Buch&Bar 51: David Foster Wallace: “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich”

Diese herrliche Entmündigung

Heute: Über ebenso agoraphobisches wie kreuzfahrtkritisches Lesen und Trinken

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

David Foster Wallace: "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich". Übersetzt von Marcus Indendaay. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 7,99 Euro

Wenn ich mir eine Hölle auf Erden vorstellen soll, stehen Karibik-Kreuzfahrten nicht ganz oben auf der Liste. Solange das Wetter gut ist, mir nirgends ein Hurrikan auflauert und die Redaktion die Rechnung zahlt, müsste sich das aushalten lassen.

Dachte ich, bis ich die furiose Kreuzfahrt-Reportage „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ von David Foster Wallace (Kiepenheuer & Witsch, 7,99 Euro) las. Äußerlich hatte Wallace Glück: Wetter gut, kein Hurrikan, Redaktion zahlt. Doch innerlich war er Agoraphobiker, hatte also Angst vor großen, freien Räumen (wie endlosen Ozeanen) und wimmelnden Menschenmassen (wie gut besuchten Sonnendecks auf Karibik-Dampfern).

Kurz, Wallace war der falsche Mann am falschen Platz – so wie viele andere große Schriftsteller vor und nach ihm auch. Aber mit seinem phobisch geschärften Blick registrierte er deshalb besonders genau, wie entmündigend das permanente Unterhaltungsprogramm an Bord ist und wie der schwimmende Vergnügungspark namens Traumschiff seine Passagiere mit den immer gleichen vorgestanzten Plastik-Karibik-Erlebnissen abfüttert.

Das Beste aber sind Witz und Selbstironie von Wallace. Er jammert nicht, sondern macht sich lustig – vor allem über sich selbst. Seine Reportage ist, ich schwöre es, auf jeder einzelnen Seite spritzig, geistreich, dreist und leicht überdreht, also ein intelligenter Genuss wie man ihn nur selten in die Finger bekommt.

Schon aus Sympathie mit allen Agoraphobikern dieser Welt sollte man das Buch in einer kleinen, engen, möglichst menschenleeren Bar lesen und dazu keinen karibisch aufgeregten Obstsalat-Cocktail wie Planter’s Punch trinken, sondern sich einen stillen, urbanen Manhattan bestellen, ganz klassisch gemixt mit mildem kanadischem Whisky (wie Tap 357), wirklich trockenem Wermut (wie Noilly Prat) und zwei Spritzern Angostura. Definitiv nicht die Hölle auf Erden.

 

2014 startete BUCH & BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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