Buch&Ei 118: Cara Nicoletti “Yummy Books!”

Die schwere Aufgabe, ein weich gekochtes Ei zu servieren

Heute in Buch&(ausnahmsweise)Ei: Über die Freuden beim Lesen und Essen statt beim Lesen und Trinken

Cara Nicoletti: "Yummy Books! In 50 Rezepten durch die Weltliteratur". Übersetzung: Tanja Handels und Susanne Kammerer, Suhrkamp Verlag. 16,95 Euro

Cara Nicoletti ist Schriftstellerin, Bäckerin und Metzgerin. Ich gestehe, diese Berufskombination ließ mich aufhorchen. Da sie ebenso gern liest wie kocht, bot sie ihren Freunden an, Rezepte aus deren Lieblingsromanen zum Leben zu erwecken. Mit dem Ergebnis, dass ihre Küche nicht mehr stillstand.

Jetzt hat sie „Yummy Books!“ (Suhrkamp 16,96 Euro) geschrieben, in dem sie nicht nur „in 50 Rezepten durch die Weltliteratur“ führt, sondern auch erzählt, was ihr beim Kochen so alles widerfahren ist. Ob ihr Essen schmeckt, weiß ich nicht. Doch wenn es so gut ist wie ihr Buch, dürften ihre Freunde nach den Mahlzeiten Teller, Besteck und Finger abgeleckt haben. Sie schreibt lehrreich und lustig, geist- und gaumenanregend. Selbst einem so berühmten Roman wie Jane Austens „Emma“ weißt sie ungewöhnliche und witzige Perspektiven abzugewinnen. Man könne, schreibt sie, über die Titelheldin sagen was man wolle, „aber mit Schweinen kennt sie sich aus.“ Ganze zwei Seiten widme der Roman der Frage, wie ein frisch geschlachtetes Mastschwein zer- und verteilt werden solle.

Leider bin ich als Koch ein Stümper. Doch selbst für solche unglückliche Naturen hält Cara Nicoletti Trost bereit. Ein Profi-Koch habe sie einmal einem gnadenlosen Test unterzogen. Sie sollte ihm ein weich gekochtes Ei servieren, und sie hat die Größe zuzugeben, dass sie an dieser Aufgabe gescheitert ist. Mir gelingt es manchmal und ab jetzt werde ich bin dann unglaublich stolz auf mich sein.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Buch&Bar 117: Rüdiger von Chamier “Hunde essen, Hunde lieben”

Wer wird Freund, wer wird Leckerbissen?

Heute in Buch&Bar: Über einen hundemoralischen Kulturgegensatz beim Lesen und Essen

Rüdiger von Chamier: "Hunde essen, Hunde lieben. Die Tabugeschichte des Hundeverzehrs und das erstaunliche Kapitel deutscher Hundeliebe". Tectum Verlag, 19,95 Euro

Es gibt Themen, mit denen man das Herz des Publikums sofort erobert. Mit Geschichten über treuherzige Hunde zum Beispiel. Bei Geschichten über Hundeschlachtungen stehen die Chancen dagegen schlechter.

Vermutlich wird also Rüdiger von Chamiers Buch „Hunde essen, Hunde lieben“ (Tectum, 19,95 Euro) über die Tabugeschichte des Hundeverzehrs kein Bestseller werden. Bedauerlich, denn es ist klug, exzellent geschrieben und, wie ich betonen möchte, kein Rezeptbuch. (Von ein, zwei Zubereitungstipps abgesehen.) Vielmehr ist es der Frage auf der Spur, weshalb eigentlich der Hund in einigen Ländern als bester Freund des Menschen gilt, in anderen aber als Leckerbissen. Und weshalb manche hochgemute Tierfreunde Hunde verspeisende Nationen für moralisch minderwertig erachten, Hühner verspeisende Nationen aber nicht so. Eine kultursoziologisch reizvolle Frage.

Nebenbei: Wussten Sie, dass Hundeschlachtungen zum Zweck der Fleischgewinnung hierzulande erst 1986 verboten wurden? Deutschland hat also erst seit rund dreißig Jahren in hundemoralischer Hinsicht das Lager gewechselt.

Kein schönes Thema, zugegeben. Deshalb möchte ich einen möglichen fiesen Nachgeschmack gern runterspülen mit einem Drink namens Salty Dog. Er ist gewissermaßen eine Promenadenmischung unter den Cocktails, denn es gibt Unklarheiten, wer zu seiner Entstehung beiträgt. Gin oder Wodka? 3 cl entweder von dem einen oder von dem anderen, gemixt mit 12 cl Grapefruitsaft, dazu ein Longdrink-Glas mit Salzrand und Eis – fertig ist ein Salty Dog, den man sich einverleiben kann, ohne einem armen Tier das Fell über die Ohren zu ziehen.

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Buch&Bar 116: David Van Reybrouck “Gegen Wahlen” und Jason Brennan “Gegen Demokratie”

Soll man politische Macht verlosen?

Heute in Buch&Bar: Über die gedankenspielerische Abschaffung der Demokratie beim Lesen und Trinken

David von Reybrouck: "Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist". Aus dem Niederländischen von Arne Braun. Wallstein Verlag. 17,90 Euro

Demokratische Abstimmungen sind heikel. Denn sie können – siehe Brexit, Trump, Türkei – anders ausgehen als erhofft. Da ist es natürlich eine prima Idee, demokratische Wahlen einfach abzuschaffen.

Der Belgier David Van Reybrouck schlägt in seinem Buch „Gegen Wahlen“ (Wallstein, 17,90 Euro) vor, neben den gewählten Volksvertretern auch Bürger für eine Legislaturperiode in die Parlamente zu schicken, die per Losverfahren bestimmt, gut bezahlt und intensiv geschult werden. Das würde die Macht der Parteien einschränken. Und der Amerikaner Jason Brennan empfiehlt in „Gegen Demokratie“ (Ullstein, 24 Euro) unter anderem, nur diejenigen Bürger wählen zu lassen, die grundlegende staatsbürgerliche Kenntnisse nachweisen können. Schließlich darf ja auch keiner Auto fahren ohne Fahrprüfung.

Ob das die Politik besser macht? Weiß der Himmel, keine Ahnung. Sicher ist nur: Gesetze zur Beschneidung des demokratischen Wahlrechts müssten wohl durch demokratische Wahlen beschlossen werden. Das könnte schwierig werden.

Jasin Brennan: "Gegen Demokratie. Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen überlassen dürfen". Übersetzung: Stephan Gebauer. Ullstein verlag. 24 Euro

Abends in der Bar ist mir noch ein anderer Reformvorschlag eingefallen. Der römische Historiker Tacitus schrieb mal, die Germanen hätten bei politischen Versammlungen immer viel Wein getrunken, da sie meinten, Betrunkene könnten nicht lügen. Ich weiß nicht, was Verfassungsrechtler davon halten. Aber lustiger wäre es schon, wenn im Parlament nicht mehr die Roten gegen die Schwarzen anträten, sondern Pinot noir gegen Grünen Veltliner.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

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Buch&Bar 115: Caroline Lahausen und Sylvia Doria “Lust auf Laube”

Finstere Zeiten, die den Glauben an Lauben rauben

Heute in Buch&Bar: Über den heldenmütigen Kampf gegen die allerneuesten Katastrophen beim Lesen und Trinken

Caroline Lahusen und Sylvia Doria: "Lust auf Laube". Die neue Schrebergarten-Kultur. Fotos: Moritz Schmid, Sonja Tobias, Nadja Buchczik. DVA. 29,95 Euro

Können wir uns Gartenlauben überhaupt noch leisten? Nicht in finanzieller Hinsicht, meine ich, sondern in politischer? Heute? Denken Sie an Trump, Terror, abschmelzende Polkappen, Kai Pflaume und andere Katastrophen. Da wollen Sie einfach im Garten abhängen und glücklich sein? Ja, geht’s noch?

Es ist empörend, aber Caroline Lahusen und Sylvia Doria schlagen genau das vor. Ihr Fotoband heißt „Lust auf Laube“ (DVA, 29,95 Euro) und feiert eine neue, angeblich hippe Schrebergartenkultur. Wer in dem Buch blättert, sieht freundliche Menschen, die in freundlicher Umgebung freundliche Dinge tun. Erschreckend! Ist das überhaupt erlaubt? Wo bleibt da das politische Krisenbewusstsein? Im Kräuterbeet verbuddelt? Wenn es früher hieß: Schwerter zu Pflugscharen, dann muss es heute heißen: Lauben zu Protestzentren! Hängematten zu Demo-Transparenten! Gießkannen zu Megafonen! Oder so.

Oder auch nicht. Denn, seien wir ehrlich, der Grillabend neulich im Garten war erholsam und ließ uns Kraft sammeln, um den allerneuesten Katastrophen zu trotzen. Zum Grillkotelett gab es Bier. Im Buch ist das genauso, die Autorinnen haben ein wenig Product-Placement für das Münchner Craft Beer Crew Republic in den Band eingeschmuggelt. Ich schließe mich dieser Empfehlung vollinhaltlich an: Das Pale Ale Foundation 11 rundet jeden Lauben-Grillabend herb-fruchtig ab.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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10 Jahre Buchverbot: Maxim Billers Roman “Esra”

Immer weniger Freiheit der Kunst

Heute vor 10 Jahren wurde Maxim Billers Roman “Esra” vom Bundesverfassungsgericht endgültig verboten. Es ist nicht das einzige Buch, das bei Richtern auf  Verbotslust stößt. Aus Anlass des Verbotes schrieb ich damals eine kleine Bestandsaufnahme der neuesten Neigung zur Zensur. In Erinnerung an den Roman, der der Öffentlichkeit entzogen wurde, stelle ich diesen Artikel noch einmal zu Diskussion.

Die Freiheit der Kunst schrumpft. Diese Tatsache ist allein schon erstaunlich genug. Schließlich wird die Kunstfreiheit, die zum Tafelsilber jeder liberalen Gesellschaft gehört, vom Grundgesetz ohne Einschränkung garantiert. Trotzdem hat sie in jüngster Zeit spürbar Federn gelassen.

Maxim Biller: "Esra" Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Seit 2007 verboten. Wird im Netz gehandelt zu Preisen von bis zu 200 Euro

Es sind die Gerichte, die sie Scheibchen für Scheibchen beschneiden und zurechtstutzen, sobald sie mit einem anderen Grundrecht in Konflikt gerät, dem Recht auf Schutz der Persönlichkeit und Intimsphäre. Das Thema ist umstritten wie kaum ein anderes. Selbst das Bundesverfassungsgericht, Deutschlands höchstes Rechtsorgan, ist sich seiner Sache nicht sicher, wenn es gilt, zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsschutz abzuwägen.

Als es 1971, im berühmten Verfahren gegen Klaus Manns Roman „Mephisto“, das Verdikt des Bundesgerichtshofes bestätigte, fiel seine Entscheidung denkbar knapp aus. Drei Richter plädierten für eine Freigabe des Buches, drei dagegen. Um das Verbot aufzuheben, wäre eine Mehrheit notwendig gewesen. Ähnlich beim jüngsten Urteil zu Maxim Billers Roman „Esra“: Fünf Richter sahen durch das Buch Persönlichkeitsrechte verletzt und untersagten seine Publikation. Immerhin drei Richter desselben Senats erklärten dieses Urteil ausdrücklich für einen „verfassungswidrigen Eingriff“ in die Grundrechte von Autor und Verlag und hielten ihren Kollegen vor, die Rechte der Literatur zu missachten.

Die Verbotsverfahren laufen fast immer nach dem gleichen Schema ab. Ein Kläger glaubt sich in einer Roman-, Film- oder Theaterfigur wiederzuerkennen und fühlt sich verleumdet, da die Figur nicht in allen Zügen seinem positiven Selbstbild entspricht. Die Richter prüfen dann, wie groß die Ähnlichkeiten zwischen fiktiver Gestalt und realer Person sind und fällen typische „Je-desto“-Entscheidungen: Je negativer oder intimer eine Kunstfigur beschrieben wird, desto stärker muss sie gegenüber ihrem angeblichen Vorbild verfremdet sein.

Früher galt das allerdings nur für den klassischen Schlüsselroman, dessen Held einer weithin bekannten Persönlichkeit zum Verwechseln ähnlich sieht, weshalb jedermann in der Romanfigur sofort die Karikatur des realen Menschen zu sehen glaubt. Durch das „Esra“-Urteil haben die Verfassungsrichter die Gewichte massiv zum Nachteil der Kunstfreiheit verschoben: Nun reicht es für eine Verurteilung bereits aus, wenn nur das enge Umfeld der Betroffenen Parallelen zwischen Fiktion und Wirklichkeit meint ausmachen zu können.

Uwe Wittstock: "Der Fall Esra". Ein Roman vor Gericht. Über die neuen Grenzen der Literaturfreiheit. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 18,99 Euro

Sicher, es hat gute Gründe, wenn die Justiz die Bürger davor schützen möchte, dass noch ihre privatesten Lebensumstände in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Wie Boulevardzeitungen und Yellow Press mit prominenten oder auch ganz unbekannten Zeitgenossen umspringen, ist oft skandalös.

Doch Romane, Dramen oder Filme sind keine Tatsachenberichte. Während Zeitungsartikel oder Sachbücher für sich in Anspruch nehmen, über Fakten zu informieren, werden in Kunstwerken Fiktionen entfaltet. Sie berufen sich ausdrücklich nicht auf Tatsachen, sondern auf die Fantasie ihres Schöpfers. Sachbücher oder Zeitungsartikel lassen sich an der Frage messen, ob sie Wahrheiten oder Unwahrheiten über reale Personen verbreiten. Mit der gleichen Frage an einen Roman heranzugehen, ist unsinnig, denn seine Handlung ist weder wahr noch unwahr, sondern erfunden.

Natürlich gibt es immer unbedarfte Leser, die in einer Geschichte nur einen Abklatsch dessen sehen wollen, was der Autor erlebt hat – und so die eigentlich künstlerische, das Erlebnismaterial literarisch formende Leistung des Autors verkennen. Dieses Missverständnis ist so alt wie die Literatur selbst. Aber es ist nicht einzusehen, weshalb es der Literatur zur Last gelegt wird. „Wer eine Geschichte ‚wahr‘ nennt“, schrieb Vladimir Nabokov, „beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich.“

Doch vor Gericht finden Überlegungen wie diese wenig Gehör. Nicht zuletzt weil die Richter traditionell darauf verzichten, Gutachten von Kunst- oder Literatursachverständigen einzuholen.

An Verbotsverfahren war in letzter Zeit kein Mangel. So erlitt im Windschatten des Prozesses gegen „Esra“ der Roman „Meere“ von Alban Nikolai Herbst zunächst ein betrübliches Schicksal. Nach Bekanntwerden der ersten Urteile gegen „Esra“ glaubte eine ehemalige Freundin von Herbst sich in einer seiner Romanheldinnen wiederzuerkennen und bemühte das Berliner Landgericht. Auch sie wurde, wie die Klägerinnen gegen „Esra“, vom Autor im umstrittenen Buch nicht namentlich genannt, auch sie war keine landesweit bekannte Person, die sich als Figur für einen Schlüsselroman eignete. Doch hielt das den urteilenden Richter nicht davon ab, das Buch zu verbieten. Erst eine spätere Versöhnung zwischen Klägerin und Autor sorgte dafür, dass der Roman in überarbeiteter Form wieder erscheinen konnte.

Bemerkenswert ist das Los des Kriminalromans „Das Ende des Kanzlers“ von Reinhard Liebermann. Das Buch beschreibt einen Ladenbesitzer, der die Unfähigkeit deutscher Politiker für den Niedergang seines Geschäfts verantwortlich macht und deshalb ein Attentat auf den Bundeskanzler plant. Es erschien im April 2004, Gerhard Schröder nahm Anstoß und das Hamburger Oberlandesgericht zog es aus dem Verkehr. Tatsächlich wird ein Kanzler namens Schröder im Roman erwähnt, aber nicht als Anschlagsopfer, sondern als dessen Amtsvorgänger. Geholfen hat das dem Buch nicht. Was für ein verheerendes öffentliches Signal es ist, wenn selbst der Regierungschef juristisch gegen Literatur vorgeht, liegt auf der Hand.

Jüngst erst klagte ein ehemaliger SS-Offizier gegen die Autobiografie „Ein ganz gewöhnliches Leben“ von Lisl Urban, da er darin unter anderem seine Laufbahn im Zweiten Weltkrieg falsch beschrieben sah. Als sich herausstellte, dass sein Name auf der Liste der Offiziere jenes berüchtigten Polizeibataillons 101 geführt wird, dem Historiker die Ermordung von über 40.000 Menschen in Polen zur Last legen, schmolz vor dem Leipziger Landgericht die Zahl der beanstandeten Passagen schnell zusammen. Ob das Buch damit gerettet ist, steht dahin.

Kleine Verlage haben häufig nicht das Geld, ihren Kampf um beklagte Bücher bis vor höchste Richtertische zu tragen. Wenn Kläger auf dem Instanzenweg einen langen Atem zeigen, können sie mitunter selbst dubiose Einsprüche durchsetzen. Die zügig wachsende Bereitschaft, die Kunstfreiheit zugunsten des Persönlichkeitsschutzes einzuschränken, trifft aber nicht nur die Literatur, sondern auch das Theater. Im Oktober 2006 ging Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl gegen die Uraufführung des Stückes „Ulrike Maria Stuart“ der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek vor und konnte Änderungen der Inszenierung durchsetzen.

Besonders bizarr ist ein Fall aus der Kinobranche. 2006 untersagte das Oberlandesgericht Frankfurt die Aufführung des Filmes „Der Kannibale von Rohtenburg“, da es der Mörder Armin Meiwes nicht hinnehmen müsse, dass auf der Leinwand ein Leben und Verbrechen gezeigt werde, das seinem Leben und Verbrechen weitgehend gleiche. Reportagen über den Prozess, die – im Gegensatz zum Film – Meiwes’ Namen nannten, blieben dagegen unbeanstandet. Die besondere Freiheit der Kunst verwandelt sich hier zur besonderen Unfreiheit: Tatsachenberichte sind erlaubt, der Rückgriff auf den gleichen Stoff mit künstlerischer Absicht dagegen ist verboten.

Wie seltsam sich die Fronten bei solchen Prozessen verschieben können, zeigte auch der juristische Konflikt um den Fernsehfilm „Contergan“. Die ehemaligen Gegenspieler in der Contergan-Affäre, die Pharmafirma Grünenthal und der Opferanwalt Karl Hermann Schulte-Hillen gingen beide gegen die Ausstrahlung des Zweiteilers vor, da er aus ihrer Sicht nicht in allen Punkten den historischen Tatsachen entsprach. Doch das hatte letztlich wohl nur eine Dokumentation gekonnt, nicht ein Spielfilm.

Es wäre naiv anzunehmen, dass allen, die sich an solchen Fällen beteiligen, allein der Schutz hehrer Persönlichkeitsrechte am Herzen liegt. Durch die zunehmende Verrechtlichung künstlerischer Arbeit werden zugleich lukrative Geschäftsfelder für entsprechend spezialisierte Juristen erschlossen. So reisten 2006 zwei Rechtsanwälte – einer davon aus München – in das rumänische Dorf Glod, in dem der Schauspieler Sacha Baron Cohen Teile seiner Filmsatire „Borat“ gedreht hatte. Sie einigten sich mit Dorfbewohnern, die als Statisten an Dreharbeiten beteiligt waren, darauf, dass deren Persönlichkeitsrechte durch ihre Rollen im Film verletzt worden seien. Die Anwälte reichten daraufhin gegen die Produktionsfirma eine Schadenersatzforderung von 30 Millionen Dollar ein.

50.000 Euro Schmerzensgeld hat das Landgericht München in erster Instanz der Ex-Geliebten des Dichters Maxim Biller zugesprochen. (In zweiter Instanz wurde das Urteil kassiert.)

Woher diese rapide wachsende Klageflut? Kann es sein, dass die moderne Allgegenwart der Medien hier eine paradoxe Wirkung entfaltet? Dass wir im Umgang mit ihnen nicht gewiefter geworden sind, sondern dümmer, und es verlernt haben, zwischen nüchterner Berichterstattung und den vertrackten Maskenspielen der Künste zu unterscheiden? Dass wir selbst da um die Authentizität unseres Abbildes fürchten, wo wir gar nicht gemeint sind?

Doch mit der Kunstfreiheit ist nicht nur die Freiheit der Künstler in Gefahr, sondern auch die des Publikums. Was nicht gedruckt, aufgeführt oder gezeigt werden kann, kann auch nicht gelesen oder angeschaut werden.

Umso verwunderlicher, wie wenig Beachtung das Verfahren gegen „Esra“ lange Zeit fand. Erst nach dem Verbot durch den Bundesgerichtshof schlugen einige Autoren und Schriftstellerorganisationen halblaut Alarm. Dabei ist die Freiheit der Kunst keine ein für allemal errungene Selbstverständlichkeit. Sie kann Stück für Stück verloren gehen. Sie braucht, wie die zunehmende Zahl der Verfahren zeigt, energische Verteidiger. Sie braucht Fürsprecher, die sie gegen simplifizierende Betrachtung (auch durch Gerichte) in Schutz nehmen.

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Buch&Bar 114: David Tripolina

Wir können mehr als nur Kalsarikännit !

Buch&Bar heute: Über das zarte Gefühl von hüzün in jüngster Zeit beim Lesen und Trinken

David Tripolina: "Einzigartige Wörter". 333 Begriffe, die es nur in einer Sprache gibt - und was sie bedeuten. Riva Verlag. 9,99 Euro

Die Norweger sind ein glückliches Volk. Nicht nur, dass sie auf Platz 1 der „World Happiness“-Rangliste der UN stehen. Nein, sie verfügen außerdem noch über den absolut beneidenswerten Begriff Utepils für ein am ersten heißen Tag des Jahres im Freien getrunkenes Bier. Gibt es Schöneres als Utepils?

David Tripolina hat 333 solcher exquisiten Vokabeln, die nur in einer Sprache existieren, in dem Buch „Einzigartige Wörter“ versammelt (Riva, 9,99 Euro). Manches davon haut einen echt um: Die Türken (!) zum Beispiel kennen einen Ausdruck für das düstere Gefühl, wenn politisch alles den Bach runtergeht: hüzün. Mein Gott, was fühle ich mich hüzün in letzter Zeit. Wir alle sollten jetzt mehr tun als nur: hahn (Koreanisch: geduldiges Warten auf Besserung). Und trotz aller Melancholie angesichts der Nachrichten aus dem Weißen Haus, der Türkei oder der Führungsetage von München 1860 auf Kalsarikännit verzichten (Finnisch: Sich zu Hause in der Unterhose betrinken und keine Anstalten machen, das Haus zu verlassen). Mal ganz zu schweigen von Gratrunka (Schwedisch: Masturbieren, während man sehr traurig ist).

Sobald es jetzt wirklich warm wird, rate ich dringend zu Utepils. Doch falls mitten im Sommer wieder der Dauerregen einsetzen sollte, empfehle ich beim Kalsarikännit zu einem guten Single Malt wie Glen Scotia 16 years old von der schottischen Westküste. Erstens ist der Regen gewohnt und zweitens sehr umami (Japanisch: würzig im Geschmack). Und er bewirkt dieses herrliche Sgriob (Gälisch: Der zarte Juckreiz auf der Unterlippe, bevor man einen Schluck Whisky nimmt).

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Buch&Bar 113: A.O.Scott “Kritik üben”

Vorne drohen und hinten stechen

Heute in Buch&Bar: Über das Vergnügen behutsam behandelt zu werden beim Lesen und Trinken

A.O.Scott: "Kritik üben". Die Kunst des feinen Urteils. Übersetzung: Martin Pfeiffer. Hanser Verlag. 22 Euro

Wenn man mich nach meinem Beruf fragt, sage ich gern: „Literaturkritiker“. Die Leute denken dann an Reich-Ranicki, halten mich für einen hochexplosiven Streithammel und gehen behutsam mit mir um. Das mag ich.

Der amerikanische Kritiker A.O. Scott hat jetzt ein Buch über unser Metier geschrieben: „Kritik üben“ (Hanser, 22 Euro). Darin schreibt er zum Beispiel: „Die heilige Pflicht des Kritikers ist es, unrecht zu haben.“ Womit er natürlich unrecht hat und so seine heilige Pflicht erfüllt. Kritiker müssen vielmehr, sage ich (und unter uns: ich bin viel schlauer als A.O. Scott), auf inspirierende Weise unrecht haben. Die Leute lassen sich nämlich ihre Meinung über Bücher, Filme etc. sowieso nicht vorschreiben. Was ihnen gefällt, gefällt ihnen, basta. Wenn man ihnen aber auf anregende Weise widerspricht und also in ihren Augen unrecht hat, beginnen sie manchmal über Buch oder Film nachzudenken. Und diese Sekunde des  Nachdenkens – die ist der Triumpf des Kritikers.

Was trinken Kritiker am Feierabend in der Bar? Den Cocktail Klassiker Scorpion! Warum? Zu einen wegen des skorpionischen Kampfstils: Vorn mit den Scheren drohen, aber von hinten mit dem Stachel stechen. Zum andern weil dieser Cocktail im Vergleich zu vielen anderen so traumhaft kompliziert ist: 2cl Brandy, 2cl Rum (weiss), 3cl Rum (braun), 1cl Triple Sec Curaçao, 1cl Zitronensaft, 5cl Orangensaft, 1cl Limettensaft und Eis. Herrlich.

 

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Buch&Bar 112: Max König “Hosen runter”

Männer, die Geheimnisse ausplaudern

Heute in Buch&Bar: Über maximale männliche Ehrlichkeit mein Lesen und viel Fantasie beim Trinken

Max König: "Hosen runter". Was Frauen schon immer über Männer wissen wollten. Blanvalet Verlag. 12,99 Euro

Wollen Frauen wirklich alles über Männer wissen? Alles? Auch zum Thema Sex? Wäre es nicht klüger, sie würden sich ein paar nervenschonende Illusionen erhalten?

Max König lässt in seinem Buch „Hosen runter“ rückhaltlos die Hosen runter (Blanvalet, 12,99 Euro). Ich muss vor diesem Buch warnen. König beantwortet 264 weibliche Fragen zum männlichen Geschlechtsleben – und 263 Antworten sind skandalöserweise völlig aufrichtig und zutreffend. Ich behalte mir vor, König wegen Geheimnisverrat zu verklagen. Edward Snowdens letzte Zuflucht nach seinen Enthüllungen ist Moskau. Als Strafe für Max Königs Whistleblowjob beantrage ich Verbannung nach Ulan Bator. Nur Königs Antwort auf Frage 48, wir Männer bräuchten zwischen der 1. und 2. Runde beim Sex durchaus eine Pause, ist absurd. Na gut, ein Schluck Wasser zwischen Runde 4 und 5 darf schon sein, und zwischen Runde 6 und 7 ein Fläschchen Powerade. Aber Pause? Pfff. Lächerlich.

Apropos Höchstleistungen. Die maximal erfindungsreiche Bar-Kultur hat auch Powerade als Cocktail-Zutat entdeckt. Unter dem maximal fantasievollen Namen Jesus On The 5:30 Train To Amsterdam wird ein Drink angeboten mit 4,5 cl Wodka Bluberry, 6 cl Orangensaft, 3 cl Cran-Raspberrysaft, gut 2 cl Powerade und 4 Tropfen Steak-Sauce. Ich kenne niemanden, der so etwas je getrunken hätte. Als Versuchskaninchen schlage ich Max König vor.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Ivanka Trump “Women Who Work”

Mutter Teresa für Träumer

Warum kann eine Frau für ihre Karriere nichts Besseres tun, als Handtaschen zu kaufen? Ivanka Trump erklärt das in ihrem neuen Buch „Women Who Work“. Sie schreibt die Regeln für Erfolg neu – zumindest für all die, deren Eltern Milliardäre sind

Ivanka Trump hat ein Buch veröffentlicht. Im ersten Moment denkt man: Respekt. Sie ist Unternehmerin, handelt mit Immobilien, Mode und Juwelen, hat drei kleine Kinder und mischt als Beraterin ihres Vaters kräftig in der Politik mit. Nun auch noch ein Buch. Wie schafft die Frau das?

Ivanka Trump: "Women Who Work". Rewriting the Rules for Success. Portfolio Random House US. 14,99 Euro (Englisch)

Im zweiten Moment sieht alles anders aus. Da ist es eine Geschichte vollermieser kleiner Tricks und Peinlichkeiten.

Das Buch heißt „Women Who Work“ (Portfolio/Penguin Verlag USA, 17,99 Euro) und zählt all die Benachteiligungen auf, mit denen sich berufstätige Frauen rumschlagen müssen: schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, geringeres Gehalt bei gleicher Arbeit, Diskriminierung bei Beförderungen.

Natürlich hat Ivanka Trump mit sol chen Problemen selbst nichts zu schaffen. Sie wurde mit einem goldenenLöffel im Mund geboren und kann sich als Berufstätige jede Hilfe kaufen, die sie braucht. Doch das spricht nicht gegen ihr Engagement für „women who work“. Wenn George Soros, der noch viel reicher ist als der Trump-Clan, ohne Manipulationsabsicht einen Hilfsfonds auflegen würde für, sagen wir, Literaturredakteure, auch wenn er selbst nichts zu tun hat mit den Sorgen der Literaturredakteure, wäre das völlig in Ordnung – und sehr in meinem Sinne.

Der entscheidende Begriff ist hier: „ohne Manipulationsabsicht“. Was Ivanka Trump mit „Women Who Work“ macht, ist etwas anderes. Sie verquickt ihren angeblichen Einsatz für berufstätige Frauen eng mit den Verkaufsinteressen ihrer Firmen. Sie behauptet in ihrem Buch vollmundig, es sei die „Mission ihrer gesamten Karriere“, arbeitende Frauen zu stärken und zu inspirieren.Doch sie benutzt diese Mutter-Teresahafte Wohltätigkeit nur als Verkaufsargument für ihre Modeprodukte.

Auf ihrer Website Women Who Work finden sich neben ein paar Allerweltsweisheiten und Lebensberichten erfolgreicher Frauen vor allem Konsumtipps. Im Grunde ist die Seite nichts anderes als ein Einkaufsportal mit ein wenig Frauenpower-Deko drum herum.

Das Buch funktioniert genau so. Es reiht eine endlose Zahl von Zitaten aus anderen Karriere-Ratgebern anein ander und verquickt sie mit (Schleich-)Werbung für die Trump-Hotels oder Ivankas Fashion-Brands sowie komplett ungenierter Selbstbeweihräucherung. Sie habe, schreibt sie, ihre Firmen im Hinblick auf eine größere Aufgabe entworfen: Ob man ihre Schuhe anprobiere oder ob man ihre Bewerbungstipps durchgehe, immer gehe es ihr, Ivanka, nur darum, berufstätigen Frauen mit Rat und Inspiration zur Seite zu stehen.

Das Wahnsinnigste an dem Buch sind die Karriere-Ratschläge, die sie gibt. Denn die richten sich gar nicht an „women who work“, sondern genauer: an Frauen in Führungsetagen, an Unternehmerinnen und Vorstandsvorsitzende: Gründen

Sie, so predigt Ivanka, nur Firmen, die Ihrer Leidenschaft entsprechen! Stellen Sie Leute aus fremden Branchen ein, die bringen frische Ideen mit! Brauchen Sie Zeit für Privates? Dann geben Sie Ihrem Team mehr Verantwortung, und lassen Sie es schuften!

Ivanka Trumps Vorstellung von Emanzipation beschränkt sich letztlich auf Frauen, die keine Lust darauf haben zu warten, bis ihre Männer sie mit Juwelen überhäufen, sondern die sich ihre Juwelen eben selbst kaufen – möglichst aus der Ivanka-Trump-Kollektion.

Doch diese Frauen in hochkarätigen Positionen sind auf eines ganz sicher nicht angewiesen: auf die dürftigen, aus beliebigen anderen Berufsberatungs-Fibeln zusammengeklaubten Lebensweisheiten, die sich in Ivanka Trumps Buch finden. Für welches Publikum also hat sie ihr Buch geschrieben?

Im 19. Jahrhundert gab es die Tradition des Dienstmädchen-Romans: billige Liebesromane für Dienstmädchen, die vom Leben der großen Gesellschaft erzählten und möglichst von einem steinreichen jungen Mann, der sich in sein Dienstmädchen verliebt und es heiratet. Nach diesem Muster sollte man Ivanka Trump die Erfinderin des Dienstmädchen-Sachbuchs nennen. Ihr Buch ist für Leute, die davon träumen, Karriere zu machen wie die große Ivanka, und so naiv sind zu glauben, die seichten Tipps des Buches würden sie auf diesem Weg weiterbringen. Oder nicht einmal das: Es ist für Leute, die damit zufrieden sind zu lesen, wie es in der bewunderten Welt der bewunderten Powerfrauen so zugeht – und sich, um an dieser Welt in ihrer Fantasie ein wenig teilzuhaben, ein Paar Schuhe oder eine Handtasche im Ivanka-Style kaufen.

Der Schlager sei, heißt es, die perfekte Musik, um mit den unreflektierten Sehnsüchten des Publikums einen Haufen Geld zu verdienen. In diesem Sinne ist Ivanka Trump die Helene Fischer des Karriere-Ratgebers.

 

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100. Geburtstag von John F. Kennedy – und sein Blick auf die Deutschen

Vom Playboy zum Präsidenten

“Unter Deutschen” – Die Reise-Aufzeichnungen des jungen John F. Kennedy

Heute vor 100 Jahren wurde John F.Kennedy geboren. Seine Präsidentschaft 1961-1963 wirkt inzwischen wie ein Auftaktsignal zu der großen liberalen Epoche der westlichen Welt, die heute durch Wahlerfolge von Rechtspopulisten und seinen Amtsnachfolger Donald Trump gefährdet ist. Doch auch wenn man Kennedy aus heutiger Perspektive feiern möchte und feiern muss für seine politischen Verdienste, sollte man die mitunter irritierenden politischen Ansichten aus seinen Jugendjahren nicht übersehen. der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch hat einmal “Entfernte Verwandschaft” behauptet zwischen dem europäischen Faschismus und dem amerikanischen New Deal zwischen 1933 und 1939, also jener Ära, in der John F-Kennedy Schule und Hochschule besuchte. Schivelbuschs Untersuchung ist nicht unumstitten, aber sie kommt einem in den Sinn, wenn man John F. Kennedys Reisetagebuch “Unter Deutschen” (Aufbau Verlag) aus der Zeit von 1937 bis 1945 liest.

John F. Kennedy ist 20 Jahre alt, als er im Sommer 1937 im Ford Cabrio am Rhein entlang von Frankfurt nach Köln fährt. Er hat alles, was ein Playboy braucht: Charme, Geld, Stilgefühl und unerschöpfliches Interesse an „den Mädels“. Nur von Politik hat er keine Ahnung.

John F. Kennedy: "Unter Deutschen". Reisetagebücher und Briefe 1937 - 1945. Aufbau Verlag. 9,95 Euro

In seinem Reisetagebuch „Unter Deutschen“, das 2013 in Deutschland erstmals gedruckt wird, schreibt er: „Die Städte sind alle sehr reizend, was zeigt, dass die nordischen Rassen den romanischen gewiss überlegen zu sein scheinen. Die Deutschen sind wirklich zu gut – deshalb rottet man sich gegen sie zusammen, um sich zu schützen . . .“

Weshalb Kennedy dennoch kein Lebemann mit kruden Ansichten, sondern ein liberaler Präsident der Vereinigten Staaten wurde, vielleicht einer der liberalsten und wichtigsten in der Geschichte der USA, gehört zu den vielen Rätseln seines Lebens.

Er hatte das erste Jahr an der Elite-Universität Harvard hinter sich, als er 1937 zu seiner Europa-Reise aufbrach. Zusammen mit dem Freund Lem Billings ließ er sich zwei Monate lang durch Deutschland, Frankreich und Italien treiben. Die völkerpsychologischen Ideen, die er in diesen Wochen notiert, sind vor allem zweierlei: ahnungslos und peinlich. So sieht er im Stierkampf den Beweis dafür, dass „diese Südländer, wie etwa diese Franzosen und Spanier, Grausamkeiten regelrecht genießen“. Oder er begeistert sich für die „hübschen“ Italienerinnen: „Die ganze Rasse wirkt attraktiver. Der Faschismus scheint ihnen gutzutun.“

Der Politikstudent Kennedy kennt allerdings nicht einmal die Schreibweise des Begriffs Faschismus: Statt „Fascism“ heißt es bei ihm durchweg „Facism“.

Robert Dallek: "John F. Kennedy. Ein unvollendetes Leben". Übersetzt von Klaus Binder, Bernd Leineweber, Peter Torberg. Pantheon Verlag. 16,99 Euro

Die Begegnung mit den Diktaturen in Italien und Deutschland ist aber auch ein Wendepunkt für den Millionärssohn. Kennedy entwickelte plötzlich, wie Reisebegleiter Billings schreibt, „einen stärkeren Willen, die Probleme der Welt zu durchdenken“. Als er nur zwei Jahre später, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, wieder durch Europa reist, ist sein politisches Urteil bereits wacher: „Sollte sich Deutschland zum Krieg entschließen, wird es versuchen, Polen in die Rolle des Aggressors zu drängen.“

Exakt so geschah es drei Monate später,beim Überfall auf den Sender Gleiwitz. Er wurde von SS-Leuten verübt, aber polnischen Freischärlern untergeschoben, um einen Vorwand für den Angriff auf ihr Land zu haben.

Joseph P. Kennedy, der Vater Johns, war damals US-Botschafter in London und schickte ihn auf Erkundungstour nach Deutschland und in fast alle Krisengebiete des Kontinents. Der nun 22-jährige Kennedy berichtet von den Konfliktherden, lässt sich aber nicht davon abhalten, „richtig viel Spaß“ zu haben. So schwärmt er von der „Debütparty“, die man in Warschau für ihn gibt („obwohl die polnischen Mädels nicht so heiß sind“), oder von einem „Leckerbissen“: einer „geschiedenen rumänischen Prinzessin“.

Auch nach Kriegsende reist Kennedy gleich wieder nach Deutschland. Er ist jetzt 28 und hat es als Held einer Seeschlacht im Pazifik bis auf die Titelseite der „New York Times“ gebracht. Im Gefolge des US-Marineministers besucht er die zerbombten Städte und schreibt mit einer Schreibmaschine ein Art Reisetagebuch.

John F. Kennedy: "Die geheimen Aufnahmen aus dem Weißen Haus". Mit einem Vorwort von Caroline Kennedy. Übersetzung: Helmut Dierlamm, Dagmar Mallett. Herausgeber: Ted Widmer. List verlag. 12,99 Euro

Über seinen Aufenthalt in Berlin heißt es: „Alles ist zerstört. Unter den Linden und die Straßen sind verhältnismäßig frei, doch es gibt kein einziges Gebäude, das nicht ausgebrannt ist. In manchen Straßen ist der Gestank der Leichen überwältigend – süßlich und Ekel erregend. Die Menschen haben vollkommen farblose Gesichter – gelbstichig, mit blassbraunen Lippen. Alle tragen Bündel mit sich herum. Wohin sie unterwegs sind, weiß wohl keiner. Ich frage mich, ob sie selbst es wissen. Sie schlafen in Kellern.“

Wie immer hat Kennedy einen genauen Blick auf die Frauen. Sie „würden für Essen alles tun. Eine oder zwei Frauen trugen Lippenstift, doch die meisten scheinen sich so unscheinbar wie möglich machen zu wollen, um der Aufmerksamkeit der Russen zu entgehen.“ Was ihnen nicht immer leicht falle, denn da sie „mitunter sehr attraktiv sind“. Doch es überrascht Kennedy, wie „aufreizend“ sie sich den „Amerikanern an den Hals“ werfen:.„Sie sagen, es habe vier Jahre lang keine Männer gegeben, und es sei bloße Biologie.“

Auf dem Obersalzberg besichtigt er Hitlers Landsitz und in Berlin dessen verwüstete Reichskanzlei: Sie „war nur noch eine Hülle. In den Mauern klafften Löcher, sie waren von Kugeln zernarbt.“  Ein historischer Augenblick: Der Mann, der nur 16 Jahre später als Präsident der Vereinigten Staaten zum größten Hoffnungsträger seines Zeitalters aufsteigen wird, steht als Sieger im Bunker, in dem sich einer der größten politischen Verbrecher der Geschichte umbrachte.

Doch so gern man ihn bewundern würde: Kennedy zeigt sich der Situation nicht gewachsen. Zum Abschluss seiner Aufzeichnungen spekuliert er, Hitler werde „aus dem Hass, der ihn jetzt umgibt, in einigen Jahren als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten hervortreten, die je gelebt haben“. Grenzenloser Ehrgeiz habe Hitler zur Bedrohung für den Frieden der Welt gemacht. Doch: „Er war aus dem Stoff, aus dem Legenden sind.“

Alan Posener: "John F. Kennedy". Biographie. Rowohlt Verlag. 18,95 Euro

Kein Wunder, dass Kennedy diese Aufzeichnungen zu Lebzeiten im Verborgenen ließ. Bemerkenswert aber ist, was ihn an Hitler am meisten interessierte: Denn sehr bald schon zählte er selbst zu den charismatischsten Präsidenten, die Amerika je hatte. Seine Legende aber erzählt nicht von Vernichtung und Krieg, sondern vom Mut zur Zukunft und von dem Zutrauen, die Welt zu einem humaneren Ort machen zu können.

1963, vor jetzt 54 Jahren, kam Kennedy zum letzten Mal nach Deutschland und lieferte hier eines seiner politischen Meisterstücke ab. Sein Bruder Joe war im Krieg gegen die Deutschen gefallen. Dennoch setzte er mit einer nur neun Minuten langen Rede einen bis heute unvergessenen Markstein für die Freundschaft beider Länder.

Er erklärte die Menschen der „Frontstadt“ Westberlin zum weltweiten Vorbild im Kampf gegen Totalitarismus und Diktatur: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz darauf, sagen zu können: ‚Ich bin ein Berliner!‘“

 

 

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