Buch & Bar (11): F. Scott Fitzgerald “Der große Gatsby”

Offen scheitern oder heimlich siegen

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über zauberhaft beflügelndes Lesen und Trinken

Manche Romane drohen regelrecht hinter ihrem eigenen Ruhm zu verschwinden. Sie sind dermaßen bekannt, dass es gar nicht mehr nötig erscheint, sie zu lesen. Der große Gatsby (Diogenes, 9,90 Euro) wurde schon fünf(!)mal verfilmt, inzwischen glaubt jeder genau zu wissen, worum es geht: leichte Feste, rauschende Mädchen und Leo DiCaprio mit Gel im Haar. Ist auch völlig richtig so, aber eben nicht das ganze Vergnügen.

F. Scott Fitzgerald: "Der große Gatsby". Übersetzt von Bettina Abarbanell. Dogenes Verlag, Zürich 2012. 9,90 Euro

F. Scott Fitzgerald, den die nicht immer verständnisvolle Nachwelt F. „Scotch“ Fitzgerald taufte, hat seiner Geschichte eine leichtfüßige und bissige Ironie verliehen, die einen beim Lesen beflügelt wie ein guter Drink. Klar, am Schluss scheitert die romantische Sehnsucht des Liebhabers Gatsby naturgemäß an den rauen Klippen einer komplett banalen Realität. Ist ja immer so. Aber die zauberhaft schwebende Ironie Fitzgeralds scheitert eben nicht. Sie ist bis heute frisch und jung im Buch eingefangen und also eine heimliche Siegerin, denn neben ihr sieht die banale Realität ganz schön alt aus.

In der DiCaprio-Verfilmung balancieren alle immerzu wohlgefüllte Champagnerkelche, ich weiß. Aber im Roman trinken sie Highballs gegen den Durst. Denn im Gatsby-Sommer 1922 ist es tropisch heiß. Der klassische Highball besteht aus Scotch und Soda: erst Eis in ein schlankes Glas, dann Whisky drüber und mindestens die doppelte Menge Soda hinterher. Umrühren braucht man nicht, das besorgen die Soda-Bläschen. Ein Toast auf „Thirsty“ Fitzgerald – wie ihn seine Mitwelt nannte.

Die Kolumne erschien im Focus vom 7. März 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Kleine Nachlieferung zur Biographie “Marcel Reich-Ranicki”

Günter Grass, Reich-Ranicki und der Regenschirm-Mord

Heute erreichte mich eine Zuschrift eines Lesers zu einem Kapitel meiner Biographie Marcel Reich-Ranicki, das sich mit dem Verhältnis zwischen Günter Grass und Reich-Ranicki beschäftigt. Diese Zuschrift ist wohlinformiert und verlangt eine kleine Nachbesserung zu meinem Buch – die ich hiermit liefern möchte:

Im Buch berichte ich von dem Gespräch, das ich am 8. Juli 2004 mit Günter Grass über Reich-Ranicki führte und auf Tonband aufnahm. Unter anderem bat ich Grass, mir von seiner ersten Begegnung mit Reich-Ranicki 1958 in Warschau zu erzählen. Beide Beteiligte waren damals noch weitgehend unbekannt: Grass hatte einen ersten Lyrikband Die Vorzüge der Windhühner (1956) veröffentlicht und arbeitete an der Blechtrommel, die 1959 erscheinen sollte. Reich-Ranicki hatte 1958 zwar schon acht Jahre als Kritiker in Polen gearbeitet. Doch im Westen war sein Name als Kenner vornehmlich der deutschen Literatur bislang nur wenigen Fachleuten ein Begriff.

Schon dieses erste Aufeinandertreffen der beiden selbstbewussten und streitlustigen Männer verlief nicht spannungsfrei. Reich-Ranicki wollte offenbar ausschließlich über Literatur reden. Grass hatte keine große Lust, sich einem “Verhör” über literarische Themen zu unterziehen und reagierte “frech” auf die hartnäckigen Fragen Reich-Ranickis. Beide merkten, dass sie wenig Freude an dem Gespräch hatten und kürzten das Treffen ab. Also schrieb ich in meiner Biographie unter anderem:

“Wenig später hätten sich die beiden getrennt – doch Grass habe, erzählt er weiter, kurz darauf einen Anruf jenes Freundes erhalten, der den Kontakt zu Reich-Ranicki hergestellt hatte und der ihn nun am Telefon konsterniert fragte: ‘Was hast Du denn mit dem Ranicki angestellt? Der hat mich eben angerufen und hat gesagt: Pass auf, das ist kein deutscher Schriftsteller, das ist ein bulgarischer Agent.’ Und bulgarische Agenten hatten zu jener Zeit einen sehr speziellen Ruf, denn kurz zuvor hatten Angehörige des bulgarischen Geheimdienstes in London mit einem Regenschirm, dessen Spitze vergiftet war, einen Mord begangen, der weltweites Aufsehen erregt.”

Diese Stelle fiel Mark Schultheiß auf und er schickte mir dazu eine Email in der es unter anderem heißt:

“Das Regenschirmattentat fand jedoch 1978 statt, die Begegnung zwischen Grass und Reich-Ranicki glatte 20 Jahre früher. Ob der Ruf des ‘bulgarischen Agenten/Partisans’ nicht aus der Kombination einer gewissen bäurischen Rückständigkeit des damaligen Bulgarien sowie dessen extrem devoter Haltung gg. der UdSSR, die in den anderen Ostautokratien so massiv nicht stattfand, gerade in Polen nicht, zu Stande kam?”

Tatschächlich hat, wie ich per Google schnell feststellen konnte, Mark Schultheiß recht und der berühmte Regenschirmmord 1978 in London stattgefunden. Inzwischen gilt er als aufgeklärt. Er wurde am 7. September 1978 vom bulgarischen Geheimdienst mit Unterstützung des sowjetischen KGB verübt. Das Opfer war Georgi Markow, ein regimekritischer Autor und Emigrant aus Bulgarien, der in London für die BBC arbeitete. Der bulgarische Staats- und Parteichef Todor Schiwkow fühlte sich durch satirischen Bemerkungen Markows buchstäblich tödlich beleidigt und gab den Mord in Auftrag. Markow wurde auf offener Straße durch die mit einer Giftkugel präparierte Regenschirmspitze an der Wade geringfügig verletzt und starb wenige Tage später am 11. September 1978.

Hier ein Link zu einem Artikel, der den Regenschirmmord von 1978 ausführlich schildert:

http://www.sueddeutsche.de/politik/mysterioeser-regenschirmmord-aufgeklaert-gift-direkt-vom-diktator-1.587790

Und hier der entsprechende Wikibedia-Beitrag:

http://de.wikipedia.org/wiki/Regenschirmattentat

Nachdem ich die Mail von Mark Schultheiß gelesen und mich per Google über die Vorgängen von 1978 informiert hatte, hörte ich mir noch einmal das Tonband mit meinem Gespräch mit Günter Grass vom 8. Juli 2004 an. Als er die Begegnung mit Reich-Ranicki 1958 geschildert und den Satz “Pass auf, das ist kein deutscher Schriftsteller, das ist ein bulgarischer Agent” zitiert hatte, fährt er fort:

“Nun muss man wissen (…) zu der Zeit waren bulgarische Agenten sehr aktuell. Das waren diejenigen. die in London mit einer vergifteten Regenspitze einen anderen ermordet hatten. Der berühmte Regenschirmmord, der in London spielte. Also der ‘bulgarische Agent’ hatte eine besondere Bedeutung.”

Grass’ (zeitlich verschobene) Erinnerungen an diesen Mord hatten mich beim Schreiben der Biographie beeindruckt, doch die Sätze von Grass waren im Wortlaut nicht gut wörtlich zitierbar, also machte ich daraus einen kommentierenden Nachsatz. Besser wäre es gewesen, Grass’ Angaben  genau zu überprüfen. Schriftsteller sind phantasiebegabe Menschen, die sich von ihren Assoziationen und Erinnerungen gelegentlich mal über die Grenzen der reinen Faktentreue hinaustragen lassen.

Doch an der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Reich-Ranicki und Grass ändert sich meines Erachtens durch die (von mir übernommene) historisch verschobene Zuordnung von Grass nichts. Die beiden Männer hatten vom ersten Moment an eine spannungsvolle Beziehung zu einander, die von starke Konkurrenzgefühlen geprägt war. Das herauszuarbeiten und zu beschreiben, war meine Absicht in diesem kurzen Kapitel der Biographie.

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Buch & Bar (10): Christian Ankowitsch

Mit heißen Händen auf harten Stühlen

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über milde stimmendes Lesen und Trinken

“Entschuldigung, eine Frage: Ändert es Ihre Sicht auf die Welt, wenn Sie ein Glas in der Hand halten?“

„Naja, kommt drauf an, was im Glas drin ist.“

Christian Ankowitsch: "Warum Einstein niemals Socken trug". Rowohlt Berlin, 2015. 18.95 Euro

Solche Antworten hören der Suchtbeauftragte nicht gern. Wer erst mal ein Gläschen braucht, um der Welt gelassen ins Auge zu blicken, hat bald keinen Spaß mehr an seinen Leberwerten. Aber so ist das hier gar nicht nicht gemeint. Es geht nicht um hochprozentige, sondern hochtemperierte Getränke. Mit einer heißen Tasse Kaffee in der Hand, beurteilt man das Leben milder als ohne. Schreibt Christian Ankowitsch in „Warum Einstein niemals Socken trug.“ (Rowohlt Berlin, 18,95 €). Ein so leicht wie klug geschriebenes Buch über Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist, also darüber “Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst”. Denken findet nämlich nicht nur im Gehirn statt, sondern wird vom körperlichen Befinden mit gesteuert. Bei sparsamer Beleuchtung denkt man kühner, auf harten Stühlen genauer, mit warmen Händen milder. Ankowitsch kennt eine Menge Tricks, um Stimmung und Verstand die richtige Richtung zu geben.

Wie Glühwein und Grog beweisen, kann auch Alkohol im Spiel sein, wenn man Hände und Herz wärmen will. Mir hat die Verbindung von Kaffee und Cognac immer sehr eingeleuchtet. Für Café royal wird der Cognac mit Zucker flambiert und mit Kaffee aufgegossen. Aber einen guten Cognac wie etwa Camus Borderies Cognac VSOP, den ich schon aus literarischen Gründen besonders mag, trinke ich lieber zum Kaffee als im Kaffee.

Die Kolumne erschien im Focus vom 28. Februar 2015. 
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Buch & Bar (9): Hans Magnus Enzensberger

Wer verleiht Flügel?
Natürlich die Dichter!

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über Wermut und Anmut beim Lesen und Trinken

Der Innenminister kam an,
schwungvoll wie immer,
nur wir nahmen keine Notiz von ihm.

Die meisten von uns waren beschäftigt
mit ihren Bandscheiben,
oder hatten ihre Geheimzahl vergessen.

Hans Magnus Enzensberger: "Gedichte 1950-2015". Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Berlin 2015. 10 Euro

Sechs Zeilen, die dem schwungvollen Minister die Luft ablassen. Hans Magnus Enzensberger kann das fabelhaft: In alles, was sich aufbläst pikst er rein mit seinen „Gedichten 1950-2015“ (Suhrkamp, 10 €). Klar, so ganz fair ist das nicht. Auch Minister werden ja irgendwie gebraucht. Wenn sie sich mal wieder wichtig tun, sollten wir wohl Geduld mit ihnen haben. So wie mit unseren Bandscheiben oder unserem Gedächtnis, wenn es die Geheimzahl verkramt.

Enzensberger ist der Dandy unter den deutschen Dichtern und mit 85 jünger als nahezu alle, die Jahrzehnte nach ihm kamen. Seine Gedichte sind voller Freimut, Anmut, Übermut, voller Intelligenz, Witz, Eleganz. Wer sie nicht liest, macht einen Fehler, denn sie bringen eine kluge Leichtigkeit ins Leben.

Manche davon schlürfe ich wie einen Dry Martini. Der gilt auch als ein bisschen oldfashioned, und ist doch jünger geblieben als viele andere, die nach ihm kamen. In meiner Berliner Lieblingsbar namens Victoria wird er aus drei Zutaten gemacht: Aus viel Gin, wenig Wermut und Kälte. Dazu gibt‘s noch ein Glas Eiswasser, damit er einen nicht gleich vom Hocker haut.

Die Kolumne erschien im Focus vom 21. Februar 2015. 
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Lutz Seiler: “Kruso”

Die Insel mit direktem Blick aufs Jenseits

Sehnsucht nach der alten deutschen Innerlichkeit: Für seinen ersten Roman Kruso wurde Lutz Seiler mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnet und hat sowohl dem Suhrkamp Verlag als auch dem Buchpreis selbst zu einem dringend benötigten Publikums-Erfolg verholfen.

Sobald die Fernsehleute und Fotografen aufstehen und die Schriftsteller durch die Sucher ihrer Kameras anvisieren wie Schützen über Kimme und Korn, wird es ernst bei der Buchpreis-Verleihung. Zuvor sind eine Stunde lang Reden zu hören, kurze Filme über die Autoren zu sehen, ein Juroren-Interview auf offener Bühne zu bestaunen. Die Anspannung steigt, und dann ist es so weit: Der Chef des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, tritt hinter die Mikrofone, öffnet die ihm überreichte Urkunde und verkündet: „Den Deutschen Buchpreis erhält in diesem Jahr . . .“

„Jaaaah!!“ Im ehrwürdigen Kaisersaal des Frankfurter Rathauses wird nur selten geschrien. Es geht dort auch nicht oft ein derartiges Blitzlichtgewitter nieder wie im Oktober über den in der Sekunde zuvor gekürten Buchpreisträger des Jahres 2014 Lutz Seiler. Ein „großer Bahnhof“ sei das für ihn, sagte Seiler in seiner Dankesrede, doch die Lok, die ihn und seinen Roman bis dorthin zog, habe 128 Heizer – und ehrte so die 128 Mitarbeiter des Suhrkamp Verlags, die trotz endloser juristischer Kämpfe seit Jahren fabelhafte Arbeit leisten und nichts dringender brauchen als echte Verkaufserfolge.

Lutz Seiler: "Kruso". Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 22,95 Euro

Und einen Erfolg brauchte inzwischen auch der Deutsche Buchpreis selbst, dessen Ausstrahlungskraft auf das Publikum in den letzten Jahren spürbar nachgelassen hatte. Doch die Chancen dafür waren gut: Unter den Preisträgern der vergangenen Jahre gelang es gerade den Romanen Der Turm von Uwe Tellkamp und In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge, nicht nur die Herzen der Preisjuroren, sondern auch die des Publikums zu gewinnen – und beide berichteten von Leben und Familienverhältnissen in der untergegangenen DDR. Von der DDR, genauer: vom letzten Sommer dieses Landes 1989, erzählt auch Lutz Seiler in Kruso. Sein Held heißt Edgar Bendler, wird Ed genannt, ist ein 24 Jahre alter Student der Literatur und hat seine Freundin G. verloren. Als ihm auch noch die Katze Matthew davonläuft, macht er sich auf an den äußersten Rand des damals noch zugemauerten Landes: zur Ostsee-Insel Hiddensee. Und tatsächlich hat dann auch Seilers Roman für den Suhrkamp Verlag und für das leicht angekratzte Image des Buchpreises einen schönen Publikums-Erfolg eingefahren.

Da Ed kein Geld für Urlaub hat, heuert er als Tellerwäscher und Zwiebelschäler bei der Gaststätte „Zum Klausner“ im Norden der Insel an. Während der Ferienwochen arbeiten dort fast nur Ungelernte, die im DDR-Jargon „Saisonkräfte“, abgekürzt „Esskaas“, genannt werden. Fast alle sind – wie Ed – literarisch gebildete Sonderlinge, die sich in der realsozialistischen Gesellschaft ihres Landes weder zu Hause fühlen noch sie verlassen wollen, sondern nach einem Lebensversteck suchen: „Ich möchte“, meint Ed, „einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraushält.“

Der Anführer dieser Esskaas ist Alexander Dimitrijewitsch Krusowitsch, genannt Kruso, mit offenkundig russischen Wurzeln und perfekten Deutschkenntnissen. Auch er ist wie Ed der Poesie verfallen, und bald schon pflegen sie nicht nur eine in Lyrik vernarrte, sondern auch eine unverkennbar homoerotische Freundschaft.

Das Buch steckt voller literarischer Anspielungen: Der Name des „Inselkönigs“ Kruso verweist natürlich auf den berühmtesten aller einsamen Inselbewohner, Robinson Crusoe, refrainartig zitiert Lutz Seiler Gedichte Georg Trakls (1887–1914), und seinen Helden hat er vielleicht deshalb Ed getauft, weil der bekannteste aller Sozialaussteiger der DDR-Literatur in Ulrich Plenzdorfs Bestseller „Die neuen Leiden des jungen W.“ Edgar Wibeau hieß.

Vor allem aber gibt Seiler seinem Roman eine mythologische Dimension: Hiddensee ist in seinem Roman nicht einfach eine Ostsee-Insel am Rande der DDR, sondern zugleich ein letzter Vorposten am Rande des Lebens. Von hier aus, so predigt Kruso seinem Bewunderer Ed während eines Strandspaziergangs, „schaut man weit hinaus, bei guter Sicht bis ins Jenseits“. Und als Kruso gegen Ende des Romans mehr tot als lebendig von einem sowjetischen Panzerkreuzer von der Insel abgeholt wird, setzen ihn die Matrosen vom Festland zum Schiff über wie der griechische Fährmann Charon die Toten über den Fluss Acheron.

Dieses Buch ist nichts für Leser, die nach einem realistischen oder psychologischen Roman Ausschau halten. Wohl aber etwas für jene, die Eds Sehnsucht nach alter deutscher Innerlichkeit teilen, die sich an seinem radikalen Rückzug aus einer unfriedlichen Welt freuen und bereit sind, an Krusos ostalgischen Lehrsatz zu glauben: „Der Keim der wahren Freiheit, Ed, gedeiht in Unfreiheit.“

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Buch & Bar (8): Julian Barnes

Angst vorm Fliegen?
Angst vorm Landen!

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über Lieben und Landen und Lesen und Trinken

Jeder Ballonfahrer, der mit seinem Gefährt aufsteigt, muss auch wieder landen. So einfach ist das. Jeder, der liebt, wird irgendwann das Ende seiner Liebe erleben. Eine sanfte Landung kann niemand garantieren. Je höher man sich aufschwingt, desto unwahrscheinlicher wird sie. So einfach ist das.

Julian Barnes: "Lebensstufen". Übersetzt von Gertraude Krueger. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 16,99 Euro

Ein seltsames, tieftrauriges kleines Buch: „Lebensstufen“ (Kiepenheuer & Witsch, 16,99 Euro). Der Brite Julian Barnes erzählt vom Ballonfahren und vom Lieben. Beides lässt sich kaum steuern, beides bleibt unberechenbaren Kräften ausgeliefert. Warum sehnen sich dennoch so viele Menschen danach? Julian Barnes war 30 Jahre verheiratet, seine Frau Pat, zugleich seine Literaturagentin, starb 2008. Zwischen der Diagnose ihrer Krankheit und ihrem Tod lagen 37 Tage. Barnes hat sie gezählt. Was er aus der Welt berichtet, die danach kam, ist nicht schön: „Leid dreht einem den Magen um, raubt einem den Atem, schneidet die Blutzufuhr zum Gehirn ab.“ Von Trost ist nirgendwo die Rede, wer danach sucht, ist in diesem Buch falsch.

Lily Bollinger, die legendäre Chefin des Champagner-Hauses Bollinger, soll einmal gesagt haben: „Ich trinke Champagner, wenn ich froh bin und wenn ich traurig bin.“ Nach einer Lesung in einer Buchhandlung bekam ich kürzlich als Honorar eine Flasche Bollinger Champagner geschenkt. Als ich Barnes’ schmales Buch ausgelesen hatte und zumachte, machte ich sie auf. Auch Champagner ist kein Trost, zugegeben. Aber er ist eine Möglichkeit zu feiern, was wir haben. Solange wir es haben.

Die Kolumne erschien im Focus vom 14. Februar 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Stewart O’Nan: “Die Chance”

So unscheinbar wie Elvis im Pailletten-Dress

Ein starker kleiner Roman über das große schwache Amerika in der Zeiten der Finanzkrise: In Stewart O’Nans Die Chance steht ein gutbürgerliches Ehepaar am Rande der totalen Pleite, der Scheidung und der Niagara-Fälle. Die letzte Rettung: ein Spielcasino

Klar, Probleme gibt’s immer. Sorgen gehören zum Leben. Marion und Art wissen das, sie sind ein sturmerprobtes Ehepaar aus Cleveland/Ohio um die 50, mit erwachsenen Kindern. So schnell wirft sie nichts um.

Aber jetzt hat es sie übel erwischt – wie viele Mittelstandsamerikaner derzeit. Beide haben ihre Arbeit verloren und finden im krisengeschüttelten Land keine neue. Die Raten fürs Haus können sie nicht bezahlen, es aber auch nicht verkaufen, denn die Immobilienpreise sind im freien Fall. Nach über 30 Jahren harter Arbeit stehen sie vor dem Nichts und fühlen sich betrogen. Ach ja, apropos betrogen: Fremdgegangen sind sie auch. Erst er, dann sie aus Rache.

Stewart O'Nan: "Die Chance". Roman. Übersetzt von Thomas Gunkel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2014. 19,95 Euro

Stewart O’Nan beherrscht ein bewundernswertes Kunststück: Er kann alltägliche Geschichten erzählen, ohne dass sie alltäglich klingen. Er erfindet Figuren, die man aus der eigenen Nachbarschaft zu kennen glaubt, brave, unauffällige Leute, die ein wenig langweilig zu sein scheinen. Doch wenn O’Nan über sie schreibt, geschieht etwas Seltsames: Diese Langweiler beginnen zu schillern wie Elvis im Pailletten-Dress, ihr Seelenleben offenbart lauter Abgründe, und man begreift, dass jeder Jedermann tief drin das Zeug hat zum Tragödienhelden von Shakespeare’scher Dimension.

Marion und Art wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. Ihre Schulden werden sie unter sich begraben wie eine Lawine. Aus rechtlichen Gründen ist es besser, wenn sie sich scheiden lassen, bevor sie Insolvenz anmelden. Die Krise wird sie auch ihre Ehe kosten. Aber das letzte Wochenende als Mann und Frau wollen sie dort verbringen, wo sie ihre Flitterwochen verbrachten: an den Niagarafällen und im angrenzenden Freizeitpark.

Da es auf ein paar zehntausend Dollar nicht mehr ankommt, überziehen sie alle Konten bis zum Anschlag, um im Spielkasino ihre allerletzte Chance zu suchen. Wenn ihr Leben durch die Zockereien von Investmentbankern zerstört wird, warum sollen sie nicht zum ersten Mal zocken, um die Arbeit ihres Lebens zu retten? „Marion und Art sind überzeugt“, erzählt Stewart O’Nan in unserem Gespräch über seinen neuen Roman, „immer nach den Regeln gespielt zu haben. Doch plötzlich haben sich die Regeln geändert, und nun wollen auch sie ihr Stück vom Kuchen.“

Aber die beiden können nicht aus ihrer Haut. Aus redlichen Vorstadtbürgern werden, zeigt O’Nan, keine Abenteurer, die das Risiko lieben, sondern halb trotzige, halb ängstliche Desperados, die sich am Spieltisch wie Hochstapler vorkommen. „Art ist ein Romantiker“, sagt O’Nan, „aber in seiner gefährlichsten Form: ein verwundeter Romantiker.“ Er will vor allem seine Ehe retten. Marion dagegen scheint sich ein wenig auf die Katastrophe zu freuen, denn sie liebäugelt mit einem neuen, freieren Leben nach Insolvenz und Scheidung.

Insgeheim hat dieser Roman neben dem Durchschnittspaar Marion und Art noch einen dritten Hauptdarsteller: die Zeit. Sanft schien sie sich in 30 Ehejahren dahinzuwälzen – wie der breite, ruhige Niagara-Strom. Doch als sie nun wieder vor den Niagarafällen stehen, macht sie ihnen mit einem Mal ihre alles verändernde Macht bewusst. „Die Zeit ist, wie die niederdonnernden Wassermassen, eine unaufhaltsame Naturgewalt, viel größer als sie selbst, wie Marion und Art begreifen müssen“, sagt O’Nan.

„Die Chance“ ist ein politischer Roman, der die brutalen Folgen der Finanzturbulenzen der vergangenen Jahre zeigt. Es ist zugleich ein kluger, ungemein einfühlsamer Eheroman, der eine Ahnung gibt von den rabiaten Kräften der Routine, die an jedem Paar über die Jahrzehnte hinweg zerren. Aber es ist auch ein erstaunlich optimistischer und heiterer Roman. Denn wer, so zeigt Stewart
O’Nans Buch, sich unausgesetzt verändert, muss den anderen nicht zwangsläufig aus den Augen verlieren. Er kann ihn, gerade weil er sich verändert, auch überraschend wiederfinden.

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Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki

Zwei Platzhirsche

Nicht als Nachruf, aber aus Anlass des Todes von Günter Grass: Ein Auszug aus meiner Biographie Marcel Reich-Ranicki, die in der kommenden Wochen am 20. April im Blessing Verlag erscheinen wird. Über das eigenwillige Verhältnis zweier großer Männer des deutschen Literaturbetriebs.

Das Verhältnis zwischen Günter Grass und Reich-Ranicki war von Beginn an durch Misshelligkeiten und Rivalitäten gekennzeichnet. Reich-Ranicki lernte Grass, wie zwei Jahre zuvor Heinrich Böll, bereits 1958 in Polen kennen. Während jedoch Böll ihre Begegnung in Warschau in angenehmer Erinnerung behielt, verlief das erste Zusammentreffen mit Grass weniger harmonisch. Nicht einmal über dessen Verlauf können sich die beiden Beteiligten einigen. Reich-Ranicki erzählt in seiner Autobiographie Mein Leben, er habe Grass auf Bitten eines Freundes im Warschauer Hotel Bristol getroffen, doch Grass sei „nachlässig gekleidet und auch nicht rasiert“ und keineswegs nüchtern gewesen: „Er hatte, was er mir freilich erst zwei Stunden später sagte, zum einsamen Mittagessen eine ganze Flasche Wodka getrunken.“ Deshalb, aber auch weil Reich-Ranicki vor allem über Literatur reden wollte, wozu Grass wenig Lust hatte, verlief das Gespräch stockend, und nach einem Spaziergang verabschiedeten sich die beiden rasch und ohne Bedauern voneinander. Danach rief Reich-Ranicki jenen Freund an, der das Treffen vermittelt hatte, und teilte ihm mit, Grass sei im Hotel nicht zu finden gewesen, der einzige Mann, der im Foyer „saß, habe nicht wie ein Schriftsteller aus dem Wirtschaftswunderland ausgesehen, sondern wie ein ehemaliger bulgarischer Partisan“.

Uwe Wittstock: "Marcel Reich-Ranicki. Die Biographie". Karl Blessing Verlag, München 2015. 19,99 Euro

In Grass’ Bericht über dieselbe Begegnung ist weder von Alkohol noch von einem Gespräch die Rede, vielmehr habe Reich-Ranicki ihn „einer Art Verhör“ zur deutschen Literatur unterzogen: „Aber ich war damals sehr frech und habe auf so etwas allergisch reagiert. Er sagte zum Beispiel: Kennen Sie Hesse? Und ich sagte: Hesse? Hesse? Hat der nicht irgendwas über eine Glasfabrik geschrieben? Darauf er: Sie meinen das Glasperlenspiel!“ Auch auf Reich-Ranickis Frage nach dem Roman, an dem er schreibe, Die Blechtrommel, habe Grass abwehrend reagiert und lediglich „im Spiegel-Stil eine Inhaltsangabe gegeben: Junge, dreijährig, stellt Wachstum ein.“ Wenig später hätten sich die beiden getrennt – doch Grass habe, erzählt er weiter, kurz darauf einen Anruf jenes Freundes erhalten, der den Kontakt zu Reich-Ranicki hergestellt hatte und der ihn nun am Telefon konsterniert fragte: „Was hast Du denn mit dem Ranicki angestellt? Der hat mich eben angerufen und hat gesagt: Pass auf, das ist kein deutscher Schriftsteller, das ist ein bulgarischer Agent.“ Und bulgarische Agenten hatten zu jener Zeit einen sehr speziellen Ruf, denn kurz zuvor hatten Angehörige des bulgarischen Geheimdienstes in London mit einem Regenschirm, dessen Spitze vergiftet war, einen Mord begangen, der weltweites Aufsehen erregte.

Schon wenige Monate später begegneten Grass und Reich-Ranicki einander wieder bei dem Treffen der Gruppe 47 in Großholzleute 1958. Reich-Ranicki hatte den endgültigen Absprung nach Westdeutschland gewagt, und Grass erlebte hier mit seiner Lesung aus der Blechtrommel die Initialzündung zu seiner Weltkarriere. Aber ihr Verhältnis wurde deshalb nicht unkomplizierter: In seinem Bericht über die Tagung lobte Reich-Ranicki die gehörten zwei Kapitel des Romans: „Grass schreibt eine unkonventionelle, kräftige, ja sogar wilde Prosa.“ Doch die Besprechung des ganzen Buches für die Zeit geriet ihm dann fast zu einem Verriss: „Seine große stilistische Begabung wird dem Grass zum Verhängnis. Denn er kann die Worte nicht halten.“ Drei Jahre später wiederum korrigierte Reich-Ranicki diese Rezension behutsam: Was er geschrieben habe, sei „im großen und ganzen richtig. Dennoch könnte ich diese Kritik nicht mehr unterschreiben. Ich würde heute die Akzente anders setzen und mich insbesondere mit dem Neuartigen in der Prosa von Grass eingehender befassen.“

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten nahm der Konfliktstoff zwischen beiden nicht ab. In der Gruppe 47 zum Beispiel beteiligte sich Grass als Autor gern und oft an den Debatten über die Lesungen seiner Kollegen, war aber nur in seltenen Fällen der gleichen Meinung wie der mindestens ebenso engagiert diskutierende Reich-Ranicki. Außerdem gehört Grass zu jenen Autoren, die das kollegiale Werkstattgespräch aus der Frühzeit der Gruppe bevorzugten und wenig von der professionellen „Fachkritik“ der späten Jahre halten. Dennoch betonte Grass, Reich-Ranicki und er hätten sich „befreundet in dieser Zeit.“ Reich-Ranicki dagegen, und das belegt noch einmal, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen dieser beiden Menschen sind, gewann den Eindruck, Grass habe sich darum bemüht, „dass man mich wieder rausschmeißt aus der Gruppe“ – wofür sich in den veröffentlichten Briefen von und an das Gruppen-Oberhaupt Hans Werner Richter allerdings keinerlei Hinweis findet.

Auch die Rezensionen Reich-Ranickis über die Bücher von Grass waren nicht minder konfliktträchtig, denn wieder einmal erwies er sich als ein Kritiker, der sich nicht zu den konsequenten Anhängern oder Widersachern eines bestimmten Autors zählen lässt, sondern der von Buch zu Buch zu mitunter extrem unterschiedlichen Urteilen kommt: So lehnte er die Theaterstücke von Grass ab, lobt aber dessen Lyrik, erklärte den Butt für weitgehend gescheitert, feierte jedoch begeistert Das Treffen in Telgte, nannte Die Rättin „ungenießbar“, die Unkenrufe ein „Malheur“, Ein weites Feld „missraten“ und zählt Grass dennoch zu den „größten Meistern der deutschen Sprache unserer Zeit“. Das Titelbild des Spiegel-Heftes, in dem seine Kritik zu Ein weites Feld erscheint, zeigt Reich-Ranicki überdies in einer Fotomontage, die den Eindruck erweckt, als reiße er ein Exemplar des Romans auseinander. Damit habe sich Reich-Ranicki, so meint Grass, durch den Spiegel „missbrauchen“ lassen, zu einem symbolischen Akt von Büchervernichtung, der „weit über eine Literaturkritik hinausgeht“.

Mit merklicher Genugtuung erfüllt Grass jedoch, dass er den Kampf um die Gunst des Publikums trotz allem gewonnen hat und binnen weniger Monate von seinem Roman über eine viertel Million Exemplare verkauft wurden. Reich-Ranickis Talent, die Lesermassen in seinem Sinne zu lenken, stieß bei diesem Buch offenkundig an seine Grenzen.

Am deutlichsten wurde die Rivalität der beiden Männer wohl bei einem Schlagabtausch 1994: Grass beklagte damals in einer Rede, dass Kritiker inzwischen größere Aufmerksamkeit genössen als Schriftsteller. Das Rezensionsgewerbe habe sich in der Öffentlichkeit gleichsam vor die zu rezensierenden Bücher gedrängt: „Es herrscht nicht nur vor, es beherrscht den Betrieb.“ Und er verschwieg nicht, welchen Kritiker er bei diesem Angriff vor allem im Sinn hatte: „Der einzelne Entertainer, der sich als Quartett aufspielt, der literarische Stammtisch gibt den Ton an.“Reich-Ranicki nahm den Fehdehandschuh auf und antwortete mit einer Polemik in der Frankfurter Allgemeinen. Es sei wahr, schrieb er, „dass sich bei uns gelegentlich ein Missverhältnis zwischen dem Primären und dem Sekundären bemerkbar macht. Alle wissen wir, dass nicht 
nur Grass in eine Krise geraten ist, sondern die ganze deutsche Gegenwartsliteratur. (…) Ein Zeichen der Krise mag es auch sein, dass die deutschen Kritiker bisweilen besser schreiben als die Autoren, mit denen sie sich beschäftigen. Was Grass so ärgert, trifft teilweise zu: Für manche Kritiker interessiert man sich heutzutage mehr als für diesen oder jenen Schriftsteller, der uns in den sechziger, in den siebziger Jahren entzückt hat. So ist das: Wenn Seuchen um sich greifen, werden die Ärzte immer wichtiger.“ Stritten hier zwei Platzhirsche des Literaturbetriebs um die Vorherrschaft im Revier?

Nachdem Grass 1999 den Literaturnobelpreis erhalten hatte, entspannte sich die Situation zwischen den Kontrahenten, Reich-Ranicki gratulierte Grass öffentlich, und 2003 begegneten sie sich im Lübecker Grass-Haus, obwohl zuvor jahrelang jedes Gespräch zwischen ihnen nahezu unmöglich schien. Dennoch hält Grass an seiner Kritik fest: „Ich glaube schon“, sagt er über Reich-Ranicki, „dass er sich als ein Kritiker versteht in der Schlegelschen Tradition: Kritik als Kunstform, gleichberechtigt neben der Literatur, und in dürren Zeiten der Literatur überlegen. Es ist eine gewisse Hybris bei ihm da.“ Zwar hat Reich-Ranicki die betreffenden Thesen Friedrich Schlegels ausdrücklich zurückgewiesen, mehr noch, er hat auch Alfred Kerrs „waghalsigen Versuch, die Kritik zur gleichberechtigten poetischen Gattung zu erheben“, immer wieder abgelehnt und als „Irrweg“ bezeichnet. Doch setzte er in Grass’ Augen die löbliche Absicht, lediglich ein Diener der Literatur sein zu wollen, nicht oft und nicht konsequent genug in die entsprechenden Taten um.

Vorab-Veröffentlichung aus der Biographie “Marcel Reich-Ranicki”, die am 20. April im Blessing Verlag, München, erscheinen wird. Einige der hier angeführten Zitate von Günter Grass stammen aus einem Gespräch, das ich mit dem Schriftsteller über Reich-Ranicki führte. Sie sind im Buch mit Fußnoten gekennzeichnet. Es beschäftigen sich noch andere Passagen der Biographie mit dem spannungsreichen Verhältnis zwischen Grass und Reich-Ranicki.

 

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Buch & Bar (7): Peter Richter und Daniel Schreiber

Die beiden Seiten einer Flüssigkeit

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über zweischneidiges Lesen und Trinken

Als der erste Römer den seither unvergessenen Satz „In vino veritas“ murmelte, hatte er mutmaßlich ganz schön einen sitzen. Ich habe keine Ahnung, was da für Wahrheit im Wein sein soll, aber mit Sicherheit ist Alkohol drin. Und der bringt den einen Spaß und manch andere um. Zwei Kenner haben dazu Bücher geschrieben: Peter Richter, “Über das Trinken“ (Goldmann, 12,99 EURO) und Daniel Schreiber, „Nüchtern“ (Hanser Berlin, 16,90 EURO).

Peter Richter: "Über das Trinken". Goldmann Verlag, München 2014. 12,99 EuroHinreißend, wie unterschiedlich Bücher zum gleichen Thema sein können: Richter schreibt fabelhaft schwungvoll und gut gelaunt. Er hat nicht die geringste Lust, sich den Spaß am Durst durch Gesundheitsdiktatoren, Trauerklöße oder Führerscheinentzug verderben zu lassen. Richtig so. Schreibers Buch dagegen liest sich, als liefe im Hintergrund Beethovens Schicksalssinfonie: entschieden, ernst, klug. Auf jeder Seite spürt man Schreibers Glück, dem Säufertod gerade noch mal von der Schippe gesprungen zu sein. Richtig so. Wenn eine Wahrheit im Wein liegt, dann die, dass er zwei Seiten hat.

Daniel Schreiber: "Nüchtern. Über das Trinken und das Glück". Hanser Berlin, Berlin 2014. 16,90 Euro

Schon aus Solidarität mit Daniel Schreiber kann ich zu beiden Büchern nur einen Drink empfehlen: Mineralwasser. Sage niemand, das sei fantasietötend: Es gibt Mineralwasser zu äußerst fantasievollen Preisen. Das Berliner „Hotel Adlon“ bot einmal das japanische Rokko No Mizu für herrliche 124 Euro pro Flasche an. Gibt es aber heute leider nicht mehr. Als zweitteuerstes Wasser gilt derzeit Bling H2O, das ist allerdings schon für enttäuschende 69 Euro zu haben.

Die Kolumne erschien im Focus vom 7. Februar 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Buch & Bar (6): Tom Drury

Wer Drinks mixt und Diebe beklaut

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über dunkel stürmisches Lesen und Trinken

Tom Drury ist ein schmächtiger Mann mit schweren Augenlidern und einer Vorliebe für glücklose Romanhelden. In Amerika gilt er als einer der großen Schriftsteller des Landes, und Kritiker schießen Feuerwerk pfundweise in den Feuilletonhimmel, sobald ein Buch von ihm erscheint. Jetzt kommt bei uns sein Roman „Das stille Land“ (Klett-Cotta, 19,95 Euro) raus, der von einem Barkeeper namens Pierre handelt.

Tom Drury: "Das stille Land". Roman. Übersetzt von Gerhard Falkner. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015. 19,95 €

Ich traf Drury in Berlin, plauderte mit ihm über Literatur und Barkeeper und fragte, ob er einen Lieblingscocktail habe. Unter seinen lastenden Lidern weg antwortete er eher brummig, ihm seien in Bars die Gespräche wichtiger als die Getränke.

„Das stille Land“ erzählt eine finstere Geschichte aus Amerikas Mittlerem Westen. Pierre bricht ins Eis ein, eine mysteriöse Frau rettet ihn, und sie verlieben sich. Später nimmt Pierre einem Dieb einen Haufen Geld weg und verschenkt es, doch der Gangster erweist sich als überaus hartnäckig, nachtragend und humorlos. Vieles bleibt rätselhaft in diesem Buch, wer beim Lesen gern nach dem Warum fragt, wird es nicht mögen: „Es gibt keinen Grund, Pierre“, heißt es gleich zu Anfang: „Es ist einfach so, wie es ist.“

Der richtige Drink für Drury wäre vielleicht ein Dark ’n’ Stormy, ein Rum-Cocktail mit Gosling’s Black Seal, Limettensaft und Ginger Beer. Im ersten Moment schmeckt er kräftig und frisch, so wie es die Leute des Mittleren Westens angeblich sind. Doch er hinterlässt auf der Zunge ein leises Ingwer-Brennen, und das erinnert einen daran, dass selten die Dinge so sind, wie sie anfangs erscheinen.

Die Kolumne erschien im Focus vom 31. Januar 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

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