Stewart O’Nan: “Die Chance”

So unscheinbar wie Elvis im Pailletten-Dress

Ein starker kleiner Roman über das große schwache Amerika in der Zeiten der Finanzkrise: In Stewart O’Nans Die Chance steht ein gutbürgerliches Ehepaar am Rande der totalen Pleite, der Scheidung und der Niagara-Fälle. Die letzte Rettung: ein Spielcasino

Klar, Probleme gibt’s immer. Sorgen gehören zum Leben. Marion und Art wissen das, sie sind ein sturmerprobtes Ehepaar aus Cleveland/Ohio um die 50, mit erwachsenen Kindern. So schnell wirft sie nichts um.

Aber jetzt hat es sie übel erwischt – wie viele Mittelstandsamerikaner derzeit. Beide haben ihre Arbeit verloren und finden im krisengeschüttelten Land keine neue. Die Raten fürs Haus können sie nicht bezahlen, es aber auch nicht verkaufen, denn die Immobilienpreise sind im freien Fall. Nach über 30 Jahren harter Arbeit stehen sie vor dem Nichts und fühlen sich betrogen. Ach ja, apropos betrogen: Fremdgegangen sind sie auch. Erst er, dann sie aus Rache.

Stewart O'Nan: "Die Chance". Roman. Übersetzt von Thomas Gunkel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2014. 19,95 Euro

Stewart O’Nan beherrscht ein bewundernswertes Kunststück: Er kann alltägliche Geschichten erzählen, ohne dass sie alltäglich klingen. Er erfindet Figuren, die man aus der eigenen Nachbarschaft zu kennen glaubt, brave, unauffällige Leute, die ein wenig langweilig zu sein scheinen. Doch wenn O’Nan über sie schreibt, geschieht etwas Seltsames: Diese Langweiler beginnen zu schillern wie Elvis im Pailletten-Dress, ihr Seelenleben offenbart lauter Abgründe, und man begreift, dass jeder Jedermann tief drin das Zeug hat zum Tragödienhelden von Shakespeare’scher Dimension.

Marion und Art wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. Ihre Schulden werden sie unter sich begraben wie eine Lawine. Aus rechtlichen Gründen ist es besser, wenn sie sich scheiden lassen, bevor sie Insolvenz anmelden. Die Krise wird sie auch ihre Ehe kosten. Aber das letzte Wochenende als Mann und Frau wollen sie dort verbringen, wo sie ihre Flitterwochen verbrachten: an den Niagarafällen und im angrenzenden Freizeitpark.

Da es auf ein paar zehntausend Dollar nicht mehr ankommt, überziehen sie alle Konten bis zum Anschlag, um im Spielkasino ihre allerletzte Chance zu suchen. Wenn ihr Leben durch die Zockereien von Investmentbankern zerstört wird, warum sollen sie nicht zum ersten Mal zocken, um die Arbeit ihres Lebens zu retten? „Marion und Art sind überzeugt“, erzählt Stewart O’Nan in unserem Gespräch über seinen neuen Roman, „immer nach den Regeln gespielt zu haben. Doch plötzlich haben sich die Regeln geändert, und nun wollen auch sie ihr Stück vom Kuchen.“

Aber die beiden können nicht aus ihrer Haut. Aus redlichen Vorstadtbürgern werden, zeigt O’Nan, keine Abenteurer, die das Risiko lieben, sondern halb trotzige, halb ängstliche Desperados, die sich am Spieltisch wie Hochstapler vorkommen. „Art ist ein Romantiker“, sagt O’Nan, „aber in seiner gefährlichsten Form: ein verwundeter Romantiker.“ Er will vor allem seine Ehe retten. Marion dagegen scheint sich ein wenig auf die Katastrophe zu freuen, denn sie liebäugelt mit einem neuen, freieren Leben nach Insolvenz und Scheidung.

Insgeheim hat dieser Roman neben dem Durchschnittspaar Marion und Art noch einen dritten Hauptdarsteller: die Zeit. Sanft schien sie sich in 30 Ehejahren dahinzuwälzen – wie der breite, ruhige Niagara-Strom. Doch als sie nun wieder vor den Niagarafällen stehen, macht sie ihnen mit einem Mal ihre alles verändernde Macht bewusst. „Die Zeit ist, wie die niederdonnernden Wassermassen, eine unaufhaltsame Naturgewalt, viel größer als sie selbst, wie Marion und Art begreifen müssen“, sagt O’Nan.

„Die Chance“ ist ein politischer Roman, der die brutalen Folgen der Finanzturbulenzen der vergangenen Jahre zeigt. Es ist zugleich ein kluger, ungemein einfühlsamer Eheroman, der eine Ahnung gibt von den rabiaten Kräften der Routine, die an jedem Paar über die Jahrzehnte hinweg zerren. Aber es ist auch ein erstaunlich optimistischer und heiterer Roman. Denn wer, so zeigt Stewart
O’Nans Buch, sich unausgesetzt verändert, muss den anderen nicht zwangsläufig aus den Augen verlieren. Er kann ihn, gerade weil er sich verändert, auch überraschend wiederfinden.

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