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Statt eines Nachrufs
Jakob Arjouni ist tot
Heute kam die Nachricht, dass Jakob Arjouni in der Nacht zum Donnerstag in Berlin starb. Er hatte Krebs und lange gegen die Krankheit gekämpft. Er wurde nur 48 Jahre alt. Ich habe die meisten seiner Bücher sehr gemocht, fand manches darin aber auch politisch allzu korrekt. Ist es erlaubt, in einem Artikel zum Tode eines Schriftstellers ihn nicht nur zu loben, sondern auch anzudeuten, wo man glaubt Schwächen seiner Arbeit gesehen zu haben? Kein Zweifel: Arjouni war ein überragendes Talent der zeitgenössischen deutschen Literatur. Dennoch möchte ich hier, statt eines Nachrufs eine Rezension seines Romans “Kismet”(2001) zur Diskussion stellen. Denn der Roman zeigt in meines Augen sowohl die Stärken als auch die Schwächen dieses Schriftstellers mit großer Deutlichkeit. Die Rezension ist am 24. Februar 2001 in der “Welt” erschienen.
“Kismet”
Jakob Arjounis Roman ist hinreißend und hat einen Schönheitsfehler
Jakob Arjouni ist, das hat sich inzwischen herumgesprochen, eine der größten Hoffnungen der deutschen Kriminalliteratur. 1985 veröffentlichte er im Alter von gerade 21 Jahren in einem Hamburger Kleinverlag seinen ersten Krimi: “Happy Birthday, Türke!” Schon der zweite, “Mehr Bier”, erschien 1987 bei Diogenes in Zürich – und die Feuilletons überschlugen sich vor Begeisterung. Kein Vergleich schien zu hoch gegriffen, kein Bezug zu kühn, um seine beiden ersten Arbeiten ins rechte Scheinwerferlicht zu rücken. Selbst den Olympiern des Hardboiled-Genres, Dashiell Hammett und Raymond Chandler, wurde er in manchen Rezensionen nassforsch an die Seite gestellt.
Allerdings ist Arjouni ein ruhiger, bescheidener Mann und kann nichts dafür, wenn einige Kritiker bei der Beurteilung von Kriminalromanen nur über sehr wenige Vergleichsgrößen verfügen und also gebetsmühlenartig die immer gleichen beiden Namen herunterbeten. Geschadet hat das Arjouni gewiss nicht. 1991 wurde sein Erstling von Doris Dörrie verfilmt, im Jahr darauf erhielt er, nachdem sein dritter Roman erschienen war, den Deutschen Krimi-Preis.
Nun ist der vierte da: “Kismet”. Wie es sich für Serientäter seiner Profession gehört, hat Arjouni seinen vier Krimis den gleichen Helden gegeben, den deutsch-türkischen Privatdetektiv Kemal Kayankaya, und sie am gleichen Schauplatz, Frankfurt am Main, angesiedelt. Diesmal geht es um eine geheimnisvolle Bande stummer Schutzgelderpresser mit Perücken und die verschwundene Mutter eines kleinen Mädchens. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Bänden fließt in dem neuen jede Menge Blut – nichts für allzu zarte Gemüter.
Die unbezweifelbaren, die hinreißenden Talente Arjounis sind auch in “Kismet” auf jeder Seite spürbar. Es gibt kaum einen jungen deutschsprachigen Schriftsteller – und auch nur wenige ältere -, die so milieusicher sind wie er. Arjouni kann mit wenigen Worten Figuren, ihr Schicksal und ihren Habitus staunenswert plastisch einfangen und hält sich doch fern von platten Typisierungen. Er ist ein Meister der Skizze – und der Karikatur -, der mit sparsamsten Mitteln auskommt.
Dazu hat Arjouni einen begnadeten Sinn für Dialekte und Dialoge des Alltags. Fast nichts davon ist, wie das Klischee so gern behauptet, dem Leben abgelauscht. Das allermeiste verdankt sich vielmehr einer entschlossenen Verknappung und stilistischen Perfektion – ist also eine veritable künstlerische und keine stimmenimitatorische Leistung. Würden wir einem Menschen begegnen, der redete wie Arjounis Figuren, würden wir sie wohl wegen ihrer überzogenen Coolness, ihrer knappen Pointen als seltsam stammelnde pathologische Fälle betrachten. Gelesen dagegen klingt jedes Wort glaubhaft und nach authentischem Halbweltjargon.
Zu allem Überfluss hat Arjouni einen wunderbar grimmigen Witz und den nötigen Mut zur Übertreibung, ohne die ein Krimi in der Tradition der Schwarzen Serie nur das halbe Vergnügen ist. Als sein Held Kayankaya in “Kismet” von zwei Killern verfolgt und gestellt wird, gelingt es ihm, die beiden mit ihrem eigenen Wagen gleichsam an die Wand zu heften und dazu noch ein halbes Haus in Schutt und Asche zu legen. Sehr realistisch ist das nicht – aber sehr komisch.
So deutlich Arjounis Talente sind, so deutlich ist aber auch seine entscheidende Schwäche: Er hat die mitunter enervierende Neigung, in seinen Romanen gut gemeinten politischen Nachhilfeunterricht zu betreiben. Immer wieder konfrontiert er seinen Helden mit ausländerfeindlichen Ressentiments irgendwelcher dumpfen Deutschen – die Kayankaya dann regelmäßig mit fabelhaft flotten Sprüchen oder sarkastischen Kommentaren bloßstellt. Ja, er geht so gar so weit, Kayankaya nicht nur ein strenges moralisches Koordinatensystem mitzugeben (wonach das Genre verlangt), sondern auch ein klares parteipolitisches Weltbild zu verpassen (was, zumal mit Blick auf die wachsende Verwechselbarkeit der beiden großen deutschen Volksparteien, ein wenig lächerlich wirkt).
Wie kaum eine andere Form des Romans zielt gerade der Krimi auf die Schattenseiten, die Abgründe, die verborgenen, verleugneten Aspekte einer Gesellschaft. Das Genre lebt im doppelten Sinn vom aufklärerischen Impuls des Detektivs: Er macht nicht nur die jeweiligen Täter dingfest, sondern deckt auch unbequeme Wahrheiten auf, über die in aller Öffentlichkeit nicht gern gesprochen wird. Doch an diesem Punkt scheint Arjouni gelegentlich seine Courage zu verlassen. So erzählt er in “Kismet” von den Brüdern Schmitz (die erfahrene Kayankaya-Leser bereits kennen), die in den achtziger Jahren den Frankfurter Bahnhofs- und Rotlichtdistrikt beherrscht hätten. Diese Figuren hat Arjouni nicht völlig frei erfunden. In den achtziger Jahren wurden in Frankfurt tatsächlich zwei Brüder als die Bordell- und Glücksspielkönige bekannt, die über beste Verbindungen zur politischen Führung der Stadt verfügten: Chaim und Hersch Beker, zwei russischstämmige Juden, von denen der eine, Hersch, sich für einige Jahre vor den Nachstellungen der deutschen Justiz in Israel in Sicherheit brachte.
Bemerkenswert ist, dass Arjouni von diesen (vor allem in Deutschland) politisch heiklen Aspekten der Affäre Beker in “Kismet” nichts erwähnt: Zwei jüdische Zuwanderer, die sich zu den Herrschern der Frankfurter Unterwelt aufwerfen – das möchte Arjouni dem überaus korrekt geordneten Erfahrungshaushalt seines Helden offenbar nicht zumuten.
Doch damit unterfordert er nicht nur seine Leser, sondern, was schlimmer ist, auch die Form des Kriminalromans, der eben auf die sonst gern verheimlichten Elemente unserer Wirklichkeit aus ist. Eric Ambler beispielsweise, das britische Genie des Thrillers, machte nur acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen überaus durchsetzungsfähigen deutschen Soldaten, eine blonde Bestie par excellence, zur Hauptfigur seines Romans “Schirmers Erbschaft”. Mehr noch: Er ließ eine ehemals von den Nationalsozialisten verfolgte hochintelligente Frau dem skrupellosen Charme seines Helden erliegen. Ambler fügte damit der Spannung seiner Story die Spannung der politischen Provokation hinzu. Dagegen wird die Handlung von Arjounis Romanen durch seine ängstlich um klare politische Frontverläufe bemühte Weltsicht mitunter vorhersehbar und also spannungsärmer.
Jakob Arjouni:
“Kismet”. Roman
Diogenes Verlag, Zürich
272 S., 10,90 Euro
Veröffentlicht unter Personen, Über Bücher
Verschlagwortet mit Eric Ambler, Jakob Arjouni
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Jugendwort den Jahres 2012
Ich, die Facebookschlampe
Okay, zugegeben, ich bin kein native speaker der aktuellen Jugendsprache, sondern lausche ihr staunend. Dennoch hat mich der Langenscheidt Verlag seit 2010 eingeladen, an den Entscheidungen zum Jugendwort des Jahres teilzunehmen. In der 6-köpfigen Jury sitzen außer zwei sehr jungen Menschen (Jugendmagazin “Spiesser”) und zwei blutjungen Menschen (Schule) noch der Linguist Matthias Heine („Die Welt“) und ich („Focus“) als Literaturkritiker. Da also ältere Herrschaften in diesem Germium unübersehbar eine Minderheit sind, und es ohnehin nur eine Schlussauswahl aus jährlich rund 40.000 Einsendungen trifft, darf es vielleicht als fachkundig und vertrauenswürdig genug betrachtet werden.
Im diesjährigen Wettbewerb war der Einfluss des Internets auf die Jugendsprache nicht zu übersehen. Bei den diversen Abstimmungen unter den Juroen ging das im Netz vielbenutzte Akronym „YOLO“ rasch in Führung und trug schließlich siegreich den Titel „Jugendwort des Jahres 2012“ davon: Es steht für „You Only Live Once“ und ist unüberhörbar als Aufforderung zu verstehen, alle Erlebnischancen zu nutzen, die sich bieten. Vor 30 oder 40 Jahren hätten Absolventen humanistischer Gymnasien stattdessen wohl schlicht „Carpe diem“ gesagt.
Auf Platz 2 wurde die Abkürzung „FU!“ gewählt – eine im Internet weit verbreitete, wenn auch bedauerlich fantasiearme Abkürzung für „Fuck You“. Man merkt den beiden diesjährigen Spitzenreitern den Drang zur schnellen Verständigung im Netz an. Der Wunsch knappe Kommentare zu hinterlassen ist offenkundig größer als der, wohlerwogene Besinnungsaufsätze zu schreiben. Die vier in der Jury anwesenden Jugendsprachler versicherten nachdrücklich und glaubhaft, dass beide Worte nicht nur netz-schriftsprachlich, sondern unter den Angehörigen ihrer Jahrgänge auch im mündlichen Gespräch gebräuchlich seien.
Yalla, Yalla!
Den dritten Rang erreichte das aus dem Arabischen stammende Wort „Yalla!“, das so viel wie „Beeil dich!“ oder “Dalli dalli!” bedeutet. Als Vater von drei in Frankfurt beheimateten Söhnen zwischen 16 und 22 Jahren kann ich mich für den Gebrauch dieses neuen Fremdwortes durch deutsche Muttersprachler verbürgen.
Die ersten drei Entscheidungen waren sicher gut und richtig, aber nicht sonderlich komisch. Ein nicht geringer Teil des öffentlichen Interesses, den das „Jugendwort des Jahres“ genießt, beruht nicht zuletzt darauf, dass etliche der Wortschöpfungen satirische oder kabarettistische Qualitäten haben. So war 2011 „Zwergenadapter“ als Synonym für „Kindersitz“ im Wettbewerb, 2010„Arschfax“ für „Unterhosenetiketten, die hinten aus der Hose hängen“ oder 2008 „Stockente“ für „Anhänger den Nordic-Walking-Sports“.
Wulffen, guttenbergen
Anschluss an diese großen Vorläufer findet die Konkurrenz 2012 vielleicht mit dem auf den 4. Platz gewählten Verb „wulffen“, das in Anspielung auf die Affäre um Ex-Bundespräsident Christian Wulff sowohl für „jemandem die Mailbox vollquatschen“, „lügen“ oder „auf Kosten anderer leben“ steht. Enge Verwandtschaft unterhält offenkundig es zu dem 2010 auf Platz 3 gewählten Verb „guttenbergen“, dass zumal im schulischen Umfeld gern als Stellvertreter für „abschreiben“ benutzt wurde (oder noch wird).
Auf Platz 5 schaffte es in diesem Jahr schließlich „Komasutra“, das den „versuchten Geschlechtsverkehr zwischen zwei sehr betrunkenen Personen“ intelligent auf den Begriff bringt, witzig ist und außerdem noch auf eine gewisse kulturhistorische Bildung der Nutzer schließen lässt.
Liken und schlampen im Netz
Wie groß die Bedeutung des Internets für die Jugendsprache inzwischen geworden ist, zeigt auch „Me Gusta“, die spanische Variante der netz-typischen Kommentarfloskel „Gefällt mir“. Die Wendung gehörte ebenfalls zu den meistgenannten Einsendungen und fand in den Diskussionen der Jury einige Fürsprecher, konnte sich auf dem Weg zu den Top-Five aber nicht durchsetzen. Auf der Liste der Einsendungen weit oben stand zudem der Begriff „Facebookschlampe“, der Facebook-User bezeichnen soll, „die unbekannte Leute als Freunde akzeptieren, um ihre Freundesliste zu vergrößern“. Ein Neologismus, der, was auf der Hand liegt, ohne das Internet nicht denkbar wäre, allerdings auch an das Verhalten im Netz gefesselt bleibt, da es in der analogen Welt Ähnliches kaum geben dürfte.
Der Begriff passt im übrigen, wie ich zugestehen muss, hervorragend auf mich, da ich mich im genannten sozialen Netzwerk exakt entsprechend der Definition einer „Facebookschlampe“ verhalte. Als mildernde Umstände darf ich vielleicht anführen, dass ich a) bislang nicht ahnte, dass solches Verhalten verpönt ist und b) meine Facebook-Seite vornehmlich beruflichen und nicht persönlichen Zwecken dient.
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Die Dichter des Zorns
Literatur über einen Erregungszustand: Zorn
Ein Radioessay
Für Literatur, die sich unübersehbar dem Wahren, dem Schönen, dem Guten verschrieben hat, gibt es kaum Rechtfertigungsprobleme. Es gehört zur vertrauten humanistischen Vorstellungswelt, dass die Arbeit der Dichter aufs Positive zielt. Man glaubt voraussetzen zu dürfen, dass es ihnen darum geht, ihre Leser zu bessern oder zu belehren, das Leben erfreulicher und die Welt glücklicher zu machen. Eine Literatur des Zorns passt nicht gut in dieses Bild. Doch solche braven Vorstellungen von Literatur sind nicht nur vorschnell, sondern gleich in doppelter Hinsicht falsch. Denn natürlich zielen die Dichter zum einen nicht nur aufs Positive, oft genug ist es ihren schlicht gleichgültig, ob sie mit ihren Büchern irgendjemanden bessern oder glücklicher machen. Zum anderen steht nicht fest, ob denn Zorn etwas Negatives ist.
Von der Ilias bis zu Goethe und Schiller, von Hölderlin und Kleist bis zu Kafka, Enzensberger und in den Gedichten von Robert Gernhardt hat der Zorn in der Literatur eine herausragende Rolle gespielt. Über das Thema habe ich einen Radioessay geschrieben, der heute im Deutschlandfunk gesendet wurde. Hier der Link zu der Audio-Fassung zum nachhören:
http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=1&broadcast=445216&datum=20121125&playtime=1353832248&fileid=624514a9&sendung=445216&beitrag=1929951&/
Und falls das nicht funktioniert, hier der Link zur Textfassung:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1929951/
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Lob und Preis für Sten Nadolny
Die Familie, ein Knäuel
Gestern erhielt Sten Nadolny für seinen Roman “Weitlings Sommerfrische” in Berlin dem mit 12.000 Euro dotierten Buchpreis der Stiftung Ravensburger. Ich durfte bei der Veranstaltung das Loblied auf Nadolny anstimmen, was ich mit großem Vergnügen tat, da ich Buch und Autor sehr mag. Hier die Laudatio in Textform:
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
was kann ich Ihnen berichten über einen Schriftsteller, der einen weltweit verehrten Vorkämpfer der Langsamkeit erfunden hat, diesen Helden in seinem Roman aber sterben lässt, weil es ihm nicht gelingt, seine Leute zu schnellst möglichem Handeln anzutreiben? Was kann ich ihnen sagen zu einem Romancier, der über den Gesellschaftsumbruch von 1968 einen deutschen Gesellschaftsroman mit türkischer Hauptfigur geschrieben hat? Was über einen Autor, dessen Romanheld Ole Reuter ein Ziel für sein Leben zu finden versucht, indem er sich mit Bundesbahn-Netzkarte auf eine Reise macht, die kein Ziel, sondern nur eine endlose Vielfalt von Verbindungen kennt? Und das gleich zwei Mal.
Dieser Schriftsteller, er heißt Sten Nadolny, ist offenbar ein Skeptiker, der sich sogar in unserer Epoche der Höchtsgeschwindigkeiten nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist ein Ironiker, für den das Sinnsuchen wichtiger ist als das Sinnfinden, ist ein Mann der paradoxen Interventionen, der viel zu viel weiß über das paradoxe Naturell des Menschen, als dass er auf eine so abwegige Idee verfiele, sie seien auf direktem Wege zu erreichen.
Vielleicht sollte ich Ihnen, meine Damen und Herren, berichten, dass dieser Schriftsteller, seinen 70. Geburtstag vor Augen, der sehr naheliegenden Versuchung widerstanden hat, eine Autobiographie zu schreiben. Und dass dieser Ironiker stattdessen den verständlichen Impuls, Lebensbilanz zu ziehen, genutzt hat, um davon zu erzählen, wie leicht es hätte geschehen können, dass er gar nicht er selbst, sondern ein ganz anderer geworden wäre. Eben kein Schriftsteller, sondern ein Richter. Also kein Mann des Erzählens, sondern ein Mann der Entscheidung, keiner des Beschreiben, sondern einer des Beschlusses.
Beides liegt nicht so weit auseinander, wie man im ersten Augenblick vielleicht vermutet. Er habe, erklärt uns jener fiktive Jurist, zu dem Sten Nadolny vielleicht geworden wäre, wenn er nicht Sten Nadolny geworden wäre, er habe den Beruf des Richters gewählt, „weil dort die Freude winkte, zu richtigen, angemessenen, klugen Urteilen zu kommen. Das traute“ er sich „zu, denn es war etwas für einen Zauderer, der nichts unbeachtet ließ, bevor er handelte.“ Klingt das nicht sehr nach dem realen, dem ganz und gar nicht fiktiven Schriftsteller Sten Nadolny, nach diesem Zauderer, der nur alle gefühlten zehn Jahre mal einen neuen Roman veröffentlicht, weil er nichts unbeachtet lässt, bevor er ein Buch aus der Hand gibt, dann aber rundum richtige, angemessene, kluge Geschichten abliefert.
Biographie. Ein Spiel
Nadolny treibt, wie schon sein Erzähler-Kollege Max Frisch, mit der Biographie ein Spiel. „Ich bin nicht Stiller“, erklärt Max Frischs berühmteste Romanfigur apodiktisch. Soviel Bestimmtheit passt nicht zu Nadolnys Held Weitling. Der würde eher mit sanftmütiger Überraschtheit fragen: „Wie? Ich bin nicht Richter Weitling?“ Bei Frisch nimmt der Zweifel an der Identität schnell eine kämpferische, dramatische oder gar tragische Klangfarbe an. Nadolnys Weitling dagegen kämpft fast gar nicht um seine Identität als Richter, sondern nur um die Frau, die er als Richter geheiratet hat – und sobald er mit ihr wieder zusammenlebt, scheint er seinen Identitätswechsel in eine andere, unbekannte Lebensgeschichte eher als Bereicherung, denn als Bedrohung zu empfinden.
Doch „Weitlings Sommerfrische“ ist nicht nur ein autobiographischer Roman, der die Regeln des autobiographischen Romans ironisch unterläuft. Das Buch zeigt außerdem, fast wie Romane aus Lateinamerika, die für ihren magischen Realismus gelobt werden, eine Freude an Ausflügen ins Fantastische oder Science-Fictionartige, wie sie in der deutschen Literatur nur selten ist. Es dürfte, vermute ich, Nadolny ein heimliches und zugleich unheimliches Vergnügen bereitet haben, in seinem Roman manche kleine Hommage an Hollywood-Blockbuster zu verstecken, bis hin zu den von Tommy Lee Jones und Will Smith gespielten „Men in Black“ samt ihrem bewusstseinsveränderndem Blitzdings.
Die Eltern lieben – und eine Rechnung offen haben mit ihnen
Vor allem aber ist „Weitlings Sommerfrische“ ein Familienroman, der den fast grenzenlosen Einfluss vorführt, den Familienkonstellationen auf Kinder haben. Wenn Richter Weitling einen Identitätswechsel erlebt hin zum Schriftsteller Weitling, dann weil sich während seiner Zeitreise in die eigene Jugend die Familienverhältnisse verändern, unter denen er aufwuchs. Nüchtern betrachtet, erzählt das Buch, das so leicht und vergnüglich daherkommt, von einer keineswegs immer leichten und vergnüglichen Kindheit. Sondern es erzählt von einer Mutter, die bei Kriegsende durch die Geburt eines zweiten, kranken Kindes überfordert ist und das erste Kind deshalb vorübergehend in ein Kinderheim gibt. Es erzählt von einem Vierjährigen, dessen Vertrauen nicht nur in die Mutter, sondern auch ins Leben während dieser Monate im Kinderheim einen spürbaren Knacks davonträgt. Es erzählt von einem, wie Nadolny schreibt, „sonderbaren Jungen“, der später dauerhaft schwankt „zwischen größenwahnsinnigen Träumen und tiefer Trübseligkeit“, der „krankhaft schüchtern“ und „ständig in irgendeiner Versagensangst befangen“ ist.
Kurz: Der Roman erzählt von einem Mann, der seine Eltern liebt, zugleich aber eine Rechnung offen hat mit ihnen. Wen sollte es wundern, wenn er einige seiner wesentlichen Lebensentscheidungen in Opposition zu ihnen trifft. Entwickelt sich der Vater beispielsweise zu einem erfolgreichen Schriftsteller, der Bestseller schreibt, vielfach gefeiert wird und Juristen mit seiner Verachtung verfolgt – dann entscheidet sich der Sohn zum Entsetzen des Vaters, Richter zu werden und verteidigt die Jurisprudenz ebenso scharfsinnig wie scharfzüngig gegen dessen Angriffe. Entwickelt sich dann aber in einem anderen Leben Weitlings seine Mutter zur Bestsellerautorin, die von ihren Lesern für ihre frohgemuten Familienromane ins Herz geschlossen wird, dann entscheidet sich der Sohn, nicht Richter zu werden, sondern Schriftsteller, um in seinen Romanen behutsam, aber doch übersehbar anzudeuten, dass es in Familien nicht immer so frohgemut zugeht, wie es die Mutter behauptete.
Zeitreise mit Blitzdings
Sicher, Nadolny ist nicht der erste Schriftsteller, der davon erzählt, wie unbeständig, schwer greifbar und ambivalent unser Ich ist. Aber da er das Ich seines Helden sowohl aus den Nährboden der Familie wachsen, als auch im Widerstand gegen die Familie sich entwickeln lässt, zeigt er uns Weitlings Werdegang in einem wunderbaren und delikaten literarischen Gleichgewicht: Nie ist Weitling nur das Produkt der Familienverhältnisse, andererseits aber auch nie frei von diesen Familienverhältnissen. Oder um es positiv zu formulieren: Nadolnys als Zeitreise getarnter meisterlicher kleiner Familienroman zeigt, was Familie ausmacht: Sie ist ein Knäuel ineinander verschlungener Schicksale, keines ohne die anderen denkbar, jedes von den anderen mitgeprägt und seinerseits die anderen mitprägend.
Das, meine Damen und Herren, auf gerade mal 200 Seiten, so anschaulich und spielerisch vorzuführen, wie Nadolny in „Weitlings Sommerfrische“, das ist eine immense erzählerische Leistung. Sie ist aller literarischen Ehren wert und wird heute mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger ausgezeichnet. Dazu möchte ich Sten Nadolny sehr herzlich gratulieren.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
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One More Shot: “Grrr!”
“GRRR!” ist da!
Okay, ich gebe zu, es ist keine Literatur und deshalb auf dem Büchersäufer-Blog nicht unbedingt am Platze. Aber es ist zweifellos ein Grund zur Freude: Soeben kam das neue Album der Stones “Grrr!” an. Wirklich neu sind nur zwei Tracks: “Doom And Gloom” und “One More Shot”. Aber das soll das Vergnügen an der Prachtbox nicht schmälern.
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Claire Vaye Watkins: Cowboys, Geister
“Mein Vater hat niemanden umgebracht”
Ihr Vater war die rechte Hand von Sektenführer Charles Manson. Nun zählt Claire Vaye Watkins zu den großen Hoffnungen der amerikanischen Literatur. Einige Erzählungen aus ihrem Band Geister, Cowboys zählen für mich zu den besten Short Stories, die in der letzten Zeit aus USA kamen
Jedes Mal, wenn ein Produzent zu ihr kommt, der das Leben ihres Vaters verfilmen will, lässt sie sich ins beste Restaurant ihrer Stadt einladen. Dort erzählt sie dann, was sie vom Vater weiß. Wie früh er starb, wie stark er auf Frauen wirkte – und dass er kein Mörder war.
Es ist gut, das klarzustellen. Denn ihr Vater war die rechte Hand von Charles Manson, jenes Sektenführers, dessen „Manson Family“ im Sommer 1969 in Kalifornien sieben Menschen ermordete. Darunter die schwangere Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau des Kinoregisseurs Roman Polanski (Tanz der Vampire, Der Pianist).
In einen dieser Filmproduzenten verliebt sie sich, er heißt Andy und hat ein unglaubliches Lächeln. Ihm erzählt sie buchstäblich alles über ihren Vater, über die Wüste Nevadas, in der er lebte, über ihre Mutter, die sich nach seinem Tod umzubringen versuchte. Schließlich küssen sich die beiden: „Ein Kuss, als wären wir ineinander hineingefallen.“ Dann aber schickt sie ihn weg, endgültig, denn sie weiß, zu einem so glücklichen, so heilen Menschen wie Andy wird sie mit ihrer Vergangenheit niemals passen.
Die Amerikanerin Claire Vaye Watkins, 28, hat sich die erste Geschichte ihres ersten Buches hautnah auf den eigenen Leib geschneidert. Ihr Vater Paul Watkins war tatsächlich der „chief lieutenant“ in Charles Mansons bizarrer „Family“. Doch beteiligt hat er sich an deren Morden nicht und vor Gericht gegen die Sektenmitglieder ausgesagt. Dennoch ist die Erzählung nicht schlicht autobiografisch, sondern zielt auf mehr: auf die Erfahrung, das naive Vertrauen zum Leben ein für alle Mal verloren zu haben und keinen Weg mehr zurückzufinden in die Welt unbeschädigter Menschen.
„Mein Vater starb, als ich sechs Jahre alt war. Meine erste Erinnerung ist sein Tod“, erzählt Claire Vaye Watkins im Gespräch: „Mein Verhältnis zu ihm war immer das einer Suche: Wer war er? Was für eine Art Mann war er? Seine Verstrickungen in die ,Manson Family’ war ein Teil dieser Suche, aber eben nur ein Teil.“
Fanfarenstoß aus voller Kehle
Man täte Geister, Cowboys, dem wunderbaren ersten Buch von Claire Vaye Watkins, übel Unrecht, rückte man allein die spektakuläre Familiengeschichte seiner Autorin in den Vordergrund. Der Band enthält zehn Erzählungen, von denen einige zu den besten amerikanischen Short Storys der letzten Jahre gehören. Als die Sammlung jetzt in den Vereinigten Staaten erschien, begeisterte sich die Kritikerin der ehrwürdigen New York Times: „Wenn die Bedeutung eines Debüts darin besteht, das Talent eines neuen Schriftstellers anzukündigen, dann ist ’Geister, Cowboys’ ein Fanfarenstoß aus voller Kehle.“
Fast alle Geschichten sind in der Wüstenlandschaft Nevadas angesiedelt, in der Claire Vaye Watkins aufwuchs, oder in Glitzerstädten wie Las Vegas und Reno, die aus der glutheißen Ödnis aufragen wie gigantische Ufos. Diese endlose Weite prägt die Figuren der Erzählungen. Das Gefühl, verloren und ohne jeden Halt zu sein, ist für sie immer nur einen kleinen Schritt entfernt.
Es sind Leute wie Manny, der schwule Chef eines Bordells irgendwo im Nirgendwo, der sich in einen jungen italienischen Kunden verliebt, aber dabei zusehen muss, wie eine seiner cleveren Prostituierten den Burschen über Tage hinweg systematisch ausnimmt und ihm schließlich das Herz bricht. Oder wie zwei blutjunge Mädchen, die auf die untaugliche Idee kommen, nachts 100 Meilen bis nach Las Vegas zu fahren, um dort ihren Liebeskummer mit ein paar wildfremden Jungs zu betäuben.
Seiltänzerin ohne Gleichgewicht
Die Fähigkeit von Claire Vaye Watkins, die unterschiedlichsten Charaktere glaubwürdig vor Augen zu rücken, ist beeindruckend. Fast alle erweisen sich als gefährdete Menschen, fast immer kommt das Gefühl von Schuld mit ins Spiel. Sie sind wie Seiltänzer, die ihr Gleichgewicht verloren haben und nun panisch ins Leere greifen, um irgendetwas zu finden, das sie retten könnte.
Manches davon kommt einem gar nicht spezifisch amerikanisch, sondern erstaunlich vertraut vor. Da sind Danny, Julie und Iris zum Beispiel, drei Jugendliche im Collage-Alter, die sich in ihrer ironischen Abgeklärtheit gegen alles gepanzert fühlen, was ihnen jemals gefährlich werden könnte. Für sie zählt nur die brillante Geste, die Coolness, die sarkastische Lässigkeit. Bis Iris sich in Danny verliebt und ihr die Sehnsucht keine ironischen Spielräume mehr lässt.
Die drei, sagt Claire Vaye Watkins, „machen eine Menge albernes Zeug, um sich dann brüsten zu können, albernes Zeug gemacht zu haben. Sie saufen auf Friedhöfen oder in Hochzeitskapellen, damit sie sagen können, dort gesoffen zu haben. Und zu unserem digitalen Zeitalter gehört, dass sie all ihre Heldentaten in Echtzeit fotografisch dokumentieren.“
Claire Vaye Watkins ist nicht nur eine großartige Erzählerin, sondern sie versteht sich auf die rare Kunst, das besondere Klima unserer Gegenwart in einigen ihrer Geschichten so zu verdichten, dass es sichtbarer, spürbarer wird, als es im Alltag ist. Sie erzählt dabei locker, unangestrengt, wie nebenher, und doch hat man, sobald man sich ihrem Buch anvertraut, das Gefühl, manche Dinge klarer zu sehen als zuvor.
Claire Vaye Watkins:
Geister, Cowboys. Stories
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Ullstein Verlag, Berlin 2012
299 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 9783550088827
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Marcel Reich-Ranicki
»Näher kann der Tod nicht kommen«
Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki spricht über seine Angst vor dem Sterben, darüber, warum er nicht an das Jenseits glaubt und was ihm das Wichtigste war in seinem Leben
Marcel Reich-Ranicki sitzt in seinem Wohnzimmer in einem hohen schwarzen Sessel. Hinter seinem Rücken ragt eine Bücherwand auf, die inzwischen halb Deutschland kennt aus den Fernsehinterviews mit ihm. Sakine, seine Haushälterin, hat uns Wasser gebracht und von Tosia Reich-Ranicki erzählt, die sie vor deren Tod im April 2011 hingebungsvoll betreute. Dann geht sie und schließt die Tür.
Uwe Wittstock: Herr Reich-Ranicki, vor mehr als einem Jahr starb Ihre Frau. Sie waren fast 70 Jahre verheiratet. Ist Ihnen der Gedanke an den Tod seither näher gekommen?
Marcel Reich-Ranicki: Nein. Wenn man wie ich über 90 Jahre alt ist, steht einem der Tod immerzu vor Augen. Noch näher kann er nicht kommen. Natürlich fehlt mir meine Frau, sie fehlt mir jeden Tag, jeden Augenblick. Es ist, als wäre ein Körperteil abgeschnitten.
Wittstock: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Marcel Reich-Ranicki: Ja, sehr. Aber die Formulierung der Frage missfällt mir. Ich fürchte nicht den Tod. Ich habe Angst vor dem Nicht-mehr Existieren.
Wittstock: Sie waren im Warschauer Ghetto als junger Mann stärker mit dem Tod konfrontiert als andere Menschen in ihrem ganzen Leben. Hat das Ihre Einstellung zum Tod verändert?

Uwe Wittstock: "Marcel Reich-Ranicki. Geschichte eines Lebens" Biographie. Pantheon Verlag. 287 Seiten, 11,90 Euro
Marcel Reich-Ranicki: Der Tod war eine reale Erfahrung im Ghetto. Wenn meine Frau und ich morgens aus dem Haus gingen, mussten wir über Leichen steigen, die auf den Straßen lagen. Sie wurden in offenen Holzkarren abgeholt. Tosia und ich lernten uns mit 19 kennen an dem Tag, an dem sich Tosias Vater im Ghetto an seinem Hosengürtel erhängt hatte. Er lag tot im Nebenzimmer. Tosia hatte ihn erst Minuten vorher entdeckt. Zwei Jahre später mussten wir uns von meinen Eltern Helene und David trennen, als sie aus dem Ghetto abtransportiert wurden. Wenige Tage darauf hörten Tosia und ich, dass sie in den Gaskammern von Treblinka ermordet worden waren. Der Tod ist für mich so etwas sehr Reales geworden.
Wittstock: Der Tod gehört zu den wichtigsten Themen der Literatur. Was kann man aus der Literatur über den Tod lernen?
Marcel Reich-Ranicki: Einem wirklichen Schriftsteller kann es gelingen, uns an den Tod zu erinnern. An unseren ganz persönlichen Tod. Jeder weiß, dass das Leben irgendwann endet. Aber selten machen wir uns klar, dass wir selbst es sind, die sterben werden. Während die Welt ungerührt weiterexistiert. Literatur öffnet uns manchmal für Momente die Augen für diese Wahrheit, vor der wir sie sonst zumeist schließen.
Wittstock: Hilft Ihnen die Literatur, um mit dem Gedanken an den eigenen Tod fertigzuwerden?
Marcel Reich-Ranicki: Mit dem Gedanken an den Tod kann man nicht fertigwerden. Er ist völlig sinnlos und vernichtend. Die Literatur hilft vielleicht dabei, sich das unvermeidliche Ende des Lebens bewusst zu machen. Aber damit fertigwerden? Es gibt Menschen, die sich selbst töten, wie Kleist, Tucholsky, Hemingway. Sie wollen nicht mehr leben. Aber ich bezweifle, dass sie mit dem Tod fertiggeworden sind. Sich mit dem Tod auszusöhnen ist unmöglich. Selbstmörder wählen den Tod, weil er für sie das kleinere Übel ist als ein unerträgliches Dasein.
Wittstock: Gibt es ein Buch über den Tod, das Sie besonders beeindruckt hat?
Marcel Reich-Ranicki:Viele große Schriftsteller erzählen vom Sterben. Stark berührt hat mich das Buch Der Tod des Iwan Iljitsch von Leo Tolstoi. Es ist kein Roman, sondern eine lange Erzählung. Aber wie Tolstoi darin die Gedanken eines Menschen einfängt, der tödlich erkrankt ist, eines Menschen, der nicht glauben will und kann, dass er selbst mit all seinen Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen sterben muss und dabei alles zerstört wird, was ihn ausmacht, das ist grandios. Tolstoi konnte die Seele, die Psyche des Menschen so genau beschreiben wie kaum ein anderer Schriftsteller. Er zeigt die Angst seines Helden Iwan Iljitsch, seine hilflose Wut, seine Ungläubigkeit, als er erfährt, dass er todkrank ist. Am Schluss beschreibt er, wie in einem drei Tage dauernden Todeskampf das Leben aus Iwan Iljitsch langsam und unaufhaltsam förmlich herausgepresst wird. Ein ungeheuerliches, unvergleichliches Buch.
Wittstock: Gibt es etwas, das über den eigenen Tod hinwegtrösten kann?
Marcel Reich-Ranicki: Nein. Es gibt nichts.
Wittstock: Wie stellen Sie sich das Jenseits vor?
Marcel Reich-Ranicki: Es gibt kein Jenseits. Es gibt kein Leben nach dem Tod. Also hat es auch keinen Sinn, sich das Jenseits auszumalen. Der Tod ist der Schlusspunkt.
Wittstock: Es gibt viele Beschreibungen des Jenseits in der Literatur: Dantes Göttliche Komödie oder Sartres Geschlossene Gesellschaft. Sibylle Lewitscharoff entwirft in ihren Romanen immer wieder Jenseits-Landschaften, in denen sich Tote bewegen.
Marcel Reich-Ranicki: Jetzt bringen Sie bitte nicht alles durcheinander: Die Göttliche Komödie stammt aus dem 14. Jahrhundert. Dante verwandelte hier Theologie in Literatur. Ob er wirklich an ein Jenseits geglaubt hat, steht auf einem anderen Blatt. Für Sartre war die Geschlossene Gesellschaft ein Gedankenspiel: Er wollte bestimmte philosophische Ideen in literarische Bilder umsetzen. Mit dem Glauben an ein Jenseits hat das nichts zu tun. Und wenn eine Autorin wie Sibylle Lewitscharoff heute glaubt, darüber schreiben zu müssen, wie es den Toten im Jenseits ergeht, dann ist das die Sache dieser Autorin. Ich möchte das nicht lesen.
Wittstock: Sie sind kein religiöser Mensch. Viele Religionen versprechen ein Weiterleben nach dem Tod. Würden Sie gern in einer Religion Trost finden?
Marcel Reich-Ranicki: Nein. Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Das ist Wunschdenken. Marx nannte Religion Opium fürs Volk. Es ist wichtig, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Auch wenn mir nicht gefällt, was ich sehe. Es hat keinen Sinn, sich selbst zu betrügen. Religion ist wie eine Brille, die den Blick auf die Wirklichkeit trübt, die bittere Realitäten hinter einem milden Schleier verschwinden lässt. Deshalb wehren sich die Anhänger der Religionen auch so vehement, diese Brille jemals abzusetzen. Aber für mich ist das nichts. Selbst im Ghetto habe ich versucht, die Dinge so zu sehen, wie sie sind und mir nichts vorzumachen.
Wittstock: Was tun Sie, um mit dem Gedanken an den Tod fertigzuwerden?
Marcel Reich-Ranicki: Man wird mit dem Gedanken an den Tod nicht fertig. Darüber sprachen wir schon. Der Gedanke daran ist eine Qual, daran ist nichts zu ändern.
Wittstock:Sie sind jetzt 92 Jahre alt. Wenn Sie Resümee ziehen, was war Ihnen das Wichtigste in Ihrem Leben?
Marcel Reich-Ranicki: Die Liebe, die Literatur, die Musik, meine Familie, meine Frau. Nicht immer in dieser Reihenfolge. Mal war das eine wichtiger für mich, mal das andere. So etwas wechselt, je nachdem in welcher Situation man ist.
Wittstock: Gibt es etwas, was Sie in Ihrem Leben versäumt haben?
Marcel Reich-Ranicki: Es gibt immer etwas, das man versäumt hat. Zumal in sexueller Hinsicht.
Wittstock: Gibt es etwas, das Sie gern noch tun möchten?
Marcel Reich-Ranicki: (Lange Pause) Vor allen Dingen möchte ich noch möglichst lange Zeit etwas tun können. Ich habe einmal gesagt, was mich am Tod vor allem schreckt, ist die Gewissheit, nicht mehr die Zeitungen des nächsten Tages lesen zu können. Ich möchte gern erfahren, wie es weitergeht. Ich möchte dabei sein. Ich will immer wieder die nächste Zeitung lesen. Aber das geht nicht, irgendwann ist Schluss.
Wittstock: Das Alter hat eine Menge Nachteile, das ist eine banale Feststellung. Aber hat das Alter aus Ihrer Sicht auch Vorteile?
Marcel Reich-Ranicki: Lassen Sie sich nichts erzählen von Altersweisheit oder Altersmilde. Das ist sentimentales Geschwätz. Das Alter ist fürchterlich. Es raubt einem nach und nach alles, was einem lieb und wichtig war, alles, worauf man glaubte, sich verlassen zu können. Philip Roth, der große amerikanische Schriftsteller, sagte einmal: Das Alter ist ein Massaker. Die Akademie in Stockholm soll sich schämen, dass sie ihm noch immer nicht den Nobelpreis gegeben hat. Roth hat Recht. Im Alter stehen wir einem übermächtigen Gegner gegenüber, wir sind allein und werden immer schwächer. Dieser Gegner, die Zeit, wird immer stärker, und sie vernichtet nach und nach immer mehr von uns, ohne dass wir uns wehren können, bis er uns schließlich ganz auslöscht. Einen Vorteil sehe ich da nicht.
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Rainald Goetz: Johann Holtrop
Von Ratten und Deppen
Hat Rainald Goetz seit 29 Jahren keinen Roman mehr veröffentlicht (also seit Irre von 1983)? Oder erst seit 24 Jahren (also seit Kontrolliert von 1988)? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Einig war man sich dagegen in den großen Erwartungen, als Goetz sein neues umfangreiches Prosawerk Johann Holtrop ankündigte. Bescheiden trat das Buch jedenfalls nicht auf, heißt es doch im Untertitel “Abriss der Gesellschaft”, fast so als wolle es nicht nur eine komplette Blaupause der Gesellschaft liefern, sondern ihr in gleichem Atemzug auch noch mittels Abrissbirne den Garaus machen. Um die Neugier der Leser zusätzlich zu reizen, wurde rechtzeitig gestreut, welche auffälligen Ähnlichkeiten der Lebensweg von Titelheld Johann Holtrop zeigt mit dem des Ex-Bertelsmann-, Ex-Acandor-Managers Thomas Middelhoff. Ist Goetz’ Buch also ein Schlüsselroman?
Natürlich ist das lustig. Natürlich stellt der Leser sich gern vor, alles sei so passiert. In seinem Roman Johann Holtrop bestätigt Rainald Goetz die üblichen Vorurteile über Industrielle, Spitzenmanager oder Finanzmagnaten gleich dutzendweise. Er erzählt die Geschichte seines Titelhelden so, dass sie in groben Zügen die Karriere Thomas Middelhoffs erkennen lässt. Jenes Middelhoffs, der als CEO den Umsatz der Bertelsmann AG verdoppelte, bevor er als Vorstandsvorsitzender KarstadtQuelle übernahm und sie unter dem klangvollen Namen Arcandor AG in den Abgrund zog.
Große Sympathien hat der selbstverliebt auftretende Middelhoff wohl nie genossen. Seit er wegen seiner Verstrickung in dubiose Finanzgeschäfte mit der Oppenheim-Esch-Gruppe zu einem Fall für die Staatsanwälte wurde, scheinen abträgliche Informationen über ihn öffentlich auf spürbare Genugtuung zu stoßen. Mit anderen Worten: Autor Goetz hat es sich nicht gerade schwer gemacht, wenn er in seinem Holtrop die urböse Fratze des Kapitalismus zu porträtieren versucht.
Ist das Buch ein Schlüsselroman? Wohl eher ein Schlüsselpamphlet. Gleich der Anfang bespiegelt die angebliche Lieblingsbeschäftigung fieser Bosse: Holtrop alias Middelhoff feuert 100 zähe Seiten lang als Chef von Assperg alias Bertelsmann einen altgedienten Mitarbeiter. Später dann treten der ergraute Firmenpatriarch Assperg („gestört“) samt Ehefrau Kate („böse und freiwillig dumm“) auf. Sie residieren im Provinznest Schönhausen, in dem, wer will, den Bertelsmann-Sitz Gütersloh sehen kann.
Weiter: Zwar heißt der fiktive Vorstand der Deutschen Bank Hombach, er erinnert aber an den realen Josef Ackermann. Ein halb blinder Medienzar namens Binz erlebt den Zusammenbruch seines Hauses, so wie es ähnlich dem halb blinden Leo Kirch geschah. Auf den letzten 20 Seiten haspelt Goetz dann noch lieblos ab, wie Holtrop das Firmenimperium einer gewissen Gabriele Heintzen ruiniert, deren Schicksal dem der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz gleicht.
Hinzu kommen fade Scherze: Hitler beispielsweise lässt Goetz „im Führerbunkerzimmer BERND EICHINGER mit seiner Munitionspistole vor seinen Generälen“ herumfuchteln. Ist es nicht reichlich albern, das Zimmer nach einem Produzenten zu benennen, der 60 Jahre nach Hitler einen Film über dessen Tod drehte? Und was ist eine Munitionspistole?
Psychologisch hat Goetz den Roman überaus simpel gestrickt. Alle auftretenden Spitzenkräfte betrachten sich als unübertreffliche Alphamännchen, die mit ihrem Ego spielend das Olympiastadion füllen könnten. Jeder Konkurrent ist in ihren Augen folglich rettungslos unterlegen und also wahlweise ein „Depp“, ein „absoluter Superdepp“, ein „Trottel“ oder auch mal eine „Ratte“.
Selbst seinem Helden Holtrop kann Goetz wenig abgewinnen. Er beschreibt ihn als „Blender“, der im Grunde von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Sobald konkrete Kenntnisse verlangt sind, zeigen sich sofort dessen offensichtliche „Inkompetenz, Hysterie, Fahrigkeit und sein in nichts fundierter Hochmut“.
Kurz: Goetz hat keine Geschichte über Menschen geschrieben, sondern eine über Schießbudenfiguren. Natürlich mag es mitunter lustig sein, wie er verbal auf sie einballert: ein Jahrmarktvergnügen. Aber kein Roman.
Rainald Goetz:
Johann Holtrop
Abriss der Gesellschaft
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
342 Seiten, 19.95 Euro
ISBN: 9783518422816
Five Questions for Claire Vaye Watkins
About Battleborn / Über Geister, Cowboys
“If debut collections are meant to announce the arrival of talented new writers, Battleborn is a full-throated bugle call”, wrote New York Times about the first book by Claire Vaye Watkins. In Germany her stunning book will be published this week titled Geister, Cowboys. For my review in Focus ( Nr. 37/12, 10.September 2012) I asked her five questions. Here are her answers:
Wittstock: Your father is Paul Watkins, who was a member of Charles Manson’s “Family.” How did your father’s life influence your writing?

Claire Vaye Watkins: "Geister, Cowboys". Stories. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Ullstein Verlag, 19,99 Euro
Claire Vaye Watkins: My father died when I was six years old. His death is my first memory. My relationship to him has been one of searching, wondering who he was, what kind of man he was. His involvement in the Manson Family was one part of the search process, but only one part. This is not unlike the way you construct a character. And for me, it has been an endless, fruitless search, because I will of course never know my father or know what kind of person he was. Good characters are like this, you are endlessly curious about them but they never fully reveal themselves.
Wittstock: How important is the feeling of being guilty for the characters of your stories?
Claire Vaye Watkins: The first thing I try to do is destabilize my characters. I figure if I can knock them off-kilter they might do something interesting. Guilt is one way to create an imbalanced equation both internally and externally, between characters. Another is to throw them into a new place; parenthood, a broken heart, a road trip with friends you secretly love. This is probably most intense for Joshua and Errol on “The Diggings”: they’re young, they’ve never left their family farm in Ohio, their father dies the same year gold is discovered in California and they light out Westward. They both struggle immensely. Joshua has a really terrible time adjusting to the goldfields. He’s afraid of the mountains, he misses his mother, he’s having to watch his brother descend into madness that he, Joshua, perhaps caused. There’s some element of this destabilization in every story: a young woman gets pregnant by the cokehead who broke her heart, a prospecting hermit finds a teenage girl left for dead in the desert, a family man comes upon debris that reminds him of a horrible incident from his youth. I work toward destabilization because it makes something happen–volatile people make interesting characters. Otherwise, I am not very good at making something happen. And we all have debts.
Wittstock: The landscape – especially the desert – of the american south-west is very important in your stories. Are the people of the south-west different than others?
Claire Vaye Watkins: When I write I start with place. Typically it’s an image that comes first. One image will get stuck in my brain, usually an image of the place. For one story, “The Past Perfect, the Past Continuous, the Simple Past,” I was thinking about the brothels near my childhood home, which my school bus used to pass every morning. It was the image of this really cutesy building–a Victorian painted pink and baby blue, with flower boxes and dormer windows, curlicue trim, a red light rotating atop the weather vane–sitting at the end of a very long road. I’ll carry an image around with me and it will attract others: the swath of the Milky Way cutting the sky, an albino peacock, a prostitute tanning by the pool ringed by pomegranate trees (they’re rarely subtle images, as you can see). I can see these quite clearly and the visions help me see what the character sees and get to know them that way. Though very often I don’t actually get started on the story until the language level comes to me. Eventually, after living with an image long enough, I’ll hear a few lines in my head–and I roll with those.
Wittstock: How important is the mythology of the Mojave desert for your writing?
Claire Vaye Watkins: In the desert place is mythology, and they’re both essential for my writing process. One of my professors at UNR once said, We are who we are because of where we are. I’ve carried that around with me for a long time. I can’t even begin to understand who a character is until I know where they are. Early on I decided each story would be set in Nevada, and I whittled the stories to more specificity from there. So it became not just Nevada, but a shack on the edge of the Black Rock Playa, or Lake Street in Reno, a tiny ranch in Verdi, a solo camping trip to the ghost town Rhyolite, car camping at Lake Tahoe with your ex-lover, controlling husband, and a newborn baby.
Wittstock: Danny, Julie and Iris in “Virginia City” do “funny, empty things” so they can be the “kind of funny empty people who do them.” They remind me to younger people I met in Berlin, Munich or Frankfurt. Do you think these three represent a special trait of this generation?
Claire Vaye Watkins: I’m certainly not the only person interested in the limits of cynicism, and irony, and hipness. David Foster Wallace’s suicide seems to have made this conversation essential. But those hipsters in “Virginia City” are not so unlike forty-niners playacting the adventures they read about in newspapers and pamphlets, or the kids in the Manson Family living on a movie set, doing things like having orgies at Denis Wilson’s house, to be able to say they’d done them. But of course the digital age has taken self-consciousness to an epic level. Iris and Danny and Jules aren’t just careening around Virginia City so they can say they did, they’re taking take pictures of themselves careening around Virginia City — drinking the the cemetery, drinking in the Silver Queen, drinking in the wedding chapel. They’re constantly documenting their exploits, sculpting and altering their narrative as they live it, almost in real time. Like many of us, everything they do has so many layers of performance that eventually neither they nor we can tell what they’re actually doing, what they’re actually feeling. The story is about the day when this is no longer enough. Is there anything authentic under all this obsession with authenticity?
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