Claire Vaye Watkins: Cowboys, Geister

“Mein Vater hat niemanden umgebracht”

Ihr Vater war die rechte Hand von Sektenführer Charles Manson. Nun zählt Claire Vaye Watkins zu den großen Hoffnungen der amerikanischen Literatur. Einige Erzählungen aus ihrem Band Geister, Cowboys zählen für mich zu den besten Short Stories, die in der letzten Zeit aus USA kamen

Jedes Mal, wenn ein Produzent zu ihr kommt, der das Leben ihres Vaters verfilmen will, lässt sie sich ins beste Restaurant ihrer Stadt einladen. Dort erzählt sie dann, was sie vom Vater weiß. Wie früh er starb, wie stark er auf Frauen wirkte – und dass er kein Mörder war.

Claire Vaye Watkins: "Geister, Cowboys". Stories. Ullstein Verlag, 19,99 Euro

Es ist gut, das klarzustellen. Denn ihr Vater war die rechte Hand von Charles Manson, jenes Sektenführers, dessen „Manson Family“ im Sommer 1969 in Kalifornien sieben Menschen ermordete. Darunter die schwangere Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau des Kinoregisseurs Roman Polanski (Tanz der Vampire, Der Pianist).

In einen dieser Filmproduzenten verliebt sie sich, er heißt Andy und hat ein unglaubliches Lächeln. Ihm erzählt sie buchstäblich alles über ihren Vater, über die Wüste Nevadas, in der er lebte, über ihre Mutter, die sich nach seinem Tod umzubringen versuchte. Schließlich küssen sich die beiden: „Ein Kuss, als wären wir ineinander hineingefallen.“ Dann aber schickt sie ihn weg, endgültig, denn sie weiß, zu einem so glücklichen, so heilen Menschen wie Andy wird sie mit ihrer Vergangenheit niemals passen.

Die Amerikanerin Claire Vaye Watkins, 28, hat sich die erste Geschichte ihres ersten Buches hautnah auf den eigenen Leib geschneidert. Ihr Vater Paul Watkins war tatsächlich der „chief lieutenant“ in Charles Mansons bizarrer „Family“. Doch beteiligt hat er sich an deren Morden nicht und vor Gericht gegen die Sektenmitglieder ausgesagt. Dennoch ist die Erzählung nicht schlicht autobiografisch, sondern zielt auf mehr: auf die Erfahrung, das naive Vertrauen zum Leben ein für alle Mal verloren zu haben und keinen Weg mehr zurückzufinden in die Welt unbeschädigter Menschen.

„Mein Vater starb, als ich sechs Jahre alt war. Meine erste Erinnerung ist sein Tod“, erzählt Claire Vaye Watkins im Gespräch: „Mein Verhältnis zu ihm war immer das einer Suche: Wer war er? Was für eine Art Mann war er? Seine Verstrickungen in die ,Manson Family’ war ein Teil dieser Suche, aber eben nur ein Teil.“

Fanfarenstoß aus voller Kehle

Man täte Geister, Cowboys, dem wunderbaren ersten Buch von Claire Vaye Watkins, übel Unrecht, rückte man allein die spektakuläre Familiengeschichte seiner Autorin in den Vordergrund. Der Band enthält zehn Erzählungen, von denen einige zu den besten amerikanischen Short Storys der letzten Jahre gehören. Als die Sammlung jetzt in den Vereinigten Staaten erschien, begeisterte sich die Kritikerin der ehrwürdigen New York Times: „Wenn die Bedeutung eines Debüts darin besteht, das Talent eines neuen Schriftstellers anzukündigen, dann ist ’Geister, Cowboys’ ein Fanfarenstoß aus voller Kehle.“

Fast alle Geschichten sind in der Wüstenlandschaft Nevadas angesiedelt, in der Claire Vaye Watkins aufwuchs, oder in Glitzerstädten wie Las Vegas und Reno, die aus der glutheißen Ödnis aufragen wie gigantische Ufos. Diese endlose Weite prägt die Figuren der Erzählungen. Das Gefühl, verloren und ohne jeden Halt zu sein, ist für sie immer nur einen kleinen Schritt entfernt.

Es sind Leute wie Manny, der schwule Chef eines Bordells irgendwo im Nirgendwo, der sich in einen jungen italienischen Kunden verliebt, aber dabei zusehen muss, wie eine seiner cleveren Prostituierten den Burschen über Tage hinweg systematisch ausnimmt und ihm schließlich das Herz bricht. Oder wie zwei blutjunge Mädchen, die auf die untaugliche Idee kommen, nachts 100 Meilen bis nach Las Vegas zu fahren, um dort ihren Liebeskummer mit ein paar wildfremden Jungs zu betäuben.

Seiltänzerin ohne Gleichgewicht

Die Fähigkeit von Claire Vaye Watkins, die unterschiedlichsten Charaktere glaubwürdig vor Augen zu rücken, ist beeindruckend. Fast alle erweisen sich als gefährdete Menschen, fast immer kommt das Gefühl von Schuld mit ins Spiel. Sie sind wie Seiltänzer, die ihr Gleichgewicht verloren haben und nun panisch ins Leere greifen, um irgendetwas zu finden, das sie retten könnte.

Manches davon kommt einem gar nicht spezifisch amerikanisch, sondern erstaunlich vertraut vor. Da sind Danny, Julie und Iris zum Beispiel, drei Jugendliche im Collage-Alter, die sich in ihrer ironischen Abgeklärtheit gegen alles gepanzert fühlen, was ihnen jemals gefährlich werden könnte. Für sie zählt nur die brillante Geste, die Coolness, die sarkastische Lässigkeit. Bis Iris sich in Danny verliebt und ihr die Sehnsucht keine ironischen Spielräume mehr lässt.

Die drei, sagt Claire Vaye Watkins, „machen eine Menge albernes Zeug, um sich dann brüsten zu können, albernes Zeug gemacht zu haben. Sie saufen auf Friedhöfen oder in Hochzeitskapellen, damit sie sagen können, dort gesoffen zu haben. Und zu unserem digitalen Zeitalter gehört, dass sie all ihre Heldentaten in Echtzeit fotografisch dokumentieren.“

Claire Vaye Watkins ist nicht nur eine großartige Erzählerin, sondern sie versteht sich auf die rare Kunst, das besondere Klima unserer Gegenwart in einigen ihrer Geschichten so zu verdichten, dass es sichtbarer, spürbarer wird, als es im Alltag ist. Sie erzählt dabei locker, unangestrengt, wie nebenher, und doch hat man, sobald man sich ihrem Buch anvertraut, das Gefühl, manche Dinge klarer zu sehen als zuvor.

Claire Vaye Watkins:
Geister, Cowboys.
Stories
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Ullstein Verlag, Berlin 2012
299 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 9783550088827

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