Lesen und lesen lassen

Über Leseglück oder:
Bahn nie ohne Buch!

Daniel Kampa hat ein hinreißendes Buch mit Gedichten, Essays und Erzählungen über das Lesen zusammengestellt. Nikolaus Heidelbach hat es prachtvoll illustriert mit allerlei Getier, das sich in Bücher vertieft. Einen solchen Band zu rezensieren, macht wenig Spaß. Aber schwärmen kann man von ihm. Und vom Lesen.

Leser sind friedlich. Leser machen wenig Ärger. Sie sitzen da, atmen und blättern um. Mehr nicht. Ein stilles Volk, ein stilles Glück. Wie wunderbar das ist, begreift man sofort, wenn man, sagen wir, im ICE-Sprinter zwischen Frankfurt und Berlin in einem Großraumabteil sitzt zusammen mit der 10c aus Offenbach-Bürgel, die zur Klassenfahrt in die Hauptstadt startet. ICE-Sprinter kennen keinen Zwischenhalt. Und die Schüler keine Gnade. Niemand ist still. Niemand liest. Nirgendwo Glück. Nur Ärger.

Daniel Kampa / Nikolaus Heidelbach: "Lesen und lesen lassen". Atlantik Verlag, Hamburg. 25 Euro

Lesen ist eine Himmelsmacht. Nicht nur unter Lärmgesichtspunkten. Lesen schenkt Frieden. Nehmen wir an, der ICE ist zwischen Frankfurt und Berlin zum dritten Mal „außerplanmäßig zum Stillstand gekommen“, wie der Schaffner durchsagt. Dann verzerrt der Zorn bei manchen Fahrgästen unschön das Gesicht. Hat man jedoch einen rasend spannenden Krimi dabei, kuschelt man sich sauglücklich in seinen Sitz und hofft heimlich, der Stillstand möge noch 83 Seiten lang andauern, bis der Serienkiller endlich gestellt ist.

Deshalb: Betreten Sie nie eine Bahn ohne Buch! Besser noch: Gehen Sie nie ohne Buch aus dem Haus! Vielleicht müssen Sie ja überraschend Bahn fahren. Daniel Kampa kennt die Macht des Lesens und hat hier quer durch die Weltliteratur fabelhafte und fabelhaft witzige Hymnen auf diese Himmelsmacht gesammelt: Beiträge von Joseph Roth und Eugen Roth sind dabei, gleich vier von Kurt Tucholsky, zwei von Joachim Ringelnatz und zwei von Robert Walser, dazu welche von Franz Hessel, Robert Gernhard, Ernst Jandl oder Mascha Kaléko. Also lauter Autoren, die schon auf der kurzen literarischen Strecke ganz außerordentlichen Charme entfalten. Und Nikolaus Heidelbach, dessen Zeichnungen nicht minder charmant sind, hat sie umwerfend schön illustriert.

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Eine Antwort auf Lesen und lesen lassen

  1. matthias sagt:

    wenn’s nicht gleich eine ice-fahrt ist, sondern eher was im öpnv, empfehle ich die vorzügliche sammlung von klaus wagenbach (natürlich in seinem verlag): Störung im Betriebsablauf (wirkt aber auch bei ordnungsgemäßen Verkehr sehr gut …)

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