Buch&Bar 47: Marco Tschirpke: “Frühling, Sommer, Herbst und Günther”

Der Dichter des Schreckens und der Savanne

Heute über: Lesen und Trinken auf den einsamen Höhen der Poesie

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Marco Tschirpke: "Frühlung, Sommer, herbst und Günther". Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin 2015. 9,99 Euro

Es sind die Dichter, die das Dunkle im Dasein zur Sprache bringen. In den Versen der großen Lyriker findet das Leid des Lebens ins Wort. Besinnen wir uns auf den jungen, ahnungsvoll begabten Poeten Marco Tschirpke, der die nächtlich ihn heimsuchenden Schicksals-Schrecken in einen berührenden, tief aufwühlenden Zweizeiler von unsterblicher Schönheit bringt: „Kein Tier in der Savanne / Schnarcht wie Du, Susanne.“

Was will uns der Dichter damit sagen? Es ist das einsame, das anonyme, in seine Savannen-Existenz geworfene Tier, das Tschirpke dem Schweigen unserer entfremdeten Epoche entreißt. In kühnem philosophischem Kontrast lässt er es in Widerstreit treten mit der Vokalkunst jenes geheimnisvollen Wesen namens Susanne. Meint der Poet damit die Susanne in uns allen? Wir wissen es nicht. Gewiss aber.meint er mit Susanne nicht Günther. Denn Günther steht nicht im Gedicht, sondern im Titel von Tschirpkes Opus Magnum „Frühling, Sommer, Herbst und Günther“ (Ullstein, 9,99 Euro), das wir unfehlbar zu den Markstein der heutigen Literatur zählen müssen.

Hören wir, welche aufrüttelnde Wahrheit dieser Meister der Sprachkunst uns hier über den ewigen Widerstreit zwischen Natur und Zivilisation zu enthüllen weiß: „Zwischen dir und dem Idyll / Steht zumeist ein Haufen Müll.“ Kann man es genauer, kann man es gültiger sagen? Wir alle müssen Tschirpke danken für seine aufopferungsvolle Arbeit an Reim, Rhythmus und Reinheit des Gedankens, die er als Sänger seiner selbst auch von den Kabarettbühnen unseres Landes zu den Menschen bringt.

Was wir nach der Lektüre des Tschirpke’schen Meisterwerks brauchen, ist: Trost. Trost, dass traumhafte Poeten wie Tschirpke so selten unser Dasein erhellen. Und Trost finden wir im Cocktail Poet’s Dream, gemixt zu gleichen Teilen aus Gin, trockenem Wermut und Bénédictine-Kräuterlikör. Bitter, aber herzwärmend.

Die Kolumne erschien im Focus vom 21. November 2015. 
 
2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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