Martin Mosebach: “Das Blutbuchenfest”

Von der Weisheit der Putzfrau

Ein hemmungsloses Fest, lauter Menschen mit hochstaplerischen Zügen und mittendrin Ivana, die alle Geheimnisse kennt. Martin Mosebach zeichnet in seinem virtuosen Roman Das Blutbuchenfest ein Sittenbild der Bundesrepublik der neunziger Jahre – aber eben nicht nur der neunziger Jahre.

Es geht uns großartig, meint Martin Mosebach, während er Tee einschenkt: „Die Restaurants werden immer teurer und sind dennoch jederzeit voll. Überall parken beeindruckende Autos, denen elegante Menschen entsteigen. Das Leben ist ein Fest.“ Oft bleibe rätselhaft, woher der Wohlstand komme. „Aber er ist da und wird genossen.“

Mosebach sagt das ohne Sarkasmus und lehnt sich mit der Tasse in der Hand im Sessel zurück. Seine Frankfurter Wohnung ist vollgestopft mit alten Dingen, alten Möbeln, Bildern, Büchern. Er gehört definitiv nicht zu den Schriftstellern, die vor dem, was gerade modern genannt wird, auf den Knien liegen. Aber auch nicht zu denen, die die Gegenwart schwarz in schwarz malen.

Lieber spürt der Autor dem Leben der Leute nach, die zu dieser Zeit gehören, all den „Beratern, Coaches, Vermittlern, PR-Agenten“, die unsere Dienstleistungsgesellschaft prä-gen: „Ihre Beschäftigungen sind nicht sehr konkret und nehmen deshalb einen leicht hochstaplerischen Zug an.“

Martin Mosebach: "Das Blutbuchenfest". Roman. Carl Hanser Verlag, München 2014. 24,90 Euro

In seinem wunderbaren Roman „Das Blutbuchenfest“ versetzt Mosebach die Leser mitten unter sie: eine lockere Gruppe von tatsächlichen oder auch nur scheinbaren Erfolgsmenschen aus Frankfurt, die effektvoll aufzutreten verstehen, auch wenn sie nur sehr luftige Leistungen anzubieten haben. Mosebach lässt sie ein herrliches Theater der Eitelkeiten und der Wichtigtuereien aufführen – und macht sich dennoch niemals lustig über sie. Denn auch ihre Jobs sind schweißtreibend und voller Risiken, auch wenn sie das niemals jemanden merken lassen dürfen.

Man kennt sich, man trifft sich, auf Empfängen, in Restaurants, verfolgt seine Interessen mal gemeinsam, mal in Konkurrenz zueinander – und achtet stets auf Unabhängigkeit und Distanz. Doch insgeheim sind sie alle, ohne es zu wissen, viel enger verbunden, als sie glauben. Denn sie alle beschäftigen, wie der Zufall es will, die gleiche Putzfrau: Ivana aus Bosnien.

Ivana ist nicht sonderlich neugierig, sondern eher phlegmatisch. Dennoch gibt es vor ihr, die alle Haushalte in- und auswendig kennt, keine Geheimnisse. Das macht den Roman sehr komisch und sehr ernst zugleich: Ivana ist die Einzige, die noch mit den Händen arbeitet, und die Einzige, die hinter alle Fassaden schaut. Doch die kleinen Affären, Liebesnöte oder finanziellen Engpässe, die sie dort beobachtet, interessieren sie überhaupt nicht.

Denn Ivana hat ihre eigenen Sorgen: Mosebach siedelt den Roman im Jahr 1991 an, als der Jugoslawien-Krieg ausbrach, der Ivanas bosnische Familie sofort in höchste Gefahr bringt. Während die Frankfurter Gesellschaft ihr lang geplantes, reichlich hemmungsloses Blutbuchenfest feiert, auf dem Ivana die Garderobe entgegennehmen oder Drinks und Häppchen reichen darf, hört sie parallel am Mobiltelefon die Schüsse mit, die ihre Eltern zur Flucht aus ihrer Heimat zwingen.

Mosebach hebt den Kontrast zwischen diesen beiden Welten scharf hervor, aber er spielt sie nie gegeneinander aus. „Es wäre“, erzählt er, „ein Missverständnis, wenn man glaubte, ich wolle etwas verurteilen. Ich sehe eine Aufgabe darin, Zustände zu schildern, nicht über sie zu richten.“ Zustände, die auch heute wieder, angesichts der Kriege in der Ukraine, in Syrien oder dem Irak, ungemildert zu erleben sind: wenn zwischen dem Frieden hier und dem mörderischen Hass dort nur wenige hundert Kilometer liegen, also nur ein Katzensprung in den Zeiten moderner Kommunikations- oder Reisetechnik.

Dieser Gegensatz macht das Buch, seiner oft satirischen Heiterkeit zum Trotz, zu einem so berührenden Leseerlebnis. Man hat Mosebach vorgeworfen, er lege seinen Romanfiguren Telefone (und Laptops) in die Hände, die es im Jahr 1991 noch nicht gab, sondern erst zwei, drei Jahre später auf den Markt kamen. Das mag sein, aber der Blick auf die Kriege  unserer Tage (zum Beispiel in der Ost-Ukraine) zeigt, wie unbedeutend der Einwand gegen dieses enorme Buch ist: An dem moralischen Dilemma, vom sicheren Port einer hochentwickelten Gesellschaft aus hilflos zuzuschauen, wie sich in leicht erreichbarer Nachbarschaft die Völker an den Kragen gehen, ändern die exakten Verkaufsdaten bestimmter Handy-Typen nichts.

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Gespräch mit Ulla Hahn über “Spiel der Zeit”

Liebe in den Zeiten der Rebellion

Ulla Hahn gehört zu den bekanntesten Lyrikerinnen Deutschlands. Doch auch ihre Romane haben eine riesige Leserschaft gefunden. In Spiel der Zeit erzählt sie von der Studentenbewegung rund ums Jahr 1968. Es geht um die angeblich so große Rebellion, aber auch um die Tochter einer Arbeiterfamilie, die Kölsch spricht, Hochdeutsch lernt, Studentin wird und sich verliebt in einen Mann, der sie in eine großbürgerliche Welt versetzt. Es geht um das Trauma einer Vergewaltigung und um die glücklich wiedereroberte sinnliche Freude am Leben.

Ich treffe Ulla Hahn in Hamburg an einem der nördlichen Zipfel der Außenalster. Sie spricht, wie fast immer, klar, offen, entschlossen und zugleich in einem leise belustigten, ironischen Tonfall.

Uwe Wittstock: Mit Verliebten ist keine Revolution zu machen, schreiben Sie in Ihrem neuen Buch. Warum nicht?

Ulla Hahn: Weil Verliebte alles haben, was sie brauchen. Sie vermissen nichts. Man rebelliert, wenn man unzufrieden ist mit dem gegebenen Zustand. Doch dieser Stachel fehlt den Verliebten. Sie sind zu glücklich, um sich aufzulehnen.

Wittstock: Sie waren 1968 Studentin, sehr verliebt und sehr glücklich, das merkt man Ihrem autobiografischen Roman an. Aber zugleich hatten Sie einen Blick für soziale Missstände. Wollten Sie trotzdem nicht mitrebellieren?

Ulla Hahn: "Spiel der Zeit". Roman. DVA, München 2014. 24,99 Euro

Ulla Hahn: Die meisten 68er, die damals auf die Straße gingen, litten kaum unter sozialen Missständen. Im Gegenteil, es waren häufig Kinder aus Familien, die alles hatten. Sie waren materiell abgesichert, hatten beste Berufsaussichten und feierten eine Art politischen Karneval, bei dem sie nicht mit Bonbons, sondern mit halb verstandenen, angeblich revolutionären Begriffen um sich warfen. Mir als Kind aus einer Arbeiterfamilie konnte man damit nicht kommen. Mein Irrweg war später ein anderer. Warten Sie auf mein nächstes Buch!

Wittstock: Haben die 68er gesiegt? Sind sie gescheitert? Oder beides?

Ulla Hahn: Die im engeren Sinne politischen Ideen, die kommunistischen oder maoistischen Spinnereien, sind ausnahmslos gescheitert, Gott sei Dank. Vom antiautoritären Impuls jener Zeit hat sich manches durchgesetzt. Ob man das heute immer noch in jeder Hinsicht begrüßt, ist eine andere Frage. Die
68er haben mitgeholfen, das Land freier und lockerer zu
machen. Auf dieses liberale Klima würde heute, glaube ich, keiner verzichten wollen.

Wittstock: Trafen die Studenten bei diesen Lockerungsübungen auf Widerstand bei den sogenannten guten Bürgern?

Ulla Hahn: Kaum. Die meisten „guten Bürger“ waren mit Begeisterung dabei, wenn es um neue Mode, neue Musik und freie Liebe ging. Keiner wollte als Spießer gelten, jeder wollte dabei sein, wollte in sein und seinen Spaß haben. Auch die tonangebenden Schriftsteller dieser Zeit, die meist 20 Jahre älter als die Studenten waren, sprangen auf den Zug auf und setzten ihren Lesern plötzlich lauter politisierte Geschichten oder Statements vor. Sie lieferten eine Literatur, die jedem, der sich für einen Revolutionär hielt, jederzeit ein gutes Gewissen verschaffte.

Wittstock: War 1968 eine Rebellion ohne Gegner?

Ulla Hahn: Ich habe versucht, die Stimmung jener Zeit in meinem Roman einzufangen. Es gab nur wenige, die sich ihr entziehen konnten. Diese Stimmung des Aufbruchs in eine wunderbare utopische Zukunft hatte kaum etwas mit der Realität zu tun. Sie schwebte wie ein Traum, wie ein romantischer Traum über allem. Wenn man heute Reden von Rudi Dutschke hört, merkt man, dass es dabei kaum auf seine oft wirren politischen Thesen ankam. Die verstand ohnehin keiner. Es war sein Tonfall, der die Zuhörer mitriss. Er war ein Poet, er hätte ebensogut Gedichte vortragen können, große Oden.

Wittstock: Der Roman erzählt auch die Geschichte eines sozialen Aufstiegs vom Arbeiterkind zur Studentin mit großbürgerlichem Geliebten. Gab es für Sie Hilfe auf diesem Weg?

Ulla Hahn: Ohne Hilfe, nein besser: ohne Helfer geht das nicht. Es braucht Menschen, die einem die Hand hinstrecken und einen ein Stück weiterführen. Ich hatte ungeheures Glück, immer wieder solche Menschen zu treffen. Mir ging es auch darum, in meinem Buch diesen Menschen, vor allem Lehrern, ein literarisches Denkmal zu setzen. Lehrer werden gern kritisiert. Ich habe Grund, den meinen zu danken.

Wittstock: Sobald die Studentin im Roman ihre Familie besucht, spricht sie Kölsch. Wann haben Sie Hochdeutsch gelernt?

Ulla Hahn: Kölsch ist meine Muttersprache. Bis ich sechs Jahre alt war, wusste ich nicht, dass es so etwas gibt wie Hochdeutsch. Ich habe es mir dann auf der Realschule beigequält. Weil ich endlich so sprechen wollte wie die anderen. Ich wollte die schöne Sprache sprechen. Die Sprache, die ich heute schreibe, ist eigentlich gar nicht meine Muttersprache.

Wittstock: Nach Ihrem Weg vom Arbeiterkind zur Schriftstellerin: In welchem Milieu fühlen Sie sich heute zu Hause?

Ulla Hahn: Das ist nicht einfach. Wer sich verändert, lässt immer auch etwas zurück. Das ist mir beim Schreiben sehr klar geworden. Die Welt, in der meine Verwandten
leben, habe ich verloren. Und bin ich zu Hause in der Welt, in der ich jetzt lebe? Es bleibt da immer ein haarfeiner Riss. Was für die anderen selbstverständlich ist, lässt mich den Bruchteil einer Sekunde zögern. Dann spüre ich, wie schwer es für mich ist, ganz und gar
dazuzugehören. Ich kann damit umgehen, aber Aufstieg bedeutet immer auch Verlust. Und wie schwer, denke ich manchmal, muss ein ähnlicher Weg für Kinder mit Migrationshintergrund sein.

Wittstock: Ihr Roman spielt in der 68er-Zeit, ist aber auch ein Hohelied der Liebe. Und das, obwohl Ihre Heldin eine der schlimmsten Erfahrungen gemacht hat, die einer Frau
widerfahren können: eine Vergewaltigung.

Ulla Hahn: Über so etwas wie Vergewaltigung konnte man Anfang der 60er-Jahre nicht sprechen. Mit niemandem. Und weil man darüber nicht sprechen konnte, gab es auch keine Hilfe. Damit war man allein. Mit ihrem geliebten Freund kann sich meine Heldin endlich alles von der Seele reden, wie es so schön heißt, und dadurch wieder zu einer Einheit von Leib und Seele finden, also auch wieder sinnliche Freude am Leben haben. Und die genießt sie in vollen Zügen.

Wittstock: Ihr Buch ist eine Seltenheit. Es gibt nur sehr wenige Romane über die 68er-Zeit. Warum?

Ulla Hahn: Es ist nicht einfach, die einzigartige, seltsame und bedenkenlose Stimmung jener Jahre zu erfassen. Dieser maßlose Unsinn, den viele Leute damals nicht nur geredet, sondern auch geglaubt haben! Das ist womöglich eher peinlich, keiner möchte wahrhaben, was für himmelschreiend dumme Dinge er damals gesagt und gedacht hat.

Wittstock: Vielleicht ist es leichter, aus weiblicher Sicht über diese Zeit zu schreiben.

Ulla Hahn: Die Frauen sind die wahren Gewinner der 68er-Zeit. Vorher durften sie nicht einmal arbeiten, ohne ihren Mann um Erlaubnis zu fragen. Gewalt in der Ehe, um die Frau zum Geschlechtsverkehr zu zwingen, war in gewissen Grenzen erlaubt. Eine verheiratete Cousine von mir wurde, als sie viereinhalb Jahre
lang kein Kind bekommen hatte, vom Pfarrer streng befragt, ob sie etwa verhüte. All das gibt es heute nicht mehr, und dafür können wir auch den 68ern dankbar sein.

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Buch & Bar (5): Deon Meyer

Die heimlichen Vorlieben der Killer

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über klug gemixtes Lesen und Trinken

Profikiller sind ja im Alltag eher selten. Ich jedefalls kenne keine, weiß also über das Verhalten der Spezies nichts zu berichten. In der Literatur sieht das anders aus. Das bevorzugte Habitat der Profikiller ist nämlich nicht das Leben, sondern der Thriller. Da trifft man sie auf Schritt und Tritt. Zum Beispiel in Deon Meyers starkem Polizeikrimi „Cobra“ (Rütten & Loening, 19,99 Euro). Bei ihm graviert eine Killertruppe sogar Schlangen als Markenzeichen auf ihre Patronenhülsen, was ich mir ein wenig mühsam vorstelle, die Polizeiarbeit allerdings enorm erleichtert. Doch, wie gesagt, ich kenne keine Killer, habe also keine Ahnung, ob sie vielleicht tatsächlich dazu neigen, ihr Arbeitsgerät liebevoll zu verzieren.

Deon Meyer: "Cobra". Übersetzt von Stefanie Schäfer. Rütten & Loening, Berlin 2014. 19,99 Euro

Wer aber bereit ist, diese Vorstellung von hobbykünstlerisch ambitionierten Auftragsmördern zu akzeptieren, kann viel Spaß haben mit diesem Buch. Denn es hat alles, was man von einem guten Krimi erwarten darf: Spannung, Tempo, farbige Charaktere aus unterschiedlichsen sozialen Milieus. Gerade Letzteres ist in diesem Fall besonders lehrreich. Denn Meyers Roman spielt in Kapstadt und zeichnet das Porträt eines Südafrikas, das bis heute von der Verrohung geprägt ist, die sowohl die Apartheid als auch der Aufstand dagegen ins Land trugen.

Kurz: „Cobra“ ist eine kluge Mixtur aus Gesellschaftsskizze und Krimi. Dazu passt ein klassischer Whiskey Sour, diese kluge Mixtur aus Bourbon, frisch gepresstem Zitronensaft und Zuckersirup. Er ist wie Meyers Roman ein Cocktail von der härteren Sorte, nicht gefällig, aber dennoch angenehm.

Die Kolumne erschien im Focus vom 24. Januar 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

 

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Buch & Bar: Christoph Kucklick

Lieber HAL, künftig sage ich Sie zu Dir

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Lesen und Trinken in Zeiten von Big Data

1986 kaufte ich meinen ersten Laptop. Er hatte 1 MB Arbeitsspeicher. Ich nannte ihn HAL in Erinnerung an den mörderischen Rechner in Kubricks “2001“. Das fand ich lustig. Inzwischen bin ich bei HAL Nr. 9 angekommen, die Kästen sind kleiner, aber nicht harmloser geworden. Und ich habe Christoph Kucklicks Buch „Die granulare Gesellschaft“ (Ullstein, 18 Euro) gelesen. Jetzt überlege ich, HAL künftig lieber zu siezen, um mich bei ihm einzuschleimen.

Christoph Kucklick: "Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Gesellschaft auflöst". Ullstein Verlag, Berlin. 18 Euro

Kucklick gehört, was ein großer Vorzug ist, weder zu den Dämonisierern noch zu den Verharmlosern des digitalen Umsturzes. Sein Buch zeigt Chancen der schönen neuen IT-Welt. Aber auch den Berg, ach, was sage ich: den Himalaja noch ungelöster Fragen, die durch Big Data in den nächsten paar Jahren auf Justiz, Medizin, Sozialsysteme, Demokratie und manches andere zukommen. Ein winziges Beispiel: Sollen wir demnächst noch pauschale Beiträge an die Krankenkassen zahlen, obwohl sich ziemlich exakt berechnen lässt, welche Krankheitsrisiken sich aus unserem Lebenswandel ergeben? Wenn wir unsere Risiken individuell berechnen, können wir die Idee der Solidarität begraben. Aber wäre es nicht letztlich gerechter? Ein anderes Beispiel: Kürzlich ließ Verkehrsminister Dobrindt verlauten, bis zur nächsten IAA sollte die gesetzlichen Voraussetzungen für selbstfahrende Autos geschaffen werden. Bei Kucklick kann man nachlesen, welche philosophisch-moralisch-juristischen Grundlagen geklärt sein müssten, bevor selbstfahrende Autos auf die freie Wildbahn des Straßenverkehrs entlassen werden könnten. So müsste zum Beispiel ein gesellschaftliches Einvernehmen darüber hergestellt werden, ob der Computer in Fall eines unvermeidlichen Unfalls lieber gegen einen Brückenpfeiler steuern (und also die Insanssen gefährden) oder in eine Fußgängergruppe (und also deren Leben gefährden) soll. Wie eine öffentliche Debatte über die moralphilosophischen Richtlinien einer entsprechenden Programmierung unter Leitung von Minister Dobrindt aussieht, möchte ich gerne mal erleben.

Für Bücher wie das von Kucklick braucht man einen glasklaren Kopf. Deshalb bestellte ich in meiner Berliner Lieblingsbar, Victoria mit Vornamen, eine garantiert alkoholfreie Pink Lemonade: Grapefruitsaft, Grenadine und Soda. Sehr lecker. Und HAL musste zu Hause bleiben. Sehr gut.

(Der Ullstein Verlag hat die Video-Aufzeichnung eines ebenso aufschlussreichen wie empfehlenswerten Gespräches zwischen Sascha Lobo und Christoph Kucklick bei Youtube eingestellt: https://www.youtube.com/watch?v=yhOPgWK_Irs)

Die Kolumne erschien in gekürzter Form im Focus vom 17. Januar 2015.
Im Dezember 2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Lesen und lesen lassen

Über Leseglück oder:
Bahn nie ohne Buch!

Daniel Kampa hat ein hinreißendes Buch mit Gedichten, Essays und Erzählungen über das Lesen zusammengestellt. Nikolaus Heidelbach hat es prachtvoll illustriert mit allerlei Getier, das sich in Bücher vertieft. Einen solchen Band zu rezensieren, macht wenig Spaß. Aber schwärmen kann man von ihm. Und vom Lesen.

Leser sind friedlich. Leser machen wenig Ärger. Sie sitzen da, atmen und blättern um. Mehr nicht. Ein stilles Volk, ein stilles Glück. Wie wunderbar das ist, begreift man sofort, wenn man, sagen wir, im ICE-Sprinter zwischen Frankfurt und Berlin in einem Großraumabteil sitzt zusammen mit der 10c aus Offenbach-Bürgel, die zur Klassenfahrt in die Hauptstadt startet. ICE-Sprinter kennen keinen Zwischenhalt. Und die Schüler keine Gnade. Niemand ist still. Niemand liest. Nirgendwo Glück. Nur Ärger.

Daniel Kampa / Nikolaus Heidelbach: "Lesen und lesen lassen". Atlantik Verlag, Hamburg. 25 Euro

Lesen ist eine Himmelsmacht. Nicht nur unter Lärmgesichtspunkten. Lesen schenkt Frieden. Nehmen wir an, der ICE ist zwischen Frankfurt und Berlin zum dritten Mal „außerplanmäßig zum Stillstand gekommen“, wie der Schaffner durchsagt. Dann verzerrt der Zorn bei manchen Fahrgästen unschön das Gesicht. Hat man jedoch einen rasend spannenden Krimi dabei, kuschelt man sich sauglücklich in seinen Sitz und hofft heimlich, der Stillstand möge noch 83 Seiten lang andauern, bis der Serienkiller endlich gestellt ist.

Deshalb: Betreten Sie nie eine Bahn ohne Buch! Besser noch: Gehen Sie nie ohne Buch aus dem Haus! Vielleicht müssen Sie ja überraschend Bahn fahren. Daniel Kampa kennt die Macht des Lesens und hat hier quer durch die Weltliteratur fabelhafte und fabelhaft witzige Hymnen auf diese Himmelsmacht gesammelt: Beiträge von Joseph Roth und Eugen Roth sind dabei, gleich vier von Kurt Tucholsky, zwei von Joachim Ringelnatz und zwei von Robert Walser, dazu welche von Franz Hessel, Robert Gernhard, Ernst Jandl oder Mascha Kaléko. Also lauter Autoren, die schon auf der kurzen literarischen Strecke ganz außerordentlichen Charme entfalten. Und Nikolaus Heidelbach, dessen Zeichnungen nicht minder charmant sind, hat sie umwerfend schön illustriert.

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Buch & Bar: Marquis de Sade

Der Marquis, der ein kleines Monster war

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Mythengesättigtes Lesen und Trinken 

Ich gestehe, ich habe „Fifty Shades of Grey“ gelesen. Den ersten Band. Er hat mich erschüttert. Nicht sexuell, sondern weil er so miserabel geschrieben ist. Der Gedanke an den Welterfolg dieser Kitsch-Klischee-Orgie ist jedesmal wie ein Peitschenhieb.

Volker Reinhardt: "De Sade oder: Die Vermessung des Bösen". Verlag C.H. Beck, München. 26,95 Euro

Apropos Orgie: Ich empfehle das Original statt der literarischen Abziehbildchen von E. L. James: die philosophischpornographischen Romane des Marquis de Sade. An den kuschligen Winterabenden, als Berlin im Januar einschneite, las ich Volker Reinhardts neue, schwerst seriöse Biografie „De Sade“ (C.H.Beck, 26,95 Euro). Der Mann war ein Scheusal, das Prostituierte auspeitschte, aber ein Scheusal mit Power: Immerhin hat er als steinreicher, nahezu unantastbarer Adliger eine blitzsaubere Karriere hingelegt, die ihn über zahlreiche Zuchthäuser bis in die Irrenanstalt führte. Kann man mehr tun, um als Schriftsteller zum Mythos zu werden?

Die Lektüre weckte ein Begehren, und zwar nach einem Drink, der so mythenumwoben ist wie der Marquis: Absinth, das Getränk der Libertins und Bohémiens, zu denen sich de Sade zählte. Der stärkste, den ich kenne, ist Tabu Absinth Classic Strong. Er rühmt sich, den vollen erlaubten Thujon-Gehalt zu bieten. Ich trank ihn mit Eiswasser, das ich über Zuckerwürfel ins Glas laufen ließ, ging zu Bett und freute mich, de Sade nie begegnet zu sein.

Diese Kolumne erschien im Focus vom 10. Januar 2014.
Im Dezember 2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Buch & Bar: Honoré Balzac

Balzac ist nicht nur ein Coffee-Shop!

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Zart melancholisches Lesen und Trinken

Kürzlich traf ich einen Kollegen beim Wein. Er machte einen seelisch leicht zerzausten Eindruck. Gerade eben noch hatte er im Untersuchungsausschuss mitangehört, wie brachial der Ex-Abgeordnete Sebastian Edathy den befreundeten und ihm lange hilfreichen Noch-Abgeordneten Michael Hartmann derart in die Pfanne haute, dass es im ganzen Land widerhallte. „Ihr habt’s gut, ihr aus der Kultur“, sagte der Kollege, „diese Politik, dieses Berlin . . .“, schüttelte den Kopf und murmelte was von „Schlangengrube“.

Honore Balzac: "Verlorene Illusionen". Übersetzt von Melanie Walz. Hanser Verlag, München. 39,90 Euro

„Du solltest“, empfahl ich ihm, „mal Balzacs Verlorene Illusionen lesen.“ Okay, der Roman ist rund 180 Jahre alt, wurde aber jetzt glänzend neu übersetzt von Melanie Walz (Hanser, 39,90 Euro): Lucien, ein junger Poet, kommt aus dem kleinen Angouléme ins große Paris. Der Kulturbetrieb dort dreht ihn ruckzuck durch den Wolf, bis er vom schwärmerischen Idealisten zum brutalen Zyniker mutiert. „Verglichen damit ist Berlin ein Kloster und Edathy Moraltheologe“, sagte ich. „Und das Beste an dem Buch: Nichts von dem, was Balzac beschreibt, hat sich geändert. Der Roman liest sich wie ein Live-Bericht aus dem Kulturzirkus von heute.“

Der Kollege schaute skeptisch. Aber dann suchte er uns einen wunderbar geschmeidigen Rotwein aus, um seine Melancholie zu ertränken: eine Flasche Domaine du Grollet (www.valmour.de/pflegeprodukte/rotweininfine,566). Denn der kommt aus der Charente bei Angouléme, der Heimat Luciens, wo es sonst eigentlich nur Weißwein, Pineau oder Cognac gibt.

Diese Kolumne erschien im Focus vom 3. Januar 2014.
Im Dezember 2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Buch & Bar: Thomas Pynchon

Die beste Paranoia, die derzeit zu haben ist

Über verschwörungsfrohes Lesen und Trinken

Seit dem 22. Dezember 2014 erscheint eine kurze wöchentliche Kolumne von mir im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber hier soll es nur um Lesen und Trinken gehen. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Thomas Pynchon: "Bleeding Edge". Rowohlt Verlag, Reinbek. 29,95 Euro

Das derzeit Schärfste auf dem Romanmarkt ist für mich Bleeding Edge (Rowohlt, 29,95 Euro) von Thomas Pynchon: ein Feuerwerk sarkastischer Dialoge und Pointen, an dem die Klassiker der Hardboiled-Krimis ihre helle Freude hätten. Pynchons Heldin Maxine ist private Betrugsermittlerin, Jüdin, geschieden, hat zwei Kinder und eine Beretta. Die braucht sie auch, als sie 2001 in New York dem Treiben eines miesen IT-Investors nachspürt. Weshalb schmuggelt er Geld in den Nahen Osten? Warum beschäftigt er arabische Programmierer? Als dann zwei Flugzeuge das World Trade Center einäschern, stochert Maxine in den Trümmern nach Antworten.

Pynchon ist der König, ach was sage ich: der Kaiser der literarischen Paranoia, sein Roman ein Labyrinth der Verschwörungstheorien. Maxine trinkt Zima, um sich in diesem Irrgarten Mut zu machen. 2001 war das ein Alcopop-Hit in den USA, heute ist er noch bei Molson Coors in Japan zu kriegen (http://zima.jp/). Mit einem Schuss Wodka heißt er Zimartini: Ich hebe mein Glas auf Seine Majestät, Thomas Pynchon den Großen.

Erschien im Focus vom 22. Dezember 2014

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Eugen Ruge über das Kap der Katzen

Zur Kunst des Reisens gehört das Ankommen

Gleich sein Erstling war ein Triumph: Für den Familienroman In Zeiten des abnehmenden Lichts wurde Eugen Ruge 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, der fast immer Bestsellerplätze garantiert. Auch sein zweiter  Roman Cabo de Gata, der von einem Winter am spanischen „Kap der Katzen“ erzählt, hat ein großes Publikum erobert. Es geht um den Versuch, alle Brücken hinter sich abzubrechen, um das Problem über spirituelle Erfahrungen zu schreiben und den Versuch, ohne Botschaft zu erzählen

Uwe Wittstock: Herr Ruge, der Held Ihres Romans Cabo de Gata kündigt alles: Wohnung, Arbeit, Kranken- und Rentenversicherung. Den Rest seines Lebens packt er in einen Rucksack und zieht in Richtung Süden. Ist das ein Traum oder ein Albtraum?

Eugen Ruge: "Cabo de Gata". Rowohlt Taschenbuch Verlag, 10,99 Euro

Eugen Ruge: In diesem Fall ist es zuerst ein Traum und dann eine Ent-Täuschung. Seine Täuschung besteht darin zu glauben, sobald er in die Fremde geht, werde ihm etwas gelingen, was er zu Hause nicht zu Stande bringt. Er will einen Roman schreiben und Schriftsteller werden.

Wittstock: Jedes Jahr zieht es Millionen Deutsche in den Süden. Doch Ihr Held kommt nicht zur Urlaubszeit, sondern im Winter in Spanien an und friert wochenlang entsetzlich.

Eugen Ruge: Ja, das ist Teil seiner Enttäuschung. Die Vorstellung, die Dinge könnten anderswo automatisch besser werden als daheim – eine Vorstellung, die gar nicht so selten ist –, wird für ihn auf vielfältige Weise enttäuscht. Am Strand liegt Müll, die Bude, in der er wohnt, ist gar nicht romantisch, sondern scheußlich und kalt, und auch mit dem Bücherschreiben geht es nicht besser voran als zu Hause. Der entscheidende Schritt für ihn ist, daraufhin nicht schon wieder seinen Rucksack zu packen und weiterzuziehen. Sondern er bleibt, halb aus Geldnot vermutlich, aber auch, weil er sich entschließt, der Enttäuschung standzuhalten. Von diesem Moment an beginnt er sich tatsächlich zu verändern.

Wittstock: Braucht man also doch gelegentlich Tapetenwechsel, um sich verändern zu können?

Eugen Ruge: Da ich gerade aus China komme: Laotse sagt, wer das Tao hat, kann gehen, wohin er will. Anders gesagt, er kann auch zu Hause bleiben. Aber möglicherweise muss man auf Reisen gehen, um das zu erfahren. Nur reicht die Reise, der Tapetenwechsel, allein nicht aus. Ich kenne Leute, die reisen ständig überall auf der Welt herum und ändern sich gar nicht.

Reales Vorbild in Cabo de Gata für die fiktive Unterkunft des Schriftstellers aus Eugen Ruges gleichnamigem Roman

Wittstock: Führt die Reise Ihres Helden in ein Paradies?

Eugen Ruge: Tatsächlich verheißt ihm ein Schild am Straßenrand „Das letzte Paradies Europas“. Das unterstützt seine heimliche Hoffnung, endlich alle alten Probleme lösen oder loswerden zu können. Aber das Paradies entpuppt sich als Wüsten- oder Steppenlandschaft. Es ist keineswegs ein Idyll, sondern eher ein Ort großer Einsamkeit, genauer gesagt ein Ort, an dem er seine Einsamkeit noch stärker zu spüren bekommt.

Wittstock: Ein Paradies verspricht Erlösung. Findet Ihr Held in Cabo de Gata letztlich Erlösung?

Eugen Ruge: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, so viel darf man verraten: Letztlich erzählt der Roman die Geschichte eines Scheiterns, eines Misserfolgs. Aber trotz allem wird meine Figur dabei reicher. Wie das geschieht und wodurch, ist gar nicht so leicht zu sagen. Davon kann man schlecht sprechen, sondern allenfalls erzählen. Genau das versuche ich in diesem Roman. Es hat zu tun mit Langsamkeit, mit Verweilen, auch mit einer bestimmten Zurückgezogenheit – und all das steht im Gegensatz zu dem, was heute als wichtig empfunden wird: immer schnellere Kommunikation, permanenter Spaß, Abwechslung. Ich will daraus keine zivilisationskritische Ideologie ableiten, und Kommunikation und Abwechslung haben zweifellos etwas für sich. Ich will nur davon erzählen, welche Wirkung Langsamkeit und Einsamkeit haben können.

Wittstock: Die Romanfigur war Chemiker, bevor er Schriftsteller werden wollte. Sie waren einmal Mathematiker. Ist es ein großer Schritt vom naturwissenschaftlichen Denken zum literarischen?

Fischerboote im spanischen Cabo de Gata

Eugen Ruge: Ich musste lange gegen die Versuchung ankämpfen, in meinen Geschichten eine bestimmte Botschaft an den Leser bringen zu wollen. Es ist mir nicht leichtgefallen, einfach nur zu erzählen. Ob das nun mit meiner Vergangenheit als Mathematiker zusammenhängt oder mit der Tatsache, dass ich lange in der DDR lebte, weiß ich nicht. In der DDR hatten Literatur und Kunst ja unter anderem die Funktion übernommen, verschwiegene oder unterdrückte Meinungen erkennbar zu machen – und das war damals sicher wichtig und gut so. Übrigens nicht nur in der DDR, sondern auch in anderen Ländern und anderen Zeitaltern. Letztlich ist diese Funktion der Kunst nicht vollkommen fremd, Kunst kommt nämlich nicht von „Können“, sondern von „Künden“. Ein Schriftsteller, der heute in Algerien lebt, in China oder in Syrien, hat ganz andere Aufgaben als ein Autor in der Bundesrepublik Deutschland. Aber dieses Verkünden von Meinungen ist nun mal nicht das, worum es mir beim Schreiben heute geht. Mich von der Neigung zum Künden zu befreien hat Arbeit gemacht.

Wittstock: Sie sind kein religiöser Schriftsteller. Ihre Literatur lebt viel eher aus der Skepsis und Ironie. Dennoch macht Ihr Held in dem Roman eine spirituelle Erfahrung. Ist es Ihnen schwergefallen, das zu beschreiben?

Eugen Ruge: Es ist überhaupt schwer, über spirituelle Erfahrungen zu reden. Sobald man darüber spricht, werden diese Erfahrungen verfälscht und beschädigt. Man kann aber behutsam von ihnen erzählen und sie dem Leser gleichsam vor Augen stellen. Man schreibt sozusagen am Rand einer spirituellen Erfahrung entlang und lässt so ihre Kontur erkennbar werden. Das Davor und das Danach. Aber die Erfahrung selbst lässt sich, glaube ich, nicht in Worte fassen.

Wittstock: Kein Zufall also, wenn die Reise den Romanhelden in so etwas wie ein Paradies führt.

Eugen Ruge: Natürlich ist das kein Zufall, sondern Teil der erzählerischen Strategie. Mancher Leser könnte vielleicht auf die Idee kommen, ich hätte die Geschichte der Monate in Cabo de Gata genau so erlebt, wie ich sie im Buch aufgeschrieben habe. Aber das stimmt nicht, der Roman ist gebaut: Manches ist erlebt, anderes erfunden, wieder anderes stark bearbeitet, damit es in die Ordnung der Geschichte passt und seinen Ort finden kann. Und natürlich geht man als Erzähler mit einem so großen Wort wie „Paradies“ sehr vorsichtig um, selbst wenn es in der Geschichte nur auf einem Straßenschild am Wegesrand auftaucht. Man denkt gründlich nach, bevor man so ein Wort in einer Geschichte stehen lässt.

Wittstock: Sie betonen, der Roman sei nicht autobiografisch, sondern „gebaut“. Aber zugleich bauen Sie ihn mit einigen Kunstgriffen genau so, dass der Leser regelrecht dazu verführt wird, ihn für autobiografisch zu halten. Warum?

Eugen Ruge: Ich habe zunächst überlegt, die Geschichte in der dritten Person zu schreiben, ich habe den Helden Dorst genannt. Ich habe mich dann doch entschieden, sie in der Ich-Form zu schreiben, weil ich in der Perspektive, genauer gesagt in den Erinnerungen der Figur bleiben wollte. Es gibt keinen Erzähler, der darübersteht und beurteilt, ob das, was der Erzähler erinnert, wahr ist, denn es geht in dieser Geschichte nicht um Wahrheit, sondern um die Frage, wie – und wie intensiv – etwas erlebt worden ist. Aber wenn man eine Geschichte in der Ich-Form schreibt und wenn man sie gut schreibt, glaubt der Leser natürlich, die Geschichte sei autobiografisch. Wenn der Leser das nicht glaubt, dann hat der Autor seinen Ich-Erzähler nicht gut erfunden.

 

Das Gespräch mit Eugen Ruge entstand am Schauplatz des Buches, im spanischen Cabo de Gata. Es erschien zuerst in Focus-Spezial Die besten Bücher 2013

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Schriftsteller David Wagner zur Organspende

“Die Dankbarkeit ist ungeheuer”

Ohne Organspende wäre der Schriftsteller David Wagner, 43, heute tot. Von Kindheit  an litt er an einer schweren Lebererkrankung, die ihm nur eine Überlebenschance ließ: die Transplantation eines Ersatzorgans. Über diese Erfahrung schrieb er das Buch „Leben“, einen klugen, niemals wehleidigen, oft sogar komischen Erlebnisbericht. Er wurde mit dem  „Preis der Leipziger Buchmesse 2013“ ausgezeichnet und stand lange auf den Bestsellerlisten.

Uwe Wittstock: Herr Wagner, wie fühlen Sie sich heute mit einer fremden Leber?

David Wagner:Das ist keine fremde Leber, es ist jetzt meine. Es war nicht immer meine, aber sie ist jetzt bei mir. Sicher, diese Leber hat mir das Leben gerettet, aber ohne mich wäre auch sie jetzt tot. Sie wäre mit dem Spender gestorben. Ich könnte nicht damit leben, diese Leber als etwas Fremdes zu betrachten, als das Fremde in mir. Tatsächlich ändert sich ja der Zellaufbau einer Leber mit den Jahren, alte Zellen werden durch neue ersetzt. Mein Körper hat diese Leber also auch im medizinischen Sinne inzwischen zum

David Wagner: "Leben". Rowohlt Taschenbuch Verlag, 9,99 Euro

Großteil zu seiner gemacht.

Wittstock: Was dachten Sie, als die Nachricht kam, es gebe eine Leber für Sie?

David Wagner: Ich war sehr, sehr aufgeregt. Die Nachricht kommt ja unvermittelt, so etwas kommt wohl immer unvermittelt. Mit dem Anruf ist aber auch klar: Jetzt geht es um Leben und Tod. Es wird etwas Lebensnotwendiges aus dem Körper herausgeschnitten und ersetzt. Wenn diese Operation nicht gelingt oder wenn das neue Organ seine Aufgaben nicht erfüllt, ist es aus.

Wittstock: Sie haben einmal abgelehnt, als -Ihnen eine rettende Leber angeboten wurde.

David Wagner: Da ging es mir wohl noch nicht schlecht genug. Ich hatte Angst. Mir geht es heute sehr gut. Aber es ist auch möglich, dass es einem nach der Transplantation noch schlechter geht als zuvor. Die Entscheidung für eine Transplantation ist also nie leicht.

Wittstock: Haben Sie trotz der Skandale Vertrauen zur Vergabepraxis bei Organspenden?

David Wagner: Ich habe großes Vertrauen. Hinter den Skandalen steht ein politisches Problem. Es gibt einerseits zu wenige Spenderorgane und andererseits in Deutschland viel zu viele kleine Transplantationszentren. In diesen Zentren werden nur selten Organe verpflanzt. Das hat einzelne Ärzte dazu verführt, Patienten als dringende Notfälle auszugeben, die nicht so krank waren. Es wäre Aufgabe der Politik, erstens für leistungsfähige Transplantationszentren zu sorgen und zweitens die Organspende mit nationalen Gesetzen klar zu regeln, wie es in Frankreich und Spanien der Fall ist.

Wittstock: Wie stehen Sie zu Menschen, die Organspende verweigern?

David Wagner: Das ist ihr gutes Recht. Absolut verständlich. Andererseits lebe ich mit der ungeheuren Dankbarkeit – und Dankbarkeit ist ein viel zu kleines Wort – dafür, dass sich jemand entschieden hat, seine Organe zu spenden. Oder dass Angehörige die bewundernswerte Entscheidung getroffen haben, der Organspende zuzustimmen.

Wittstock: Was würden Sie zu einem Menschen sagen, der überlegt, sich als potenzieller Organspender registrieren zu lassen oder nicht?

David Wagner: Er sollte sich vorstellen, dass sein Kind oder ein anderer sehr geliebter Mensch nur weiterleben kann, falls er ein neues Herz, eine neue Leber bekommen kann.

Wittstock: Haben Sie einen Organspenderausweis?

David Wagner: Selbstverständlich.

Wittstock: Denken Sie manchmal an den Menschen, dem Sie Ihre Leber verdanken?

David Wagner: Täglich. Mein Buch ist in gewisser Hinsicht nichts anderes als eine literarische Gedenktafel für diesen Menschen.

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