Buch & Bar (6): Tom Drury

Wer Drinks mixt und Diebe beklaut

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über dunkel stürmisches Lesen und Trinken

Tom Drury ist ein schmächtiger Mann mit schweren Augenlidern und einer Vorliebe für glücklose Romanhelden. In Amerika gilt er als einer der großen Schriftsteller des Landes, und Kritiker schießen Feuerwerk pfundweise in den Feuilletonhimmel, sobald ein Buch von ihm erscheint. Jetzt kommt bei uns sein Roman „Das stille Land“ (Klett-Cotta, 19,95 Euro) raus, der von einem Barkeeper namens Pierre handelt.

Tom Drury: "Das stille Land". Roman. Übersetzt von Gerhard Falkner. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015. 19,95 €

Ich traf Drury in Berlin, plauderte mit ihm über Literatur und Barkeeper und fragte, ob er einen Lieblingscocktail habe. Unter seinen lastenden Lidern weg antwortete er eher brummig, ihm seien in Bars die Gespräche wichtiger als die Getränke.

„Das stille Land“ erzählt eine finstere Geschichte aus Amerikas Mittlerem Westen. Pierre bricht ins Eis ein, eine mysteriöse Frau rettet ihn, und sie verlieben sich. Später nimmt Pierre einem Dieb einen Haufen Geld weg und verschenkt es, doch der Gangster erweist sich als überaus hartnäckig, nachtragend und humorlos. Vieles bleibt rätselhaft in diesem Buch, wer beim Lesen gern nach dem Warum fragt, wird es nicht mögen: „Es gibt keinen Grund, Pierre“, heißt es gleich zu Anfang: „Es ist einfach so, wie es ist.“

Der richtige Drink für Drury wäre vielleicht ein Dark ’n’ Stormy, ein Rum-Cocktail mit Gosling’s Black Seal, Limettensaft und Ginger Beer. Im ersten Moment schmeckt er kräftig und frisch, so wie es die Leute des Mittleren Westens angeblich sind. Doch er hinterlässt auf der Zunge ein leises Ingwer-Brennen, und das erinnert einen daran, dass selten die Dinge so sind, wie sie anfangs erscheinen.

Die Kolumne erschien im Focus vom 31. Januar 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

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