Buch & Bar (42): Polly Morland “Risk Wise”

Vom saugefährlichen Leben der Professoren

Heute: Über elterlich ehrlich aufgewühltes Lesen und Trinken

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Polly Morland: "Risk Wise. Von der Kunst mit Risiken zu leben". Weissbooks Verlag, Frankfurt am Main. 9,99 Euro

No risk, no fun. – Unser jüngster Sohn trainiert begeistert Parkour. Soll heißen: Er springt schon mal Salti das Treppenhaus runter oder balanciert über Brückengeländer. Er hat massenweise „Fun“ dabei, und Annette und ich geben uns massenweise Mühe, nicht zu viel ans „Risk“ zu denken.

Die Britin Polly Morland hat jetzt ein Buch über die Liebe zum Risiko geschrieben. Sie nennt es „Risk Wise“ (weissbooks, 9,99 Euro) und erzählt darin von Leuten, die neben Vulkankratern wohnen, als Ski-Abfahrtsläufer oder hoch verletzungsgefährdete Ballettstars ihr Geld verdienen. Sie alle haben Spaß, Erfolg und wenig Verständnis für Angsthasen. Ehrlich gesagt: Interviews aus dem Krankenhaus mit weniger erfolgsverwöhnten Risikoliebhabern hätten mich mehr beeindruckt. Im Nachwort stimmen dann noch Nietzsche und Heidegger Loblieder an aufs gefährliche Leben. Der eine war Professor in Basel, der andere in Freiburg, nie balancierte sie auf Brückengeländern.

Vielleicht verstehen Sie jetzt, dass ich mir gelegentlich einen beruhigenden Drink mixe. Sehr gelobt wird der T-Town Tranquilizer, ein Punch mit so vielen Zutaten (2 Wodkas, 1 Korn, 7 Obstsorten, Ananassaft, 1 Dose 7up), dass man an Nervosität stirbt, bevor er fertig ist. Empfehlen kann ich Limoncello, einen Zitronen(schalen)likör. Mit Eis und Thymian wirkt er erfrischend und zugleich erstaunlich entspannend.

Die Kolumne erschien im Focus vom 17. Oktober 2015. 
 
2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Gespräch mit Ernst Augustin

“Bis 12 Uhr war ich ein Literatur-Star”

Ernst Augustin im Gespräch über seinen Roman “Schönes Abendland” von 2007, die Gruppe 47 und das Schreiben allein in der Wüste sowie die Schwarze Romantik.

Der Schriftsteller Ernst Augustin feiert heute seinen 88. Geburtstag und fällt aus der Reihe. Schon sein Haus im Münchner Stadtteil Neuhausen sticht heraus: Zwischen gleichförmigen Fassaden wirkt es von den Bäumen des eigenen Gartens wie umhüllt und verborgen. Sein Treppenhaus ist bis in den dritten Stock hoch ausgemalt von Augustins Ehefrau, der Malerin Inge Augustin. Der Hausherr, für den Architektur nicht nur in seinen Romanen eine große Rolle spielt, hat es mit Dachterrasse und Keller-Disko, mit Kajützimmer und privater Nachtbar, mit verschwiegenen Gängen und geheimen Türen zu einem sehr persönlichen Wunderhaus umgestaltet. Zur Feier seines Geburtstags hier ein Gespräch mit ihm über seinen großen Roman “Schönes Abendland”.

Ernst Augustin: "Schönes Abendland". Roman. dtv. 12,90 Euro

Uwe Wittstock: 2007 erschien ihr Roman „Schönes Abendland“, eine Neufassung ihres Romans „Mamma“ von 1970. Was für Erfahrungen haben Sie bei der Arbeit an diesem fast vier Jahrzehnte alten Buch gemacht?

Ernst Augustin: Ich habe das Buch immer geliebt, aber es wurde nicht geliebt. Dann habe ich es noch einmal durchgelesen, und ich muss sagen, es war misslungen. Ich erzählte nacheinander die sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten von Drillingen. Aber die Reihenfolge war falsch. Ich habe die jetzt umgestellt, vieles neue geschrieben und verändert. Einer der drei Helden wird General, dessen Lebensgeschichte stand früher zu Anfang. Marcel Reich-Ranicki hat das Buch damals schroff abgelehnt, er fand es militaristisch. Offenbar hatte er nur den Anfang gelesen und die Ironie der Geschichte nicht verstanden. Heute würde er, mit dem Kaufmann beginnend, vielleicht mehr Stimmigkeit entdecken.

Wittstock: „Schönes Abendland“ ist ein großer, anspruchsvoller Titel. Fast, als enthielte der Roman eine Art Weltformel, eine Erklärungsformel fürs gesamte Abendland.

Augustin: Es ist ein abendländisches Gleichnis. Es beginnt in der Renaissance-Zeit, in der drei Männer, der Kaufmann, der General und der Arzt für allzu großes Gewaltstreben hingerichtet werden. Sie werden auf der Stelle wiedergeboren – dieses Mal in unserer Zeit – und wieder streben sie mit allen Mitteln, die ihre Gesamtexistenz in sich trägt, nach Reichtum, Macht, Wissen. Im Übermaß. Ich habe diese drei Lebensläufe als eine Art absurde Kultur- und Sittengeschichte geschrieben: Absurdität des Habenwollens, der maßlosen Aufstiegs- (und Abstiegs-) Möglichkeiten, und der daraus resultierenden ziemlich tödlichen Ergebnisse. So erscheinen sie mir doch sehr abendländisch.

Wittstock: Wie war das Echo damals? Aus heutiger Sicht hat man nicht den Eindruck, dass ein so ironisch flirrendes, phantastisches, schrilles Buch gut in die Hochzeit der Studentenbewegung passte.

Ernst Augustin: "Romane und Erzählungen" In acht Bänden. Verlag C.H.Beck. 78 Euro

Augustin: Ich habe auch Zustimmung bekommen, größtenteils aber Ablehnung geerntet. Der Werbemann meines damaligen Verlages, Suhrkamp, hatte den Slogan geprägt: Man erzählt wieder. Das klang wie: Man trägt wieder Hut und kam gar nicht gut an. Der Roman passte wohl tatsächlich nicht in diese Zeit eines teilweise politischen, teilweise literarisch formalistischen Avantgardismus. Ich wollte erzählen, ich bin ein Erzähler. Vielleicht trifft das Buch heute auf offnere Ohren.

Wittstock: Sie haben aus diesem Roman auch 1966 in Princeton bei der Gruppe 47 gelesen?

Augustin: Da fing das Unglück schon an. Ich las dort einen Ausschnitt aus dem Romanteil über den Arzt unter meinen drei Helden. Eine in sich geschlossene, runde Geschichte über seine kindlichen Doktorspiele. Es war ein großer Erfolg, die Geschichte kam prächtig an, wurde hoch gelobt. Damals glaubte man ja noch, dass jeder, der von der Gruppe 47 gefeiert wird, sofort der nächste Literaturstar wird. Ein Journalist der Münchner Abendzeitung telegrafierte sofort in seine Redaktion: „Ich war dabei!“ Man hat mich richtiggehend hofiert. Aber nur bis 12 Uhr mittags. Am Nachmittag kam Peter Handkes großer Auftritt, seine Kritikerbeschimpfung, seine wütende Rede gegen die Gruppe 47. Damit war ich völlig abgemeldet. Ich existierte nicht mehr. Handke war nun der große Mann.

Wittstock: Man merkt das ihren Büchern deutlich an: Sie haben sich nicht den damals in Deutschland verbreiteten literarischen Trends angeschlossen. Welche Vorbilder hatten Sie statt dessen?

Augustin: Ich hatte wenig Vorbilder. Ich kam ja aus der DDR. Die ganze Moderne gab es da gar nicht. Es gab keinen James Joyce, es gab noch nicht einmal Kafka. Was ich dort gelesen habe, waren die großen russischen Autoren, ich habe Gogol gelesen und sehr geliebt. Dann natürlich Thomas Mann. Und Hans Fallada, ein ausgesprochener Erzähler, den ich sehr mochte. Ansonsten aber habe ich mich vor allem mit den Romantikern beschäftigt. Mit E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Edgar Allan Poe, Melville. Die Romantiker sind für mich bis heute der wichtigste literarische Bezugspunkt.

Wittstock: Haben Sie damals überhaupt in Deutschland gelebt?

Augustin: Ja und nein. Ich habe ja immer einen Fuß draußen gehabt. Ich kam 1958 aus der DDR in den Westen und bin dann direkt nach Afghanistan gegangen, habe dort bis 1961 als Arzt gearbeitet für eine amerikanische Firma, die unter anderem einen Staudamm baute, Brücken und ein Bewässerungssystem. Entwicklungshilfe eben. Dort habe ich dann angefangen zu schreiben. Meinen ersten Roman „Der Kopf“. Das war geboren aus der Situation. Ich saß allein mitten in der Wüste und schrieb vor mich hin. Und habe mir so durch meine Figuren etwas Gesellschaft verschafft. Nach 1961 kam ich dann zurück nach Deutschland, bevor ich in Mittelamerika, in Costa Rica gearbeitet habe. Das Aufnahmeverfahren als DDR-Flüchtling in der Bundesrepublik habe ich erst nach meiner Rückkehr aus Afghanistan gemacht. Genau genommen war ich dort – den DDR-Pass hatte ich nicht mehr, den neuen Pass noch nicht – drei Jahre lang staatenlos.

"Ernst Augustin". Edition Text + Kritik. Göttingen 2015. 24 Euro

Wittstock: Das ist vielleicht eine bezeichnende Episode für Ihr Schicksal: Sie sind ein Sonderfall. Ihr üppiges, schwelgerisches, ebenso phantastisches wie realistisches Fabulieren passt hierzulande nicht in die üblichen Kategorien.

Augustin: Eigentlich bin ich selbst Romantiker. Es ist ja eine sehr deutsche, eine urdeutsche literarische Veranlagung. Schwarze Romantik liegt mir am meisten. Es muss im Hintergrund immer ein schweres Gewitter aufziehen, immer schwarz bei aller Lieblichkeit im Vordergrund, bei aller Ironie und leichter Hand, die ich rüberzubringen versuche. Es ist mein Los und meine Freude.

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Porträt des Schriftstellers Ernst Augustin

Autor, Arzt und Abenteurer: Der Erzähler Ernst Augustin ist nicht zum fassen

Heute hat er Geburtstag. Und zwar den 88. Ernst Augustin ist einer der großen Schriftsteller der deutschen Literatur, der in keine der üblichen Kategorien passt: Ein Weltreisender, Psychiater, phantastischer Realist, literarischer Traum-Forscher und Kunst-Labyrith-Baumeister. Ich habe ihn in seinem Münchner Haus besucht, das er mit seiner Frau in ein wahres Wunder-Werk verwandelt hat.

Die Pariser Oper gefällt ihm. Also hat er sie sich ins Haus geholt. Genauer: maßstabsgerecht verkleinerte Teile davon. Zwei gut ein Meter hohe, grauweiße Modelle der Fassade stehen in Ernst Augustins Arbeitszimmer und laden ein zu Spaziergängen unter prachtvollen Arkaden, zu Streifzügen über marmorne Aufgänge und Treppen, zum Flanieren durch festliche Entrees, Foyers, Hallen und Spiegelsäle. Oder auch zur Suche nach verborgenen Winkeln, versteckten Türen, labyrinthischen Fluchtgängen, wie sie Phantome in der Oper bekanntlich brauchen. Und fassadenkletternde Trickdiebe auch. Oder die zahlreichen heimlichen Liebhaber der Sopranistin. Oder Attentäter auf dem Weg zur Präsidentenloge. Nicht zu glauben, wie phantasiesteigernd so ein Riesengebäude in Tischformat sein kann. Kaum fällt der Blick drauf, gleiten die Augen in eine andere Wirklichkeit, in der die erstaunlichsten Dinge möglich sind. Jedes Giebelchen, jede Nische, jeder Erker vollgestopft mit Geschichten.

Ernst Augustin: "Raumlicht: Der Fall Eveline B." Roman. dtv. 9,90 Euro

Wer über den Autor, Arzt und Abenteurer Ernst Augustin spricht, kann über Architektur nicht schweigen. Augustin zählt zu den großen Baumeistern und Raumerfindern unter den deutschen Schriftstellern. Manchmal empfangen seine Bücher den Leser gleich mit der Beschreibung eines Hauses und seiner Zimmer, detailliert bis hin zu Sesseln, Schränken, Teppichen, Tapeten, Bildern, Büchern wie der Roman „Raumlicht: der Fall Eveline B.“ Oder sie laufen über 200 Seiten hinweg auf die minuziöse Schilderung eines Sand- und Sonnenstudios zu, eines perfekten Verführungsgemaches für eine sommersüchtige, schönhüftige Badenixe wie „Die Schule der Nackten“.

Augustins imaginäre Welten sind wie waghalsige Architekturmodelle, in denen man von Raum zu Raum wandert, vom exquisiten Boudoir zum kahlen Keller, von der engen Bude zur guten Stube, von der frommen Kemenate zu grandiosen Gelass. Es tun sich immer neue, fabelhafte Ein- und Ausblicke auf, der Leser durchschreitet eigentümliche Zimmerfluchten voller kleiner erzählerischer Wunderwerke und Überraschungen. Einen genialen Fälscher, der an neuen deutschen Geldscheinen scheitert, macht Augustin ebenso zu seinem Romanhelden (in „Gutes Geld“) wie einen afghanischen Mogulkaiser im Jahre 1000 („Mahmud der

Ernst Augustin: "Die Schule der Nackten" Roman. dtv. 9,90 Euro

Bastard“), ein FKK-Schwimmbad genauso zum Romanthema („Schule der Nackten“) wie eine psychotherapeutische Gruppe in London („Eastend“).

Seine Bücher fügen sich nicht in gängige Genre oder Literaturmuster, es sind machtvoll wuchernder Gebilde eigener Güte. Aber wer will, kann diese Bauten immer auch als Seelenwelten betrachten, als Seelenräume, die der Arzt, der Psychiater Ernst Augustin schreibend sowohl entwirft wie auch erforscht. „Das ist meine Schale“, sagt er, und meint damit sein Münchner Haus. Dabei sieht er gar nicht aus, als bräuchte er eine Schale: Groß, beweglich, lachlustig.

Aus diesem Haus hat er, zusammen mit seiner Frau, der Malerin Inge Augustin, auch so ein Wunderwerk gemacht. Ein Kunst-Labyrinth auf vier Etagen, plus einen Keller. Von außen ist es ganz zugewachsen und unscheinbar. Innen aber warten schon an den Treppenhaus-Wänden gemalte Marmorsäulen vor südlichen Trompe-l’Œil-Landschaften. Dazu füllig-prächtige Frauen-Plastiken, die Botero vor Neid erblassen lassen sollten.

Und auf dem Dach hat Ernst Augustin einen Wintergarten angelegt samt Terrasse, in den Etagen darunter eine Bibliothek und eine Schiffskajüte im englischen Stil, dazu eine schummrige Nachtbar und im Keller eine Diskothek in türkis-rosa nur für den persönlichen Gebrauch. Hinter Spiegeltüren verbergen sich geheimnisvolle Nebentreppen und irgendwo im Haus, so kokettiert Augustin, hat seine Frau ihr persönliches „Hideaway“, von dem er nicht genau wisse, wo es ist und in dem er nie gewesen sei.

Ernst Augustin: "Gutes Geld" Roman in drei Anleitungen. Verlag C.H.Beck. 19,95 Euro

Auch Augustins Biographie wirkt ein wenig wie so eine seltsame Zimmerflucht. Lauter gewichtige Stationen, die wie unverbunden nebeneinander stehen. Er wurde im Riesengebirge geboren, in dem Städtchen Hirschberg, das heute Jelenia Góra heißt und in Polen liegt. Zur Schule ging er im mecklenburgischen Schwerin, wo er als halbes Kind noch zur Wehrmacht eingezogen und verheizt werden sollte. Aber er beeindruckte die Musterungskommission mit 50 Klimmzügen, qualifizierte sich so für eine Offizierslaufbahn, durfte deshalb ein Jahr länger zum Gymnasium – und als er dann tatsächlich Uniform trug, war kurz darauf der Krieg zu Ende.

In der DDR studierte er Medizin, wurde erst Chirurg in Wismar, dann Psychiater an der Ostberliner Charité, dem heimlichen Zentrum für schriftstellerisch ambitionierte Ärzte, beziehungsweise ärztlich vorgebildete Schriftsteller: Dort betrieb schon ein Mediziner namens Alfred Döblin wissenschaftliche Forschungen, bevor er mit seinem Roman „Berlin Alexanderplatz“ zu Weltruhm kam, dort arbeitete der Arzt Gottfried Bermann-Fischer, der den S.Fischer Verlag durch die Nazi-Zeit brachte und Peter Bamm, der in der Nachkriegszeit Bestseller schrieb, hier stand der Dramatiker Heinar Kipphardt als Assistenzarzt am Krankenbett und hier arbeitete der Erzähler Jakob Hein.

Ernst Augustin: "Der amerikanische Traum" Roman. dtv. 9,90 Euro

Augustin lebte seine literarischen Leidenschaften allerdings erst aus, als er die DDR verlassen hatte. 1958 ging er in den Westen und leitete für drei Jahre ein amerikanisches Krankenhaus in Afghanistan. Nebenher schrieb er seinen ersten Roman „Der Kopf“, der 1962 nach seiner Rückkehr nach Deutschland erschien. Das Buch wurde bestens aufgenommen und mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet, aber es konnte seinen Autor nicht im Lande halten. Augustin, der Abenteurer, ließ sich zu ausgedehnten Reisen durch Indien, durch die Türkei und Russland verlocken. Und ging für das gleiche amerikanische Unternehmen, für das er bereits in Afghanistan gewesen war, nun lange nach New Orleans. Was ihn nicht davon abhielt, in München als Gerichtsgutachter zu arbeiten, sich ein Haus zu kaufen und es nach seinen Vorstellungen aus- und immer weiter umzubauen.

So wenig sich Augustins Leben in ein Schema pressen läßt, so wenig läßt sich seine Literatur auf einen einfachen Nenner bringen. Am besten paßt vielleicht das Etikett Phantastischer Realismus. Der Roman „Der amerikanische Traum“ zum Beispiel beginnt mit einem Jungen, der – wie Augustin – den letzten Kriegswinter in der Nähe von Schwerin verbringt. Aber er hat – anders als Augustin – das Pech, von einem Tiefflieger angegriffen, vom Fahrrad geschossen und tödlich verletzt zu werden. Auf den letzten Seiten des Buches, kommt das Vorderrad des umgestürzten Fahrrades sehr langsam zum Stillstand, und mit dem Ende dieser Bewegung endet auch das Leben des jungen Fahrers.

Ernst Augustin: "Mahmud der Bastard" Roman. dtv. 9,50 Euro

Zwischen diesem unsinnigen Angriff und dem absurden Streben des Kindes erzählt Augustin auf gut 200 Seiten den Lebenstraum des Jungen – und der entpuppt sich als rasante Abenteuergeschichte, angesiedelt irgendwo zwischen der Welt von Karl Mays Old Shatterhand und Raymond Chandlers Detektiv Marlowe. Im Kino würde man so etwas wohl eine Genre-Parodie nennen, ein luftig-ironisches Spiel mit altbekannten Handlungsmustern, in das sich bei Augustin allerdings auch die Besatzung jenes Tieffliegers einmischt – womit sich die erzählte Wirklichkeit und die erzählte Traumgeschichte durchdringen. Aber ungewöhnlich ist nicht nur das Thema, ungewöhnlich ist auch die Sprache.

Augustin hat in seinen späten Romanen einen federleichten, humorvollen, ganz und gar entspannten Stil entwickelt, der klingt, als hätte sich das gesprochene Alltagsdeutsch wie von selbst aufs Papier geschmuggelt. Augustin schaut dabei den Menschen keineswegs aufs Maul, wie in solchen Fällen das Klischee gern behauptet, vielmehr verdankt sich dieser scheinbar einfache Ton einer eminenten Kunstleistung. Jede sprachliche Einschüchterungsgeste, alles Hochtrabende, Gestelzte, das der deutschen Literatur so schwer auszutreiben ist, hat Augustin hier hinter sich gelassen und so eine Art Trompe-l’Oreille geschaffen, einen ohrentäuschend realistischen Sound, der in heiterer Gelassenheit phantastische Welten aufblättert.

Wer so viele Welten, Häuser, Räume entwirft wie Augustin, wer zugleich Arzt und Autor ist und dazu noch so gern in fernste Fernen verschwindet, der läßt sich naturgemäß kaum festlegen. Er ist nicht zu fassen. Man kann nur schwer sagen: So ist er, das ist er, hier ist er. Denn er ist immer auch ganz anders und schon wieder weit fort. Vielleicht hält es Ernst Augustin mit dem Leben so, wie es das Märchen vom Hase und vom Igel erzählt. Wann immer das hasenhafte Leben angehetzt kommt, kann er sagen: „Ich bin schon da!“ Im sicheren Gefühl, daß er genausogut auch woanders ist.

"Ernst Augustin" Edition Text und Kritik. Göttingen 2015. 24 Euro

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Buch & Bar (41): Wilhelm Schmid “Vom Nutzen der Feindschaft”

Gibt es noch Ritter in unritterlicher Zeit?

Heute in der Kurz-Kolumne “Buch & Bar”: Über braves Lesen und wildes Trinken – und zwar im Falle von Wilhelm Schmids Plädoyer für den “Nutzen der Feindschaft” samt einem kräftigen Schluck “Zombie”-Cocktail

Wilhelm Schmid: "Vom Nutzen der Feindschaft". Mit Illustrationen von Caroline List. Insel Verlag, Berlin 2015. 8 Euro

Der Philosoph Wilhelm Schmid schwärmt in seinem neuen Buch „Vom Nutzen der Feindschaft“ (Insel Verlag, 8 Euro). Denn, so Schmid, Feindschaft gibt dem Leben ein Ziel (dem Feind schaden), schärft die Sinne (beim Belauern), macht selbstkritischer (um sich ja keine Blöße zu geben), befeuert die Fantasie (beim Ersinnen der nächsten Kriegslist) und setzt ungeahnte Energien frei (sobald der Kampf beginnt).

Kurz, Feinde sind echt super. Fast das Beste im Leben. Wir müssen froh sein, sie zu haben.

Blutig ernst meint Schmid das vermutlich nicht, denn sein Buch ist voller Ratschläge, wie Hass eingedämmt, starre Fronten gelockert, das Menschliche im Feind entdeckt, seine Vernichtung vermieden oder ein Ausweg aus dem Streit gefunden werden kann. Falls ich alles richtig verstanden habe, geht es Schmid also um sehr gepflegte Feindschaften mit gegenseitiger ritterlicher Wertschätzung und so. Sicher, die sind bestimmt prima, mir aber leider noch nie über den Weg gelaufen.

Die Feindschaften, die ich kenne, erinnern mich eher an den Zombie-Cocktail. Für den gibt es nämlich keine festen Regeln: Fünf oder sechs Rumsorten zusammenkippen, darunter gern auch welche mit 70 % Vol., dazu Crushed Ice und irgendwelche Fruchtsäfte, was gerade rumsteht, egal. Kräftig schütteln, trinken und dann Gott befohlen.

Die Kolumne erschien im Focus vom 9. Oktober 2015. 
 
Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann. 2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

 

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Buch & Bar (40): Günter Grass “Vonne Endlichkait”

Das letzte Selfie eines Patriarchen

Buch & Bar: Heute über federleichtes vogelfreies Abschiednehmen beim Lesen und Trinken

Günter Grass: "Vonne Endlichkait". Steidl Verlag, Göttingen 2015. 28 Euro

Das Leben ist kein Ponyhof, klar. Das Sterben aber erst recht nicht. Zumal wenn einem der Glaube an Gott und Jenseits gründlich abhanden gekommen ist. Günter Grass berichtet davon in seinem letzten Buch „Vonne Endlichkait“ (Steidl, 28 Euro).

Vom Zerbröseln der Zähne bis zum Brodeln der Pfeifenraucher-Lunge registriert Grass den Verfall seines Körpers. Aber er jammert nicht, sondern schreibt, liest, zeichnet. Und genießt, was noch zu genießen ist: seine Arbeit, die Natur, die lang geübte Harmonie mit seiner Frau, die eigene Ironie angesichts seiner Gebrechlichkeit und die Freiheiten des Alters: „Mich spüren. Federleicht vogelfrei sein, wenngleich seit Langem reif zum Abschuss.“

Kurz, Grass zeigt Haltung. Er malt ein cooles Abschiedsporträt von sich, auf dem er auf ganz zivile Weise todesmutig dasteht. Ein Bild, das sich als Vorbild anbietet, und wie fast alle Vorbilder auch ein wenig auf die Nerven geht.

Ich hoffe, Grass’ letzte Monate waren tatsächlich so, wie er sie hier beschreibt. Und hebe mein Glas zum Abschied auf einen kantigen Mann. Womit? Danziger Goldwasser würde sich anbieten, aber das ist nicht so mein Fall. Lieber nehme ich den polnischen Wodka Starka Banquet. Er reift 30 Jahre in Eichenfässern, hat 50 % Vol., ist kostbar und definitiv etwas für den besonderen Moment.

Die Kolumne erschien im Focus vom 2. Oktober 2015. 
 
Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann. 2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

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Buch & Bar (39): Jim Holt “Kennen Sie den schon?”

Wenn sich Körper in Ekstase winden

Heute über: Jim Holt und die Geschichte und Philosophie des Witzes

Jim Holt: "Kennen Sie den schon?" Die Geschichte und Philosophie des Witzes. Übersetzt von Martin Hielscher. Rowohlt Verlag 2015. 12 Euro

Mit Witzen ist nicht zu spaßen. Es sind kleinste Geschichten mit größter Macht. Sie verwandeln Gesichter in Grimassen, lassen Körper ekstatisch zucken und entlocken den Kehlen Salven explosionsartiger Laute. Keine andere literarische Gattung hat so plötzliche, massive Wirkung. Und niemand kennt den Grund dafür.

Auch nicht der Amerikaner Jim Holt, der in dem Buch „Kennen Sie den schon?“ (Rowohlt, 12 Euro) die Geschichte des Witzes auf handlichen 130 Seiten zusammenfasst. Er hat sie alle gelesen, die Theoretiker des Komischen, von Platon bis Kant, von Sigmund Freud bis Henri Bergson. Aber jeder Versuch zu erklären, was das Witzige am Witz ist, wirkt, als wolle man Schmetterlinge mit Bulldozern fangen.

Zur Entschädigung erzähle ich Ihnen meinen Lieblingswitz: Eine Frau stellt ihrem Mann die Albtraumfrage: „Fällt dir etwas an mir auf?“
„Natürlich“, antwortet er ängstlich, „du hast neue Schuhe?“
„Nein, Liebling“, sagt sie.
„Du warst“, ruft er schweißüberströmt, „beim Friseur?“
„Auch nicht, Liebling, sagt sie.
„Ich hab’s“, schreit er in Panik, „du hast abgenommen!“
„Nein, Liebling“, sagt sie, „ich trage eine Gasmaske.“

Eine gute Pointe befreit, so kommt es mir vor, für eine herrliche Sekunde von aller Erdenschwere und bringt die Dinge zum Fliegen. Selbst ein Cocktail wie „Flying“, gemixt aus Gin, Triple Sec, Zitronensaft und Sekt, kann dieses federleichte Gefühl nicht ersetzen. Doch besser als gar nichts ist er schon.

Die Kolumne erschien im Focus vom 26. September 2015. 
 
Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann. 2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Buch & Bar 38: Navid Kermani “Ungläubiges Staunen”

Von der Schönheit und anderen Taschenspielertricks

Heute über: Navid Kermani und kunstfrommes Lesen sowie Trinken

Navid Kermani: "Ungläubiges Staunen". Über das Christentum. Verlag C.H.Beck, München 2015. 24,95 Euro

Kunst will beeindrucken und großer Kunst gelingt es auch. Angesichts einiger der schönsten Bilder und Plastiken der christlichen Kunst erfasst den Schriftsteller Navid Kermani „Ungläubiges Staunen – und so hat er auch sein Buch getauft (C.H. Beck, 24,95 Euro), in dem er jetzt 40 Meisterwerke in kurzen, wunderbar klaren Kapiteln vorstellt.

Der Titel hat allerdings einen doppelten Boden. Denn der deutsche Schriftsteller iranische Herkunft und gläubige Muslim Kermani ist aus christlicher Sicht ein Ungläubiger. Doch er kennt sich nicht nur in Kunst-, sondern auch in Kirchen- und Bibelfragen so exzellent aus wie nur wenige Christen. Und da er ein frommer Mann ist, spielt er sein Wissen unter der Hand gegen all jene aus, die heute für Religion in ihrem Leben nur noch ein Schulterzucken übrig haben. Seht her, sagen Kermanis Kunst-Essays, so schön ist euer christlicher Glaube, warum habt ihr ihn verloren? Das ist glänzend gemacht, zugegeben, aber letztlich ein Taschenspielertrick. Denn ob man an Gott glauben kann oder nicht, ist keine Frage der Schönheit.

Was darf man einem Muslim, der es ernst meint mit seinem Glauben und noch dazu ernst meint mit dem Christentum, in einer Bar anbieten? Mit gutem Gewissen wohl nur einen Drink, den frömmsten aller Cocktails: Virgin Mary. Tomatensaft mit Worcestershire-Sauce, Zitronensaft, Tabasco – und strikt ohne Wodka.

Die Kolumne erschien im Focus vom 19. September 2015. 
 
Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann. 2014 startete sie im Focus. Sie ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Uwe Wittstock (Hg.): “Die Postmoderne in der deutschen Literatur”

Ein paar poetologische Lockerungsübungen

Ich habe einen Reader zur sprunghaften Karriere des Begriffs “Postmoderne” in den Diskussionen zur deutschen Literatur herausgebracht. Der Band enthält Aufsätze, Essays, Artikel deutscher Schriftsteller (und eines amerikanischen Kritikers) aus den letzten Jahrzehnten, die sich Gedanken darüber machen, wie es in der Literatur weiter und über die Theoreme der klassischen Literatur hinaus gehen kann.

“Eine sehr wichtige, toll ausgewählte, klug kommentierte Anthologie! Gibt zu denken: Die Moderne als ewige Untote?”      Wolfgang Ullrich

Uwe Wittstock (Hg.): "Postmoderne in der deutschen Literatur". Lockerungsübungen aus fünfzig Jahren. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 24,90 Euro

Es geht los mit H.M. Enzensberger, der bei mir mit einem Aufsatz aus dem Jahr 1960 als “Erfinder der Postmoderne” firmiert. Weiter geht es mit eine erstmals vollständig dokumentierten Literatur-Debatte aus dem Jahr 1968, die von einem Aufsatz des Literaturkritikers Leslie A.Fieder über die “Todesagonie der Moderne und die Geburtswehen einer Nach-Moderne” ausgelöst wurde, und an der sich von Martin Walser bis Jürgen Becker, von Helmut Heißenbüttel Rolf Dieter Brinkmann alles beteiligte, was damals Rang und Namen hatte.

Darüber hinaus gibt es Aufsätze von Günter Grass, der die Neigung der Avantgardisten unter den Modernen zu totalitären politischen Gedanken kritisiert, von Christoph Ransmayr, Peter Sloterdijk, Sten Nadolny, Peter Rühmkorf, heiner Müller, Daniel Kehlmann, Klaus Modick, Dirk von Petersdorff, Ulrich Woelk, Durs Grünbein und noch einigen anderen.

“Postmoderne in der deutschen Literatur”
Lockerungsübungen aus fünfzig Jahren
Herausgegeben von Uwe Wittstock
Wallstein Verlag, Göttingen.
412 Seiten, 24, 90 Euro

»Die Moderne ist hundert Jahre alt. Sie gehört der Geschichte an«, schrieb Hans
Magnus Enzensberger 1960 in seinem Nachwort zur Sammlung Museum der modernen
Poesie. Auch wenn er hier den Begriff “Postmoderne”  noch nicht gebraucht, kann dieser
Text als Beginn der Diskussion zum Thema im deutschsprachigen Raum angesehen werden, die zeitgleich auch in den USA in Gang kam. Was – mit allem Respekt – als »Moderne« verstanden wurde, schien plötzlich »ermüdet«, es konnte nun nicht mehr einfach für das Neue (Gute) im Gegensatz zum Traditionellen stehen, sondern wurde selbst in seiner Geschichtlichkeit gesehen. Aber es brauchte in Deutschland bis 1968, als der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Leslie A. Fiedler mit seinem Freiburger Vortrag über »Das Zeitalter der neuen Literatur« (auf Englisch gedruckt im »Playboy«, auf Deutsch in »Christ und Welt«) eine über Monate geführte Diskussion auslöste – und für poetologische Aufregung sorgte unter den Alten wie Robert Neumann und Hans Egon Holthusen ebenso wie unter den damals Jungen: Rolf Dieter Brinkmann, Martin Walser und Jürgen Becker. Diese Diskussion von 1968 wird hier erstmals komplett in Buchform wiedergegeben. Gefolgt von beträgen jüngerer und junger Autoren aus den 90iger Jahren und den sogenannten Nuller-Jahren.

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Buch & Bar (37): Philipp Tingler “Schöne Seelen”

Wie täusche ich meinen Therapeuten richtig?

Heute: Über herrlich verhöhnendes Lesen und Trinken

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Philipp Tingler: "Schöne Seelen". Roman. Verlag Kein & Aber, Zürich 2015. 22 Euro

Die edelsten der edlen Menschen wurden in der Antike schöne Seelen genannt. Wenn Philipp Tingler seinen Roman „Schöne Seelen“ (Kein & Aber, 22 Euro) nennt, ist das purer Sarkasmus. Ich kenne keinen anderen deutschen Autor, der das Gala-Milieu der Reichen, Botox-Schönen und Prada-Berühmten so kenntnisreich und komisch zu verhöhnen versteht wie er.

Und das geht so: Viktor hat Geld wie Heu und Eheprobleme. Seine Frau schickt ihn zur Psychotherapie, doch dazu fehlen ihm Zeit und Lust. Also bittet er kurzerhand seinen Freund Oskar, für ihn zum Therapeuten zu gehen, um ihm anschließend davon zu berichten. Was er dabei dann aufschnappt, muss für Frau und Ehe reichen. Aus dem Rollentausch ergeben sich logischerweise fabelhafte und höchst pointenträchtige Komplikationen. Tingler schreibt absolut hinreißende Screwball-Dialoge. Aber leider ist er so verliebt in seine Story, dass er sie allzu breit auswalzt. Wäre sein Buch halb so lang, wäre es doppelt so gut.

Bei ihren Treffen trinken Viktor und Oskar Prince-of-Wales-Cocktails. Natürlich aus Silberbechern, damit jeder sofort sieht, dass nicht nur die beiden Trinker, sondern auch ihre Getränke etwas Besonderes sind. Für den Drink brauch es einen guten Cognac (mein Vorschlag: Prince Polignac VSOP), Kräuterlikör (D.O.M. Bénédictine) und Angostura, aufgefüllt mit, wie könnte es anders sein, Champagner.

Die Kolumne erschien im Focus vom 12. September 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Buch & Bar (36): Helen Macdonald “H wie Habicht”

Mehr, als Sie je über Geflügel wissen wollten

Über definitiv unkuschliges Lesen und Trinken

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Helen Macdonald: "H wie Habicht". Übersetzt von Ulrike Kretschmer. Allegria Verlag, Berlin 2015. 20 Euro

Um ehrlich zu sein, Habichte waren mir bislang schnurzegal. Am Mirower See in Mecklenburg habe ich mal einen gesehen. Er thronte auf einem Baum, war sehr schön und schaute stur an mir vorbei. Offenbar war auch ich ihm schnurzegal.

Die Britin Helen Macdonald dagegen hat einen Narren an ihnen gefressen. Und ihr Buch „H wie Habicht“ (Allegria, 20 Euro) ist so hinreißend gut geschrieben, dass ich mir von ihr beim Lesen begeistert jede Feder einzeln erklären ließ. Wenn Macdonald Bedienungsanleitungen schriebe, wären jetzt Waschmaschinen meine neuen Stars. Sie erzählt, wie sie nach dem Tod ihres Vaters einen Habicht für die Jagd abrichtet, weil der ist, wie sie gern wäre: „Einzelgänger, selbstbeherrscht, frei von Trauer und taub gegenüber den Verletzungen des Lebens.“ Habichte sind, stellt sie klar, keine Kuschelvögel, sondern Killer, die nur eine Freude kennen: das Töten. Echt ungemütliche Tiere also, in denen sie etwas von ihrem kalten, nackten Zorn auf ein Leben wiederfand, das ihr den Vater nahm.

Als ich mit dem Buch fertig war, habe ich mir bei Victoria, Berlins bester Bar, einen Rattlesnake bestellt, einen grimmigen Drink: Wild Turkey Bourbon mit 50,5 % Vol., Zitronensaft, Zuckersirup, Eiweiß und einem Schuss Ansinth. Nichts für den gemütlichen Tagesausklang. Eher was, um Zorn runterzuspülen.

Die Kolumne erschien im Focus vom 5. September 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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