Klaglos in Klagenfurt 5

Hoch aufschäumendes Kielwasser

Die erste Siegerin der Klagenfurter Wettkampftage steht fest. Katharina Wilts (Presse, Klett-Cotta Verlag) gewann das für Samstag 17.00 Uhr im Wörthersee angesetzte Wettschwimmen. Das Teilnehmerfeld musste bis zu einer Boje und zurück schwimmen. Unklar blieb bis zum Schluss, zu welcher Boje. Es sei eine weiße gewesen, behauptete das Organisationskommittee.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

Das Starterfeld fiebert dem Startklatschen entgegen

Vorjahressieger Thorsten Ahrend (Cheflektor Literatur, Wallstein Verlag) hatte mit dem Vorjahressieg die Verpflichtung übernommen, den Pokal fürs diesjährige Rennen zu stiften. Da Ahrend vorzeitig abreisen musste, wurde die Trophäe nicht von ihm, sondern ersatzweise von Angela Leinen (Sopranistin) übergeben. Es war ein grüner Plastikfrosch, batteriebetrieben, schwimmfähig.

Der Start bringt den Wörthersee zum Brodeln. Im Vordergrund sehen Sie den Daumen unseres Kameramanns

Vom Verletzungspech wurde Dirk Knipphals (taz) verfolgt, er hatte sich beim strandbadbesuchsbedingten Eincremen mit Sonnenöl eine Zerrung zugezogen.

Das Feld startete tempramentvoll, war aber schon nach ca. 30 Metern platt, allein Katharina “Wörthersee-Forelle” Wilts machte ihrem Ruf als gefürchtete Leistungsschwimmerin alle Ehre, zog dem Feld davon, wich aber von der Wettkampfroute konsequent nach links ab, so dass ihr weiß aufschäumendes Kielwasser ein apartes Bogenmuster ergab.

Rechts Forelle Wilts im schwarzen Badnzug, links ihr hartnäckiger Konkurrent ganz in türkis. Links im Vordergrund die Tröphäe Sekunden vor der Verleihung

Lediglich ein dem Berichterstatter unbekannter Teilnehmer mit türkiser Badehose, von den spitzzüngigen Damen des Literaturbetriebs als “Ijoma-Mangold-Gedächtnishose” tituliert, vermochte das Tempo von Wörthersee-Forelle-Wilts mitzuhalten, zumal er sich das aparte Bogenmuster sparte und orientierungssicher aufs Ziel zuhielt. Es war ein Wimpernschlag-Finale. Wilts schlug nach Beobachtungen des Berichterstatters wenige Hundertstelsekunden vor ihrem Konkurrenten an.

Kathrin Passig (Autorin, meistens Rowohlt Verlag) setzte verlässlich ihre Zusage um, und sorgte dafür, dass kein Wettkampf-Teilnehmer nach ihr ins Ziel kam.

Mit diesen schönen Bildern – wie Jo Lendle (DuMont Verlag) es formulierte – verabschieden wir uns von den Zuschauern und geben zurück ins Funkhaus.

P.S.: Mein Tipp für den morgigen Wettkampf-Teil: Die Jury preiskrönt Olga Martynova. Meine Favoritin Inger-Magia Mahlke hat eine Chance mit aufs Treppchen zu kommen. Der Publikumspreis ist mir ein Rätsel, da bin ich gespannt und freue mich darauf dazuzulernen.

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Klaglos in Klagenfurt 4

Prolegomena zu einem Versuch über das Lachen beim Leiden aus streng literarischer Sicht

Alles wird tatsächlich immer besser in Klagenfurt. Jetzt ist beim Wettlesen sogar die Literatur besser geworden. Das Beste daran ist, dass nunmehr sogar in tieftraurigen Depressions-Erzählungen nicht nur tieftraurige Depressions-Erfahrung beschrieben, sondern auch mal ein handfester Witz gerissen wird.

Ich halte das ja für ein gutes Zeichen. Denn die unerfreulichen Dinge des Lebens sind ebenso wie die erfreulichen für den Schriftsteller letztlich schlicht Material. Will er ein guter Schriftsteller sein, muss er aus dem Material etwas machen. Es transformieren, es verwandeln. Ich habe den Eindruck, als würden sich deutschsprachige Schriftsteller viel zu oft von trübseligen Themen umstandslos zu trübseligen Büchern anregen lassen. Mir scheint es dagegen die größere Kunstleistung zu sein, den Leser spüren zu lassen, welch herbe Lebensfragen gerade literarisch verhandelt werden, ihn aber gelegentlich zu überraschen und herauszufordern, indem schnell mal von Moll in Dur gewechselt oder plötzlich ein Lichtstreif in die ewige Finsternis eingelassen wird. Manchmal wirkt die Finsternis nach so einem Aufflackern gleich noch viel finsterer.

Genau das machte Inger-Maria Mahlke heute früh in ihrer Lesung. Sie erzählt von einer alleinerziehenden Mutter, ehemals Pflegekraft im Krankenhaus, dann Backshop-Bäckerin, die ihren Job verliert und daraufhin als Latex-Domina in einem SM-Studio arbeitet. Dass es ihr bei all dem nicht sonderlich gut geht, liegt nahe, zumal sie Latex offenbar nicht mag und ihre berufliche Neuorientierung vor ihrem Sohn verbergen möchte. Der war aber nach der Schule im Backshop und hat seine Mutter dort vermisst. „Ich bin wieder in der Pflege“, beschwichtigt sie ihm. Und als er nachfragt, auf welcher Station sie arbeite, antwortet sie trocken: „Schmerzpatienten“.

Also, ich fand das saukomisch. Wie der Sohn hier mit der Wahrheit an der Nase herumgeführt wird.  Scharf. Aber leider hat außer mir keiner über die Stelle lachen können.

Fabelhaft gefiel mir, um noch mal kurz den Literaturkritiker rauszukehren, außerdem wie Inger-Maria Mahlke im inneren Selbstgespräch ihrer Helden immer wieder das Subjekt der Sätze weglässt, sobald die von sich selbst spricht: „Hast das Wechselgeld abgezählt…“, „Hattest einen Stein im Bauch…“, „Bist als Vampir zum Fasching gegangen…“ Die Heldin kommt im eigenen inneren Monolog auf diese Weise gar nicht als Person vor, sondern als Leerstelle. Einen solchen Grad von Ich-Leere darf man wohl eine knochenharte Depression nennen. Sprachlich fand ich das reizvoll, denn es bringt zugleich Tempo in die Prosa, ohne sie spröde oder für den Leser mühselig zu machen.

Von mir bekommt Inger-Maria Mahlke hiermit also – Trommelwirbel – einen Stern verliehen, und für den Witz, den sie in das Elends-Einerlei ihrer Heldin geschmuggelt hat, bekommt sie – Fanfaren – gleich noch zwei.

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Klaglos in Klagenfurt 3

Empfang beim Bürgermeister

Im Hintergrund: Schloß Maria Loretto, im Vordergrund: Literaturbetrieb

Alles wird gut. Mehr noch: Alles wird immer besser.

Es gibt  Menschen, die daran zweifeln, das alles immerzu besser wird. Klagenfurt kann als von nun an als schlagender Beweis für die Alles-wird-gut-These gelten. Früher gab es den Bürgermeisterempfang auf Schloß Maria Loretto während der Bachmann-Tage noch nicht. Jetzt gibt es ihn. Und wie die hier beigegebenen Fotos jedermann überzeugen werden: Das darf man wohl eine Verbesserung nennen.

Blick von Schloß Maria Loretto auf der Wörthersee. Stellen Sie sich dazu bitte Gläserklingen vor und Gespräche über die literarische Lage der Nation

Das Schloss wurde 1652 erbaut, war lange im Besitz eine Famile names Orsini, schließlich kam es in den Besitz der Stadt Klagenfurt und wurde kürzlich erst, wie Bürgermeister Christian Schneider in seiner Begrüßungsrede sagte, von der Stadt Klagenfurt “generalst saniert”. Auch dieser Superlativ wird ein wunderbares Erinnerungsstück an diese Klagenfurter Tage bleiben.

In der Abendsonne sehen, den spektakulärem Blick auf den Wörthersee genießen, das kalte Büffett abräumen, jederzeit den schönen Serviererinnen frische Drinks vom Tablett pflücken können und mit den anderen Literaturbetrieblern schwatzen. Besser geht’s kaum mehr. Ich will allerdings nicht verhehlen, dass sich gestern Abend selbst auf diesem erschütternd schönen Bürgermeister-Empfang Stimmen bemerkbar machten, kritische Stimmen, die meinten, die literarischen Qualitäten des Wettbewerbs hätten noch nicht ganz das Niveau seiner touristischen und gastronomischen Aspekte erreicht.

Ich erwähne das hier, ich kommentiere es nicht: Denn das Motto

Abschied von Schloß Maria Loretto gegen 0:30 Uhr

dieser Kolumne bleibt unbeirrbar: Klaglos in Klagenfurt.

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Klaglos in Klagenfurt 2

Jemand Gekrümmtes im Schlafzimmer

Der Himmel ist blau, lau fächelt Luft, der See lockt, die Beisl warten. Klagenfurt ist eine Lust.

Der Besuch des Bachmannwettbewerbs lässt sich von einer Sommerfrische mit bloßem Auge nicht mehr zu unterscheiden. Die Schriftsteller sitzen nur noch von 10.15 Uhr bis 15.15 Uhr im Studio, um ihrem Lesewerk nachzugehen. Die Zuhören auch. Die Zeit davor und danach wird unnachsichtig dem Lebensgenuss gewidmet. Entspannte Menschen stehen leicht bekleidet beieinander und führen entspannte Gespräche. Was Wolfgang Hörner von der Renaissance erzählt! Was Kathrin Passig von Dublin! Was Katharina Wilts von Abenteuern im Hohenlohe’schen! Was Lojze Wieser von Wieser Verlag! Was Maja Haderlap über den Österreichischen Bundespräsidenten! Und am Samstag gibt es Wettschwimmen im See!

Wenn ich doch mal einen besorgten Blick entdecke, richtet er sich nicht in ein Manuskript, sondern in den Himmel, denn für den Nachmittag wird Gewitter befürchtet. Aber warum auch in die Manuskripte, wenn dort Sätze warten wie „Wer findet schon gerne jemand Gekrümmtes in seinem Schlafzimmer vor?“ (Andreas Stichmann) Ja, wer tut das schon gern, denke ich auf dem Fahrrad Richtung See, Hotelhandtuch und Sonnenöl im Gepäck. Ja, wer? Literatur ist wahrhaft eine Lust. In Klagenfurt. Und nirgendwo ein Gewitter in Sicht.

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Klaglos in Klagenfurt 1

Also sprach Wiele

Der Bachmann-Auftakt ist schon mal fabelhaft, denn im Zug nach Klagenfurt las ich in der Frankfurter Allgemeinen von heute (4.Juli) eine kritische Einstimmung auf den Wettbewerb von Jan Wiele und eine bessere kritische Einstimmung als Wieles kann ich mir gar nicht vorstellen.

Jan Wiele hat Bücher von Ingeborg Bachmann gelesen und sich gemerkt, was drinsteht. Doch zu seinem Entsetzen nehmen am Wettlesen in Klagenfurt auch Schriftsteller teil, die keine Bücher von Ingeborg Bachmann gelesen haben und nicht wissen, was drin steht. Wiele findet das „frappierend“.

Klar, Wiele kennt sich aus und weiß: Es geht beim Bachmannpreis nicht darum, so zu schreiben wie Ingeborg Bachmann. Das wäre ja „absurd“, haha, schreibt er. Aber irgendwie wurmt ihn die Sache, und also hält er sicherheitshalber doch mal Ausschau nach ein paar heißen Sätzen aus Ingeborg Bachmanns Literatur-Schatzkästlein, die er im Befehlston brüllen kann, um diesen kenntnislosen Schriftsteller-Sauhaufen sauber ausgerichtet in Klagenfurt antreten zu lassen: lauter stramme Bachmänner.

Er selber hat nämlich, wir erinnern uns, Bücher von Ingeborg Bachmann gelesen und sich gemerkt was drinsteht. Und das sollen jetzt gefälligst alle machen. Also gibt er erst mal die am tötesten totgeritten Bachmann’sche Wahrheit zum Besten, nämlich dass dieselbe, also die Wahrheit, dem Menschen zumutbar sei. Man merkt, selbst vor komplett abgenudelten Plattitüden hat Wiele keine Angst, weshalb er umgehend zu einer greift und unserer bachmannfernen Oberflächenliteratur (Wiele) oberlehrerhaft „ins Stammbuch“ schreibt: „Aber Darstellung verlangt Radikalisierung und kommt aus Nötigung“. Wow! Wer wollte daran zweifeln, dass dieser wunderbare Satz die ultimative Schriftstellernothilfe in allen Schreibnotlagen ist.

Aber so richtig Fahrt nimmt Wiele erst auf, wenn es um Ingeborg Bachmanns Poetikvorlesung geht. Hier kehrt er den Klare-Kante-Wiele raus und erlässt Verordnungen für schlichtweg jeden Autor, wie es sich selbst die Sippe Kim nur in Nordkorea traut. Denn was von Ingeborg Bachmann in dieser Vorlesung „über ‚das schreibende Ich‘ oder den ‚Umgang mit Namen‘ in literarischen Texten gesagt wird, sollte jeder, der selbst einen verfassen möchte, einmal gehört haben.“ Also sprach Wiele.

Kurz: Ohne Bachmann geht nichts. Gar nichts. Wer ihr Werk nicht kennt, kann literarisch einpacken – soviel wurde mir klar mit Wieles Hilfe inmitten der hochdramatischen, ach, was schreibe ich: nervenzerfetzenden Alpenlandschaften auf dem Weg nach Klagenfurt. Doch das ist längst nicht alles, was Wiele allen Bachmann-Ignoranten in seinem Artikel hinreibt. Er kann‘s noch besser. Bachmanns Werk ist, schreibt er, „noch immer nicht ganz ausgemacht“. Selbst die jüngsten Editionen erfüllen nur eine „‘Basisfunktion‘ für die Forschung“, bis der „Briefnachlass“ der Autorin 2025 geöffnet werden dürfe.

Wahnsinn! Ohne das Werk Bachmanns ist man literarisch eine Null, das Werk Bachmanns aber „noch immer nicht ganz ausgemacht“ – also irgendwie noch gar nicht richtig da, noch gar nicht richtig zu verstehen.

Ja, und wie geht’s jetzt weiter? Ist die Literatur jetzt vorübergehend geschlossen, bis Bachmanns Briefe 2025 aufgemacht werden? Was sollen die Schriftsteller solange tun? Nichts mehr schreiben? Auch nichts mehr lesen? Besser ins Kino gehen? Warten, bis Wiele die Briefe sauber hinten aufschlitzt, sie liest, sich merkt und uns allen erklärt, was drinsteht? Ist das alles, was den Autoren dieser Welt übrig bleibt? Fragen über Fragen. Wer gibt Antwort? Himmel hilf! Oder besser: Wiele hilf! Wiele weiß bestimmt Bescheid.

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Klaglos in Klagenfurt – vorab

Zarte Bekanntheit! Großer Ruhm?

Der allsommerliche Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis findet jetzt zum 36. Mal statt. Rund zehn Jahre war ich nicht mehr in Klagenfurt, nun möchte ich das früher so vertraute Ritual mal wieder besichtigen. Schließlich war ich als Lektor des S.Fischer Verlags in den neunziger Jahren regelmäßiger Besucher dort. Man möchte doch gern wissen, was aus alten Bekannten so geworden ist. Sollte es Amüsantes, Auffälligen, Absonderliches zu berichten geben, will ich das gern klaglos aus Klagenfurt in der hier startenden Klaglos in Klagenfurt-Kolumne tun.

Zur besseren Übersicht schon mal die Teilnehmer-Liste 2012:

- Leopold Federmair, geboren 1957 in Wels in Oberösterreich, lebt in Hiroshima in Japan. Literarischer Übersetzer und Autor. Veröffentlichte Erzählungen, Essays und Romane, 2006 den Band Ein Fisch geht an Land und jüngst 2010 Erinnerung an das, was wir nicht waren.

- Isabella Feimer, geboren 1976 in Mödling bei Wien, lebt in Wien. Theaterregisseurin und Autorin, veröffentlichte Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften.

- Simon Froehling, geboren 1978 in Brugg im Kanton Aargau, lebt in Zürich, schweizerisch-australischer Doppelstaatsbürger. Veröffentlichte Bühnenstücke, Prosa und Lyrik.

- Sabine Hassinger, geboren 1958 in Bad Kreuznach, lebt in Berlin. Musiktherapeutin und Autorin. Veröffentlichte Prosa und Hörspiele. Unter anderem 1997 Die Wortfürsorge.

- Lisa Kränzler, geboren 1983 in Ravensburg, lebt in Freiburg/Breisgau. Bildende Künstlerin und Autorin. Ihr ersten Roman heißt Export A.

- Inger-Maria Mahlke, geboren 1977 in Hamburg, lebt in Berlin. Romandebüt 2010 mit Silberfischchen.

- Olga Martynova, geboren 1962 in Dudinka, lebt in Frankfurt/Main. Veröffentlichte Lyrik, Essays und 2010 den Roman Sogar Papageien überleben. Und mit Jelena Schwarz das Buch: Rom liegt irgendwo in Russland. Zwei russische Dichterinnen im lyrischen Dialog über Rom 2006

- Stefan Moster, geboren 1964 in Mainz, lebt in Espoo (Finnland). Übersetzer, Lektor, Herausgeber und Autor, veröffentlichte 2011 zuletzt der Roman Lieben sich zwei.

- Matthias Nawrat, geboren 1979 in Opole in Polen, lebt im schweizerischen Biel und in Bamberg. Journalist und Autor, veröffentlichte Kurzgeschichten und den Roman Wir zwei allein.

- Hugo Ramnek, geboren 1960 in Klagenfurt, lebt in Zürich. Schauspieler, Lehrer und Schriftsteller, Romandebut 2010 mit Der letzte Badegast.

- Mirjam Richner, geboren 1988 in Gränichen im Kanton Aargau, lebt in Unterentfelden, ebenfalls Aargau. Veröffentlichte eine Kurzgeschichte und Novellen-Auszüge.

- Matthias Senkel, geboren 1977 in Greiz in Thüringen, lebt in Leipzig. Veröffentlichte Prosa, sein Debütroman Frühe Vögel erscheint 2012.

- Andreas Stichmann, geboren 1983 in Bonn, lebt in Hamburg. Autor von Erzählungen, unter anderem in dem Band Jackie in Silber. Sein Debütroman Das große Leuchten erscheint im September.

- Cornelia Travnicek, geboren in Traismauer in Niederösterreich, lebt in St. Pölten. Veröffentlichte Erzählungen und zuletzt 2012 den Roman Chucks.

Zugegeben, manche der Teilnehmer können im Literaturbetrieb eine zarte Bekanntheit für sich reklamieren, aber literarische Berühmtheiten sind definitiv nicht darunter. Das war früher gelegentlich anders, als Ulrich Plenzdorf beispielsweise 1978 lange nach seinen Leiden des jungen W. oder Hermann Burger 1985 deutlich nach Schilten und Die künstliche Mutter in Klagenfurt antraten und naturgemäß gewannen. Der Bachmann-Wettbewerb ist heute zu einer literarischen Nachwuchsveranstaltung geworden, auch wenn manche antretenden Autoren schon satt in den Fünfzigern stehen. Aber das macht nichts, auch der Nachwuchs, oder besser: gerade der Nachwuchs braucht seine Chance, und wenn er sie hier kriegt, ist das eine saubere Sache. Also: Von mir keine Klagen aus Klagenfurt, zumal Nachwuchs ja immer für Überraschungen gut ist. Man darf gespannt sein.

Hier die Homepage: http://bachmannpreis.eu/de/information/3739
Hier das Programm: http://bachmannpreis.eu/de/bachmann_preis/3890

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E.L. James antwortet nicht

“Bitte keine Fragen, die Sadomasochismus focussieren!”

Die neue britische Star-Autorin E.L.James schreibt in ihrer Trilogie 50 Shades of Grey über ein ungleiches Liebespaar, deren sexuelle Leidenschaft SM und Bondage gilt. Und sie ist rasend erfolgreich damit: Ihre drei Romane stehen an der Spitze sämtliche Bestsellerlisten – in Deutschland bei Amazon sogar bevor das Buch überhaupt ausgeliefert worden ist. Doch Fragen zu SM darf man der Autorin nicht stellen, wie ich feststellen musste. Wieviel Heuchelei und Verklemmtheit steckt in dem angeblichen Tabubruch der drei Bücher?

E.L.James: "Shades of Grey. Geheimes Verlangen" Erscheint am 9. Juli im Goldmann Verlag

Der Goldmann Verlag war vergangene Woche so freundlich, mir ein Email-Interview mit der britischen Erfolgsautoren E.L.James anzubieten. Ihre Trilogie 50 Shades of Grey ist sagenhaft erfolgreich in den Vereinigten Staaten: Seit April wurden die drei Bücher dort 15 Millionen mal verkauft (einschließlich der eBook-Verkäufe). Goldmann wird den ersten Band Geheimes Verlangen am 9. Juli in einer Auflage von 500.000 Exemplaren in Deutschland ausliefern. Bei Amazon.de steht er bereits seit dem 20. Juni auf Platz 1 der Bestsellerliste – soviele Vorbestellungen für das Buch sind bereits eingegangen. (Seit gestern ist es, so viel ich weiß, bei Amazon als eBook auf deutsch erhältlich.)

Auch wenn ich skeptisch bin, was die literarischen Qualitäten der Bücher angeht, wollte ich die Chance, ein Interview mit E.L.James zu führen, gern wahrnehmen. Denn ein solcher Erfolg ist allein schon aus sozialpsychologischen Gründen aufschlussreich: Warum interessieren sich so viele Menschen in so kurzer Zeit für diese Bücher. Bücher die, wie seit Beginn der E.L.James-Success-Story flächendeckend kolportiert wird, von einer Liebesaffäre erzählen zwischen einer Studentin und einem supersupererfolgreichen Geschäftsmann mit Neigung zu Bondage und sadomasochistischem Sex. In USA wird die Trilogie als “Mommy Porn” angepriesen und die Autorin charakterisiert sie selbst im Gespräch mit ABC News als “a love story with kink”. Das klingt gepflegt, ist aber deutlich genug: Es ist eine Liebesgeschichte mit besonderen sexuellen Zutaten.

Was liegt näher, als im Interview nach diesen Zutaten zu fragen – um zu erkunden, ob es eben diese Zutaten sind, die den überwältigenden Erfolg auslösen. Ich schickte also die folgenden sechs Fragen an den Goldmann Verlag, der sie an den Agenten von E.L. James weiterreichte:

1.) Do the sex scenes in your books describe your fantasies or your experiences?
2.) Did “Fifty Shades of Grey” spice up your own sex life?
3.) Is the enormous success of your book an indication that millions of women have sadomasochistic fantasies?
4.) Can a woman be submissive in bed but a tough feminist in everyday life?
5.) Would you advise a woman to realize her masochistic fantasies? And would you advice a man to realize his sadistic fantasies?
6.) What is the role of dominance and submissiveness in love? And how important is dominance and submissiveness in sex?

Knapp einen Tag später antwortet die Agentur von E.L.James, “dass die Fragen zu wenig auf das Buch bezogen sind und zu sehr das Thema Sadomasochismus fokussieren” und baten mich, ihr “neue Fragen zu schicken”. Ich antwortete, dass ich wenig davon halte, wenn sich der Befragte die Fragen aussucht, die man ihm stellen solle. Und bat erneut um Antworten auf meine Fragen. Doch die kamen nicht.

Schon merkwürdig: Wo immer die Bücher von E.L.James angeboten werden, ist mit erregten Unterton in der Stimme von SM- und Fesselspielen die Rede, mit denen die Hauptfiguren ihre Freizeit verbringen. Doch sobald man sich bei der Autorin nach diesem Thema erkundigt, sind die Fragen “zu wenig auf das Buch bezogen”. Kann es sein, dass hier eine Menge Heuchelei im Spiel ist? Dass hier mit lächerlicher Verklemmtheit ein Tabubruch vorgetäuscht werden soll? Und ist vielleicht gerade in dieser Heuchelei und Verklemmtheit ein Grund für den großen Erfolg der Bücher zu finden?

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Ernst Rowohlt wird 125 Jahre alt

Das Abenteuer namens Rowohlt

Ein Verlag, drei Männer und drei Temperamente, wie es sie in Deutschland nur selten gibt: Ernst Rowohlt, der Gründervater und unbeirrte Immer-wieder-Gründer des Rowohlt Verlags, würde heute (am 23. Juni) 125 Jahre alt. Hier ein Porträt von ihm und seinen ebenso unterhaltsamen wie höchst schätzenswerten beiden Söhnen Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt und Harry Rowohlt

Die Ernst-Rowohlt-Monographie, erschienen im gleichnamigen Verlag

Die Rowohlts sind eine deutsche Dynastie, eine Büchermacherfamilie von nicht eben landestypischem Temperament. Wo ein Rowohlt war oder ist, da war oder ist etwas los. Über ein dreiviertel Jahrhundert gehören sie nun schon zu den Kraftwerken des literarischen Lebens hierzulande, und der von ihnen geschaffene und immer wieder neu geschaffene Verlag schnurrt bis heute weiter. 1908 brachte Ernst Rowohlt im Alter von nur 21 Jahren sein erstes Buch auf den Markt, den schmalen Lyrikband eines heute komplett unbekannten Klassenkameraden. Im gleichen Jahr brachte die Schauspielerin Maria Ledig den ersten Sohn Rowohlts zur Welt, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Das Abenteuer namens Rowohlt konnte beginnen.

Die Biographie Ernst Rowohlts mit ihren diversen Verzweigungen ist ein gutes Beispiel dafür, wie viel Leidenschaft und Geld ein Verlegerleben braucht und verbraucht. 1910, nachdem er schon ein paar Bücher gemacht hatte, gründete Rowohlt in Leipzig zum ersten Mal seinen Verlag – zusammen mit dem gleichaltrigen Kurt Wolff, der keine Kenntnisse der Buchbranche, wohl aber eine Menge Geld mit einbrachte.

Die beiden Teilhaber verstanden sich erst glänzend und publizierten mehr als 30 Titel jährlich. Doch schon 1912 kam es zum Bruch, nicht zuletzt weil der feingeistige Wolff die Energieausbrüche und permanente Partystimmung seines Partners nicht ertrug. Er zahlte Rowohlt aus, machte den Verlag unter eigenem Namen zum bis heute legendären Kristallisationspunkt des Expressionismus, errang höchste Anerkennung und verlor zugleich sein gesamtes Vermögen. Nach 1920 konnte er keine literarischen Werke mehr verlegen, 1930 musste es sein Haus endgültig schließen.

Ernst Rowohlt – ein Mann der roaring twenties

Rowohlt machte nach der ersten nur kurzen Zeit der Selbstständigkeit zunächst Zwischenstationen als Prokurist des S.Fischer- und Geschäftsführer des Hyperion-Verlags. 1919 dann, mit Beginn der Weimarer Republik, gründete er seinen Verlag zum zweiten Mal, jetzt in Berlin. Die Stadt, der Mann und die Epoche – die roaring twenties – passten perfekt zueinander. Seine Neigung zu großen Auftritten machte ihn schnell stadtbekannt und sein Einfallsreichtum in Sachen PR bald zu einer zentralen Figur des Literaturbetriebs.

Mit Autoren wie Robert Musil, Kurt Tucholsky, Hans Fallada, Alfred Polgar und Walter Benjamin erwarb er beträchtliches Ansehen, mit Ernest Hemingway, Sinclair Lewis und Thomas Wolfe entdeckte er die amerikanische Literatur für die Deutschen, mit der von Willy Haas geleiteten Literarischen Welt gab er zudem seit 1925 eine der meinungsbildenden Zeitschriften der Buchbranche heraus.

Die Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Monographie, erschienen im fast gleichnamigen Verlag

Doch selbst ein Bestseller-Autor wie Emil Ludwig konnte den Verlag wirtschaftlich nicht langfristig stabilisieren. Spätestens nach der Weltwirtschaftskrise 1929 spitzte sich die Lage zu. Als Heinrich Maria Ledig-Rowohlt 1931 als Pressechef in den Verlag eintrat, stand der bereits vor der Insolvenz. Gerettet wurde er schließlich durch die Familie Ullstein, die einen Anteil von 60 Prozent erwarb und ihn so mehrheitlich ihren Zeitungskonzern einverleibte. Doch kaum hatte Rowohlt die ökonomischen Turbulenzen überstanden, geriet er durch die Machtübernahme der Nazis in politische Schwierigkeiten.

Diktatur, Krieg – und immer wieder Krisen

Seine Sympathien galten in der Weimarer Republik eher der Linken, und er war mit zahllosen jüdischen Schriftstellern befreundet, doch hatte Rowohlt daneben auch so rechtslastige Autoren wie Arnolt Bronnen verlegt. Daran knüpfte er nach 1933 zunächst an, brachte nun Landserromane heraus, Sachbücher wie Woher kommt das Hakenkreuz? oder den Bildband Ein Volk steht auf. 53 Tage nationaler Revolution. Doch die Nazis ließen sich weder davon, noch von Rowohlts Eintritt in die NSDAP 1937 täuschen, beschlagnahmten 140 Titel des Verlagsprogramms und erteilten Rowohlt schließlich 1938 Berufsverbot, weil er hartnäckig an seinen jüdischen Autoren und Mitarbeitern festhielt.

Nach dem Krieg, in dem Ledig-Rowohlt als Soldat schwer verwundet worden war, gründeten Sohn und Vater – der 1945 mit der Schauspielerin Maria Pierenkämper seinen zweiten Sohn Harry bekam – den Rowohlt Verlag umgehend zum dritten Mal, nun in Hamburg und Stuttgart. Sie druckten unter anderem zu Pfennigpreisen Bücher auf dem Papier und in dem Format von Zeitungen, „Rowohlts Rotations Romane“ genannt, und erzielten damit in kürzester Zeit Millionenverkäufe. Dennoch geriet der Verlag mit der Währungsreform wieder in eine Finanzkrise – und musste diesmal durch vier Hamburger Geschäftsleute gerettet werden.

Diese amerikanische Erfindung: Taschenbuch

Erst als Ledig-Rowohlt aus Amerika mit der Idee zurückkehrte, ein umfangreiches Taschenbuchprogramm zu starten, stabilisierte sich die Situation. Mit diesen billigen Ausgaben erzielte der Verlag schnell sensationelle Auflagen und konnte mit Büchern von Hemingway und Graham Greene, von Sartre, Camus, de Beauvoir und später Henry Miller, die lange aus Deutschland ausgesperrte Literatur des westlichen Auslands popularisieren. Mit dem Start von „Rowohlt Deutscher Enzyklopädie“ 1955 und der „Rowohlt Monographien“ 1958 verfolgte der Verlag im Taschenbuch-Programm zugleich einen volkspädagogischen Bildungsanspruch, der sich zumindest in den ersten Jahren als sehr einträglich erwies.

Die nicht-weggeschmissenen Briefe Harry Rowohlts, nicht erschienen im gleichnamigen Verlag

Nach dem Tode Ernst Rowohlts 1960 leitete Ledig-Rowohlt den Verlag weitgehend allein, auch wenn seinem erst fünfzehnjährigen Bruder Harry nun 49 Prozent des Unternehmens gehörten. Beide hatten zwar nicht den kraftstrotzenden Körper ihres Vaters, wohl aber manches von seinem trink- und feierfreudigen Charakter geerbt. So versorgten auch sie den Literaturbetrieb regelmäßig mit gern kolportierten Anekdoten oder Bonmots. Den Familientraditionen auf der Spur absolvierte Harry Rowohlt eine Verlagsausbildung bei Suhrkamp in Frankfurt und Grove Press in New York. Doch die Führung der Rowohlt-Geschäfte wollte er nicht übernehmen, sondern widmete sich lieber seinen ungewöhnlichen Talenten als Übersetzer, Vortragskünstler, Autor und Schauspieler.

Also verkaufen die beiden Brüder 1982 – Ledig-Rowohlt war inzwischen knapp 75 – ihren Verlag über Vermittlung des befreundeten Werner Schoenicke an die Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe. Seither wird er von wechselnden Verlagsleitern mit naturgemäß wechselnden Erfolgen geleitet, unter anderem von Matthias Wegner, Michael Naumann (dem späteren Kulturstaatsminister, Mitherausgeber der Zeit, Hamburger SPD-Spitzenkandidaten und Cicero-Chefs), Nicolaus Hansen, Peter Wilfert bis hin zu Alexander Fest heute. Ledig-Rowohlts Leben endete – fast möchte man sagen: standesgemäß – 1992 auf einem Internationalen Verlegerkongress in Neu-Dehli. Harry Rowohlt, 1996 zum “Ambassador of Irish Whiskey” ernannt, sammelte für seine Übersetzungen und Bücher vom Jugendliteraturpreis bis zum Brüder-Grimm-Preis, von der Goldenen Schallpatte für seine Pu, der Bär-Lesung bis zum Göttinger Elch einige der schönsten Auszeichnungen hierzulande. Das vergangene Jahrhundert der deutschen Literatur, ohne die Rowohlts ist es schwer vorstellbar.

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Internet-Buchhandel knickt vor Juristen ein

“Wir nehmen den Titel raus”

Das Schwarzbuch WWF von Wilfried Huismann wurde von vielen Buchversendern aus ihrem Angebot gestrichen. Obwohl kein Urteil gegen das Buch vorliegt, zogen Internet-Buchhändler das Buch aus dem Verkehr, nachdem sie Briefe der Anwälte des WWF bekommen hatten. Sie gehen so einen bequemen Weg – und geben die Literatur- bzw. Meinungsfreiheit preis. Leider ist der Vorgang kein Einzelfall

Die Literatur- und Meinungsfreiheit werden vom Grundgesetz garantiert. Wenn die Buchbranche aber nicht bereit ist, auf diesen Freiheiten auch zu bestehen, werden sie verlorengehen.

Wilfried Huismann: "Schwarzbuch WWF" (Gütersloher Verlagshaus) 19,99 Euro

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung meldet heute: Das Schwarzbuch WWF von Wilfried Huismann ist nach Protesten des World Wildlife Fund in vielen Internet-Buchhandlungen nicht mehr erhältlich. Der Titel wurde am 23. April ausgeliefert, er schildert Organisation und Geschäftsgebaren des WWF in ungünstigem Licht und wird vom WWF deshalb – auch mit juristischen Mitteln – angegriffen.

Ich will die Rechercheergebnisse von Wilfried Huismann zur Arbeit vom WWF nicht verteidigen. Ob sie eine juristischen Überprüfung standhalten oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Fest steht aber, dass das Landgericht Köln erst am 15. Juni über eine einstweilige Verfügung gegen das Buch entscheiden wird (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/druck-auf-buchhaendler-wwf-draengt-kritisches-buch-vom-markt-11771956.html). Dennoch haben große Buchversender im Internet den Titel bereits aus ihrem Angebot genommen, nachdem sie Briefe der Anwälte vom WWF bekamen.

“Wir bewerten das nicht inhaltlich”, sagt der Geschäftsführer des Buchportals Libri.de Per Dalheimer laut FAS, “wir nehmen den Titel dann raus und warten auf Klärung.” Damit ist das Buch de facto auf dem Buchmarkt schwer erhältlich, obwohl von der Richtern noch gar nicht darüber entschieden wurde, ob die Vorwurfe des WWF gegen die Recherchen von Wilfried Huismann zurecht bestehen oder nicht.

Wer ein Buch als Ware betrachtet, wird die Handlungsweise der Buchhändler, die Huismanns Schwarzbuch aus ihrem Angebot gestrichen haben, verstehen können. Der einzelne Titel macht keinen hohen Umsatz, es ist besser auf ihn zu verzichten, wenn man sich so Ärger mit Anwälten erspart.

Andererseits aber ist ein Buch mehr als nur eine Ware. Buchhandel und Börsenverein betonen, zumal wenn sonntags Reden gehalten werden, immer wieder die eigene Bedeutung für die Meinungsfreiheit  und die kulturelle Vielfalt in unserem Land. Sie tun das sehr zurecht – allerdings müssen sie dann auch bereit sein, sich für diese Werte zu engagieren, wenn diese Werte in Gefahr geraten.

Leider ist der Vorgang um Huismanns Buch kein Einzelfall. Auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegen Maxim Billers Roman Esra hat in dieser Hinsicht unerfreuliche Folgen. Der Roman wurde 2007 endgültig verboten, weil es die Persönlichkeitsrechte einer Klägerin verletze. Doch das Urteil war so unklar formuliert, dass es keineswegs für Rechtssicherheit bei der schwierigen Abwägung zwischen Literaturfreiheit und Schutz der Persönlichkeitsrechte gesorgt hat.

Inzwischen zeigt sich, dass de Entscheidung im Fall Esra unvorhergesehene Auswirkungen zuungunsten der Literaturfreiheit entwickelt. Allein 2011 mussten drei Romane vom Buchmarkt zurückgezogen werden, weil sie angeblich Persönlichkeitsrechte verletzten und mit juristischen Schritten gegen sie gedroht wurde: nämlich die Romane Das Da-Da-Da-Sein von Maik Brüggemeyer (Aufbau Verlag, Berlin 2011), Last Exit Volksdorf von Tina Uebel (Verlag C.H.Beck, München 2011 und Ein Traum von einem Schiff von Christoph Maria Herbst (Scherz Verlag, Frankfurt/Main 2010. Obwohl das Buch bereits im Dezember 2010 erschien, datiert die einstweilige Verfügung gegen den Roman vom 2. Februar 2011; siehe http://www.boersenblatt.net/412846/.)

Zugegeben, die drei Bücher sind von sehr unterschiedlicher künstlerischer Qualität, aber die Häufung der Fälle belegt, in welchem Maße die Bereitschaft von Privatpersonen zugenommen hat, gegen literarische Werke vorzugehen. „Als Schriftsteller, der über die Gegenwart schreibt, kommt man in Deutschland ohne Anwalt nicht mehr aus“, konstatiert Maik Brüggemeyer.

Doch abgesehen von dem Fall Christoph Maria Herbst wurden die Vorwürfe gegen diese Romane gerichtlich nie überprüft. Allein schon die Ankündigung von Unterlassungserklärungen oder einstweiligen Verfügungen gegen die Bücher reichten aus, Verlage und Autoren dazu zu bewegen, die Romane zurückzuziehen und weitgehend so zu verändern, wie es den Wünschen der möglichen Kläger entspricht. Doch darüber, ob die Romane tatsächlich Persönlichkeitsrechte verletzen, hat in diesen Fällen nie ein Richter oder ein unabhängiges Gericht entschieden.

Auch in diesen Fällen war – wie im Fall Huismann und seinem Schwarzbuch WWF – die Bereitschaft nicht groß, für die Literatur- bzw. Meinungsfreiheit juristisch zu kämpfen.  Dass sich die Beteiligten auf diese Weise viel Arbeit und Ärger ersparen, liegt auf der Hand. Wer will ihnen das in einer notorisch überarbeiteten Branche verdenken. Doch dass sich kostbare Rechtsgüter wie Literatur- und Meinungsfreiheit auf derart konfliktscheue Weise nicht verteidigen lassen, liegt ebenfalls auf der Hand.

Aktuelle Stellungnahmen des Börsenblatts zum Thema Huismann/WWF unter:
http://www.boersenblatt.net/532023/
und

http://www.boersenblatt.net/532000/

Ein bericht darüber, weshalb das Gericht am 15. Juni keine einstweilige Verfügung erließ ist zu finden unter:

http://www.boersenblatt.net/538368/

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Protokoll einer Talkshow über Marcel Reich-Ranicki

Kritik als geistiges Schauspiel

Zur Feier des 92. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki wiederholen wir die Aufzeichnung einer Talkshow zu seinen Ehren. Hier das geheime Protokoll der ebenso denkwürdigen wie hochrangig besetzten Sendung, an der Friedrich Schlegel (1772-1829), Ludwig Börne (1786 – 1837) und Alfred Kerr (1867 – 1948) teilnahmen

Es geht los: Fernsehstudio, Scheinwerfer, Kameras. Auf dem Podium ein Moderator und drei Talkshowgäste. Als Kulisse Möbelhaus-Regale mit Möbelhaus-Buchattrappen.

Moderator: Guten Abend meine Damen und Herren, heute feiert der wohl bekannteste Kritiker der Gegenwart, Marcel Reich-Ranicki, seinen 92. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir drei seiner berühmtesten deutschen Kollegen zum Gespräch eingeladen. Ich darf vorstellen, von rechts nach links: Friedrich Schlegel (1772 – 1829), Ludwig Börne (1786 – 1837) und Alfred Kerr (1867 – 1948).

Schlegel, Börne, Kerr nicken knapp in die Kamera.

Moderator: Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 in Włocławek, Polen, geboren, besuchte ab 1929 in Berlin die Schule…

Kerr (unterbricht): Was ist das hier? Schulfunk?

Schlegel: Dafür brauchen Sie uns ja wohl nicht. Das weiß inzwischen jeder. (Steht auf, will gehen).

Kerr: Das weiß jeder Tankwart! Wie Reich-Ranicki so gern sagt. (Will ebenfalls gehen, Börne macht Anstalten, den beiden zu folgen.)

Moderator (verdattert): Aber meine Herren. Was wollen Sie denn?

Kerr: Fragen. Ernste Fragen.

Schlegel: Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.

Schlegel, Börne, Kerr lassen sich zurück in ihre Sessel fallen.

Moderator (eifrig): Also Fragen! Zum Beispiel: Wie konnte Reich-Ranicki die herausragende Position erreichen, die er heute hat?

Kerr: Blöde Frage.

Ludwig Börne, Gemälde von Moritz Oppenheim, Öl auf Leinwand (1827)

Börne: Das ist viel zu pauschal und undifferenziert gefragt. Ich will Ihnen trotzdem eine Teilantwort geben: Als Reich-Ranicki 1958 in die Bundesrepublik kam, hatte die Literatur eine ganz andere Funktion als heute. Sie war ein Leitmedium mit großem Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein des Landes. Von der Kultur erwartete man nach dem Nazi-Desaster politisch-moralische Orientierung. Reich-Ranicki hat damals in seinen Kritiken oft wie ein Anwalt argumentiert. Er hat manchen Autoren nachgewiesen, wie tief sie noch – unbewusst – im Nazi-Denken stecken geblieben waren. Solche Rezensionen von ihm erschütterten den Kulturbetrieb wie Erdbeben. Dazu machte er, der eben aus dem Ostblock gekommen war, den ahnungslosen Westdeutschen klar, was literarisch in der DDR lief und dass dort keineswegs nur dumpfe Parteischriftsteller schrieben.

Schlegel: Mein lieber Börne, ich verstehe: Ihnen als dem politischen Zuchtmeister unter den deutschen Großkritikern gefällt dieser Aspekt an Reich-Ranickis Laufbahn besonders. Aber hinzufügen sollten Sie, wie wenig Reich-Ranicki sich aus politischen Gründen in seinem literarischen Urteil beirren ließ. Seine Verrisse von Heinrich Bölls Romanen sind legendär. Obwohl er Böll politisch verteidigte, ging er mit ihm literarisch ins Gericht.

Kerr: Kritik als geistiges Schauspiel! Großes öffentliches Spektakel. Jeder Artikel ein Drama!

Moderator: Aber andere Kritiker dieser Zeit haben auch politisch argumentiert. Warum wurde gerade Reich-Ranicki so populär?

Kerr: Der Mann hat sagenhaftes Temperament. Seine Kritiken sind keine gelehrten Erörterungen, sondern Brandreden. Er ist ein Volkstribun. Ein Volkstribun der Kritik. So etwas liebt das Publikum. Ich bin Theaterkritiker. Ich weiß das.

Moderator: Aber wurde er von seinem Temperament nicht auch zu Fehlern hingerissen? Hat er nicht auch Autoren verkannt?

Kerr: Blöde Frage. Natürlich.

Börne: Kein Kritiker ist allen Spielarten der Literatur gewachsen. Dazu ist Literatur viel zu komplex. „Was man sagt, stimmt nie“, meinte Robert Musil einmal, „das Phänomen ist immer vielseitiger als die Kritik.“ Also macht jeder Kritiker Fehler. Wie könnte es anders sein? Wenn selbst Ärzte, Apotheker, Architekten Fehler machen, warum sollten gerade Kritiker unfehlbar sein? Kerr hielt Brecht für eine Niete. Schlegel schieb herablassend über Lessings Stücke…

Schlegel: …und von Ihnen, lieber Börne, stammt der Satz: „Seit ich fühle, habe ich Goethe gehasst, seit ich denke, weiß ich warum.“

Börne (mürrisch): Ja, sicher. Wie ich sage: Kein Kritiker ist unfehlbar. Jeder verkennt irgendwann mal einen Autor. Wird ein Kritiker so stark wahrgenommen wie Reich-Ranicki, werden auch seine Fehlurteile stark wahrgenommen. Der Ruhm wirkt wie ein Vergrößerungsglas. Die Missgriffe unbekannter Kritiker werden achselzuckend übergangen und vergessen.

Moderator: Aber warum hatte und hat Reich-Ranicki dann so viele Gegner und oft auch Feinde? Erst kürzlich hat Martin Walser in seinem Tagebuch…

Kerr (unterbricht): Saublöde Frage.

Börne: Verächtlich ist der Kritiker, der keine Feinde hat.

Friedrich Schlegel 1790

Schlegel: Sich Feinde zu machen, gehört zum Handwerk eines unabhängigen Kritikers. Nur wer so urteilt wie alle anderen Kritiker auch, hat keine Feinde. Denn der geht ängstlich inmitten der Herde in Deckung. Aber Deckung hat Reich-Ranicki nie gesucht. Im Gegenteil. Wer eigenständige und entschiedene Urteile fällt, hat schnell eine eigenständige und entschiedene Kollektion von Feinden. Bei Reich-Ranicki kommt aber vielleicht noch ein zweiter Umstand hinzu. Er selbst hat das beschrieben: Reich-Ranicki zeichnet sich durch eine Eigenschaft aus, die oft bei Juden auffällt, sei es günstig, sei es ungünstig, und die zur Folge hat, dass sie, die Juden, für manche Menschen in ihrer Umgebung nicht so leicht erträglich sind und ihnen vielleicht sogar auf die Nerven gehen. Was ich meine, lässt sich mit Worten wie „Intensität“ oder „Heftigkeit“ andeuten. Reich-Ranicki besitzt Intensität in hohem Maße.

Kerr: Intensität? Leidenschaft! Verbunden mit dem festen Glauben an Vernunft und Argument.

Moderator: Aber von Politik ist in seinen Kritiken heute keine Rede mehr.

Börne: Ja, weil die Welt sich dreht und die Dinge sich wandeln. Und mit ihnen die Literatur.

Schlegel: Spätestens mit den achtziger Jahren hatte sich die Funktion der Literatur in Deutschland geändert. Die einzige intellektuelle Gewissheit war nun, dass es keine intellektuellen Gewissheiten mehr gibt. Dass es nur noch konkurrierende Denkformen gibt, die alle ein gewisses Recht für sich beanspruchen können. Man hat das „postmodern“ genannt, aber es sieht manchen Überzeugungen aus meiner Epoche um 1800 zum Verwechseln ähnlich. Reich-Ranicki hat das gespürt. Also feierte er die Literatur als ein Vergnügen, als ein ironisches Spiel, bei dem Weltsichten erprobt werden, der Autor aber augenzwinkernd zu verstehen gibt, dass man alles das mit gleichem Recht auch aus anderer Sicht betrachten könnte. Mit Beliebigkeit hat das nichts zu tun. Denken Sie daran, wie oft er sich trotzdem mit anderen im Literarischen Quartett in die Haare geriet.

Moderator: Gut, dass Sie das Quartett ansprechen. Hat er damit die Literaturkritik endgültig an die Fernsehunterhaltung verkauft?

Alfred Kerr, porträtiert von Lovis Corinth (1907)

Kerr: Bravo, das ist Ihre schwachsinnigste Frage. Das Quartett war Streit um die Literatur vor Kameras. Reich-Ranicki hatte den Mut und das Talent, das zu inszenieren. Hat bis jetzt kein anderer gekonnt. Eingehende, gründliche Literaturkritik war das nicht. Die findet auch weiterhin auf Papier statt. Reich-Ranicki war der erste, der das betonte. Aber der Kritiker darf neue Medien nicht scheuen. Ich habe in meiner Zeit das Radio für die Kritik erprobt. Mit Erfolg, es hat dem Theater Zuschauer gebracht. So wie das Literarische Quartett der Literatur Leser brachte.

Schlegel: Das Quartett war fabelhaft, weil es demonstrierte, dass zu jedem Buch mehrere Urteile zugleich möglich sind. Wenn ein Kritiker schreibt, will er allein seine Ansichten gelten lassen. Wenn er aber im Quartett mit anderen sprach, musste er sich die Ansichten der anderen anhören. Den Zuschauern wurde gezeigt, dass es auch in der Literatur keine Gewissheiten gibt, sondern nur Meinungen. So lieferte das Literarische Quartett ein Bild seiner Zeit.

Börne: Dazu lieferte es einen Beweis: Nämlich wie lehrreich Fernsehen sein kann, wenn Moderatoren ausnahmsweise etwas vom Thema ihrer Sendung verstehen. (Sieht den Moderator an.) Reich-Ranicki hat Beispielloses geleistet für Literatur und Kritik in Deutschland. Nicht zuletzt hat er immer wieder an uns, an die Kollegen Schlegel, Kerr und mich erinnert. Weshalb es für uns ein Leichtes war, diese Talkshow unter anderem mit Worten zu bestreiten, die er über uns schrieb oder aus unseren Werken zitierte.

Der Moderator schwitzt, gibt der Regie ein Zeichen, die Kamera schwenkt auf die Buchattrappen, der Abspann beginnt.

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