Buch & Bar (14): Klaus Modick “Konzert ohne Dichter”

Wer Dichter ist, muss wie Dichter aussehen

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über zuckersüßes Lesen und heilsam bitteres Trinken

Schriftsteller vollbringen ihre größten Kunststücke am Schreibtisch allein und im Sitzen. Ein Anblick, der, seien wir ehrlich, nicht gerade das Blut in den Adern gefrieren lässt. Manche Autoren leiden darunter: Da machen sie auf dem Papier die tollsten Sachen, aber

Klaus Modick: "Konzert ohne Dichter". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 17,99 Euro

keiner sieht es ihnen an. Sie möchten, selbst wenn ihre Arbeit so unauffällig daherkommt, gern auch mal ein wenig auffallen.

Von solchen kleinen Eitelkeiten großer Künstler erzählt Klaus Modick unter anderem in seinem glänzenden Roman Konzert ohne Dichter (Kiepenheuer & Witsch, 17,99 Euro): Als Rilke noch recht jung war, trug er gern rote Stiefelchen samt Bauernkittel, die er aus Russland mitgebracht hatte. In Worpswede traf er um 1900 das Jugendstil-Allroundtalent Heinrich Vogeler, der sich als biedermeierlicher Bohemien verkleidete mit Stehkragen, Weste, Schoßrock und Zylinder. Klingt reichlich affig, zugegeben, aber für die Karriere war’s nützlich: Denn wer wie ein Künstler aussieht, erweckt bei vielen Leuten leicht auch den Eindruck, alles was er macht, sei tatsächlich Kunst.

Dabei war, was Rilke damals schrieb, reichlich süßlicher Kram, man konnte es mit bloßem Auge von Kitsch kaum unterscheiden. Deshalb ist es nur gut, wenn Klaus Modick seinen Rilke und seinen Vogeler auf einer Italienreise einen „erstklassigen Kräuterliqueur“ trinken lässt. Den hat man nach der Lektüre von ein paar frühen Rilke-Gedichte auch dringend nötig. Ich würde Averna empfehlen, einen kräftigen, aber eleganten Magenbitter aus Sizilien. Er kann Wunder wirken, wenn literarisches Sodbrennen droht.

Die Kolumne erschien im Focus vom 4. April 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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