Buch&Bar 73: Etgar Keret “Die sieben guten Jahre”

Küsse und andere Missverständnisse

Heute: Über Eheberatung beim Lesen und Trinken

Etgar Keret: "Die sieben guten Jahre. Mein Leben als Vater und Sohn". Übersetzt von Daniel Kehlmann. S.Fischer Verlag. 19,99 Euro

Das Wichtigste für eine Partnerschaft, sagen die Eheberater, sei eine offene, verständnisvolle Kommunikation. Sie haben sicher Recht, schließlich sind sie die Experten. Andererseits bin ich persönlich zutiefst überzeugt von der enormen Bedeutung grundlegender Missverständnisse für jede gute Ehe.

Ein Beispiel dafür liefert der israelische Schriftsteller Etgar Keret in seiner fabelhaften, von Daniel Kehlmann übersetzten Geschichtensammlung „Die sieben guten Jahre. Mein Leben als Vater und Sohn“ (S. Fischer, 19,99 Euro). Vor Jahren verließ Keret einen Club, als ihm eine junge Frau entgegenkam, die er flüchtig kannte. Um die laute Musik zu übertönen, schrie er: „Ich wollte gerade gehen.“ Sie schrie zurück: „Küss mich!“ Keretblieb. Eine Woche später waren die zwei ein Paar, bald darauf verheiratet. Irgendwann sagte Keret zu ihr, wie mutig er ihren Satz: „Küss mich!“ fand. Sie antwortete: „Was ich gesagt habe, war, dass du kein Taxi finden wirst.“

Angeblich soll der Cocktail „Kiss me“ für Ehen ebenso förderlich sein wie ein gutes Missverständnis. Und aphrodisierend noch dazu. Ich habe ihn bislang nicht getrunken, kann also dazu nichts sagen: 4 cl Agavero Tequila, ein Spritzer Chambord- Likör, Passionsfruchtsaft, Himbeeren und zwei Limettenachtel. Klingt vielversprechend. Ich werde „Kiss me“ probieren und hier von Geschmack – und Wirkung – berichten. Bleiben Sie dran.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Gerhart Baum und Burkhard Hirsch zu dem Stück “Terror” von Ferdinand von Schirach

Zwei älteren Herren bei ihrer Blamage zuschauen 

Die Sonntagszeitung der FAS macht ihr Feuilleton heute auf mit einem seltsamen Gespräch: Der Ex-Vizepräsident des Deutschen Bundestages Burkhard Hirsch und der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (beide FDP) greifen das seit Oktober 2015 an 39 deutschsprachigen Bühnen gespielte Stück “Terror” von Ferdinand von Schirach mit offenkundig unliterarischen Argumenten an. Aber widersprochen wird ihnen nicht.

Man darf Gerhart Baum und Burkhard Hirsch nicht böse sein, wenn sie nichts von
Literatur verstehen. Schließlich sind sie durchaus verdiente Juristen. Wenn sie sich offenkundig wenig mit Dramentexten oder Theater beschäftigt haben, dann berührt das ihre zweifellos großen beruflichen Verdienste nicht. Allerdings wäre es klug von ihnen, sich im Urteil zu literarischen bzw. dramatischen Arbeiten zurückzuhalten. Doch das tun sie nicht.

Das Stück, das sie im Interview angreifen, verhandelt den fiktiven Fall eines von Terroristen entführten Passagierflugzeugs, das von einem Kampfpiloten abgeschossen wird, als es die Terroristen in den Anflug auf ein voll besetztes Fußballstadion lenken. Da das Stück sich eng an die Diskussionen um eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts anlehnt, die einen solchen Abschuss als rechtswidrig bezeichnet, stellt Baum im Interview den Kunstcharakter des Stücks in Frage und nennt es statt dessen “eine Art Dokumentation”. In meinen Augen ist das Stück eine sehr gelungene literarische Leistung und knüpft mit zeitgenössischen Mitteln an die Brechtsche Lehrstücktheorie und -praxis an. Aber selbst wenn es mit rein dokumentarischen Mitteln arbeitete, würde das den Kunstcharakter des Stücks keineswegs in Frage stellen: Gerade in der deutschsprachigen Theaterliteratur gibt es eine ausgepräge Tradition des Dokumentardramas – bis hin zu Peter Weiss’ “Die Ermittlung” (1965), das zum größten Teil aus wörtlichen Protokollen des Frankfurter Auschwitzprozesses besteht.

Baum wirft Schirach zudem vor, er stelle die eigenen Grundüberzeugungen (dass nämlich ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug auf keinen Fall unter staatlicher Mithilfe abgeschossen werden dürfe) “zur Disposition”, weil in dem Theaterstück auch die möglichen Gegenargumente zu dieser Grundüberzeugung von Figuren auf der Bühne vorgebracht werden. Offenbar verwechselt Baum hier Literatur (zu deren üblichen Verfahrensweisen es gehört, möglichst viele Haltungen zu einem Thema darzustellen) mit Propaganda (die nur eine Haltung als die einzig richtige darstellt).

Und wieder ist es Baum, der Schirachs Stück vorwirft, darin kämen Schlagworte vor wie “Wir befinden uns im Krieg” – so als könne man heute ein Stück über Terroristen schreiben, ohne die – meines Erachtens falsche, hysterisierte – Haltung von Politikern oder Bürgern zu erwähnen, die tatsächlich und zu Hunderttausenden von einem “Krieg gegen den Terror” sprechen. Er tut so, als wären die Sätze, die eine Figur in dem Stück eine Handlungsempfehlung, die der Autor von Schirach an sein Publikum mit auf den Weg gibt. “Schirach bringt die Leute dazu”, sagt Burkhard Hirsch, “eine falsche Entscheidung zu treffen und sie in die Wirklichkeit zu transponieren.” Das ist schlicht absurd und klingt so, als hätte von Schirach ein Volksverhetzungs-Drama geschrieben, mit dem Ziel, sein Publikum gegen seine eigenen Überzeugungen aufzuwiegeln.

Ferdinand von Schirach: "Terror. Ein Theaterstück und eine Rede". Piper Verlag. 16 Euro

Wie oberflächlich die Lektüre des Stückes von Hirsch und Baum gewesen sein muss und wie willkürlich sie mit den literarischen Tatsachen umgehen, zeigt noch ein weiteres Detail des Interviews. Hirsch bemängelt, Schirach habe in seinem Stück nicht danach gefragte: “Wieso hat der Staat das angeblich bedrohte Stadion nicht räumen lassen?” Doch diese Frage wird im Stück von Schirach selbstverständlich behandelt. Die fiktive Anklagevertreterin des Stückes fragt ausdrücklich danach. Deshalb korrigiert Gerhart Baum seinen Mitstreiter Hirsch, der das Stück offenbar nur unzureichend kennt: “Die Frage wird kurz thematisiert.”

Aber auch diese Berichtigung ist unfair formuliert. Die Frage nach der möglichen Räumung des Stadions wird von der Anklagevertreterin auf immerhin 4 Seiten des Stückes mit einem Zeugen diskutiert (S. 52 bis 55), also keineswegs kurz, sondern pointiert und einprägsam.

Aber wie gesagt, Hirsch und Baum sind verdiente Juristen, keine Literaturwissenschaftler. Ihre Argumente gegen das Stück machen einen auffällig illiberalen Eindruck, so als würden sie einem Autor das Wort verbieten wollen, der das brisante Thema anders behandeln möchte, als es ihren Vorstellungen entspricht. Das passt eigentlich in keiner Weise zu diesen Politikern.

Das Gespräch wurde geführt von Julia Encke und Anne Ameri-Siemens, von denen ich Julia Encke gut kenne und sowohl als Kollegin wie Kritikerin schätze. Umso mehr überrascht es mich, dass die beiden Interviewerinnen, die sich in literarischen Fragen weit besser auskennen als beide Juristen, die Herren Hirsch und Baum auf ihre oft haarsträubenden Argumente und Missverständnisse nicht angesprochen haben. Seltsam. Es wirkt fast so, als hätten Encke und Ameri-Siemens mit verschränkten Armen dabei zugeschaut, wie sich die beiden älteren Herren in diesem Gespräch blamieren.

Und merkwürdig ist auch, dass es Schirachs Stück nicht als Verdienst angerechnet wird, einen so spröden Stoff wie ein Urteil des Verfassungsgerichts zu einem in vielen Theatern heftig debattierten Diskussionsthema gemacht zu haben. Immer wieder wird berichtet, wie viele Zuschauer sich auch nach Ende der jeweiligen Vorstellung vom Thema des Theaterabends nicht trennen können und diskutieren, bis ungeduldige Theaterhausmeister das Foyer schließen. Ich sah die Premiere des Stückes im Schausspiel Frankfurt und kann bestätigen: eine derart engagierte und bewegt politische Diskussion habe ich an einem Theater seit dem Inszenierungsversuch von Fassbinders “Der Müll, die Stadt und der Tod” 1985 nicht erlebt.

Dass dabei auch Ansichten vertreten werden, die Baum und Hirsch (und von Schirach) nicht behagen, ist Teil der demokratischen Meinungsbildung. Es ist überraschend, dass Liberale wie Baum und Hirsch den literarischen Anlass zu einer derart regen politischen Diskussion und daraus folgenden Bewusstseinbildung angreifen und zu unterdrücken versuchen.

Nachtrag am 1. August 2016:

Hier nun die Reaktion der ARD auf den Angriff von Gerhart Baum und Burkhard Hirsch:

Volker Herres: “Geplanter ,Terror’-Fernsehabend im Oktober bleibt selbstverständlich im Programm.”

01.08.2016 – 10:44

München (ots) – Programmdirektor Volker Herres zu der Forderung der ehemaligen Bundespolitiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch in der gestrigen “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”, den geplanten Fernsehabend mit der Verfilmung von Ferdinand von Schirachs Theaterstück “Terror” (AT) und “hart aber fair” im Oktober aus dem Programm zu nehmen:

“Die von Gerhart Baum und Burkhard Hirsch aufgeworfenen Fragen sind hoch spannend und ein bereichernder Beitrag zur Diskussion. Genau deshalb haben wir die Verfilmung auch so eng mit ‘hart aber fair’ verknüpft. Denn hier ist das geeignete Forum, in dem sowohl das Zuschauervotum als auch die Hintergründe und sachlichen Grundlagen des Stücks von Ferdinand von Schirach (selbstverständlich inklusive der verfassungsrechtlichen Seite) aus unterschiedlichster Perspektive beleuchtet, bewertet und gewichtet werden können. Gerade darin liegt ja der Reiz des Abends! In einem Punkt bin ich allerdings ganz anderer Meinung als Baum und Hirsch: Für fragwürdig oder gar populistisch halte ich von Schirachs Stück nicht. Denn hinter der konkreten Situation, die von Schirach für sein Stück gewählt hat, verbirgt sich doch eine ganz alte, grundlegende philosophische Frage, die hier auf aktuelle Weise neu gestellt wird. Und das übrigens in einer Form – nämlich der der Gerichtsverhandlung mit langen Argumentationsketten – die selbst hochreflexiv und diskursiv ist. Auf vordergründige Effekthascherei wird hier gerade verzichtet. Den Zuschauern im Ersten wird die Verfilmung deshalb auch einiges an Konzentration und gedanklicher Durchdringung abverlangen. Gutes öffentlich-rechtliches Fernsehen muss substanziell und hintergründig sein; es muss aber zugleich auch kontrovers sein, es muss provozieren und polarisieren und zur Auseinandersetzung anregen. Einen Fernsehabend, der dies tut, werde ich deshalb, wie die Herren Baum und Hirsch fordern, auf keinen Fall aus dem Programm nehmen.”
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen

 

 

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Buch & Bar 72: Mike Nicol “Power Play”

Erst einen weißen Russen, dann einen Meister der Jagd

Heute: Über viel Liebe und tiefes Vertrauen zu Politikern beim Lesen und Trinken

Mike Nicol: "Power Play". Übersetzung: Mechthild Barth. btb. 9,99 Euro

Auf der Liste der Leute mit miserablem Image liefern sich derzeit Politiker und Banker ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen. Dicht gefolgt von Journalisten. Was klarerweise ganz ungerecht ist, geradezu inhuman. Vor allem mit Blick auf Buch&Bar-Kolumnisten unter den Journalisten: schüchterne, bescheidene Menschen. Wie Mutter Theresa. Ehrenwort.

Den passenden Thriller zum Politiker-Bashing liefert jetzt der Südafrikaner Mike Nicol mit „Power Play“ (btb, 9,99 Euro). Zugegeben, die Gangster, die wir im Rahmen seines Romans kennenlernen dürfen, sind keine Waisenknaben. Die fantasievolle Grausamkeit, mit der sie sich gegenseitig abschlachten, dürften sogar kolumbianischen Kokain-Kartellen Hochachtung abnötigen. Dennoch wirken sie schon fast wieder sympathisch im Vergleich zu den korrupten Politikern, die die Schurken gegeneinander ausspielen, um deren Gewinne in die eigenen Taschen umzuleiten. Die Politiker verschanzen sich hinter den Mauern von Ministerien, ziehen die Fäden und lassen anonym im Staatsauftrag töten. Der Vergleich zwischen den beiden Spezies ist ein wenig so wie der zwischen einem T-Rex mit bluttriefendem Maul und dem Asteroiden, der ihm gerade den Garaus macht.

Zwischen die Fronten stellt Nicol eine Frau, Krista, die ihre Sicherheitsfirma vom Vater übernommen hat. Sie ist eine echte Kriegerin, hart im Nehmen, hart im Austeilen. Das hilft gegen T-Rex. Aber hilft es gegen Asteroiden im Anflug?

Natürlich gibt es auch einen Cocktail Power Play. In manchen Bars wird er unter dem Namen Politiker-Cocktail geführt, aber das ist klarerweise ganz ungerecht, geradezu inhuman. Der Drink beginnt weiß und endet schwarz. Man braucht zwei Gläser: im ersten ein klassischer White Russian aus gleichen Teilen Wodka, Kahlúa-Kaffeelikör und Sahne mit Eis. Im anderen Jägermeister. Erst den White Russian kippen, sofort danach den Jägermeister – ein frenetisches Geschmackserlebnis.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Misha Glenny: “Der König der Favelas”

Der Pate von Rio

Nach der EM ist vor Olympia: In den nächsten Wochen werden eine Menge Sport-Touristen nach Rio des Janeiro aufbrechen und den Glanz dieser Stadt genießen. Für jeden, der mehr über sie erfahren will, als die Reiseführer verraten, ist Misha Glennys “Der König der Favelas” das richtige Buch: Der britische Journalist schildert am Beispiel des Lebens eines Drogenbosses namens Nem die Schattenseiten Rios jenseits des Glamours und gibt einen Einblick in die Skandale der brasilianischen Politik der letzten Jahre. Ein überaus spannendes Buch ist es außerdem, denn Nems Biographie macht soziale Verhältnisse erkennbar, die weit jenseits europäischer Vorstellungen liegen. Im Januar hatte ich Gelegenheit, Misha Glenny in Berlin zu treffen und mit ihm über Nem und sein Buch zu sprechen.

Misha Glenny: "Der König der Favelas. Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption". Übersetzt von Dieter Fuchs. Tropen Verlag. 22,95 Euro

Für Gangster ist eine Verhaftung üblicherweise ein Missgeschick. Für António Bonfim Lopes, genannt Nem, war seine Verhaftung so etwas wie ein Kunstwerk. Der Kokain-Capo aus Rio de Janeiro konnte sich nicht stellen – weil man ihn für einen Verräter gehalten und umgebracht hätte. Er konnte nicht fliehen – weil man ihn unweigerlich gefunden und umgebracht hätte. Er konnte sich nicht von einer der zahlreichen konkurrierenden brasilianischen Polizeitruppen verhaftet lassen – weil ihn jede davon mit Freuden umgebracht hätte.

Nems Uhr lief ab, er wusste das. Einmal hatte er bereits vergeblich seinen Tod vorgetäuscht, um die Fahnder von sich abzulenken. Wochenlang arbeitete er mit Beratern und Rechtsanwälten an einer Version seiner Verhaftung, bei der er eine Chance hätte, mit dem Leben davonzukommen. Gelingen konnte es nur, wenn im Augenblick seiner Festnahme Angehörige unterschiedlicher Polizeitruppen anwesend wären, die einander so gründlich misstrauten, dass keiner es wagen würde, Nem zu töten, weil sie alle anderen dabei zu Zeugen werden ließen.

Misha Glenny, britischer Journalist und Spezialist für das organisierte Verbrechen, hat die Karriere des Drogenbosses Nem und die Affäre um seine Verhaftung akribisch recherchiert. Sein Buch „Der König der Favelas“ zeigt die Schattenwelt der Glitzerstadt Rio de Janeiro, die im Sommer die Olympischen Spiele ausrichten wird, und liest sich zugleich streckenweise wie ein Krimi.

Nem ist 23 Jahre alt und ein unbescholtener Zeitungshändler, als seine Tochter von einer seltenen Krankheit befallen wird. Um die teuren Medikamente bezahlen zu können, macht er Schulden beim Oberhaupt der Drogengang der Favela Rocinha, in der er lebt. Im Gegenzug muss er für dessen Organisation arbeiten. Er steigt rasch auf in der Hierarchie, weil er intelligent ist, einen kühlen Kopf hat und organisieren kann. Nachdem sein Chef von der Polizei erschossen wird, obwohl er unbewaffnet war, übernimmt Nem dessen Rolle als „Don“ – als Pate seiner Favela und damit als Herr über Leben und Tod.

Und diese Rolle ist, so wie Nem sie verstand, überaus verantwortungsvoll: Ein „guter“ Don ist gleichsam der Bürgermeister, Polizeichef und oberste Richter seiner Favela in einer Person. Weil Nem weiß, dass seine Geschäfte in friedlichen sozialen Verhältnissen besser laufen, sorgt er für Ordnung.

Misha Glenny im Original: "Nemesis. The Hunt for Brazil's Most Wanted Criminal". Vintage. 9,99 Euro

„Nachdem Nem die Macht übernommen hatte“, erzählt Misha Glenny, „senkte er die Kriminalitätsrate. Er verkaufte nur Marihuana und Kokain, das tödliche Crack verbannte er. Die Zahl der Morde ging zurück. An Feiertagen bezahlte er Feste für die Bewohner. Noch heute erinnern sie sich an seine Herrschaft als ein goldenes Zeitalter.“

Rocinha wurde zur Vorzeige-Favela. Obwohl die Gesetze dort trotz allem nur sehr eingeschränkte Gültigkeit hatten, galt sie als so sicher, dass sogar Staatspräsident Lula da Silva sie besuchte. Und was in Brasilien vielleicht noch mehr zählt: Fast alle Spieler der Fußball-Nationalmannschaft und viele der Pop-Stars des Landes feierten dort Partys. „Rocinha galt als cool. Es war salonfähig geworden“, sagt Glenny. „Vor allem bei den Kindern reicher und superreicher Familien. Sie haben dort Unsummen für Kokain ausgegeben. Ein Irrsinnsgeld.“

Im Gegensatz zum Don und seiner Gang wird die Polizei von den Bewohnern einer Favela nicht als Ordnungs-, sondern als Besatzungsmacht wahrgenommen. Denn das soziale Gefüge ist ihr gleichgültig, sie ist außerhalb stationiert, betritt eine Favela fast nur in militärisch bewaffneten Kommandounternehmen, führt den jeweiligen Auftrag aus und verschwindet wieder.

„Die Polizei“, erklärt Glenny, „vertritt im Drogenkrieg vor allem ihr eigenes Interesse. Und das ist: Schmiergeld.“ In 20 bis 30 Prozent der Favelas von Rio haben aktive oder ehemalige Angehörige der Polizei das Drogengeschäft und die Rolle der Gangs selbst übernommen. Sie erpressen Schutzgelder fast so, als wären es zusätzliche Steuern. Sogar an den Strom- und Gaslieferungen für die Bewohner verdienen sie mit. „Selbst an der Post“, erzählt Glenny. „Wer beispielsweise eine Postkarte bekommt, muss zehn Centavos extra zahlen, damit sie ihm ausgehändigt wird.“

Vor Fußball-WM und Olympischen Spielen wurden einige der Favelas in Rio „befriedet“: Die Polizei bemühte sich, die Gangs zu entwaffnen, eröffnete feste Kommandoposten und setzte nunmehr angeblich die rechtsstaatliche Ordnung durch.

Damit musste auch die Herrschaft Nems in Rocinha enden. Er sah die „Befriedung“ kommen, seine Zeit wurde knapp. Tatsächlich schaffte er es, seine Verhaftung zu überleben. Nach endlosen Verhandlungen gelang es ihm, in Anwesenheit von gleich drei Rechtsanwälten durch Militärpolizei und Zivilpolizei gleichzeitig gestellt zu werden. Die Ordnungshüter waren untereinander derart zerstritten, dass sie bei der Festnahme vorübergehend ihre Waffen gegeneinander gerichtet haben sollen.

Im Gefängnis versucht Nem nun nachzuholen, was ihm ein Leben lang fehlte: eine Ausbildung. Er studiert, wie könnte es anders sein, Jura.

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Siegfried Lenz “Der Überläufer”

Wenn der Freund zum Feind wird oder: „Am Himmel graste die wolkige Einfalt.“

1951 mit gerade einmal 25 Jahren schrieb Siegfried Lenz (1926 – 2014) bereits an seinem zweiten Roman. Er hatte dafür ein denkbar heikles Thema gewählt. Aber auch nach einer Überarbeitung des Manuskripts konnte er sich mit seinem Verlag nicht einigen. 65 Jahre lang blieb das Buch unpubliziert im Archiv des Autors. In diesem Frühjahr ist der Kriegsroman „Der Überläufer“ endlich erschienen.

Proska ist Soldat und nicht zu beneiden. Im letzten Sommer des Zweiten Weltkriegs wird der Zug, der ihn aus dem Heimaturlaub zurück an die Front bringen soll, von polnischen Partisanen gesprengt. Proska, der einzige Überlebende, kann sich aus den Trümmern befreien, steht in einem riesigen Sumpfgebiet und wird von einem kleinen Wehrmachtskommando aufgegriffen, dessen Aufgabe es war, die gesprengte Bahnlinie zu bewachen.

Siegfried Lenz: "Der Überläufer". Roman. Verlag Hoffmann und Campe. 25 Euro

Das verlorene Trüppchen haust in einer Art hölzerner Wehranlage, die sie mit Grassoden befestigt hat und großsprecherisch ihre „Festung“ nennt. Aber die Deutschen sind längst nicht mehr Herren der Kriegslage, aus den Jägern sind Gejagte geworden. In den umgebenden Wäldern lauern Partisanen, sie kappen die Telefonleitung, verhindern alle Nachschublieferungen und rücken langsam, aber unbeirrbar näher.

Als Siegfried Lenz an dem Roman „Der Überläufer“ um den Landser Proska schrieb, war er ein junger Mann von gerade mal 25 Jahren. Für seinen ersten Roman, „Es waren Habichte in der Luft“ (1951), hatten ihn die Zeitungen wenige Monate zuvor zwar nicht mit Lob überschüttet, aber doch mit Wohlwollen bedacht. Befeuert durch diesen Anfangserfolg, machte sich Lenz gleich nach einem kurzen Urlaub an sein nächstes Romanprojekt – und war nach gut einem halben Jahr mit der ersten Fassung fertig.

Es sollte aber 65 Jahre dauern, bis das Werk tatsächlich erscheint; Siegfried Lenz hat das nicht mehr erlebt. Er starb im Oktober 2014.

Selbstbewusst wagte sich Lenz damals an ein Thema, das so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs überaus brisant war: Sein Held Proska durchleidet nicht nur den allmählich fortschreitenden Zerfall der Wehrmacht während des letzten Kriegsjahrs, der mit nationalistischen Durchhalteparolen kompensiert werden soll, sondern zieht radikale Konsequenzen:

Nachdem er von Partisanen gefangen genommen wird, sagt er sich zusammen mit einem Leidensgenossen von den deutschen Truppen los und schließt sich der vorrückenden Roten Armee an. Zunächst soll er bei Propagandaeinsätzen die Moral seiner ehemaligen Kameraden untergraben, aber bald schon kämpft er gegen sie mit der Waffe in der Hand. Nach Kriegsende wird er dann vom sowjetischen Besatzungsregime in einem kleinen Ort als eine Art Bürgermeister eingesetzt.

Angesichts des deutschen Überfalls auf Polen 1939 und der unfassbaren Verbrechen des Nazi-Regimes gerade in diesem Land ist Proskas Entscheidung verständlich. Man nimmt sie heute gewissermaßen mit historischer Abgeklärtheit zur Kenntnis. Doch 1951, als Lenz an dem Roman arbeitete, waren auch die Übergriffe und Verbrechen der Roten Armee während ihres Vormarschs auf Berlin im Bewusstsein der Leser sehr präsent, und die Sowjetunion, die zwei Jahre zuvor ihre erste Atombombe gezündet hatte, galt als der aktuelle Erzfeind des Westens.

Bislang gibt es keine ausführliche Biographie zu Siegfried Lenz. Erich Maletzke nennt sein nicht sehr umfangreiches Buch "Siegfried Lenz" im Untertitel vorsichtig eine "biographische Annäherung". Es ist als Ebook erhältlich im zuKlampen Verlag, 8,99 Euro

Kein Wunder also, dass der Verlag an dem Manuskript dieses Nachwuchsautors namens Lenz einerseits hoch interessiert war, es aber andererseits mit Bedacht und Vorsicht behandelte. Der Verlagsleiter beauftragte einen unabhängigen Lektor, die erste Fassung mit dem Autor durchzuarbeiten, und schickte vorab erste Kapitel des Romans – die offenbar nichts von Proskas Frontwechsel erkennen ließen – an ausgewählte Zeitungsredaktionen.

Die Literaturkritiker reagierten positiv, aber die Überarbeitung des Manuskripts fiel anders aus, als Verlag und Lektor erwartet hatten. Nach rund zehn Wochen gab Lenz eine erweiterte Fassung ab, deren zweiter Teil, in dem Proska als Überläufer auf sowjetischer Seite kämpft, recht sprunghaft geschrieben ist und vieles im Dunkeln lässt.

Lenz neigte als Schriftsteller zeitlebens dazu, die Handlung seiner Geschichten auf dramatische Höhepunkte hin zu inszenieren und für sich selbst sprechen zu lassen, sie also als Erzähler nicht gleichsam aus dem Off zu kommentieren. So auch hier. Das moralische Dilemma Proskas, gegen seine ehemaligen Kameraden zu kämpfen, spitzt er in einer Szene radikal zu: Während der Besetzung seines Heimatdorfs wird Proska in ein Gefecht mit seinem Schwager verwickelt und erschießt ihn. Doch auf bewertende Sätze, wie der Leser das – oder auch Proskas spätere Arbeit für die Besatzungstruppen in der DDR – einzuordnen habe, verzichtet er fast ganz.

Literarisch war das sicherlich kein Fehler, es barg aber das Risiko politischer Missverständnisse. Der Lektor schreibt Lenz einen aufgebrachten Brief und warnt ihn: Er könne sich, sollte das Buch in der nun vorliegenden Form gedruckt werden, „maßlos schaden“. Ein Verlagsgutachten beklagt – in seltsamer Logik – den “überheblichen Individualismus“ der Figuren, „der gerade in einer Zeit, in der man den Nationalismus bekämpft, gefährlich ist“.

Also drängten Lektor und Verlag Lenz zu weiteren Überarbeitungen. Doch zu denen war der Jungautor nicht bereit, sie lägen, schreibt er in seinem sehr vornehmen, klugen Antwortbrief, jenseits seiner Möglichkeiten: „Der Sprung über die Hürde ist mir nicht geglückt.“

Die Versuchung ist groß, den Roman des 25-jährigen Siegfried Lenz gegen jeden Einwand in Schutz zu nehmen, weil wir heute wissen, welche großartigen Bücher er später schrieb. Doch manche erzählerischen oder sprachlichen Mängel des Buches sind unübersehbar – zum Beispiel, wenn der junge Lenz eine beschauliche Abendstimmung beschreiben möchte: „Am Himmel graste die wolkige Einfalt.“

Günter Berg war früher Verlagsleiter bei Hoffmann und Campe und ist heute Vorstand der Siegfried Lenz Stiftung. Er hat den Roman aus dem Archiv befreit. Ein Meisterwerk kann man es nicht nennen. Ein über weite Strecken spannendes und literatur- und zeitgeschichtlich lehrreiches Buch ist es aber allemal.

Veröffentlicht unter Über Bücher | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Gespräch mit Peter Frisch über seinen Vater Max Frisch

»Fahr zur Olympiade und hol Gold«

Kürzlich war der 105. Geburtstag von Max Frisch zu feiern. Sein Sohn Peter Frisch ist Segelsportler und als Händler von Segelzubehör ein erfolgreicher Unternehmer in München. Ich sprach mit ihm über seinen Vater, dessen Wunsch etwas Großes zu machen und etwas Besonderes zu sein sowie darüber, wie es der Sohn lernte sich aus dem Schatten des berühmten Vaters zu befreien.

Uwe Wittstock: Was ist Ihre früheste Erinnerung an Max Frisch?

Peter Frisch: Das Klappern seiner Schreibmaschine oben in der Mansarde über unserer Wohnung. Und der Kran, den er aus dem Märklin-Baukasten mit mir zusammen baute. Das konnte er sehr gut – da merkte man den Architekten.

Wittstock: Es heißt, Ihr Vater hat Ihnen das Segeln beigebracht. Stimmt das?

Peter Frisch: Ja, aber er war kein großer Segler. Er nahm mich ab und zu mit dem Boot eines Freundes mit auf den Zürichsee. Erst hat er mir das Prinzip des Segelns an einem kleinen Modell erklärt. Das konnte er gut. Ich habe das später bei meinen Kindern auch so gemacht, das ist gar nicht so leicht. Aber beim praktischen Segeln, bei der Bedienung des Bootes, war mein Vater nur mäßig.

Wittstock: War das Segeln so etwas wie die verbindende Gemeinsamkeit zwischen Vater und Sohn?

Peter Frisch: Nein, das nicht. Sicher, er hat mit mir bei einem Urlaub auf Sylt mal ein Boot gebastelt, ganz primitiv, aus einem Brett und einer Handtuchstange. Es kippte sofort um und war nicht zu gebrauchen. Am Segeln interessierte ihn das Meer, die Weite, das Offene. Verbunden hat uns das Segeln nicht, eher im Gegenteil: Er fand das seltsam, dass der Sohn so viel segeln geht und nichts Gescheites macht. Als ich ihm erklärte, Segeln sei mein Sport, meinte er: Gut, dann fährst du zur Olympiade und holst die Goldmedaille. Er hatte sehr hohe Ansprüche. Was man macht, musste man in seinem Augen ganz und gar machen.

Wittstock: Sie wurden tatsächlich ein exzellenter Segler: 1976 Deutscher Meister im Flying Dutchman.

Peter Frisch: Das ist immer die Frage nach den Maßstäben. Ich war ganz gut, aber nicht gut genug, um ein Leben, einen Beruf darauf aufzubauen. Eine Goldmedaille habe ich nicht gewonnen.

Wittstock: Was sagte Ihr Vater, als Sie Deutscher Meister wurden?

Peter Frisch: Ich bin mir nicht sicher, ob er dazu viel gesagt hat. Der Titel fiel in eine schwierige Zeit unseres Verhältnisses. Er war ja nicht der große Kinder-Vater. Seine Hauptsorge war: Macht der Junge was Vernünftiges, etwas, von dem er leben kann? Als ich dann Segelzubehör zu verkaufen begann, sah er das nur als kleines Zubrot. Das war es zu Anfang auch. Er hatte in seinem Beruf das höchste Niveau erreicht, und er wollte, dass ich in meinem genauso viel erreiche.

Wittstock: Sie haben – wie Ihr Vater und Ihr Großvater – Architektur studiert.

Peter Frisch: Und jetzt studiert mein Sohn ebenfalls Architektur: An der ETH Zürich, wie sein Großvater Max.

Wittstock: Eine Architekten-Dynastie. Warum entschieden Sie sich für die Architektur?

Peter Frisch: Meine Mutter war ja auch Architektin. Ich war oft im Büro meines Vaters, sah seine Entwürfe, ging mit ihm auf die Baustellen. Die Arbeit begann mich zu interessieren, und sie hat ja auch etwas sehr Schönes: Man sitzt vor einem weißen Blatt Papier, man weiß, was entstehen soll, und muss dafür die beste und attraktivste Form finden.

Wittstock: Klingt wie die Arbeit eines Schriftstellers.

Peter Frisch: Kreativität gibt es ja auf ganz verschiedenen Ebenen. Auf dem leeren Blatt kann ein Roman entstehen, ein Haus oder ein Marketingkonzept. Bei all dem geht es darum, sich etwas Komplexes auszudenken, das in sich stimmig und hoffentlich schön ist und das die Menschen überzeugt. Die Architektur ist dafür eine gute Schule.

Wittstock: Was sagte Ihr Vater, als Sie sich entschieden, Ihren Beruf als Architekt aufzugeben?

Peter Frisch: Das war eine ziemliche Enttäuschung für ihn. Er glaubte nicht, dass ich aus meiner kleinen Segelfirma etwas Richtiges machen könnte, etwas, das über das reine Geldverdienen hinausging. Eine Sache richtig zu machen, etwas Großes zu machen und deshalb etwas Besonderes zu sein, stand für ihn immer im Mittelpunkt. Geld war für ihn eher unwichtig. Wenn er mit seiner Arbeit Geld verdiente, dann hat er das gern genommen, aber das war nicht das Entscheidende. Seine Freude über meine Firma kam erst sehr spät. Er war schon sehr, sehr alt, als er sagte, es sei schon wahnsinnig gut, dass ich mit Erfolg in einem Beruf arbeite, der vor den Gesetzen der Realität standhalten muss, während alle anderen in der Familie sich damit selten beschäftigten.

Wittstock: Warum haben Sie sich gegen die Architektur entschieden?

Peter Frisch: Ich war gerade mit dem Studium fertig, als mir mein Professor einen ersten Auftrag vermittelte: Der Bildhauer Bernhard Heiliger hatte ein Grundstück im Tessin gekauft, nicht weit von dem Haus meines Vaters in Berzona. Heiliger wollte dort ein Haus bauen, ich sollte es ihm entwerfen. Ich war ein naiver Student und stolz, dass ich, Peter Frisch, diesen Auftrag erhielt. Doch dann las ich in einer Zeitung: Bernhard Heiliger baut im Tessin ein Atelierhaus, und der Architekt ist der Sohn von Max Frisch. Das hat mich wahnsinnig geärgert. Ich wollte da lesen: Der Architekt ist Peter Frisch. Da wurde mir klar, dass ich in jedem künstlerischen Beruf immer der Sohn meines Vaters bleiben würde.

Wittstock: Haben Sie sehr darunter gelitten?

Peter Frisch: Gelitten nicht. Ich habe ein dickes Fell gehabt. Aber genervt hat es schon. In der Schule hat der Deutschlehrer was Besonderes erwartet, wenn er Aufsätze von mir las, oder der Französischlehrer hat mich als Grammatikübung den Titel „Mein Name sei Gantenbein“ übersetzen lassen. Konnte er sich nicht was anderes einfallen lassen?

Wittstock: Haben Sie trotz allem ein Lieblingsbuch von Max Frisch?

Peter Frisch: Natürlich, aber das wechselt. Zurzeit ist mir „Stiller“ das liebste. Überhaupt, die Romane mag ich sehr, weil sie seine Sprechweise einfangen, weil ich ihn beim Lesen reden höre. Wenn man im Tessin zusammengesessen hat am Abend, dann kam es immer zu Gesprächen, die an die Themen seiner Romane erinnerten. Wobei die Gespräche immer von meinen Geschichten weggingen hin zu seinen Geschichten. Das war schon interessant: Ich versuchte, eine Geschichte zu erzählen, und er nahm sie auf, drehte sie um, und es war seine Geschichte. Großartig und sehr lehrreich, aber es war nicht mehr meine Geschichte.

Wittstock: So ist das oft bei Schriftstellern.

Peter Frisch: Er war eine dominante Ich-Person. Nicht nur mir gegenüber. Allen Freunden ging es so, wenn sie mit ihm zusammen waren.

Ursula Priess: "Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme". btb, 8,99 Euro

Wittstock: Ihre Schwester Ursula hat 2010 ein Buch über ihr Verhältnis zum Vater geschrieben. Werden Sie irgendwann einmal ein Buch über Max Frisch schreiben?

Peter Frisch: Nein, ganz sicher nicht. Das Schreiben ist nicht meine Stärke.

Wittstock: Ihre Schwester war verletzt wegen eines Satzes Ihres Vaters: “. . . die schlichte Nachricht, dass ein Kind gezeugt worden ist, hat mich gefreut: der Frau zuliebe . . .“ Was denken Sie über den Satz Ihres Vaters?

Peter Frisch: Das ist ein typischer Satz meines Vaters. Er lässt mich völlig unberührt. Das verletzt mich überhaupt nicht. Wir Kinder hatten oft Spaß mit ihm, aber er war nicht der Kinder-Papa. Ich kann das verstehen: Als ich jünger war, spielten Kinder für mich keine so große Rolle wie später. Mit 30 Jahren war ich noch viel mehr mit mir selbst beschäftigt, ich wollte etwas aus mir machen. Das Kind war ja gut versorgt bei der Mutter. Es war nett, ein Kind zu haben, aber es hatte nicht diese Wichtigkeit. Als ich 30 war, war es mir wichtiger, Deutscher Meister als Vater einer einjährigen Tochter zu sein. So war das bei ihm auch: Ihm war wichtig, wie kommt der nächste Roman an, wie die nächste Theaterpremiere – und, ach ja, Kinder habe ich auch noch.

Wittstock: Sind Sie Ihrem Vater ähnlich? Erkennen Sie an sich Züge, die Sie an ihn erinnern?

Peter Frisch: Ja. Es gibt viele Ähnlichkeiten. Nur nicht das Schreiben. Aber zum Beispiel die Stimme: Am Telefon ist meine der seinen offenbar zum Verwechseln ähnlich. Dann meine Sehnsucht nach Großzügigkeit, nach offenen, freien Räumen. Er hat gern und sehr gut gekocht. Ich koche auch gern. Und hoffentlich gut.

Wittstock: Aber auch Ihre Direktheit und Klarheit erinnert an Ihren Vater. Zum Beispiel der Satz eben: Mit 30 sei es für Sie wichtiger gewesen, Deutscher Meister als Vater zu sein.

Peter Frisch: Ich glaube, es ist nicht egoistisch, wenn man mit 30 unbedingt Deutscher Meister sein will. Es ist nur ehrlich, wenn man das zugibt und ausspricht. Man darf darüber aber nicht rücksichtslos werden anderen gegenüber.

Wittstock: War Max Frisch nach der Scheidung von Ihrer Mutter oft für Sie da?

Peter Frisch: Wir waren regelmäßig an Wochenenden bei ihm. Und dann hat er sich sehr um uns gekümmert. Dann waren wir in den Bergen, und er hat Wasserräder am Bach mit uns gebaut oder Ähnliches. Einmal hat er eine kleine Modellbühne gebastelt, um sich Gedanken für das Bühnenbild seines nächsten Theaterstücks zu machen. Und ich habe ihm geholfen und kleine Stühle für die Bühne gemacht. Vielleicht habe ich auf diese Weise sogar mehr von meinem Vater gehabt als mancher andere. Denn wenn er in die Verantwortung genommen wurde, hat er sich sehr bemüht. Das war typisch für ihn: Wenn er etwas machte, dann machte er es richtig.

Wittstock: In jedem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gibt es gelegentlich Streit. War das bei Ihnen und Ihrem Vater genauso?

Peter Frisch: Streit gab es eigentlich selten. Das lag sicher auch daran, dass wir uns nur jedes zweite Wochenende sahen. In dieser kurzen Zeit kann man Streit leichter vermeiden, als wenn man immerzu zusammenlebt. Zu Konflikten kam es, als er mir klarzumachen versuchte, ich müsse einen richtigen Beruf haben, nicht dieses bisschen Segeln da. Das war die Zeit, in der wir uns wenig gesehen haben. Ich habe ihn wohl zwei Jahre lang nicht besucht, er hat sowieso nie angerufen – bis er dann mal einen Brief geschrieben hat.

Wittstock: Ist Ihr Vater ein Vorbild für Sie?

Peter Frisch: In vielen Punkten ist er ein Vorbild. Ich will etwas ganz Banales sagen: sein Auftreten zum Beispiel. Er wusste, wie man, ohne zu protzen, großzügig ist. Er konnte sehr gut umgehen mit Menschen, er hatte Charme. Er war ein Grandseigneur.

Wittstock: Ihr Vater war ein Mann der Frauen. Er hatte viele Partnerinnen, viele Geliebte. Hat das Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater beeinflusst?

Peter Frisch: Eher positiv. Natürlich war es schmerzhaft, dass er nicht mehr mit meiner Mutter zusammen war, aber daran hat man sich irgendwann gewöhnt. Und mit den späteren Partnerinnen meines Vaters bin ich durchweg gut zurechtgekommen. Vor allem mit Marianne, seiner zweiten Ehefrau, habe ich mich sehr gut verstanden, sie war nicht viel älter als ich. Das war eine tolle Frau. Auch als ich mich eine Zeit lang nur schlecht mit meinem Vater verstand, hat eine seiner Frauen dafür gesorgt, dass der Kontakt zwischen uns beiden wieder aufgenommen wurde.

Wittstock: Sie haben mal gesagt, die Liebe zur Schönheit hätten Sie von Ihrem Vater geerbt. Ist diese Liebe Genuss oder Last für Sie?

Peter Frisch: Last? Warum sollte das eine Last sein? Schöne Dinge anzuschauen ist doch ein Genuss

Wittstock: Aber es gibt so wenig davon.

Peter Frisch: Nein, das finde ich nicht. Das ist doch eine Frage des Blickwinkels: Schaue ich aus dem Fenster und suche nach den hässlichen Sachen, werde ich eine Menge finden. Schaue ich hinaus und konzentriere mich auf die schönen Dinge, die es auch gibt, habe ich die Möglichkeit, sie zu genießen. Zum Genussmenschen gehört halt, dass er sich die Dinge sucht, die er genießen kann.

Veröffentlicht unter Personen | Verschlagwortet mit , | 3 Kommentare

Buch & Bar 71: Matthias Heine “Seit wann hat ‘geil’ nichts mehr mit Sex zu tun?”

Haben Sie sich heute schon verändert?

Heute: Über krass hammerendgeiles Lesen und Trinken

Matthias Heine: "Seit wann hat 'geil' nichts mehr mit Sex zu tun? 100 deutsche Worte und ihre erstaunlichen Karrieren". Hoffmann und Campe. 16 Euro

Tief im Herzen sind wir alle Reaktionäre. Wir wissen: Die Welt verändert sich. Aber wir wollen uns nicht mitändern, sondern an dem festhalten, was uns mal gut gefallen hat. Alexander Gauland zum Beispiel will, dass Deutschland so bleibt wie es war in den Grenzen der jüngeren Steinzeit. Jogi Löw, dass die Nationalmannschaft in den Grenzen bleibt des mittleren Schweinsteiger und frühen Götze. Und ich? Ich will, dass das Wort „geil“ in den Grenzen des Schlafzimmers bleibt, und nicht alle überall damit um sich werfen. Warum? Weil ich das geiler finde.

Aber das ist unmöglich. Und Matthias Heine erklärt in „Seit wann hat ‚geil’ nichts mehr mit Sex zu tun“ (Hoffmann und Campe, 16 Euro) anhand von 100 Worten haargenau warum das nicht geht. Denn Worte und Welt verändern sich nicht nur heute, sondern haben sich schon immer verändert. Es gibt gar keinen Ursprung, zu dem wir zurückgehen können, sondern nur Veränderung. „Geil“ zum Beispiel war nie nur aufs Schlafzimmer beschränkt. Mal bedeutete es „übermütig“, dann hatte es vorübergehend mit Sex zu tun, und heute – ich kann’s nicht ändern – heißt es eben „toll, super“.

Sogar die Welt der Cocktails ändert sich. Ein neuer Trend ist White Whiskey, er wird nicht in Fässern gelagert, sondern wie in der Prohibitionszeit sofort nach dem Brand abgefüllt. Georgia Moon zum Beispiel wird deshalb stilgerecht in Einmachgläsern verkauft, wie das zu Zeiten Al Capones üblich war. White Whiskey erinnert an Wodka, schmeckt aber irgendwie schärfer, süßer, nach Mais. Ich fand es, offen gestanden, nicht so geil.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Rudyard Kipling: “Über Bord” und “Von Ozean zu Ozean”

Der Sturz ins andere Leben

Über achtzig Jahre nach seinem Tod wird der „Dschungelbuch“-Autor und Nobelpreisträger Rudyard Kipling in Deutschland mit hierzulande wenig bekannten Büchern neu entdeckt: mit einem Abenteuerroman und wilden Reportagen

Rudyard Kipling: "Über Bord". Roman. Übersetzt von Gisbert Haefs. Mareverlag, 18 Euro

Harvey ist erst 15, aber schon ein mustergültiger Schnösel. Sein Vater, ein amerikanischer Eisenbahn-Baron des 19. Jahrhunderts, scheffelt Geld säckeweise. In New York hat sich Harvey nach Europa eingeschifft, um sich dort den letzten gesellschaftlichen Schliff verpassen zu lassen – und zum „perfekten Ekel“ heranzuwachsen, wie ein genervter Mitreisender voraussieht.

Doch in einer Nebelnacht vor Neufundland zieht Harvey zu tief an einer Zigarre, gleitet im Nikotinschwindel über die Reling und landet im eiskalten Nordatlantik. Ein Sturz in den Tod – wenn er nicht schon Augenblicke später von einem Kabeljau-Schoner entdeckt und gerettet würde. Doch nun muss der verwöhnte Harvey für Monate als Schiffsjunge Dienst tun unter rauen Seeleuten, die es sich nicht leisten können, ihn während der Fischfang-Saison nach New York zurückzubringen.

1897 erschien der Roman “Über Bord“ zum ersten Mal. Sein Autor Rudyard Kipling (1865-1936) war zuvor schon mit dem „Dschungelbuch“ weltberühmt geworden – und erhielt 1907 mit 42 Jahren den Literaturnobelpreis als jüngster Schriftsteller aller Zeiten. Jetzt ist “Über Bord“, Kiplings zweiter großer Erfolg, der sich in Deutschland aber nie richtig durchsetzen konnte, in exzellenter Übersetzung von Gisbert Haefs neu vorgelegt worden (Mareverlag, 18 Euro).

“Über Bord“ ist vieles zugleich. Ein Erziehungsroman, der zeigt, wie Harvey als Schiffsjunge zu einem geläuterten, respektvollen jungen Mann heranwächst. Ein Abenteuerroman, denn den Kurs des Kabeljau-Schoners kreuzen Stürme, übellaunige Wale und riesige Dampfer. Und schließlich ist das Buch zugleich eine historische Sozialreportage, die das damalige brutale Arbeitsleben der Fischer anschaulich vorführt.

Heute würde man “Über Bord“ wohl ein All-age-Buch nennen. Es zeugt von erzählerischer Perfektion und präziser Kenntnis der Fakten – schließlich hatte Kipling sein Schreibhandwerk als Journalist gelernt. Zugleich aber kann er die pädagogischen Tendenzen seines Romans nie verleugnen: Es braucht nur etwas redliche Arbeit unter redlichen Leuten, um Harvey den Kopf zurechtzurücken.

Rudyard Kipling: "Von Ozean zu Ozean. Unterwegs in Indien, Asien und Amerika". Übersetzt von Alexander Pechmann. Mareverlag. 48 Euro

Wie genau Kiplings Blick für die Realitäten des einfachen Lebens seiner Epoche war, zeigt auch der aufwendig gestaltete Band „Von Ozean zu Ozean“ (Mareverlag, 48 Euro), der Reiseberichte aus Indien, Asien und Amerika enthält. Er erzählt von Bordellen und Opiumhöhlen in Kalkutta oder vom Alkoholismus der Arbeiter in den USA. Gegen Ende seiner Amerikareise begegnete Kipling sogar seinem großen Schriftsteller-Vorbild Mark Twain (1835-1910), der ihm für die literarische Arbeit den unersetzlichen Rat gab: „Sammeln Sie Ihre Fakten, um sie dann nach Lust und Laune zu verdrehen.“

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Judith Hermann: “Lettipark”

„Die Unsicherheiten bleiben, nichts Wichtiges wird einfacher“

Judith Herrmann kenne ich lange, aber wir haben uns nur selten gesehen. 1998 betreute ich als Lektor im S.Fischer Verlag ihren Debüt-Band “Sommerhaus, später”. Als junge Autorin brachte sie damit einen neuen poetischen Ton in die deutsche Literatur. Nun, 18 Jahre später, hat sie wieder einen Band mit kurzen Erzählungen geschrieben, den ich sehr mag. Ich bat sie um einen Spaziergang und ein Gespräch.

Jeder Park ist auch ein Versprechen. Das Versprechen der Ruhe, das Versprechen, sich sammeln zu können und zumindest für einen Augenblick zu sich selbst zu kommen. Vielleicht war es schon deshalb unvermeidlich, dass ein Park in den Büchern Judith Hermanns, die zum Schönsten gehören, was die deutsche Literatur der letzten 20 Jahre zu bieten hat, dass ein Park irgendwann einmal eine besondere Rolle spielen würde.

Judith Herrmann: "Lettipark". Erzählungen. S.Fischer Verlag, 18,99 Euro

Der Lettipark ist auf keiner Karte Berlins verzeichnet. Es gibt ihn, und es gibt ihn nicht. Rheinsteinpark ist sein amtlicher Name, aber die Ämter scheinen es nicht gut mit ihm zu meinen: ein struppiges Grün tief im Osten Berlins, eingezwängt zwischen Häuserblocks, ein paar graffitibeschmierte Bänke, eine Bronzeplastik, ein lieblos bepflanztes Rondell. Das ist schon alles. Ist wirklich jeder Park ein Versprechen?

„Der Name“, erzählt Judith Hermann, während wir auf einer der Bänke neben dem Rondell sitzen, „ist, soweit ich weiß, für diesen Park eher umgangssprachlich. Ich fand den Klang des Wortes schön und rätselhaft – und ich möchte, dass das ein realer und zugleich unauffindbarer Ort ist, eine Fiktion.“ Denn den Lettipark, der Judith Hermanns neuem Erzählungsband den Titel gegeben hat, gibt es letztlich nur in der Fantasie, in der Literatur.

Die Titelgeschichte handelt von einer zufälligen Begegnung zwischen zwei nicht mehr jungen Frauen an der Kasse einer Markthalle. Die eine von ihnen war früher eine Schönheit, stolz, kühl, ungebunden, auch sie so etwas wie ein Versprechen: auf ein pralles, kompromissloses Leben. Die andere war ihre Bewundererin aus der Ferne, die beobachtete, wie sie Männern mitleidlos das Herz brach, darunter auch einem Sonderling, der für sie ein ganzes Fotoalbum des Lettiparks und zu den Bildern Gedichte anfertigte.

Nun, 20 Jahre später an der Markthallenkasse, ist nicht nur die Schönheit verblasst – das wäre eine banale Geschichte. Sondern auch von dem einst bewunderten Stolz, von der radikalen Ungebundenheit kann die Beobachterin nichts mehr entdecken. Und fragt sich plötzlich – typische Wende einer Judith-Hermann-Geschichte -, was aus den eigenen Hoffnungen ihrer Jugend, aus den eigenen Plänen für ein pralles Leben geworden ist.

Eine Frage, die ich auch Judith Hermann stelle, während wir ein paar Schritte über die staubigen Wege des Parks gehen. 18 Jahre ist es jetzt her, dass sie ihren ersten Erzählungsband „Sommerhaus, später“ veröffentlichte. Ich war damals ihr Lektor im S. Fischer Verlag. Im „Café Einstein“, Kurfürstenstraße, trafen wir uns zum ersten Mal, ich erinnere mich gut an ihre Scheu. Aber auch an ihren Ernst, sobald wir über ihre Geschichten sprachen.

Das Buch wurde mit einer Auflage von über 600 000 Exemplaren zu einem so unerwarteten Erfolg, dass manche Kritiker sie zur poetischen Stimme ihrer Generation erklärten und verklärten, zu einer Art role model der damaligen Mittzwanziger. Viele junge Autoren hätten sich geaalt im Licht der Scheinwerfer, die sich auf sie richteten. Doch ihr war das nicht möglich.

„Ich habe mich nie als Stimme meiner Generation gefühlt“, sagt sie, „und ich hätte auch gar nicht die Kapazität gehabt, um diese Rolle auszufüllen.“ Von der plötzlich aufbrandenden öffentlichen Aufmerksamkeit war sie überfordert und außerdem zu sehr in Selbstzweifel verstrickt, als dass sie zur Generationsvordenkerin getaugt hätte. „Ich habe meine Kraft fürs Schreiben gebraucht, fürs faktische Schreiben und fürs Nachdenken darüber. Das ist anstrengend – es kostet Nerven. Und Zeit.“

Den tänzelnden, federleichten und doch melancholischen Ton, der ihre Leser in „Sommerhaus, später“ sofort hingerissen hat, trifft sie auch in ihrem neuen Buch. Doch ihre Figuren sind mit ihr älter geworden. Es ist nicht mehr von den Hoffnungen und Verzagtheiten des Jungseins die Rede, sondern von den ersten Zwischenbilanzen des Lebens, die zur eigenen Überraschung nicht mehr so entschieden ausfallen, wie man es von sich erwartet hätte.

Judith Hermann (Berlin, Februar 2014) Foto: Andreas Labes

Die unabwendbaren Enttäuschungen des Älterwerdens? „Ja, auch. Aber vielleicht nicht nur das“, sagt Judith Hermann. „Früher habe ich angenommen, die Standpunkte würden sich irgendwann klären, die Unsicherheiten würden weniger werden – man käme bei sich selber an. Aber die Unsicherheiten bleiben, nichts Wichtiges wird einfacher.“

Vielleicht ist das die Lehre, die Judith Hermanns Geschichten bereithalten: Das endlose Spiel der Möglichkeiten, für das unsere Zeit oft gefeiert wird, ist, genau betrachtet, gar nicht lustig, sondern verdammt mühevoll und ernst. Ihre Figuren kennen zahllose Standpunkte, sie probieren sie durch. „Sich so ein Leben vorstellen“ hieß das in einer ihrer frühen Erzählungen. Und ihre Heldinnen spielten das Spiel mit wilder Begeisterung. Doch wenn alles möglich ist, ist nichts verpflichtend. Das Spiel kommt zu keinem Ende, die Suche geht immer weiter.

Vielleicht musste ein Park schon allein deshalb irgendwann zu einem Fixpunkt von Judith Hermanns Literatur werden. Als Sehnsuchtsort und als Hoffnungsbild. Als der Wunschtraum, irgendwann doch noch bei sich ankommen zu können. Und vielleicht ist der Lettipark, dieses nur halb reale, halb unauffindbare Grün dafür genau der richtige Platz.

 

Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Buch&Bar 70: Eric Ambler “Die Maske des Dimitrios”

Ein Glas voll Tränen des Dichters

Heute über: Angst vor großen Portionen beim Lesen und Trinken

Eric Ambler: "Die Maske des Dimitrios". RomN. Übersetzung: Matthias Fienbork. Hoffman und Campe, 22 Euro

Der Thriller-Autor Eric Ambler (1909-1998) ist ein ernstes Problem für mich. Ich habe alle seine Bücher und habe sie alle gelesen. Doch sobald ich in einem davon blättere und die ersten Absätze lese, kann ich nicht mehr aufhören, bevor ich die letzte Seite erreicht habe. Kürzlich schickte mir der freundliche Verlag eine Neuausgabe zu von Amblers Klassiker „Die Maske des Dimitrios“ (Hoffmann und Campe, 22 Euro). Wie nett von denen, dachte ich, schlug das Ding auf und fand mich am nächsten Morgen übernächtigt und unrasiert in meinem Lesesessel wieder, den Schlusssatz vor Augen.

Schon klar, in Thrillern von heute werden ganze Städte oder Staaten ausradiert. Bei Ambler ist das Morden noch Handarbeit. Sein Dimitrios ist ebenso clever wie brutal, ein Mann ohne moralische Kategorien, dessen Geld- und Machtgier keine Grenzen kennt. Amblers Roman erschien 1939 wenige Tage bevor Hitler, dessen moralische Grundsätze denen des Dimitrios zum Verwechseln ähnlich sahen, aus Machtgier den Zweiten Weltkrieg vom Zaun riss. Selten hat ein Buch die finstere Atmosphäre seiner Zeit so genau eingefangen wie dieses.

Als ich Ambler einmal in London traf, vergnügte er sich mit einem großen Glas Whiskey pur, ohne Eis. Er bot mir das gleiche an. Ich fürchtete nach so einer Portion dem Gespräch mit ihm nicht mehr gewachsen zu sein und wählte Tee. Dafür erhebe ich heute ein kleines Glas irischen Whiskey „Writer’s Tears Copper Pot“ auf ihn, würzig und doch mild. Natürlich pur, ohne Eis.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

Veröffentlicht unter Buch & Bar | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar