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Ist Michel Houellebecq der neue Dave Eggers?
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Dan Brown über seine Schreibgeheimnisse
“Gibt es einen Masterplan?“
Dan Brown, der Großmeister der Spannungsliteratur, gewährt Einblick in seine Schreibwerkstatt. Im jüngsten Roman Inferno schickt Dan Brown seinen Helden Robert Langdon auf eine abenteuerliche Hetzjagd durch Florenz. Vor dem Hintergrund von Dantes legendärer Göttlichen Komödie kommt der Symbolforscher einer haarsträubenden Verschwörung auf die Spur, die Millionen Menschen das Leben kosten kann.
Uwe Wittstock: Mr Brown, weshalb lieben es die Menschen, Bücher zu lesen, die von
Geheimnissen handeln?
Dan Brown: Der menschliche Verstand möchte sich nicht mit dem zufriedengeben, was er bereits kennt. Wir fragen uns immer: Gibt es da nicht noch etwas? Etwas Unbekanntes? Etwas Neues, das sich zu wissen lohnt? Und dann machen wir uns daran, das bislang noch Verborgene, Geheime zu erforschen. Das beginnt mit banalen Dingen. Wenn wir in einem Raum sind, und es gibt eine verschlossene Tür, dann möchten wir irgendwann rauskriegen, wohin sie führt. Und das geht weiter bis zu den anspruchsvollsten Fragen: Ist die Welt, die wir kennen, tatsächlich alles, was wir kennen können? Gibt es neben dem Diesseits noch ein Jenseits?
Wittstock: Hinter der Neugier, Geheimnisse aufzudecken, steckt also ein religiöses Bedürfnis?
Dan Brown: Das Bedürfnis, Fragen zu stellen und Antworten zu finden, ist ein wesentlicher Motor des menschlichen Denkens. Es treibt uns immer weiter. Nichts ist aufregender als das, was wir noch nicht wissen. Und dieser permanente Wunsch, Antworten zu bekommen, ist auch ein Antrieb, der die Religion zu einem so wichtigen Thema für uns macht. Wir fragen uns: Hat das alles einen Sinn? Gibt es eine höhere Ordnung? Gibt es Gott?“ Das alles wächst aus unserer unstillbaren Neugier.
Wittstock: Wie reizen Sie diese Neugier durch Ihre Romane?
Dan Brown: Eine ganz wichtige Frage beim Schreiben ist: Welche Informationen muss ich dem Leser geben, um sein Interesse zu wecken, und welche Informationen muss ich ihm – noch – vorenthalten, damit er neugierig bleibt? Das ist eine heikle Balance. Was ich erzähle, ist genauso wichtig, wie das, was ich vorerst noch nicht erzähle. Ich muss den Leser locken und zugleich warten lassen. Er muss das sichere Gefühl bekommen, dass all die vorläufigen Hinweise und Indizien, die ich ihm in der Story liefere und die er noch nicht versteht, sich für ihn später zu einem Bild zusammenfügen werden.
Wittstock: Er muss Vertrauen dazu fassen, dass sich die zunächst wirren Handlungsfäden zu einem sinnvollen Ganzen verknüpfen lassen.
Dan Brown: Genau. Und hier sehe ich auch die Parallele zu religiösen Empfindungen: Zum menschlichen Wesen gehört das Bedürfnis, all die zufälligen, konfusen, verworrenen Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, in einen inneren Zusammenhang zu bringen. Wir fragen nach dem Sinn, nach dem Zweck unseres Lebens. Die schrecklichste Vorstellung ist nicht das Sterben, sondern dass nach dem Tod nichts mehr kommt und dass im Leben ziellose Willkür herrschte.
Wittstock: Ihre Romane entwerfen lauter Verschwörungstheorien. Warum sind solche Theorien so faszinierend für viele Leser?
Dan Brown: Aus den gleichen Gründen: Wir wollen verstehen, was mit uns und um uns herum geschieht. Wir sehnen uns nach einer begreifbaren Ordnung. Wir möchten wissen, weshalb in der Welt ständig widersprüchliche und chaotische Dinge passieren. Also beginnen wir uns zu fragen, ob diese Dinge nicht doch einer höheren oder geheimen Ordnung folgen. Ob da vielleicht ein Masterplan existiert, der diesen chaotischen Ereignissen zu Grunde liegt. Es ist für uns einfacher zu glauben, dass es irgendwelche finsteren Machthaber gibt, die unsere Welt lenken, indem sie an Fäden ziehen wie Marionettenspieler, als zu akzeptieren, dass es planloser Zufall ist, der das Leben regiert.
Wittstock: Ihr Romanheld Robert Langdon ist Fachmann für Symbole aller Art und kommt deshalb Verschwörungen auf die Spur. Warum sind Symbole so wichtig für Menschen?
Dan Brown: In gewisser Hinsicht engt uns die Sprache ein. Symbole sind viel weniger begrenzt, das macht ihre ungeheure Kraft aus. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn wir beide über unsere religiösen Erfahrungen als Christen sprechen würden, wäre die Gefahr von Meinungsverschiedenheiten relativ hoch: Wir sprechen nicht die gleiche Sprache, wir haben unterschiedliche kulturelle Vorstellungen und wurden von ganz individuellen Erlebnissen geprägt. Wenn wir aber ein Symbol betrachten, das Kruzifix, dann sind wir uns in Verehrung dieses Symbols einig, auch wenn wir es, genau betrachtet, unterschiedlich interpretieren.
Wittstock: Wir haben einen gemeinsamen Punkt, an dem wir uns treffen.
Dan Brown: Es ist wie mit der Musik: Sie ist eine universelle Sprache. Auch wenn wir nicht das Gleiche dabei empfinden, hören wir doch dieselbe Musik. Sobald wir aber zu argumentieren und unsere Empfindungen auf den Begriff zu bringen versuchen, geraten wir in Kontroversen, die sich zu Konflikten oder Kriegen auswachsen können. Die Freimaurer versuchen, diese Kraft der Symbole zu nutzen, indem sie sagen: Wir alle verehren Gott, die einen sehen in ihm den christlichen, die anderen den jüdischen, die dritten den muslimischen Gott. Über die Differenzen zwischen unseren Religionen geraten wir immer wieder in Streit. Aber wenn es gelingt, ein allumfassendes Symbol für Gott zu finden, dann kann das jeder auf seine Weise verehren, ohne dass es zu Konflikten kommt.
Wittstock: Aber Symbole werden ja nicht nur in der Religion, sondern auch in der Kunst benutzt.
Dan Brown: Ja, doch diese beiden Symbolsprachen sind auf vielfältige Weise verbunden. Unter anderem aus ganz offensichtlichen Gründen: Die großen Künstler der Renaissance waren zumeist Freidenker, die der Kirche skeptisch gegenüberstanden. Aber damals waren es die Päpste, Kardinäle und Bischöfe, die das Geld hatten, an Künstler lukrative Aufträge zu vergeben. Diese Kirchenfürsten bestellten bei ihnen eine Kreuzigungsszene oder ein Bildnis der Jungfrau Maria – also lieferten die Maler eine Kreuzigung oder ein Marienporträt. Doch haben sie dabei – oft unbemerkt von ihren Auftraggebern – eine heimliche Symbolsprache entwickelt, in der sie ihre religiöse Skepsis verschlüsselt zum Ausdruck brachten. Man kann diese Bilder also auf verschiedenen Ebenen interpretieren – sowohl als Bilder des Glaubens wie auch als Bilder der Glaubensskepsis, und genau das ist es, was meinen Helden Robert Langdon so fasziniert.
Mein Gespräch mit Dan Brown wurde zuerst veröffentlicht in dem Heft Focus-Spezial Die besten Bücher 2013. Das Heft erschien am 15. November 2013.
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Verschlagwortet mit Dan Brown, Dante Alighieri
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Khaled Hosseini: “Traumsammler”
“Was und prägt, sind unsere Verluste”
Schon sein Drachenläufer machte ihn berühmt. Doch mit dem neuen Roman Traumsammler erweist sich der afghanisch-amerikanische Schriftsteller Khaled Hosseini als ein Erzähler von Weltrang. Ich hatte Gelegenheit, mit ihm über Geschwisterliebe und elagante Damen in Kabul zu sprechen sowie über das Loch im Dasein. Traumsammler ist jetzt als Taschenbuch erschienen.
Uwe Wittstock: Mr Hosseini, Ihr neuer Roman beginnt mit einer Tragödie: Einer verarmten afghanischen Familie bleibt nichts anderes übrig, als ihre Tochter an ein wohlhabendes Paar in Kabul zu verkaufen. Gab es solche Fälle in Afghanistan?
Khaled Hosseini:Es gab sie, sie sind von Historikern dokumentiert. Als ich davon hörte, sprach ich mit meinem Vater, der 1939 in Kabul geboren wurde. Er hatte dort ähnliche Fälle in den 50er-Jahren erlebt. Ein Mann, den er kannte, war so mittellos, dass er nicht mehr für seinen kleinen Sohn sorgen konnte und ihn deshalb an ein reiches Paar
verkaufen musste. Er liebte ihn, er wollte das Beste für ihn, und die Konsequenz war, dass er ihn zu anderen Menschen weggeben musste. Er hatte zwischen dem Glück für sein Kind und dem eigenen Glück zu wählen. Er entschied sich für das seines Kindes.
Wittstock: In Ihrem Roman bleibt ein Sohn bei seinen verarmten Eltern zurück, und er kann den Schmerz über den Verlust der Schwester nicht verwinden. Er sucht nach ihr sein Leben lang. Haben Sie einen Roman über Geschwisterliebe geschrieben?
Khaled Hosseini: Auch Konkurrenzgefühle zwischen Geschwistern spielen im Roman eine große Rolle. Doch zunächst einmal: Ich setze mich nicht hin mit dem Vorsatz, einen Roman über Geschwistergefühle zu schreiben. Am Anfang stehen die Charaktere, sie entfalten sich, ich bleibe ihnen auf der Spur, folge ihnen behutsam tastend und beobachte, wie sich ihre Geschichte entwickelt. Später dann, auf halbem Weg, schaue ich zurück und merke: Es ist eine Geschichte über Familien oder über Geschwister geworden. Ein Verhältnis zwischen Geschwistern entpuppt sich oft als schwierig: voller Bewunderung, Liebe, Großzügigkeit, aber ebenso gefährdet durch Eifersucht, Reue, Wettbewerb. Das sind sehr widersprüchliche Empfindungen: das perfekte Ausgangsmaterial für große Dramen, die sich auf engstem Raum, wie in einer Nussschale, abspielen.
Wittstock: Sie begegneten den Vorbildern für die Roman-Geschwister in Afghanistan?
Khaled Hosseini: Im Herbst 2009 traf ich in Afghanistan zwei kleine Schwestern, vier und sieben Jahre alt. Sie waren auffallend schön, hatten blondes Haar, tiefblaue Augen, helle Haut. Ihre Familie kam aus dem Norden, sie lebte in einer abgelegenen Steppe, nur steinige Berge ringsum, die Regierung hatte ihnen dort ein kleines Stück Land gegeben. Sie lebten in einer Art Schuppen mitten im nirgendwo. Die beiden Mädchen gingen ungeheuer liebevoll miteinander um, sie hatten offensichtlich eine tiefe Verbindung. Sie besaßen nur ein Spielzeug, einen kleinen Plastikbären, und eine Schaukel an dem Ast des einzigen Baumes weit und breit. Der Gegensatz zwischen der abweisenden Landschaft und der Schönheit der Kinder und ihrer Zärtlichkeit füreinander machte einen tiefen Eindruck auf mich. Dann dachte ich darüber nach, was es für sie bedeuten würde, getrennt zu werden. Das war der Anfang des Romans.
Wittstock: Die Frau in Kabul namens Nila, die das Mädchen aufnimmt, ist eine moderne, westliche Frau. Sie schreibt Gedichte, sie flirtet mit ihrem Chauffeur, sie betrügt ihren Ehemann. War Afghanistan damals ein Land extremer kultureller Gegensätze?
Khaled Hosseini: In bin in den 60er- und 70er-Jahren in Kabul aufgewachsen. Damals gehörte Afghanistan zu den Schauplätzen, auf denen der Kalte Krieg besonders heftig ausgetragen wurde. In einer bestimmten Schicht der Gesellschaft Kabuls war der westliche Einfluss sehr stark. Es gab mondäne Partys, elegant gekleidete Frauen, die Alkohol tranken und Zigaretten rauchten. Sie studierten oder lehrten an der Universität, hielten mit ihren Ansichten nicht zurück und flirteten ungeniert mit Männern. Erst wenn man dieses Milieu kennt, begreift man, wie sehr sich Afghanistan inzwischen verändert hat. Alles das fließt zusammen in der Figur der Dichterin Nila, meiner Lieblingsfigur in diesem Roman. Sie ist so voller Geheimnisse und Widersprüche, eine sinnliche Frau, die sich nicht scheut, über ihre sexuellen Bedürfnisse zu schreiben. Und die keinen Pfifferling darauf gibt, wie eine Frau sich angeblich in der Öffentlichkeit zu verhalten habe.
Wittstock: Nila sagt, Schriftsteller lebten davon, das Schicksal anderer Menschen in ihren Büchern auszubeuten. Stimmen Sie ihr zu?
Khaled Hosseini: Ja, ich stimme ihr zu. Das ist nicht schön, aber man muss es sich eingestehen: Wir Schriftsteller werden inspiriert durch das, was wir beobachten und erleben. Sobald wir nicht ausschließlich über uns selbst schreiben, plündern wir das Leben anderer. Wir leihen uns hier einen Charakterzug, dort ein paar biografische Details und bauen daraus unsere Figur zusammen. Es hat etwas von Raub, denn wir fragen ja nicht um Erlaubnis. Aber das gehört zur literarischen Arbeit, es geht nicht anders.
Wittstock: Es tritt auch ein afghanischer Warlord auf, der für üble Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht wird, den die Menschen des von ihm beherrschten Landstrichs aber dennoch als ihren Wohltäter und Patriarchen betrachten.
Khaled Hosseini: Ja, das ist ein sehr ambivalenter Charakter. Solche Menschen gibt es, nebenbei gesagt, nicht nur in Afghanistan, sondern überall auf der Welt. Dieser Warlord hat große Schuld auf sich geladen, aber er ist ein Segen für seine Leute: Er hat eine Klinik gebaut, in der auch Frauen behandelt werden, er hat Schulen gegründet, in die auch die Mädchen gehen dürfen. Beide Aspekte dieser Figur zusammen charakterisieren das Verhältnis, das viele Afghanen zu ihren Warlords haben: Sie fürchten sie, aber bewundern und respektieren sie auch oder lieben sie sogar.
Wittstock: Es gibt eine Gemeinsamkeit fast all ihrer Romanhelden: Sie vermissen einen geliebten Menschen.
Khaled Hosseini: Verlust ist ein wichtiger Aspekt des Lebens. Oft sind es die Verluste, die uns prägen und vorantreiben. In jedem Leben fehlt etwas, fast alle Menschen sind auf der Suche: nach Liebe, Hoffnung, Wohlstand, Würde, Schönheit. Und wir alle versuchen das, was uns fehlt, wiederzufinden oder zu ersetzen – in welchem indirekten oder metaphorischen Sinne auch immer. Davon will ich in meinem Roman erzählen: von dem Schmerz der Trennung und der Sehnsucht nach Wiedervereinigung. Meine Figuren leben ihr Leben in dem Bewusstsein, dass es da ein Loch in der Mitte ihres Daseins gibt – und sie versuchen es, jede auf ihre Weise, so gut es geht zu füllen. Irgendwie gelingt ihnen das auch, aber anders, als sie es gewollt oder erwartet hätten.
Wittstock: Sie nutzen für Ihren Roman ganz unterschiedliche Formen des Erzählens: Es gibt Kapitel in der Tonlage eines Märchens, es gibt Briefe oder Interviews.
Khaled Hosseini: Die Geschichte des Romans überspannt Jahrzehnte. Ich musste Formen finden, die sich einerseits ganz natürlich in die Erzählung einfügen, die es mir aber andererseits möglich machen, die zeitlich so ausgedehnte Handlung zu raffen. Das Interview zum Beispiel gibt mir die Möglichkeit, in knapper Form viel über Nilas Lebensweg zu erzählen und den Leser zugleich einen tiefen Blick in ihre sonst verborgenen Gedanken werfen zu lassen.
Wittstock: Ihre vorangegangenen Bücher waren Welt-
erfolge. Hat Sie das bei der Arbeit an Ihrem neuen Roman unter Druck gesetzt?
Khaled Hosseini: Nein. Ich fühle mich zwar unter Druck bei der Arbeit an einem neuen Buch, aber nicht durch die Fragen nach dem möglichen Erfolg. Der Druck entsteht durch die Frage: Habe ich wirklich etwas zu sagen? Habe ich eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt? Am meisten fürchte ich den Augenblick, in dem ich vor dem Computer sitze und das Gefühl habe, mir fällt nichts mehr ein. Vielleicht wird irgendwann der Tag kommen, an dem ich feststellen muss, meine Quelle ist ausgetrocknet. Diese Vorstellung ist es, die mich unter Druck setzt. Alles andere, einschließlich der Frage, ob das Buch ein Erfolg wird, ist verglichen damit allenfalls ein Hintergrundgeräusch, das ich ganz und gar ausblende, um mich auf meine Geschichte zu konzentrieren.
Günter Grass über seinen Vater
„Willst Du mich zum Kriminellen machen?“
Günter Grass über das schwierige Verhältnis zu seinem Vater
„Ich bin ein Muttersohn“, sagt Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass im Gespräch mit mir, das ab morgen im aktuellen “Focus” zu lesen ist. Seine Mutter habe ihn geprägt. „Die einzige Liebhaberei, die ich von meinem Vater übernommen habe, ist das Kochen. Er war ein ausgezeichneter, fürsorglicher Koch. Fürsorglich mit den Zutaten und fürsorglich zu denen, die er bekochte.“
Wilhelm Grass (1899-1979), dem unser Gespräch gewidmet war, führte zusammen mit seiner Frau einen Kolonialwarenladen in Danzig. Für Politik, sagt Günter Grass, habe sich sein Vater nie interessiert. Auf die Frage, weshalb er 1936 in die NSDAP eingetreten sei, habe er seinen Sohn geantwortet, die Besitzer konkurrierender Geschäfte seien der Partei beigetreten: „Also trat er auch ein.“
Als Günter Grass 1944 mit 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen wurde, habe sich seine Mutter geweigert, ihn zum Bahnhof zu bringen: „Sie konnte das nicht aushalten. Aber mein Vater hat mich begleitet, das werde ich ihm nie vergessen. Natürlich hatte ich Angst. Ich weiß nicht mehr, worüber wir sprachen. Aber ich weiß, er war da.“
Nach dem Krieg habe er sich, berichtet Grass, mit dem Vater heftig über seine Berufswünsche gestritten. Er wollte Bildhauer werden, „aber mein Vater versuchte, mir eine Bürolehre aufzudrängen. ‚Willst du mich zum Kriminellen machen?’, fragte ich ihn. ‚Büro langweilt mich so, dass ich mit der Portokasse durchbrenne.’“
Nachdem er in Paris seinen ersten Roman, den Welterfolg „Die Blechtrommel“, geschrieben hatte, erinnert sich Grass, „war mein Vater auf einmal stolz auf mich. Er hat nie ein Buch von mir gelesen, aber er hatte immer positive Rezensionen meiner Bücher in der Brieftasche. Die zeigte er herum, denn was da drinstand, das glaubte er. Seitdem hatten wir Frieden.“
Der aus dem Gespräch entstandene Text für die Reihe “Mein Vater” ist in voller Länge ab morgen im aktuellen “Focus” zu lesen
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Judith Hermanns Roman “Aller Liebe Anfang”
“Liebe ist eine zwiespältige Empfindung“
Ein Gespräch mit Judith Hermann über ihren Roman Aller Liebe Anfang, über die Bereitschaft, in anderen Menschen das Ziel der eigenen Wünsche und Hoffnungen zu sehen und über das Unglück, dass die Liebe mit sich bringen kann, sowie die große Sehnsucht vieler Leser nach Romanen und nach Antworten
Uwe Wittstock: Mit Ihren Kurzgeschichten zählen Sie seit 15 Jahren zu den wichtigsten Erzählerinnen Deutschlands. jetzt legen Sie Ihren ersten Roman Aller Liebe Anfang vor. Ist Ihre Erleichterung groß?
Judith Hermann: Wenn Sie mit Erleichterung meinen, nicht mehr die Frage nach dem Roman hören zu müssen – ja, ich bin erleichtert. Und darüberhinaus alles in allem wohl so erleichtert, wie man es nach der abgeschlossenen Arbeit an einem Buch sein kann, egal ob es ein Roman ist oder ein Erzählungsband. Der Romanautor wird nie gefragt, wann er endlich seine allererste Erzählung schreiben würde, oder? Als Short-Strory-Autor muss man sich bedauerlicherweise rechtfertigen, wenn man keinen Roman schreibt.
Wittstock: Gut, drehen wir die Frage herum: Warum plötzlich ein Roman?
Judith Hermann: Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller hat den schönen Satz gesagt: Nicht der Autor entscheidet über die Länge einer Geschichte, sondern die Geschichte entscheidet das selbst. Und genau so ist es. Es gibt im Schreiben den Moment, in dem sich die Geschichte verselbstständigt – es gibt ihn, wenn das Schreiben gelingt. Die Figuren verselbstständigen sich, sie nehmen den Autor, eine Weile lang, sprichwörtlich an die Hand. Sie entwickeln ihr eigenes Leben, ihren eigenen Willen, und sie führen die Geschichte dann eben nach dem eigenen Maß zu einem kurzen oder langen Schluss.
Wittstock: Der Stoff Ihres neuen Buches ließ sich nur als Roman, nicht als Kurzgeschichte erzählen?
Judith Hermann: Ich habe es mehrfach versucht, Stellas Geschichte in einer Erzählung aufzuschreiben, und es ist mir nicht gelungen. Ich hatte deutlich zuwenig Raum, Stella hatte zu wenig Raum. Es ging nur so, wie es jetzt geworden ist.
Wittstock: Sie erzählen von einer Frau, Stella, die begreifen muss, dass ihr Nachbar ein Stalker ist, der sie nie in Ruhe lassen wird. Wie sind Sie zu diesem Stoff gekommen?
Judith Hermann: Für mich ist es gar nicht so deutlich ein Buch über Stalking. Eher eine Geschichte über die Bereitschaft, in einem anderen Menschen das Ziel der eigenen Wünsche und Hoffnungen zu sehen – also über die Bereitschaft, mit der die Liebe beginnt. Eine Geschichte über die verschiedenen Formen der Liebe: zu einem Mann, der oft weg ist, zu einer kleinen Tochter, zu einer engen Freundin, die an einem fernen Ort lebt, mit der Stella aber dennoch alles Wichtige teilt. Stalking ist im Rahmen dieser Geschichte nur das Beispiel für eine Extremform der Liebe, die zur Obsession wird.
Wittstock: Das klingt, als wäre die Liebe in Ihrem Roman ein mitunter bedrohliches Gefühl.
Judith Hermann: Liebe ist doch zumindest eine zwiespältige Empfindung. Liebe hat viel mit Abhängigkeit zu tun, mit der Frage, ob man zu viel oder auch zu wenig vom anderen erwartet, ob man von ihm zu viel oder zu wenig bekommt? Liebe ist in der Idealvorstellung stärkend und beglückend. Aber das Unglück, das sie mit sich bringen kann, ist unvergleichlich, oder? Unvergesslich. Das kann bedrohlich sein, und das wissen wir, wenn wir uns auf die Liebe einlassen.
Wittstock: Woher kommt die Sehnsucht der Leser nach Romanen?
Judith Hermann: Ich glaube, das Verhältnis zur Kurzgeschichte ist ein wenig schwierig, weil sie offen bleibt, weil sie auch keine Lösung weiß. Sie stellt Fragen, aber sie gibt keine Antworten und manchmal scheint die eigentliche Geschichte erst nach dem Ende der Geschichte anzufangen. Der Roman zeigt mehr als eine Situation, er verfolgt mindestens einen Handlungsfaden über eine längere Strecke und er führt am Schluss zu einer Art Fazit. Sicher, auch dieses Fazit will keine gültige Antwort auf die Fragen sein, die der Roman aufwirft, aber es wirkt letztlich doch ein wenig so wie eine Entscheidung? Wie eine Botschaft. Und nach solchen Botschaften sehnt man sich, man möchte die Welt gern erklärt bekommen von jemandem, der es vielleicht besser weiß als man selbst – selbst wenn uns im Grunde klar ist, dass der Schriftsteller es auch nicht besser wissen kann.
Wittstock: Welche Botschaft hat Ihr Roman Aller Liebe Anfang?
Judith Hermann: Ich glaube, ich bin in diesem Roman am Schluss doch meiner Neigung zur Kurzgeschichte gefolgt – ich habe ihn so offen wie möglich zu Ende gehen lassen. Ich hoffe, dass sich der Leser schließlich dieses Endes annimmt und selbst entscheidet, was es zu bedeuten hat – und ob es für ihn etwas zu bedeuten hat. Das würde mich freuen.
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Büchnerpreis 2014 für Jürgen Becker
Ängstlich und bedenkenträgerisch
Heute gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekannt, den Georg-Büchnerpreis in diesem Jahr dem Kölner Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker zu verleihen. Was ist von dieser Entscheidung zu halten?
Als Friedrich Dürrenmatt 1986 den Büchnerpreis erhielt, sagte er bei einer der vielen Reden, die ein Büchnerpreisträger halten muss: “Preise bekommt man immer erst dann, wenn man keine mehr braucht.”

Jürgen Becker: "Wie es weiterging. Ein Durchkang - Prosa aus fünf Jahrzehnten". Suhrkamp Verlag. 21,95 Euro
Nun kann jeder Schriftsteller Preise gebrauchen, und Jürgen Becker wird für die Verwendung der Preissumme von 50.000 Euro auch etwas gutes einfallen. Da bin ich mir sicher. Gemeint hat der damals 65-igjährige Dürrenmatt mit seinem Satz aber wohl etwas anderes. Für einen etablierten Autor im Rentenalter hat ein Preis eine andere Bedeutung, als für einen jungen Autor, der noch um Anerkennung für seine Arbeit kämpfen muss. Hier kann ein wichtige Auszeichnung zugleich zu einer wichtigen Zäsur im Lebensweg und im Werk des Schriftstellers werden.
In der Satzung des Büchnerpreises heißt es: “Zur Verleihung können Schriftsteller und Dichter vorgeschlagen werden, die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben.”
Ich kenne Jürgen Becker ein wenig, er ist ein ungemein sympathischer Mann und ich freue mich für ihn, wenn er im Herbst den Büchnerpreis entgegennehmen kann. Aber bei allem Freude – ich würde nie behaupten, dass sein Werk “an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil” hat. Seine Bücher waren in den sechziger und siebziger Jahren wichtig. Vielleicht hätte man ihm in diesen Jahren den Büchnerpreis geben sollen.
Der Büchnerpreis hatte seine beste Zeiten den sechziger Jahren, als einige sehr frühe und mutige Entscheidungen getroffen wurden: Enzensberger, Bachmann, Grass erhielten die Auszeichnung in aufeinander folgenden Jahren (1963 – 1965), obwohl sie erst Mitte Dreißig waren. Wenn die Akademie heute den Mut hätte, sich unter den Mitte Vierzigjährigen umzuschauen, würden mir Daniel Kehlmann, Ingo Schulze, Judith Herrmann oder – postum – Wolfgang Herrndorf einfallen. Mag sein, dass die literarischen Fähigkeiten dieser Autoren nicht grenzenlos sind. Aber das sind die von Jürgen Becker oder Walter Kappacher (Büchnerpreis 2009) auch nicht. Aber die jüngeren Autoren haben einen spürbaren Einflüss auf die Gegenwartsliteratur – wie es die Büchnerpreis-Satzung verlangt. Und für sie und ihre weitere literarische Arbeit hätte diese Auszeichnung eine außerordentlich hohe Bedeutung.
Die diesjährige Entscheidung der Akademie ist ängstlich und bedenkenträgerisch. Mag sein, dass die Jury wegen ihrer Entscheidung für Sibylle Lewitscharoff im vergangenen Jahr (nach der “Halbwesen”-Rede Lewitscharoffs) Kritik einstecken musste. Aber ich halte es für viel angemessener, einem umstrittenen Autor den Büchnerpreis zuzuerkennen, als einem vollkommen Unumstrittenen, dessen Werk in der Literaturgeschichte eine größere Rolle spielt als in der literarischen Gegenwart.
Veröffentlicht unter Personen, Poesie, Über Bücher
Verschlagwortet mit Daniel Kehlmann, Friedrich Dürrenmatt, Ingo Schulze, Judith Herrmann, Wolfgang Herrndorf
1 Kommentar
Runter kommen sie immer
„A Long Way Down“
Nick Hornbys sehr komische Geschichte über vier Selbstmörder auf dem selben Hochhausdach kommt jetzt ins Kino. Eine gute Gelegenheit, sich auch den Roman (wieder) vorzunehmen, der eine Art literarische Versuchsanordnung ist: Vier Leute haben jeden üblichen sozialen, religiösen oder sonstigen Halt verloren – welchen Grund könnte es für sie geben, hier und heute, also in einer westlichen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts dennoch am Leben festzuhalten?

Nick Hornby: "A Long Way Down". Aus dem Englischen übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. 9,99 €
Dies ist das lustigste Buch über Selbstmord seit langem. Zugegeben, im ersten Moment klingt das ein wenig leichfertig. Doch das täuscht. Denn der Engländer Nick Hornby, der es zu internationalem literarischen Starruhm gebracht hat, schreibt zwar Romane, die größten Wert darauf legen, ihre Leser gut zu unterhalten. Aber leichtfertig ist er nie. Sondern eher ein bodenständiger Moralist, der mit seinen Büchern hartnäckig die klassischen Fragen stellt: Wie führe ich mein Leben richtig? Wie handele ich verantwortungsvoll? How to be good? Er gehört nicht zu den Autoren, die ihren Lesern vor den Kopf stoßen, sondern zu denen, die ihnen sinnstiftend unter die Arme greifen möchte.
Schon deshalb muß man nicht befürchten, Hornby käme in seinem neuen Roman A Long Way Down auf die Idee, sich über Selbstmord-Kandidaten lustig zu machen. Vielmehr behandelt er sie wie gewöhnliche Menschen, die – wie alle anderen auch – ihre komischen Seiten haben oder in komische Situationen geraten. Bereits der Versuch, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen, ist naturgemäß hoch pathetisch – und also bei unpassenden Zwischenfällen schnell in Gefahr in eine Komödie umzuschlagen.
Martin zum Beispiel, ein abgehalfterter Fernsehmoderator, zieht sich am Sylvesterabend auf das Dach eines Londoner Hochhauses zurück, das sich bei Selbstmördern größerer Beliebtheit erfreut. Er hat durch einen Sex-Skandal sowohl seine Ehe wie seine Karriere ruiniert und nun nicht übel Lust, alle Probleme durch einen Schritt ins Leere zu lösen. Schon hat er sich an die Brüstung gesetzt und läßt die Beine ins Leere baumeln, als Maureen durch die Tür tritt, die mit gleichen Absichten auf das Dach kommt. Sie ist gut fünfzig und hat nur einmal im Leben mit einem Mann geschlafen, der sie danach verließ. Sie aber brachte einen behinderten Sohn zur Welt, dessen einzige erkennbare Regungen seine röchelnden Atemzüge sind und den sie nun seit Jahrzehnten tagein, tagaus zu pflegen hat. Wer könnte nicht verstehen, daß sie diese freudlose Existenz endgültig hinter sich lassen will?
Ein Selbstmörder allein auf einem Hochhausdach ist erschütternd. Trifft er jedoch auf einen zweiten, von dem er sich gestört fühlt und mit dem er über die Reihenfolge der Sprünge diskutieren muß, bekommt die Szene allmählich eine erheiternde Schlagseite. Und während Maureen und Martin noch verhandeln, taucht Jess auf, eine wuterfüllte, gründlich verkorksten Achtzehnjährige, die Tochter eines Staatssekretärs aus der Regierung Tony Blair. Sie ist – wie meist – betrunken und bekifft, hat dazu noch Liebeskummer und gerade auf einer Party beschlossen, es sei eine prima Idee, den verkorksten Abend durch mit einem Sprung ins Nichts abzurunden. Schließlich keucht der Pizzabote JJ das Treppenhaus nach oben, ein alt gewordener, glückloser Rockmusiker, dessen Band auseinandergefallen ist, dessen Freundin ihn vor die Tür gesetzt hat und der ebenfalls das Jammertal des Daseins hinter sich lassen möchte.
Wer will, kann dieses Zusammentreffen von vier Selbstmördern auf einem Hochhausdach in der selben Neujahrsnacht für einen allzu konstruierten Einfall halten. Doch damit täte man dem Roman unrecht. Hornby geht es lediglich um einen möglichst effektvollen Auftakt für seine Geschichte. Er hätte seine Helden auch weit weniger spektakulär in, sagen wir, dem Wartezimmer eines Psychologen oder in einer Selbsthilfegruppe für Suizidgefährdete zusammenführen können. Man sollte das Ganze als eine Art literarische Versuchsanordnung des Moralisten Hornby betrachten: Vier Verzweifelte haben jeden üblichen Halt verloren – welchen Grund könnte es für sie geben, hier und heute, also in einer westlichen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts dennoch am Leben festzuhalten?
Die vier erzählen die Geschichte in kurzen Kapiteln jeweils reihum aus ihrer subjektiven Perspektive. Durch die Begegnung mit den anderen um die nötige Ruhe für den letzten Schritt gebracht, nehmen sie die Treppe für ihren langen Weg nach unten und versuchen, sich zumindest für die nächsten Stunden, Tage, Wochen über die Runden zu retten. Dabei gerät die sonderbare Gruppe in allerlei schräge Situationen und wie es Hornby versteht, den großstädtischen Hintergrund dazu mit all seinen Moden, bizarren Kontrasten und kuriosen Milieus liebevoll auszumalen, ist bewunderungswürdig. Er hat einen unglaublich scharfen Blick für die allerneuesten urbanen Verhaltensweisen und Trends und versteht sie ebenso klug wie überraschend zu analysieren. Es gibt, so weit ich sehen kann, keinen deutschsprachigen Schriftsteller, der ihm in dieser Hinsicht auch nur das Wasser reichen könnte.
Zudem wird man als Leser von den Dialogen wie von einer Leimrute durch das Buch gezogen. Die vier Verzweifelten bilden nämlich keineswegs eine verschworene Gemeinschaft. Im Gegenteil, sie haben auf dem Hochhausdach eine Menge konventionelle Rücksichten hinter sich gelassen und sagen sich ziemlich ungeniert die Meinung. Damit gewinnt Hornby die Freiheit, so viele Bissigkeiten und Sticheleien, vor allem aber so viele Gags und Pointen in ihre Gespräche zu packen, daß es eine helle Freude ist. In dem Wettbewerb, welcher der komischen Romane Hornbys der komischste ist, dürfte A Long Way Down künftig gute Chancen auf einen der Spitzenplätze haben.

"A Long Way Down". Regie: Pascal Chaumeil. Darsteller: Pierce Brosnan, Toni Collette, Imogen Poots, Aaron Paul, Rosamund Pike. Auf DVD erhältlich ab September 2014
Allerdings vernachlässigt Hornby über dem glänzend ausgemalten großstädtischen Hintergrund und den so amüsanten Dialogen das, was bei einem traditionellen Roman im Vordergrund stehen sollte: die seelische Befindlichkeit seiner Helden. Sie bleiben oft schemenhaft, ihre psychische Not wird kaum je plastisch. Am besten noch gelingt es Hornby, die ungebärdige Jess und den gescheiterten Musiker JJ zu literarischem Leben zu erwecken. Allerdings hat er sie erkennbar nach dem Vorbild alter Figuren aus früheren Romanen geschaffen hat, nach Ellie aus About a Boy und Rob aus High Fidelity. Für Maureen jedoch, eine verschüchterte Kirchgängerin, scheinen ihm alle glaubwürdigen Darstellungsmittel zu fehlen. Er legt ihr mitunter ebenso brillant abgezirkelte Aperçus in den Mund wie dem fernsehtrainierten Martin – womit offensichtlich wird, daß Hornbys Pointengewitter nicht der Charakterisierung der Figuren dient, sondern daß die Figuren für ihn oft genug nur Sprachrohre sind für die zum Selbstzweck gewordenen komischen Wortwechsel.
Vielleicht ist es deshalb besser, A Long Way Down nicht als psychologischen Roman zu betrachten, sondern tatsächlich als eine literarische Versuchsanordnung zu der Frage: Was könnte heutzutage geeignet sein, aufgeklärte, aber gefährdete Menschen vom Selbstmord zurückzuhalten? Hornbys Antwort ist strikt diesseitig, von einem religiösen Sinn des Daseins ist bei ihm nicht einmal in Andeutungen die Rede. Selbst Maureen, die sich gelegentlich auf Gott beruft, macht letztlich eine ziemlich nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung auf, wenn sie sich fragt, was sie noch vor Leben zu erwarten hat.
Kommunikation lautet Hornbys Zauberwort. Solange seine Figuren allein sind oder sich durch Schweigen isolieren, erscheint ihnen ihre Lage hoffnungslos. Doch sobald sie Anteil nehmen an anderen und anderen erlauben, Anteil an ihnen zu nehmen, knüpft sich ein hochfeines, kaum wahrnehmbares Netz von Verbindungen, das sie behutsam ans Leben bindet – und dies selbst dann, wenn dieses Beziehungsnetz, wie bei Hornbys Helden, nicht nur freundschaftlicher, sondern durchaus konfliktträchtiger Natur ist.
Sicher, überaus originell ist das nicht, aber doch ein pragmatisches und wohl auch zeittypisches Stückchen Alltagsphilosophie. Mit seiner manchmal recht deutlich spürbaren Neigung, solche guten oder nur gut gemeinten Lebensweisheiten zu verbreiten, liegt der Autor Nick Hornby sicher nicht jedem Leser. Doch welcher Autor könnte das schon von sich sagen? Seine erstaunliche Gabe aber, die Strömungen und Stimmungen, die Macken und Marotten, die Themen und Typen seiner Epoche literarisch einzufangen, macht seine Bücher auf jeden Fall lesenswert.
Literaturfestival?
Literatur ohne Schriftsteller?
Okay, niemand von uns weiß, was Hölderlin dazu sagen würde. Wozu? Zum 5. Bad Homburger Poesie- & Literaturfestival. Für diesen Höhepunkt deutscher Darbietungskunst wirbt nämlich das Plakat, dass mir heute auf einem Frankfurter Bürgersteig entgegentrat. Zugegeben, es ist eine feine Sache, wenn Kurorte Literaturfestivals organisieren – allerdings glaubt die Hölderlin-Stadt Bad Homburg dabei erstaunlicherweise ganz ohne Schriftsteller auskommen zu können.
Das Plakat (und auch das Programm) bietet stattdessen lieber Schauspieler auf. (Hanns Zischler als echte Doppelbegabung ist hier eine Ausnahme.) Vermutlich sollen die hochverehrten Kurgäste beim Literaturfestival nicht durch den Anblick ungewaschener Schriftsteller auf der Bühne brüskiert werden. Sondern sich lieber am Anblick gut gekämmten Mimen erfreuen dürfen.
Aber wäre es da nicht besser, das Ganze gleich als “Tatort”-Festival, statt als Literatur-Festival firmieren zu lassen? Dann wären, so weit ich sehen kann, nur Senta Berger und Hölderlin fehl am Platz, die bei diesem Gipfel deutscher TV-Unterhaltung noch nicht mitgefingert haben. Das verspräche eine bessere Quote als jetzt, wo Literatur angekündigt wird, Literaten aber nicht vorkommen dürfen.
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Raymond Chandler starb vor 55 Jahren
Ein weißer Ritter ganz aus Sprache namens Philip Marlowe
Heute vor 55 Jahren starb Raymond Chandler. Er war der große Schriftsteller der Weltwirtschaftskrise von 1929 und ihrer Auswirkungen. Chandler hat der Lesewelt nicht nur einen unvergesslichen Helden geschenkt und ein paar der schönsten Kriminalromane geschrieben. Er hat auch ein paar bemerkenswerte Dinge über die Gesellschaft während der Turbulenzen eines Finanzdisasters literarisch festgehalten. Wer will, kann auf eigene Gefahr Parallelen zu der von Finanzturbulenzen bedrohten Gegenwart ziehen.
Es war ein Sturz ins Bodenlose. Während der zwanziger Jahre, der Roaring Twenties, reckten sich in USA alle Wachstumskurven dem Himmel entgegen, ein goldenes Zeitalter schien angebrochen. Dann machte der Börsenkrach am 24. Oktober 1929 das Land zur Ruine. Die Löhne halbierten sich, die Arbeitslosenrate stieg auf 25 Prozent, immer mehr Menschen hatten buchstäblich nichts zu Essen, ein Fünftel der Kinder litt an Unterernährung, an den Stadträndern bildeten sich Favelas, in denen Hunderttausende unter Wellblechdächern hausten. Auf dem Höhepunkt der Krise 1932 verlor irgendwo in Los Angeles auch der Manager einer Ölfirma seinen Job. Er war 44 Jahre alt, hatte früher sentimentale Gedichte geschrieben, inzwischen eine ausgeprägte Vorliebe für Alkohol und realistisch betrachtet keine Chance mehr, je wieder auf die Beine zu kommen.
Was dem Mann, er hieß Raymond Chandler, außer der Ehe mit einer 18 Jahre älteren Frau noch blieb, war seine Leidenschaft für Sprache. Er war derart hingerissen von dem lakonischen Ton dieses literarischen Jungstars namens Hemingway, der seine Sentimentalität so perfekt hinter knappen, scheinbar kaltschnäuzigen Sätzen verbergen konnte, dass er dessen Stil in einer kleinen Parodie nachzuahmen versuchte. Die einzigen, denen in Chandlers Augen etwas Ähnliches gelang wie Hemingway, waren die Autoren von billigen Heftchen-Krimis, die unter dem Titel „Black Mask“ erschienen – allen voran Dashiell Hammett. Also ließ er seinen Namen im Telefonbuch mit dem Zusatz „Schriftsteller“ versehen, setzte sich hin und schrieb seine erste Crime-Story für „Black Mask“. Sie erschien im Dezember 1933. Das Honorar betrug 180 Dollar, ein Cent pro Wort.
Genre und Epoche waren wie geschaffen füreinander. Der Glaube an das Gute im Menschen stand nicht eben hoch im Kurs. Banken und Spekulanten, die den Crash von 1929 mitausgelöst hatten, vertrieben ganze Völkerscharen von Schuldnern aus ihren Häusern und von ihren Farmen. John Steinbeck beschrieb die nackte Not der zu Wanderarbeitern degradierten Obdachlosen in „Früchte des Zorns“. Entwurzelung und Elend steigerte nicht eben die Immunität gegen die Verlockungen des Verbrechens.
In einem Rückblick auf seine frühen Geschichten schrieb Chandler, ihre Anziehungskraft habe wohl „in der ganz eigentümlichen Atmosphäre der Angst“ gelegen, die sie einfingen: „Ihre Gestalten lebten in einer Welt, in der alles schiefgelaufen war, einer Welt, in der, schon lange vor der Atombombe, die Zivilisation sich eine Maschinerie zu ihrer eigenen Zerstörung geschaffen hatte und mit dem ganzen irren Vergnügen damit umzugehen lernte, mit dem ein Gangster seine erste Maschinenpistole ausprobiert.“
Bei all dem hatte das Vertrauen in den Saat als fürsorgende Ordnungsmacht gelitten. Präsident Herbert C. Hoover unternahm zwischen 1929 bis 1932 wenig gegen die Wirtschaftskrise, da er fürchtete öffentliche Hilfen für notleidende Bürger könnten den amerikanischen Individualismus untergraben. Behörden wurden bald nicht mehr als Schutz, sondern als Teil der umfassenden Bedrohung wahrgenommen. Wer auf eine Polizeiwache gehe, so zitiert Chandler in einem seiner Romane einen zeitgenössischen New Yorker Reporter, der sei „aus unsrer Welt hinausgetreten in eine, in der es keine Gesetze gibt.“
Die ironische Pointe an Chandlers Büchern ist, dass sie zwar einige der finstersten Augenblicke der amerikanischen Geschichte porträtieren – zugleich aber den amerikanischen Mythos zutiefst bestätigen. Die Gerechtigkeit hat in der Welt, von der seine Romane berichten, keine Chance, es sei denn, es findet sich ein entschlossener Mann, ein typischer amerikanischer Held, der die Sache in die Hand nimmt und sie gegen alle Widerstände durchsetzt. Das war der weiße Ritter, von dem Chandler schon träumte, als er noch sentimentale Verse verfasste.
Mit Philip Marlowe schuf er den Archetyp des Privatdetektivs, der seither einen festen Platz im kollektiven kulturellen Gedächtnis hat. Marlowe ist Teil seiner aus den Fugen geratenen Gesellschaft, er bewegt sich in ihr wie ein Fisch im Wasser. Aber er ragt dennoch über sie hinaus. Mitten in ehrloser Zeit ist er ein Mann von Ehre. Während alle enthemmt nach Geld grabschen, nimmt er nur Honorare, die ihm nach seinem Moralkodex zustehen. Wenn alle nur auf den eigenen Vorteil aus sind, hält er den Kopf für die Schwachen hin.
Besonders glaubwürdig war diese Figur nie. Dass Chandler es dennoch gelang, sie Millionen von Lesern als realistisches Bild eines knallharten Kerls mit guter Seele zu verkaufen, ist letztlich wohl allein seiner stilistischen Perfektion zu verdanken. Fast alle seiner Sätze geben sich den Anschein, als seien sie nur auf nüchterne Beschreibung, kalte Kalkulation der Interessen oder auf sarkastischen Witz aus und doch glaubt man in jedem zugleich das romantische Herz Marlowes schlagen zu hören.
Da die Black-Mask-Redaktion dazu neigte, alles in einem Manuskript zu streichen, was nicht der Spannung diente oder die Handlung vorantrieb, entwickelte Chandler eine diskrete Kunst, Atmosphäre zu vermitteln, ohne sie sichtbar werden zu lassen oder sie gar zu benennen: „Meine Theorie ging dahin, dass die Leser nur meinten, sie interessierten sich nur für die Handlung; dass sie in Wirklichkeit aber, obwohl sie es nicht wussten, genau an dem interessiert waren, was mich auch interessierte: an der Entstehung von Gefühl durch Dialog und Beschreibung.“
Nach etlichen Erzählungen wagte sich Chandler 1939 an seinen ersten Roman „The big Sleep“. Er wurde gleich zum Erfolg. Die größere Form bot ihm den Platz, Los Angeles als Moloch zu porträtieren, der „so viel Charakter hat wie ein Pappbecher“, als Dschungel, in dem es zuging wie im Raubtierkäfig zur Fütterungszeit. Durch den „New Deal“ Präsident Franklin D. Roosevelts fasste die Wirtschaft Amerikas inzwischen wieder Tritt, doch der von Chandler um Marlowe herum erbaute rabenschwarze literarische Kosmos hatte sich längst in den Köpfen der Leser verselbstständigt und lebte munter fort.
Die Romane haben Chandler weltberühmt gemacht. Weil ihm ohne die strenge Black-Mask-Redaktion erzählerisch alles erlaubt war, stolperte er darin für kurze Momente aus seiner stilistischer Deckung und ließ Marlowe kurze Predigten halten wie einen Pastor. Chandler spürte das, konnte sich aber nicht mehr disziplinieren: „Das Ärgerliche mit diesem Marlowe ist: man hat zuviel über ihn geschrieben und geredet. Er wird immer selbstbewusster und versucht sein Leben so umzustellen, wie es seinem Ruf bei den Pseudo-Intellektuellen entspricht.“
Doch das bleiben kleine Schwächen. Nimmt man all seine Erzählungen und Romane zusammen, entwirft Raymond Chandler das Panorama einer Gesellschaft quer durch alle Milieus vom Tellerwäscher bis zum Millionär, vom Taschendieb bis zum Mörder. Es zeigt eine Gesellschaft, die alles für möglich hält, an nichts mehr glaubt und im Begriff ist, sich ihr Grab zu schaufeln.
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Maxim Biller und Dietmar Dath
Das heiligste Tabu der deutschen Literatur
„Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so unglaublich langweilig?“ fragt der wackere Randalierer Maxim Biller gestern in der Zeit. Und heute stimmt ihm Dietmar Dath in der FAZ in einer „Entgegnung“, die mit Entgegnung nichts zu tun hat, weitgehend zu. Es ist jetzt gut 20 Jahre her, dass ich über die Neigung der deutschen Gegenwartsliteratur zu gepflegter Langeweile schrieb. (zum Beispiel hier: http://uwe-wittstock.de/0000009b611323225/index.htm) Wenn Biller und Dath nun ins weitgehend gleiche Horn stoßen, müsste mir das recht sein. Ist es aber nicht. Oder nur mit dicken Einschränkungen.
Diese Einschränkungen lassen sich kurz zusammenfassen: Zum einen, sind die Gegenwartsromane (und nur von denen ist bei Biller und Dath die Rede, nicht von Lyrik, Drama oder sonstwas) inzwischen gar nicht mehr so langweilig, wie die beiden behaupten. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich im deutschen Gegenwarts-Erzählen viel getan. Von Mosebach bis Kehlmann, von Wolfgang Herrndorf bis Ferdinand von Schirach, von Ingo Schulze bis Judith Hermann, von Lukas Bärfuss’ Hundert Tagen bis Eugen Ruges Zeiten des abnehmenden Lichts und Capo de Gata sind in der jüngsten Zeit eine Menge Romane und Short-Stories erschienen, denen man manches nachsagen kann, nicht aber, dass sie langweilig sind.

Jetzt 20 Jahre alt: Uwe Wittstock: "Leselust. Wie unterhaltsam ist die deutsche Literatur". Luchterhand Verlag 1994. Bei ZVAB unter: http://www.zvab.com/basicSearch.do?anyWords=&author=Wittstock&title=Leselust&check_sn=on
Zum anderen finde ich Billers Attacke seltsam, weil sie das einzig mögliche Heil für die jüngere deutsche Literatur ausschließlich aus der Feder von Schriftstellern erwartet, deren Muttersprache nicht das Deutsche ist. Da Biller selbst zunächst mit Russisch und Tschechisch aufgewachsen und erst später ins Deutsche hineingewachsen ist, glaube ich zu ahnen, wie er auf seine These verfallen ist. Aber eine überzeugende Begründung liefert er in seiner Polemik nicht, sondern setzt die These schlicht als Tatsache voraus. (Alter Taschenspielertrick.)
Wenn die deutsche Literatur heute angeblich dürftig ist, liegt das in Billers Augen daran, „dass die – wenn man so will – gesellschaftlichen und intellektuellen Produktionsmittel nach wie vor in den Händen der Autochthonen liegen. Kritiker, aber auch Verleger, Lektoren und Buchhändler sind zu 90 Prozent Deutsche. Die, als echte oder habituelle Christen, als Kinder der Suhrkamp-Kultur und Enkel von halbwegs umerzogenen Nazisoldaten, bestimmen, was gedruckt wird und wie, sie sagen, was bei Hugendubel, Thalia und Dussmann auf die alles entscheidenden Verkaufstische kommt, sie zahlen die Vorschüsse, sie verleihen die Preise, sie laden als Verleger zum Abendessen ein.“
Hier bastelt Biller an einer klassischen Verschwörungstheorie: Die Deutschen sind einfach zu blöde, um zu begreifen, was gute Literatur ist. Oder um es mit dem Kritiker Christoph Schröder zu sagen: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, „dass ein Haufen von Nazis in deutschsprachigen Verlagen und Lektoraten die wilde, ungezähmte und wirklichkeitsnahe Migrantenliteratur verhindert“.
Billers Beschreibung der personellen Lage im deutschen Literaturbetrieb ist zwar meines Erachtens richtig: 90 Prozent der entscheidenden Literaturbetriebs-Positionen werden von – um Billers Vokabel zu benutzen – gutbürgerlichen Autochthonen besetzt. Aber was er unterschätzt, ist die Neigung, wenn nicht die Leidenschaft des intellektuellen Bürgertums zur Selbstkritik, ja zum Selbsthass. Biller tut so, als wolle das Milieu der Literaturbetriebsangehörigen nichts anders lesen als Romane, die exakt abgestimmt sind auf die Erwartungen des Literaturbetriebsangehörigenmilieus.
Das mag bei einigen der Angehörigen dieses Milieus so sein, vielleicht sogar bei einer Mehrheit davon. Aber jeder, der den Literaturbetrieb kennt, weiß, dass es gerade hier immer hoch empfindsame und neugierige Quertreiber gibt, die sich nichts sehnlicher wünschen, als Schriftsteller, die den eingeschliffenen Erwartungen des Betriebs widersprechen. Sie fallen vor jedem Nachwuchsautor auf die Knie, der etwas Neues, Unerwartetes, Widerspenstiges versucht – auch wenn dieser Nachwuchsautor ein Migrant ist. Die Opposition gegen das Kultur-Milieu ist längst fester Bestandteil des Kultur-Milieus geworden.
Meine These zur Langeweile beim Lesen deutscher Romane war vor 20 Jahren eine andere: Ich glaubte (und glaube), dass sich Verleger, Kritiker, Lektoren damals zu lange an einigen abgenutzten und normativ gewordenen Spielregeln der Moderne festgehalten hatten: Die Vorstellung, die Romanliteratur, dürfe ihr ästhetisches Glück ausschließlich bei Sprachexperimenten oder formaler Innovation suchen (was manchmal auch ganz schön ist), hielt ich für falsch. Stattdessen plädierte ich dafür, daneben genauso Romane ästhetisch gelten zu lassen, das sich von diesen erschöpften Forderungen der Moderne losmachen und wieder Anschluss suchen an ein traditionelles Erzählen. Ein Erzählen, für das Handlung, Plot, Dramaturgie wichtige (aber nicht die einzigen) Punkte der ästhetischen Überlegungen sind.
Das hat mir damals zwar eine Menge Widerspruch eingetragen, aber auch die Erfahrung, dass man im Literaturbetrieb nie alleine steht, wenn man gegen die Ansichten der Betriebs-Mehrheit aufmuckt. Gern hätte ich mich damals zum einsamen, aber aufrechten Rufer in der Wüste stilisiert – konnte aber feststellen, wie rasch ich Teil eines kleinen, anwachsenden Wüsten-Chores wurde. Heute ist, was damals zu Stürmen im Literaturbetriebs-Wasserglas führte, weitgehend selbstverständlich geworden und kann nur noch komplett geschichtsvergessenen Dogmatiker der literarischen Moderne in Erregung versetzen.

Dietmar Dath: "Weißbrote erzählen". Heute im Feuilleton der FAZ. Angeblich eine Erwiderung auf Billers Aufsatz "Letzte Ausfahrt Uckermark"
Ende der Abschweifung, zurück zu Biller und Dath: Das Heil der Literatur ausschließlich von Autoren zu erwarten, die aus einem Sprachraum in einen anderen wechselten, ist offensichtlicher Unsinn. Interessanter ist dagegen eine Beobachtung von Dath: Nämlich dass, wenn man länger mit jüngeren deutschen Schriftstellern spricht, sie kaum von deutschen Autoren als Vorbildern reden, sondern von Autoren wie „Don Winslow, Zadie Smith oder Toh EnJoe“ und außerdem von „Fernsehserien, Filmen und Platten“.
Einmal abgesehen davon, dass ich keinen Schimmer davon habe, wer Toh EnJoe ist (zugegeben, das ist mein Fehler, Wikipedia teilt mir eben mit, es sei ein japanischer Autor, der vor allem „speculativ fiction or science fiction” schreibe), teile ich Daths Beobachtung: Bei Bier oder Wein spät abends in der Kneipe wird unter Autoren, aber auch unter Kritikern und Lektoren, nicht mehr über Klassiker der Moderne gestritten, sondern von Philip Roth und Jonathan Franzen geschwärmt, von Umberto Eco und García Márquez, von den Sopranos und von House of Cards.
Bemerkenswert daran ist in meinen Augen, wie eng die Verbindung zwischen diesen Autoren und Serien zu den Formen des traditionellen Erzählens sind. Bei Genre-Büchern wie den Krimis von Don Winslow oder Genre-Serien wie Sopranos liegt die Verbindung auf der Hand. Aber auch bei den anderen genannten Autoren scheint sie mir unabweisbar: Es sind Schriftsteller, die, ohne ihre künstlerischen Intentionen und Ambitionen zu verraten, darüber nachdenken, wie sie ihre Romane so erzählen können, dass sie bei Lesern Interesse wecken. Horribile dictu: Ohne ihre ganz persönlichen künstlerischen Ziele aus den Augen zu verlieren, denken sie beim Schreiben ans Publikum!
Das scheint mir bis heute das heiligste Tabu des ambitionierten deutschen Literaturbetriebs und des Feuilletons zu verletzten: Einem Romanschriftsteller zu raten, beim Schreiben auch mal an erprobte Mittel und Tricks zu denken, mit denen er die Aufmerksamkeit seiner Leser wach halten und fesseln kann. Dabei liegt das gerade bei der Romanliteratur nahe: Keine andere der üblichen Literaturformen verlangt vom Leser, so viel Lebenszeit zu investieren, wie der Roman. Ist es da ganz falsch, wenn er vom Roman im Gegenzug erwartet, gut unterhalten zu werden? Beziehungsweise, dass er ihn beiseite legt, wenn er sich – um Biller zu zitieren – nach ein paar Seiten als „unglaublich langweilig“ erweist?
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Verschlagwortet mit Christoph Schröder, Dietmar Dath, Maxim Biller
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