Sensationell: Goethe, Heine und Mann in eine Talk-Show zu Shakespeare und Cervantes

Miguel de Cervantes und William Shakespeare oder: Was mit Rittern und so…

Als rasendem investigativen Literaturreporter fiel mir die Aufzeichnung einer bislang noch nicht gesendeten Talk-Show aus Anlass des 400. Todestages von Miguel de Cervantes und William Shakespeare in die Hände. Sensationelles Material, denn die Gäste dieser Talk-Show sind drei der besten und bekanntesten Schriftsteller der deutschen Literaturgeschichte: Goethe, Heinrich Heine und Thomas Mann! Ich zögere natürlich nicht, diesen hoch brisanten Beitrag zur Fernsehkultur hier zu leaken und damit nachträglich dem Jubiläum und der beiden Schriftsteller zu gedenken. Die Abschrift folgt, ganz großes Ehrenwort, Wort für Wort der Aufzeichnung.

Wir befinden uns in einem Fernsehstudio mit vier schweren Ledersesseln. Der Moderator, so um die Dreißig, geht an den Kameras vorbei auf den letzten freien Sessel zu und begrüßt die Zuschauer seiner Talk-Show:

Moderator: Hallo Leute! Vor 400 Jahren hatte die Literatur einen echt superschwarzen Tag. Am 23. April 1616 gingen gleich zwei der größten Dichter aller Zeiten in die ewigen Jagdgründe der Poesie ein: Miguel de Cervantes und William Shakespeare. Der eine hat den Bestseller „Don Quijote“ geschrieben, mit Rittern und so, der andere lauter Theaterstücke. Manche auch mit Rittern. Um über die beiden alten Knaben zu reden, haben wir drei supertolle Schriftsteller eingeladen: äh… (liest von seinen Notizen ab) Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Heinrich Heine (1797-1856) und Thomas Mann (1875-1955)…

Das sogenannte Chandos-Porträt von William Shakespeare, um 1610

Thomas Mann (unterbricht): Verzeihen Sie, junger Mann, eine winzige Korrektur, die Sie mir wohl nachsehen wollen: Cervantes Stunde schlug am 23. April nach dem gregorianischen Kalender – und damit zehn Tage vor der Shakespeares, der am 23. April nach dem julianischen Kalender starb. Wenn es also nur die Koinzidenz der Daten war, die Sie unseren kleinen Gesprächszirkel einberufen ließ, sollten wir die Runde rasch aufheben.

(Goethe, Heine, Mann stehen auf, wollen das Studio verlassen)

Moderator (verdattert): Also nein… Sie können doch nicht … Wir sind live!

Johann Wolfgang von Goethe: Live?

Moderator: Ja, Millionen schauen uns zu! Jetzt! Millionen, die Ihre Bücher in der Schule gelesen haben.

Heinrich Heine: In der Schule? Die Ärmsten.

(Goethe, Heine, Mann lassen sich wieder in ihre Sessel fallen.)

Es gibt leider kein gesichertes Porträt von Cervantes. Es wird aber allgemein angenommen, dass dieses Porträt Cervantes zeigt

Moderator (erleichtert): Herr Goethe. Stichwort: Theater. Sie haben ja auch Stücke geschrieben. Mit Rittern oder so. Da war Shakespeare bestimmt eine Super-Inspiration für Sie?

Goethe: Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborener, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt.

Moderator: Das Gesicht?

Heine: Geheimrat Goethe meint: Augen, Sehkraft! Sie Schwachkopf.

Moderator: Ach so. Und Cervantes? Hat der Sie auch dermaßen umgehauen?

Goethe: Ich habe an den Novellen des Cervantes einen wahren Schatz gefunden, sowohl der Unterhaltung als der Belehrung. Wie sehr freut man sich, wenn man das anerkannte Gute auch anerkennen kann.

Mann (zum Moderator): Sie sollten, junger Mann, nicht übersehen, welch bedeutende Verknüpfung zwischen dem Dichter eines Abenteuers wie Don Quijote und dem unsterblichen Barden der Briten besteht: Denn es gilt zu bedenken, dass Shakespeare nur auf unvergleichlich geniale Weise tat, was vor ihm viele auf eine sehr simple und mechanische Weise getan hatten. Das Drama entstand, indem man den von Handlung wuchernden Abenteuerroman für die leibliche Vorstellung auf der Schaubühne übersetzte.

Heine: Der Spaniern gebührt der Ruhm, den besten Roman hervorgebracht zu haben, wie man den Engländern den Ruhm zusprechen muss, dass sie im Drama das Höchste geleistet. Und den Deutschen, welche Palme bleibt ihnen übrig? Nun, wir sind die besten Liebesdichter dieser Erde. Cervantes, Shakespeare und Goethe bilden das Dichtertriumvirat, das in den drei Gattungen poetischer Darstellung, im Epischen, Dramatischen und Lyrischen, das Höchste hervorgebracht.

(Heine nickt Goethe zu, Goethe erwidert das Nicken huldvoll)

Moderator: Die TopDrei der Literaturgeschichte! Super! Ich hab vor der Sendung mal reingelesen in diesen „Don Quijote“. Ist ja mehr so ein Mittelalter-Nerd als ein Ritter. Was ist so toll an ihm, Herr Mann?

Mann: Das Buch zeigt, wie aus bescheidener Konzeption, einer lustig lebensgesegneten Satire, bei welcher der Dichter sich ursprünglich nicht viel gedacht hat, ein Volks- und Menschheitsbuch wird. Don Quijote ist zwar närrisch, doch nicht im mindesten unklug, was freilich der Dichter selbst im voraus nicht so recht gewusst hat. Seine Achtung vor dem Geschöpf seiner eigenen komischen Erfindung ist während der Erzählung ständig im Wachsen, – dieser Prozess ist vielleicht das Fesselndste am ganzen Roman.

Moderator: Was? Dieser Cervantes hat erst beim Schreiben kapiert, sie super sein Don Quijote ist? Echt wahr? Aber Shakespeare, the King of Drama, hatte seine Figuren besser Griff?

Heine: Im Gegenteil. Der große Brite ist nicht bloß Dichter, sondern auch Historiker. Die Aufgabe Shakespeares war nicht bloß die Poesie, sondern auch die Geschichte. Er konnte die gegebenen Stoffe nicht willkürlich modeln, er konnte nicht die Ereignisse und Charaktere nach Laune gestalten. Dennoch: In dieses Geschichtsdramen strömt die Poesie reichlicher und gewaltiger und süßer als in den Tragödien jener Dichter, die ihre Fabeln entweder selbst erfinden oder nach Gutdünken umarbeiten.

Mann: Shakespeare, das ist der ungeheuerste Fall von Dichtertum, den die Erde sah. So besaß er ohne Zweifel, wie er alles besaß, auch Erfindung. Aber noch sicherer ist, dass er nicht viel Gewicht darauf legte und nicht viel Gebrauch davon machte. Hat er je eine Fabel erfunden? Auch die krausen Intrigen seiner Lustspiele sind nicht von ihm erdacht. Er arbeitete nach alten Theaterstücken, nach italienischen Novellen. Er fand viel lieber, als dass er erfand

Moderator: Klar, super Typ, dieser Shakespeare. Aber übertreiben Sie nicht? Es gibt jede Menge Fehler in seinen Stücken. Können Sie mal bei Wikipedia nachlesen. (schaut triumphierend)

Mann: Wiki… Wer bitte?

Heine (wütend): Überall Kleinigkeitskrämerei, selbstbespiegelnde Seichtigkeit, gelehrter Aufgeblasenheit, die vor Wonne fast zu platzen droht, wenn sie dem armen Dichter irgendeinen antiquarischen, geographischen oder chronologischen Schnitzer nachweisen.

Goethe: Niemand hat das materielle Kostüm mehr verachtet als Shakespeare. Er kennt recht gut das innere Menschenkostüm, und hier gleichen sich alle. Man sagt, er habe die Römer vortrefflich dargestellt. Ich finde es nicht. Es sind lauter eingefleischte Engländer. Aber freilich Menschen sind es, Menschen von Grund aus, und denen passt wohl auch die römische Toga. Hat man sich einmal hierauf eingerichtet, so findet man seine Anachronismen höchst lobenswürdig, und gerade dass er gegen das äußere Kostüm verstößt, das ist es, was seine Werke so lebendig macht.

Moderator: Also echt Leute, das sollen die Größten in eurem Gewerbe sein? Der eine kapiert erst beim Schreiben, was er schreibt. Der andere wird für seine Fehler gelobt?

Mann: Junger Mann, Ihr Vorwurf lässt Ihre Ahnungslosigkeit erkennen. Man muss an dieser Stelle begreifen, dass es eine objektive Erkenntnis im Reiche der Kunst überhaupt nicht gibt, sondern nur eine intuitive.

Heine (fixiert den Moderator): Natürlich verzeihe ich meinen Feinden. Aber erst an dem Tag, an dem ich sie hängen sehe.

Mann (fixiert den Moderator): Vergessen Sie nicht junger Mann: Ein Künstler muss in derselben Verfassung an sein Werk gehen, in der der Verbrecher seine Tat begeht.

Goethe (fixiert den Moderator): Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.

Moderator (schwitzt, seine Karteikarten fallen ihm aus der Hand, hektisch): Vielen Dank, ich freue mich, dass Sie in unserer Sendung waren.

Bei Abschrift der Sendung fiel mir auf, dass die Herren Goethe, Heine, Mann in ihren Antworten wörtlich auf Gedanken ihrer Essays zurückgriffen. Um die übernommenen Sätze kenntlich zu machen, haben ich die Zitate kursiv gedruckt.

Aufgezeichnet von Uwe Wittstock

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

David Grossman: “Kommt ein Pferd in eine Bar”

Über die Lust an tierisch bösen Pointen

Kleine nachträgliche Überlegung zu David Grossmans fabelhaftem Roman “Kommt ein Pferd in eine Bar”. Man kann viel aus diesem Buch lernen – nicht zuletzt auch manches über die spezielle Bewusstseinslage des komischen Künstlers. Bei der extrem hochtourigen Debatte um Jan Böhmermann und seine satirische Gedicht-Kunst hätte das vielleicht nützlich sein können.

David Grossman: "Kommt ein Pferd in eine Bar". Roman. Übersetzung: Anne Birkenhauer. Hanser Verlag, 19,90 Euro

Im “Literarischen Quartett” vom 29. April hatte ich bereits Gelegenheit, ein paar Gedanken zu David Grossmans großartigem neuen Roman auszubreiten. (Die Sendung ist in der ZDF Mediathek zu finden unter: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/sendung-verpasst#/beitrag/video/2727238/Das-Literarische-Quartett-vom-2904.2016

Hier möchte ich gern eine zusätzliche Überlegung hinterherschicken.

Es gibt viele Künstlerromane, also Romane, in denen Biographie und berufliche Probleme von Künstlern oder Schriftstellern ausgebreitet werden. Alles in allem ist das ein bei Autoren, aber erstaunlicherweise auch bei Lesern recht beliebtes Genre. Viel selten aber gibt es ein Romane über den Werdegang und die Arbeit von dezidiert komischen Künstlern. Zu denen aber zählt der Held Dovele Grinstein in Grossmans Roman.

Das soll nicht so klingen, als wären Künstler und Künstler mit den besonderen Talent für Komisches zwei grundsätzlich unterschiedliche Naturen. Im Gegenteil. Dennoch gibt es naturgemäß ein paar Spezifika, die den einen Künstler eher ins komische Fach treiben, den anderen eher ins tragische oder elegische. Grossman beschreibt in seinem Roman aus meiner Sicht sehr glaubwürdig die Voraussetzungen, unter denen seine Hauptfigur ihre besonderen komischen Talente entwickelt: und diese Talente zielen keineswegs auf einen sanftmütig heitern sondern auf einen aggressiven, provozierenden, Verletzungen in Kauf nehmenden Witz.

In den ersten drei Aprilwochen wurde hierzulande exzessiv über den aggressiven Witz von Jan Böhmermanns debattiert.  Ob sein Erdoğan-Gedicht nötig / klug / von der Kunstfreiheit gedeckt / noch der Satire zuzurechnen / eine Beleidigung / menschenverachtend / volksverhetztend u.v.a.m. gewesen sei. (Inzwischen werden wieder andere Themen durchs Debattendorf getrieben. Wenn ich alles richtig mitgekriegt habe, ist derzeit die Rente dran. Oder ist die auch schon wieder vorbei?)

Während ich Grossmans Roman über Kindheit und Jugend des Standup-Comedian Dovele Grinstein las, über seinen Zorn auf die Welt und auf nicht wenige Menschen, glaubte ich, die Quelle von Böhmermans komischer und/oder polemischer Energie mit einem Mal genauer verstehen zu können. Großen Einfluss auf die juristischen Bewertung seines Erdoğan-Gedicht hat das zwar nicht, aber Böhmermanns Lust an der Provokation, an die Zuspitzung von Widersprüchen und ausgeprägter Bissigkeit von Pointen wurden mir verständlicher.

Oliver Maria Schmitt: "Anarchoshnitzel schieen sie. Ein Punk-Roman für die besseren Kreise". Rowohlt Verlag. eBook. 8,49 Euro

Kurz: Ich möchte den Roman dem literaturempfänglichen Teil des Publikum nicht nur deshalb ans Herz legen, weil es schicht ein großartiger Roman ist. Sondern auch, weil man hier meines Erachtens eine Menge lernen kann über die Antriebe, Motive und Ziele der komischen Kunst. Als Nachtrag zur Böhmermann-Debatte ist das in meinen Augen sehr reizvoll.

Gestern hatte ich Gelegenheit mit Oliver Maria Schmitt, Ex-Chefredakteur der Titanic und Autor einiger zauberhaft böser komischer Romane (“Anarchoshnitzel schreen sie”und Sammelbände, ein paar Minuten über Grossmans neuen Roman zu sprechen. Ich bat ihn, sich das Buch anzuschauen und meinen Eindruck zu überprüfen. Er gehört zweifellos zu den Leuten, die etwas von scharfer Komik und aggressivem Witz verstehen. Ich bin gespannt.

 

 

Veröffentlicht unter Über Bücher | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

Buch&Bar 66: Roland Schimmelpfennig “An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts”

 Wo sich Fuchs und Wolf Guten Tag sagen

Heute: Über märchenhaft cooles Lesen und Trinken

Roland Schimmelpfennig: "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts". Roman. Rowohlt Verlag. 19,99 Euro

Wenn ich morgens zum Tiergarten jogge, um zu gucken, was die Berliner Hasen da so treiben, kommt mir beim Potsdamer Platz oft ein Fuchs entgegen. Er reckt den Kopf, spitzt seine Spock-Ohren und kontrolliert, was bei uns Menschen so los ist. Wir beide, er und ich, sind halt gern gut informiert. Ich mag ihn. Nur auf High Five im Vorüberlaufen steht er nicht.

In Roland Schimmelpfennigs Roman „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ ist es kein Fuchs, sondern ein Wolf, der von Osten her Berlin ansteuert und sich in der Hauptstadt umschaut. Auch der versetzt niemanden in Panik, von einem Kiosk-Besitzer einmal abgesehen, der sich schwachsinnigerweise bewaffnet, aber natürlich nie zu Schuss kommt. Diese schulterzuckende Gelassenheit der Leute in dem Buch hat mir gut gefallen: „Ist ja nur ein Wolf“, scheinen sie zu denken, „ich habe andere Sorgen. Warum aufregen, solange nicht ein ganzes Rudel auftaucht.“ Cool.

Wo ein Wolf ist, ist naturgemäß auch ein Rotkäppchen nicht weit. In ausgewählten Läden nicht nur Berlins wird neuerdings das Label „Fräulein Brösels Schnapserwachen“ angeboten: Eine zierliche Österreicherin, die man sich gut im Wald mit Körbchen in der Hand vorstellen kann, brennt Haselnuss-, Marillen-, Johannisbeer- und Vogelbeer-Geister mit milden 33 bis 38 % vol. Den Haselnussgeist habe ich probiert, sehr lecker, sehr nussig, jeder der Nutella mag, wird ihn lieben.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 65: Heinz Drügh “Ästhetik des Supermarkts”

Kunst und Knusper-Panade

Heute: Über supergeil interpretierendes Lesen und Trinken

Heinz Drügh: "Asthetik des Supermarkts". Konstanz University Press. 19,90 Euro

Wer sich superschöne und supergut gearbeitete Dinge anschauen will, der soll nicht ins Museum gehen, sondern in den Supermarkt, rät Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich. Denn die Künstler, die heute Furore machen, denken oft nur ans Geld und liefen Schrott. Das Warenangebot dagegen wird von klugen Designern, Psychologen, Sozialforschern gestaltet, um uns zum Kauf zu verführen. Wenn wir deren Gedanken analysieren, können wir viel mehr über uns lernen als durch Kunstwerke.

Heinz Drügh führt das in seinem unterhaltsamen Buch „Ästhetik des Supermarkts“ (Konstanz University Press, 19,90 Euro) vor. Er nimmt sich Friedrich Liechtensteins Edeka-Werbevideo „Supergeil“ unter die Lupe als hätte es die Goldene Palma von Cannes gewonnen. Oder interpretiert eine Packung „Ostsee-Dorsch in Knusper-Panade“ so millimetergenau wie ein Gemälde. Was nicht nur Spaß, sondern auch schlauer macht.

Natürlich habe ich mich beim nächsten Einkauf gleich mal vors Getränkeregal gestellt und geschaut, was es da so zu interpretieren gibt.

Offen gestanden, ich hab nichts Superoriginelles gefunden. Liegt bestimmt an mir. Traditionsmarken lieben Vintage-Etiketten. Klarer Schnaps kommt in klaren Flaschen. Was in den abschließbaren Glasvitrinen steht, kommt einem gleich wertvoller vor. Alles ziemlich banal. Klasse fand ich allerdings die französische Destillerie, die für ihren Wodka naturgemäß einen russisch klingenden Namen haben wollte, und sich mit superfeiner Ironie für „Boris Jelzin“ entschieden hat. Zum auf-den-Panzer-steigen lustig.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 64: William Makepeace Thackeray “Das Buch der Snobs”

Als der König von Spanien einmal teilweise geröstet wurde

Heute: Über Spaß mit Snobs beim Lesen und Trinken

William Makepeace Thackeray: "Das Buch der Snobs". Manesse Verlag. Nachwort von Asfa-Wossen Asserate. Übersetzung: Gisbert Haefs. Manesse Verlag. 22,95 Euro

Mir ist mal eine Kollegin begegnet, wie während der Buchmesse in Frankfurt bei Freunden wohnte, da ihr Hotels zu teuer waren. Doch auf den Messepartys würdigte sie ihre Freunde keines Wortes, denn die spielten im Literaturbetrieb keine sehr bedeutende Rolle. Sie war der perfekte Snob. Sie wollte nur mit den Stars der Szene gesehen werden. Wen sie nicht für wichtig hielt, der war für sie unsichtbar.

Herrlich ist es natürlich, wenn Snobs über den eigenen Snobismus stolpern und so richtig tief und schmerzhaft stürzen. In seinem „Buch der Snobs“ (Manesse, 22,95 Euro) erzählt William Makepeace Thackeray eine Menge solcher wonniger Geschichten. Die Unfähigkeit des Snobs, über seinen hochnäsigen Schatten zu springen und mit Menschen niederen sozialen Ranges auch nur zu sprechen, liefert dabei prächtige Pointen. Zum Beispiel die von dem spanischen König, dessen Mantel Feuer fing und der „teilweise geröstet wurde, weil die Zeit zu knapp war, als dass der Premierminister dem Obersten Kammerherren hätte befehlen können, den Bewahrer des Großen Goldzepters zu ersuchen, den Ersten Diensttuenden Pagen anzuweisen, den Hauptlakaien zu bitten, der Ehrenzofe aufzutragen, dass sie einen Wassereimer bringe, Seine Majestät zu löschen.“

Was Snobs trinken, ist mir egal. Aber den galligen Geschmack, den die Begegnung mit ihnen hinterlässt, kann man gut mit dem starken Bitterschnaps Becherovka runterspülen, pur und eiskalt.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Zum Todestag: Gespräch mit Günter Grass

„Ich möchte als Kuckuck wiedergeboren werden“

Im Mai 2014, knapp ein Jahr vor seinem Tod, sprach ich für den Focus mit Günter Grass: über seine Ängste am Lebensende, Versagen in der Nazi-Zeit und sein Engagement für die SPD. Hier ist es noch einmal zur  Erinnerung an seinen Todestag vor einem Jahr.

Vor dem Hund hatte man uns gewarnt. Minka belle gern laut und viel. Wir sollten uns nicht erschrecken. Als wir bei Günter Grass ankamen, der Fotograf Parwez Mohabat-Rahim und ich, gab es keinen Grund zu erschrecken. Grass stand vor seinem Haus, das wie eingebettet liegt im lichten Wald zwischen Ratzeburg und Mölln. Minka hielt sich neben ihm, Grass stricht ihr über den Kopf. Der Hausherr sah uns aufmerksam entgegen, der Hund gelangweilt – ein Bellen waren wir ihm nicht wert.

Es war im Mai vergangenen Jahres. Ein paar Wochen hatte es gedauert, bis sich im dicht getakteten Terminkalender des damals 86-jährigen Nobelpreisträgers eine Lücke fand für ein Gespräch. Ich hatte kein Geheimnis daraus gemacht, worüber ich mit ihm sprechen wollte: über das Sterben, über sein Verhältnis zum Tod, über letzte Dinge. Doch Grass war nicht der Mann, Ziel und Zweck eines Gesprächs ganz aus der Hand zu geben. Er bat uns in sein Atelier, ein geräumiges zweistöckiges Nebengebäude, gerade weit genug vom Haus entfernt, um ungestört arbeiten zu können. Im vorderen Teil war es die Werkstatt des Zeichners und Bildhauers Günter Grass, im hinteren Teil, ein paar Stufen tiefer, die Schreibstube des Schriftstellers Günter Grass.

Im Aschenbecher lagen hier gleich zwei Pfeifen, die er nun abwechselnd stopfte, rauchte und abkühlen ließ. Keine Antwort ohne Rauchwolke, es war, als würde er seine Sätze mit Rauch in die Luft malen. Über seinen Roman „Hundejahre“ wollte er sprechen, den er gerade für eine Neuausgabe mit Radierungen illustriert hatte. Auf manchen der Bilder glaubte ich Züge von Minka wiederzuentdecken.

Uwe Wittstock: Herr Grass, In Ihrem Roman „Hundejahre“ gibt es den ehemaligen SA-Mann Matern, dem Hitlers Schäferhund Prinz hartnäckig nachläuft. Matern kann das Tier ebenso wenig abschütteln wie die Erinnerung an seine Nazi-Vergangenheit. Sie sind ja als 17-Jähriger eingezogen worden zur Waffen-SS. Steckt in Matern auch etwas von einem Selbstporträt?

Günter Grass: Nein, das kann ich nicht sagen. Was mich bedrückt hat, waren die Erinnerungen an den Schüler Günter Grass, der geschwiegen hat: zur Erschießung eines Onkels, der das polnische Postamt in Danzig gegen deutsche Angreifer verteidigt hatte; zum Verschwinden eines Mitschülers; zur Abwesenheit eines Lehrers, der für Monate im KZ Stutthof gewesen war. Ich habe keine Fragen gestellt. Das sind die Dinge, die mir nachgegangen sind. Die wenigen Wochen, die ich an der Front war, hießen Rückzug und Angst in einem zusammengewürfelten Haufen. Die SS-Einheit war nach kurzer Zeit auseinandergesprengt, da kam Volkssturm dazu und Personal eines aufgelösten Flughafens. Das hat bei mir nicht zu Schuldgefühlen geführt. Entsetzt war ich, als ich in der Gefangenschaft Bilder aus dem KZ Bergen-Belsen sah. Da habe ich zum ersten Mal in vollem Ausmaß begriffen, was geschehen war. Was Deutsche getan hatten.

Wittstock: Also gab es doch Erinnerungen an Mitschuld, die Ihnen nachgingen, so wie Matern der Hund nachläuft?

Günter Grass: Der Begriff Schuld ist falsch. Was ich spürte beim Schreiben der „Hundejahre“ und vieler anderer Bücher später, ist die bleibende Mitverantwortung. Ich habe auf kleine, passive Art und Weise als Schüler durch Nicht-Fragen, durch Nicht-wissen-Wollen dazu beigetragen, Hitlers Herrschaft zu ermöglichen. Darin sehe ich Mitverantwortung, aber nicht Mitschuld.

Wittstock: Sie haben Ihre Waffen-SS-Mitgliedschaft sehr spät, aber immerhin aus eigenem Antrieb öffentlich gemacht. Und wurden doch scharf kritisiert. Danach wirkten Sie beleidigt . . .

Günter Grass: Ich bin unter die Heuchler geraten. Es wurde die Gelegenheit wahrgenommen, alte Rechnungen zu begleichen, nicht zuletzt Rechnungen auf Grund meiner politischen Haltung und meines hartnäckigen politischen Engagements.

Wittstock: Ihr heftigstes politisches Engagement galt Willy Brandt. Sie haben Wahlkampf für ihn betrieben und an Reden mitgearbeitet. Ihr Briefwechsel mit Brandt wurde jetzt veröffentlicht. Verliert der Autor nicht die nötige kritische Distanz, wenn er einem Politiker so nahe kommt?

Günter Grass: Der Briefwechsel beweist, dass die kritische Distanz nicht verloren ging. Zum Beispiel sprach ich mich 1966 energisch gegen die erste Große Koalition aus. Brandt und ich haben das beide als Probe verstanden, ob unsere junge Bekanntschaft so eine Meinungsverschiedenheit aushält.

Wittstock: Warum wurde gerade Willy Brandt so wichtig für Sie?

Günter Grass: Ich habe ihn bewundert, aber nicht blindlings. Für seine Klarsicht als 19-Jähriger, die ihn zur Flucht vor den Nazis trieb. Aber auch für seine Ausdauer: Obwohl er drei Anläufe brauchte, um Parteivorsitzender zu werden, und später auch drei, um das Amt des Bundeskanzlers zu erreichen, hat er sich nicht beirren lassen. Und nicht zuletzt bewunderte ich ihn für seine mutig geäußerte Einsicht: Wer etwas an der deutschen Teilung ändern will, muss aufhören, die Gegenseite als Feind zu betrachten, sondern in ihr einen Gegner sehen, mit dem man reden muss. Das ist in etwa die Situation, die wir heute in der Ukraine haben. In diesem Sinne ist Steinmeier heute ein guter Schüler Brandts, das ist an seiner Handlungsweise und seiner Argumentation zu merken.

Wittstock: Die meisten deutschen Autoren sind Ihrem Vorbild nicht gefolgt, sondern haben das politische Tagesgeschäft über Jahrzehnte konsequent gemieden. Warum?

Günter Grass: Vielleicht weil ihnen die Triebkraft des gebrannten Kindes fehlt. Sie sind in Frieden und Wohlstand aufgewachsen und haben nie am eigenen Leib erlebt, was Politik bedeuten kann. Eine Bereicherung ohnegleichen für die deutsche Literatur sind da Autoren mit ausländischen Wurzeln. Sie bringen über die Geschichte ihrer Familien nicht selten Erfahrungen von großer Dringlichkeit mit, die sie ihr Leben lang nicht loswerden, Erfahrungen mit Diktaturen oder Kriegen, wie dem in Jugoslawien. Und eine solche, sie nicht verlassende Thematik zwingt sie zum Schreiben.

Wittstock: Birgt die Vermischung von Literatur und Politik nicht letztlich Gefahren für die Literatur? Ihr Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ ist oft auch aus literarischen Gründen kritisiert worden. Es sei ein schlechtes Gedicht, eher ein Leitartikel als Poesie.

Günter Grass: Ich habe meine Kritik an Israel nicht nur in Gedichtform, sondern auch in Reden oder Essays geäußert – und kein Hahn hat danach gekräht. Es war für mich in diesem Fall überraschend, welche Sprengkraft ein Gedicht haben kann. Vielleicht war die Form also doch wichtig. Ich halte es für falsch, eine Trennlinie zwischen Literatur und Politik ziehen zu wollen. Jeder Schriftsteller, ob jung oder alt, muss eigentlich bemerken, dass selbst die privateste Geschichte nicht frei ist von politischen Umständen. Wenn die komplizierten und oft verqueren Zwänge unseres politisch eingefärbten Alltags ausgespart werden, hängt die Geschichte in der Luft, dann wird sie bodenlos. Der Alltag wird nicht nur durch Kommunismus oder Nationalismus ideologisch verformt, sondern auch durch den Kapitalismus. Die Marktgläubigkeit hat religiöse Züge angenommen.

Wittstock: Doch die politische Enthaltsamkeit der jüngeren Autoren scheint vorbei zu sein. Eine Gruppe deutscher Schriftsteller hat jetzt jedenfalls einen Protestbrief gegen die Überwachungspraxis der NSA formuliert, der inzwischen weltweit aufgegriffen wurde.

Günter Grass: Ja, aber wie hat die deutsche Politik darauf reagiert? Juli Zeh und Ilija Trojanow, zwei Schriftsteller, die ich hoch schätze, machen sich Sorgen wegen der  umfassenden Bespitzelung durch unsere amerikanische Schutzmacht. Sie schreiben einen höflich und genau formulierten Brief an die Bundeskanzlerin, der von 67 000 Menschen im Internet unterschrieben wird. Doch bis heute haben sie keine Antwort von der Bundeskanzlerin. In diesem Schweigen drückt sich eine skandalöse Missachtung der Autoren und ihrer Unterstützer aus.

Wittstock: Erleben wir hier die Ablösung einer älteren, politisch engagierten Schriftstellergeneration durch eine jüngere?

Günter Grass: Ich hoffe es. Aber ich betone: Dazu gehört langer Atem. Man darf sich von der Missachtung durch die Kanzlerin nicht enttäuschen lassen. Sie versucht gern, Dinge auszusitzen. Man muss jetzt weiterbohren und auf der Beantwortung des Briefes bestehen, was Juli Zeh mit einem erneuten Brief auch getan hat. Wenn ich jünger wäre, würde ich ein Zelt aufschlagen vor dem Bundeskanzleramt und warten, bis ich eine Antwort bekomme.

Wittstock: Was empfinden Sie bei dieser Wachablösung?

Günter Grass: Es gibt Unterschiede in der Motivation zwischen diesen beiden Generationen. Uns ging es primär um die Vergangenheit, von der nicht nur wir Schriftsteller, sondern das ganze deutsche Volk immer wieder eingeholt wurde. Bei der jüngeren Generation ist es der Gedanke an die Zukunft, der sie umtreibt: Ob es die Durchleuchtung der Gesellschaft durch Geheimdienste ist, der Klimawandel oder die Entmachtung der Parlamente durch den Lobbyismus. Ihre Triebkraft ist die Sorge um die Zukunft, diese Sorge hat sie aufwachen lassen.

Wittstock: Wie weit geht diese Wachablösung bei Ihnen persönlich? Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie wohl keinen Roman mehr schreiben werden.

Günter Grass: In meinem Alter wäre es vermessen, wenn ich nicht bemerkte, dass meine Tage gezählt sind. Für einen Roman brauche ich Jahre. Heute fehlen mir die Lebenszeit und die Kraft, ein solches Projekt anzugehen. Aber deshalb höre ich nicht auf zu schreiben. Ich habe als Autor mit Lyrik angefangen, und Lyrik schreibe ich auch jetzt. Und ich zeichne weiter. Ich wüsste sonst nicht, was ich tun sollte, ich würde den Menschen nur zur Last fallen.

Wittstock: Ist Ihnen der Gedanke an den Tod nähergekommen?

Günter Grass: Ja, ganz gewiss. Ich habe mehr Zeit, mich mit meiner Endlichkeit zu befassen. Da ich ein Mensch bin, der ganz aufs Irdische konzentriert ist, also auf das, was ich während meiner Lebenszeit tun kann, ist für mich die Frage, was danach kommt, eigentlich uninteressant.

Wittstock: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Günter Grass: Ich spüre bisher keine. Angst habe ich vor Schmerzen. Wenn mir die erspart blieben, wäre ich dankbar. Auch die Vorstellung, ich könnte dement werden und für meine Familie nur noch eine Belastung sein, ist für mich schrecklich. Noch entsetzlicher wäre die Vorstellung, in dementem Zustand auch noch der Öffentlichkeit quasi vorgeführt zu werden – so wie es Walter Jens geschehen ist. Einer der peinlichsten Vorgänge, die ich je erlebt habe.

Wittstock: Gibt es für Sie religiöse Gewissheiten, die beim Gedanken an den Tod Trost geben?

Günter Grass: Nein. Allenfalls in Märchenform: Im Buddhismus ist ja davon die Rede, nach dem Tod in anderer Gestalt wiedergeboren zu werden. Mich reizt der Gedanke: Was wäre wünschenswert? Welches Getier, welche Pflanze möchtest du sein? Eine Amöbe?

Wittstock: Welche Gestalt würden Sie sich wünschen?

Günter Grass: Ich mag den Vogel, der das Frühjahr verkündet und den Leuten jedes Jahr wieder Versprechungen macht mit seinen Rufen, den Kuckuck. Auch seine Unart, seine Eier in die Nester anderer Vögel zu legen, ist eine verführerische Vorstellung.

Wittstock: Was war Ihnen das Wichtigste im Leben?

Günter Grass: Meine Anfänge in der Literatur waren artistischer, spielerischer, verspielter Art, in der Lyrik, auch im Theater. Bis ich bemerkt habe, dass ich auf Grund meiner Erfahrungen und der Zeit, in der ich lebe, mit politischen Themen konfrontiert bin. Wenn ich jetzt Bilanz ziehe, kann ich sagen, ich bin diesen Themen nicht ausgewichen. Ich bin drangeblieben. Das war mein Leben.

Wittstock: Gibt es etwas, das Sie bereuen?

Günter Grass: Meine Mutter ist im Alter von 57 Jahren gestorben. Sie hat an mich auf aberwitzige Weise geglaubt – trotz vieler Ängste, weil ich den Hungerberuf des Künstlers ergreifen wollte gleich nach Kriegsende. Sie ist zu früh gestorben, als dass ich ihr hätte beweisen können, dass aus ihrem Jungen was wird. Ich hatte ihr alles Mögliche versprochen, vor allem Reisen. Diese Versprechungen habe ich nicht erfüllen können. Das nagt.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 63: Mario Vargas Llosa “Sonntag”

Die Schrecken der Liebe und der Trunkenheit

Heute: Über hochdramatisches Lesen und Trinken

Mario Vargas Llosa: "Sonntag". Erzählung. Übersetzt von Thomas Brovot; Illustrationen von Kat Menschik. Insel Verlag. 16 Euro

Verliebt zu sein ist einer der gefährlichsten Seelenzustände. Er verleitet zu größten Heldentaten und absurdesten Dummheiten. Aber nicht nur verliebt, sondern auch noch jung zu sein und dazu überdies einen öden Sonntagnachmittag überstehen zu müssen, das ist wie Kettenkarussellfahren mit angesägten Ketten.

Mario Vargas Llosa, der nobelpreisgeschmückte Grandseigneur der südamerikanischen Literatur, führt das in seiner kleinen, aber fabelhaften Erzählung „Sonntag (Insel Verlag, 16 Euro) vor. Der junge Miguel liebt ein blühend schönes Mädchen, das naturgemäß Flora heißt. Aber dummerweise hat sich auch sein Freund Rubén in sie verliebt. Miguel will ihn um jeden Preis daran hindern, Flora an diesem leeren Sonntag zu besuchen. Also fordert er ihn erst zum Wettsaufen heraus und dann, übel betrunken, zum Wettschwimmen im nebelverhangenen Meer vor Lima. Schon Augenblicke später, kaum dass sie die Brandung hinter sich haben, kämpfen beide ums bloße Überleben – und wie Vargas Llosa, der im März 80 wurde, die beiden Jungs aus der höchsten Not wieder zurück ans sichere Land bringt, ist literarisch meisterhaft.

Beim Wettsaufen betrinken sich Miguel und Rubén mit dem peruanischen Lagerbier namens Cristal. Es ist per Internet auch in Deutschland zu haben, schmeckt mild und ganz leicht malzig-süß. Es ist, ehrlich gesagt, nicht annähern so temperamentvoll wie die zwei jungen Männer, aber dafür, noch ehrlicher gesagt, sehr viel vernünftiger als beiden.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 62: Bruno P.Kremer “Die Wiese”

Der grüne Killer mit den schwarzen Augen

Heute: Über erfolgssprekulatives Lesen und Trinken

Bruno P.Kremer: "Die Wiese". Theiss Verlag. 49,95 Euro

Okay, zugegeben, ich bin nicht so der Outdoor-Typ. Doch nachdem der forstbotanische Thriller „Das geheime Leben der Bäume“ nun schon seit Wochen auf allen Bestsellerlisten groß abräumt, habe ich mich entschlossen, mit einem echten Kracher über „Das geheime Leben der Wiese“ zu kontern und den Buchmarkt großflächig aufzumischen. Ein prächtigen Bild-Text-Band, aus dem ich alles Nötige bequem abschreiben kann, hab’ ich schon: „Die Wiese“ von Bruno P. Kremer (Theiss Verlag, 49,95 Euro).

Auf Wiesen, sage ich Ihnen, herrscht das brutale Gesetz des Dschungels. Oder glauben Sie, es sei Zufall, dass dort Löwenzahn, Schwarze Teufelskralle und Sibirische Schwert(!)lilie zuhause sind? Dazu noch der heimtückische kriechende Günsel und der naturgemäß unter Islamismusverdacht stehenden Persischen Ehrenpreis? Und haben Sie schon mal Nahaufnahmen des Stierkäfers gesehen? Der Wanstschrecke? Oder des Warzenbeißers, dieses grünen Killers mit toten schwarzen Augen? Glauben Sie mir, auf komplett harmlos aussehenden Wiesen ist in Wahrheit der Teufel los. Grausame Parallelgesellschaften mitten in Deutschland.

Um meinen künftigen Bestseller-Triumph schon mal angemessen zu feiern, habe ich mir in meiner urbanen Lieblingsbar fernab gemeingefährlicher Grünflächen einen Champion mixen lassen: Drei Teile trockenen Wermut, drei Teile Scotch, zwei Teile Kräuterlikör Bénédictine DOM und zwei Teile Orange Curaçao. Harter Stoff für harte Champions.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Der zeitdiagnostische Romancier Christoph Hein

Ein Herz für die Herzlosen

Christoph Hein zählt heute zu den wichtigsten deutschen Schriftstellern seiner Generation. Er ist kein Sprachartist, sondern ein zeitdiagnostischer Erzähler, der in seinen Romanen Vergangenheit und Gegenwart von DDR und Bundesrepublik literarisch zu durchleuchten versucht. Heute feiert er Geburtstag, den Zweiundsiebzigsten. Anlass genug für ein Porträ und den Rückblick auf einige seiner bemerkenswerten Bücher

Der Schriftsteller Christoph Hein hat in seinen Romanen, was man manchen Männern in erotischen Dingen nachsagt: Er hat einen bestimmten “Typ”. In seinen Büchern zeigt er eine fast unbeirrbare Vorliebe für Figuren mit spezifischen charakterlichen Eigenschaften. Heins Herz schlägt für die Herzlosen, er ist vernarrt in die Kaltschnäuzigen und Zyniker, er hat ein Faible für Leute, die bis auf die Knochen ernüchtert sind, für Menschen, die den unerbittlichen Tatsachen des Lebens gelassen ins Gesicht sehen.

Christoph Hein: "Der fremde Freund / Drachenblut". Mit einem Kommentar von Michael Masanetz. Suhrkamp Verlag, 9 Euro

Oder zumindest: diesen Tatsachen gelassen ins Gesicht sehen wollen. Denn zwischen “Wollen” und “Können” liegen hier ebensolche Welten wie zwischen der billigen Kaltschnäuzigkeit Fremden gegenüber und einer geradezu philosophischen Gelassenheit, um die wir mit Blick auf uns selbst gelegentlich ringen.

Heins Helden bewegen sich in eben diesem Spannungsfeld zwischen der groben Herzlosigkeit gegen andere und einen bewunderungswürdigen Stoizismus angesichts der eigenen Befürchtungen und Begierden. In einer Gesellschaft, die sich regelmäßig als “Ellenbogengesellschaft” kritisiert, die über wachsenden Egoismus und schwindende Zuwendung zum Nächsten klagt, zielt Hein so auf einen zentralen Punkt sozialer Selbstvergewisserung.

Hein war zunächst Autor an der Volksbühne in Berlin, in Ost-Berlin wie es damals noch hieß, und diese Arbeit hat ihm wohl vor allem zweierlei gelehrt: Erstens einen wachen Sinn für die handwerklichen Aspekte des Schreibens – denn kein anderer Schriftsteller erlebt so direkt und deutlich, ob sich seine Texte sprechen lassen, und ob sie über die Rampe kommen wie ein Theaterautor. Zweitens ein Gespür dafür, den Charakter einer Figur nicht schlicht zu beschreiben, sondern ihn aus der Art wie sie redet, sich verhält, für den Leser erkennbar, spürbar, miterlebbar zu machen.

Hein pflegt eine auffällige Vorliebe für Rollenprosa: Anstatt seine Figuren von außen zu beobachten, schlüpft er gern in ihre Haut, lässt sie über manche ihrer Geschäfte, Gedanken, Gefühle plaudern und über manche andere schweigen – und natürlich verrät ihr Schweigen weit mehr über sie, als ihre so bereitwillig erteilten Auskünfte.

Christoph Hein: "Horns Ende". Roman. Suhrkamp Verlag. 9 Euro

Zum ersten Mal ist ihm dies mit Claudia gelungen, der attraktiven, knapp 40-jährigen Ärztin und Hauptperson seiner Novelle “Der fremde Freund” (1982, auch erschienen unter dem Titel “Drachenblut”), die Hein in einem langen Monolog zum Sprechen bringt in einer zunächst betont rationalen und kontrollierten, schließlich aber immer hoffnungsloseren Bekenntnisrede. Claudia ist ein Single und eingefleischter Menschenfeind. Seit ihrer Scheidung schläft sie zwar noch “manchmal mit einem Mann”, wie sie ihrer Mutter bereitwillig mitteilt, doch hat sie nicht mehr das geringste Interesse an einer Ehe oder einem dauerhaften Zusammenleben: “Ich will nicht mehr”, sagt sie, “Tag für Tag in fremde Gesichter starren, die nur deswegen zu mir gehören sollen, weil sie immer die gleichen sind”.

Selbst enge Verwandte bedeutet ihr kaum etwas. Von einer kurzen Reise zu ihren Eltern behauptet sie, es sei ein “Höflichkeitsbesuch bei Leuten, mit denen mich nichts verbindet”. Doch diese eiserne Distanz zu allem und jedem geht nicht spurlos an Claudia vorüber. Die immer obsessiveren Beschwörungen ihrer persönlichen Unabhängigkeit und ein nur noch mühevoll zurückgehaltener Unterton der Verzweiflung in ihre lange Konfession machen unübersehbar, welche emotionale Selbstverstümmelung diese Frau betreibt.

Christoph Hein: "Das Napoleon-Spiel". Roman. Suhrkamp Verlag. 9,50 Euro

In einer ähnlichen Monologtechnik hat Hein auch seine späteren Romane “Horns Ende” (1985) und “Das Napoleonspiel” (1993) geschrieben. Im ersten Roman ist es ein Historiker, der sich wegen eines ihm angetanen offensichtlichen Unrechts erst in Weltekel und dann in den Selbstmord flüchtet. Im zweiten ist es ein Jurist und Spieler, der Menschen nur als Mittel zum Zweck betrachtet und aus Langeweile einen Mord begeht.

Doch am “Napoleonspiel” – das Hein trotz einiger Kritik als eines seiner “Lieblingsbücher” bezeichnet – lässt sich auch ablesen, welche Probleme diese spezifische Erzählweise mit sich bringt: Auf der Bühne kann der Schauspieler einen Monolog mit Leben erfüllen, kann ihm szenische ebenso wie emotionale Bewegung verleihen. In Romanform läuft der Monolog leicht Gefahr, unanschaulich und spröde zu werden, neigt zum bloßen Räsonnement.

Nicht als Monologe, sondern als Geschichten mit traditionellen Erzählern hat Hein “Der Tangospieler” (1989) und den Roman “Willenbrock” (2000) geschrieben. Auch der Tangospieler Dallow und der Autohändler Willenbrock sind keine Philanthropen. Beide haben in der DDR schmerzhafte Erfahrungen gesammelt. Dallow musste wegen einer politischen Lappalie für fast zwei Jahre ins Gefängnis, Willenbrock wird wegen angeblicher ideologischen Unzuverlässigkeit um seine Reise- und alle Karrierechancen gebracht. Beide reagieren, wie sie das für Heins Helden gehört, auf diesen Knick in ihrer Laufbahn mit heimlicher, sogar vor sich selbst verheimlichter Verbitterung und einer guten Portion Lebensekel.

Christoph Hein: "Willenbrock". Roman. Suhrkamp Verlag. 10 Euro

Doch Hein hält sich bewusst vor allzuviel Pathos fern. “Ich hoffe, das Ganze hat Witz. Mir liegt an den komischen Zügen meiner Figuren”, meint Hein. In “Willenbrock” gelingt es Hein, das individuelle Schicksal seiner Hauptfigur auf ebenso dezente wie glaubwürdige Weise in ein Porträt der allgemeinen gesellschaftlichen Befindlichkeit einzubetten. Der Roman spielt nach der “Wende”, die DDR und damit Willenbrocks berufliche Benachteiligungen liegen also schon Jahre zurück – doch wirkt etwas von den Enttäuschungen aus dieser Vergangenheit in ihm weiter. Sein Leben ist geprägt von einem radikalen und tiefgreifenden “Utopieverlust”.

Willenbrock ist, nimmt man alles nur in allem, ein Durchschnittsdeutscher der neunziger Jahre. Ein soziologischer Normalfall, einer, der sich mit den Verhältnissen nach der Wiedervereinigung arrangiert hat und ohne große Hochs und Tiefs zurechtkommt. Und genau das macht den Mut und das Können Christoph Heins in diesem Roman aus: Denn in der Literatur ist kaum etwas schwerer einzufangen als der Normalfall, als das Durchschnittsschicksal, dem alles Dramatische oder Sensationelle fehlt.

Willenbrock glaubt schlicht an nichts und niemanden mehr, die religiöse Geborgenheit seines polnischen Angestellten Jurek betrachtet er mit sanfter Verwunderung, das politische Engagement ehemaliger Kollegen kommt ihm nur noch lächerlich vor. Das einzige, was für ihn zählt, ist handfester wirtschaftlicher Nutzen. Er ist ein ziemlich ruppiger Materialist geworden, und will sich von keiner altruistisch verbrämten Ideologie mehr etwas vormachen lassen.

Doch ist Willenbrock – anders als die in der DDR lebenden Helden in Heins Romanen – nicht mit einem staatlich verordneten Sozialismus konfrontiert, sondern mit lauter anderen ebenso materialistischen, zutiefst skeptischen und gründlich ernüchterten Mitbürgern. Das soziale Panorama, das Hein hier entwirft, ist eines der Freizügigkeit und des Wohlstandes, aber zugleich auch des Zerfalls, der Auflösung aller traditionellen Bindungen und Sicherheiten.

Willenbrocks Geschäft läuft gut, aber die Versicherungen versichern es nicht mehr. Willenbrock hat Zweitwohnung, Zweitwagen und zahlreiche Zweitfrauen, aber die Polizei kümmert sich nur notdürftig um die Einbrüche auf seinem Autohof. Selbst als Willenbrock akut bedroht wird und bei einem Polizeibeamten Hilfe erbittet, verweist der ihn weiter, weil “er dafür nicht zuständig sei”.

In diesem Moment beginnt inmitten einer hochentwickelten Gesellschaftsordnung das elementare Schutzversprechen, das sonst jede Gemeinschaft für seine Mitglieder bereithält, beängstigend zu bröckeln. Christoph Hein geht es jedoch nicht darum, unsere soziale Situation in möglichst düsteren Farben zu malen, sondern vielmehr darum, die Reaktionen der Menschen auf diese Situation zu studieren. Er zeigt, wie sich Willenbrock mehr und mehr alleingelassen fühlt, wie Willenbock – gerade weil er (vielleicht zurecht) von seinen Mitmenschen das gleiche erwartet wie von sich selbst – kaum mehr mit Hilfe rechnet, und wie sich deshalb der Gedanke an Gewalt und Gegengewalt immer stärker in seinem Kopf festsetzt. Kurz: Hein führt vor, wie in eine rundum zivilisierte, sich immer stärker ausdifferenzierende und also um ihren inneren Zusammenhalt ringende Gesellschaft gleichsam durch die Hintertür archaische Verhaltensmuster mit beängstigendem Automatismus zurückkehren.

Man muss Christoph Hein heute zu den wichtigsten deutschen Schriftstellern seiner Generation zählen. Zugegeben, ein großer Sprachartist ist er nie gewesen. Doch das sind, bedauerlicherweise, viel zu viele Erzähler nicht. Hein schreibt ein schlichtes, aber meist dichtes Deutsch. Gewöhnlich sind es keine starken und mutigen Menschen, die Hein zu seinen Helden macht, sondern eher ernüchterte, desillusionierte Charaktere, die vor ihren Verletzungen in Zynismus und Bitterkeit flüchten. Sie würden, so behaupten sie, nur zu gern für eine bessere Welt kämpfen. Aber müde und verzagt wie sie sind, machen sie es sich doch lieber im Unglück bequem und finden sich ab mit der angeblich unrettbar bösen Welt. In beidem, im immerfort spürbaren Verständnis dieses Autors für die Schwächen seiner Figuren, wie in seinem immerfort spürbaren Appell an die Leser, es diesen Figuren ja nicht gleichzutun, schwingt bis heute etwas mit von Heins Herkunft aus einer Pfarrerfamilie.

Veröffentlicht unter Personen | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 61: Konrad Ott “Zuwanderung und Moral”

Der Philosoph mitten in der Flüchtlingskrise

Heute: Über endlos heikle Fragen beim Lesen und Trinken

Konrad Ott: "Zuwanderung und Moral". Essay. Reclam Verlag. 6 Euro

Wenn es den einen gut geht, den anderen aber schlecht, ist das eine Ungleichheit. Ist es aber immer auch eine Ungerechtigkeit? Heikle Frage.

Wenn es den einen, Kriegsflüchtlingen zum Beispiel, sehr schlecht geht, den anderen aber viel besser, dann müssen die Glücksverwöhnten den Pechverfolgten helfen. Das ist eine moralische Verpflichtung. Aber: Gibt es vernünftige Grenzen dieser Pflicht? Muss sich der Glückliche ruinieren, also selbst in eine Art Unglück stürzen, um möglichst allen Unglücklichen beizustehen? Ist Moral also als eine Pflicht zu verstehen, das Unglück möglichst gleichmäßig zu verteilten? Wäre dass denn gerecht? Noch heiklere Frage.

Konrad Ott ist Philosoph in Kiel und hat mit „Zuwanderung und Moral (Reclam, 6 Euro) mitten in der Flüchtlingskrise einen kühlen, klaren, klugen Essay geschrieben, der zentrale Krisenfragen durchleuchtet. Mit überraschenden Ergebnissen: Wer strikt moralisch vorgeht, landet erstaunlich schnell bei erstaunlich bösen Resultaten. Doch wer der Moral politisch vernünftige Grenzen zu setzen versucht, gerät bei fast jeder Detail-Entscheidung in erstaunlich böse Abwägungsprobleme. Also endlos heikle Fragen. Fast so schwierig wie das Leben selbst.

Ein solcher Essay, obwohl überraschend leicht lesbar, ist letztlich keine Bar-Lektüre. Sorry. Ott plaudert nicht, er argumentiert Punkt für Punkt hoch konzentriert. Dazu passt keinen Drink, sondern Tee, Kaffee, Espresso, Energy Shots oder was immer hellwach und aufmerksam macht. Aber es lohnt sich.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar