Buch & Bar (17): Oliver Maria Schmitt

Auf der Suche nach dem vermissten Rum oder: Pointen pflastern seinen Weg

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über berauschendes Lesen, Lachen und Trinken

Wenn es gerecht – oder wenigstens unterhaltsam – zuginge auf dieser Welt, hätte Oliver Maria Schmitt längst seine Late Night Show. Er ist schneller als Lucky Luke, witziger als Oliver Welke, dreckiger als Harald „Dirty Harry“ Schmidt in besten Zeiten. Aber mal ehrlich: deutsches Fernsehen und echt schnelle, echt dreckige, echt witzige Witze?

Oliver Maria Schmitt: "Ich bin dann mal Ertugrul". Traumreisen durch die Hölle und zurück. Rowohlt Berlin 2015. 16,96 Euro (E-Book: 14,99 Euro)

Zum Trost gibt es Oliver Maria Schmitt  in Buchform. Auch das ein Oliver Maria Schmitt in Hochform. Als er einst im legendären Frankfurter „Klabunt“ (die einzige Kneipe, in der ich je einen Pilz-Schnaps angeboten bekam – und auch trank) seinen Punkroman Anarcho-Shnitzel schrieen sie vorstellte, nahm die Luftnot durchs Lachen medizinisch bedenkliche Formen an. Jetzt erscheinen seine höchst pointenträchtigen Abenteuerreiseberichte Ich bin dann mal Ertugrul (Rowohlt, 16,95 Euro), ebenfalls erstklassige Witz-Ware. Ob er zum Hemingway-Lookalike-Contest in Key West antritt, ob er besten Bordeaux-Experten weltweit eine „Assemblage“ von sehr gutem Rotwein mit sehr guter Cola („Keine Pepsi!“) vorschlägt oder auf der Frankfurter Buchmesse ein Romanmanuskript vertickt – immer ist er dreist, bissig, knallhart komisch.

Ganz Nicaragua stellt Schmitt auf den Kopf bei der Suche nach dem sagenhaften Rum Flor de Caæa Centenario Gold 18 yrs.. Doch als er das sanfte, bernsteinfarbene Wunder endlich in Händen hält, verkneift sogar er sich jeden vorlauten Witz. Weil das Wort „Goldrausch“ für ihn mit einem Mal eine völlig neue Bedeutung erhält.

Die Kolumne erschien im Focus vom 25. April 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

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Buch & Bar (16): “Der gepflegte Rausch” von Cleo Rocos

Vom Leeren der Gläser mit Gin und Verstand

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über unzimperlich kluges Lesen und Trinken 

Schrill ist schön – das dürfte die Devise der britischen TV-Moderatorin Cleo Rocos sein. Tatsächlich sagt sie, tut sie und trägt sie Sachen vor der Kamera, die mir als Liebhaber

Cleo Rocos: "Der gepflegte Rausch. Stilvoll trinken ohne Reue". Rowohlt Verlag, Reinbek 2015, 12 Euro

schwerstsensibler Dichtung die Haare derart zinnsoldatenmäßig zu Berge stehen lassen, wie Cleo Rocos sie sich für manche ihrer Auftritte frisiert, fixiert bzw. festbetoniert.

Doch ihr Buch Der gepflegte Rausch. Stilvoll trinken ohne Reue (Rowohlt Verlag, 12 Euro) ist vernünftig, um nicht zu sagen: klug. Seite um Seite zeugt es von der Schluck um Schluck hart erarbeiteten Weisheit, dass es beim formvollendeten Leeren alkoholhaltiger Gläser nur darum gehen kann, „mit größtmöglichem Genuss zu trinken – aber mit minimalem Schaden für Körper, Portemonnaie und die eigene Würde“. Die präzisen Ratschläge, die sie zu eben diesem Zweck erteilt, sind kompetent, unzimperlich und geben außerdem Antwort auf so brennende Fragen unserer Zeit wie: Was ist ein perfekter Martini? Kann man gegen Jack Nicholson im Kopfstandwettbewerb gewinnen? Und dabei gleichzeitig einen Cocktail trinken? Gibt es einen legendären Abend ohne harte Sachen? Wie kleidet sich die Frau von Welt zum Wodka?

Apropos Wodka: Cleo Rocos schätzt unter anderem die Marke Russian Standard. Ich habe mal einen fabel-, wenn nicht gar zauberhaften Abend in der Berliner Bar „Kvartira No. 62“ in Gesellschaft gleich mehrerer Russian Standards verbracht und kann bestätigen, was Mrs. Rocos behauptet: klar, köstlich, kopfschmerzfrei.

Die Kolumne erschien im Focus vom 18. April 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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3 Fragen an John Banville über seinen Philip Marlowe-Roman

Das schöne Wiedersehen nach dem Langen Abschied

Sieben Marlowe-Romane hat Raymond Chandler der Krimi-Welt geschenkt, millionenfach gelesen, dutzendfach verfilmt – entschieden zu wenig für jeden echten Aficionado. Der große Irische Erzähler John Banville ist jetzt unter seinem Pseudonym Benjamin Black in die (Sprach-)Haut von Chandler geschlüpft und hat den klassischsten aller Detektiv-Klassiker wiederbelebt. Ich habe den Roman Die Blonde mit den schwarzen Augen sehr genossen und hatte Gelegenheit, Banville drei Fragen zu stellen. Der Titel stammt noch von Chandler persönlich und die Geschichte, die Banville ersonnen hat, schließt fast fugenlos an Chandlers Meisterwerk Der lange Abschied an.

John Banville (alias Benjamin Black): "Die Blonde mit den schwarzen Augen". Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2015. 14,99 Euro

Es ist, so rühmt Stephen King das Buch, „als würde ein alter, tot geglaubter Freund plötzlich den Raum betreten“. Banville trifft den Tonfall Chandlers mit bewundernswerter Präzision und versetzt die Leser augenblicklich zurück in das Los Angeles der 50er-Jahre. Allerdings ist Banville keiner der routinierten Action-Autoren, die Krimis wie am Fließband abliefern. Er genießt international höchstes literarisches Renommee, wurde mit Booker- und Kafka-Preis ausgezeichnet und steht alle Jahre wieder auf der Kandidatenliste für den Nobelpreis. Sein Bruder, so hatte ich irgendwo im Internet aufgeschnappt, habe ihn „mit Marlowe bekannt gemacht“. Danach litt er, wie die zahllosen anderen Chandler-Fans weltweit, offenbar darunter, nach nur sieben Romanen von Marlowe Abschied nehmen zu müssen.

Uwe Wittstock: Is it right that your brother Vincent recommended Chandlers novels to you?

John Banville: Yes indeed. I suppose I was fourteen or fifteen. I think I first read The Big Sleep, and was captivated by Chandler’s style, wit and refreshing cynicism. Before that, I had not realised what could be done in the crime fiction genre.

Wittstock: How was the experience of writing in the style of an other Author?

John Banville: It was a very strange experience. I wrote the book over the period of a summer, and the strange thing is that i really have no memory of actually writing it, almost as if I had been in a self-induced trance. I do remember enjoying the experience, but at the same time feeling oddly detached from myself. Don’t they say one is capable of hypnotising oneself in order to get a fixed task completed?

Wittstock: Are there any differences between your Marlowe and Chandlers Marlowe?

John Banville: At first I thought that I would ‘update’ Marlowe and make him more a figure of our time, but when I went back and re-read the books I saw at once that Marlowe is complete and fixed, and should not be interfered with in any way. So my Marlowe is Chandler’s Marlowe, except in that I think my Marlowe is more acutely aware of his own isolation and loneliness.

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Buch & Bar (15): “Die literarische Sau”

Bei Pornos muss ich immer an Sex denken

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über sauscharfes Lesen und eher zartscharfes Trinken

Kürzlich schrieb ich in dieser Kolumne über das Buch Wer hat den schlechtesten Sex? von Rainer Moritz (http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1194). Es beschreibt, wie schwer es selbst gefeierten Großschriftstellern fällt, reizvolles Körpergeschehen in reizvolle Wörter zu kleiden und aufs Papier zu bringen. Prompt wuchtete sich ein paar Tage später

"Die literarische Sau". Herausgegeben von Viktor und Viktoria. Verlag Haffmans & Tolkemitt. 19,95 Euro

Die literarische Sau (Haffmans & Tolkemitt, 19,95 Euro) auf meinen Schreibtisch: Eine Anthologie mit sorgsam animierenden Geschichten und Gedichten, die nur wenig andere als pornographische Ziele haben.

Zugegeben, die meisten Beiträge dieses Bandes stammen nicht von Groß-, sondern von ausgesprochenen Kleinschriftstellern. Aber die wissen genau, was sie wollen, widerstehen unerschrocken allen höheren literarischen Zielen und erreichen so treffsicher ihren herrlich niederen Zweck. Wo die Artisten ihre Pirouetten verstolpern, liefern die Facharbeiter gediegene Standards ab. Und, offen gestanden, gediegene Facharbeit ist immer eine feine Sache. Oder um es mit den Worten des unsterblichen Richard Burton zu sagen, der diesem Band das Vorwort lieferte: „All der salbungsvolle Scheiß, der über Pornographie geschrieben wird, ist Unsinn.“

Zur animierenden Literatur passt ein aphrodisierender Drink. Der neue Likör Pussanga behauptet die ultimative Formel gefunden zu haben, um Trinkerinnen und Trinker auf Touren zu bringen. Die stilvolle Bar “Grosz” an Berlins Kurfürstendam bieten ihn bereits an. Ich habe umgehend einen Selbstversuch gemacht: Granatapfel macht Pussanga rot; Ingwer, Chili, und geheimnisvolle Kräuter aus Peru machen ihn scharf. Scharf macht er nicht.

Die Kolumne erschien im Focus vom 11. April 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Ausstellung “Marcel Reich-Ranicki: Sein Leben”

Frankfurt zeigt:

“Marcel Reich-Ranicki: Sein Leben in unbekannten Fotos und Dokumenten”

Gemeinsam mit Wolfgang Schopf habe ich die oben in voller Titelschönheit genannte Ausstellung zusammengestellt. Oder um es mit dem Modewort der Saison zu bezeichnen: Wir haben sie kuratiert. Eröffnung ist am kommenden Donnerstag 28. Mai, 19 Uhr.

Gezeigt werden rund 200 bislang unveröffentlichen Fotos und Dokumente aus dem Besitz von Andrew Ranicki, dazu Materialien der Reich-Ranicki Forschungsstelle in Marburg, des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, Reich-Ranickis Sammlung mit Schriftsteller-Porträts (aus dem Jüdischen Museum Frankfurt), sein Schreibtisch samt Lesesessen (Historisches Museum Frankfurt) und etliche andere gedruckte oder auch ungedruckte Inkunablen.

Hier die Ausstellungsdaten:

Marcel Reich-Ranicki
Sein Leben in unbekannten Fotos und Dokumenten.
Eine Ausstellung des Literaturarchivs der Goethe-Universität.
Vom 29. Mai bis 30. Juni
Literaturarchiv der Goethe-Universität
Dantestr. 9, 60325 Frankfurt am Main
Montags bis Freitags 15 – 19 Uhr
Samstags bis Sonntags 11 – 20 Uhr

Eröffnung am 28. Mai um 19:00 Uhr
Wer an der Eröffnung teilnehmen will, kann sich anmelden unter:
Tel: 069-798 22 71
Mobil: 0173 470 26 12
w.schopf@lingua.uni-frankfurt.de

 

Dazu gibt es ein dreistufiges Begleitprogramm:

2. Juni, 19:30 Uhr
Glückwunsch Marcel
Eva Demski und Ex-OB Petra Roth erinnern sich
am 95. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki
an den persönlichen Freund und großen Frankfurter
Moderation: Andreas Platthaus (FAZ)

15. Juni 2015, 19:30 Uhr
Lesung
Joachim Kersten und Wolfgang Schopf lesen aus
Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf: Der Briefwechsel

26. Juni 2015, 19:30 Uhr
Marcel Reich-Ranicki: Der Kritiker
Ina Hartwig, Martin Lüdke, Hubert Spiegel und Uwe Wittstock diskutieren über die Leistungen eines Kollegen

 

 

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Interview über “Marcel Reich-Ranicki. Die Biographie”

“Reich-Ranicki war ein Volkstribun”

Im Journal Frankfurt ist jetzt ein Interview des Literaturkritiker-Kollegen von Christoph Schröder mit mir über meine Biographie Marcel Reich-Ranicki (Blessing Verlag) erschienen. Was mich naturgemäß freut. Das bislang unpublizierte Foto, mit dem das Magazin den Artikel illustriert hat, stammt aus der Fotosammlung von Andrew Ranicki, die vom 28. Mai bis 30. Juni im Ausstellungsgebäude der Universität Frankfurt, Dantestraße 9, unter dem anspielungsreichen Titel “Sein Leben” zu sehen sein wird. Hier als JPGs die beiden Interview-Seiten aus dem Journal Frankfurt.

 

 


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Buch & Bar (14): Klaus Modick “Konzert ohne Dichter”

Wer Dichter ist, muss wie Dichter aussehen

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über zuckersüßes Lesen und heilsam bitteres Trinken

Schriftsteller vollbringen ihre größten Kunststücke am Schreibtisch allein und im Sitzen. Ein Anblick, der, seien wir ehrlich, nicht gerade das Blut in den Adern gefrieren lässt. Manche Autoren leiden darunter: Da machen sie auf dem Papier die tollsten Sachen, aber

Klaus Modick: "Konzert ohne Dichter". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 17,99 Euro

keiner sieht es ihnen an. Sie möchten, selbst wenn ihre Arbeit so unauffällig daherkommt, gern auch mal ein wenig auffallen.

Von solchen kleinen Eitelkeiten großer Künstler erzählt Klaus Modick unter anderem in seinem glänzenden Roman Konzert ohne Dichter (Kiepenheuer & Witsch, 17,99 Euro): Als Rilke noch recht jung war, trug er gern rote Stiefelchen samt Bauernkittel, die er aus Russland mitgebracht hatte. In Worpswede traf er um 1900 das Jugendstil-Allroundtalent Heinrich Vogeler, der sich als biedermeierlicher Bohemien verkleidete mit Stehkragen, Weste, Schoßrock und Zylinder. Klingt reichlich affig, zugegeben, aber für die Karriere war’s nützlich: Denn wer wie ein Künstler aussieht, erweckt bei vielen Leuten leicht auch den Eindruck, alles was er macht, sei tatsächlich Kunst.

Dabei war, was Rilke damals schrieb, reichlich süßlicher Kram, man konnte es mit bloßem Auge von Kitsch kaum unterscheiden. Deshalb ist es nur gut, wenn Klaus Modick seinen Rilke und seinen Vogeler auf einer Italienreise einen „erstklassigen Kräuterliqueur“ trinken lässt. Den hat man nach der Lektüre von ein paar frühen Rilke-Gedichte auch dringend nötig. Ich würde Averna empfehlen, einen kräftigen, aber eleganten Magenbitter aus Sizilien. Er kann Wunder wirken, wenn literarisches Sodbrennen droht.

Die Kolumne erschien im Focus vom 4. April 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Buch & Bar (13): Martin Suter “Montecristo”

Ein Märchen in den Zeiten der Finanzkrise

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über herrlich harmloses Lesen und Trinken

Lesen Sie öfter mal die Nummern auf ihren Geldscheinen? Nein? Sollten Sie aber. Wahrhaft werthaltige Textzeilen, deren Poesie ganz neue Lebensperspektiven eröffnen können. Jonas Brand zum Beispiel, von Beruf verdrossener Video-Journalist und fröhlicher Romanheld in Martin Suters neuem Bestseller „Montecristo“, liest zweimal

Martin Suter: "Montecristo". Roman. Diogenes Verlag, Zürich. 23,90 Euro

die gleiche Nummer auf zwei verschiedenen Scheinen, und schon wird er auf offner Straße überfallen, seine Wohnung durchwühlt, ein Freund ermordet und für Brands aussichtsarmes Kinoprojekt urplötzlich ein Millionenbudget bewilligt.

Auf den ersten Blick tut Martin Suters Krimi so, als wolle er eine realistische Geschichte erzählen über unsere finanzkriselnden Zeiten, in denen die Banken Geld drucken wie nichts Gutes. Aber auf den zweiten Blick strotzt die Geschichte vor realitätsfernen Zufällen, wie es sie nur im Märchen gibt. Also habe ich mich beim Lesen schon bald entspannt zurückgelehnt, denn Märchen gehen bekanntlich immer gut aus. Das Buch verspricht nicht mehr als ein harmloses Vergnügen und genau das liefert Suter dann auch ab. Seltsamerweise nehmen ihm das manche Literaturkritiker, die selbst zumeist ein komplett harmloses und hoffentlich vergnügtes Leben führen, gern mal übel.

Das harmloseste Getränk, das ich kenne, ist die Weißweinschorle: kostengünstig, niedriger Alkoholgehalt, anspruchslose Zutaten, leicht zu mischen. Das soll nicht verächtlich klingen. Denn an den heißen Sommerabenden, wie sie jetzt bestimmt ! sehr !! bald !!! auf uns zukuommen, ein prima Durstlöscher. Jawohl, auch die Weißweinschorle hat ihr Existenzrecht! Nur wer unter euch ohne Getränkesünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Die Kolumne erschien im Focus vom 28. März 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Buch & Bar (12): Rainer Moritz “Wer hat den schlechtesten Sex?”

Wenn die Körper läuten wie Kathedralen

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über fabelhaft sinnbefreites Lesen und Trinken

Body-Talk. Was zwei Körper sich zu sagen haben, wenn sie unter einer Decke stecken, kann betörend sein und unvergesslich. Doch diesen Dialog der Leiber in annähernd so betörende Worte zu übersetzen, zählt zu den heikelsten Aufgaben der Weltliteratur. Selbst meisterhafte Dichter scheitern erstaunlich oft daran. Das Problem ist alt und über die Gründe wird gern spekuliert.

Rainer Moritz: "Wer hat den schlechtesten Sex? Eine literarische Stellensuche". DVA, München 2015. 17,99 Euro

Rainer Moritz spekuliert kräftig mit in seinem ebenso klugen wie komischen Buch „Wer hat den schlechtesten Sex?“. Für Heiterkeit sorgen vor allem natürlich die Zitate missratener Sex-Passagen namhafter Autoren. Etwa diese wunderbar sinnfreien „wie“-Vergleiche beim literarischen Liebesspiel: „Sie umhüllte ihn wie warmer Moornebel.“ Oder: „Dann brach mein Körper wie eine Kathedrale in Geläut aus.“ Oder: „Die Stille war überall, und er kam wie ein trinkendes Pferd.“ Willkür und Wahnsinn reichen sich hier traulich die Hände.

„Beer drinkers make better lovers“, sagt der britische Volksmund. Ich habe meine Lieblingsärztin, mit der ich angenehmerweise verheiratet bin, gefragt, was von dieser Behauptung aus medizinischer Sicht zu halten ist. Ihre Antwort war eindeutig und nicht zitierfähig. Dennoch scheint mir ein Glas Bier, oder besser noch: scheinen mir zwei, drei Gläser davon, die ideale Ergänzung zu diesem Buch zu sein. Denn Bier entspannt und macht das Urteil milder. Schriftsteller, die sich an Sex wagen – im literarischen Sinne natürlich – , werden dafür dankbar sein.

Die Kolumne erschien im Focus vom 14. März 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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2 unbekannte Telegramme von Marcel Reich-Ranicki

 ”Ich bin am Leben” und andere Familienpost

Für die erste vollständige Biografie Marcel Reich-Ranickis hat mir sein Sohn Andrew Ranicki über 200 Dokumente und Fotos aus privaten Alben zur Publikation anvertraut. Die Materialien haben das Bild vom Leben seiner Eltern verändert und anschaulicher gemacht. Das Buch Marcel Reich-Ranicki. Die Biographie erschien am 24. April im Blessing Verlag, München (19,99 Euro). Am 28. Mai sollen diese Materialien in der von Wolfgang Schopf und mir kuratierten Ausstellung „Sein Leben“ in Frankfurt (Dantestr. 9) zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden. Hier möchte ich vorab zwei Telegramme von Marcel Reich-Ranicki aus dem Jahr 1945 an seine Schwester Gerda Böhm in London vorlegen.

Wie sagt man, wenn man überlebt hat? Wie schreibt man der eigenen Schwester, dass man davongekommen ist? Davongekommen nach fünf Jahren, in denen man täglich ermordet werden konnte, genauer: täglich ermordet werden sollte?

Uwe Wittstock: "Marcel Reich-Ranicki. Die Biographie". Blessing Verlag, München 2015. 19,99 €

Am 26. Mai 1945 musste Marcel Reich, der später unter dem Namen Marcel Reich-Ranicki zu einem der mächtigsten Journalisten Deutschlands wurde, in Warschau eine Antwort auf diese Frage finden. Er war 24 Jahre alt.

Ein paar Tage zuvor hatten die deutschen Truppen kapituliert, der Krieg war vorbei, Hitler besiegt. Doch noch immer blieb die Kommunikation über Ländergrenzen – besser: Frontverläufe – hinweg, weitgehend dem Militär vorbehalten. Deshalb fand sich nur unter größten Schwierigkeiten eine Chance, ein Telegramm ins Ausland zu schicken. Ein erstes Lebenszeichen.

Man darf sich das Warschau von 1945 nicht als Stadt mit ein paar Kriegsschäden vorstellen. Nach dem polnischen Aufstand gegen die deutschen Besatzer im Jahr zuvor, hatten Sprengkommandos die Stadt auf Hitlers Befehl systematisch zerstört. Straßenzug um Straßenzug war in Geröllhalden verwandelt worden. Warschau galt als unbewohnbar, als buchstäblich zermalmt. Fachleute rieten, das Trümmerfeld abzutragen und die Stadt an anderem Ort neu zu errichten.

Ein winziges Foto aus diesem Jahr zeigt den jungen Marcel Reich-Ranicki in polnischer Uniform mit Freunden zwischen dem, was vom Warschauer Ghetto geblieben war: Schutt, lose Steine, ein paar Balken, ein zersplitterter Fensterrahmen.

Seine Schwester Gerda hatte es im Juli 1939 noch geschafft, zusammen mit ihrem Mann Gerhard Böhm aus Berlin nach London zu fliehen. Falls sich an ihrer Adresse in Hampstead Hill nichts geändert hatte, konnte ein Telegramm sie erreichen.

Wie schreibt man, dass man überlebt hat? Reich-Ranicki tat es so nüchtern wie möglich: „I am alive“. Dann fügte er, obwohl so viel Entsetzliches zu berichten gewesen wäre, zwei positive Nachrichten hinzu: Er sei verheiratet mit Teofila Langnas (die Ehe wird fast 69 Jahre bis zu Teofilas Tod 2011 halten), und er arbeite nun für ein Ministerium. Und bittet um rasche Antwort.

Erste Lebenszeichen nach Jahren der Lebensgefahr: Marcel Reich-Ranickis Telegramme vom 26. Mai 1945 und vom 19. Juni 1945 an seine Schwester Gerda Böhm in London

Diese Antwort Gerda Böhms an ihren Bruder ist nicht erhalten geblieben. Wohl aber ein zweites erschütterndes Telegramm Reich-Ranickis an seine Schwester, das er erst fünf Wochen später, Ende Juni 1945, abschicken konnte. Nun gab es für ihn keine Möglichkeit mehr, ihr die heillosen Familiennachrichten zu ersparen. Ihre Eltern, so teilte er ihr in nur neun knappen Telegramm-Worten mit, sind im September 1942 im Vernichtungslager vergast, ihr Bruder Alexander ein Jahr später ermordet worden.

Vielleicht hat die Botschaft Gerda Böhm trotz allem nicht ganz unvorbereitet getroffen und ihr nur eine letzte traurige Gewissheit verschafft. Denn die so kurze wie sachliche Nachricht „I am alive“ hat, sobald man über sie nachzudenken beginnt, eine finstere Seite. In dem Satz „Ich bin am Leben“ musste für Reich-Ranickis Schwester bereits ein viel sagendes Schweigen über die Eltern und den Bruder anklingen. Sie wird dieses Schweigen, nach den langen Jahren ohne jede Nachricht von ihrer Familie in Polen, wohl nicht überhört haben.

 

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