher, wie ihn sich kein Thriller-Autor leisten könnte, der Wert auf Glaubwürdigkeit seiner Geschichte legt.

Doch das ändert wenig an der Faszinationskraft dieses Buches. Eggers hat ein erstaunliches Talent, die politischen Debatten der Gegenwart in mitreißende Geschichten zu verwandeln. Er liefert dabei kaum je neue, bislang unbekannte Argumente oder Einsichten. Aber er macht die oft abstrakt gewordenen Streitthemen wieder anschaulich und lebendig.

Kein Wunder, dass Eggers, 46, heute zu den Lieblingserzählern gerade des liberalen Amerika gehört. Er war gerade 22, als seine Eltern kurz hintereinander an Krebs starben und er seinen achtjährigen Bruder allein aufziehen musste – worüber er seinen ersten Roman schrieb: “Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität”. Er gründete einen unabhängigen Verlag, mehrere Literaturzeitschriften und die Non-Profit-Organisation “826 Valencia“, die Kindern Creative-Writing-Kurse anbietet.

Dave Eggers: "Ein Hologramm für den König". Roman. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 9,99 Euro

Je unlösbarer und überwältigender die Probleme einer Epoche erscheinen, desto größer wird die Neigung, Antworten von den Dichtern, von den vermeintlich weisen und erleuchteten Menschen der Zeit zu erhoffen. Da sich Eggers zudem stark für soziale Hilfsprojekte engagiert, ist offenbar die Versuchung groß, ihn zu einer Art Mutter Teresa der Literatur zu stilisieren.

Doch Dave Eggers scheint, und das macht ihn besonders sympathisch, an dieser Rolle des Gurus wenig Freude zu haben. Denn Thomas, der verwirrte Held seines neuen Romans, ist zugleich die Karikatur eines typischen Gefolgsmanns, der flehentlich auf der Suche ist nach einem Vordenker, dem er ergeben alle seine Fragen stellen kann, ohne ihn je in Frage zu stellen.

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Buch&Bar 67: Reinhard Krüger “Der Stinkefinger”

Altwerden ist eine prima Chance, noch länger zu sündigen

Heute: Über anmutiges Beleidigen beim Lesen und Trinken

Reinhard Krüger: "Der Stinkefinger. Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste". Galiani Verlag, 16,99 Euro

Ältere Damen entwickeln ja gelegentlich gewisse Eigenwilligkeiten. Nehmen wir zum Beispiel die distinguierte achtzigjährige Golf-Fahrerin, die kürzlich darauf bestand, mich zu überfahren. Ich war mit dem Fahrrad auf dem Fahrradweg unterwegs. Sie kam aus der Seitenstraße, stoppte aber erst, als ich direkt vor ihrem Kühler stand. Ich machte sie auf den Fahrradweg aufmerksam, sie nannte ihn „Bürgersteig“, mich „illegal“, ließ die Kupplung kommen und schob mich samt Fahrrad beiseite.

Ich gestehe, mir fiel in diesem Moment Reinhard Krügers Buch „Der Stinkefinger. Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste“ein (Galiani Verlag, 16,99 Euro). Es versammelt nicht nur Fotos Prominenter mit erigiertem Mittelfinger von Yanis Varoufakis bis Peer Steinbrück, sondern erklärt auch die Herkunft der Gebärde

als Anspielung auf den hochragenden Phallus. Aber kann man, frage ich Sie, einer hochbetagten, zauberhaft gepflegten Verkehrsrabaukin mit einer solchen Obszönität gegenübertreten? Ich konnte nicht.

Kurz: Ich habe versagt in der Kunst einer kultivierten Beleidigung. In meiner Berliner Lieblingsbar Victoria bekam ich, was ich zur Beruhigung dringend brauchte, den Cocktail „The Veiled Insult“: 6 Teile Bénédictine, 2 Teile Kirschlikör, 1 Teil Fernet-Branca, 3 Teile Zitronensaft und 2 Teile Orangensaft. Ein hochelegantes sauer-fruchtiges Vergnügen, das mich schnell zu den anmutigsten Beleidigungen inspirierte. Aber: zu spät.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Thilo Sarrazin: “Wunschdenken”

Er ist wieder da. Ein Hausbesuch bei Thilo Sarrazin

In seinem neuen Buch „Wunschdenken“ rechnet er mit den größten Fehlern der Politik ab. Übersieht er dabei seine eigenen? Eine Nahaufnahme von Uwe Wittstock

Man könnte es sich einfach machen mit Thilo Sarrazin. Und man müsste sich nicht einmal dafür schämen, denn Thilo Sarrazin macht es sich selbst einfach mit den Menschen. Aber richtig wäre es trotzdem nicht.

Das fängt schon bei der Begrüßung an. In den knapp sechs Jahren, die seit Sarrazins Streitschrift „Deutschland schafft sich ab“ vergangen sind, ist er zu einer echten Berühmtheit geworden, die auf offener Straße erkannt wird. Allein an Buchhonoraren dürfte ihm sein Verlag 3,5 bis vier Millionen Euro überwiesen haben. Es gibt Autoren, denen solche Erfolge zu Kopf steigen.

Doch als Sarrazin uns die Tür im Berliner Westend öffnet, ist er unzeremoniell, offen, zugewandt. Er führt den Fotografen und mich durch sein Haus, als wären wir Nachbarn, die nur mal auf einen Sprung vorbeigekommen sind. Zeigt uns Arbeitszimmer, Lesesessel, Bücherwände, viele Bücherwände. Bringt uns in den akkurat gepflegten Garten, den Rasen hat er selbst vor ein paar Tagen vertikutiert, „das Moos“, brummt er, „musste raus“.

Sogar in den Keller führt er uns, wo die Bronzebüsten stehen, die seine Mutter, eine Bildhauerin, von seiner Frau, seinen beiden Söhnen und ihm geschaffen hat, beeindruckende Arbeiten. Sein Vater schrieb Gedichte, Sarrazin stammt aus einer musischen Familie. Schließlich amüsiert er sich über sich selbst, als er uns seine Armbanduhr präsentiert: eine Rolex, die ihm seine Frau zum 70. Geburtstag geschenkt hat, die aber, so bat er es sich von ihr aus, möglichst genauso aussehen müsse wie die vertraute 100-Euro-Quarzuhr, die er vorher trug. Es ist lustig, wie er das erzählt, wir lachen.

Nein, Thilo Sarrazin ist kein Ungeheuer.

Doch dann, als ich mit ihm zusammensitze, um über sein neues Buch „Wunschdenken“ zu sprechen, kommt mir so vieles an seiner Gedankenwelt wieder so ganz und gar ungeheuerlich vor.

Sarrazin, der begabte Provokateur und Polemiker, kann an der heiß gelaufenen Flüchtlingsdebatte naturgemäß nicht vorübergehen. Auf schwierige Fragen gibt er einfache Antworten: Europa sei den Krisenstaaten und Entwicklungsländern anderer Kontinente nichts schuldig. Mauern zu bauen, Zäune zu ziehen, Europa in eine Festung zu verwandeln sei für alle das Beste. Wer nicht wolle, dass Migranten im Mittelmeer ertrinken, müsse konsequent dafür sorgen, dass sie gar nicht erst Richtung Europa aufbrechen, weil sie wissen, dass sie dort niemals Aufnahme finden werden.

Er sagt das und schreibt das in aller Klarheit. Und ohne jedes Bedauern.

Ob es denn, setze ich ihm zu, nicht grauenvoll sei, dass Europa künftig vielleicht vor derartige Entscheidungen gestellt sein könnte? Gefühle, entgegnet er, tun nichts zur Sache.

Aber wäre es nicht humaner und auch klüger, hake ich nach, wenn er in seinem Buch wenigstens einen Funken Mitgefühl mit Menschen in Not erkennbar werden ließe? Das Foto des ertrunkenen Jungen an der türkischen Küste habe ihn, den Vater zweier Söhne, doch sicher erschüttert? Seine emotionale Entscheidung sei, erwidert Sarrazin, das Beste für Deutschland zu wollen, und hinter dieses Ziel müsse er alle anderen Fragen zurückstellen.

Kein Mitleid, kein Erbarmen.

Man könnte es sich, wie gesagt, einfach machen mit Thilo Sarrazin. Vor allem nach solchen Sätzen. Man könnte schreiben, wie sehr es einen fröstelt, während man mit dem vielleicht kaltherzigsten Mann Europas in einem Zimmer sitzt.

Aber richtig wäre das nicht, denn es wäre nicht die ganze Wahrheit. Sarrazin sagt das alles nicht aus Übermut. Er denkt Fragen mit schauriger Konsequenz und Engstirnigkeit zu Ende, die andere lange Zeit nicht einmal zu stellen wagten.

Als er vor sechs Jahren „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlichte, schnitt er darin haargenau die Themen an – Zuwanderung, mangelnde Integration -, die in den vergangenen Monaten unsere Gesellschaft aufwühlten bis zur Hysterie und Rechtspopulisten jetzt zweistellige Wahlergebnisse eintrugen.

Der Schwindel erregende Erfolg Sarrazins hätte ein früher Alarmruf für die etablierten Politiker sein können, wie viel wutbürgerlicher Unmut da im Schatten brodelt, um den sie sich kümmern müssen. Doch statt Sarrazin als Minenhund zu nutzen, begegneten sie ihm mit Empörung, mit Ausgrenzung und dem Kanzlerinnenwort, sein Buch sei „nicht hilfreich“.

Dabei hätte es doch hilfreich sein können – als Warnsignal. Ein Beispiel: Schon vor Jahren wurde von den grauenvollen Zuständen in den Flüchtlingslagern rund um Syrien berichtet, internationale Hilfe kam aber nur ebenso zögerlich wie kärglich in Gang. Als das Elend dann unerträglich geworden war und die Notleidenden leibhaftig an Europas Türen klopften, wurde alles viel schwieriger, gefährlicher, teurer. Hätte die Politik die indirekte Warnung ernst genommen, die von Sarrazins Triumphzug bei anderthalb Millionen Lesern ausging, und rechtzeitig Geld für die Lager organisiert, wäre den Deutschen viel Streit und den Flüchtlingen viel Leid erspart geblieben.

Sarrazin war lange Zeit seines Lebens Beamter, Staatsdiener, er ist ein Mann der Ordnung, der strengen Regeln und der geraden Linien. Für das krumme Holz, aus dem viele Menschen geschnitzt sind, hat er wenig Sinn und in seinem Buch keinen Platz.

Bei den türkisch-arabischen „Kopftuchmädchen“ sieht er nur das Kopftuch, nicht die sexy geschminkten Augen oder hautenge Jeans, die signalisieren, wie sich auch ihre Kultur verändert und dass aus dem kreativen Chaos des Ost-West-Gemenges längst neue Hybrid- und Mischkulturen entstehen.

Sein Buch „Wunschdenken“ ist vernarrt in die ganz, ganz großen Gedanken und möchte gern ein ambitioniertes Stück politischer Philosophie sein. Der Arbeitstitel lautete lange Zeit „Vom guten Regieren“, verrät Sarrazin im Gespräch. Er beginnt sein Buch mit der Entwicklung des Menschen (fünf Seiten) und der Entwicklung der Zivilisation (acht Seiten), streift Intelligenzforschung, Staatstheorie, Demografie, Religionswissenschaften, Vererbungslehre, Umwelt- und Bildungspolitik, verkündet „Zehn Regeln für den guten Regenten“ oder „Wie ich die Weltlage sehe“ und hat offenbar gar kein Gespür für die intellektuelle Großmannssucht all dessen.

Andererseits muss man Sarrazin in manchen Details einfach Recht geben: Natürlich braucht unser Land seit Jahrzehnten ein modernes Einwanderungsgesetz, ein radikal neues, zeitgemäßes Schulsystem oder eine gründliche Steuerreform mitsamt einem Familiensplitting statt des Ehegattensplittings.

Die Unfähigkeit der politischen Klasse, solche unbestreitbaren Notwendigkeiten umzusetzen, ist tatsächlich ernüchternd. Als Ministerialbeamter dürfte er dieses Versagen oft genug aus nächster Nähe beobachtet haben. Vielleicht wären, denkt man, während man sein Buch liest, ein paar neue Regeln fürs Regieren ja doch ganz schön.

Aber schon auf der nächsten Seite durchzuckt es mich wieder, wenn ich lese, welche Gefühlskälte Sarrazins Gedanken lenkt. In gewisser Hinsicht erinnert er an Alexander Gauland, den Vizechef der AfD. Auch der ein hoch kultivierter, hoch belesener Konservativer mit dem moralischen Verantwortungsgefühl eines Kleiderbügels.

Aber wofür, frage ich mich in Sarrazins Gästesessel, wofür all dieser Bildungseifer und diese endlosen Bücherwände, wenn dabei nichts anderes herauskommt als rhetorisch glänzend verpackte Mitleidlosigkeit. Einer der deutschen Klassiker, auf die sich Sarrazin und Gauland so gern berufen, hieß Friedrich Schiller. Er glaubte fest an die “ästhetische Erziehung des Menschen“, also daran, dass Kunst und Bildung die Leute nicht nur zu klugen, sondern auch zu guten, zu mitfühlenden, Anteil nehmenden Zeitgenossen machen.

Offenbar können auch Klassiker sich irren.

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