Buch & Bar (40): Günter Grass “Vonne Endlichkait”

Das letzte Selfie eines Patriarchen

Buch & Bar: Heute über federleichtes vogelfreies Abschiednehmen beim Lesen und Trinken

Günter Grass: "Vonne Endlichkait". Steidl Verlag, Göttingen 2015. 28 Euro

Das Leben ist kein Ponyhof, klar. Das Sterben aber erst recht nicht. Zumal wenn einem der Glaube an Gott und Jenseits gründlich abhanden gekommen ist. Günter Grass berichtet davon in seinem letzten Buch „Vonne Endlichkait“ (Steidl, 28 Euro).

Vom Zerbröseln der Zähne bis zum Brodeln der Pfeifenraucher-Lunge registriert Grass den Verfall seines Körpers. Aber er jammert nicht, sondern schreibt, liest, zeichnet. Und genießt, was noch zu genießen ist: seine Arbeit, die Natur, die lang geübte Harmonie mit seiner Frau, die eigene Ironie angesichts seiner Gebrechlichkeit und die Freiheiten des Alters: „Mich spüren. Federleicht vogelfrei sein, wenngleich seit Langem reif zum Abschuss.“

Kurz, Grass zeigt Haltung. Er malt ein cooles Abschiedsporträt von sich, auf dem er auf ganz zivile Weise todesmutig dasteht. Ein Bild, das sich als Vorbild anbietet, und wie fast alle Vorbilder auch ein wenig auf die Nerven geht.

Ich hoffe, Grass’ letzte Monate waren tatsächlich so, wie er sie hier beschreibt. Und hebe mein Glas zum Abschied auf einen kantigen Mann. Womit? Danziger Goldwasser würde sich anbieten, aber das ist nicht so mein Fall. Lieber nehme ich den polnischen Wodka Starka Banquet. Er reift 30 Jahre in Eichenfässern, hat 50 % Vol., ist kostbar und definitiv etwas für den besonderen Moment.

Die Kolumne erschien im Focus vom 2. Oktober 2015. 
 
Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann. 2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

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