Die Schriftstellerin Barbara Honigmann – und ihre erstaunliche Familie

Der Spion, der meine Mutter heiratete

Sie wurde in der DDR als Tochter hoher Funktionäre geboren. Aber sie wandte sich vom realen Sozialismus ab und entdeckte ihr Judentum für sich: Schon der Werdegang der Schriftstellerin Barbara Honigmann ist bemerkenswert genug. Doch was sie in ihren aufregenden Büchern über ihre Eltern, den “antifaschistischen Adel” der DDR und den Spion Kim Philby berichtet, der den Verlauf des Kalten Kriegs entschieden veränderte, ist geradezu haarsträubend – und haarsträubend gut geschrieben. Ein kleines Porträt der Schriftstellerin aus Anlass ihres Geburtstages.

Barbara Honigmann: "Das überirdische Licht". Rückkehr nach New York. Hanser Verlag. 14,90 Euro

„I come from France, but I am a German Jew“, mit diesem Satz hat sich Barbara Honigmann, so schrieb in einem Buch über ihre New Yorker Zeit, unbekannten Amerikanern gern vorgestellt. Und sie war, fügte sie hinzu, über die „Formelhaftigkeit, in der meine Existenz so ihren Ausdruck findet” regelrecht beglückt. Denn die Herkunft und den Werdegang dieser Schriftstellerin in seinen Feinheiten verständlich zu machen, ist nicht leicht.

Sie wurde 1949 in Ost-Berlin als Tochter eines kommunistischen jüdischen Ehepaars geboren, das nach dem Exil in die DDR zurückgekehrt war und dort wichtige kulturelle und politische Funktionen übernahm. Doch als Jugendliche wandte sich Barbara Honigmann entschieden gegen das politische Milieu ihrer Eltern und damit auch gegen das SED-Regime. Sie opponierte nicht nur gegen deren sozialistische, sondern auch gegen deren strikt rationalistische Grundhaltung und suchte Anschluss an die jüdische Gemeinde der DDR, in der sie die jüdische Religion überhaupt erst kennenlernte.

Zudem wurde sie Teil einer Ost-Berliner Boheme, die in Kunst, Theater, Literatur ihre Zuflucht vor den Zumutungen der Diktatur suchte – und diese „Clique lebte und bewegte sich mehr wie ein einziger, vielarmiger und mehrköpfiger Körper”, schrieb Barbara Honigmann einmal: “Mal schlief eine Freundin bei mir, mal ich bei ihr, oder wir beide schliefen bei einer dritten, oder wir schliefen zu dritt bei einer vierten, jedenfalls trugen wir immer eine Zahnbürste bei uns, weil wir ja nie wussten, wo wir aufwachen würden.“

Barbara Honigmann: "Alles, alles Liebe". Roman. dtv. 12,90 Euro

Bald schon wurden die Konflikt mit ihrem Geburtsland unüberbrückbar, sie stellte einen Ausreiseantrag und übersiedelte 1984 mit Mann und Kindern von der DDR ins französische Straßburg. Denn die Stadt verfügt nicht nur über ein reges jüdisches Leben, sondern in Frankreich hoffte sie außerdem Distanz zu dem vom Holocaust überschatteten und bis heute belasteten, oft verkrampften Verhältnis der deutschen Nicht-Juden zu den Juden zu gewinnen.

Barbara Honigmann selbst hat diese Lebensentscheidung zunächst in hohem Maße dramatisiert. Sie nannte sie pathetisch ihren „dreifachen Todessprung ohne Netz: vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich und aus der Assimilation mitten in das Thora-Judentum hinein“. Ihre literarische Produktion blieb unterdessen spärlich und nicht ohne Schwächen. In dem Buch „Soharas Reise“ (1996) beispielsweise, das von einer arabischen Jüdin in Frankreich erzählt, macht sie die religiösen Traditionen ihrer Heldin nicht zu deren selbstverständlichem Lebenshintergrund, sondern stellt sie mit dem Eifer der Spätbekehrten aus wie Kostbarkeiten in einer Glasvitrine, was der Figur viel von ihrer Glaubwürdigkeit nimmt. Und auch in ihrem Briefroman „Alles, alles Liebe!“ (2000), in dem sie die DDR-Boheme von Prenzlauer Berg porträtiert, bleiben die Figuren vage Schemen, die sich nie zu prägnanten Charakteren formen. Eine Meisterin der Rollenprosa – von der diese beiden Bücher leben – kann man Barbara Honigmann bislang nicht nennen.

Barbara Honigmann: "Eine Liebe aus nichts". Roman. dtv. 8,90 Euro

Weitaus eindrucksvoller und unverwechselbarer waren dagegen von Beginn an ihre Reflektionen über die Vergangenheit ihrer eigenen Familie. Dies schon deshalb, weil das Schicksal ihrer Eltern in solchem Maße durch die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts geprägt war, daß ihre Biographien wirken wie gelebte Geschichtslektionen. Ihr Vater, dem sich 1991 ihr Buch „Eine Liebe aus Nichts“ widmete, war im großbürgerlichen Milieu in Hessen aufgewachsen und arbeitete anfangs als Journalist für die „Vossische Zeitung“. Nachdem er als Jude vor den Nazis nach England fliehen mußte, bekannte er sich zum Kommunismus und Parteimitglied, lief nach Kriegsende in die „Sowjetisch besetzte Zone“ über und arbeitete dann in Ost-Berlin als ehemaliger Emigrant und Antifaschist in wichtigen Positionen am Aufbau der linientreuen Presse der DDR mit.

Der Essay „Ein Kapitel aus meinem Leben“ (2004) ist ein Pendant zu diesem Vater-Buch, er behandelt die Biographie der Mutter. Doch obwohl sie weniger exponierte Ämter bekleidete als ihr Mann, ist ihr Lebensweg geschichtlich weitaus signifikanter und in seinem entscheidenden „Kapitel“ historisch von geradezu dramatischer Bedeutung. Dies Buch ist ein kleines Wunderding: Ein schöner, kluger, überaus eindringlicher Essay, in dem Barbara Honigmann lauter Gegensätze zusammenzwingt, die sonst fast unvereinbar sind. Sie berichtet über Ungeheuerlichkeiten von buchstäblich historischer Dimension – rückt sie den Lesern aber in ihrer alltäglichen, unsensationellen Erscheinungsform vor Augen. Sie betreibt Familienforschung der persönlichsten Art – läßt dabei jedoch Konflikte, Sehnsüchte, Bitterkeiten zweier ganzer Generationen aufscheinen. Sie schreibt ausschließlich über Vergangenes – und macht dennoch Entscheidendes im geistigen Klima unserer Gegenwart spürbar.

Barbara Honigmann: "Ein Kapitel aus meinem Leben". dtv. 10,90 Euro

Barbara Honigmanns Mutter Lizzy Kohlmann, geboren 1910, wuchs als Tochter gläubiger Juden zunächst in einem ungarischen Dorf, später in Wien auf. Von ihrem ersten Ehemann trennte sie sich, als der seine Auswanderung nach Palästina plante und schloß sich statt dessen der kommunistischen Partei Österreichs an. Sie war mehr als ein einfaches Mitglied, in ihrer Dreizimmerwohnung fanden mitunter ZK-Sitzungen der KPÖ statt. Die Wiener Arbeiteraufstände von 1934 erlebte sie an der Seite eines talentierten englischen Marxisten, den sie bald darauf heiratete und mit dem sie vor den Nachstellungen der österreichischen Polizei nach Großbritannien auswich.

Dieser zweite Ehemann war kein anderer als Kim Philby, der legendäre Doppelagent, der während und nach den Zweiten Weltkrieg den KGB mit entscheidenden Militärgeheimnissen des Westens versorgte und damit nicht zuletzt zur atomaren Aufrüstung der Sowjetunion beitrug. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, ohne ihn hätte der Kalte Krieg einen anderen Verlauf genommen.

Lizzy Kohlmann war seit 1935 in die Spionagearbeit Philbys eingeweiht, strickte mit an seiner Tarnung gegenüber der britischen Abwehr und erfüllte Verbindungsaufgaben zwischen dem KGB und Philby. Der perfekte Stoff für einen Polit-Thriller. Den hat Barbara Honigmann allerdings nicht geschrieben. Statt auf die inzwischen bekannt gewordenen Tatsachen, die vermutlich ohnehin den beteiligten Geheimdiensten gründlich manipuliert wurden, konzentriert sich auf ihr Verhältnis zu ihrer Mutter. Lizzy Kohlmann ließ sich noch in England von Philby scheiden, heiratete den deutschen Emigranten Georg Honigmann und folgte ihm am Ende des Zweiten Weltkriegs nach Ost-Berlin. Dort wurde 1949 Barbara Honigmann geboren, die dann, wie so viele Kinder höherer Funktionäre, von Jugendbeinen an in eine solide Gegnerschaft zum sozialistischen Regime hineinwuchs.

Obwohl sich Mutter und Tochter äußerlich ähneln und zeit Lebens ein herzliches Verhältnis pflegen, reichen die Unterschiede zwischen ihnen tief. Lizzy Kohlmann ist ein Kind des Bürgertums, das auf bürgerliche Bindungen keinen Wert legt: Sie läßt ihr Judentum ebenso leichten Herzens hinter sich, wie ihre österreichische Heimat, trennt sich weitgehend schmerzarm von ihren insgesamt drei Ehemännern und diversen Liebespartnern, fühlt sich an der Seite Philbys England gegenüber, dessen Kultur sie bewundert und das ihr vor den Nazis Zuflucht gewährte, zu keiner Loyalität verpflichtet, ja verläßt schließlich sogar als fast Fünfundsiebzigjährige abrupt mit der DDR die marxistische Welt und kehrt nach Wien zurück. Ihre Leben ist von einem radikalen Drang nach Unabhängigkeit und zugleich nie versiegender politischer Leidenschaft geprägt.

Die Tochter dagegen ist ein Kind des Sozialismus, das an die sozialistischen Glücksversprechen nicht glauben kann: Sie fühlt sich heimatlos im ungeliebten Staat und wünscht sich schon deshalb nichts dringender als eine rundum bejahte Bindung und Zugehörigkeit. So beginnt sie die jüdische Tradition ihrer Vorfahren, mit der ihre Eltern gebrochen hatten, mühevoll für sich zu rekonstruieren – und beantragt schließlich die Ausreise aus der DDR, um sich in der großen jüdischen Gemeine Straßburgs zu verwurzeln.

Amir Eshel und Ylaat Weiss (Hrsg.): "Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge". Zum Werk von Barbara Honigmann. Verlag Wilhelm Fink. 25,90 Euro

Barbara Honigmanns Buch bietet Einblicke in das Leben des „antifaschistischen Adels“ der DDR, die allen Klischees von den unüberbrückbaren Systemgegensätzen des Kalten Krieges zuwiderlaufen. Lizzy Kohlmann, die engagierte Kommunistin, fährt alljährlich von Ost-Berlin nach Wien zur Sommerfrische, sie schickt ihre Tochter zuerst als Schülerin zu Freunden ins bewunderte (und verratene) England, später als Studentin nach Moskau – wo sie in der Wohnung russischer Dissidenten (!) dem Engländer Donald Maclean begegnet, der gemeinsam mit Philby für den KGB gearbeitet und sich aus den USA in die Sowjetunion abgesetzt hatte.

Man könnte meinen: Was für ein exotisches Milieu, was für ein unvergleichliches Schicksal. Doch da Barbara Honigmann nicht die Thriller-Story, sondern eben die alltäglichen Aspekte im Leben ihrer Mutter in den Mittelpunkt des Essays stellt, erweist sich manches an ihrer Biographie und an der Biographie der Tochter als durchaus exemplarisch. Denn die Radikalität mit der sich Lizzy Kohlmann von ihrer Herkunft lossagte, stets alles fortwarf, nie etwas bewahrte, konsequent nur in der Gegenwart lebte, war zugleich abgefedert durch zutiefst bürgerliche Bildung, Umgangformen, Stilsicherheit, auf die sie sich immer verlassen konnte.

Aber gerade ein solches kulturelles Fundament fehlt den Nachgeborenen, fehlt den nach den Zivilisationsbrüchen des 20. Jahrhunderts Geborenen. Während die Mutter, ihrer selbst ganz und gar gewiß, mit Identitäten spielt, ringt die Tochter darum, überhaupt erst zu einer Identität zu finden – und sucht sie schließlich im Judentum. „Nicht wir halten Schabbes“, schrieb sie einmal, „sondern Schabbes hält uns. Sagt der Talmud. Die Wahrheit dieser Weisheit kann ich bestätigen.“

Ratlos wie viele ihrer Generation schaut Barbara Honigmann in diesem Buch auf Eltern, die rigoros eine Menge der Traditionen zerstörten, um deren Rekonstruktion sich viele heute bemühen. Eine Ratlosigkeit, in die sich mitunter insgeheim auch ein wenig Neid mischt auf jene alten Revolutionäre, die in sich die Kraft und das Selbstbewußtsein spürten, die Welt aus den Angeln zu heben, und die, wie Philby die Welt tatsächlich – allerdings nicht zu ihrem Guten – veränderten. Wie viele innerfamiliäre Abrechnungen sind in den letzten Jahren veröffentlicht worden, wie viele Bücher über die Wege von Großvätern, Vätern, Müttern oder älteren Brüdern durch eine zerrissene Epoche. Doch wie wenige von ihnen sind so klar und klug geschrieben, so federnd leicht und zugleich erfahrungssatt wie dieses von Barbara Honigmann.

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Buch&Bar 55: Oscar Wilde “Lord Arthur Saviles Verbrechen”

Ein Gentleman mordet vor der Hochzeit

Heute: Über die heilige Pflicht zu lesen und zu trinken

„Die rechte Grundlage für eine Ehe“, schrieb Oscar Wilde, „ist gegenseitiges Missverstehen.“

Oscar Wilde: "Lord Arthur Saviles Verbrechen". Übersetzt von Christine Hoeppener, mit Zeichnungen von Michael Schroeder. Verlag Edition Faust. 18 Euro

Der Reiz von Missverständnissen wird ja stark unterschätzt. Dabei sind sie ungeheuer fantasieanregend. Ich spreche gern mit Leuten, von deren Sprache ich keinen blassen Schimmer habe. Selten hört man so genau hin und versucht noch die versteckteste Regungen des anderen zu entschlüsseln. Gibt es Besseres für eine Ehe?

Auch der Titelheld in Oscar Wildes Erzählung „Lord Arthur Saviles Verbrechen“ (edition Faust, 18 Euro) wäre mit Missverstehen besser bedient gewesen als mit Verstehen. Ein Mann, der ihm die Zukunft aus der Hand lesen soll, erbleicht plötzlich und stottert statt einer Erklärung nur Belanglosigkeiten. Lord Arthur will das nicht hinnehmen, sondern alles wissen – und erfährt schließlich, er werde einen Mord begehen.

Natürlich ist Lord Arthur ein Gentleman und möchte seiner Verlobten nicht zumuten, dass ihr zukünftiger Mann beim Morden geschnappt werden könnte. Also sieht er es als heilige Pflicht an, das blutige Geschäft noch rasch vor der Hochzeit zu erledigen, um dann beruhigt in den Ehehafen einlaufen zu können. Und Tante Clementina ist doch eh schon so alt…

Der Dandy Oscar Wilde sah es als heiligste Pflicht an, es sich so gut gehen zu lassen wie irgend möglich. Also brach er Champagner-Flaschen das Genick, wann, wo und wie oft er nur konnte. Selbst vor Gericht ließ er sie sich angeblich während der Verhandlung servieren. Verbürgt ist seine Antwort auf die Frage des gegnerischen Anwalts, ob er in einer verfänglichen Situation Champagner getrunken habe: „Eisgekühlter Champagner ist mein Lieblingsgetränk – strikt gegen die Anordnungen meines Arztes.“ Als er völlig verarmt mit nur 46 starb, hob er das Champagnerglas und hinterließ der Welt den Satz: „Ich sterbe wie ich gelebt habe: über meine Verhältnisse.“

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Gespräch mit Martin Mosebach über Charles Dickens

 ”Vor allem: keine Psychologie!”

Ein Gespräch mit dem Erzähler Martin Mosebach über den gigantischen Erfolg des Erzählers Charles Dickens, der heute Geburtstag hat: Weshalb seine Romane das Vorbild für Entenhausen sind, warum er zwar die Kinderarbeit seiner Zeit anprangerte, aber über die Kinderprostitution kein Wort verlor und wieso er die Gesetze der kapitalistischen  Gesellschaft besser verstanden hatte als Karl Marx

Uwe Wittstock:   Dickens’ Erfolg ist gigantisch. Seine Bücher haben eine Gesamtauflage von mehreren hundert Millionen. „Oliver Twist“ wurde mehr als 20-mal verfilmt, noch häufiger die Weihnachts-Geistergeschichte um den herzlosen Scrooge. Was macht diese literarische Anziehungskraft aus?

Hans-Dieter Gelfert: "Charles Dickens, der Unnachahmliche". Eine Biografie. Verlag C.H. Beck, 14,95 Euro

Martin Mosebach:   Die berühmten Romane „Oliver Twist“ und „David Copperfield“ oder auch die „Weihnachtsgeschichte“ haben den Welterfolg des Genres Jugendliteratur erst eigentlich möglich gemacht. Ihr Rezept: eine klare Trennung zwischen bösen und guten Charakteren und dazu einen jungen Helden, der sich als Identifikationsfigur anbietet. Jeder Jugendliche, der sich einsam, unverstanden und also unglücklich fühlt – wie man das als junger Mensch gelegentlich tut -, findet in diesen Romanen ein literarisches Gegenüber, in das er sich einfühlen kann. Und am Schluss siegt das Gute. Der junge Held triumphiert, die Sehnsucht junger Leser nach Anerkennung und Größe erfüllt sich. Die zahllosen jugendlichen Helden in den Jugendbüchern des 20. Jahrhunderts sind Enkel und Urenkel von Oliver Twist.

Wittstock:   Zugleich sind Dickens’ Romane sehr komisch.

Mosebach:   Ja, das bunte Personal, das die Helden in Dickens’ Romanen umgibt, ist immer wieder hinreißend. Dickens hat die Figuren der italienischen Commedia dell’Arte und der altenglischen Weihnachtspantomime in die Prosaliteratur eingeführt und mit dem Gesellschaftsroman verschmolzen. Er hatte eine unerschöpfliche Fantasie, wenn es darum ging, kauzige, kuriose, witzige Nebenfiguren zu erfinden. Aber auch gruselige, erschreckende, beängstigende Gestalten. Er hat damit ein bis in unsere Gegenwart vielfach benutztes Erzählmodell entwickelt. Ganze Comic-Welten wie Disneys Entenhausen oder das Springfield der Simpsons folgen diesem Muster: Um eine Zentralfigur schart sich ein Ensemble von drolligen, leicht wiedererkennbaren Typen, die in bunter Folge auf- und wieder abtreten und so ein komisches Milieu erschaffen. Vor allem: keine Psychologie! Stattdessen: Typen- und Maskentheater! Auch „Harry Potter“ geht letztendlich auf Charles Dickens zurück: der jugendliche Held, umgeben von einer schier unüberschaubaren Menge bizarrer oder eben schauerlich-fantastischer Nebenfiguren.

Charles Dickens: "David Copperfield". Fischer Taschenbuch Verlag, 9,50 Euro

Wittstock:   Anders als J. K. Rowling war Dickens ein ausgesprochen sozialkritischer Autor. Das Bild von der Not der Arbeiter im Manchester-Kapitalismus ist maßgeblich von Dickens mitgeformt worden.

Mosebach:   Dickens hatte die Schattenseiten seiner Zeit am eigenen Leib erfahren. Er erlebte den sozialen Abstieg seiner Familie, als sein Vater ins Schuldgefängnis kam und er als Zwölfjähriger für zehn Stunden täglich zur Arbeit in eine Schuhwichsfabrik geschickt wurde. Er sah die gnadenlose Welt der Armen mit den Augen des abgestiegenen Bürgerlichen, der diesen Abstieg als Schande empfindet. Die Erinnerung an diesen realen Albtraum hat ihn zeitlebens nicht verlassen.

Wittstock:   Hat Dickens mit seinen Büchern zur Einschränkung der Kinderarbeit beigetragen?

Mosebach:   Nicht nur mit seinen Büchern. Er polemisierte in zahllosen Zeitungsartikeln gegen die Lasten, die man in seiner Zeit den Kindern auflud. Andererseits hat er in seinen Romanen bestimmte Themen konsequent ausgespart: Die ganze Welt der Erotik und des Sexus zum Beispiel kommen bei ihm nicht vor. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in England ja nicht nur das Elend der Arbeitshäuser, in denen Oliver Twist fast umkommt. Vollständig wäre das Bild der Epoche erst, wenn Dickens auch die aus der Armut geborene Kinderprostitution beschrieben hätte, die damals an der Tagesordnung war. Dostojewski hat das gewagt. Doch die viktorianische Gesellschaft war zu prüde, um so etwas offen zur Sprache zu bringen. Auch damals gab es Sextourismus: Allerdings musste der Gentleman der englischen Middle Class nicht auf andere Kontinente reisen, sondern nur in die Armenviertel Londons.

Wittstock:   Aber Dickens war kein Ideologe. Er hätte Karl Marx im London seiner Zeit treffen können, aber marxistische Ideen waren im völlig fremd.

Martin Mosebach: "Schöne Literatur". Essays. dtv. 9,90 Euro

Mosebach:   Die gesellschaftliche Ordnung wird in seinen Romanen nie in Frage gestellt. Letztlich war das soziale Elend viel größer, als er es schilderte. Dickens war kein Zola, er beschrieb das Elend so abgemildert, dass seine Leser es gerade noch ertragen konnten. Und die Lösung seiner Romane ist immer, dass zum guten Ende wohlhabende, gütige Menschen den Armen helfen und ihnen ihr Los erleichtern, nachdem vorher viele hartherzig weggeschaut haben. Auf diese Weise hat Dickens an das Gewissen seiner Leser appelliert. Man darf nicht vergessen: Marx rechnete fest mit einer proletarischen Revolution in England. Dickens’ Romane dagegen zielten darauf, das soziale Verantwortungsgefühl der bürgerlichen Leser zu schärfen. Er ist das literarische Pendant zum Tory-Premierminister Disraeli und seinem konservativen Paternalismus. Allerdings hatten die Engländer damals Kolonien, in die sie einen Teil ihrer sozialen Probleme verlagern konnten.

Wittstock:   War Dickens also ein Moralist?

Mosebach:   Er glaubte fest an eine Kombination aus Vernunft und gutem Herzen. Man kann das naiv nennen. Aber es lag in diesem Glauben, so wie Dickens ihn in seinen Romanen ausgesprochen hat, zweifellos eine Kraft – auch politisch. Die Doktrin, die er erzählend propagiert hat, lautete: Gutsein lohnt sich. Man darf ihn deshalb wohl einen Moralisten nennen, denn er warb eben nicht für utopische Ziele, sondern für eine Linderung konkreter Leiden, die letztlich im Interesse der gesamten Gesellschaft lag. Rückblickend könnte man sagen: Dickens hat die Gesetze der kapitalistischen Gesellschaft besser verstanden als Karl Marx.

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Buch&Bar 54: F.Scott Fitzgerald “Die Strasse der Pfirsiche”

Der Tag, an dem Methusalem platzte

Heute: Über wachholderfeuriges Reisen, Lesen und Trinken

F.Scott Fitzgerald: "Die Strasse der Pfirsiche". Übersetzt von Alexander Pechmann. Aufbau Verlag. 16,95 Euro

Ja jetzt, im nebelnieselnassen Winter, wenn Sonne und Farben Trübsal blasen, ist der richtige Moment gekommen für die „Straße der Pfirsiche“ (Aufbau, 16,95 Euro). F.Scott Fitzgerald war erst 23, aber schon ein gefeierter Bestsellerautor als ihm das Sauwetter in Connecticut auf die Nerven ging und ihn beim Frühstück die erregende Erinnerung an die Biscuits und Pfirsiche Alabamas überwältigte. Also stand er vom Tisch auf, packte einen Haufen Geld sowie die frisch geheiratete Drama-Queen Zelda ins Auto und machte sich auf den 1200 Meilen weiten Weg gen Süden.

Im Jahr 1920! Will sagen: Selbst in USA waren noch nicht alle Straßen asphaltiert und die Lebenserwartung des gebrechlichen Wagens der Fitzgeralds, ein Marmon 34, schätzte das schmierölverschmierte Fachpersonal an den Tankstellen allenfalls noch nach Tagen. Tatsächlich wurde das Auto während der Fahrt vom eigenen Rad überholt, befreite sich die Karosserie mehrfach vom Fahrgestell, sprang die Batterie verzweifelt über Bord und platzen die Reifen so oft, dass Fitzgerald sie auf vielsagende Namen wie Lazarus und Methusalem taufte. Zugegeben, als Mechaniker war er eine Niete, aber ich kenne niemanden, der seine Unfähigkeit mit so viel Charme, Anmut und radikaler Offenheit beschreibt, wie er in diesem Reisebericht.

In den USA herrschte damals Prohibition. Also nennt Fitzgerald, den Gin, der ihm auf den langen Etappen in den Süden neues Feuer verlieh, hier „Wacholderöl“. Es gehört auch zu dem stilvollen Cocktail, der nach ihm benannt wurde. Zwei Teile Gin, ein Teil Zitronensaft, ein Teil Zuckersirup und zwei Spritzer Angostura gut durchgeschüttelt nennt man in den Bars dieser Welt einen Fitzgerald. Ein flüssiger Gedenkstein für einen großen Schriftsteller. Er war erst 44, als ihn der Gin umbrachte.

 

2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Buch&Bar 53: Ilja Trojanow und Susann Urban “Durch Welt und Wiese”

Vom Zufußgehen in Zeiten des Billigfliegens

Heute: Über vielseitig bewandertes Lesen und Trinken

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Ilja Trojanow und Susann Urban: "Durch Welt und Wiese oder: Reisen zu Fuß". Andere Bibliothek, Berlin 2015. 42 Euro

Karneval kommt jetzt rasend schnell. Nächste Woche ist er da. Nach den Flüchtlingsmärschen von Sommer wird die Frage: „Wolle mer se rein lasse?“ ganz anders klingen. Bin gespannt, was manche Närrinnen und Narrhalesen in diesem Jahr so als Antwort rufen werden.

Flüchtlinge kommen in der Anthologie „Durch Welt und Wiese oder: Reisen zu Fuß“ (Andere Bibliothek, 42 Euro) allerdings nur am Rande vor. Stattdessen haben Ilija Trojanow und Susann Urban Geschichten von freiwillig wandernden oder flanierenden Schriftstellern gesammelt. Was dem fabelhaft schön gemachten Buch so einen lustvollen Weltgenießer-Sound mitgibt. Zugegeben, ich bin nicht sicher, ob Johann Gottfried Seumes Behauptung, „dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge“ zutrifft – der Mann nannte selbst seinen Marsch von Sachsen nach Syrakus einen Spaziergang. Aber sicher ist, zu Fuß kriegt man mehr mit von der Welt. „Wer ausschreitet, der lernt mit der ganzen Körper sehen“, schreibt Trojanow. Vermutlich haben im Sommer also die Flüchtlinge am meisten über Europa gelernt.

Den Kalauer, als Drink zu diesem Buch Johnnie Walker zu empfehlen, spare ich mir. Vor einer beschwingten Kurzwanderung (zur nächsten Tanzkneipe) hat mir kürzlich Lillet Blanc gut geschmeckt, ein Aperitif aus Wein, Zitruslikör und Chinarinde. Und gemischt mit Sekt ist er leicht genug, nicht zu Wegfindungsstörungen zu führen.

 

2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Martin Walser

Ein Gespräch mit Martin Walser über den Tod, die Flüchtlinge, Angela Merkel und sich selbst als Roman sowie “Ein sterbender Mann”.

Das Interview aus dem heute erschienenen, aktuellen Heft des FOCUS

„Was Angela Merkel gemacht hat“, sagt der Schriftsteller Martin Walser im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin FOCUS zur Flüchtlingskrise: „war großartig. Ganz großartig. In Deutschland wurde zum ersten Mal weltbewegend menschlich reagiert“. In seinem neuen Buch „Ein sterbender Mann“ habe er nicht widerstehen können, seinen Romanhelden einen „Bericht an die Regierung“ schreiben zu lassen, in dem er vorschlägt, jeder deutsche „Hausbesitzer solle einen Flüchtling aufnehmen: eine Million Hausbesitzer bringen eine Million Flüchtlinge unter.“

Angela Merkels Satz „Wir schaffen das!“ stimmt Walser ausdrücklich zu: „Es ist doch klar, wir haben doch gar keine andere Möglichkeit mehr, als es zu schaffen. Alles andere wäre viel schlimmer. Wir haben nach 1945 viel mehr schaffen müssen und wir haben es geschafft in einer viel, viel schlechteren wirtschaftlichen Lage.“ Das Wort „Integration“ bezeichnet Walser als „widerlich“ und berichtet von einer Farbigen, die er kennenlernte: „Sie telefonierte und sprach ein wundervolles Deutsch. Sie hat lauter Worte und Wendungen benutzt, die man nur benutzt, wenn man in Deutschland ganz und gar zu Hause ist. Zu Hause ist! Ihre Heimat ist hier. Wer so in der Sprache angekommen ist wie diese Frau, ist ein Einheimischer.

Walser betrachtet sich als sehr heimatverbundenen Schriftsteller, den seine Geburtsstadt Wasserburg am Bodensee igeprägt hat. Aber: „Mein Wasserburg gibt es nicht mehr“, die Veränderungen der Zeit seien unaufhaltsam: „Heute ist Wasserburg die Heimat anderer Menschen, und die haben ein Recht darauf, es zu ihrer Heimat zu machen, so wie ich damals Wasserburg zu meiner machte.“ Sich dagegen zu sperren, habe keinen Sinn: „Wenn es heute heißt, unser Land wird sich verändern, kann ich nur antworten: Aber ja. Es hat sich immer verändert und wird sich immer weiter verändern.“

Ganz entschieden plädiert Walser für die Chancen, die sich dem Land durch die zuwandernden Flüchtlinge eröffnen: „In 20 Jahren wird es Romane und Gedichte dieser Menschen geben in einer deutschen Sprache, die es zuvor noch gar nicht geben konnte, und das wird ein Reichtum sein! Es ist ein Reichtum, der uns bevorsteht, und keine Beraubung!“

Das Interview mit Walser ist erhältlich bei Blendle unter:

https://blendle.com/i/focus/das-bin-ich-als-roman/bnl-focusde-20160129-125792_das_bin_ich_als_roman

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Buch&Bar 52: Henry James “Daisy Miller”

Der kolossale Mut der braven Daisy Miller

Heute: Über schwerst geschichtsbewusstes Lesen und Trinken

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Henry James: "Daisy Miller". Erzählung. Neu übersetzt von Britta Mümmler. dtv. 14,90 Euro

Zu Weihnachten brachte uns meine Mutter Fotos ihrer beiden Großmütter mit: Gepflegte ältere Damen, geboren so um 1870, mit hochgestecktem Haar, Rüschenkleidern und sanftem Lächeln. Unsere Jungs waren von den Socken, zückten ihre Handys und machten Fotos von den Fotos. Mit einem Mal saß ein winziges Stück 19. Jahrhundert ganz familiär mit am Tisch.

Da fiel mir Daisy Miller ein, die Titelheldin der fabelhaften Erzählung von Henry James (neu übersetzt von Britta Mümmler, dtv, 14,90 Euro). Sie ist Amerikanerin und ungefähr zur gleichen Zeit geboren wie die zwei zauberhaften Preußinnen auf den Fotos meiner Mutter. Als mutige und freche junge Frau glaubt Daisy, auf die engstirnigen Sitten ihrer Zeit pfeifen zu können und geht zu oft mit einem strahlend schönen Italiener aus. Nur aus, nicht ins Bett! Aber das allein reicht schon, um ihr Leben restlos zu ruinieren. Eine bittere Geschichte aus der heute so vielgelobten Epoche des Bürgertums.

Heute, im Zeitalter von Tinder und C-Date, klingt das, als stamme die Geschichte direkt aus dem Neolithikum. Aber so lange ist das alles gar nicht her, wäre der Zweite Weltkrieg nicht dazwischengekommen, hätte ich vielleicht noch auf dem Arm meiner anmutig berüschten Ahninnen in die Windeln machen können. Ihnen zu Ehren habe ich dann einen Sneaky Grandma gemixt: zu gleichen Teilen Rye Whisky, Amaretto, kräftigen Rotwein, Orangen- und Zitronensaft. Dazu etwas frisch geriebenen Zimt. Das gab dem Cocktail noch so eine weihnachtliche Note.

 

2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Porträt der Dichterin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger

Gedichte aufsagen beim Appell in Auschwitz-Birkenau

Heute spricht die Schriftstellerin Ruth Klüger anlässlich des Holocaust-Gedenktages vor dem Deutschen Bundestag. Sie war im KZ Theresienstadt, überlebte als Zwölfjährige im KZ Auschwitz-Birkenau. Beschützt und gerettet wurde sie durch Ihre Mutter und manche anonyme Mitgefangene – aber auch durch die Kraft, die sie aus der Literatur zog, aus den Gedichten deutscher Klassiker. Hier eine kleine Skizze einer großen Dichterin – und eine schier unglaubliche Lebensgeschichte:

„Er war ein Dichter und hasste das Ungefähre“, lautet eine der vielzitierten Zeilen von Rainer Maria Rilke. Nicht so oft zitiert wird die Fortsetzung dieses Satzes: „Vielleicht war es ihm nur um die Wahrheit zu tun.“

Ruth Klüger: "unterwegs verloren. Erinnerungen". Zscholnay Verlag, 19,90 Euro

Ruth Klüger ist eine Dichterin buchstäblich von Kindesbeinen an. Sie war Wienerin und sechs Jahre alt, als die Nationalsozialisten aus Österreich die Ostmark machten. In diesem Augenblick endete die Kindheit Ruth Klügers, denn zur Kindheit gehört doch wohl, dass ein junger Mensch sich behütet und behutsam seine ersten Wege durch die Welt suchen darf.

Doch für Ruth Klüger bestand die Kindheit von nun an nicht aus sacht wachsender Selbstständigkeit, sondern aus rapide wachsenden Einschränkungen und Verlusten. Sie durfte in kein Kino mehr gehen, durfte auf keiner Parkbank mehr sitzen, schließlich keine Schule mehr besuchen. In immer schlechtere, dunklere Wohnungen musste sie umziehen und auf der Straße einen gelben Stern tragen, weshalb selbst Spaziergänge keinen Reiz mehr für sie hatten. Und sie verlor, größter Verlust von allen, ihren Vater. Da war sie neun.

Sentimentalität liegt Ruth Klüger fern. In ihrer Autobiographie schreibt sie nicht, angesichts all dieses Unrechts und dieser Verluste habe sie sich als Kind von der Literatur das Leben verzaubern oder verschönern lassen. Sie schreibt stattdessen: „Man ließ mich lesen, weil ich dann niemanden behelligte.“

Nachdem sie von der Schule ausgesperrt worden war, sah sie monatelang keine Kinder und auch die Familie hatte wenig Zeit. Also vertiefte sie sich in Bücher, las Schiller und andere Klassiker, denn die galten den Erwachsenen als unbedenklich, und da sie ein Talent hatte zum Auswendiglernen, brauchte sie für Schillers Balladen bald kein Buch mehr. Sie sagte sie sogar auf der Straße murmelnd her, was ihre Verwandten für unmanierlich hielten.

Aber als sie dann zwölfjährig im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bei den Appellen stundenlang in der Sonne stehen musste, hatte sie in diesem lyrischen Gedächtnisvorrat etwas, mit dem sie sich über die Zeit retteten konnte.

Ruth Klüger: "weiter Leben. Ein Jugend". Mit MP3-CD. Wallstein Verlag. 14,90 Euro

Und beim Auswendighersagen blieb es nicht. Schon im ersten KZ, in das man sie und ihre Mutter deportierte, in Theresienstadt schrieb sie eigene Gedichte, und im KZ Christianstadt dann Verse, mit denen sie das Unfassliche, was sie zwischenzeitlich in Auschwitz erlebt hatte, fassbar zu machen versuchte.

Ruth Klüger ist eine Dichterin und hasst das Ungefähre. An beidem lässt ihre Autobiographie keinen Zweifel. Sie nimmt es genau und sie hat die Fähigkeit zur genauen Beobachtung, zu genauen Gedanken, zur genauen Formulierung. Auch und gerade wenn es um ihre Erfahrungen während des Holocaust geht. Sie will, so schreibt sie, sich nicht mit der „Schreckensrührung“ zufrieden geben, in die viele Menschen verfallen, wenn sie von den KZs hören und denen, so schreibt sie „alle Lager in einem Entsetzensnebel verschwimmen, worin man sowieso keine Einzelheiten erkennen kann“.

Ihre Genauigkeit auch in den Einzelheiten ermöglicht Ruth Klüger unerwartete Einsichten. Da sind zum Beispiel die Minuten, in denen sich ihre Rettung aus Auschwitz entschied. Frauen von 15 bis 45 wurden selektiert für einen Arbeitstransport, der Auschwitz verlassen durfte. Ihre Mutter hatte es geschafft, sie war dem Transport zugeteilt worden. Aber Ruth Klüger hatte dem SS-Mann, der die Auswahl traf, die Wahrheit gesagt, sie sei erst zwölf und der verurteilte sie daraufhin mit einem Kopfschütteln zum Tode.

Doch die Mutter überredete die Tochter, sich ein zweites Mal bei einem anderen SS-Mann anzustellen. Und dessen Schreiberin, eine Gefangene wie alle andern, bestärkte Ruth Klüger nicht nur flüsternd darin, ihr Alter diesmal mit 15 anzugeben, sondern überzeugte noch dazu den SS-Mann, diese wenig glaubwürdige Angabe zu akzeptieren.

An einer solchen Szene zeigt sich die Genauigkeit des Nachdenkens und Erzählens von Ruth Klüger. Sie schildert die Szene nicht nur, sie erforscht sie. Es gab für diese Schreiberin nicht den geringsten Grund, sich für sie einzusetzen. Ruth Klüger hatte diese junge Frau noch nie zuvor gesehen und ist ihr auch danach nicht mehr begegnet. Dennoch hat diese Mitgefangene ohne den geringsten Vorteil für sich erwarten zu können, etwas ganz und gar Unerwartbares getan und viel riskiert für eine fremde Zwölfjährige. „Sie sah mich“, schreibt Ruth Klüger, „in der Reihe stehen, ein zum Tod verurteiltes Kind, sie kam auf mich zu, sie gab mir die richtigen Worte ein, und sie hat mich verteidigt und durchgeschleust. Die Gelegenheit zu einer freien, spontanen Tat war nirgends und nie so gegeben wie dort und damals.“

Ein Absatz weiter spitzt Ruth Klüger diese Einsicht noch einmal zu. Die junge Frau hatte nichts zu gewinnen und konnte allzu leicht alles verlieren. Wenn sie sich dennoch gegen jeden Eigennutz für eine Unbekannte einsetze, dann war das eine tatsächlich altruistische, eine tatsächlich freie Entscheidung: „Es kann“, folgert Ruth Klüger, „die äußerste Annäherung an die Freiheit nur in der ödesten Gefangenschaft in der Todesnähe stattfinden, also dort, wo die Entscheidungsmöglichkeit auf fast Null reduziert ist. In dem winzigen Spielraum, der dann noch bleibt, dort, kurz vor Null, ist die Freiheit.“

Ruth Klüger: "Zerreißproben. Kommentierte Gedichte". Zscholnay Verlag. 14,90 Euro

Solche Sätze haben es in sich. Sie setzen einer anonymen Schreiberin ein Denkmal, die unter unsäglichen Bedingungen menschlich handelte, und sorgen mit ihrer Unerbittlichkeit beim Leser für einen Schock, der in Erinnerung bleibt.

Ruth Klügers Bücher sind voller solcher Sätze. Zum Beispiel, wenn sie nachdenkt über all die literaturkritischen Verbotstafeln, die in den ersten Nachkriegsjahren aufgerichtet wurden, und wenn sie sich dann die hochfahrenden Verbotstafel-Aufsteller wie Adorno zum Beispiel vorknöpft: „Ich meine“, schreibt sie, „die Experten in Sachen Ethik, Literatur und Wirklichkeit, die fordern, man möge über, von und nach Auschwitz keine Gedichte schreiben. Die Forderung muss von solchen stammen, die die gebundene Sprache entbehren konnten, weil sie diese nie gebraucht, verwendet haben, um sich seelisch über Wasser zu halten. Statt zu dichten möge man sich nur informieren, heißt es, also Dokumente lesen und ansehen – und dass gefassten, aber auch betroffenen Mutes. Und was sollen sich Leser und Betrachter solcher Dokumente dabei denken? Gedichte sind eine bestimmte Art von Kritik am Leben und könnten ihnen beim Verstehen helfen. Warum soll man das nicht dürfen? Und“, spitzt Ruth Klüger ihren Widerspruch erneut zu, „was ist das überhaupt für ein Dürfen und Sollen? Ein moralisches, ein religiöses? Welchen Interessen dient es? Wer mischt sich hier ein?“

Ich glaube, es wäre ein Klischee, wollte man Ruth Klüger solcher Sätze wegen eine streitbare Frau nennen. Das klänge ein wenig so, als würde sie Kontroversen suchen, damit unser öffentlicher Debattenbetrieb kräftig brummt und weiterlaufen kann. Nein, treffender ist es wohl, Ruth Klüger eben eine Dichterin zu nennen, die auf Genauigkeit besteht, weil es ihr um die Wahrheit zu tun ist – und die dafür keinem Streit aus dem Weg geht.

Nicht nur, wenn es um ihre Erfahrungen in deutschen KZs geht oder um allzu selbstgewisse Literaturtheorie. Schonungslos ist sie auch sich selbst gegenüber. Wie sie in ihren autobiographischen Büchern die, wie es wörtlich heißt, „blühende gegenseitige Mutter-Tochter-Neurose“ entfaltet, wie sie über die zehn Jahre ihrer frostige Ehe oder über das komplexe Verhältnis zu ihren beiden Söhnen schreibt, ist nie exhibitionistisch oder indiskret, aber doch von einer solchen Schärfe und Klarheit, wie man sie selten findet. Auch das, was die Feministin Ruth Klüger über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen schreibt und mit Alltagsbeobachtungen untermauert, ist von solcher Treffsicherheit, dass man es gerade als Mann nicht leichten Herzens liest.

Oder was sie vom akademischen Betrieb zu erzählen hat: Sechs Jahre lang war sie Ordinaria in Princeton, einer den nobelsten Eliteuniversitäten der amerikanischen Ostküste. Doch was sie mit den ausschließlich männlichen Professoren im German Department dort erlebte, war alles andere als nobel: Die ließen fast keine Gelegenheit aus, ihr das Gefühl zu vermitteln, sie sei dort nur als Quotenfrau geduldet, die an das wissenschaftliche Niveau ihrer männlichen Kollegen nicht heranreiche. Die intensive Beschäftigung mit Kultur, die Ruth Klüger bei diesen Professoren-Kollegen doch wohl voraussetzen durfte, hatte deren Verhalten offenbar nur an der Oberfläche zu kultivieren vermocht. Was darunter zum Vorschein kam, ließ manches von der Behauptung Schillers, die Literatur trage bei zu einer ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts, in einem eher fahlen Licht erscheinen.

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Buch&Bar 51: David Foster Wallace: “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich”

Diese herrliche Entmündigung

Heute: Über ebenso agoraphobisches wie kreuzfahrtkritisches Lesen und Trinken

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

David Foster Wallace: "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich". Übersetzt von Marcus Indendaay. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 7,99 Euro

Wenn ich mir eine Hölle auf Erden vorstellen soll, stehen Karibik-Kreuzfahrten nicht ganz oben auf der Liste. Solange das Wetter gut ist, mir nirgends ein Hurrikan auflauert und die Redaktion die Rechnung zahlt, müsste sich das aushalten lassen.

Dachte ich, bis ich die furiose Kreuzfahrt-Reportage „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ von David Foster Wallace (Kiepenheuer & Witsch, 7,99 Euro) las. Äußerlich hatte Wallace Glück: Wetter gut, kein Hurrikan, Redaktion zahlt. Doch innerlich war er Agoraphobiker, hatte also Angst vor großen, freien Räumen (wie endlosen Ozeanen) und wimmelnden Menschenmassen (wie gut besuchten Sonnendecks auf Karibik-Dampfern).

Kurz, Wallace war der falsche Mann am falschen Platz – so wie viele andere große Schriftsteller vor und nach ihm auch. Aber mit seinem phobisch geschärften Blick registrierte er deshalb besonders genau, wie entmündigend das permanente Unterhaltungsprogramm an Bord ist und wie der schwimmende Vergnügungspark namens Traumschiff seine Passagiere mit den immer gleichen vorgestanzten Plastik-Karibik-Erlebnissen abfüttert.

Das Beste aber sind Witz und Selbstironie von Wallace. Er jammert nicht, sondern macht sich lustig – vor allem über sich selbst. Seine Reportage ist, ich schwöre es, auf jeder einzelnen Seite spritzig, geistreich, dreist und leicht überdreht, also ein intelligenter Genuss wie man ihn nur selten in die Finger bekommt.

Schon aus Sympathie mit allen Agoraphobikern dieser Welt sollte man das Buch in einer kleinen, engen, möglichst menschenleeren Bar lesen und dazu keinen karibisch aufgeregten Obstsalat-Cocktail wie Planter’s Punch trinken, sondern sich einen stillen, urbanen Manhattan bestellen, ganz klassisch gemixt mit mildem kanadischem Whisky (wie Tap 357), wirklich trockenem Wermut (wie Noilly Prat) und zwei Spritzern Angostura. Definitiv nicht die Hölle auf Erden.

 

2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Buch&Bar 50: Richard Ford “Frank”

Tipps für einen behaglichen Abend mit Hurrikan

Heute: Über vanillesüß-zitronensaures Lesen und Trinken 

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Richard Ford: "Frank". Roman. Übersetzt von Frank Heibert. Verlag Hanser Berlin 2015. 19,90 Euro

Kürzlich war ich auf der Messe „InterWhisky“ in Frankfurt. Einer der raren Orte, an dem stattliche Populationen von Whisky-Aficionados in ihrem bevorzugten Habitat, also umgeben von ein paar hundert Whisky-Sorten, beobachtet werden können: orgiastisches Schnüffeln, Schlürfen, Schlecken überall, hochtourig arbeitende Geschmacksknospen, glückliche Gesichter, rote Backen, Dudelsäcke.

Ich mogelte mich auch in eine der Master Classes: Ein jovialer Schotte erklärte jede Fassdaube einzeln, zwischen denen Glenmorangie zehn Jahre lang reift. Das Ergebnis schmeckte köstlich weich und zart nach Vanille und Zitrone. Seit ich diese Kolumne schreibe, denke ich in solchen Momenten: Zu welchem Buch könnte das passen?

Sehr gut zum Roman „Frank“ von Richard Ford (Hanser Berlin, 19,90 Euro). Ein alter Makler hat sein Haus am Strand von New Jersey rechtzeitig verkauft, bevor Hurrikan „Sandy“ es 2012 zerlegt. Eigentlich sollte er denken: Glück gehabt. Doch vor den Trümmern, die lange sein Heim waren, schliddert er in einer Rückschau aufs Leben, mal vanille-melancholisch, mal zitronenscharf-sarkastisch. Keine spektakuläre Story, aber alles so meisterhaft ausbalanciert, so bis ins Detail stimmig wie bei großen Whiskys. Also: „Frank“ und zwei Fingerbreit Glenmorangie im Glas sollten Ihnen einen behaglichen Winterabend bescheren.

2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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