“Volltext”-Fragebogen zu Literaturkritik

In Sarrazins Gästesessel an Schiller denken

Die Literaturzeitschrift “Volltext” schickte mir ihren Fragebogen zu zum “Geschäft der Literaturkritik heute”. Ich habe ihn ausgefüllt, “Volltext” hat ihn gedruckt, hier ist er nun online.

Was sehen Sie als die primäre Aufgabe der Literaturkritik heute?
Lassen Sie mich mit einer Geschichte antworten: Kürzlich veröffentlichte Thilo Sarrazin ein neues Buch, und ich bekam Gelegenheit ihn zu besuchen, um ein Porträt über ihn zu schreiben. (http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1760)

Volltext Heft 2/2016

Auch wenn man Sarrazin nicht mag, muss man zugeben dass er ein belesener Mann ist. Überall im Haus wachsen Bücherregale die Wände hoch voller Literatur: Klassiker, Romane, Erzählungen. Wir sprachen über einige Autoren, wir waren nicht immer einer Meinung, aber seine literarischen Ansichten waren durchdacht und kompetent.
Dann sprachen wir über sein Buch, darüber, dass er nicht die geringste Verpflichtung dazu sieht, Flüchtlingen aus anderen Ländern in Deutschland Zuflucht zu gewähren, und mehr noch: dass er es offenkundig noch nicht einmal bedauert, Notleidende abzuweisen.
Aber wofür, fragte ich mich in Sarrazins Gästesessel, wofür all diese endlosen Bücherwände, all dieser literarische Bildungseifer, wenn dabei nichts anderes herauskommt als rhetorisch glänzend verpackte Mitleidlosigkeit? In gewisser Hinsicht erinnert Sarrazin an Alexander Gauland, den Vizechef der AfD: Auch der ein hochkultivierter, hochbelesener Konservativer mit dem moralischen Verantwortungsgefühl eines Kleiderbügels.
Einer der deutschen Klassiker, auf die sich Sarrazin und Gauland so gern berufen, hieß Friedrich Schiller. Er glaubte fest an die „ästhetische Erziehung des Menschen“, also daran, dass Kunst und Bildung die Leute nicht nur zu klugen, sondern auch zu guten, zu mitfühlenden, Anteil nehmenden Zeitgenossen machen.
Ende der Geschichte.
Was betrachte ich als die primäre Aufgabe der Literaturkritik? Schön wäre es, wenn Literaturkritik dazu beiträgt, dass Literatur diese besondere Fähigkeit entfalten kann, die Schiller an ihr zu entdecken glaubte. Tatsächlich hat die Literatur die ungewöhnliche Fähigkeit, Menschen zur Einfühlung in andere Menschen zu verführen, sie an den seelischen Vorgängen Fremder teilhaben zu lassen. Ob das ausreicht, sie zu mitfühlenden, Anteil nehmenden Zeitgenossen zu machen, wie Schiller hoffte? Ich weiß es nicht, der Besuch bei Sarrazin war ein ernüchterndes Erlebnis.

Was sind die größten Herausforderungen/Probleme für die Kritik heute?
Literatur spielte mal als gesellschaftliches Leitmedium eine große Rolle. Heute bietet es kaum noch gesellschaftliche Vorteile, Literatur zu lesen. Unter diesen Bedingungen die Aufmerksamkeit für Literatur zu erhalten, Kommunikation über Literatur herzustellen, Leser für sie zu gewinnen, zählt für mich zu den großen Herausforderungen heute. Zu den Problemen zählen sicher die schlechten Arbeitsbedingungen: Wenig Platz in Zeitungen oder Sendeanstalten, geringe Honorare für Kritiker.

Spielen literaturwissenschaftliche Theorien eine Rolle für Ihre Tätigkeit als Kritiker?
Ja, klar. Im Idealfall verfügt der Kritiker über jede literaturwissenschaftliche oder sonstige theoretische Kompetenz, die dabei hilft, das jeweilige Buch möglichst angemessen zu beurteilen und dem Leser vorzustellen. Allerdings: Es gibt nur Annäherungen an den Idealfall, erreicht wird er nie.

Welche LiteraturkritikerInnen schätzen Sie am meisten? Für welche Qualitäten?
Marcel Reich-Ranicki. Er war (und ist) der temperamentvollste und wirkmächtigste deutsche Kritiker. Hans Magnus Enzensberger ist wahrscheinlich einer der klügsten. Ulrich Weinzierl ist ein Freund, den ich für seine schier endlosen Kenntnisse und seinen eleganten Witz schätze. Volker Weidermann für seine rhetorische Verve. Christine Westermann für ihre Menschlichkeit. Volker Hage und Ulrich Greiner für ihre Genauigkeit und Kompetenz.

Wie viele Bücher muss ein Kritiker gelesen haben, um kompetent urteilen zu können? Wie viele haben Sie gelesen?
Ich habe keinen blassen Schimmer. Der Erwerb literaturkritischer Fähigkeiten steht, gebe ich zu bedenken, vermutlich nicht in direkter Relation zu Lektürequantitäten.

Wie viele Neuerscheinungen lesen Sie pro Jahr?
Im Durchschnitt eine pro Woche. In letzter Zeit mehr, da ich eine wöchentliche Kolumne füttern muss. Viele andere Bücher fange ich nur zu lesen an und höre auf, sobald ich merke, dass sie mich nicht interessieren.

Welche AutorInnen haben Ihnen mit 15 gefallen, welche schätzen Sie heute?
Reich-Ranicki hat es geliebt, solche Listen zusammenzustellen. Ich mag es nicht.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Sobald die Zeit es zulässt, greife ich auf Klassiker zurück. Das hilft, die literaturkritischen Maßstäbe zurechtzurücken. Es ist immer wieder ein Vergnügen zu sehen, was echte Meister auf dem Papier zustande gebracht haben.

Haben Sie in Ihrer Laufbahn als Kritiker je ein Urteil grundlegend revidieren müssen?
Sobald ich in die Verlegenheit komme, alte Kritiken von mir zu lesen, werde ich skeptisch. Waren die Bücher wirklich so gut/so schlecht, wie ich damals geschrieben habe? Ich denke, Skepsis ist immer eine gute Haltung beim Lesen von Kritiken, auch der eigenen. Aber „grundlegend revidieren“ musste ich bislang keine – vielleicht deshalb, weil die Anlässe, die dazu zwingen, eine Kritik nach Jahren noch einmal eingehend zu überprüfen, selten sind.

Uwe Wittstock, geboren 1955 in Leipzig, war Literaturkritiker bei der FAZ und der Welt und ist gegenwärtig Literatur-Redakteur des Nachrichtenmagazins Focus.

Quelle: VOLLTEXT 2/2016

Online seit: 8. September 2016

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Buch&Bar 78: Greg Palast “Gern geschehen, Mr. President”

Die hohe Kunst, die Wähler einfach abzuschaffen

Heute: Über tiefe Ernüchterung beim Lesen und Trinken

Greg Palast: "Gern geschehen, Mr. President! Wie man die US-Wahl manipuliert in 10 einfachen Schritten". Illustration: Ted Rall. Übersetzung: Andreas Simon dos Santos. Verlag Haffmans & Tolkemitt. 14,95 Euro

Zu den plattesten Plattitüden gehört der Satz, Politik sei ein schmutziges Geschäft. Und falsch ist er außerdem: Politik ist nämlich vielmehr ein sauschmutziges Geschäft.

Passend zum Wahlkampf in Amerika, legt der Reporter Greg Palast jetzt seine Beweise für die Manipulation von US-Wahlen vor: „Gern geschehen, Mr. President!“ (Haffmans & Tolkemitt, 14,95 Euro). Mit allerlei Tricks werden Millionen Wähler aus den Wahlverzeichnissen gestrichen oder ihre Stimmen für ungültig erklärt, weil sie  als Latinos, Schwarze oder Immigranten traditionell mehrheitlich Kandidaten der Demokraten wählen. Bei der Wahl, die George W. Bush im Jahr 2000 nach endlosen Querelen gegen Al Gore für sich entschied, sollen auf diese Weise über vier Millionen Stimmen für ungültig erklärt worden sein, schreibt Palast. Donald Trump hat im gegenwärtigen Wahlkampf mit dem Satz „Es gibt Leute, die wählen viele, viele Male!“ bereits das Argument vorgegeben, mit dem angebliche Mehrfachwähler heimlich um ihre Stimme gebracht werden sollen.

Aber weshalb geht die Demokratische Partei gegen diesen Bertrug nicht vor? Weil sie, zeigt Palast, bei Wählerschichten, die den Republikanern zugerechnet werden, das Gleiche betreibt, wenn auch in geringerem Umfang. Ein zutiefst ernüchterndes Buch.

Apropos nüchtern. Im Rahmen der Buch-&-Bar-Kolumne wären hier natürlich Ratschläge fällig, um diesem Zustand abzuhelfen. Mir scheint das aber in diesem Fall fehl am Platz. Die Demokratie gerät auch in Old Europe mehr und mehr in Gefahr. Um sie zu bewahren, werden wir alle einen klaren Kopf brauchen. Der empfohlene Drink deshalb: kühles, reines Mineralwasser.

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Paul Murray: “Der gute Banker”

Die böse, bissige, burleske Euro-Komödie

Die europäische Finanzkrise hat Stoff für Tausende von Tragödien geliefert. Der irische Schriftsteller Paul Murray hat sie einen ebenso klugen wie komischen Roman verwandelt: “Der gute Banker”. Ich traf Murray in Dublin in einem der berühmtesten Pubs der Stadt und sprach mit ihm über seinen Roman.

John Mulligan's, Dublin

Sie haben Irland verkauft“, sagt Paul Murray, „das ganze Land. Gleich zweimal.“ Wir stehen im „Mulligan’s“, einem der berühmten Pubs von Dublin. Aber Murray ist stocknüchtern, er hat weder Guinness noch Whiskey getrunken, nur Kaffee. Er schreit, flucht oder schimpft nicht, sondern redet ruhig und sachlich, und vieles spricht dafür, dass Murray Recht hat: „Sie haben Irland verkauft.“

„Mulligan’s“ liegt nicht in Dublins Touristenviertel Temple Bar, sondern in einer schäbigen, DDRgrauen Nebenstraße, die tatsächlich so aussieht, als wäre das Land zum Dumpingpreis zu haben. „Mulligan’s“ ist älter als die Französische Revolution. Generationen irischer Schriftsteller und Journalisten haben hier getrunken, geraucht und schwadroniert. Die Redaktionen lagen gleich um die Ecke. James Joyce soll hier Notizen für „Ulysses“ gemacht haben, Nobelpreisträger Seamus Heaney für seine Gedichte.

Mulligan's at 8 Poolbeg Street, Dublin

Doch die Geschichte, die Murray in seinem Roman „Der gute Banker“ erzählt, klingt noch fantastischer, noch extremer als die seiner Vorgänger. Dabei hat Murray sie nicht frei herbeifabuliert, sondern nach dem realen Vorbild der Bankenkrise in Irland entworfen, deren Ausmaß in Europa einmalig ist: „Es gab allerdings ein Problem. Manche Leute, die damals am Ruder waren, benahmen sich so bizarr, so übel, dass sie selbst als Romanfiguren unglaubwürdig wirken. Ich musste sie harmloser schildern, als sie wirklich waren, damit die Leser sie mir abnehmen.“

Aber das Buch ist nicht nur in vielen seiner Eckdaten wahr, es ist zugleich auch voller Witz. Murray hat das erstaunliche Kunststück vollbracht, aus der Krise eine Komödie zu machen.

Sein Held ist Claude, ein schüchterner Franzose, der in Dublin für eine fiktive Investmentbank arbeitet. Er lernt den irischen Schriftsteller Paul kennen, der sich bei ihm einschmeichelt und vorgibt, über ihn als Jedermann der globalisierten Finanzwelt einen Roman schreiben zu wollen. Bald stellt sich aber heraus, dass Paul als Autor längst gescheitert ist und in Wahrheit den Safe von Claudes Bank ausräumen will. Bis Claude ihm klarmacht, dass es in einer Investmentbank gar keinen Safe gibt.

Paul Murray: "Der gute Banker". Roman. Übersetzung: Wolfgang Müller. Kunstmann Verlag, 25 Euro

Woraufhin Paul sich nach anderen Erwerbsquellen umschaut, vom Geschäft mit hanebüchenen Websites bis zum Kunstraub – und Claude jedes Mal in seine Wahnsinnsprojekte verstrickt. Bis es Claude endlich gelingt, ihn wieder an den Schreibtisch zurückzubugsieren, eine neue Romanidee vor Augen.

Parallel zu diesen kleinkriminellen Abenteuern erlebt Claude einen großkriminellen Banken-Thriller von historischem Ausmaß. Im Spätsommer 2008 geriet die Anglo Irish Bank – in Murrays Roman heißt sie Royal Irish – ins Trudeln, nachdem sie jahrelang völlig verantwortungslos Immobilienkredite unters Volk gebracht hatte.

Manager der Bank spiegelten der irischen Regierung durch haarsträubende Manipulationen vor, ihr Haus sei systemrelevant und mit einer Finanzspritze von sieben Milliarden Euro zu retten. Am Ende kostete es die irischen Steuerzahler jedoch über 30 Milliarden, rund ein Siebtel des gesamten Bruttoinlandsprodukts, was das kleine Land fast im Alleingang in den Ruin trieb.

Trotzdem wurden die Verantwortlichen Jahre später nur zu lächerlich geringen Haft- oder Bewährungsstrafen zwischen zwei und dreieinhalb Jahren verurteilt, wenn nicht gar freigesprochen. Denn die Richter stellten fest, die Kontrollen der irischen Bankenaufsicht seien in jenen Jahren so miserabel und unfähig gewesen, dass es nicht möglich sei, den Managern die Schuld für die Bankenpleite allein zuzurechnen.

„Sie müssen das verstehen“, sagt Murray, „Irland war immer arm: wenig Bodenschätze, keine Industrie, schlechtes Farmland. Als der Bankenboom in den 90er-Jahren begann, sah Irland seine Chance gekommen und wollte einen Teil vom Kuchen abhaben.“ Das Land liberalisierte das Finanzgeschäft radikal, bis es nahezu keine Kontrollen mehr gab. Heute gilt Irland als Offshore-Steuerparadies, in dem sich aus guten Gründen die Hälfte der 50 Top-Banken und die Hälfte der 20 Top-Versicherungen der Welt niedergelassen haben.

Mulligan's Pub

„Damit wurde“, so Murray, „das Land symbolisch zum ersten Mal verkauft. An die Hedgefonds, an die Investmentbanken, die hier tun können, was sie wollen. Und sie tun es, glauben Sie mir.“ Im Jahr 2015 zum Beispiel explodierte das Bruttoinlandsprodukt Irlands plötzlich um astronomische 26,3 Prozent. Deutschland verzeichnete im gleichen Jahr 1,7 Prozent. Wegen der niedrigen Unternehmenssteuer verlegen multinationale Unternehmen ihren Sitz rechtlich nach Irland, „auch wenn sie nur ein Firmenschild an die Tür eines leeren Büros kleben“.

Für die Iren springt dabei nahezu nichts heraus. „Im Gegenteil, sie werden oft noch ärmer“, sagt Murray. „Jetzt wird das Land zum zweiten Mal verkauft, und diesmal buchstäblich. Hausbesitzer, die ihre Kreditenicht bezahlen können, fliegen raus, und ihre Grundstücke gehen an ausländische Investoren.“

Das ist der Stoff für Tausende von Tragödien. Doch nach bewährter irischer Tradition hat Paul Murray ihn in eine böse, bissige, burleske Komödie verwandelt. Ein Buch voller überraschender Wendungen, Spott und lebenskluger Ironie. Die Iren waren, sagt er, über Jahrhunderte ein kolonisiertes Volk, erst 1922 konnten sie ihre Freiheit von den Briten erkämpfen. Vielleicht sind die Banken Irlands neue Kolonialherren. Und die in Grund und Boden zu lachen gehört zu den ältesten irischen Überlebensstrategien.

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Martin Mosebach: “Mogador”

In der Stadt der Dämonen

Martin Mosebach erlebt für seine Romane ebenso hohe Anerkennung wie rabiate Anfeindungen. Er ist notorisch umstritten, schon weil er sich selbst gern einen Reaktionär nennen. Daran wird sich auch mit seinem neuen Roman “Mogador” nichts ändern: Es geht darin um einen Bankmanager auf der Flucht, eine Bordellmutter mit besten Kontakten zum Jenseits und die alte Frage nach dem Glück. Ich traf Mosebach in München und habe mich mit über sowohl über das Glück, als auch über „Mogador“ unterhalten

“Das Glück?“

Martin Mosebach sitzt am Café-Tisch in der Sonne, die sich in diesem Sommer nur so selten zeigt. Der Himmel über Münchens Englischem Garten ist bayerisch blau mit zart hingetupften Schäfchenwolken, Vögel zwitschern, Kinder lachen. Ein guter Augenblick, um mit Mosebach über Glück zu reden.

Martin Mosebach: "Mogador" Roman. Rowohlt Verlag. 22,95 Euro

„Die Vorstellung, ein Recht auf Glück zu haben“, sagt er, „die Vorstellung, das Recht zu haben, nach Glück zu streben, Pursuit of Happiness, ist für die westliche Welt seit der Amerikanischen Revolution entscheidend geworden.“

Mosebach hat eine charakteristische Diktion, eine Sprachmelodie, wenn er so etwas sagt, der Großteil des Satzes kommt sehr schnell, zack, zack, zack, stakkatoartig, aber dann, meist gegen Ende, zieht und dehnt er ein oder zwei Worte: „enteiiidend geworden“. Man spürt, wie genussvoll Mosebach mit Worten spielt, wenn er manche auf diese Weise zu streicheln scheint.

„Doch dieses Streben ist oft ein wahnhaftes Unternehmen, denn wir wissen nicht, worin unser Glück besteht.“ Wir lassen uns vielmehr, so Mosebach, kopfscheu machen von der permanenten Fahndung nach dem Glück, wir werden zu gehetzten Glückssuchern und verfehlen so erst recht das Ziel, Glück zu empfinden.

„Glück als Leistung“, sagt Mosebach, „das ist die Vorstellung, von der wir uns viel zu sehr beherrschen lassen. Wir glauben, versagt zu haben, wenn sich das Gefühl von Glück nicht einstellt.“

Dann setzt Mosebach eine kleine Pause, eine Sekunde der Stille, bevor er ein wenig leiser fortfährt: „Glück ist keine Leistung. Glück ist etwas, das uns hinzugegeben wird, manchmal. Wir können es nicht anstreben, nicht arrangieren. Wir bekommen es, oder wir bekommen es nicht.“

„Als Geschenk?“, gebe ich das Stichwort. „Ja“, nickt Mosebach, „das ist es wohl.“

Der Gedanke, Glück nicht erzwingen, sondern nur mit Demut erhoffen zu können, hat es in sich. Er verrät viel über den Schriftsteller Mosebach und viel darüber, weshalb seine Bücher neben faszinierten Lesern auch unversöhnliche Gegner kennen. Denn sie unterstellen ihm, dem gläubigen Katholiken, dass er Glück ohne metaphysische, göttliche Hilfe nicht für möglich hält.

Auf den ersten Blick spielt die Suche nach Glück in Mosebachs ebenso schönem wie geheimnisvollem Roman „Mogador“ keine große Rolle. Es geht um einen jungen Bankmanager namens Patrick, der sich halb aus Leichtfertigkeit, halb aus Willenlosigkeit von einem Mitarbeiter in kriminelle Unterschlagungen verstricken lässt. Als ihn die Polizei zu einem Gespräch vorlädt, gerät er in Panik, springt in das erste beste Flugzeug nach Marokko und taucht unter in der abgelegenen Hafenstadt Essaouira, die einst Mogador hieß.

Mosebach nennt sich selbst gern und mit Freude an der Provokation einen „Reaktionär“, und von literarischen Gegnern wird er als „Anti-Modernist“ bekämpft. Doch genau betrachtet ist er heute einer der modernsten, geistesgegenwärtigsten Romanciers der deutschen Literatur: Wie kaum ein anderer versteht er es, ein Porträt unserer globalisierten Welt zu zeichnen, in der die Industriekultur des Westens fast ungebremst auf die feudalen Strukturen zum Beispiel eines Landes wie Marokko prallt.

Virtuos entfaltet Mosebach dieses spannungsvolle Miteinander von Smartphone und Eselkarren, von Jeans und Dschellaba, von Coca-Cola und Kochen auf gestampftem Lehmboden. Seine Romane schärfen den Blick dafür, wie sehr die angeblich exotischen Kulturen anderer Kontinente aus ihren Traditionen heraus in eine hochkomplizierte Zukunft gerissen wurden. Und weshalb Religion – und eben auch religiöser Fanatismus – für manche Menschen dort eine stabilisierende Lebensstütze ist inmitten des rasenden Umbruchs.

Auf Patrick, den halbkriminellen Bankmanager, strömt all das ein bei seiner Flucht. Vor allem seine marokkanische Wirtin Khadija beeindruckt ihn, die ihm Unterschlupf gewährt, ohne Fragen zu stellen oder Papiere zu verlangen. Sie ist, im Gegensatz zu Patrick, ein wahres Monster an Willenskraft: Obwohl in brutaler Armut aufgewachsen, zweifach verwitwet und Mutter eines behinderten Kindes, hat sie sich dennoch zur Hausbesitzerin hochgearbeitet, zur Bordellchefin und zur Wahrsagerin mit besten Verbindungen zu übernatürlichen Kräften.

„In Essaouira, dem alte Mogador“, erzählt Mosebach, „ist der Dämonenglaube stärker verbreitet, als man es in der islamischen, der sunnitischen Welt erwarten sollte.“ Er stammt wohl von den schwarzen Sklaven, die früher aus Mali oder dem Senegal nach Mogador verkauft wurden.

Von einem solchen Dämon fühlt Khadija sich seit Kindheit an begleitet. Alle wichtigen Entscheidungen ihres Lebens, die Glück oder Unglück für sie bedeuten können, trifft sie mit dessen jenseitiger Beratung. Was ihr eine viel größere Entschlossenheit und Ruhe verleiht als dem wankelmütigen Patrick – der seine Flucht am Ende nur per Zufall mit heiler Haut übersteht.

Stimmt Mosebach in seinem neuen Roman also allen Ernstes ein Loblied an auf den Geisterglauben statt auf das rationale Streben nach Glück, wie es ihm Gegner vorwerfen? Empfiehlt er, der selbst ernannte Reaktionär, literarisch die Rückkehr in eine vormoderne Welt der Heilslehren? „Mein Buch“, sagt Mosebach, „ist ein Roman und keine Handlungsanweisung. ‚Mogador’ erzählt von zwei Menschen, die sehr unterschiedlichen Lebenshaltungen folgen. Mehr nicht.“

Als vorbildlich stellt Mosebach weder die eine noch die andere hin – aber in der Gegenüberstellung, im Kontrast werden beide deutlicher und erkennbarer. Kann man von einer guten Geschichte mehr erwarten?

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Buch&Bar 77: Marc Augé “Lob des Fahrrads”

Der Kommunismus der Ritter und Ritterinnen

Heute: Über die Rettung der Welt beim Lesen und Trinken

Marc Augé: "Lob des Fahrrads". Übersetzt von Michael Bischoff und mit Illustration: Philip Waechter. Verlag C.H.Beck. 14,95 Euro

Ach ja, eh’ ich es vergesse: Die Welt ist übrigens gerettet. War irre knapp, sah lange gar nicht gut aus, aber die Apokalypse ist jetzt abgesagt und die Zukunft liegt leuchtend vor uns. Definitiv.

Wollte ich nur erwähnt haben, ist ja wichtig für alle, die fragen, ob eh schon alles egal ist oder ob es sich noch lohnt fürs Wochenende zu planen. Also Leute, es lohnt sich, Marc Augé, der französische Ethnologe, hat es rausgefunden und schreibt es in seinem Buch „Lob des Fahrrads (C.H.Beck, 14,95 Euro)

In Paris, wo Augé lebt, gibt es nämlich seit ein paar Jahren öffentliche Leihfahrräder. Tja, und das war’s dann, Weltuntergang fällt aus, Überleben gesichert. Denn Fahrräder schonen nämlich nicht nur die Umwelt, nein, wer Fahrrad fährt, sagt Augé, empfindet die Welt und sich selbst ganz anders. Es macht uns „sanft und freundlich“, lässt uns die Stadt bewusster, ja achtsamer erleben und schon bald bricht er aus, der „urbane Kommunismus für Ritter und Ritterinnen des Fahrrads“. Kurz: „Ich radle, also bin ich“ und „Das Radfahren ist ein Humanismus.“

Wie schön. Augé meint auch: „Das Band, das den Radler mit seinem Rad verbindet, ist eines der Liebe.“ Der Mann hat an meinen Rad noch nie den Schlauch geflickt, sonst würde er das nicht sagen. Aber egal, im Sommer in Paris in einem Cafe mit einem Pastis hält man vieles Utopische für möglich. Kann ich gut verstehen. Dank also für die Weltrettung, Marc Augé, und Santé.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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Wolfgang Herrndorf zum 3. Todestag

So sterben?
Nur über meine Leiche!

Vor drei Jahren, am 26. August 2013 starb Wolfgang Herrndorf. Er hatte zunächst Kunst studiert und lange als Illustrator (u.a. für “Titanic”) gearbeitet, bevor er sich ganz auf die Literatur konzentrierte. Seine Romane „Tschick“ und „Sand“ waren Sensationserfolge der an Sensationen armen deutschen Literatur. Nach seinem Tod erschien sein Blog und Internet-Tagebuch „Arbeit und Struktur“ auch als Buch: klug, brillant geschrieben, verzweifelt und gnadenlos komisch. Zur Erinnerung an Herrndorf (1965-2013) hier ein paar Bemerkungen über sein Tagebuch

Wolfgang Herrndorf: "Arbeit und Struktur" Rowohlt Taschenbuch Verlag, 10,99 Euro

„Ich brauche eine Waffe.“ Gemeint ist: einen Revolver. Vier Wochen bevor der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf diesen Satz notiert, haben die Ärzte bei ihm ein Glioblastom entdeckt, einen nicht heilbaren, ausweglos tödlichen Hirntumor. Seine Lebenserwartung wird nur noch nach Monaten beziffert. Den Revolver brauche er, schreibt Herrndorf, als „Exitstrategie“.

Schon bald hat er sich eine “.357er Smith & Wesson, unregistriert“ beschafft. Über ihre Herkunft verrät er nichts. Aber sie entwickelt, schreibt er, „eine so durchschlagend beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt“. Denn: „Ich könnte mich nicht damit abfinden, vom Tumor zerlegt zu werden. Aber ich kann mich damit abfinden, mich zu erschießen.“ Er will kein Opfer sein, er will um jeden Preis einen letzten Rest Souveränität für sich retten.

Herrndorfs zweite Strategie, Herr seines Unglücks zu werden, entpuppt sich als Glück für die deutsche Literatur. Er arbeitet wie ein Besessener. Bereits vor der Diagnose im Februar 2010 hatte er zwei Bücher veröffentlicht, allerdings mit großen zeitlichen Abständen und geringem Erfolg. Nun holt er zwei halb fertige Manuskripte aus der Schublade  und sitzt bis zu 16 Stunden am Schreibtisch, um sie abzuschließen: “Ich schreibe auch schnell, ungefähr dreimal so schnell wie sonst, und zehnmal so viel.” Und: “Am besten geht’s mir, wenn ich arbeite.”

Wolfgang Herrndorf: "Tschick". Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 8,99 Euro

Schon im Spätsommer 2010 erscheint „Tschick“, ein gutes Jahr darauf „Sand“: zwei der aufregendsten und stilsichersten deutschen Romane der jüngsten Zeit. Sie beherrschen wochenlang die Bestsellerlisten, tragen ihm gleich fünf Literaturpreise ein und machen ihn schlagartig zur internationalen Berühmtheit: „Tschick“ wird in über zwei Dutzend Ländern veröffentlicht und auch als Theaterstück ein Riesenerfolg. Die Auflage der deutschen Ausgabe überspringt mühelos die Millionengrenze. Der Film “Tschick”, gedreht von Fatih Akin, soll jetzt am 15. September ins Kino kommen.

Neben all dem schreibt Herrndorf noch das Blog „Arbeit und Struktur“. Ein Internet-Journal, in dem er zunächst nur für Vertraute, dann für jedermann Auskunft gibt: über den Verlauf der Krankheit (Chemo, Bestrahlung, drei Hirn-OPs), den völlig überraschenden Erfolg seiner Bücher, den täglichen Kampf gegen brutale Verzweiflungsschübe und den oft lebensrettenden Beistand seiner Freunde. Nach seinem Tod „Arbeit und Struktur“ auch in Buchform

Es ist ein Tagebuch, wie es nur wenige gibt: von erschütternder Intensität, klug, illusionslos, brillant geschrieben und dazu voll gnadenlosem Witz. Es ist nicht nur das letzte Bekenntnis eines Sterbenden, sondern auch eine nachtschwarz grundierte Skizze unserer Jahre, verfasst von einem Spötter, der (von Familie und Freunden abgesehen) auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nimmt.

Wolfgang Herrndorf: "Sand". Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 9,99 Euro

Wenn der Umgang mit dem Tod etwas über den Geisteszustand einer Gesellschaft verrät, stimmen Herrndorfs Erfahrungen wenig hoffnungsfroh: Nachdem seine Romane und damit sein Schicksal bekannter werden, decken ihn nicht nur Laien, sondern auch Ärzte unaufgefordert mit absurden Therapievorschlägen ein: Rettung wird ihm versprochen, wahlweise durch Darmreinigung, grünen Tee, Omega-3-Fettsäuren, getrocknete Apfelsinenkerne oder Gemüsesaft. Vor Energiesparlampen in Kopfhöhe dagegen wird er dringend gewarnt.

Mit Grimm konstatiert Herrndorf zudem eine weit verbreitete, durch keinerlei Rationalität gebremste Neigung zu esoterischen Heilslehren. Immer wieder wird er, der Todgeweihte, zum Ziel enthemmter Bekehrungsversuche: „Wenn mich irgendwas im Leben wirklich aufgebracht hat, dann das gegen jedes Denken, jeden Gedanken und jede Aufklärung immune Gefasel von Sternzeichen, Rudolf Steiner und extravaganten Ahnungen fremder, unbegreiflich tröstlicher Welten.“

Für religiöse Empfindungen bleibt Herrndorf, um das Mindeste zu sagen, unempfänglich: „Priester sind mit Waffengewalt von mir fernzuhalten.“ Jeglicher Glaube an Jenseitiges entlockt ihm nur Kopfschütteln. Der Tod ist für ihn der Endpunkt, er macht unübersehbar, was eigentlich immer offenkundig ist: Nämlich die „unbegreifliche Nichtigkeit menschlicher Existenz. Im einen Moment belebte Materie, im nächsten dasselbe, nur ohne Adjektiv.“

Obwohl Herrndorfgelegentlich betont kaltschnäuzig oder machohaft zu klingen versucht, verschweigt er seine Zusammenbrüche nicht. Epileptische Anfälle setzen ihm zu, das Sichtfeld bekommt Lücken, die Orientierung lässt nach. Er irrt durch Berlin, selbst in vertrauten Straßen findet er sich nicht mehr zurecht, schreit, tobt, schlägt gegen Wände. („Vorteil Berlin: Auf der Torstraße bin ich unter den Gestörten nur Mittelfeld.“) Manchmal sehnt er eine radikale Verschlechterung seines Zustands geradezu herbei, damit er endlich Schluss machen kann: „Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt.“

Körperlich spürt er zunächst wenig Einschränkungen. Da Sport zeitlebens zu seinen großen Leidenschaften zählte, ist er auch mit Mitte vierzig noch fit und fühlt sich „wie mit zwanzig“. Er spielt in der Nationalmannschaft der Schriftsteller und in einem Berliner Amateurteam und will sich auch von seiner Krankheit nicht davon abbringen lassen.

Doch schließlich raubt ihm der Tumor zunehmend die Kontrolle über seine Bewegungen. So nüchtern wie möglich registriert er den eigenen Verfall: „Fußball gespielt. Ball ins Gesicht bekommen, umgefallen. Hingesetzt, gewartet. Weitergespielt, wieder umgefallen. Aufgehört. Mit dem Fahrrad nach Hause, nicht umgefallen.“ Aber als sein Berliner Team dann bei einem größeren Turnier antritt und schließlich gewinnt, kann er nur noch als Zuschauer am Zaun stehen und muss auch mit diesem Kapitel seines Lebens abschließen.

Wolfgang Herrndorf: "Bilder deiner großen Liebe". Ein unvollendeter Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 9,99 Euro

Noch einmal versucht es Herrndorf mit seiner persönlichen Therapie: mit Arbeit. Bald nach Abschluss seines letzten Romans, „Sand“, hat er ein neues Manuskript begonnen. Er will die Geschichte des Mädchens Isa erzählen, einer Nebenfigur aus seinem Roman „Tschick“. Doch er kommt zu langsam voran, er hat immer häufiger anfallsweise Artikulationsprobleme, der Tumor beginnt, das Sprachzentrum zu zerfressen. Das Manuskript wird als unvollendeter Roman erst postum publiziert: “Bilder deiner großen Liebe”.

Die Frage nach der „Exitstrategie“, nach einem selbst gewählten Schlusspunkt wird immer dringlicher. Er schaut sich auf YouTube eine ausführliche Dokumentation über die Schweizer Organisation Dignitas an, die schmerzloses Sterben durch Medikamente ermöglicht. Herrndorf reagiert mit Entsetzen und – Witz: „So will ich nicht sterben, so kann ich nicht sterben, so werde ich nicht sterben. Nur über meine Leiche.“

Stattdessen konzentriert sich Herrndorf auf die beruhigende Wirkung seines Revolvers und macht lange Spaziergänge am Hohenzollernkanal, nördlich vom Berliner Hauptbahnhof. Er ist „auf der Suche nach einem guten Ort“. Und er informiert sich genau, wie er die Waffe einsetzen muss, um mit Sicherheit das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

Am 26. August 2013 verlässt er nachts seine Wohnung, heißt es im Nachwort des Buches, und schießt sich am Ufer des Hohenzollernkanals in den Kopf. In der Nachbemerkung von “Arbeit und Struktur” heißt es: „Er zielte durch den Mund ins Stammhirn. Es dürfte einer der letzten Tage gewesen sein, an denen er noch zu der Tat im Stande war.“

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Buch&Bar 76: Ferdinand von Schirach “Terror”

Zwei ältere Herren blamieren sich

 Heute: Über bejahrte und vergessene Liberale beim Lesen und Trinken

Ferdinand von Schirach: "Terror. Ein Theaterstück und eine Rede". Piper Verlag, 16 Euro

Es ist immer wieder erstaunlich, zu welchen Dummheiten sich selbst kluge Leute hinreißen lassen. Jetzt haben die verdienten FDP-Haudegen Burkhard Hirsch und Gerhart Baum in einem Interview gefordert, die ARD solle ihre Verfilmung von Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“ (Piper, 16 Euro) nicht ausstrahlen. Oder zumindest eine nachfolgende Diskussionssendung samt Publikumsbeteiligung streichen. Zwei Liberale fordern Zensur. Siehe hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ferdinand-von-schirach-terror-baum-hirsch-14364755.html

Das Stück ist sagenhaft erfolgreich und wurde bislang allein in Deutschland an 39 Bühnen gespielt. Es führt eine fiktive Gerichtsverhandlung vor: Ein Bundeswehrpilot hat entgegen seiner Befehle eine Passagiermaschine abgeschossen, die Terroristen in ein vollbesetztes Fußballstadion lenken wollten. Am Ende stimmen die Zuschauer ab über Verurteilung oder Freispruch des Piloten.

Die Argumente von HirschBaum lassen erkennen, dass sie 1. nichts von Literatur verstehen und 2. das Stück kaum kennen. So behauptet Hirsch zum Beispiel, Schirach habe einen wichtigen Punkt übersehen: „Wieso hat der Staat das angeblich bedrohte Stadion nicht räumen lassen?“ – doch diese Frage wird im Stück auf vier Seiten pointiert behandelt. Dennoch wollen HirschBaum auf keinen Fall akzeptieren, dass sich Zuschauer in Theater oder TV mit politisch brisanten Fragen beschäftigen und – probeweise – über sie abstimmen. Sie halten das für skandalös. Siehe auch hier: http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1877

Liebe HirschBaum! Demokratie ist, wenn Bürger über Politik informiert werden (wie Schirach es tut), dann diskutieren und abstimmen. Vergessen?

Nachdem ich das Interview gelesen hatte, habe ich mir zur Beruhigung in meiner Lieblingsbar den vergessenen Cocktail-Klassiker „Liberal“ bestellt: 5 cl Rye Whiskey, 2 cl süßer Wermut, 1 cl Amer Torani, 2 Spritzer Orangenbitter. Ein herrlich leichter Drink, der dem Rye Whiskey alle Bitterkeit nimmt. Leider ist dieser „Liberal“ bei Barkeepern ebenso aus der Mode geraten wie offenbar die Liberalität bei Liberalen wie HirschBaum.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.


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Buch&Bar 75: Jochen Raiß (Hg.) “Frauen auf Bäumen”

Das geheime Sexleben der Bäume

Heute: Über Schweinkram beim Lesen und Trinken

Jochen Raiß (Hg.): "Frauen auf Bäumen". Hatje Cantz Verlag. 15 Euro

Im heiß ersehnten Bildband „Frauen auf Bäumen“ (Hatje Cantz, 15 Euro) hat der Sammler Jochen Raiß Amateurfotos zusammengestellt von Frauen auf Bäumen. Das Buch ist zweifellos der bedeutendste Beitrag zur Kulturgeschichte von Frauen auf Bäumen.

Und komisch ist das Buch außerdem: Jedem, dem ich es zeigte, zauberte es ein Lächeln auf die Lippen. In einer von Flüchtlingskrise, Brexit und Markus Lanz schwer geprüften Epoche, bringen Frauen auf Bäumen Heiterkeit zurück in die Herzen der Menschen. Smiley.

Aber, seien wir ehrlich, wenn wir sehen, wie die Damen diese steil aufragenden Stämme besteigen, sich an wuchtige Äste klammern und ihre zarten Glieder in die Zweige schmiegen, begreifen wir, weshalb Sigmund Freud in seinem Essay „Frauen auf Bäumen und ihre Beziehung zum Unbewussten“ Jochen Raiß’ Sammlung eine „leise Neigung zur Astloch-Pornografie“ attestierte.

Um meiner Erregung über DIESE Bilder Herr zu werden, bestellte ich in der „Victoria Bar“ meines Vertrauens eine Piña Colada. Denn, meinte meine Kollegin Ulrike Plewnia, was suchen Frauen auf Bäumen, wenn nicht Kokosnüsse? Also. Das Standardrezept lautet: 3 cl weißen Rum, 3 cl Cream of Coconut, 9 cl Ananassaft, Eis, gut schütteln. Es gibt auch Rezepte mit Sahne, aber das ist nun wirklich Schweinkram.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

 

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Sahra Wagenknecht: “Reichtum ohne Gier”

Champagner und Weltrevolution

Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Sahra Wagenknecht, will das Land umbauen. Ihr Entwurf eines modernen Sozialismus “Reichtum ohne Gier” steht auf den Bestsellerlisten. Und auf einmal wirft die Antifa mit Torten, Rechte jubeln ihr zu. Wo steht sie genau? Ich war mit ihr Torte essen und habe sie gefragt.

Darf man das Opfer einer Tortenattacke zum Tortenessen einladen? Um symbolisch und genussvoll aufzuessen, was der Täter als Munition für seinen Angriff benutzte? Wir sind im „Grosz“ verabredet, einem Kaffeehaus mit opulenter Kuchentheke im Stil von Berlins sagenhaften Zwanzigerjahren. Es ist ein großartiger Sommertag, der Kurfürstendamm leuchtet, als läge er irgendwo am Mittelmeer, und Sahra Wagenknecht kommt allein, ohne Bodyguard. Von Ängstlichkeit keine Spur.

Sahra Wagenknecht: "Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten". Campus Verlag. 19,95 Euro

Sie wählt ein Himbeertörtchen, klein, aber fein und – schön rot. Die Gäste im Café drehen die Köpfe mit, während wir einen Tisch suchen. Natürlich, man kennt Sahra Wagenknecht aus den Talkshows der Nation, aber das ist es nicht allein. Sie ist eine selbstbewusste, schöne Frau, sie fällt auf und weiß ohne Koketterie damit umzugehen. Ihr Vater war Iraner, sie verdankt ihm einen aparten südlichen Zug, der sich schwer einordnen lässt. Sollte Hollywood je auf die Idee kommen, das Leben Rosa Luxemburgs zu verfilmen, wäre sie für die Hauptrolle keine schlechte Besetzung.

Sie hat ein neues Buch geschrieben, „Reichtum ohne Gier“ (Campus, 19,95 Euro), seit mehreren Wochen steht es auf den Bestsellerlisten. Darin geht es ihr nicht um tagespolitischen Kleinkram, sondern um das ganz große Ganze – den Entwurf einer weithin neuen Wirtschaftsordnung.

An Universitäten gibt es eine alte psychologische Faustregel: Nie fühlen sich Absolventen klü-ger als kurz nach einem bestandenen Examen. 2012 hat Sahra Wagenknecht in Volkswirtschaft promoviert, kein schlechter Augenblick also für so ein wirklich ehrgeiziges Buchprojekt.

Schon auf den ersten Seiten wird klar, welch weiten Weg Sahra Wagenknecht zurückgelegt hat, seit sie in der PDS als Mitglied der Kommunistischen Plattform startete. Inzwischen ist sie eine Linke, die ausdrücklich anerkennt, dass der Kapitalismus „jenen enormen Reichtum geschaffen hat, der heute das Leben selbst des ärmsten Einwohners der Industriestaaten weit über das Niveau seiner Ahnen aus früheren Jahrhunderten“ gehoben hat. Eine Linke, die für Marktwirtschaft plädiert, für Unternehmergeist und Leistungswettbewerb.

Kein Wunder, wenn sie damit unter alten Weggefährten nicht zu Everybody’s Darling wird. Aber Sahra Wagenknecht ist viel zu sehr Politik-Profi und Fraktionsvorsitzende, als dass sie einen Keil zwischen sich und ihre Partei treiben ließe: „Planwirtschaft hat nicht funktioniert, Vollverstaatlichung ist kein sinnvoller Weg“, antwortet sie mir, während sie ihr Törtchen in himbeergroße Stücke teilt, „was wir brauchen und was viele Leute, gerade junge Leute erwarten, ist doch der Entwurf eines originär neuen Wirtschaftsmodells, das die Missstände des Kapitalismus beseitigt.“

Und in dieser Hinsicht ist ihr Buch weiß der Himmel nicht zimperlich. Großbanken und -konzerne dürften sich darauf gefasst machen, zerlegt zu werden, Erbschaften würden auf maximale Werte von einer Million Euro pro Kind beschränkt, spekulative Finanzgeschäfte sollen schlicht verboten, Aktiengesellschaften und GmbHs in Rechtsformen überführt werden, die den Profit langfristig nicht Eigentümern, sondern den Mitarbeitern oder dem Gemeinwohl zuführen.

Das Ganze wirkt wie die Bastelanleitung für eine moderne sozialistische Weltwirtschaftsordnung: entworfen im coolen Design unserer Zeit, aber naturgemäß ohne Funktionsgarantie.

Uwe Wittstock, Sahra Wagenknecht im Café Grosz, Berlin. Foto: Parwez für Focus Magazin

Sahra Wagenknecht rechtfertigt ihre Pläne so eloquent wie kühl. Doch ihre utopischen Höhenflüge stehen in einem seltsamen Kontrast zu ihrer tagespolitischen Genügsamkeit. Als ich sie frage, weshalb ihre Partei bei Umfragen vom schier grenzenlosen Zorn auf die Banken nach der Finanzkrise eigentlich nicht profitiere, sagt sie: „Neun bis zehn Prozent, das ist für uns nicht schlecht, es hat lange nicht so viele Wähler gegeben, links von der SPD.“ Und klagt über das festsitzende, veraltete Vorurteil des bürgerlichen Mittelstands, der noch immer glaube, die Linke wolle ihm sein Erspartes wegnehmen, anstatt es vor Spekulanten zu schützen.

Auf den ersten Blick bringt Sahra Wagenknecht gute Voraussetzungen dafür mit, hier für einen Imagewechsel zu sorgen: eine intelligente, gut aussehende, noch junge Frau, deren Vorstellung von Linkssein sich mit Lebensfreude und Lebensgenuss verknüpft anstatt mit Entsagung und Askese. „Ich bin ja nicht links, weil ich möchte, dass alle nur Wasser trinken, sondern ab und zu auch mal Champagner“, sagt sie und spendiert mir ein Lächeln dazu. „Eine gerechte Gesellschaft heißt auch: jeder mal ins Sterne-Restaurant, wenn er Lust dazu hat.“

Aber wer Sahra Wagenknecht genau zuhört, merkt auch, wie häufig das Wort „Ich“ in ihren Sätzen vorkommt. Ich halte dies für richtig, ich möchte das erreichen, ich möchte jenes Ziel durchsetzen. Sie ist eine machtbewusste Frau mit spürbarem Drang, sich durchzusetzen. Sie hat keine Lust, sich als Politikerin auf das menschelnde, alle umarmende „Wir“ einer Claudia Roth festlegen zu lassen.

Durchaus verständlich. Unter den männlichen Ego-Shootern des Politikbetriebs ist diese Haltung weit verbreitet. Doch es zeigt auch: Sahra Wagenknecht ist kein Team-Player, sie gehört viel eher zu jenen, die gern Richtlinien für die anderen ziehen. Anders als seinerzeit Willy Brandt in der SPD ist sie selbst in der eigenen Partei keine Integrationsfigur, der die Herzen zufliegen. Sollte sie tatsächlich das Vertrauen bürgerlicher Wähler gewinnen wollen, liegt abermals ein weiter Weg vor ihr.

Sahra Wagenknecht. Foto: Parze für Focus Magazin

Zu ihren Lieblingsgegnern zählt die EU – und das schon lange vor dem Brexit. Hier ist sie Populistin und Machttaktikerin in einem. Weil ihre Wählerklientel in der Globalisierung einen Feind und keine Chance sieht, schießt Sahra Wagenknecht das alte linke Ideal des Internationalismus kurzerhand in den Wind. Und weil sie nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hoffen kann, die ganze EU auf ihr Wirtschaftsprogramm zu verpflichten, predigt sie: „Wer vernünftige Regeln will, kann sie am besten auf nationaler Ebene einführen.“ Und fordert nach dem Brexit nun auch in Deutschland Referenden über EU-Verträge.

Damit manövriert sie sich allerdings in enge Nachbarschaften zu den neuen Nationalisten der AfD und anderer Länder. „Mit denen“, darauf beharrt sie, „habe ich nichts gemein, nicht das Geringste.“ Ihr gehe es allein darum, die wirtschafts- und finanzpolitische Souveränität des Landes zurückzugewinnen. Die Gefahr, daraus könnten nicht nur ökonomische Konkurrenz zwischen Staaten entstehen, sondern auch wieder nationalistische Feindseligkeiten, wie sie jahrhundertelang den Kontinent verwüsteten, will sie nicht sehen. Man könne das, sagt sie, bewusst verhindern, und auf europäische Zusammenarbeit als Friedensprojekt wolle sie auf keinen Fall verzichten.

Ob sich das tatsächlich trennen lässt? Konkurrenz in Wirtschaftsfragen, aber Zusammenarbeit in Friedensfragen? Vielleicht war die Politikergeneration um Helmut Kohl letztlich linker als die linke Vordenkerin Sahra Wagenknecht. Denn wie Karl Marx stellte sie die Ökonomie in den Mittelpunkt ihres Denkens und der EU: Sie vertraute darauf, dass der Zwang zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit die politische Zusammenarbeit nach sich zieht. „Der Nationalismus – das ist der Krieg“, sagte der Sozialist François Mitterrand, Kohls französischer Amtskollege.

Es war diese Rückkehr zu nationalen Kategorien, die ihr den Tortenangriff eintrug. Sie sprach zwar nicht von einer Obergrenze für die Flüchtlinge, die Deutschland aufnehmen soll, sondern von Kontingenten von Flüchtlingen, die eine Chance haben müssten, auf legalem Weg – nicht durch Schlepper – nach Deutschland zu kommen. Aber, auch darauf beharrt sie, ein solcher Zuzug könne „nicht völlig unbegrenzt sein, weil Kapazitäten logischerweise immer begrenzt sind“.

Für solche Sätze winken ihr ältere rechte Herren wie AfD-Vize Alexander Gauland über alle Parteigrenzen hinweg begeistert zu. Und jungen Antifa-Aktivisten gilt sie als Menschenfeindin und Tortenziel. Sahra Wagenknechts Buch will klare Wege weisen in eine gründlich andere Zukunft, doch sie selbst wirkt, als hätte sie sich zwischen den Frontlinien gründlich verheddert.

 

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Buch&Bar 74: Lucia Berlin “Was ich sonst noch verpasst habe”

Die Dichterin, der Alkohol und ein Latin Lover

Buch&Bar bringt heute: Unglück und 80er-Jahre-Disco-Scheiß beim Lesen und Trinken

Lucia Berlin: "Was ich sonst noch verpasst habe" Stories. Übersetzung: Antje Rávic Strubel. Arche Verlag. 22,99 Euro

Literatur hat, wenn sie gut ist, erstaunliche Eigenschaften. Unter anderem kann sie selbst aus purem Unglück noch einen Funken Glück herausschlagen. Nehmen wir mal die Amerikanerin Lucia Berlin (1936 – 2004): Sie hatte eine üble Skoliose, Mutter, Großvater und Onkel waren Trinker, der Großvater hat sie sexuell, die Mutter sie psychisch missbraucht. Später war sie lange selbst alkoholabhängig.

In ihren Short-Stories „Was ich sonst noch verpasst habe“ (Arche, 22,99 Euro) erzählt sie von all dem. Und zwar mit so viel Klugheit, Menschenkenntnis und Witz, dass einen die Geschichten mit einer seltsamen Freude erfüllen: Das Leben war nicht eben knuffig zu dieser Frau, wirklich nicht, aber auf dem Papier war sie die Stärkere, da hat sie ihre Misere in eine wunderbare halb melancholische, halb ironische Form gezwungen. Bis heute glaubt man zu spüren, wie sehr dieses Fünkchen Glück sie gewärmt hat.

In der Kolumne von gestern versprach ich, den Cocktail „Kiss me“ zu testen: Agavero Tequila, Chambord-Likör, Passionsfruchtsaft, Himbeeren, zwei Limettenachtel. Stefan Weber, Chef der Victoria Bar, warf einen Blick auf das Rezept: „Den mix’ ich nicht, das ist so’n achziger Jahre Disco-Scheiß.“ Vielleicht hätte es Lucia Berlin gut getan, hätten amerikanischen Barkeeper häufiger so auf ihre Bestellungen reagiert. Nach längeren Verhandlungen war Weber bereit, mir stattdessen einen „Latin Lover“ zu machen: Jose Cuervo Silver, Cachaça Berro, Zitronensaft, Ananassaft. Aber der schmeckte eher nach einem matten Caipirinha als nach einem feurigen Liebhaber.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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