Dan Brown über seine Schreibgeheimnisse

“Gibt es einen Masterplan?

Dan Brown, der Großmeister der Spannungsliteratur, gewährt Einblick in seine Schreibwerkstatt. Im jüngsten Roman Inferno schickt Dan Brown seinen Helden Robert Langdon auf eine abenteuerliche Hetzjagd durch Florenz. Vor dem Hintergrund von Dantes legendärer Göttlichen Komödie kommt der Symbolforscher einer haarsträubenden Verschwörung auf die Spur, die Millionen Menschen das Leben kosten kann.

Uwe Wittstock: Mr Brown, weshalb lieben es die Menschen, Bücher zu lesen, die von
Geheimnissen handeln?

Dan Brown: "Inferno" Thriller. Bastei Lübbe Verlag, 688 Seiten, 9,99 Euro

Dan Brown: Der menschliche Verstand möchte sich nicht mit dem zufriedengeben, was er bereits kennt. Wir fragen uns immer: Gibt es da nicht noch etwas? Etwas Unbekanntes? Etwas Neues, das sich zu wissen lohnt? Und dann machen wir uns daran, das bislang noch Verborgene, Geheime zu erforschen. Das beginnt mit banalen Dingen. Wenn wir in einem Raum sind, und es gibt eine verschlossene Tür, dann möchten wir irgendwann rauskriegen, wohin sie führt. Und das geht weiter bis zu den anspruchsvollsten Fragen: Ist die Welt, die wir kennen, tatsächlich alles, was wir kennen können? Gibt es neben dem Diesseits noch ein Jenseits?

Wittstock: Hinter der Neugier, Geheimnisse aufzudecken, steckt also ein religiöses Bedürfnis?

Dan Brown: Das Bedürfnis, Fragen zu stellen und Antworten zu finden, ist ein wesentlicher Motor des menschlichen Denkens. Es treibt uns immer weiter. Nichts ist aufregender als das, was wir noch nicht wissen. Und dieser permanente Wunsch, Antworten zu bekommen, ist auch ein Antrieb, der die Religion zu einem so wichtigen Thema für uns macht. Wir fragen uns: Hat das alles einen Sinn? Gibt es eine höhere Ordnung? Gibt es Gott?“ Das alles wächst aus unserer unstill­baren Neugier.

Wittstock: Wie reizen Sie diese Neugier durch Ihre Romane?

Dan Brown: Eine ganz wichtige Frage beim Schreiben ist: Welche Informationen muss ich dem Leser geben, um sein Interesse zu wecken, und welche Informationen muss ich ihm – noch – vorenthalten, damit er neugierig bleibt? Das ist eine heikle Balance. Was ich erzähle, ist genauso wichtig, wie das, was ich vorerst noch nicht erzähle. Ich muss den Leser locken und zugleich warten lassen. Er muss das sichere Gefühl bekommen, dass all die vorläufigen Hinweise und Indizien, die ich ihm in der Story liefere und die er noch nicht versteht, sich für ihn später zu einem Bild zusammenfügen werden.

Wittstock: Er muss Vertrauen dazu fassen, dass sich die zunächst wirren Handlungsfäden zu einem sinnvollen Ganzen verknüpfen lassen.

Dan Brown: "Inferno". Novel. Anchor

Dan Brown: Genau. Und hier sehe ich auch die Pa­rallele zu religiösen Empfindungen: Zum menschlichen Wesen gehört das Bedürfnis, all die zufälligen, konfusen, verworrenen Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, in einen inneren Zusammenhang zu bringen. Wir fragen nach dem Sinn, nach dem Zweck unseres Lebens. Die schrecklichste Vorstellung ist nicht das Sterben, sondern dass nach dem Tod nichts mehr kommt und dass im Leben ziellose Willkür herrschte.

Wittstock: Ihre Romane entwerfen lauter Verschwörungstheorien. Warum sind solche Theorien so faszinierend für viele Leser?

Dan Brown: Aus den gleichen Gründen: Wir wollen verstehen, was mit uns und um uns herum geschieht. Wir sehnen uns nach einer begreifbaren Ordnung. Wir möchten wissen, weshalb in der ­ Welt ständig widersprüchliche und chaotische Dinge passieren. Also beginnen wir uns zu fragen, ob diese Dinge nicht doch einer höheren oder geheimen Ordnung folgen. Ob da vielleicht ein Masterplan existiert, der diesen chaotischen Ereignissen zu Grunde liegt. Es ist für uns einfacher zu glauben, dass es irgendwelche finsteren Machthaber gibt, die unsere Welt lenken, indem sie an Fäden ziehen wie Marionettenspieler, als zu akzeptieren, dass es planloser Zufall ist, der das Leben regiert.

Wittstock: Ihr Romanheld Robert Langdon ist Fachmann für Symbole aller Art und kommt deshalb Verschwörungen auf die Spur. Warum sind Symbole so wichtig für Menschen?

Dan Brown: In gewisser Hinsicht engt uns die Sprache ein. Symbole sind viel weniger begrenzt, das macht ihre ungeheure Kraft aus. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn wir beide über unsere religiösen Erfahrungen als Christen sprechen würden, wäre die Gefahr von Meinungsverschiedenheiten relativ hoch: Wir sprechen nicht die gleiche Sprache, wir haben unterschiedliche kulturelle Vorstellungen und wurden von ganz individuellen Erlebnissen geprägt. Wenn wir aber ein Symbol betrachten, das Kruzifix, dann sind wir uns in Verehrung dieses Symbols einig, auch wenn wir es, genau betrachtet, unterschiedlich interpretieren.

Wittstock: Wir haben einen gemeinsamen Punkt, an dem wir uns treffen.

Dan Brown: Es ist wie mit der Musik: Sie ist eine universelle Sprache. Auch wenn wir nicht das Gleiche dabei empfinden, hören wir doch dieselbe Musik. Sobald wir aber zu argumentieren und unsere Empfindungen auf den Begriff zu bringen versuchen, geraten wir in Kontroversen, die sich zu Konflikten oder Kriegen auswachsen können. Die Freimaurer versuchen, diese Kraft der Symbole zu nutzen, indem sie sagen: Wir alle verehren Gott, die einen sehen in ihm den christlichen, die anderen den jüdischen, die dritten den muslimischen Gott. Über die Differenzen zwischen unseren Religionen geraten wir immer wieder in Streit. Aber wenn es gelingt, ein allumfassendes Symbol für Gott zu finden, dann kann das jeder auf seine Weise verehren, ohne dass es zu Konflikten kommt.

Wittstock: Aber Symbole werden ja nicht nur in der Religion, sondern auch in der Kunst benutzt.

Dan Brown: Ja, doch diese beiden Symbolsprachen sind auf vielfältige Weise verbunden. Unter anderem aus ganz offensichtlichen Gründen: Die großen Künstler der Renaissance waren zumeist Freidenker, die der Kirche skeptisch gegenüberstanden. Aber damals waren es die Päpste, Kardinäle und Bischöfe, die das Geld hatten, an Künstler lukrative Aufträge zu vergeben. Diese Kirchenfürsten bestellten bei ihnen eine Kreuzigungsszene oder ein Bildnis der Jungfrau Maria – also lieferten die Maler eine Kreuzigung oder ein Marienporträt. Doch haben sie dabei – oft unbemerkt von ihren Auftraggebern – eine heimliche Symbolsprache entwickelt, in der sie ihre religiöse Skepsis verschlüsselt zum Ausdruck brachten. Man kann diese Bilder also auf verschiedenen Ebenen interpretieren – sowohl als Bilder des Glaubens wie auch als Bilder der Glaubensskepsis, und genau das ist es, was meinen Helden Robert Langdon so fasziniert.

Mein Gespräch mit Dan Brown wurde zuerst veröffentlicht in dem Heft Focus-Spezial Die besten Bücher 2013. Das Heft erschien am 15. November 2013.

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