Gespräch mit Christoph Ransmayr zu “Der fliegende Berg”

“Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel…”

Der Schriftsteller Christoph Ransmayr im Gespräch über seinen Roman “Der fliegende Berg”, den Freund Reinhold Messner und das Abenteuer des Schreibens sowie die schwierige Rückkehr aus unbekannten und neu eroberten Territorien in die vertraute Welt und zu den Menschen. Heute feiert Christoph Ransmayr Geburtstag.

Christoph Ransmayr: “Der fliegende Berg”. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2007, 9,95 Euro

Im Mai und Juni 1970 nahm der Bergsteiger Reinhold Messner an einer Expedition zum Nanga Parbat teil, in deren Verlauf zum ersten Mal die so genannte Rupal-Wand durchstiegen werden sollte. Reinhold Messner brach allein vom letzten Höhenlager auf, sein Bruder Günther konnte ihm folgen. Gemeinsam standen sie am 27. Juni auf dem Gipfel. Nach einer Notbiwakierung entschlossen sie sich, nicht auf demselben Weg, sondern über die Diamir-Wand abzusteigen. Beim diesem Abstieg starb Günther Messner. Reinhold überlebte mit starken Erfrierungen. Über die Katastrophe am Nanga Parbat hat es viele Spekulationen gegeben. Bei Malik ist  Messners Buch “Die rote Rakete am Nanga Parbat” erschienen. Josef Vilsmaier hat das Messner-Drama verfilmt. Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr schrieb seinen Roman “Der fliegende Berg” über das tödlich endende Abenteuer eines Bergsteiger-Brüderpaars im Transhimalaya. Ein Gespräch mit Ransmayr über den komplexen Zusammenhang zwischen Leben und  Literatur.

Uwe Wittstock:   Sie sind mit Reinhold Messner befreundet. In Ihrem Roman “Der fliegende Berg” erzählen Sie von zwei Brüdern, die im Transhimalaya einen unzugänglichen Gipfel besteigen. Beim Abstieg kommt einer der beiden Brüder um. Die Parallelen zum Drama um die Nanga-Parbat-Besteigung der Messner-Brüder 1970, das 2010 von Josef Vilsmaier verfilmt wurde, liegen auf der Hand. Was hat Sie gereizt an diesem Stoff, den ihr Freund Messner erlebte?

Christoph Ransmayr:   Die Tragödie am Nanga Parbat war immer wieder Thema auf vielen unserer gemeinsamen Reisen, nach Tibet, Nepal, Indien und in andere Weltgegenden. Dadurch ist mir diese Geschichte so vertraut geworden, als wäre sie Teil meiner eigenen Familienchronik. Aus dieser Vertrautheit heraus ist dann auch das Bedürfnis entstanden, eine Brudergeschichte zu schreiben.

Christoph Ransmayr: "Atlas eines ängstlichen Mannes". Fischer Taschenbuch Verlag. 10,99 Euro

Wittstock:   Sie wollten dem, was passiert ist, eine literarische Form geben?

Christoph Ransmayr:  Meine erste Absicht war, eine klare, historische Darstellung der Ereignisse am Nanga Parbat zu schreiben. Mir ist aber schon bei der Vorbereitung der Schreibarbeit klar geworden, dass diese Geschichte nur einer schreiben kann, nur einer schreiben soll, nämlich Reinhold selbst. Ein Nebeneffekt meiner Vorbereitungen war aber die Entdeckung, dass unter den Menschen, die zum Rand der bekannten Welt und darüber hinausgehen, auffällig viele Brüderpaare waren – und sind. Schon im so genannten Zeitalter der Entdeckungen etwa die Brüder Corte-Real oder Nicolao und Maffeo Polo oder die Brüder Pinzón, die Columbus begleiteten und viele andere. Immer wieder brachen zwei Brüder gemeinsam auf und immer wieder geschah es, dass nur einer von ihnen zurückkam.

Wittstock:   Hätte sich das Drama am Nanga Parbat anders entwickelt, wenn die beiden Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel keine Brüder gewesen wären?

Christoph Ransmayr:  Das weiß ich nicht. Aber selbst die Geschichte der Brüder Messner ist noch mit einer weiteren Brudergeschichte verbunden: Der damalige Expeditionsleiter Karl Herrligkoffer war der Halbbruder des 1934 am Nanga Parbat umgekommenen Willy Merkl. Herrligkoffer hat mit den von ihm organisierten Expeditionen den Nanga Parbat wieder und wieder berannt, um endlich zu erreichen, zu “erobern”, wofür sein Halbbruder starb: den Gipfel. Es scheint ja, dass es bei Expeditionen ans Ende der Welt nicht ausreicht, bloß von einem Vertrauten, einem Freund begleitet zu werden, sondern dass der beste Gefährte der Bruder sein soll, ein Mensch, mit dem man nicht nur Gegenwart und die jüngste Vergangenheit teilt, sondern die ganze bisherige Lebensgeschichte bis tief in die Kindheit.

Wittstock:   Anders als mit einem Freund verbindet einen mit dem Bruder aber auch eine lebenslange Rivalität, beginnend schon mit der Rivalität um die Liebe der Eltern.

Uwe Wittstock (Hg.): "Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr". Fischer Taschenbuch Verlag. 12,90 Euro

Christoph Ransmayr: Diese Rivalität kann aber zu dramatisch verschiedenen Konsequenzen führen, einerseits natürlich bis zu einem Drama wie dem von Kain und Abel, andererseits aber auch über die Zähmung der Rivalität zu einer Gemeinsamkeit, die zwei Brüder etwas erreichen lässt, was für einen allein Utopie bleiben würde.

Wittstock:   Das Brüderpaar Ihres Romans bricht allerdings nicht aus Südtirol auf, also aus einem Gebirge in das höchste Gebirge der Welt, dem Himalaya. Der Ausgangspunkt Ihrer Romanhelden ist eine abgelegene Insel vor Irland, also die Höhe des Meeresspiegels? Warum war diese extreme Höhendifferenz, von ganz unten – Meeresspiegel – bis ganz oben – Dach der Welt – für Sie wichtig im Roman?

Christoph Ransmayr:  Ich wollte meine Helden die wahrhaft ganze Länge eines denkbaren Weges in die Höhe, ins Gebirge gehen lassen, also aus dem tiefsten Land bis in die Wolken, vom Meeresspiegel, von dem aus ja die Höhe noch des küstenfernsten Wüstengebirges aus gemessen wird, bis in die Höhen des Transhimalaya. Dabei ist aber der – erfundene – Berg, den meine beiden Protagonisten besteigen, für Tibet kein extrem hoher Berg, sondern kaum 7000 Meter hoch. Extreme Höhe kann ja durchaus subjektiv, also an den eigenen Kräften, der eigenen Erschöpfung gemessen, definiert werden. Wichtiger als die Gipfelhöhe war mir, dass der Weg dieser Brüder aus der virtuellen Realität ihrer Computer in die Wirklichkeit führen sollte, dorthin, wo Kälte, dünne Luft, die Erschöpfung und schließlich der Tod tatsächlich erlitten werden. Meine Figuren gehen ihren Weg aus der Virtualität in die Realität entlang einer vertikalen Linie, von ganz unten nach ganz oben.

Wittstock:   Was einen Bergsteiger an der Eroberung eines Gipfels reizt, ist für Nicht-Bergsteiger oft nur schwer zu begreifen. Was reizt einen Schriftsteller an Menschen, die ihr Leben einsetzen, um auf eine lebensfeindliche, eisgepanzerte Felsspitze in 7000 Meter Höhe zu klettern?

Christoph Ransmayr: Solche Wege, ob sie nun in die extreme Höhe oder in die extreme Weite führen, sind immer auch Wege in die eigene Geschichte, ins Innere des Gehenden, Reisenden. Wer sich der Geschichten eines oder mehrerer Menschen annimmt, wer ihre Schicksale, Dramen, Tragödien oder Komödien erzählen will, möchte dies ja mit größtmöglicher Plausibilität und Klarheit tun. Große, “dramatische”, oft menschenleere Landschaften können dieser Klarheit sehr förderlich sein. Denn dort wird die Geschichte des Einzelnen so deutlich wie vielleicht nirgendwo sonst. Zudem erscheinen aber auch seine Begegnungen mit anderen, zunächst fremden Menschen, ihre Gesellschaft, vielleicht auch ihre Hilfe, nirgendwo kostbarer als in der Verlassenheit weit draußen.

Wittstock:   Die Besteigung eines Berges ist ein spannendes Abenteuer. Wie wird daraus ein Thema für die Literatur? Abenteuergeschichten bringt man sonst eher mit Genre-Geschichten in Verbindung.

Christoph Ransmayr:  Das ist für einen Erzähler keine besondere Frage. Warum sollte er sich darum kümmern, welcher Kategorie oder Schublade seine Geschichte schließlich zugeordnet wird? Auch Abenteuer-Geschichten können unzählige Ebenen haben, von denen die des reinen Geschehens bloß die einfachste und vordergründigste ist, wenn Schicht für Schicht darunter allmählich sichtbar wird, was die Protagonisten bewegt oder was sie treibt, und eine Expedition nicht nur in die Weite oder in die Höhe, sondern auch durch Seelenlandschaften führt.

Wittstock:   Wie weit gehen Sie als Schriftsteller, um die Abenteuer zu erleben, von denen Sie schreiben wollen?

Christoph Ransmayr:  Ich nehme die Plagen und Widrigkeiten, von denen man in Wüsten, in großen Höhen oder auf dem Meer bedrängt werden kann, nur zur Not in Kauf. Meine Leidensfähigkeit ist nicht sehr ausgeprägt. Ich bin und bleibe auch in den großen Gebirgen lieber Wanderer und Spaziergänger. Es gab zwar irgendwann den Gedanken, vielleicht einen der ganz großen Berge zu besteigen. Aber als ich dann in Tibet mit Höhen von knapp 6000 Metern konfrontiert war und die Luft dünn und dünner, die Kälte schneidend und die Windstärken umwerfend wurden, war die Einsicht nahe liegend, dass solche Weg nicht meine sind.

Wittstock:   Vielleicht ist die Arbeit als Schriftsteller schon Abenteuer genug?

Christoph Ransmayr:  Als Schriftsteller geht man solche Wege vielleicht bis zu einem gewissen Punkt, um dann innezuhalten und sie schreibend fortzusetzen.

Christoph Ransmayr: "Die Schrecken des Eises und der Finsternis". Roman. Fischer Taschenbuch Verlag. 8,99 Euro

Wittstock:   Riskieren Schriftsteller wie die Abenteurer ihr Leben bei der Arbeit? Der erste Satz von “Der fliegende Berg” heißt: “Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel…” Und man spürt, dass dieses “Ich” als erstes Wort des Buches sehr bewusst gesetzt ist.

Christoph Ransmayr: Natürlich kann die Arbeit am Schreibtisch, an der Erzählung, an der Sprache, nicht nur zu einer sehr ernsten, sondern auch zu einer gefährlicher Angelegenheit werden, und man kann an ihr auch zugrundegehen.

Wittstock:   In Ihrem ersten Roman “Die Schrecken des Eises und der Finsternis” haben Sie das Abenteuer einer Nordpolar-Expedition zum Thema gemacht. Auch hier werden von den Romanhelden unter dem Einsatz des Lebens letzte weiße Flecke auf der Weltkarte erforscht – wie der unerforschte Gipfel in “Der fliegende Berg”. Weshalb sind solche weiße Flecken unbewohnbarer Landschaft für Sie als Schriftsteller ein so wichtiges Thema?

Christoph Ransmayr:  Irgendwo allein und der erste zu sein, heißt eben auch, mit allen seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten allein zu sein und zu erfahren, wozu man im Stande ist. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere und am Ende wichtigere Seite bleibt aber die Rückkehr. Wer aufbricht ins Unbekannte, ins noch nie Erreichte, der will irgendwann nichts als zurück, nach Hause, gleichgültig ob er nun sein Ziel erreicht hat oder gescheitert ist. Das leere, unbekannte Land zeigt ja auch den Wert der Welt, die man verlassen hat. Irgendwann wird jede Expedition geradezu beseelt von dem Gedanken zurückzukehren, denn hinter jedem noch so entlegenen Ziel kommt die Sehnsucht nach dem Vertrauten zum Vorschein. Wenn alles aus dem Ruder läuft oder Sturm und Lawinen alle Absichten zunichte machen, dann wird die Sehnsucht nach dem Ort, von dem aufbrach, am größten. Nie leuchtet dieser Ort heller als in den Augenblicken, in denen er schon verloren scheint.

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Christoph Ransmayr zum Geburtstag

Ein Erzähler von den Rändern der Zivilisation

Wie nur ganz wenige Schriftsteller hat Christoph Ransmayr die vielfältigen “Spielarten des Erzählens” auf höchsten Niveau erkundet und erprobt. Seine Romane, Erzählungen und Reden gehören zu den erstaunlichsten, den überwältigendsten Sprachkunstwerken, die derzeit in deutscher Sprache geschrieben werden. Heute feiert er Geburtstag. Ihm zu Ehren hier eine Erinnerung an seinen großartigen Himalaya-Roman “Der fliegende Berg”.

 

Christoph Ransmayr: “Der fliegende Berg”. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2007, 9,95 Euro

Romane von Christoph Ransmayr sind Aufbrüche in den Mythos. Es sind Einladungen an den Leser, aus der Zeit zu fallen. Das hat nichts mit Flucht in esoterische Sphären zu tun, nichts mit der Entdeckung dunkel raunender, angeblich ewiger Wahrheiten. Ransmayr versteht sich vielmehr auf die rare, die erstaunliche Kunst, den Kopf literarisch bis über die Wolken zu strecken und doch mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben. Seine Bücher entfalten in der Imagination ihrer Leser eigene Welten von erstaunlicher Plastizität und Komplexität, die den Bezug zu den sogenannten Tatsachen nie verlieren, über die bloßen Tatsachen aber weit hinausreichen.

Ransmayrs Roman „Der fliegende Berg“ zum Beispiel signalisiert seinen Eigensinn, seinen eigenen Sinn schon in seiner formalen Gestalt. Wie bei einem Epos hat Ransmayr, dessen Prosa immer schon enorme sprachmusikalische Qualitäten hatte, seinen Text in Verse und Strophen geordnet. Er selbst spricht nüchtern nur von „Flattersatz“; wer will, braucht auf Verse oder Strophen keine große Rücksicht zu nehmen und kann den Roman lesen, wie jeden anderen auch. Doch bei genauerem Hinhören ist schnell zu spüren, dass diese Prosa bis in die Feinheiten hinein rhythmisch durchformt und durchdacht ist, ohne deshalb in eine aufdringliche, starre Metrik zu verfallen.

Der Stoff des Romans hat Ransmayr über ein Jahrzehnt lang beschäftigt. Erzählt wird von zwei Brüdern, die in den Osten Tibets aufbrechen, um dort den noch unbezwungenen, knapp siebentausend Meter hohen Phur-Ri, den „Fliegenden Berg“ zu besteigen. Wie während der inzwischen legendären Nanga Parbat-Expedition von Günther und Reinhold Messner 1970 kommt einer der beiden Brüder beim Abstieg vom Gipfel um.

Uwe Wittstock (Hg.): "Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr". Fischer Taschenbuch Verlag. 12,90 Euro

Doch viel weiter reichen die Parallelen nicht, Ransmayrs Figuren stammen aus Irland, nicht aus Südtirol. Ihr Vater ist ein schwärmerischer, nicht recht realitätstauglicher IRA-Fanatiker, dessen Frau mit einem Protestanten in den britischen Norden durchgebrannt ist. Liam, der ältere der beiden Brüder, hat seinen Beruf als Computer-Fachmann und Kartograph an den Nagel gehängt und ist nun Viehzüchter auf einer kleinen Insel im Südwesten Irlands. Pad, der jüngere Bruder und Ich-Erzähler des Romans, fuhr jahrelang zur See, bevor er bei seinem gleichermaßen bewunderten wie eifersüchtig bekämpften Bruder eine feste Bleibe findet.

Die Bildphantasie Ransmayrs ist atemraubend. Wie Liam auf nächtlichen Internet-Irrfahrten ein erstes Foto der Phur-Ri entdeckt, wie die beiden Brüder an den Insel-Steilküsten über dem Meer ihr bergsteigerisches Können trainieren, wie sie in Tibet auf ganze Felder von farbigen Gebetsfahnen stoßen, auf Nomaden, die unter freiem Himmel im Schnee Billard spielen oder auf Schmetterlinge, die von heißen Luftströmungen über Tausende von Metern bis ins ewige Eis der Gletscher gerissen werden – all das wirkt wie Szenen aus einem Film von Stanley Kubrick, die Ransmayrs auf wenigen Zeilen ebenso poetisch wie präzise vor das innere Auge des Lesers zu rücken versteht.

Naturgemäß wird das Leben, je weiter die beiden Brüder in die entlegenen Winkel Ost-Tibets vordringen, umso archaischer. Für Liam ist das lediglich ein unvermeidlicher, meist lästiger oder auch gefahrvoller Begleitumstand der Expedition. Für Pad jedoch wird ihr Weg zu einer Reise in eine andere, vom mythischen Denken geprägte Welt, deren Ausstrahlung er sich nicht entziehen kann und auch nicht will.

Christoph Ransmayr: "Die letzte Welt". Roman. Fischer Taschenbuch Verlag. 9,99 Euro

Ransmayr gibt so dem berühmten Motiv von Joseph Conrads Reise ins „Herz der Finsternis“ eine Wendung ins Positive: Sein Held Pad verliert sich mit der zunehmenden Entfernung von der westlichen Zivilisation nicht in Wahn und Gewalt, er gelangt auch nicht zu spiritueller Erleuchtung, wie sie viele Asientouristen suchen, sondern schlicht zu einem größeren Gefasstheit und auch Gelassenheit angesichts der fundamentalen Vergeblichkeit des Lebens.

Bei Jean-Paul Sartre heißt es, der Mensch sei eine nutzlose Leidenschaft. Für diese Einsicht findet Ransmayr in seinem Roman ein schmerzlich schönes Bild: Als die Brüder das Ziel ihrer Leidenschaft erreicht haben, den Gipfel des Phur-Ri, schreiben sie auf diesem Nebendach der Welt ihre Namen in den Schnee, obwohl schon ein Unwetter aufzieht, dass alle Spuren unfehlbar löschen wird.

Doch Pad begreift inmitten der urtümlichen Landschaft, wie vorübergehend letztlich jedes Dasein ist, er begreift, dass selbst die Gebirgsgiganten des Himalaja irgendwann einmal verschwinden werden, und also, wie die tibetischen Mythen lehren, als fliegende Berge nur vorübergehend auf der Erde Platz genommen haben – was Pad mit Blick auf die eigene Vergänglichkeit zu größerer innerer Ruhe verhilft.

Die Helden Ransmayrs drängt es in all seinen Romanen zu den Rändern ihrer Zivilisation. Denn Zivilisation ist für Ransmayr nicht denkbar ohne Machtkampf und Zerstörung. Mit wenigen Strichen skizziert er im „Fliegenden Berg“ wie in der Vergangenheit die englischen Kolonialherren in Irland hausten und heute die chinesischen Kolonialherren in Tibet. Der unbestreitbare Glanz der siegreichen Kultur wird bezahlt mit der Verwüstung der Natur – Irland und Tibet werden von ihren Besatzern gleichermaßen abgeholzt – und dem Untergang der unterlegenen Kulturen.

Christoph Ransmayr: "Morbus Kitahara". Roman. Fischer Taschenbuch Verlag. 9,95 Euro

Ein Ausweg aus diesem jahrhundertealten Reigen der Gewalt ist der Rückzug an die kaum besiedelten, nicht erforschten oder sogar noch nie betretenen Ränder der bekannten Welt, wie zu jenem Gipfel des Phur-Ri. Das ist eine Flucht, zugegeben, aber sie birgt einen Moment von Freiheit.

Ransmayr riskiert bei all dem literarische eine Menge. Er scheut sich nicht, die Rivalität der beiden Brüder, ihr bedingungslos aufeinander Angewiesensein während der Auf- und Abstiegs und nicht zuletzt auch die Liebesgeschichte zwischen Pad und der Tibeterin Nyema, die er während des wochenlangen Trecks zum Phur-Ri kennenlernt, als einschneidende, lebensverändernde Erfahrungen zu schildern, die große Gefühle von archaischen Dimensionen wecken. Das ist sicher nicht nach jedermanns Geschmack.

Wer seine Ohren ganz auf die oft kühlen, lakonischen Töne unserer Gegenwartsliteratur eingestimmt hat, kann das gelegentlich als fremd und pathetisch empfinden. Doch gehört ebendies, gehört der Abschied vom Gewohnten und die Konfrontation mit einem wiederentdeckten existentiellen Ernst zum Programm dieses Romans. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, finden in diesem Buch eine Sprache von überwältigender, von erschütternder Schönheit.

 

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Buch&Bar 60: Jane Austen “Emma”

Die Lust, andere Leute zu verheiraten

Über: Teuflischen Spaß beim Lesen und Trinken

Jane Austen: "Emma". Roman. Übersetzung: Ursula Grawe und Christian Grawe. Reclam Verlag, 7,95 Euro

Vor fast haargenau 200 Jahren erblickte Jane Austens „Emma“ (Reclam, 7,95 Euro) das Licht der literarischen Welt und hält seither Millionen Leser in Atem. Emma ist jung, klug, reich und sehr attraktiv. Aber mit ihrem Bildungsdünkel, und ihre Lust, andere zu manipulieren, geht sie einem sagenhaft auf die Nerven. Kurz: Sie ist ein prächtiges Beispiel für Oscar Wildes Satz: „Es gibt Frauen, die sind gar nicht schön. Die sehen nur so aus.“

Im Grunde ist das Buch ein Krimi aus einer Zeit, in der es noch keine Krimis gab. Emma liebt es, Ehen zu stiften. Wie eine Marionettenspielerin will sie an Fäden ziehen, um Paare vor den Traualtar zu dirigieren. Keiner ihrer Pläne geht auf, aber während Emma munter scheitert, streut Jane Austen im Roman lauter zarte Hinweise auf ein echtes Liebesdrama aus, das sich von Emma unbemerkt hinter ihrem Rücken abspielt. Wer den Roman liest wie ein Whodunit von Agatha Christie, kommt den wahren Liebesverhältnissen viel früher auf die Spur als die hochnäsige Heldin. Was ein teuflischer Spaß ist.

Am Ende bereut Emma all ihre Fehler und erobert so doch noch die Herzen der Leser. Natürlich hat man ihrer genialen Schöpferin längst auch einen Drink gewidmet: Leseratten unter den Bar-Keepern dieser Welt mixen aus Hendrick’s Gin, Holunderblütenlikör von St. Germain, Green Chartreuse Kräuterlikör und Limettensaft zu gleichen Teilen einen Jane Austen-Cocktail. Er ist sehr stark – aber das sind Jane Austens Romane ja auch.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Buch&Bar 59: Isabel Bogdan “Der Pfau”

Und jetzt: Das neue Biedermeier

Heute: Über rundum super unbedenkliches Lesen und Trinken

Isabel Bogdan: "Der Pfau". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 18,99 Euro

Kürzlich war ich in einer mittelfinsteren Gegend Berlins unterwegs. Ein endfinsterer Kerl trat auf mich zu und bot tödliche Substanzen an: „Willsu Crack?“ Ich war überrascht, denn, seien wir ehrlich, bald bin ich in einem Alter, in dem man mir allenfalls Interesse an Kukident zutraut, nicht an Drogen, wie sie unsere Bundestagsabgeordneten täglich brauchen. Ich gab dem Kerl geschmeichelt die Hand, dankte für sein warmherziges Kompliment und ging beglückt meiner Wege

So viel zum Zynismus der Großstadt. Das Leben auf dem Land soll angeblich harmloser sein. Nachzulesen ist das jetzt im Roman „Der Pfau“ von Isabel Bogdan (Kiepenheuer & Witsch, 18,99 Euro). Fünf Londoner Banker verbringen ein paar Tage auf einem schottischen Landsitz. Einer der landsitzeigenen Pfauen verliert den Verstand, wird vom Landsitzbesitzer – heimlich – erschossen, von den Bankern – heimlich – gefunden, von deren Köchin – heimlich – gekocht und dann von allen unheimlich genussvoll verspeist. Wie schön.

Nichts gegen heitere Romane, aber diesen hier bejubelte der halbe deutsche Literaturbetrieb schon wochenlang vor seinem Erscheinen als großen Wurf. Erstaunlich. Kann es sein, dass wir uns alle derzeit – heimlich – nach Beschaulichkeit, Idylle und lösbaren Problemen sehnen? Das jedenfalls bietet „Der Pfau“. Ein Roman wie selbst gemachte Limonade: solide, unzynisch, ein bisschen süß, ein bisschen sauer und rundum unbedenklich.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Buch&Bar 58: Castle Freeman “Männer mit Erfahrung”

Die weißen Ritter in ihren Pick-Ups

Heuie: Über heikel cowboymäßig Lesen und Trinken

Castle Freeman: "Männer mit Erfahrung." Übersetzung: Dirk van Gunsteren. Roman. Verlag Nagel & Kimche. 18,90 Euro

Annette ist eine furchtlose Frau. Aber wenn sie im Keller eine Spinne sieht, schreit Sie und verlangt, gerettet zu werden. Für mich sind das kostbare romantische Augenblicke in unserer Ehe: Ich greife den Besen, lege ihn ein wie Lancelot seine Lanze, reite auf meinem Schlachtross in den Keller und töte den Drachen.

Vielleicht die älteste Heldenstory der Welt: Mann beschützt Frau vor Monster. Aber wenn jetzt hierzulande neuerdings ängstliche Leute die Waffenläden glauben leer kaufen zu müssen, klingt sie plötzlich nicht mehr nur romantisch. Der Roman „Männer mit Erfahrung“ von Castle Freeman (Nagel & Kimche, 18,90 Euro) erzählt genau so eine Selbstjustiz-Geschichte – und zwar glänzend. Irgendwo in einer sehr ländlichen Ecke der USA wird eine junge Frau von einem echt fiesen Kerl bedroht. Doch der Sheriff kann erst helfen, wenn ihr wirklich was passiert. Also machen sich zwei Männer auf und dem Kerl den Garaus. Freeman schreibt das in bester Brüder-Coen-Manier: lakonisch, ironisch, komisch – und schwer blutisch. Denn die Erfahrung der Männer mit Erfahrung sagt: Wenn du so was anfängst, musst du es zu Ende bringen. Um jeden Preis.

Nach dem Roman kann man einen Drink gebrauchen. Da Freemans Roman letztlich ein Western ist, auch wenn die Helden hier Pick-ups und keine Pferde reiten, passt ein Whiskey dazu. Der RoughStock Pure Malt aus Montana schmückt sich mit viel Western-Flair, schmeckt aber verblüffend fruchtig und ein wenig süß nach Malzbier.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Buch&Bar 57: Michaela Vieser und Irmela Schautz “Für immer und jetzt”

Hochzeit auf die harte Tour

Heute: Über heiratsnachdenkliches Lesen und Trinken

Michaela Vieser und Irmela Schautz: "Für immer und jetzt. Wie man hier und anderswo die Liebe feiert". Verlag Antje Kunsmann. 18 Euro

Zugegeben, ich habe mir bislang wenig Gedanken gemacht über das Volk der AbaGusii in Westkenia. Ein Riesenfehler. Das wurde mir klar, als ich jetzt das Buch „Für immer und jetzt“ von Michaela Vieser und Irmela Schautz (Verlag Antje Kunstmann, 18 Euro) las über allerlei exotische und mitunter herrlich unhygienische Liebesrituale der unterschiedlichsten Kulturen und Kontinente.

Denn die AbaGusii sind ein weises Volk. Wenn bei ihnen ein Paar heiraten will, versuchen das die Familien sowohl der Braut als auch des Bräutigams nach Kräften zu verhindern. Sie verzögern die nötigen Zeremonien, beschimpfen den künftigen Schwiegersohn bzw. die Schwiegertochter, ja sie lassen ein Kind mit einem Stock nach der Braut schlagen, wenn sie das Haus des Bräutigams zu erreichen versucht. Hat die Liebe der beiden alle Prüfungen tapfer bestanden, drängt sich in den ersten drei Ehenächten noch ein Mädchen im Bett zwischen sie. Erst dann lässt man sie in Ruhe.

Wir hier bei uns feiern lieber Traumhochzeiten. Alles soll sein wie im Liebesmärchen. Dummerweise müssen wir deshalb die weniger märchenhaften Anteile des Lebens auf den Ehealltag danach verschieben. Ich halte das für keinen klugen Schachzug: Das himmlische Getue zuvor kann dann später leicht wie ein falsches Versprechen wirken. Die AbaGusii dagegen lernen von Anfang an, um ihre Liebe zu kämpfen. Das dürfte deren Bedeutung auf der Werteskala der Liebenden steigern. Und die Scheidungsrate senken – wer will sich unter solchen Voraussetzungen schon der Gefahr einer zweiten Hochzeit aussetzen? Ein Sprichwort der AbaGusii lautet übrigens: „Die, die du heiratest, sind die, mit denen du streitest.“ Wie gesagt, ein weises Volk.

Ich möchte auf sie anstoßen mit dem Cocktailklassiker Margarita. Er bringt die Haltung der AbaGusii zur Heirat symbolisch auf den Punkt: Erst kommt der fiese Salzrand, dann der leckere Limettensaft (1 Teil), der süße Orangenlikör (1 Teil) und der sauscharfe Tequila (2 Teile). Aber nehmen Sie um Gottes willen einen guten alten Tequila, sonst ist am nächsten Morgen – wie nach manchen Hochzeiten – der Katzenjammer groß.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Kurt Wolff – ein großer Verleger der deutschen Literatur

Aufbruch, Aufbruch, immer wieder Aufbruch

Kurt Wolff war der wichtigste Verlege des deutschen Expressionismus, einer der bedeutendsten Verleger der deutschen Literaturgeschichte. Heute könnte er seinen Geburtstag feiern, Grund genug an ihn und seine Arbeit zu erinnern, aber auch an seine Frau Helen Wolff, die mit ihm gemeinsam Großartiges geleistet hat, wenn es darum ging, deutsche Literatur nach Amerika zu vermitteln. Ein Loblied.

Ja, wenn man solche Postkarten bekommt! Da muss das Verlegerleben doch die reine Lust sein. „Sehr geehrter Verlag“, steht da in geschwungener, klarer Handschrift, „gleichzeitig schicke ich Ihnen express-rekommand das Manuskript der ‚Strafkolonie’ mit einem Brief. Hochachtungsvoll ergeben Dr. Kafka. 19/XI/18.“

Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung", 1915 veröffentlicht im Verlag Kurt WolffSo bescheiden und unprätentiös eine der berühmtesten und meistgelesenen Erzählungen des 20. Jahrhunderts frei Haus geliefert zu kriegen – kann es für einen Verleger größeres Glück geben? Welche Sorgen sollten ihn da noch drücken? Doch leider sind die Realitäten des Verlagsgeschäfts andere.

Kafkas Postkarte war 2007  Teil einer Ausstellung zu Ehren Kurt Wolffs in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Sie war nicht zuletzt ein Resultat des Bemühens, für die Verlagsgeschichte etwas zu erreichen, was für die vor den Nazis ins Exil geflohenen Schriftsteller schon vor Jahrzehnten geleistet wurde: Sie wieder mit ihrer ganzen Lebensleistung als Teil deutscher Literaturgeschichte bewusst zu machen.

Kurt Wolff, am 3. März 1887 in Bonn geboren, wuchs in einer bildungsgesättigten Atmosphäre auf, von der man heute nur noch träumen kann. Der Vater war Professor und Musikdirektor der Stadt, die Mutter, die früh starb und dem Sohn ein Vermögen hinterließ, entstammte einer alten jüdischen Familie, die zum Freundesumkreis der Familie Goethes zählte.

Herausgeber: Barbara Weidle, Ursula Seeber: "Kurt Wolff - Ein Literat und Gentleman". Begleitbuch zur Frankfurter Ausstellung 2007. Weidle Verlag, 25 Euro

Als Wolff – gerade mal 23jährig – mit Ernst Rowohlt seinen ersten Verlag gründete, verfügte er über souveräne Kenntnissen in Musik, Kunst, Literatur, hatte bereits literaturhistorische Bücher ediert und eine kostbare 12.000 Bände zählende Bibliothek mit Erstausgaben aufgebaut.

Selbst die größten Verleger sind selten länger als zehn, zwanzig Jahre auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten. In dieser Zeit verstehen sie es, wie die Beispiele von Samuel Fischer bis Siegfried Unseld zeigen, wichtige Autoren ihrer Generation an sich zu bindenden, bevor dann die nächste Generation nachrückt, zu der sie nur selten noch fruchtbare Kontakte herstellen können.

Die Ungunst der Epoche wollte es, das Kurt Wolff diesen Gipfel seiner Ausstrahlungskraft schon früh, als noch unerfahrener Mann und dazu in wirtschaftlich katastrophalen Zeiten erreichte. Er war nur 25 Jahre alt, als er sich 1912 von Rowohlt trennte, zwei der hellhörigsten jungen Literaten der Zeit, Kurt Pinthus und Franz Werfel, als Lektoren einstellte und mit uferloser Energie über den Buchmarkt herfiel.

Wolfram Göbel: "Der Kurt Wolff Verlag". Allitera Verlag 2007. 42 Euro

Schon im ersten Jahr als alleinverantwortlicher Verleger produzierte er mehr Titel als der bislang bedeutendste Großverlag S.Fischer. Wie ein Magnet zog Wolff die wichtigsten Autoren des literarischen Expressionismus an sich. Bei ihm erschien alles, was bis heute die Literaturgeschichte dieser Zeit prägt: Werfel, Trakl, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, Robert Walser, Arnold Zweig. Allein 1916 kamen Bücher heraus von Kafka, Carl Sternheim, Werfel, Gottfried Benn und Johannes R.Becher, dazu der Bestseller „Golem“ von Gustav Meyrink. Gleichsam auf Vorrat hatte Wolff im selben Jahr den während des Ersten Weltkriegs wegen der Zensur undruckbaren Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann eingekauft.

Doch so blitzartig Wolffs Aufstieg war, so rapide war sein Absturz. Die meisten seiner Autoren, darunter Kafka, fanden zunächst kaum Leser. Dennoch kaufte Wolff, wie manisch getrieben, zahlreiche andere Verlage, wechselte mehrfach den Hauptsitz seiner Firma, produzierte kostspielige Kunstbände, obwohl sich der Buchmarkt nach dem Ersten Weltkrieg und während der Inflationszeit im freien Fall befand.

Kurt Wolff: "Autoren - Bücher - Abenteuer. Betrachtungen und Erinnerungen eines Verlegers". Verlag Klaus Wagenbach 2004. 9,90 Euro

Der Rheinländer Wolff war eher zu emphatischen Aufbrüchen begabt – darin vielen seiner expressionistischen Autoren verwandt – als dazu, seinen Unternehmungen Kontinuität und Dauer zu verleihen. Schon nach 1920 publizierte er kaum noch literarische Titel und als er seinen Verlag 1930 mit Anfang Vierzig aufgeben musste, hatte er sein Vermögen und große Teile der Mitgift seiner ersten Frau aufgebraucht.

Zusammen mit seiner zweiten Frau Helen floh er 1941 vor den Nazis nach New York, und gründete dort den Verlag Pantheon Books. Zu ihnen stieß ein anderer Exilant, der in Russland geborene Jacques Schiffrin, der in Frankreich die weltberühmte Sammlung „La Pléiade“ aus der Taufe gehoben hatte, die bis heute vom Verlag Gallimard fortgeführt wird. Zusammen spezialisierten sie sich darauf, große europäische Literatur auf den amerikanischen Buchmarkt zu bringen, auch wenn die keine großen Markterfolge garantierte. „Doch wie auch immer die aktuellen Verkaufsziffern ausfielen“, schrieb später Jacques Schiffrins Sohn André, „die Büroräume des Verlags am Washington Square bildeten für die Emigranten in New York eine Oase der Glückseligkeit, stilvoll in einer der prachtvollen Stadtvillen untergebracht, die früher die Südseite des Parks begrenzten.“

Kurt Pinthus: "Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus". Rowohlt Taschenbuch Verlag. 9,90 Euro

Ökonomisch wirklich erfolgreich wurde Pantheon Books erst in den fünfziger Jahren mit einem Beststeller von Anne Morrow Lindbergh: „Muscheln in meiner Hand“ und der amerikanischen Lizenz von Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“. Dennoch wurden Kurt und Helen Wolff bald darauf aus dem Verlag gedrängt, der ihren literarischen Qualitätsvorstellungen immer weniger entsprach.

Helen Wolff ist bis zu ihrem Tod 1994 eine wer wichtigsten Vermittelrinnen europäischer Literatur nach Amerika geblieben. Sie brachte in einem speziell auf sie zugeschnittenen Imprint-Verlag unter anderem Uwe Johnson, Grass, Frisch, Jurek Becker, Walter Benjamin, Karl Jaspers und Umberto Eco heraus.

Kurt Wolff starb, wie er gelebt hatte, im Dienst der Literatur. 1963 wurde er auf dem Weg zu einer Ausstellung expressionistischer Literatur in Marbacher Schiller Nationalmuseum von einem Lastwagen überfahren. Man beerdigte ihn in Marbach, wo zwölf Jahre später auch sein alter Lektor Kurt Pinthus beisetzte wurde, dessen legendäre Anthologie „Menschheitsdämmerung“ wie keine andere den Geist der frühen Autoren Kurt Wolffs bewahrte. Doch diese Sammlung war erst 1920, also nach der kurzen, explosionsartigen Blüte von Wolffs Verlag fertig geworden – und erschien deshalb schon im Verlag seines alten Konkurrenten Rowohlt.

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Buch&Bar 56: Zora del Buono “Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen”

Gespräch mit einer bescheuerten Birke

Heute: Über über echt superspirituelles Lesen und Trinken

Zora del Buono: "Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen". Verlag Matthes & Seitz. 32 Euro

Zora del Buono ist zu einigen der ältesten Bäumen der Welt gereist, hat sie fotografiert, Reportagen über sie geschrieben und ein Buch daraus gemacht: „Das Leben der Mächtigen“ (Matthes & Seitz, 32 Euro). Manche der Bäume sind über 3000 Jahre alt. Eine Zitterpappel in Utah bringt es auf 80 000 Jahre! Ihnen zu begegnen soll eine tiefe spirituelle Erfahrung sein.

Ich zeigte das Buch der Birke in unserem Garten, sie war sofort sauer.

Birke: „Spirituell? Meine Fresse.“

Ich: „Warum nicht? Manche umarmen Bäume, schlafen zu ihren Füßen.“

Birke: „Füße? Siehst du hier Füße? Wehe, du fängst an, mich zu begrapschen. Finger weg! Nimm sie weg!“

Ich: „Du bist doch nur neidisch, weil du nicht 1000 Jahre alt wirst.“

Birke: „Du erst recht nicht! Von so einem gefühlsduseligen Vollpfosten wie dir muss ich mich gießen lassen. Holzkopf, dämlicher.“

Ich: „Hey, pass auf, was du sagst! Ich verheiz’ dich im Kamin.“

Birke: „Aha, das also ist deine spirituelle Tiefe! Von Uraltpappeln schwärmen, aber Durchschnittsbirken mit der Kettensäge drohen.“

Zur Versöhnung haben wir einen Wodka White Birch getrunken, einen durch und durch russischen Wodka mit englischem Namen, dem Birkensaft zugesetzt wird. Schmeckt seidig weich, ein wenig nach Sahne. „Birkensaft ist“, knarrte die Birke, “übrigens auch gut gegen Haarausfall. Von hier oben sieht’s aus, als hättest du’s bald nötig.“ Dieser Drecksbaum, dieser unspirituelle.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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Die Schriftstellerin Barbara Honigmann – und ihre erstaunliche Familie

Der Spion, der meine Mutter heiratete

Sie wurde in der DDR als Tochter hoher Funktionäre geboren. Aber sie wandte sich vom realen Sozialismus ab und entdeckte ihr Judentum für sich: Schon der Werdegang der Schriftstellerin Barbara Honigmann ist bemerkenswert genug. Doch was sie in ihren aufregenden Büchern über ihre Eltern, den “antifaschistischen Adel” der DDR und den Spion Kim Philby berichtet, der den Verlauf des Kalten Kriegs entschieden veränderte, ist geradezu haarsträubend – und haarsträubend gut geschrieben. Ein kleines Porträt der Schriftstellerin aus Anlass ihres Geburtstages.

Barbara Honigmann: "Das überirdische Licht". Rückkehr nach New York. Hanser Verlag. 14,90 Euro

„I come from France, but I am a German Jew“, mit diesem Satz hat sich Barbara Honigmann, so schrieb in einem Buch über ihre New Yorker Zeit, unbekannten Amerikanern gern vorgestellt. Und sie war, fügte sie hinzu, über die „Formelhaftigkeit, in der meine Existenz so ihren Ausdruck findet” regelrecht beglückt. Denn die Herkunft und den Werdegang dieser Schriftstellerin in seinen Feinheiten verständlich zu machen, ist nicht leicht.

Sie wurde 1949 in Ost-Berlin als Tochter eines kommunistischen jüdischen Ehepaars geboren, das nach dem Exil in die DDR zurückgekehrt war und dort wichtige kulturelle und politische Funktionen übernahm. Doch als Jugendliche wandte sich Barbara Honigmann entschieden gegen das politische Milieu ihrer Eltern und damit auch gegen das SED-Regime. Sie opponierte nicht nur gegen deren sozialistische, sondern auch gegen deren strikt rationalistische Grundhaltung und suchte Anschluss an die jüdische Gemeinde der DDR, in der sie die jüdische Religion überhaupt erst kennenlernte.

Zudem wurde sie Teil einer Ost-Berliner Boheme, die in Kunst, Theater, Literatur ihre Zuflucht vor den Zumutungen der Diktatur suchte – und diese „Clique lebte und bewegte sich mehr wie ein einziger, vielarmiger und mehrköpfiger Körper”, schrieb Barbara Honigmann einmal: “Mal schlief eine Freundin bei mir, mal ich bei ihr, oder wir beide schliefen bei einer dritten, oder wir schliefen zu dritt bei einer vierten, jedenfalls trugen wir immer eine Zahnbürste bei uns, weil wir ja nie wussten, wo wir aufwachen würden.“

Barbara Honigmann: "Alles, alles Liebe". Roman. dtv. 12,90 Euro

Bald schon wurden die Konflikt mit ihrem Geburtsland unüberbrückbar, sie stellte einen Ausreiseantrag und übersiedelte 1984 mit Mann und Kindern von der DDR ins französische Straßburg. Denn die Stadt verfügt nicht nur über ein reges jüdisches Leben, sondern in Frankreich hoffte sie außerdem Distanz zu dem vom Holocaust überschatteten und bis heute belasteten, oft verkrampften Verhältnis der deutschen Nicht-Juden zu den Juden zu gewinnen.

Barbara Honigmann selbst hat diese Lebensentscheidung zunächst in hohem Maße dramatisiert. Sie nannte sie pathetisch ihren „dreifachen Todessprung ohne Netz: vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich und aus der Assimilation mitten in das Thora-Judentum hinein“. Ihre literarische Produktion blieb unterdessen spärlich und nicht ohne Schwächen. In dem Buch „Soharas Reise“ (1996) beispielsweise, das von einer arabischen Jüdin in Frankreich erzählt, macht sie die religiösen Traditionen ihrer Heldin nicht zu deren selbstverständlichem Lebenshintergrund, sondern stellt sie mit dem Eifer der Spätbekehrten aus wie Kostbarkeiten in einer Glasvitrine, was der Figur viel von ihrer Glaubwürdigkeit nimmt. Und auch in ihrem Briefroman „Alles, alles Liebe!“ (2000), in dem sie die DDR-Boheme von Prenzlauer Berg porträtiert, bleiben die Figuren vage Schemen, die sich nie zu prägnanten Charakteren formen. Eine Meisterin der Rollenprosa – von der diese beiden Bücher leben – kann man Barbara Honigmann bislang nicht nennen.

Barbara Honigmann: "Eine Liebe aus nichts". Roman. dtv. 8,90 Euro

Weitaus eindrucksvoller und unverwechselbarer waren dagegen von Beginn an ihre Reflektionen über die Vergangenheit ihrer eigenen Familie. Dies schon deshalb, weil das Schicksal ihrer Eltern in solchem Maße durch die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts geprägt war, daß ihre Biographien wirken wie gelebte Geschichtslektionen. Ihr Vater, dem sich 1991 ihr Buch „Eine Liebe aus Nichts“ widmete, war im großbürgerlichen Milieu in Hessen aufgewachsen und arbeitete anfangs als Journalist für die „Vossische Zeitung“. Nachdem er als Jude vor den Nazis nach England fliehen mußte, bekannte er sich zum Kommunismus und Parteimitglied, lief nach Kriegsende in die „Sowjetisch besetzte Zone“ über und arbeitete dann in Ost-Berlin als ehemaliger Emigrant und Antifaschist in wichtigen Positionen am Aufbau der linientreuen Presse der DDR mit.

Der Essay „Ein Kapitel aus meinem Leben“ (2004) ist ein Pendant zu diesem Vater-Buch, er behandelt die Biographie der Mutter. Doch obwohl sie weniger exponierte Ämter bekleidete als ihr Mann, ist ihr Lebensweg geschichtlich weitaus signifikanter und in seinem entscheidenden „Kapitel“ historisch von geradezu dramatischer Bedeutung. Dies Buch ist ein kleines Wunderding: Ein schöner, kluger, überaus eindringlicher Essay, in dem Barbara Honigmann lauter Gegensätze zusammenzwingt, die sonst fast unvereinbar sind. Sie berichtet über Ungeheuerlichkeiten von buchstäblich historischer Dimension – rückt sie den Lesern aber in ihrer alltäglichen, unsensationellen Erscheinungsform vor Augen. Sie betreibt Familienforschung der persönlichsten Art – läßt dabei jedoch Konflikte, Sehnsüchte, Bitterkeiten zweier ganzer Generationen aufscheinen. Sie schreibt ausschließlich über Vergangenes – und macht dennoch Entscheidendes im geistigen Klima unserer Gegenwart spürbar.

Barbara Honigmann: "Ein Kapitel aus meinem Leben". dtv. 10,90 Euro

Barbara Honigmanns Mutter Lizzy Kohlmann, geboren 1910, wuchs als Tochter gläubiger Juden zunächst in einem ungarischen Dorf, später in Wien auf. Von ihrem ersten Ehemann trennte sie sich, als der seine Auswanderung nach Palästina plante und schloß sich statt dessen der kommunistischen Partei Österreichs an. Sie war mehr als ein einfaches Mitglied, in ihrer Dreizimmerwohnung fanden mitunter ZK-Sitzungen der KPÖ statt. Die Wiener Arbeiteraufstände von 1934 erlebte sie an der Seite eines talentierten englischen Marxisten, den sie bald darauf heiratete und mit dem sie vor den Nachstellungen der österreichischen Polizei nach Großbritannien auswich.

Dieser zweite Ehemann war kein anderer als Kim Philby, der legendäre Doppelagent, der während und nach den Zweiten Weltkrieg den KGB mit entscheidenden Militärgeheimnissen des Westens versorgte und damit nicht zuletzt zur atomaren Aufrüstung der Sowjetunion beitrug. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, ohne ihn hätte der Kalte Krieg einen anderen Verlauf genommen.

Lizzy Kohlmann war seit 1935 in die Spionagearbeit Philbys eingeweiht, strickte mit an seiner Tarnung gegenüber der britischen Abwehr und erfüllte Verbindungsaufgaben zwischen dem KGB und Philby. Der perfekte Stoff für einen Polit-Thriller. Den hat Barbara Honigmann allerdings nicht geschrieben. Statt auf die inzwischen bekannt gewordenen Tatsachen, die vermutlich ohnehin den beteiligten Geheimdiensten gründlich manipuliert wurden, konzentriert sich auf ihr Verhältnis zu ihrer Mutter. Lizzy Kohlmann ließ sich noch in England von Philby scheiden, heiratete den deutschen Emigranten Georg Honigmann und folgte ihm am Ende des Zweiten Weltkriegs nach Ost-Berlin. Dort wurde 1949 Barbara Honigmann geboren, die dann, wie so viele Kinder höherer Funktionäre, von Jugendbeinen an in eine solide Gegnerschaft zum sozialistischen Regime hineinwuchs.

Obwohl sich Mutter und Tochter äußerlich ähneln und zeit Lebens ein herzliches Verhältnis pflegen, reichen die Unterschiede zwischen ihnen tief. Lizzy Kohlmann ist ein Kind des Bürgertums, das auf bürgerliche Bindungen keinen Wert legt: Sie läßt ihr Judentum ebenso leichten Herzens hinter sich, wie ihre österreichische Heimat, trennt sich weitgehend schmerzarm von ihren insgesamt drei Ehemännern und diversen Liebespartnern, fühlt sich an der Seite Philbys England gegenüber, dessen Kultur sie bewundert und das ihr vor den Nazis Zuflucht gewährte, zu keiner Loyalität verpflichtet, ja verläßt schließlich sogar als fast Fünfundsiebzigjährige abrupt mit der DDR die marxistische Welt und kehrt nach Wien zurück. Ihre Leben ist von einem radikalen Drang nach Unabhängigkeit und zugleich nie versiegender politischer Leidenschaft geprägt.

Die Tochter dagegen ist ein Kind des Sozialismus, das an die sozialistischen Glücksversprechen nicht glauben kann: Sie fühlt sich heimatlos im ungeliebten Staat und wünscht sich schon deshalb nichts dringender als eine rundum bejahte Bindung und Zugehörigkeit. So beginnt sie die jüdische Tradition ihrer Vorfahren, mit der ihre Eltern gebrochen hatten, mühevoll für sich zu rekonstruieren – und beantragt schließlich die Ausreise aus der DDR, um sich in der großen jüdischen Gemeine Straßburgs zu verwurzeln.

Amir Eshel und Ylaat Weiss (Hrsg.): "Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge". Zum Werk von Barbara Honigmann. Verlag Wilhelm Fink. 25,90 Euro

Barbara Honigmanns Buch bietet Einblicke in das Leben des „antifaschistischen Adels“ der DDR, die allen Klischees von den unüberbrückbaren Systemgegensätzen des Kalten Krieges zuwiderlaufen. Lizzy Kohlmann, die engagierte Kommunistin, fährt alljährlich von Ost-Berlin nach Wien zur Sommerfrische, sie schickt ihre Tochter zuerst als Schülerin zu Freunden ins bewunderte (und verratene) England, später als Studentin nach Moskau – wo sie in der Wohnung russischer Dissidenten (!) dem Engländer Donald Maclean begegnet, der gemeinsam mit Philby für den KGB gearbeitet und sich aus den USA in die Sowjetunion abgesetzt hatte.

Man könnte meinen: Was für ein exotisches Milieu, was für ein unvergleichliches Schicksal. Doch da Barbara Honigmann nicht die Thriller-Story, sondern eben die alltäglichen Aspekte im Leben ihrer Mutter in den Mittelpunkt des Essays stellt, erweist sich manches an ihrer Biographie und an der Biographie der Tochter als durchaus exemplarisch. Denn die Radikalität mit der sich Lizzy Kohlmann von ihrer Herkunft lossagte, stets alles fortwarf, nie etwas bewahrte, konsequent nur in der Gegenwart lebte, war zugleich abgefedert durch zutiefst bürgerliche Bildung, Umgangformen, Stilsicherheit, auf die sie sich immer verlassen konnte.

Aber gerade ein solches kulturelles Fundament fehlt den Nachgeborenen, fehlt den nach den Zivilisationsbrüchen des 20. Jahrhunderts Geborenen. Während die Mutter, ihrer selbst ganz und gar gewiß, mit Identitäten spielt, ringt die Tochter darum, überhaupt erst zu einer Identität zu finden – und sucht sie schließlich im Judentum. „Nicht wir halten Schabbes“, schrieb sie einmal, „sondern Schabbes hält uns. Sagt der Talmud. Die Wahrheit dieser Weisheit kann ich bestätigen.“

Ratlos wie viele ihrer Generation schaut Barbara Honigmann in diesem Buch auf Eltern, die rigoros eine Menge der Traditionen zerstörten, um deren Rekonstruktion sich viele heute bemühen. Eine Ratlosigkeit, in die sich mitunter insgeheim auch ein wenig Neid mischt auf jene alten Revolutionäre, die in sich die Kraft und das Selbstbewußtsein spürten, die Welt aus den Angeln zu heben, und die, wie Philby die Welt tatsächlich – allerdings nicht zu ihrem Guten – veränderten. Wie viele innerfamiliäre Abrechnungen sind in den letzten Jahren veröffentlicht worden, wie viele Bücher über die Wege von Großvätern, Vätern, Müttern oder älteren Brüdern durch eine zerrissene Epoche. Doch wie wenige von ihnen sind so klar und klug geschrieben, so federnd leicht und zugleich erfahrungssatt wie dieses von Barbara Honigmann.

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Buch&Bar 55: Oscar Wilde “Lord Arthur Saviles Verbrechen”

Ein Gentleman mordet vor der Hochzeit

Heute: Über die heilige Pflicht zu lesen und zu trinken

„Die rechte Grundlage für eine Ehe“, schrieb Oscar Wilde, „ist gegenseitiges Missverstehen.“

Oscar Wilde: "Lord Arthur Saviles Verbrechen". Übersetzt von Christine Hoeppener, mit Zeichnungen von Michael Schroeder. Verlag Edition Faust. 18 Euro

Der Reiz von Missverständnissen wird ja stark unterschätzt. Dabei sind sie ungeheuer fantasieanregend. Ich spreche gern mit Leuten, von deren Sprache ich keinen blassen Schimmer habe. Selten hört man so genau hin und versucht noch die versteckteste Regungen des anderen zu entschlüsseln. Gibt es Besseres für eine Ehe?

Auch der Titelheld in Oscar Wildes Erzählung „Lord Arthur Saviles Verbrechen“ (edition Faust, 18 Euro) wäre mit Missverstehen besser bedient gewesen als mit Verstehen. Ein Mann, der ihm die Zukunft aus der Hand lesen soll, erbleicht plötzlich und stottert statt einer Erklärung nur Belanglosigkeiten. Lord Arthur will das nicht hinnehmen, sondern alles wissen – und erfährt schließlich, er werde einen Mord begehen.

Natürlich ist Lord Arthur ein Gentleman und möchte seiner Verlobten nicht zumuten, dass ihr zukünftiger Mann beim Morden geschnappt werden könnte. Also sieht er es als heilige Pflicht an, das blutige Geschäft noch rasch vor der Hochzeit zu erledigen, um dann beruhigt in den Ehehafen einlaufen zu können. Und Tante Clementina ist doch eh schon so alt…

Der Dandy Oscar Wilde sah es als heiligste Pflicht an, es sich so gut gehen zu lassen wie irgend möglich. Also brach er Champagner-Flaschen das Genick, wann, wo und wie oft er nur konnte. Selbst vor Gericht ließ er sie sich angeblich während der Verhandlung servieren. Verbürgt ist seine Antwort auf die Frage des gegnerischen Anwalts, ob er in einer verfänglichen Situation Champagner getrunken habe: „Eisgekühlter Champagner ist mein Lieblingsgetränk – strikt gegen die Anordnungen meines Arztes.“ Als er völlig verarmt mit nur 46 starb, hob er das Champagnerglas und hinterließ der Welt den Satz: „Ich sterbe wie ich gelebt habe: über meine Verhältnisse.“

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