Eugen Ruge über das Kap der Katzen

Zur Kunst des Reisens gehört das Ankommen

Gleich sein Erstling war ein Triumph: Für den Familienroman In Zeiten des abnehmenden Lichts wurde Eugen Ruge 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, der fast immer Bestsellerplätze garantiert. Auch sein zweiter  Roman Cabo de Gata, der von einem Winter am spanischen „Kap der Katzen“ erzählt, hat ein großes Publikum erobert. Es geht um den Versuch, alle Brücken hinter sich abzubrechen, um das Problem über spirituelle Erfahrungen zu schreiben und den Versuch, ohne Botschaft zu erzählen

Uwe Wittstock: Herr Ruge, der Held Ihres Romans Cabo de Gata kündigt alles: Wohnung, Arbeit, Kranken- und Rentenversicherung. Den Rest seines Lebens packt er in einen Rucksack und zieht in Richtung Süden. Ist das ein Traum oder ein Albtraum?

Eugen Ruge: "Cabo de Gata". Rowohlt Taschenbuch Verlag, 10,99 Euro

Eugen Ruge: In diesem Fall ist es zuerst ein Traum und dann eine Ent-Täuschung. Seine Täuschung besteht darin zu glauben, sobald er in die Fremde geht, werde ihm etwas gelingen, was er zu Hause nicht zu Stande bringt. Er will einen Roman schreiben und Schriftsteller werden.

Wittstock: Jedes Jahr zieht es Millionen Deutsche in den Süden. Doch Ihr Held kommt nicht zur Urlaubszeit, sondern im Winter in Spanien an und friert wochenlang entsetzlich.

Eugen Ruge: Ja, das ist Teil seiner Enttäuschung. Die Vorstellung, die Dinge könnten anderswo automatisch besser werden als daheim – eine Vorstellung, die gar nicht so selten ist –, wird für ihn auf vielfältige Weise enttäuscht. Am Strand liegt Müll, die Bude, in der er wohnt, ist gar nicht romantisch, sondern scheußlich und kalt, und auch mit dem Bücherschreiben geht es nicht besser voran als zu Hause. Der entscheidende Schritt für ihn ist, daraufhin nicht schon wieder seinen Rucksack zu packen und weiterzuziehen. Sondern er bleibt, halb aus Geldnot vermutlich, aber auch, weil er sich entschließt, der Enttäuschung standzuhalten. Von diesem Moment an beginnt er sich tatsächlich zu verändern.

Wittstock: Braucht man also doch gelegentlich Tapetenwechsel, um sich verändern zu können?

Eugen Ruge: Da ich gerade aus China komme: Laotse sagt, wer das Tao hat, kann gehen, wohin er will. Anders gesagt, er kann auch zu Hause bleiben. Aber möglicherweise muss man auf Reisen gehen, um das zu erfahren. Nur reicht die Reise, der Tapetenwechsel, allein nicht aus. Ich kenne Leute, die reisen ständig überall auf der Welt herum und ändern sich gar nicht.

Reales Vorbild in Cabo de Gata für die fiktive Unterkunft des Schriftstellers aus Eugen Ruges gleichnamigem Roman

Wittstock: Führt die Reise Ihres Helden in ein Paradies?

Eugen Ruge: Tatsächlich verheißt ihm ein Schild am Straßenrand „Das letzte Paradies Europas“. Das unterstützt seine heimliche Hoffnung, endlich alle alten Probleme lösen oder loswerden zu können. Aber das Paradies entpuppt sich als Wüsten- oder Steppenlandschaft. Es ist keineswegs ein Idyll, sondern eher ein Ort großer Einsamkeit, genauer gesagt ein Ort, an dem er seine Einsamkeit noch stärker zu spüren bekommt.

Wittstock: Ein Paradies verspricht Erlösung. Findet Ihr Held in Cabo de Gata letztlich Erlösung?

Eugen Ruge: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, so viel darf man verraten: Letztlich erzählt der Roman die Geschichte eines Scheiterns, eines Misserfolgs. Aber trotz allem wird meine Figur dabei reicher. Wie das geschieht und wodurch, ist gar nicht so leicht zu sagen. Davon kann man schlecht sprechen, sondern allenfalls erzählen. Genau das versuche ich in diesem Roman. Es hat zu tun mit Langsamkeit, mit Verweilen, auch mit einer bestimmten Zurückgezogenheit – und all das steht im Gegensatz zu dem, was heute als wichtig empfunden wird: immer schnellere Kommunikation, permanenter Spaß, Abwechslung. Ich will daraus keine zivilisationskritische Ideologie ableiten, und Kommunikation und Abwechslung haben zweifellos etwas für sich. Ich will nur davon erzählen, welche Wirkung Langsamkeit und Einsamkeit haben können.

Wittstock: Die Romanfigur war Chemiker, bevor er Schriftsteller werden wollte. Sie waren einmal Mathematiker. Ist es ein großer Schritt vom naturwissenschaftlichen Denken zum literarischen?

Fischerboote im spanischen Cabo de Gata

Eugen Ruge: Ich musste lange gegen die Versuchung ankämpfen, in meinen Geschichten eine bestimmte Botschaft an den Leser bringen zu wollen. Es ist mir nicht leichtgefallen, einfach nur zu erzählen. Ob das nun mit meiner Vergangenheit als Mathematiker zusammenhängt oder mit der Tatsache, dass ich lange in der DDR lebte, weiß ich nicht. In der DDR hatten Literatur und Kunst ja unter anderem die Funktion übernommen, verschwiegene oder unterdrückte Meinungen erkennbar zu machen – und das war damals sicher wichtig und gut so. Übrigens nicht nur in der DDR, sondern auch in anderen Ländern und anderen Zeitaltern. Letztlich ist diese Funktion der Kunst nicht vollkommen fremd, Kunst kommt nämlich nicht von „Können“, sondern von „Künden“. Ein Schriftsteller, der heute in Algerien lebt, in China oder in Syrien, hat ganz andere Aufgaben als ein Autor in der Bundesrepublik Deutschland. Aber dieses Verkünden von Meinungen ist nun mal nicht das, worum es mir beim Schreiben heute geht. Mich von der Neigung zum Künden zu befreien hat Arbeit gemacht.

Wittstock: Sie sind kein religiöser Schriftsteller. Ihre Literatur lebt viel eher aus der Skepsis und Ironie. Dennoch macht Ihr Held in dem Roman eine spirituelle Erfahrung. Ist es Ihnen schwergefallen, das zu beschreiben?

Eugen Ruge: Es ist überhaupt schwer, über spirituelle Erfahrungen zu reden. Sobald man darüber spricht, werden diese Erfahrungen verfälscht und beschädigt. Man kann aber behutsam von ihnen erzählen und sie dem Leser gleichsam vor Augen stellen. Man schreibt sozusagen am Rand einer spirituellen Erfahrung entlang und lässt so ihre Kontur erkennbar werden. Das Davor und das Danach. Aber die Erfahrung selbst lässt sich, glaube ich, nicht in Worte fassen.

Wittstock: Kein Zufall also, wenn die Reise den Romanhelden in so etwas wie ein Paradies führt.

Eugen Ruge: Natürlich ist das kein Zufall, sondern Teil der erzählerischen Strategie. Mancher Leser könnte vielleicht auf die Idee kommen, ich hätte die Geschichte der Monate in Cabo de Gata genau so erlebt, wie ich sie im Buch aufgeschrieben habe. Aber das stimmt nicht, der Roman ist gebaut: Manches ist erlebt, anderes erfunden, wieder anderes stark bearbeitet, damit es in die Ordnung der Geschichte passt und seinen Ort finden kann. Und natürlich geht man als Erzähler mit einem so großen Wort wie „Paradies“ sehr vorsichtig um, selbst wenn es in der Geschichte nur auf einem Straßenschild am Wegesrand auftaucht. Man denkt gründlich nach, bevor man so ein Wort in einer Geschichte stehen lässt.

Wittstock: Sie betonen, der Roman sei nicht autobiografisch, sondern „gebaut“. Aber zugleich bauen Sie ihn mit einigen Kunstgriffen genau so, dass der Leser regelrecht dazu verführt wird, ihn für autobiografisch zu halten. Warum?

Eugen Ruge: Ich habe zunächst überlegt, die Geschichte in der dritten Person zu schreiben, ich habe den Helden Dorst genannt. Ich habe mich dann doch entschieden, sie in der Ich-Form zu schreiben, weil ich in der Perspektive, genauer gesagt in den Erinnerungen der Figur bleiben wollte. Es gibt keinen Erzähler, der darübersteht und beurteilt, ob das, was der Erzähler erinnert, wahr ist, denn es geht in dieser Geschichte nicht um Wahrheit, sondern um die Frage, wie – und wie intensiv – etwas erlebt worden ist. Aber wenn man eine Geschichte in der Ich-Form schreibt und wenn man sie gut schreibt, glaubt der Leser natürlich, die Geschichte sei autobiografisch. Wenn der Leser das nicht glaubt, dann hat der Autor seinen Ich-Erzähler nicht gut erfunden.

 

Das Gespräch mit Eugen Ruge entstand am Schauplatz des Buches, im spanischen Cabo de Gata. Es erschien zuerst in Focus-Spezial Die besten Bücher 2013

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Schriftsteller David Wagner zur Organspende

“Die Dankbarkeit ist ungeheuer”

Ohne Organspende wäre der Schriftsteller David Wagner, 43, heute tot. Von Kindheit  an litt er an einer schweren Lebererkrankung, die ihm nur eine Überlebenschance ließ: die Transplantation eines Ersatzorgans. Über diese Erfahrung schrieb er das Buch „Leben“, einen klugen, niemals wehleidigen, oft sogar komischen Erlebnisbericht. Er wurde mit dem  „Preis der Leipziger Buchmesse 2013“ ausgezeichnet und stand lange auf den Bestsellerlisten.

Uwe Wittstock: Herr Wagner, wie fühlen Sie sich heute mit einer fremden Leber?

David Wagner:Das ist keine fremde Leber, es ist jetzt meine. Es war nicht immer meine, aber sie ist jetzt bei mir. Sicher, diese Leber hat mir das Leben gerettet, aber ohne mich wäre auch sie jetzt tot. Sie wäre mit dem Spender gestorben. Ich könnte nicht damit leben, diese Leber als etwas Fremdes zu betrachten, als das Fremde in mir. Tatsächlich ändert sich ja der Zellaufbau einer Leber mit den Jahren, alte Zellen werden durch neue ersetzt. Mein Körper hat diese Leber also auch im medizinischen Sinne inzwischen zum

David Wagner: "Leben". Rowohlt Taschenbuch Verlag, 9,99 Euro

Großteil zu seiner gemacht.

Wittstock: Was dachten Sie, als die Nachricht kam, es gebe eine Leber für Sie?

David Wagner: Ich war sehr, sehr aufgeregt. Die Nachricht kommt ja unvermittelt, so etwas kommt wohl immer unvermittelt. Mit dem Anruf ist aber auch klar: Jetzt geht es um Leben und Tod. Es wird etwas Lebensnotwendiges aus dem Körper herausgeschnitten und ersetzt. Wenn diese Operation nicht gelingt oder wenn das neue Organ seine Aufgaben nicht erfüllt, ist es aus.

Wittstock: Sie haben einmal abgelehnt, als -Ihnen eine rettende Leber angeboten wurde.

David Wagner: Da ging es mir wohl noch nicht schlecht genug. Ich hatte Angst. Mir geht es heute sehr gut. Aber es ist auch möglich, dass es einem nach der Transplantation noch schlechter geht als zuvor. Die Entscheidung für eine Transplantation ist also nie leicht.

Wittstock: Haben Sie trotz der Skandale Vertrauen zur Vergabepraxis bei Organspenden?

David Wagner: Ich habe großes Vertrauen. Hinter den Skandalen steht ein politisches Problem. Es gibt einerseits zu wenige Spenderorgane und andererseits in Deutschland viel zu viele kleine Transplantationszentren. In diesen Zentren werden nur selten Organe verpflanzt. Das hat einzelne Ärzte dazu verführt, Patienten als dringende Notfälle auszugeben, die nicht so krank waren. Es wäre Aufgabe der Politik, erstens für leistungsfähige Transplantationszentren zu sorgen und zweitens die Organspende mit nationalen Gesetzen klar zu regeln, wie es in Frankreich und Spanien der Fall ist.

Wittstock: Wie stehen Sie zu Menschen, die Organspende verweigern?

David Wagner: Das ist ihr gutes Recht. Absolut verständlich. Andererseits lebe ich mit der ungeheuren Dankbarkeit – und Dankbarkeit ist ein viel zu kleines Wort – dafür, dass sich jemand entschieden hat, seine Organe zu spenden. Oder dass Angehörige die bewundernswerte Entscheidung getroffen haben, der Organspende zuzustimmen.

Wittstock: Was würden Sie zu einem Menschen sagen, der überlegt, sich als potenzieller Organspender registrieren zu lassen oder nicht?

David Wagner: Er sollte sich vorstellen, dass sein Kind oder ein anderer sehr geliebter Mensch nur weiterleben kann, falls er ein neues Herz, eine neue Leber bekommen kann.

Wittstock: Haben Sie einen Organspenderausweis?

David Wagner: Selbstverständlich.

Wittstock: Denken Sie manchmal an den Menschen, dem Sie Ihre Leber verdanken?

David Wagner: Täglich. Mein Buch ist in gewisser Hinsicht nichts anderes als eine literarische Gedenktafel für diesen Menschen.

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Ist Michel Houellebecq der neue Dave Eggers?

Wenn Schriftsteller sich suhlen in politischer Angstlust

Michel Houellebecqs Unterwerfung und Dave Eggers Der Circle sind zeitdiagnostische Romane, die sowohl ästhetisch wie auch zeitdiagnostisch das literarische Klassenziel nicht erreichen. Dennoch feiern sie im Kampf um die öffentliche Aufmerksamkeit erstaunliche Triumphe. Wie kommt es zu diesen Erfolgen? Eine Spekulation

Michel Houellebecqs Unterwerfung ist noch nicht erschienen – und schon der meistdebattierte Roman dieser Tage. Ich habe eine digitale Fassung vom deutschen Verlag vorab erhalten und gelesen. Er ist in meinen Augen mit Sicherheit keine literarische Meisterleistung, aber dennoch ein beeindruckendes Buch. Denn es trifft mit erstaunlicher Präzision den (politischen) Nerv seiner Zeit.

Michel Houellebecq: "Unterwerfung". Dumont Verlag, Köln 2015, 22,99 Euro

Die Handlung ist bereits oft genug referiert worden, ich muss sie hier nicht noch einmal nacherzählen. Die grundlegenden Ideen Houellebecqs sind simpel: Im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2022 bekommen die traditionelle bürgerlichen und sozialistischen Parteien keinen Fuß mehr auf den Boden. In der Stichwahl machen der Front National mit Marine Le Pen und eine (fiktive) „Bruderschaft der Muslime“ das Rennen unter sich aus. Da sich die bereits zuvor geschlagenen traditionellen Parteien hinter die „Brüderschaft“ stellen, ist deren Spitzenkandidat Mohammad Ben Abbes der sichere Sieger.

Durchaus plausibel erscheint mir an diesem Szenario, dass es vor einem derart entscheidenden Wahlgang zu gewalttätigen Zusammenstößen kommt. Autos werden abgefackelt (nicht unüblich im Frankreich der letzten Jahre), dazu Schießereien in Paris, Überfälle auf Wahllokale usw. Nicht plausibel ist aber meines Erachtens, dass diese bürgerkriegsähnlichen Zustände nach dem Sieg von Präsident Ben Abbes fast sofort abflauen. Es wirkt so, als habe Houellebecq den Front National im zweiten Teil seines Romans schlichtweg vergessen.

Wichtiger ist Houellebecq in der zweiten Romanhälfte die Entwicklung seiner Hauptfigur, eines Literaturwissenschaftlers namens François. Denn der wandelt sich unter dem Eindruck der allgemeinen Islamisierung des Landes zügig vom religiös desinteressierten Agnoistiker zu einem potentiellen Konvertiten, dessen Übertritt zum Islam am Ende des Romans zumindest im Konjunktiv geschildert wird.

Sowohl die im Roman behauptete Unterstützung der „Brüderschaft“ durch die traditionellen Parteien als auch die angedeuteten Konversion der Hauptfigur liefern eine Begründung für den Romantitel: die bereitwillige „Unterwerfung” der westlichen, laizistischen, aufgeklärten Gesellschaft unter den im Glauben gefestigten Islam. Damit liefert das Buch mundgerecht den Debattenstoff, den unsere Talkshows in den Zeiten von Pegida brauchen.

Keine von Houellebecqs Ideen oder Überlegungen scheinen mir sonderlich originell, sein Zukunftsbild für Frankreich ist wenig überzeugend. Es setzt zu viele frei erfundene politische Faktoren voraus, für die es in der Gegenwart nicht mal die Andeutung von zukünftigen Realisierungschancen gibt. Kurz: Houellebecqs Geschichte ist nicht überzeugend. Wäre ein ähnliches Zukunftsszenario in Essays oder Zeitungsartikeln entworfen worden, wären sie wohl kaum ernsthaft diskutiert worden.

Dave Eggers: "Der Circle". Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2014, 22,99 Euro

Ganz ähnlich lagen meiner Meinung nach die Dinge bei Dave Eggers Roman Der Circle – dem Zukunftsskandalroman des vergangenen Jahrs. Auch dieses Buch ist (trotz einiger gelungener satirischer Elemente) literarisch eher dürftig: Die Hauptfiguren sind psychologisch so komplex wie Glasmurmeln und das zentrale Handlungsmotiv (Firmengründer Kalden versucht ausgerechnet die fanatische Circle-Anhängerin Mae zur ins Lager der Circle-Kritiker zu ziehen) ist geradezu haarsträubend unplausibel.

Dennoch gelang es auch diesem Roman, sich in den Mittelpunkt einer bewegten öffentlichen Debatte zu rücken. Obwohl die Ideen und Überlegungen auch dieses Buches alles andere als originell sind und das Misstrauen gegen eine allumfassende Überwachung (durch datensammelwütige IT-Konzerne oder NSA) schon lange vor dem Erscheinen des Romans zum Alltag gehörte.

Mir scheint das ein interessanter Punkt zu sein: Beide Romane sind literarisch nicht eben überwältigend. Zumindest haben sie sprachlich und psychologisch wenig mehr zu bieten als ein x-beliebiger Konfektions-Krimi. Aber auch inhaltlich liefern sie nüchtern betrachten keine aufregend neuen Thesen. Sowohl die Angst vor den Ausforschungs-Algorithmen als auch vor dem Islam oder wahlweise vor Islam-Feindschaft gehören zu den Plattitüden der gegenwärtigen Publizistik.

Woher kommt dennoch die erstaunliche öffentliche Resonanz auf diese Bücher? Offen gestanden, ich habe keinen Schimmer, ich kann nur spekulieren. Ein alter Grundsatz der Rhetorik besagt, dass Geschichten eine vielfach größere Wirkung beim Publikum erzielen als Argumente. Beruht der Erfolg von Eggers und Houellebecq auf dieser Regel? Sie liefern kaum Neues, sondern malen bereits bekannte und vielfach benannte Angstvorstellungen mit erzählerischen Mitteln aus. Sie suhlen sich gleichsam in der politischen Angstlust des Publikums. Was ihnen eine stattliche Leserschaft einträgt und ihre Bücher zu zentralen Bezugspunkten der Medien-Debatten macht – was ihnen naturgemäß noch mehr Aufmerksamkeit bei Lesern einträgt, woraufhin sie naturgemäß zu Referenzpunkten in noch mehr nervtötenden Talkshows werden. Usw.

Kurz: Der Schriftsteller wird hier zum Illustrator öffentlicher Streitfragen. Er liefert keine gute Geschichte, sondern vielmehr die richtige Geschichte zum richtigen Zeitpunkt. Er verwandelt die in Schlagworten gefassten politischen Befürchtungen (NSA-Überwachung, Islamisierung) zu emotional nachvollziehbaren Erzählungen. Er bebildert die sonst bilderlosen Konfliktthemen. Ob die jeweiligen Geschichten irgendeinen originellen Gedanken enthalten oder platt sind wie Briefmarken, ob sie literarisch gelungen oder auch nur einigermaßen inhaltlich überzeugend sind, ist dann unwichtig. Denn für solche eher differenzierten Überlegungen ist im rasend schnell losbrechenden allgemeinen Meinungsradau ohnehin keine Zeit mehr.

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Dan Brown über seine Schreibgeheimnisse

“Gibt es einen Masterplan?

Dan Brown, der Großmeister der Spannungsliteratur, gewährt Einblick in seine Schreibwerkstatt. Im jüngsten Roman Inferno schickt Dan Brown seinen Helden Robert Langdon auf eine abenteuerliche Hetzjagd durch Florenz. Vor dem Hintergrund von Dantes legendärer Göttlichen Komödie kommt der Symbolforscher einer haarsträubenden Verschwörung auf die Spur, die Millionen Menschen das Leben kosten kann.

Uwe Wittstock: Mr Brown, weshalb lieben es die Menschen, Bücher zu lesen, die von
Geheimnissen handeln?

Dan Brown: "Inferno" Thriller. Bastei Lübbe Verlag, 688 Seiten, 9,99 Euro

Dan Brown: Der menschliche Verstand möchte sich nicht mit dem zufriedengeben, was er bereits kennt. Wir fragen uns immer: Gibt es da nicht noch etwas? Etwas Unbekanntes? Etwas Neues, das sich zu wissen lohnt? Und dann machen wir uns daran, das bislang noch Verborgene, Geheime zu erforschen. Das beginnt mit banalen Dingen. Wenn wir in einem Raum sind, und es gibt eine verschlossene Tür, dann möchten wir irgendwann rauskriegen, wohin sie führt. Und das geht weiter bis zu den anspruchsvollsten Fragen: Ist die Welt, die wir kennen, tatsächlich alles, was wir kennen können? Gibt es neben dem Diesseits noch ein Jenseits?

Wittstock: Hinter der Neugier, Geheimnisse aufzudecken, steckt also ein religiöses Bedürfnis?

Dan Brown: Das Bedürfnis, Fragen zu stellen und Antworten zu finden, ist ein wesentlicher Motor des menschlichen Denkens. Es treibt uns immer weiter. Nichts ist aufregender als das, was wir noch nicht wissen. Und dieser permanente Wunsch, Antworten zu bekommen, ist auch ein Antrieb, der die Religion zu einem so wichtigen Thema für uns macht. Wir fragen uns: Hat das alles einen Sinn? Gibt es eine höhere Ordnung? Gibt es Gott?“ Das alles wächst aus unserer unstill­baren Neugier.

Wittstock: Wie reizen Sie diese Neugier durch Ihre Romane?

Dan Brown: Eine ganz wichtige Frage beim Schreiben ist: Welche Informationen muss ich dem Leser geben, um sein Interesse zu wecken, und welche Informationen muss ich ihm – noch – vorenthalten, damit er neugierig bleibt? Das ist eine heikle Balance. Was ich erzähle, ist genauso wichtig, wie das, was ich vorerst noch nicht erzähle. Ich muss den Leser locken und zugleich warten lassen. Er muss das sichere Gefühl bekommen, dass all die vorläufigen Hinweise und Indizien, die ich ihm in der Story liefere und die er noch nicht versteht, sich für ihn später zu einem Bild zusammenfügen werden.

Wittstock: Er muss Vertrauen dazu fassen, dass sich die zunächst wirren Handlungsfäden zu einem sinnvollen Ganzen verknüpfen lassen.

Dan Brown: "Inferno". Novel. Anchor

Dan Brown: Genau. Und hier sehe ich auch die Pa­rallele zu religiösen Empfindungen: Zum menschlichen Wesen gehört das Bedürfnis, all die zufälligen, konfusen, verworrenen Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, in einen inneren Zusammenhang zu bringen. Wir fragen nach dem Sinn, nach dem Zweck unseres Lebens. Die schrecklichste Vorstellung ist nicht das Sterben, sondern dass nach dem Tod nichts mehr kommt und dass im Leben ziellose Willkür herrschte.

Wittstock: Ihre Romane entwerfen lauter Verschwörungstheorien. Warum sind solche Theorien so faszinierend für viele Leser?

Dan Brown: Aus den gleichen Gründen: Wir wollen verstehen, was mit uns und um uns herum geschieht. Wir sehnen uns nach einer begreifbaren Ordnung. Wir möchten wissen, weshalb in der ­ Welt ständig widersprüchliche und chaotische Dinge passieren. Also beginnen wir uns zu fragen, ob diese Dinge nicht doch einer höheren oder geheimen Ordnung folgen. Ob da vielleicht ein Masterplan existiert, der diesen chaotischen Ereignissen zu Grunde liegt. Es ist für uns einfacher zu glauben, dass es irgendwelche finsteren Machthaber gibt, die unsere Welt lenken, indem sie an Fäden ziehen wie Marionettenspieler, als zu akzeptieren, dass es planloser Zufall ist, der das Leben regiert.

Wittstock: Ihr Romanheld Robert Langdon ist Fachmann für Symbole aller Art und kommt deshalb Verschwörungen auf die Spur. Warum sind Symbole so wichtig für Menschen?

Dan Brown: In gewisser Hinsicht engt uns die Sprache ein. Symbole sind viel weniger begrenzt, das macht ihre ungeheure Kraft aus. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn wir beide über unsere religiösen Erfahrungen als Christen sprechen würden, wäre die Gefahr von Meinungsverschiedenheiten relativ hoch: Wir sprechen nicht die gleiche Sprache, wir haben unterschiedliche kulturelle Vorstellungen und wurden von ganz individuellen Erlebnissen geprägt. Wenn wir aber ein Symbol betrachten, das Kruzifix, dann sind wir uns in Verehrung dieses Symbols einig, auch wenn wir es, genau betrachtet, unterschiedlich interpretieren.

Wittstock: Wir haben einen gemeinsamen Punkt, an dem wir uns treffen.

Dan Brown: Es ist wie mit der Musik: Sie ist eine universelle Sprache. Auch wenn wir nicht das Gleiche dabei empfinden, hören wir doch dieselbe Musik. Sobald wir aber zu argumentieren und unsere Empfindungen auf den Begriff zu bringen versuchen, geraten wir in Kontroversen, die sich zu Konflikten oder Kriegen auswachsen können. Die Freimaurer versuchen, diese Kraft der Symbole zu nutzen, indem sie sagen: Wir alle verehren Gott, die einen sehen in ihm den christlichen, die anderen den jüdischen, die dritten den muslimischen Gott. Über die Differenzen zwischen unseren Religionen geraten wir immer wieder in Streit. Aber wenn es gelingt, ein allumfassendes Symbol für Gott zu finden, dann kann das jeder auf seine Weise verehren, ohne dass es zu Konflikten kommt.

Wittstock: Aber Symbole werden ja nicht nur in der Religion, sondern auch in der Kunst benutzt.

Dan Brown: Ja, doch diese beiden Symbolsprachen sind auf vielfältige Weise verbunden. Unter anderem aus ganz offensichtlichen Gründen: Die großen Künstler der Renaissance waren zumeist Freidenker, die der Kirche skeptisch gegenüberstanden. Aber damals waren es die Päpste, Kardinäle und Bischöfe, die das Geld hatten, an Künstler lukrative Aufträge zu vergeben. Diese Kirchenfürsten bestellten bei ihnen eine Kreuzigungsszene oder ein Bildnis der Jungfrau Maria – also lieferten die Maler eine Kreuzigung oder ein Marienporträt. Doch haben sie dabei – oft unbemerkt von ihren Auftraggebern – eine heimliche Symbolsprache entwickelt, in der sie ihre religiöse Skepsis verschlüsselt zum Ausdruck brachten. Man kann diese Bilder also auf verschiedenen Ebenen interpretieren – sowohl als Bilder des Glaubens wie auch als Bilder der Glaubensskepsis, und genau das ist es, was meinen Helden Robert Langdon so fasziniert.

Mein Gespräch mit Dan Brown wurde zuerst veröffentlicht in dem Heft Focus-Spezial Die besten Bücher 2013. Das Heft erschien am 15. November 2013.

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Khaled Hosseini: “Traumsammler”

“Was und prägt, sind unsere Verluste”

Schon sein Drachenläufer machte ihn berühmt. Doch mit dem neuen Roman Traumsammler erweist sich der afghanisch-amerikanische Schriftsteller Khaled Hosseini als ein Erzähler von Weltrang. Ich hatte Gelegenheit, mit ihm über Geschwisterliebe und elagante Damen in Kabul zu sprechen sowie über das Loch im Dasein. Traumsammler ist jetzt als Taschenbuch erschienen.

Uwe Wittstock: Mr Hosseini, Ihr neuer Roman beginnt mit einer Tragödie: Einer verarmten afghanischen Familie bleibt nichts anderes übrig, als ihre Tochter an ein wohlhabendes Paar in Kabul zu verkaufen. Gab es solche Fälle in Afghanistan?

Khaled Hosseini:Es gab sie, sie sind von Historikern dokumentiert. Als ich davon hörte, sprach ich mit meinem Vater, der 1939 in Kabul geboren wurde. Er hatte dort ähnliche Fälle in den 50er-Jahren erlebt. Ein Mann, den er kannte, war so mittellos, dass er nicht mehr für seinen kleinen Sohn sorgen konnte und ihn deshalb an ein reiches Paar

Khaled Hosseini: Traumsammler. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag. 448 Seiten, 9,99 Euro

verkaufen musste. Er liebte ihn, er wollte das Beste für ihn, und die Konsequenz war, dass er ihn zu anderen Menschen weggeben musste. Er hatte zwischen dem Glück für sein Kind und dem eigenen Glück zu wählen. Er entschied sich für das seines Kindes.

Wittstock: In Ihrem Roman bleibt ein Sohn bei seinen verarmten Eltern zurück, und er kann den Schmerz über den Verlust der Schwester nicht verwinden. Er sucht nach ihr sein Leben lang. Haben Sie einen Roman über Geschwisterliebe geschrieben?

Khaled Hosseini: Auch Konkurrenzgefühle zwischen Geschwistern spielen im Roman eine große Rolle. Doch zunächst einmal: Ich setze mich nicht hin mit dem Vorsatz, einen Roman über Geschwistergefühle zu schreiben. Am Anfang stehen die Charaktere, sie entfalten sich, ich bleibe ihnen auf der Spur, folge ihnen behutsam tastend und beobachte, wie sich ihre Geschichte entwickelt. Später dann, auf halbem Weg, schaue ich zurück und merke: Es ist eine Geschichte über Familien oder über Geschwister geworden. Ein Verhältnis zwischen Geschwistern entpuppt sich oft als schwierig: voller Bewunderung, Liebe, Großzügigkeit, aber ebenso gefährdet durch Eifersucht, Reue, Wettbewerb. Das sind sehr widersprüchliche Empfindungen: das perfekte Ausgangsmaterial für große Dramen, die sich auf engstem Raum, wie in einer Nussschale, abspielen.

Wittstock: Sie begegneten den Vorbildern für die Roman-Geschwister in Afghanistan?

Khaled Hosseini: Im Herbst 2009 traf ich in Afghanistan zwei kleine Schwestern, vier und sieben Jahre alt. Sie waren auffallend schön, hatten blondes Haar, tiefblaue Augen, helle Haut. Ihre Familie kam aus dem Norden, sie lebte in einer abgelegenen Steppe, nur steinige Berge ringsum, die Regierung hatte ihnen dort ein kleines Stück Land gegeben. Sie lebten in einer Art Schuppen mitten im nirgendwo. Die beiden Mädchen gingen ungeheuer liebevoll miteinander um, sie hatten offensichtlich eine tiefe Verbindung. Sie besaßen nur ein Spielzeug, einen kleinen Plastikbären, und eine Schaukel an dem Ast des einzigen Baumes weit und breit. Der Gegensatz zwischen der abweisenden Landschaft und der Schönheit der Kinder und ihrer Zärtlichkeit füreinander machte einen tiefen Eindruck auf mich. Dann dachte ich darüber nach, was es für sie bedeuten würde, getrennt zu werden. Das war der Anfang des Romans.

Wittstock: Die Frau in Kabul namens Nila, die das Mädchen aufnimmt, ist eine moderne, westliche Frau. Sie schreibt Gedichte, sie flirtet mit ihrem Chauffeur, sie betrügt ihren Ehemann. War Afghanistan damals ein Land extremer kultureller Gegensätze?

Khaled Hosseini: In bin in den 60er- und 70er-Jahren in Kabul aufgewachsen. Damals gehörte Afghanistan zu den Schauplätzen, auf denen der Kalte Krieg besonders heftig ausgetragen wurde. In einer bestimmten Schicht der Gesellschaft Kabuls war der westliche Einfluss sehr stark. Es gab mondäne Partys, elegant gekleidete Frauen, die Alkohol tranken und Zigaretten rauchten. Sie studierten oder lehrten an der Universität, hielten mit ihren Ansichten nicht zurück und flirteten ungeniert mit Männern. Erst wenn man dieses Milieu kennt, begreift man, wie sehr sich Afghanistan inzwischen verändert hat. Alles das fließt zusammen in der Figur der Dichterin Nila, meiner Lieblingsfigur in diesem Roman. Sie ist so voller Geheimnisse und Widersprüche, eine sinnliche Frau, die sich nicht scheut, über ihre sexuellen Bedürfnisse zu schreiben. Und die keinen Pfifferling darauf gibt, wie eine Frau sich angeblich in der Öffentlichkeit zu verhalten habe.

Wittstock: Nila sagt, Schriftsteller lebten davon, das Schicksal anderer Menschen in ihren Büchern auszubeuten. Stimmen Sie ihr zu?

Khaled Hosseini, fotografiert von (c) Elena Seibert

Khaled Hosseini: Ja, ich stimme ihr zu. Das ist nicht schön, aber man muss es sich eingestehen: Wir Schriftsteller werden inspiriert durch das, was wir beobachten und erleben. Sobald wir nicht ausschließlich über uns selbst schreiben, plündern wir das Leben anderer. Wir leihen uns hier einen Charakterzug, dort ein paar biografische Details und bauen daraus unsere Figur zusammen. Es hat etwas von Raub, denn wir fragen ja nicht um Erlaubnis. Aber das gehört zur literarischen Arbeit, es geht nicht anders.

Wittstock: Es tritt auch ein afghanischer Warlord auf, der für üble Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht wird, den die Menschen des von ihm beherrschten Landstrichs aber dennoch als ihren Wohltäter und Patriarchen betrachten.

Khaled Hosseini: Ja, das ist ein sehr ambivalenter Charakter. Solche Menschen gibt es, nebenbei gesagt, nicht nur in Afghanistan, sondern überall auf der Welt. Dieser Warlord hat große Schuld auf sich geladen, aber er ist ein Segen für seine Leute: Er hat eine Klinik gebaut, in der auch Frauen behandelt werden, er hat Schulen gegründet, in die auch die Mädchen gehen dürfen. Beide Aspekte dieser Figur zusammen charakterisieren das Verhältnis, das viele Afghanen zu ihren Warlords haben: Sie fürchten sie, aber bewundern und respektieren sie auch oder lieben sie sogar.

Wittstock: Es gibt eine Gemeinsamkeit fast all ihrer Romanhelden: Sie vermissen einen geliebten Menschen.

Khaled Hosseini: Verlust ist ein wichtiger Aspekt des Lebens. Oft sind es die Verluste, die uns prägen und vorantreiben. In jedem Leben fehlt etwas, fast alle Menschen sind auf der Suche: nach Liebe, Hoffnung, Wohlstand, Würde, Schönheit. Und wir alle versuchen das, was uns fehlt, wiederzufinden oder zu ersetzen – in welchem indirekten oder metaphorischen Sinne auch immer. Davon will ich in meinem Roman erzählen: von dem Schmerz der Trennung und der Sehnsucht nach Wiedervereinigung. Meine Figuren leben ihr Leben in dem Bewusstsein, dass es da ein Loch in der Mitte ihres Daseins gibt – und sie versuchen es, jede auf ihre Weise, so gut es geht zu füllen. Irgendwie gelingt ihnen das auch, aber anders, als sie es gewollt oder erwartet hätten.

Wittstock: Sie nutzen für Ihren Roman ganz unterschiedliche Formen des Erzählens: Es gibt Kapitel in der Tonlage eines Märchens, es gibt Briefe oder Interviews.

Khaled Hosseini: Die Geschichte des Romans überspannt Jahrzehnte. Ich musste Formen finden, die sich einerseits ganz natürlich in die Erzählung einfügen, die es mir aber andererseits möglich machen, die zeitlich so ausgedehnte Handlung zu raffen. Das Interview zum Beispiel gibt mir die Möglichkeit, in knapper Form viel über Nilas Lebensweg zu erzählen und den Leser zugleich einen tiefen Blick in ihre sonst verborgenen Gedanken werfen zu lassen.

Wittstock: Ihre vorangegangenen Bücher waren Welt-
erfolge. Hat Sie das bei der Arbeit an Ihrem neuen Roman unter Druck gesetzt?

Khaled Hosseini: Nein. Ich fühle mich zwar unter Druck bei der Arbeit an einem neuen Buch, aber nicht durch die Fragen nach dem möglichen Erfolg. Der Druck entsteht durch die Frage: Habe ich wirklich etwas zu sagen? Habe ich eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt? Am meisten fürchte ich den Augenblick, in dem ich vor dem Computer sitze und das Gefühl habe, mir fällt nichts mehr ein. Vielleicht wird irgendwann der Tag kommen, an dem ich feststellen muss, meine Quelle ist ausgetrocknet. Diese Vorstellung ist es, die mich unter Druck setzt. Alles andere, einschließlich der Frage, ob das Buch ein Erfolg wird, ist verglichen damit allenfalls ein Hintergrundgeräusch, das ich ganz und gar ausblende, um mich auf meine Geschichte zu konzentrieren.

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Günter Grass über seinen Vater

„Willst Du mich zum Kriminellen machen?“

Günter Grass über das schwierige Verhältnis zu seinem Vater

„Ich bin ein Muttersohn“, sagt Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass im Gespräch mit mir, das ab morgen im aktuellen “Focus” zu lesen ist. Seine Mutter habe ihn geprägt. „Die einzige Liebhaberei, die ich von meinem Vater übernommen habe, ist das Kochen. Er war ein ausgezeichneter, fürsorglicher Koch. Fürsorglich mit den Zutaten und fürsorglich zu denen, die er bekochte.“

Wilhelm Grass (1899-1979), dem unser Gespräch gewidmet war, führte zusammen mit seiner Frau einen Kolonialwarenladen in Danzig. Für Politik, sagt Günter Grass, habe sich sein Vater nie interessiert. Auf die Frage, weshalb er 1936 in die NSDAP eingetreten sei, habe er seinen Sohn geantwortet, die Besitzer konkurrierender Geschäfte seien der Partei beigetreten: „Also trat er auch ein.“

Als Günter Grass 1944 mit 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen wurde, habe sich seine Mutter geweigert, ihn zum Bahnhof zu bringen: „Sie konnte das nicht aushalten. Aber mein Vater hat mich begleitet, das werde ich ihm nie vergessen. Natürlich hatte ich Angst. Ich weiß nicht mehr, worüber wir sprachen. Aber ich weiß, er war da.“

Nach dem Krieg habe er sich, berichtet Grass, mit dem Vater heftig über seine Berufswünsche gestritten. Er wollte Bildhauer werden, „aber mein Vater versuchte, mir eine Bürolehre aufzudrängen. ‚Willst du mich zum Kriminellen machen?’, fragte ich ihn. ‚Büro langweilt mich so, dass ich mit der Portokasse durchbrenne.’“

Nachdem er in Paris seinen ersten Roman, den Welterfolg „Die Blechtrommel“, geschrieben hatte, erinnert sich Grass, „war mein Vater auf einmal stolz auf mich. Er hat nie ein Buch von mir gelesen, aber er hatte immer positive Rezensionen meiner Bücher in der Brieftasche. Die zeigte er herum, denn was da drinstand, das glaubte er. Seitdem hatten wir Frieden.“

Der aus dem Gespräch entstandene Text für die Reihe “Mein Vater” ist in voller Länge ab morgen im aktuellen “Focus” zu lesen

 

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Judith Hermanns Roman “Aller Liebe Anfang”

“Liebe ist eine zwiespältige Empfindung

Ein Gespräch mit Judith Hermann über ihren Roman Aller Liebe Anfang, über die Bereitschaft, in anderen Menschen das Ziel der eigenen Wünsche und Hoffnungen zu sehen und über das Unglück, dass die Liebe mit sich bringen kann, sowie die große Sehnsucht vieler Leser nach Romanen und nach Antworten

Uwe Wittstock: Mit Ihren Kurzgeschichten zählen Sie seit 15 Jahren zu den wichtigsten Erzählerinnen Deutschlands. jetzt legen Sie Ihren ersten Roman Aller Liebe Anfang vor. Ist Ihre Erleichterung groß?

Judith Hermann: "Aller Liebe Anfang". Roman. S.Fischer verlag, Frankfurt am Main 2014, 19,99 Euro

Judith Hermann: Wenn Sie mit Erleichterung meinen, nicht mehr die Frage nach dem Roman hören zu müssen – ja, ich bin erleichtert. Und darüberhinaus alles in allem wohl so erleichtert, wie man es nach der abgeschlossenen Arbeit an einem Buch sein kann, egal ob es ein Roman ist oder ein Erzählungsband. Der Romanautor wird nie gefragt, wann er endlich seine allererste Erzählung schreiben würde, oder? Als Short-Strory-Autor muss man sich bedauerlicherweise rechtfertigen, wenn man keinen Roman schreibt.

Wittstock: Gut, drehen wir die Frage herum: Warum plötzlich ein Roman?

Judith Hermann: Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller hat den schönen Satz gesagt: Nicht der Autor entscheidet über die Länge einer Geschichte, sondern die Geschichte entscheidet das selbst. Und genau so ist es. Es gibt im Schreiben den Moment, in dem sich die Geschichte verselbstständigt – es gibt ihn, wenn das Schreiben gelingt. Die Figuren verselbstständigen sich, sie nehmen den Autor, eine Weile lang, sprichwörtlich an die Hand. Sie entwickeln ihr eigenes Leben, ihren eigenen Willen, und sie führen die Geschichte dann eben nach dem eigenen Maß zu einem kurzen oder langen Schluss.

Wittstock: Der Stoff Ihres neuen Buches ließ sich nur als Roman, nicht als Kurzgeschichte erzählen?

Judith Hermann: Ich habe es mehrfach versucht, Stellas Geschichte in einer Erzählung aufzuschreiben, und es ist mir nicht gelungen. Ich hatte deutlich zuwenig Raum, Stella hatte zu wenig Raum. Es ging nur so, wie es jetzt geworden ist.

Wittstock: Sie erzählen von einer Frau, Stella, die begreifen muss, dass ihr Nachbar ein Stalker ist, der sie nie in Ruhe lassen wird. Wie sind Sie zu diesem Stoff gekommen?

Judith Hermann: Für mich ist es gar nicht so deutlich ein Buch über Stalking. Eher eine Geschichte über die Bereitschaft, in einem anderen Menschen das Ziel der eigenen Wünsche und Hoffnungen zu sehen – also über die Bereitschaft, mit der die Liebe beginnt. Eine Geschichte über die verschiedenen Formen der Liebe: zu einem Mann, der oft weg ist, zu einer kleinen Tochter, zu einer engen Freundin, die an einem fernen Ort lebt, mit der Stella aber dennoch alles Wichtige teilt. Stalking ist im Rahmen dieser Geschichte nur das Beispiel für eine Extremform der Liebe, die zur Obsession wird.

Judith Hermann (Berlin, Februar 2014) Foto: Andreas Labes

Wittstock: Das klingt, als wäre die Liebe in Ihrem Roman ein mitunter bedrohliches Gefühl.

Judith Hermann: Liebe ist doch zumindest eine zwiespältige Empfindung. Liebe hat viel mit Abhängigkeit zu tun, mit der Frage, ob man zu viel oder auch zu wenig vom anderen erwartet, ob man von ihm zu viel oder zu wenig bekommt? Liebe ist in der Idealvorstellung stärkend und beglückend. Aber das Unglück, das sie mit sich bringen kann, ist unvergleichlich, oder? Unvergesslich. Das kann bedrohlich sein, und das wissen wir, wenn wir uns auf die Liebe einlassen.

Wittstock: Woher kommt die Sehnsucht der Leser nach Romanen?

Judith Hermann: Ich glaube, das Verhältnis zur Kurzgeschichte ist ein wenig schwierig, weil sie offen bleibt, weil sie auch keine Lösung weiß. Sie stellt Fragen, aber sie gibt keine Antworten und manchmal scheint die eigentliche Geschichte erst nach dem Ende der Geschichte anzufangen. Der Roman zeigt mehr als eine Situation, er verfolgt mindestens einen Handlungsfaden über eine längere Strecke und er führt am Schluss zu einer Art Fazit. Sicher, auch dieses Fazit will keine gültige Antwort auf die Fragen sein, die der Roman aufwirft, aber es wirkt letztlich doch ein wenig so wie eine Entscheidung? Wie eine Botschaft. Und nach solchen Botschaften sehnt man sich, man möchte die Welt gern erklärt bekommen von jemandem, der es vielleicht besser weiß als man selbst – selbst wenn uns im Grunde klar ist, dass der Schriftsteller es auch nicht besser wissen kann.

Wittstock: Welche Botschaft hat Ihr Roman Aller Liebe Anfang?

Judith Hermann: Ich glaube, ich bin in diesem Roman am Schluss doch meiner Neigung zur Kurzgeschichte gefolgt – ich habe ihn so offen wie möglich zu Ende gehen lassen. Ich hoffe, dass sich der Leser schließlich dieses Endes annimmt und selbst entscheidet, was es zu bedeuten hat – und ob es für ihn etwas zu bedeuten hat. Das würde mich freuen.

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Büchnerpreis 2014 für Jürgen Becker

Ängstlich und bedenkenträgerisch

Heute gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekannt, den Georg-Büchnerpreis in diesem Jahr dem Kölner Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker zu verleihen. Was ist von dieser Entscheidung zu halten?

Als Friedrich Dürrenmatt 1986 den Büchnerpreis erhielt, sagte er bei einer der vielen Reden, die ein Büchnerpreisträger halten muss: “Preise bekommt man immer erst dann, wenn man keine mehr braucht.”

Jürgen Becker: "Wie es weiterging. Ein Durchkang - Prosa aus fünf Jahrzehnten". Suhrkamp Verlag. 21,95 Euro

Nun kann jeder Schriftsteller Preise gebrauchen, und Jürgen Becker wird für die Verwendung der Preissumme von 50.000 Euro auch etwas gutes einfallen. Da bin ich mir sicher. Gemeint hat der damals 65-igjährige Dürrenmatt mit seinem Satz aber wohl etwas anderes. Für einen etablierten Autor im Rentenalter hat ein Preis eine andere Bedeutung, als für einen jungen Autor, der noch um Anerkennung für seine Arbeit kämpfen muss. Hier kann ein wichtige Auszeichnung zugleich zu einer wichtigen Zäsur im Lebensweg und im Werk des Schriftstellers werden.

In der Satzung des Büchnerpreises heißt es: “Zur Verleihung können Schriftsteller und Dichter vorgeschlagen werden, die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben.”

Ich kenne Jürgen Becker ein wenig, er ist ein ungemein sympathischer Mann und ich freue mich für ihn, wenn er im Herbst den Büchnerpreis entgegennehmen kann. Aber bei allem Freude – ich würde nie behaupten, dass sein Werk “an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil” hat. Seine Bücher waren in den sechziger und siebziger Jahren wichtig. Vielleicht hätte man ihm in diesen Jahren den Büchnerpreis geben sollen.

Der Büchnerpreis hatte seine beste Zeiten den sechziger Jahren, als einige sehr frühe und mutige Entscheidungen getroffen wurden: Enzensberger, Bachmann, Grass erhielten die Auszeichnung in aufeinander folgenden Jahren (1963 – 1965), obwohl sie erst Mitte Dreißig waren. Wenn die Akademie heute den Mut hätte, sich unter den Mitte Vierzigjährigen umzuschauen, würden mir Daniel Kehlmann, Ingo Schulze, Judith Herrmann oder – postum – Wolfgang Herrndorf einfallen. Mag sein, dass die literarischen Fähigkeiten dieser Autoren nicht grenzenlos sind. Aber das sind die von Jürgen Becker oder Walter Kappacher (Büchnerpreis 2009) auch nicht. Aber die jüngeren Autoren haben einen spürbaren Einflüss auf die Gegenwartsliteratur – wie es die Büchnerpreis-Satzung verlangt. Und für sie und ihre weitere literarische Arbeit hätte diese Auszeichnung eine außerordentlich hohe Bedeutung.

Die diesjährige Entscheidung der Akademie ist ängstlich und bedenkenträgerisch. Mag sein, dass die Jury wegen ihrer Entscheidung für Sibylle Lewitscharoff im vergangenen Jahr (nach der “Halbwesen”-Rede Lewitscharoffs) Kritik einstecken musste. Aber ich halte es für viel angemessener, einem umstrittenen Autor den Büchnerpreis zuzuerkennen, als einem vollkommen Unumstrittenen, dessen Werk in der Literaturgeschichte eine größere Rolle spielt als in der literarischen Gegenwart.

 

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Runter kommen sie immer

„A Long Way Down“

Nick Hornbys sehr komische Geschichte über vier Selbstmörder auf dem selben Hochhausdach kommt jetzt ins Kino. Eine gute Gelegenheit, sich auch den Roman (wieder) vorzunehmen, der eine Art literarische Versuchsanordnung ist: Vier Leute haben jeden üblichen sozialen, religiösen oder sonstigen Halt verloren – welchen Grund könnte es für sie geben, hier und heute, also in einer westlichen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts dennoch am Leben festzuhalten?

Nick Hornby: "A Long Way Down". Aus dem Englischen übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. 9,99 €

Dies ist das lustigste Buch über Selbstmord seit langem. Zugegeben, im ersten Moment klingt das ein wenig leichfertig. Doch das täuscht. Denn der Engländer Nick Hornby, der es zu internationalem literarischen Starruhm gebracht hat, schreibt zwar Romane, die größten Wert darauf legen, ihre Leser gut zu unterhalten. Aber leichtfertig ist er nie. Sondern eher ein bodenständiger Moralist, der mit seinen Büchern hartnäckig die klassischen Fragen stellt: Wie führe ich mein Leben richtig? Wie handele ich verantwortungsvoll? How to be good? Er gehört nicht zu den Autoren, die ihren Lesern vor den Kopf stoßen, sondern zu denen, die ihnen sinnstiftend unter die Arme greifen möchte.

Schon deshalb muß man nicht befürchten, Hornby käme in seinem neuen Roman A Long Way Down auf die Idee, sich über Selbstmord-Kandidaten lustig zu machen. Vielmehr behandelt er sie wie gewöhnliche Menschen, die – wie alle anderen auch – ihre komischen Seiten haben oder in komische Situationen geraten. Bereits der Versuch, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen, ist naturgemäß hoch pathetisch – und also bei unpassenden Zwischenfällen schnell in Gefahr in eine Komödie umzuschlagen.

Martin zum Beispiel, ein abgehalfterter Fernsehmoderator, zieht sich am Sylvesterabend auf das Dach eines Londoner Hochhauses zurück, das sich bei Selbstmördern größerer Beliebtheit erfreut. Er hat durch einen Sex-Skandal sowohl seine Ehe wie seine Karriere ruiniert und nun nicht übel Lust, alle Probleme durch einen Schritt ins Leere zu lösen. Schon hat er sich an die Brüstung gesetzt und läßt die Beine ins Leere baumeln, als Maureen durch die Tür tritt, die mit gleichen Absichten auf das Dach kommt. Sie ist gut fünfzig und hat nur einmal im Leben mit einem Mann geschlafen, der sie danach verließ. Sie aber brachte einen behinderten Sohn zur Welt, dessen einzige erkennbare Regungen seine röchelnden Atemzüge sind und den sie nun seit Jahrzehnten tagein, tagaus zu pflegen hat. Wer könnte nicht verstehen, daß sie diese freudlose Existenz endgültig hinter sich lassen will?

Ein Selbstmörder allein auf einem Hochhausdach ist erschütternd. Trifft er jedoch auf einen zweiten, von dem er sich gestört fühlt und mit dem er über die Reihenfolge der Sprünge diskutieren muß, bekommt die Szene allmählich eine erheiternde Schlagseite. Und während Maureen und Martin noch verhandeln, taucht Jess auf, eine wuterfüllte, gründlich verkorksten Achtzehnjährige, die Tochter eines Staatssekretärs aus der Regierung Tony Blair. Sie ist – wie meist – betrunken und bekifft, hat dazu noch Liebeskummer und gerade auf einer Party beschlossen, es sei eine prima Idee, den verkorksten Abend durch mit einem Sprung ins Nichts abzurunden. Schließlich keucht der Pizzabote JJ das Treppenhaus nach oben, ein alt gewordener, glückloser Rockmusiker, dessen Band auseinandergefallen ist, dessen Freundin ihn vor die Tür gesetzt hat und der ebenfalls das Jammertal des Daseins hinter sich lassen möchte.

Nick Hornby: "A Long Way Down". Penguin Verlag, 2010. 9,95 Euro

Wer will, kann dieses Zusammentreffen von vier Selbstmördern auf einem Hochhausdach in der selben Neujahrsnacht für einen allzu konstruierten Einfall halten. Doch damit täte man dem Roman unrecht. Hornby geht es lediglich um einen möglichst effektvollen Auftakt für seine Geschichte. Er hätte seine Helden auch weit weniger spektakulär in, sagen wir, dem Wartezimmer eines Psychologen oder in einer Selbsthilfegruppe für Suizidgefährdete zusammenführen können. Man sollte das Ganze als eine Art literarische Versuchsanordnung des Moralisten Hornby betrachten: Vier Verzweifelte haben jeden üblichen Halt verloren – welchen Grund könnte es für sie geben, hier und heute, also in einer westlichen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts dennoch am Leben festzuhalten?

Die vier erzählen die Geschichte in kurzen Kapiteln jeweils reihum aus ihrer subjektiven Perspektive. Durch die Begegnung mit den anderen um die nötige Ruhe für den letzten Schritt gebracht, nehmen sie die Treppe für ihren langen Weg nach unten und versuchen, sich zumindest für die nächsten Stunden, Tage, Wochen über die Runden zu retten. Dabei gerät die sonderbare Gruppe in allerlei schräge Situationen und wie es Hornby versteht, den großstädtischen Hintergrund dazu mit all seinen Moden, bizarren Kontrasten und kuriosen Milieus liebevoll auszumalen, ist bewunderungswürdig. Er hat einen unglaublich scharfen Blick für die allerneuesten urbanen Verhaltensweisen und Trends und versteht sie ebenso klug wie überraschend zu analysieren. Es gibt, so weit ich sehen kann, keinen deutschsprachigen Schriftsteller, der ihm in dieser Hinsicht auch nur das Wasser reichen könnte.

Zudem wird man als Leser von den Dialogen wie von einer Leimrute durch das Buch gezogen. Die vier Verzweifelten bilden nämlich keineswegs eine verschworene Gemeinschaft. Im Gegenteil, sie haben auf dem Hochhausdach eine Menge konventionelle Rücksichten hinter sich gelassen und sagen sich ziemlich ungeniert die Meinung. Damit gewinnt Hornby die Freiheit, so viele Bissigkeiten und Sticheleien, vor allem aber so viele Gags und Pointen in ihre Gespräche zu packen, daß es eine helle Freude ist. In dem Wettbewerb, welcher der komischen Romane Hornbys der komischste ist, dürfte A Long Way Down künftig gute Chancen auf einen der Spitzenplätze haben.

"A Long Way Down". Regie: Pascal Chaumeil. Darsteller: Pierce Brosnan, Toni Collette, Imogen Poots, Aaron Paul, Rosamund Pike. Auf DVD erhältlich ab September 2014

Allerdings vernachlässigt Hornby über dem glänzend ausgemalten großstädtischen Hintergrund und den so amüsanten Dialogen das, was bei einem traditionellen Roman im Vordergrund stehen sollte: die seelische Befindlichkeit seiner Helden. Sie bleiben oft schemenhaft, ihre psychische Not wird kaum je plastisch. Am besten noch gelingt es Hornby, die ungebärdige Jess und den gescheiterten Musiker JJ zu literarischem Leben zu erwecken. Allerdings hat er sie erkennbar nach dem Vorbild alter Figuren aus früheren Romanen geschaffen hat, nach Ellie aus About a Boy und Rob aus High Fidelity. Für Maureen jedoch, eine verschüchterte Kirchgängerin, scheinen ihm alle glaubwürdigen Darstellungsmittel zu fehlen. Er legt ihr mitunter ebenso brillant abgezirkelte Aperçus in den Mund wie dem fernsehtrainierten Martin – womit offensichtlich wird, daß Hornbys Pointengewitter nicht der Charakterisierung der Figuren dient, sondern daß die Figuren für ihn oft genug nur Sprachrohre sind für die zum Selbstzweck gewordenen komischen Wortwechsel.

Vielleicht ist es deshalb besser, A Long Way Down nicht als psychologischen Roman zu betrachten, sondern tatsächlich als eine literarische Versuchsanordnung zu der Frage: Was könnte heutzutage geeignet sein, aufgeklärte, aber gefährdete Menschen vom Selbstmord zurückzuhalten? Hornbys Antwort ist strikt diesseitig, von einem religiösen Sinn des Daseins ist bei ihm nicht einmal in Andeutungen die Rede. Selbst Maureen, die sich gelegentlich auf Gott beruft, macht letztlich eine ziemlich nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung auf, wenn sie sich fragt, was sie noch vor Leben zu erwarten hat.

Kommunikation lautet Hornbys Zauberwort. Solange seine Figuren allein sind oder sich durch Schweigen isolieren, erscheint ihnen ihre Lage hoffnungslos. Doch sobald sie Anteil nehmen an anderen und anderen erlauben, Anteil an ihnen zu nehmen, knüpft sich ein hochfeines, kaum wahrnehmbares Netz von Verbindungen, das sie behutsam ans Leben bindet – und dies selbst dann, wenn dieses Beziehungsnetz, wie bei Hornbys Helden, nicht nur freundschaftlicher, sondern durchaus konfliktträchtiger Natur ist.

Sicher, überaus originell ist das nicht, aber doch ein pragmatisches und wohl auch zeittypisches Stückchen Alltagsphilosophie. Mit seiner manchmal recht deutlich spürbaren Neigung, solche guten oder nur gut gemeinten Lebensweisheiten zu verbreiten, liegt der Autor Nick Hornby sicher nicht jedem Leser. Doch welcher Autor könnte das schon von sich sagen? Seine erstaunliche Gabe aber, die Strömungen und Stimmungen, die Macken und Marotten, die Themen und Typen seiner Epoche literarisch einzufangen, macht seine Bücher auf jeden Fall lesenswert.

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Literaturfestival?

Literatur ohne Schriftsteller?

Okay, niemand von uns weiß, was Hölderlin dazu sagen würde. Wozu? Zum 5. Bad Homburger Poesie- & Literaturfestival. Für diesen Höhepunkt deutscher Darbietungskunst wirbt nämlich das Plakat, dass mir heute auf einem Frankfurter Bürgersteig entgegentrat. Zugegeben, es ist eine feine Sache, wenn Kurorte Literaturfestivals organisieren – allerdings glaubt die Hölderlin-Stadt Bad Homburg dabei erstaunlicherweise ganz ohne Schriftsteller auskommen zu können. 

Das Plakat (und auch das Programm) bietet stattdessen lieber Schauspieler auf. (Hanns Zischler als echte Doppelbegabung ist hier eine Ausnahme.) Vermutlich sollen die hochverehrten Kurgäste beim Literaturfestival nicht durch den Anblick ungewaschener Schriftsteller auf der Bühne brüskiert werden. Sondern sich lieber am Anblick gut gekämmten Mimen erfreuen dürfen.

Aber wäre es da nicht besser, das Ganze gleich als “Tatort”-Festival, statt als Literatur-Festival firmieren zu lassen? Dann wären, so weit ich sehen kann,  nur Senta Berger und Hölderlin fehl am Platz, die bei diesem Gipfel deutscher TV-Unterhaltung noch nicht mitgefingert haben. Das verspräche eine bessere Quote als jetzt, wo Literatur angekündigt wird, Literaten aber nicht vorkommen dürfen. 

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