Die Bücher-Bar / Eine Kolumne / Folge 9

Der Büchersäufer stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat.

Heute geht es um eine Flüchtlingsgeschiche, die das Zeug zu einem großen Roman hat: Wie rette ich einen Bruder, der am anderen Ende Afrikas verschollen ist? Die Geschichte eines Wegs durch die Wüste, die man nicht so schnell vergisst:

Das neue Herz der Finsternis

Von Kain und Abel bis hin zu den Royals William und Harry sind Bibel und Boulevardzeitungen voller Geschichten über Zank zwischen Brüdern. Von Brüderliebe dagegen wird selten erzählt. Die mythischen Zwillinge Castor und Pollux sind das beste Beispiel, das mir dazu einfällt. Als Castor getötet wird, ist Pollux so untröstlich, dass er Gottvater Zeus darum bittet, ihn im Totenreich suchen zu dürfen, um zumindest vorübergehend bei ihm sein zu dürfen.

Ibrahima Balde / Amets Arzallus: "Kleiner Bruder". Aus dem Baskischen übersetzt von Raul Zelik. Suhrkamp Verlag, 14 Euro

Ibrahima Balde / Amets Arzallus: “Kleiner Bruder”. Aus dem Baskischen übersetzt von Raul Zelik. Suhrkamp Verlag, 14 Euro

Ibrahima Balde, ein junger Mann aus Guinea in Westafrika, hat genau diese Geschichte heutzutage erlebt. Und da Ibrahima Analphabet ist, hat der baskische Sänger Amets Arzallus sie für ihn aufgeschrieben: „Kleiner Bruder“ (Suhrkamp, 14 Euro).

Ibrahima arbeitet in Guinea für einen LKW-Fahrer. Da er selten zu Hause ist, kann er sich nicht um seinen kleinen Bruder Alhassane kümmern, obwohl ihm sein Vater kurz vor dem Tod aufgetragen hat, auf ihn zu achten. Irgendwann kommt ein Anruf vom fernen Mittelmeer am anderen Ende Afrikas: Alhassane hat die übliche Fluchtroute quer durch die Sahara in Richtung Europa genommen, ist in ein gefährliches Lager in Libyen geraten und in höchster Not.

Sofort bricht Ibrahima auf. Um zu Alhassane zu kommen, muss er dieselbe Route nehmen wie Tausende Flüchtlinge vor ihm und nach ihm. Er kämpft um Plätze in Bussen, in LKWs oder Pickups und einmal muss er sogar hunderte Kilometer durch die Wüste, bis seine Beine unerträglich anschwellen. An jedem Etappenziel wird er von Fluchthelfern ausgeraubt und schuftet dann wochenlang für Hungerlöhne, um die Weiterfahrt bezahlen zu können. Er wird geschlagen, er wird beschossen, er wird erpresst und einmal sogar in eine Art  Gefängnis gesteckt – doch nichts kann ihn stoppen, nichts. Kein Weg ist zu weit, kein Risiko zu groß. Er will zu seinem Bruder.

Das riesige Lager am libyschen Meer erweist sich als wahres Inferno, irgendwo in diesem Lager wird immer gerade gekämpft, geschossen, gestorben. Das neue Herz der Finsternis. Aber Ibrahima zögert nicht, er betritt dieses Totenreich bewaffnet nur mit einem winzigen Fotos seines Bruders und dem unbeirrbaren Glauben, sich inmitten der Gefechte zu ihm durchfragen zu können. Es ist eine sehr moderne, sehr traurige Heldengeschichte.

 

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Die Bücher-Bar / Eine Kolumne / Folge 8

Der Büchersäufer stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat.

Heute geht es um Jamaica Kincaid: Eine Autorin, die aus einem wahren Sonnenparadies stammt und so eindringlich von dessen Schattenseiten erzählt, dass ich zu frösteln begann.

Der Fluch der Karibik

Jamaica Kincade: "Nur eine kleine Insel". Übersetzt von Ilona Lauscher. Kampa Verlag, 18 Euro

Jamaica Kincade: “Nur eine kleine Insel”. Übersetzt von Ilona Lauscher. Kampa Verlag, 18 Euro

Jamaica Kincaid wurde 1949 auf der Karibikinsel Antigua geboren. Mit 17 ging sie als Au-pair-Mädchen nach New York. Neben der Arbeit büffelte sie an einer Abendschule, erhielt ein Stipendium, brach aber ihr Studium ab, um Schriftstellerin zu werden. Schon ihre frühen Short-Stories erschienen in den besten Zeitschriften, in „The Paris Review“ und im „New Yorker“. Eine der Geschichten im “New Yorker” trug den Titel “Girl”, sie ist nur 40 Zeilen lang, aber ebenso ergreifend wie kurz.  Heute lehrt Jamaica Kincade, wenn sie keine Romane oder Erzählungen schreibt, an der Harvard University.

Antigua ist keine große Insel, nur 16 Kilometer lang und 24 Kilometer breit. Sie ist wunderschön und bettelarm. Hundertfünfzig Jahre lang ließen hier weiße Siedler afrikanische Sklaven auf Plantagen um ihr Leben schuften. Erst 1981, vor vierzig Jahren, wurde das Land wirklich unabhängig.

Jamaica Kincaid gehört nicht zu den Autorinnen und Autoren, die von dem Glück berichten, dass die Sklaverei abgeschafft wurde, sondern zu denen, die voll Zorn sind darüber, dass Nationen, die sich gern zivilisiert nennen, jemals Sklaverei betrieben haben. In ihrem Buch „Nur eine kleine Insel“ (Kampa, 18 Euro) erzählt sie vom vergangenen Elend Antiguas unter britischer Herrschaft und vom Elend danach unter der angeblich unabhängigen Regierung.

Sie berichtet strikt aus der Perspektive der ehemaligen Sklaven, denen jedes Verständnis fehlt für die Brutalität ihrer ehemaligen Herren: „Wir dachten, sie seien wie Tiere, ein Stück unter dem menschlichen Niveau.“ Queen Victoria, in deren Namen so viel Unrecht verübt wurde, ist für sie nichts als eine „abstoßende Person“. Und auf die Frage, warum es ihrem Land nach seiner Befreiung noch immer nicht besser geht, antwortet Jamaica Kincaid, dass die korrupte neue Regierung genau das nachahmt, was sie von dem Kolonialregime gelernt hat: wie man Leute einsperrt oder umbringt, und wie man den Reichtum des Landes abräumt, um ihn auf Schweizer Konten zu deponieren.

 

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Die Bücher-Bar / Eine Kolumne / Folge 7

Was bleibt uns in Zeiten der Krise? Die Bücher! Das Lesen! Abenteuer im Kopf.

Der Büchersäufer stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat.

Heute: Nature writing ist derzeit zwar Trend, aber nicht so mein Ding. Ich bin zwei mit der Natur und war deshalb sofort neugierig auf ein schmales Buch mit dem vielversprechenden Titel Ein Stadtmensch im Wald.

Die Flucht zurück zu den Menschen

Ich bin in Städten aufgewachsen. Ich habe mich in Städten immer wohl gefühlt. Von Wäldern kann ich das nicht sagen. Wälder sind gefährlich. Als Kind stellte ich fest, dass es Leute gibt, die Bäume nicht Bäume nennen, sondern Ulme, Erle, Esche, Eiche oder von mir aus auch Linde. Ich fand das überflüssig, letztlich sehen sie alle gleich aus: Stamm, Äste, Grünzeug. Ein wenig meine ich das heute noch.

Jetzt las ich das Buch „Ein Stadtmensch im Wald“ (Galiani, 14 Euro). Es stammt angeblich von dem Autor H.D. Walden. Doch das ist ein Pseudonym, hinter dem der Schweizer Schriftsteller Linus Reichlin steckt.

H.D.Walden (Linus Reichlin): "Ein Stadtmensch im Wald". Galiani Verlag, 112 Seiten, 14 Euro

H.D.Walden (Linus Reichlin): “Ein Stadtmensch im Wald”. Galiani Verlag, 112 Seiten, 14 Euro

Erzählt wird von einem Naturbanausen, der aus Furcht vor Corona in eine einsame Waldhütte flieht. Er will nichts als allein und in Sicherheit sein. Bäume, Tiere, Pflanzen sind ihm fremd wie der Mars. Doch dann kommen ihn die Tiere besuchen, weil sie Futter wollen, und er beginnt, sie mit Hilfe einer App allmählich kennenzulernen. Was zwei Flügel hat, ist ein Vogel, soviel weiß er. Doch die App erklärt ihm, was ein Kleiber ist, was ein Dompfaff oder eine Mönchsgrasmücke.

Vor allem verliebt er sich in einen Waschbären, der jede Nacht um zwei Uhr auftaucht, um Meisenknödel zu klauen. Kurz: Nach und nach verwandelt ihn die Waldeinsamkeit in einen heiligen Franziskus, der mit den Tieren spricht und lebt.

Bis er einen Schuss hört und begreift, dass es im Wald auch Jäger gibt. Jäger, die Waschbären ermorden. Tagelang rennt er durch den Forst, um den Jäger um das Leben seines Waschbären anzuflehen. Bis ihm klar wird, wie verrückt sein Wunsch ist, ein einzelnes Tier retten zu wollen, und dass der Wald beginnt, ihn tiefer und tiefer in eine Wahnwelt einzuspinnen. Schleunigst packt er seine Sachen und flieht zurück zu den Menschen, zurück in die Stadt. Ein kluges, ein witziges Buch, ein Bericht aus dem Herzen der Finsternis namens Wald.

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Die Bücher-Bar / Eine Kolumne / Folge 6

Was bleibt uns in Zeiten der Krise? Die Bücher! Das Lesen! Die Abenteuer im Kopf.

Der Büchersäufer stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat.

Heute macht sich der Büchersäufer Gedanken, ob er bald schon im Wald lebt und an Schuhen kaut

Über die Stadt von morgen und andere Katastrophen

Früher lebten die Füchse im Wald. Heute ziehen sie den Großstadtdschungel vor. Forscher haben nachgezählt: In Berlin trifft man inzwischen fünfmalmehr Füchse als in einer berlingroßen Fläche in Brandenburg. Einer von ihnen hat inzwischen sogar seinen eigenen Instagram-Kanal (@derbergmannfuchs)

58394688zDa gleichzeitig immer mehr Menschen aufs Land ziehen, ist der Trend klar: Die Städte werden voller Füchse sein, die Menschen in Wäldern hausen. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen: Hier ist eine groß angelegte Umvolkung durch die fuchsbevorzugende Merkel-Regierung im Gange, und die AfD tut nichts dagegen.

In Berlin sind bereits Füchse beobachtet worden, die mit dem Bus zur Arbeit fahren. Empört stellten die übrigen Fahrgäste fest, dass die Tiere keine Tickets haben. Nachfragen bei den Behörden ergaben, dass die Füchse keine Fahrkarten brauchen, da sie künftig als Kontrolleure eingesetzt werden und menschliche Schwarzfahrer während der Fahrt über Bord gehen lassen sollen.

Höchste Zeit, sich über die fuchsrote Gefahr zu informieren. Unter dem originellen Titel „Füchse“ sind jetzt gleich zwei neue Bücher über Füchse erschienen von Karin Schumacher (Matthes & Seitz, 20 Euro) und Adele Brand (C.H.Beck, 22 Euro). Sie verraten alles, was man über die neuen Nachbarn aus dem Bau nebenan wissen muss.

58013578zSchon in den Märchen treten sie als gewitzte Betrüger und Räuber auf. Bedeutende Vertreter der Füchse finden sich inzwischen  im Autobau (VW Fox), in der Hetzjagd (Fox News) beim Tanz (Foxtrott) und bei der Balkonbepflanzung (Fuchsie).

Davon, wie gefährlich die Raubzüge der Füchse werden können, weiß die Bevölkerung der Kleinstadt Föhren in Rheinland-Pfalz ein schmerzvolles Lied zu singen. Zwischen 2009 und 2010 stahl eine Füchsin rund 200 Schuhe von Terrassen oder Hauseingängen. In ihrem Bau wurden 86 Stiefel, Pantoffeln oder Pumps gefunden und an die rechtmäßigen Besitzer zurückerstattet. Doch die Füchsin ließ sich nicht beirren und entwendete oft genug dieselben Exemplare noch einmal. Die Einwohner Föhrens entwickelten trotzdem viel Verständnis für die schuhfetischistische Füchsin und tauften sie auf den Namen „Imelda“.

 

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Die Bücher-Bar / Eine Kolumne / Folge 5

Was bleibt uns in Zeiten der Krise? Die Bücher! Das Lesen! Und das Reisen im Kopf.

Der Büchersäufer stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat.

Heute: Der Büchersäufer hat als Stubenhocker im Lockdown Speck angesetzt und fragt sich, wie er bis zum Post-Corona-Sommer seine Bikini-Figur zurückbekommen kann.

Was Sie schon immer mal tun wollten, sich aber nie trauten

So wie es derzeit aussieht, werden wir alle nur noch ein paar Wochen Stubenarrest haben. Es ist also allmählich an der Zeit darüber nachzudenken, wie man in den verbleibenden letzten Lockdown-Wochen wieder so in Form kommen will, dass man sich außer Haus überhaupt sehen lassen kann. Dafür bieten sich vor allem zwei Tätigkeitsbereiche an.

60091392z Der zweite ist das Kochen. Nichts vermisst der daheim eingesperrte Arbeitnehmer so schmerzlich, wie den täglichen Gang zur liebgewordenen Kantine. Um die Verlusterfahrung in Grenzen zu halten, wurde für die Quarantäne-Zeiten „Das große Home-Office-Kochbuch“ entwickelt (Neumann & Göbel, 8 Euro). Das Werk bringt 77 Rezepte und dazu einen Haufen revolutionäre Küchentricks speziell für Leute, die ihre eigene Küche in Vor-Lockdown-Zeiten eher selten betreten haben. Zum Beispiel den Tipp, es mal mit Meal Prepping zu versuchen. Meal Prepping ist das coole Wort für Omas „Vorkochen“: Wer heute für zwei Tage kocht, hat morgen noch was im Topf. Super Idee. Oder den Tipp, sogenannte „Vorräte“ anzulegen, statt für jede Tiefkühlpizza einzeln zum Supermarkt zu laufen. Man glaubt es nicht.

71MMGYA6a9L._AC_UY327_QL65_An den fortgeschrittenen Corona-Koch wendet sich das Gerüchteküchen-Rezeptbuch von Aylin Sönmez: „Lügenkresse“ (Independet, 8,90 Euro). Es will randalierenden Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern oder Maskenmuffeln auf nahrhafte Weise das Maul stopfen. Auf der Speisekarte stehen hier unter anderem das „Geimpfte Spahnferkel“, die „Ofenkartoffel im Aluhut“ und der „Vegane Reichsburger“.

58506566nSollte damit noch nicht jeder Hunger gestillt sein, ist es an der Zeit, sich auf den anderen der beiden Tätigkeitsbereiche für letzte lange Lockdown-Abende zu besinnen. Das entsprechende Lehrbuch stammt von der Amerikanerin Libby Jones und heißt „Striptease daheim“ (Matthes & Seitz, 15 Euro). Es enthält nicht nur eine kluge Choreografie, wie Damen (oder von mir aus Herren) Kleidungsstücke ablegen können, sondern auch zur Vorbereitung auf den großen Auftritt passende Schmink- und Gymnastiktipps. Und außerdem detaillierte Anleitungen zu Stripteasetypischen Bewegungsmustern wie dem „Shimmy“, dem „Bounce“, dem „Stomp“ und – oh mein Gott! – sogar den „Bump“! Unfassbar! Ein Buch, das in Coronazeiten (aber auch danach) in keinem Haushalt fehlen sollte.

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Traditionsbuchhandlung in Not

Das kulturelle Wohnzimmer von Frankfurt-Bornheim ist in Gefahr

Trotz ungekündigtem Vertrag schickt der Vermieter dem Antiquariat eine Räumungsklage

Die Buchhandlung “Schutt” von Angelika Schleindl in Frankfurt-Bornheim ist wirklich etwas besonderes. Ich kaufe meine Bücher seit vielen Jahren dort, gehe zu den Lesungen, genieße die Gastfreundschaft des Antiquariats. Ich weiß noch nicht, wie ich (oder: wie man) der Buchhandlung gegen die unmotivierte und meines Erachtens rechtswidrige Räumungsklage helfen kann. Aber ich möchte hier unbedingt auf den Hilferuf in Form eines Offenen Briefes der Buchhändlerin hinweisen. Hier ist ein Stück Frankfurter Kultur in Gefahr.

Traditionsbuchhandlung in Not!

Seit über zwanzig Jahren führe ich mit meinem Team die Buchhandlung Schutt in Bornheim Mitte. Diese Traditionsbuchhandlung gehört zu Bornheim wie das Uhrtürmchen und sie ist auch fast so alt.
Der Vermieter der Buchhandlung hat mir eine Räumungsklage geschickt, die am 24. September vor dem Landgericht Frankfurt verhandelt wird.

Seitdem ich mich gegen die Zerschlagung der Buchhandlung und den Verlust des Arbeitsplatzes meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wehre, werde ich mit diversen Schikanen mürbe gemacht.

Die Absicht des Hausbesitzers ist es, die Buchhandlung auf den Verkaufsladen im Vorderhaus zu reduzieren –  wobei die Seele der Buchhandlung das Antiquariat im Hinterhof ist. Hier finden regelmäßig Lesungen, Schreibkurse, Chorproben, Diskussionen, Konzerte statt – hundert Quadratmeter Kultur in Bornheim – und nicht nur für die Menschen dieses Stadtteils. Ich habe diesen Raum für 100.000 Euro renovieren und restaurieren lassen und eine Küche, ein Bad, eine neue Heizung und neue Fenster einbauen lassen.

Das Antiquariat in der Arnsburger Straße ist ein ganz besonderer Ort. Es gibt keinen zweiten dieser Art in Frankfurt – er ist das kulturelle Wohnzimmer dieses Viertels. Hier gab es legendäre Veranstaltungen mit Robert Gernhardt, Eckard Henscheid, Wilhelm Genazino, Martin Mosebach, Michi Herl und Jan Seghers.  Er ist und war das Zuhause der Neuen Frankfurter Schule. Hier wurden Autoren bekannt gemacht und Buchpremieren gefeiert.

Ich habe einen gültigen Vertrag mit dem Besitzer und bin nicht Willens und auch nicht in der Lage, eine Mieterhöhung von fast 2.000 Euro zu bezahlen. Sollte die Buchhandlung auf den kleinen Verkaufsraum reduziert werden, ist sie nicht mehr lebensfähig und Bornheim verliert sein kulturelles Zentrum.

Gerade während des Shut downs haben wir eine Unterstützung unserer Kundinnen und Kunden erfahren, die uns überwältigt hat. Wir wurden mit Kaffee und Gebäck versorgt, es wurden Büchergutscheine gekauft wie sonst nur vor Weihnachten, wir haben Trinkgelder bekommen wie die Bedienungen in Edelrestaurants.

Kampflos werden wir die älteste Traditionsbuchhandlung der internationalen Messestadt Frankfurt nicht aufgeben!

Ich lade Sie gerne zu einem persönlichen Gespräch ein.

Buchhandlung Schutt
Angelika Schleindl
Arnsburger Straße 76
60385 Frankfurt/Main
Tel. 069/435 173
handy: 0179/13 777 11
info@buchhandlung-schutt.de
 

 

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Die Bücher-Bar 4 / Eine Kolumne

Was bleibt uns in Zeiten der Krise? Die Bücher! Das Lesen! Und das Reisen im Kopf.

Der Büchersäufer stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat.

Heute: Der Büchersäufer macht sich Sorgen über die Seuchenanfälligkeit der Verlage und hat einen Vorschlag

Nachdenken über das tödlichste Tier der Welt

Heinrich Heine: Ich rede von der Cholera. Hoffmann und Campe. 59 Seiten. 14 Euro

Heinrich Heine: Ich rede von der Cholera. Hoffmann und Campe. 59 Seiten. 14 Euro

Die Verlage stürzen sich derzeit auf die großen Seuchen, dass es eine Pracht ist. Nach Dutzenden von aktuellen Corona-Büchern, kommen jetzt die historischen Pandemien dran. Von Daniel Defoe erscheint das 300 Jahre alte Buch über „Die Pest in London“ (Jung & Jung, 25 Euro). Von Heinrich Heine seine knapp 190 Jahre alte Reportage „Ich rede von der Cholera“ (Hoffmann und Campe, 14 Euro). Dazu Erinnerungen an die 100 Jahre alte Spanische Grippe von Harald Salfellner (Vitalis, 24,30 Euro) und Wilfried Witte (Wagenbach, 12 Euro).

Für jedes Seuchen-Interesse ist gesorgt. Ob sie nun ein Buch haben wollen über „Pest und Corona“ (Herder Verlag, 18 Euro) oder eines über „Pest und Cholera“ (Unionverlag, 12,95 Euro), ob über „Grippe, Pest und Cholera“ (Steiner Verlag, 24,90 Euro) oder über „Grippe, Cholera und Pest“ (BoD, 10 Euro).  Sogar medizinisch gewagte Neukombinationen werden erprobt wie „Das Tagebuch eines Geistlichen während der Cholerapest zu Saratow“ (BoD, 10 Euro) oder „Die Scharlachpest“ (BoD, 12,90 Euro).

Daniel Defoe: Die Pest in London. Übersetzung: Rudolf Schaller. Verlag Jung & Jung. 386 Seiten. 25 Euro

Daniel Defoe: Die Pest in London. Übersetzung: Rudolf Schaller. Verlag Jung & Jung. 386 Seiten. 25 Euro

Ich weiß nicht, was Christian Drosten dazu sagt. Aber um mal den Gerechtigkeitsgedanken ins Spiel zu bringen: Bei so viel Aufmerksamkeit für Seuchen müssen sich, denke ich mir, die übrigen Leiden und Gebrechen ziemlich zurückgesetzt vorkommen. Sicher, der im Buchgeschäft wichtige Gruselfaktor ist bei Seuchen besonders hoch, weil die Opfer schnell nach Millionen zählen. Aber auch in dieser Hinsicht wäre es leichtfertig, nur auf Pest & Co. zu setzen.

Nehmen wir zum Beispiel das gefährlichste Tier der Welt, die Mücke, die Malaria überträgt. Sie infiziert pro Jahr rund 200 Millionen Menschen, über eine Million davon sterben. Pro Jahr.

Natürlich ist der Buchmarkt an den Chancen, die so eine Dauerkatastrophe bietet, nicht achtlos vorübergegangen. Vor acht Jahren schrieb die Autorin Carmen Stephan einen Roman über die Krankheit, und zwar aus der Perspektive der Mücke, die gerade eine junge Frau angesteckt hat: „Mal Aria“ (Fischer, 9,99 Euro). Wäre das nicht ein Tipp für die aktuelle Corona-Literatur? Den Krimi aus Virus-Perspektive gibt es noch nicht. Christian Drostens erster Fall! Garantierter Bestseller. Herr Drosten, übernehmen Sie!

Carmen Stephan: "Mal Aria". Roman. Fischer Taschenbuch. 9,99 Euro

Carmen Stephan: “Mal Aria”. Roman. Fischer Taschenbuch. 9,99 Euro

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Die Bücher-Bar 3 / Eine Kolumne

Was bleibt uns in Zeiten der Krise? Die Bücher! Das Lesen! Und das Reisen im Kopf.

Der Büchersäufer stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat.

Heute: Über die Sehnsucht nach behaglichen Zimmern,
die demokratischen Grundlagen von Wegen im freien Gelände sowie den Einzelgänger als Varta-Häschen

Das kilometerlange Schweigen beim Denken

Falls Sie mal – für ein Kreuzworträtsel oder so – das Gegenteil von einem Touristikfachmann suchen, möchte ich Ihnen den französischen Philosophen Blaise Pascal ans Herz legen. Er war überzeugt, „das ganze Unglück der Menschen“ rühre daher, „dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ Eine Ansicht, die man in diesen Wochen der Viren gar nicht stark genug betonen kann.

Robert Macfarlane: "Alte Wege". Übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers. Verlag Matthes & Seitz. 346 Seiten, 32 Euro

Robert Macfarlane: “Alte Wege”. Übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers. Verlag Matthes & Seitz. 346 Seiten, 32 Euro

Das ganze Unglück der Menschen müsste demnach allerdings bereits ziemlich alt sein. Denn schon als unsere Vorfahren in Urhorden die Savannen Afrikas durchstreiften, waren sie Nomaden. Bis sie Häuser beziehen konnten mit behaglichen Zimmern, in denen es eine Freude war, der Empfehlung Pascals zu folgen, hatten sie noch einen langen Weg zu gehen.

Der Brite Robert Macfarlane versucht das Unglück nicht durchs Sitzen im Zimmer hinter sich zu lassen, sondern durchs Wandern. Er liebt Strecken, die bereits seit Jahrhunderten oder sogar schon seit der Steinzeit benutzt wurden und beschreibt sie in seinem Buch „Alte Wege“ (Matthes & Seitz, 32 Euro). Bei ihm kann man lernen, was für eine enorm gemeinschaftliche und letztlich geradezu demokratische Sache so ein Pfad im freien Gelände ist. Denn Pfade entstehen nur dort, wo über einen langen Zeitraum viele Menschen gehen, weil sie alle gerade diese Richtung für die Richtige halten. Ein Einzelner kann da überhaupt nichts ausrichten, es sei denn er würde auf der eigenen Spur immerzu wie ein Varta-Häschen hin und her rasen. Alte Wege sind so etwas wie das Resultat kollektiver Weisheit des Vorankommenwollens.

Wie viel Gemeinsinn ein alter Weg repräsentiert, macht Macfarlane an einem Beispiel klar: Vor Jahrhunderten war es in England üblich, an der Stelle, an der ein Pfad in einen dichten Wald führte, gut sichtbar eine kleine Sichel zu platzieren. Mit der konnte sich der Wanderer die Strecke von nachwachsenden Hindernissen freischneiden, und dann hinterließ er die Sichel nach dem Waldstück wiederum an einem auffälligen Platz, damit ein entgegenkommender Wanderer seinerseits die Pfadpflege fortsetzen konnte. Geklaut wurde sie nicht.

Ob Pascal das wusste? Vielleicht hätte er dann besser über die Welt jenseits seines Zimmers gedacht. Ein anderer Philosoph, Ludwig Wittgenstein, der im Gehen besser denken konnte als im Sitzen, versuchte mitunter beides zugleich: zu wandern und im Zimmer zu bleiben. Eine Möglichkeit, die man derzeit besonders in Betracht ziehen sollte. Wenn Wittgenstein während des Studiums in Cambridge ein Gedanke seines Professors Bertrand Russell besonders aufwühlte, stand er auf und lief im Arbeitszimmer seines Lehrers in erregtem Schweigen auf und ab. Er schritt dessen Argumentation gewissermaßen Punkt für Punkt ab. Er soll in der kleinen Gelehrtenstube ohne ein Wort zu sagen Kilometer um Kilometer abgespult haben, während Russell ebenso schweigsam und sehr geduldig dabei zuschaute, wie ungestüm sein begabtester Schüler lernte.

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Die Bücher-Bar 2 / Eine Kolumne

Der Büchersäufer stellt Bücher vor, die er bis zur Neige genossen, oder an denen er lieber nur genippt hat.

Heute: Über den  Kampf ums Reisendürfen, einen eleganten Anarchisten mit langem Haar sowie das zweifelhafte Glück,  mit Lothar Matthäus zu reden

Das heilige Hemd unter DDR-grauer Jacke

Seit es die Billigflieger gibt, herrscht beim Reisen vor allem die Qual der Wahl. Was darf’s denn sein: Scuba auf Cuba? Radtour in Singapur? Safari in Malawi? Doch das größte Freiheitsglück des Reisens spürt derjenige, der um die Freiheit des Reisens überhaupt erst kämpfen musste.

Alex Raack: “Wolle. Ein Fan zwischen Ost und West”. Tropen Verlag, 16.95 Euro

Wolfgang „Wolle“ Großmann ist so einer, und der Reporter Alex Raack hat seine Geschichte in einem Buch namens „Wolle“ aufgeschrieben (Tropen Verlag, 16,95 Euro). Wolle wurde in Mönchengladbach geboren und erlebte die Urkatastrophe seines Lebens im Alter von zwei Jahren – als seine Eltern mit ihm kurz vor dem Mauerbau nach Dresden umzogen. Denn Wolle ist, sagen wir mal, ein wenig eckig ins Leben gebaut und holte sich pausenlos blaue Flecke im Stasi-Sozialismus der DDR.

Aber hätte es für einen jungen, schwer bezähmbaren Mann aus Mönchengladbach in den 70-er Jahren ein größeres Freiheitsversprechen geben können, als den Hurra-Fußball der Borussia mit Spielern wie Jupp Heynckes und den eleganten Anarchisten Günter Netzer, der sich beim Endspiel um den DFB-Pokal ohne einen Blick zum Trainer selbst einwechselte und das Siegtor schoss?

Wolle wurde in Dresden Borussia-Fan bis auf die Knochen. Jeder schwarz-weiße-grüne Schal, jedes Borussia-Trikot, dessen er habhaft werden konnte, waren ihm heilig, heilig, heilig. Auch wenn er sie versteckt unter DDR-grauen Jacken tragen musste, weil Polizei und Ämter nur zu gern bereit waren,  ihm seine Begeisterung für Westliches krumm zu nehmen.

Bis die Borussia 1981 im Uefa-Pokal gegen den 1.FC Magdeburg spielte. Da hielt Wolle nichts mehr. Als sein Team eintraf, lenkte ein Freund die Stasi-Aufpasser ab, Wolle huschte die Treppe des Mannschaftshotels hinauf, klopfte an irgendeine Tür und trat ein. Okay, zugegeben, nicht für jeden von uns zählt es zum Traum vom Glück, Lothar Matthäus sein Herz auszuschütten. Aber für Wolle war es das. Eine Stunde saß er da, erzählte Matthäus wie es ist, Borussia-Fan in Dresden zu sein, und der konnte es nicht fassen.

Schließlich stellte Wolle einen Ausreiseantrag, und 1985 durfte er sich auf den Weg machen, um seiner Borussia im Heimatstadion nah zu sein. Und hinterließ den denkwürdigen Satz: „Ich hab’ die DDR doch nicht verlassen, weil mir die Wurst nicht schmeckte, sondern weil ich auf den Bökelberg wollte!“ Das erste Spiel am Sehnsuchtsziel war nur ein Unentschieden. Aber das zweite bereits ein Fußballfest, 7:0 gegen Kaiserslautern! Wolle war angekommen.

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Die Bücher-Bar 1 / Eine Kolumne

Der Büchersäufer stellt Bücher vor, die er bis zur Neige genossen, oder an denen er doch lieber nur genippt hat.

Heute: Über ein Buch von Gewicht und die leichtsinnige Hoffnung auf irgendeinen kultivierenden Einfluss der Kunst sowie den Zusammenhang zwischen Hotels und Pilzen.

Was ist besser? Lesen oder Reisen?

Manche Bücher können das Reisen glattweg ersetzen. Mehr noch, ich behaupte, Bücher sind gelegentlich sogar besser als Reisen. Natürlich ist prinzipiell nichts einzuwenden gegen einen leibhaftigen Aufenthalt in fremden Ländern. Aber einige davon haben, seien wir ehrlich, schon so ihre Macken: Sie sind fürchterlich heiß oder erschreckend kalt, die Leute sprechen Sprachen, denen man nur mühsam folgen kann, und dazu die irren Roaming-Gebühren. Also, wenn ich schon auf eine einsame Insel soll, dann am liebsten in der Literatur und in einem Roman wie „Robinson Crusoe“. Da kann ich zwischendurch das Buch mal zuschlagen und Pause machen vom Einsamsein.

Marc Walter / Sabine Arqué: “The Grand Tour. The Golden Age of Travel.” Taschen Verlag. 615 großformatige Seiten. Preis: 150 Euro

Auf dem Weg, eine Reise komplett zu ersetzen, kommt das gigantische Buch „The Grand Tour. Das goldene Zeitalter des Reisens“ von Marc Walter und Sabine Arqué (Taschen Verlag) schon allein in finanzieller Hinsicht ein gutes Stück voran. Es kostet 150 Euro, kann in der Budgetplanung also locker den Platz für den Tagesausflug einer kinderreichen Familie einnehmen.

Dafür hat der Prachtband allerdings auch eine Menge zu bieten: Er bringt gute 6,5 Kilo auf unsere Badezimmerwaage. Wenn ich ihn hochkant auf den Boden stelle, reicht er mir bis zum Knie. Und sobald ich ihn aufschlage, führt er an einige der schönsten Orte dieser Welt. Mit der Grand Tour rundeten nämlich einst die Adligen und Superreichen die Bildung ihrer Kinder ab, schickten sie zur Kunst-Beschau für ein oder zwei Jahre über Paris und Südfrankreich nach Italien und hofften, das würde irgendeinen kultivierenden Einfluss haben auf die lieben Kleinen. Später reisten manche sogar in den Orient oder bis nach Indien.

Natürlich kann man diesem goldenen Zeitalter des Reisens nachtrauen. Die Versuchung dazu ist sogar groß, sobald man in diesem Wunder-Buch blättert und sich in fabelhaft altmodischen Ansichten all jener herrlichen Orte vertieft, an denen inzwischen zwölfstöckige Hotelbauten sprießen wie die Pilze.

Doch an das endgültige Verschwinden der Grand Tour glaube ich nicht. Meines Erachtens lebt sie bis heute weiter – und zwar unter dem Tarnnamen „Work & Travel“. Inzwischen sind es nicht mehr die Eltern, sondern die Sprösslinge selbst, die sich nach Schulschluss für ein Jahr oder länger in Richtung Australien, Peru oder Togo verfrachten. Letztlich geht also auch in der Reisekultur nichts verloren und manches wird, genau betrachtet, sogar besser.

 

 

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