Die jüngste Mode im Literaturbetrieb: Romanverbot

Über die Gegenwart Schreiben? Nicht ohne meinen Anwalt!

Das Urteil gegen Maxim Billers Roman Esra hat einschneidende Folgen für alle Schriftsteller. Alleine 2011 konnten drei deutsche Romane nach juristischen Einsprüchen nur mit erheblichen Veränderungen erscheinen. Wer als Autor nicht aufpasst, wird verboten. Die Literaturfreiheit ist hierzulande in den letzten Jahren ein großes Stück kleiner geworden.

2007 hat das Bundesverfassungsgericht den Roman Esra von Maxim Biller endgültig verboten. Dabei handelte es sich nicht um einen Akt staatlicher Zensur, sondern um eine Abwägungs-Entscheidung zwischen zwei Grundrechten, nämlich dem Recht auf Kunstfreiheit (Artikel 5, Absatz 3, Satz 1 des Grundgesetzes: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“) einerseits und andererseits dem Schutz der Persönlichkeit, der sich ebenfalls aus dem Grundgesetz ableitet, nämlich aus Artikel 1, Absatz 1, der die Würde der Persönlichkeit für unantastbar erklärt, in Verbindung mit Artikel 2, Absatz 1, der jedem das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit zuspricht.

Das Esra-Urteil war bereitsunter den Verfassungsrichtern umstritten, drei Richter wandten sich in Sondervoten gegen die Entscheidung ihrer fünf Kollegen. Bei näherer Betrachtung erweist sich das Urteil als in sich widersprüchlich und lässt erstaunliche Argumentationsbrüche erkennen. Ich habe mich bemüht, die Probleme des Urteils in dem Essay Der Fall Esra. Ein Roman vor Gericht. Über die neuen Grenzen der Literaturfreiheit (Verlag Kiwi eBook extra, 16,99 Euro oder als Print on Demand) detailliert herauszuarbeiten.

Wie auch immer man zum Konflikt zwischen Literaturfreiheit und Persönlichkeitsschutz steht, der im Fall Esra höchstrichterlich verhandelt wurde – das Urteil der Verfassungsrichter eignet sich nicht dazu, auf einem so diffizilen Gebiet klare Verhältnisse und damit Rechtssicherheit zu schaffen. Dennoch ist es derzeit eine feste juristische Orientierungsgröße für alle entsprechenden Gerichtsverfahren und wird das auf heute unabsehbare Zeit bleiben. Erst wenn künftig ein ähnlich gelagerter Fall vor dem Verfassungsgericht verhandelt wird, können die dann zuständigen Richter andere juristische Akzente setzen.

Inzwischen zeigt sich, dass de Entscheidung im Fall Esra starke und unvorhergesehene Auswirkungen zuungunsten der Literaturfreiheit entwickelt. Allein 2011 mussten drei Romane vom Buchmarkt zurückgezogen werden, weil sie angeblich Persönlichkeitsrechte verletzten und mit juristischen Schritten gegen sie gedroht wurde: nämlich die Romane Das Da-Da-Da-Sein von Maik Brüggemeyer (Aufbau Verlag, Berlin 2011), Last Exit Volksdorf von Tina Uebel (Verlag C.H.Beck, München 2011 und Ein Traum von einem Schiff von Christoph Maria Herbst (Scherz Verlag, Frankfurt/Main 2010. Obwohl das Buch bereits im Dezember 2010 erschien, datiert die einstweilige Verfügung gegen den Roman vom 2. Februar 2011; siehe http://www.boersenblatt.net/412846/.)

Zugegeben, die drei Bücher sind von sehr unterschiedlicher künstlerischer Qualität, aber die Häufung der Fälle belegt, in welchem Maße die Bereitschaft von Privatpersonen zugenommen hat, gegen literarische Werke vorzugehen. „Als Schriftsteller, der über die Gegenwart schreibt, kommt man in Deutschland ohne Anwalt nicht mehr aus“, konstatiert Maik Brüggemeyer.

Doch abgesehen von dem Fall Christoph Maria Herbst wurden die Vorwürfe gegen diese Romane gerichtlich nie überprüft. Allein schon die Ankündigung von Unterlassungserklärungen oder einstweiligen Verfügungen gegen die Bücher reichten aus, Verlage und Autoren dazu zu bewegen, die Romane zurückzuziehen und weitgehend so zu verändern, wie es den Wünschen der möglichen Kläger entspricht. Doch darüber, ob die Romane tatsächlich Persönlichkeitsrechte verletzen, hat in diesen Fällen nie ein Richter oder ein unabhängiges Gericht entschieden.

Ein Grund dafür ist nicht zuletzt das Esra-Urteil. Seine inneren Unstimmigkeiten machen die entsprechenden Prozesse zu einem schwer kalkulierbaren Kosten-Risiko. Also verzichten die Verlage lieber auf einen Rechtsstreit und drängen die Autoren, ihre Bücher zu entschärfen. Die Autoren aber haben erst Recht kein Geld für Prozesse, zudem gehört zum üblichen Verlagsvertrag eine Klausel, in der jeder Autor versichert, mit seinem Buch keine Rechte Dritter zu verletzten. Im Falle einer Niederlage vor Gericht würde der Autor also vertragsbrüchig und sein Verlag hätte die Möglichkeit, ihn für die Prozesskosten verantwortlich zu machen. Was diese Entwicklung für eine Literatur in Deutschland bedeuten, die dezidiert gegenwärtige Themen und Typen zu ihrem Thema macht, liegt auf der Hand. Wenn schon die Drohung mit einer Klage ausreicht, um Autoren und Verlage einzuschüchtern, bleibt von der Freiheit der Literatur nicht viel übrig.

Überhaupt: die Kosten. In den hochgemuten Debatten um Literaturfreiheit einerseits und Persönlichkeitsschutz andererseits wird dieser elementare Punkt viel zu oft übergangen: Verlage haben nur seltenen die finanziellen Mittel, einen Rechtsstreit über den ganzen windungsreichen Instanzenweg hinweg durchzufechten. Selbst für große Verlage ist ein solcher Prozess, schon weil er in erheblichem Maße Arbeitskraft bindet, eine beträchtliche Belastung. Mit großer Sicherheit aber ist der Schriftsteller, dem durch die gegenwärtig üblichen Verlagsverträge die juristische Hauptverantwortung zufällt, das wirtschaftlich schwächste Glied in der Kette. Kein Wunder also, wenn die Bereitschaft unter Autoren wächst, im Zweifelsfall sorgsam erwogene ästhetische Intentionen zurückzustellen und ein Buch umgehend zu entschärfen, sobald es angegriffen wird.

Die Furcht vor Prozessen verändert die Literatur

So gewinnt die Furcht vor Rechtsstreitigkeiten immer mehr Einfluss auf die deutsche Gegenwartsliteratur. Um die mitunter nur heimlich wirksamen Mechanismen dieser Einflussnahme etwas deutlicher zu machen, möchte ich hier ein Beispiel etwas ausführlicher darstellen: Im Mai 2011 publizierte der in München lebende Schriftsteller Albert Ostermaier den autobiografischen Roman Schwarze Sonne scheine (Suhrkamp Verlag, Berlin 2011). Er berichtet darin von einem angehenden Schriftsteller, der ihm selbst in vielen Punkten zum Verwechseln ähnlich ist und einem Mönch, der auffällige Ähnlichkeiten mit Notker Wolf, dem höchsten Repräsentanten des Benediktinerordens zeigt.

Anfang der neunziger Jahre hat der junge Romanheld erste Gedichte geschrieben und träumt von literarischem Ruhm. Doch nach einer überstandenen Krankheit drängt ihn sein väterlicher Freund, der zugleich Abt des nahe gelegenen Benediktinerklosters ist, zu einer gründlichen Nachuntersuchung. Der Geistliche verfügt über beste medizinische Kontakte und empfiehlt eine geniale Ärztin, eine Virologin am Max-Planck-Institut: „Diese Frau ist ein Geschenk des Himmels“. Ihr vertraut sich der Nachwuchsdichter tatsächlich an, und das Ergebnis der Untersuchung ist niederschmetternd: Ein heimtückisches Virus hat ihn befallen, er wird in spätestens sechs Monaten tot sein, wenn er nicht sofort mit der Virologin zu einer Spezialtherapie nach USA aufbricht. Möglicherweise ist eine Lebertransplantation nötig.

Die Hiobsbotschaft versetzt den jungen Autor verständlicherweise in Panik, dennoch besteht er auf einer Kontrolluntersuchung durch einen weiteren Mediziner. Doch die braucht Zeit, wochenlang schwebt die Diagnose wie ein Todesurteil über dem Dichter. Schließlich stellt sich zweierlei heraus: Der junge Mann ist kerngesund und die angebliche Virologin gar keine Ärztin, sondern eine Möchtegern-Medizinerin, die ihr Studium nach dem sechsten Semester abgebrochen hat. In ein ungünstiges Licht gerät damit allerdings auch jener väterliche Freund, der die vermeintliche Ärztin und Virologin empfahl – zumal er ihr bereits etliche Klosterbrüder als Patienten zuführte und nach ihrer Entlarvung nicht juristisch gegen sie vorgeht.

So weit der Roman. In ihm hat Ostermaier diesem Geistlichen den Namen Silvester gegeben. Doch in einem Kapitel beschreibt er ihn näher, vor allem seine Neigung zu öffentlichkeitswirksamen Auftritten: Er werde, heißt es, „der rockende Abt“ genannt, da er gelegentlich in Mönchskutte mit einer Hard-Rock-Gruppe auftritt und auf der Querflöte Songs wie „Lokomotive Breath“ von Jethro Tull spielt. Der Hinweis ist deutlich: Notker Wolfs Auftritte als „rockender Abt“ mit der Gruppe Feedback sind von Kirchentagen und aus Talkshows bekannt. Sein Querflöten-Solo zu Locomotive Breath ist auf YouTube abrufbar. (http://www.youtube.com/watch?v=QZlmIJxMTIA) Zudem gibt es Verbindungen zwischen Ostermaier und Wolf. Wer ihre Namen gemeinsam in Internet-Suchmaschinen überprüft, stellt fest, dass beide Absolventen derselben Schule sind: des Rhabanus-Maurus-Gymnasiums im oberbayerischen St. Ottilien, das lange vom dortigen Benediktinerkloster getragen wurde.

Im Fall des verbotenen Romans Esra war es ähnlich: Autor Maxim Biller hatte über seine Heldin im Buch geschrieben, sie habe als junge Türkin einen Filmpreis erhalten. Mit diesen Angaben war über das Internet ihre Identität problemlos zu ermitteln. Dass Leser kaum je auf die Idee kommen, denkbaren Vorbildern für Romanfiguren per Suchmaschine auf die Spur zu kommen, konnte die Verfassungsrichter bei ihrer Entscheidung nicht beirren. Ihrer Ansicht nach reicht es bereits aus, wenn nur der engste Bekanntenkreis der Betroffenen sie im Roman wiederzuerkennen vermag.

Nach diesen Kriterien kann an der Identifizierbarkeit Notker Wolfs in Ostermaiers Roman wenig Zweifel bestehen. Dennoch blieb das Buch juristisch unbehelligt. Denn für ein Verbot müssten zwei Bedingungen erfüllt sein: Eine reale Figur wird erkennbar geschildert, und sie wird durch die Darstellung im Buch in ihren Persönlichkeitsrechten schwerwiegend verletzt. Doch Ostermaier hält sich im Roman bei allen Spekulationen darüber, welche Art von Verbindungen zwischen der Scheinmedizinerin und dem musizierenden Gottesmann bestehen könnte, auffällig zurück. Sein jugendlicher Held setzt hinter jede Vermutung über die Rolle des Geistlichen bei dem obskuren Zwischenfall immer wieder Fragezeichen. Die Motive des Klostervorstands bleiben damit in der Schwebe.

Mehr noch, Ostermaier schreibt über den Abt sogar ausdrücklich: „Hundertprozentig hatte er keine Pläne entworfen und dann den Gewinn geteilt oder abgerechnet, so war er nicht.“ Und die Überlegung, die Hochstaplerin und der Klosterchef hätten sich vielleicht als Herren über Leben und Tod der angeblich sterbenskranken Patienten gefühlt, gibt Ostermaier als Entwurf zu einem Thriller-Drehbuch aus, der seinem jungen Romanhelden durch den Kopf schießt. Also als eine Fiktion innerhalb der Fiktion des Romans. Das macht das Buch juristisch schwer angreifbar.

Anwälte entscheiden darüber, in welcher Form Romane erscheinen

Offenbar hat sich Ostermaier bei der Arbeit an seinem Roman rechtlich eingehend beraten lassen. Nach dem Esra-Urteil wurde gelegentlich die Befürchtung geäußert, künftig würden in den Verlagen nicht mehr nur die Lektoren, sondern in hohem Maße auch die Anwälte über die Form entscheiden, in der Romane erscheinen. Ostermaiers Schwarze Sonne scheine könnte dafür ein guter Beleg sein. Zeigt sich hier der Anfang einer juristisch zur Konfliktscheu gezwungenen Literatur, für die Romane zu einer nach rechtlichen Vorgaben beliebig formbaren Verfügungsmasse werden?

Parallel zu den Verfahren im Fall Esra wurde von Kritikern nicht selten behauptet, es sei für die Schriftsteller doch ein leichtes, ihre Figuren so zu verfremden, dass niemand sich in ihnen wiedererkennen und also auch niemand in seinen Persönlichkeitsrechten beeinträchtigt fühlen könne. Das mag sein, ob das aber in jedem Fall der literarischen Qualität der Bücher zuträglich ist, darf man bezweifeln. Es gibt mitunter sehr gute Gründe für einen Autor sich in seiner Literatur möglichst eng an das zu halten, was üblicherweise die Realität genannt wird.

Zum Beispiel Büchner

Nehmen wir zum Beispiel Georg Büchners Jahrhundertdrama Dantons Tod. Er hat darin nicht nur reale Personen unter ihren realen Namen geschildert, sondern ihnen auch über weite Strecken ihre real gesprochenen historischen Worte in den Mund gelegt. An ihrer Wiedererkennbarkeit kann juristisch kein Zweifel sein. Als Büchner sein Stück 1835 veröffentlichte, lebte Dantons Frau Louise Gély noch. Im Stück nennt Büchner sie Julie, lässt sie mit ihrem Mann in inniger ehelicher Vertrautheit ins Bett gehen und am Ende auf offener Bühne Selbstmord verüben. Beide Szenen wären nach heute geltender Rechtsprechung problematisch, Büchners Stück würde mit großer Sicherheit verboten. Auch das juristische Argument, Danton und Robespierre seien Personen der Zeitgeschichte bzw. Personen des öffentlichen Lebens, die ein öffentliches Interesse an Informationen aus ihrer Privatsphäre hinnehmen müssten, könnte das Drama vor dem Verbot nicht retten. Denn Dantons Frau stand nicht im öffentlichen Leben, hatte keine historische Funktion während der Französischen Revolution und war mithin keine Person der Zeitgeschichte. Zudem verletzen die beiden genannten Szenen nicht nur ihre Privat-, sondern ihre absolut geschützte Intimsphäre.

Dennoch war es aus ästhetischer Sicht richtig, dass Büchner wiedererkennbare reale Personen beschrieb. Es ging Büchner in Dantons Tod nicht um eine hypothetische Revolution, nicht darum, ein dramatisches Gedankenexperiment namens Revolution an imaginärem Ort, zu fiktiver Zeit mit erdachtem Personal durchzuspielen. Vielmehr zielte er auf literarische und intellektuelle Unmittelbarkeit, auf eine durch historische Tatsachen beglaubigte Dringlichkeit seines Stücks. Er wollte ein entscheidendes Kapitel europäischer Geschichte, den Beginn der politischen Moderne, in seinem geschichtlich verbürgten Verlauf aus der Perspektive eines desillusionierten Nachgeborenen darstellen. Kurz, er wollte aus Leben Literatur machen.

Büchners geniales Stück zeigt exemplarisch, dass es nicht notwendig Skandalgier, Leichtfertigkeit oder künstlerischem Unvermögen sind, die einen Schriftsteller dazu bringen, auf reale Personen als erkennbare Vorbilder für seine fiktiven Figuren zurückzugreifen, sondern dass es für solche ästhetischen Entscheidungen die besten, die überzeugendsten Gründe geben kann – Gründe, die einem Zeitgenossen des Autors vielleicht nicht sofort einsichtig sind. Die Glaubwürdigkeit von Dantons Tod, seine quälende historische Überzeugungskraft wäre geringer, hätte Büchner nicht auf geschichtlich verbürgte Fakten und Personen zurückgegriffen, hätte er nicht versucht, aus dem Leben Literatur zu machen. Auch wenn das auf Kosten der Persönlichkeitsrechte von Dantons Frau Louise Gély ging.

Vergleichbaren Ambitionen hat das Verfassungsgericht mit seinem Esra-Urteil ein erhebliches und in seiner Wirkung schwer kalkulierbares Hindernis in den Weg gestellt. Schriftsteller, die mit Büchnerscher Dringlichkeit und Direktheit ihre Gegenwart oder jüngere Vergangenheit zur Sprache bringen wollen, müssen heute in Deutschland mit beträchtlichen juristischen Widerständen rechnen.

Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, die Persönlichkeitsrechte seien heute in besonders großer Gefahr und müssten deshalb besonders nachdrücklich verteidigt werden. Das ist sicher richtig, aber die großen Gefahren für die Persönlichkeitsrechte gehen heute doch wohl von manchen Formen des Boulevard-Journalismus und von der enormem Macht sozialer Netzwerken wie Facebook aus, nicht aber von der Literatur.

Im Gegenteil, die Literatur braucht Verteidiger. Immer mehr Leser (auch Leser in Richterroben) scheinen in der Literatur nur noch einen zu Text geronnenen Abklatsch dessen sehen zu wollen, was der jeweilige Autor erlebt hat – und übersehen damit die eigentlich literarische, das Erlebnismaterial künstlerisch formende Arbeit des Autors. Es ist bis heute nicht einzusehen, weshalb nur so wenige Literaturkritiker, Verleger und Schriftsteller bereit waren, sich während der langen Esra-Prozesse öffentlich für die Interessen der Literatur einzusetzen und das Romanverbot als das zu bezeichnen, was es ist: ein Skandal.

Doch jetzt ist das Kind im Brunnen – und dort wird es bleiben, falls sich Verleger, Autoren, Kritiker, nicht dazu entschließen, künftig energischer für die Rechte der Literatur zu streiten. Ohne Konflikte wird der ehemals vorhandene literarische Spielraum nicht zurückzuerobern sein. Solange Bücher aber schon bei der Androhung juristischer Konflikte zurückgezogen und entschärft werden, ist hier keine Änderung in Aussicht.

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Andrea Maria Schenkel über ihren Kriminalroman “Finsterau”

Wirkliche Gerechtigkeit gibt es im normalen Leben kaum

Kleines Gespräch mit Andrea Maria Schenkel anlässlich des Erscheinens ihres vierten Romans “Finsterau”

Uwe Wittstock: Wie Ihre beiden Krimi-Bestseller Tannöd und Kalteis geht ihr neuer Roman „Finsterau“ auf einen autentischen Fall zurück. Lieben Krimi-Leser wahre Geschichten?

Andrea Maria Schenkel: Ich denke schon. Der Leser spielt bei jedem Wort mit dem Gedanken: War es wirklich so? Bei Finsterau ist der Anteil der historischen Fakten allerdings sehr gering.

Wittstock: Wie finden Sie die Fälle, die Sie in ihren Romanen verarbeiten?

Andrea Maria Schenkel: Ich habe ein Faible für alte Zeitungen. Für mich machen sie Vergangenheit lebendig. In ihnen finde ich meine Stoffe.

Wittstock: Reden Sie mit Zeugen der jeweiligen Fälle oder genügen Ihnen die Prozess-Akten?

Andrea Maria Schenkel: Nein, keine Zeugen. Für den neuen Roman hatte ich nur einen Zeitungsartikel. Daraus hat sich in meiner Phantasie die Geschichte entwickelt. Bei „Kalteis“ dagegen habe ich wochenlang im Staatsarchiv gesessen und alles über den Fall gelesen. Außerdem alles, was ich über Serienmörder finden konnte.

Wittstock: Hat Ihnen das auch bei Finsterau geholfen?

Andrea Maria Schenkel: Nein, gar nicht. Ein Roman entsteht ja nicht nur aus den Fakten der Handlung, sondern er braucht Atmosphäre. Für Finsterau musste ich zum Beispiel genau wissen wollen, wie man kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Land Wäsche gewaschen hat. Gar nicht so leicht, das zu recherchieren.

Wittstock: Wie Ferdinand von Schirach in seinen Büchern übt auch ihr Roman Kritik an Justiz-Verfahren. Ist das ein wichtiges Thema heute?

Andrea Maria Schenkel: Unbedingt. Die amerikanischen Fernsehr-Serien über Juristen vor Gericht vermitteln ein falsches Bild: Da sieht es immer so aus, als könnten die Richter Gerechtigkeit schaffen. Doch wirkliche Gerechtigkeit gibt es im normalen Leben kaum. Tatsächlich können Gerichte nur nach den Beweisen urteilen, die ihnen vorliegen – die sind aber oft missverständlich oder unvollständig. Dann kommt es Justiz-Irrtümern.

Wittstock: Sie benutzen oft Dialekt-Begriffe in ihren Romanen. Sie wirkt so sehr autenthisch. Aber viele Leser kennen diese Worte gar nicht.

Andrea Maria Schenkel: Sie kennen die Begriffe nicht, aber sie können sie verstehen beim Lesen. Ich will, dass die Figuren in meinen Büchern so reden, wie sie seinerzeit tatsächlich geredet haben könnten. Auch wenn manche Worte inzwischen ungebräuchlich sind. Aber so, wie ich diese Worte im Roman einsetze, sind sie immer verständlich und geben einer Geschichte ihren echten Klang.

Finsterau - Schenkel, Andrea M.

Andrea Maria Schenkel:
Finsterau. Roman
Verlag Hoffman und Campe, Hamburg 2012
124 Seiten, 16,99 Euro
ISBN: 9783455403817

 

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Schrecken und Schauder der literarischen Grenzüberschreitung

Der Lolita-Effekt

Welche Chancen haben Sex-Romane heute noch, Skandal zu machen? Das ist keine komplett nebensächliche Frage, denn Skandale sind ein beliebtes Mittel zur Auflagensteigerung. Wie so etwas mit politischen Unterstellungen funktionieren kann, hat jetzt die Affäre um Christian Krachts Imperium gezeigt. Aber geht das auch noch in Sachen Pornographie?

Die Heldin des Romans ist 16. Sie ist nachts in der Berliner Club-Szene unterwegs. Zwischendurch wird sie im Taxi vom Fahrer „drei Runden lang“ vergewaltigt. Prompt hat sie „starke multiple Orgasmen“. Danach plaudert sie mit dem Täter bei einer postkoitale Zigarette. So zumindest stellt sich Helene Hegemann das vor, die Autorin des Erfolgsromans Axolotl Roadkill“. Vergewaltiger dürften das Buch geliebt haben. Stickt es doch fort an der Legende, heimlich genössen es die Frauen, zum Sex gezwungen zu werden. Doch Skandal machte das Buch bezeichnenderweise nicht wegen der Kopulations-Szenen, sondern weil Passagen darin unter Plagiatsverdacht stehen.

Nicht durch Vergewaltigung, sondern auf anderm Weg erklimmt die Hauptfigur aus Charlotte Roches Bestseller Feuchtgebiete den Gipfel der Gefühle. Seit sie 15 ist betreibt sie „sehr erfolgreich Analverkehr“. Erfolgreich? „Sehr erfolgreich heißt für mich: kommen obwohl der Schwanz nur in meinem Arsch steckt und sonst nix berührt wird. Ja, da bin ich stolz drauf.“

Gleich in der ersten Szene von Helen Walshs Millie widmet sich die Titelheldin einer minderjährigen Prostituierten auf dem Friedhof. Millie ist 19, säuft, kifft, kokst und liebt harten lesbischem Sex. „Als ich meinen Mund in ihre Fotze tunke und mir der Geruch von Gummi ins Gesicht schlägt, finde ich in meine Rolle zurück. Gewissenlos. Als Freier. Ich drücke meine steife Zunge fest auf ihre Klitoris und massiere sie mit kurzen, entschlossenen Zungenschlägen, bis Leben in sie kommt.“

Gehen uns allmählich die Tabuzonen aus?

Die Geschichte der erotischen Literatur ist eine Geschichte des permanenten Tabu-Bruchs. Nichts für zarte Gemüter. Die Autoren wollen den Skandal – als Akt der Befreiung und als auflagensteigernde Gratiswerbung. Doch heutzutage drohen uns die Tabus auszugehen. Das Strafgesetzbuch ist gründlich liberalisiert und toleriert fast jede Spielart geschlechtlicher Betätigung. Dazu spült das Internet jedem, der es möchte, Pornographie in allen denkbaren Varianten auf den Bildschirm. Schrecken und Schauder der Grenzüberschreitung werden so immer seltener. Bleibt die Pädophilie als eine der letzten, juristisch zurecht streng befestigten und also eklatversprechenden Sperrzonen.

Folglich sollte es niemand wundern, wenn in den einschlägigen Skandalromanen der letzten Jahre Sex mit Minderjährigen oft und gern eine Hauptrolle zugeteilt wird. Hier kann noch mit absatzsteigernder Empörung gerechnet werden. Hegemann, Roche, Walsh sind beileibe keine Einzelfälle. In Inzest erzählt Christine Angot von der erotischen Beziehung zu ihren Vater. Bret Easton Ellis stürzt den Helden seines Romans Imperial Bedrooms gegen Ende in eine Orgie mit einem jugendlichen Prostituierten-Pärchen. Und Nicolas Jones-Gorlin brachte mit Rose bonbon, den fiktiven Bekenntnissen eines Pädophilen, den französischen Kinderschutzbund so sehr gegen sich auf, dass seiner Roman im Buchhandel nur noch in Folie eingeschweißt angeboten werden durfte.

Auch im letzten Jahr erschienen zwei Romane, die auf ähnlichen Pfaden wandeln: Jamuna Devis Debütroman Jamuna erzählt von einer sechzehnjährigen Berlinerin mit orientalischen Wurzeln, die bei einem Escort-Service anheuert. Und in Tiger Tiger schreibt sich die Amerikanerin Margaux Fragoso ihr Schicksal von der Seele: Als Siebenjährige lernte sie einen Mann von gut fünfzig Jahren kennen, der bald darauf und auf Jahre hinaus ihr Liebhaber wurde.

Wenn Weltliteratur Skandal macht: Lolita

Die Literatur hat der fatalen Leidenschaft für elfenhaft junge Mädchen ihr Kennwort geliefert: Lolita von Vladimir Nabokov erschien 1955 in einem Pariser Kleinverlag, nachdem sich im puritanischen Amerika kein Verleger fand, der den Roman herauszubringen wollte. Sein Held Humbert Humbert ist 37 und der zwölfjährigen Dolores, Kosename: Lolita, verfallen. Um ihr nahe zu sein, heiratet er deren Mutter. Als die bei einem Unfall stirbt, macht er das nun schutzlose Mädchen zu seiner Geliebten.

Der Roman wurde ein weltweiter Skandal und ein weltweiter Erfolg. Im Gegensatz zu den vielen Büchern, die sich so sensationslüstern wie grobschlächtig über das finstere Thema Pädophilie hermachen, näherte sich ihm Nabokov mit hellster literarischer Intelligenz und sprachlicher Artistik. Heute zählt Lolita unumstritten zu den größten Romanen des 20. Jahrhunderts. Er erzählt nicht nur von Humbert Humberts Besessenheit, sondern mindestens ebenso sehr von deren ruinösen Folgen für Opfer und Täter: Beider Leben ist am Ende zerstört.

Doch ging es Nabokov nicht darum, seinen Lesern Moral zu predigen, sondern der Wirkungsweise unseres Begehrens an einem Extrembeispiel auf die Spur zu kommen: Denn natürlich ist Lolita gar nicht die verzaubernde „Nymphe“, die Humbert Humbert in ihr sieht. Er verklärt sie, wie so viele den geliebten Menschen verklären. Genau das ist aber in seinem Fall ein Verbrechen: Er gibt dem Kind, dem Mädchen Dolores, nie eine Chance sie selbst zu sein, sondern macht sie zu verführerischen Lolita, zur Projektionsfläche seiner Leidenschaften.

Dieser dämonische Mechanismus der Liebe wurde nie genauer dargestellt als in diesem Buch. Schon deshalb ist Lolita zu Recht zu einer weltweit geläufigen Chiffre geworden. Doch richtig verstanden steht sie nicht für die Verführungskraft junger Mädchen, sondern für die Grausamkeit, im geliebten Menschen nicht den zu sehen, der er ist, sondern den, nachdem es einen verlangt. Von solcher psychologischer Hellsicht und Darstellungskraft können die Skandalromane unserer Tage, die vom Lolita-Effekt zu zehren versuchen, nur träumen.

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Vor den Vätern sterben die Söhne

Die Literatur bleibt rätselhaft

Warum haben die jungen Männern in aktuellen DDR-Familienromanen so schlechte Überlebenschancen? In wenigen Monaten sind gleich fünf Bücher erschienen, die sich zumindest in einem Punkt erstaunlich ähnlich sind: Die Mädchen kommen davon, die Jungs nur sehr viel seltener.

Es ist nicht nur bemerkenswert, wie viele Romane über DDR-Familien in jüngster Zeit erschienen sind. Noch bemerkenswerter finde ich, wie schlecht es in diesem Büchern insbesondere den Söhnen ergeht.

  • In Angelika Klüssendorfs Roman Das Mädchen werden Bruder und Schwester von der trunksüchtigen Mutter zwar gleichermaßen schlecht behandelt, beschimpft, vernachlässigt oder verprügelt. Doch der Junge läuft – auf Anregung des Mädchens – gern knapp vor fahrenden Autos über die Straße, um sie zu Vollbremsungen zu zwingen. Einer der Fahrer bremst zu spät, woraufhin der Bruder den Rest des Buches geistig behindert durchzustehen hat.
  • Das Mädchen - Klüssendorf, Angelika
  • Vernachlässigt werden Bruder und Schwester auch in Julia Francks Roman: Rücken an Rücken. Doch den Jungen treibt die Kälte, mit der die Mutter beide Kinder behandelt, schließlich in den Doppel-Selbstmord mit seiner Freundin.
  • Rücken an Rücken - Franck, Julia
  • In Eugen Ruges Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts werden beide Söhne der treu stalinistischen Eltern ins sowjetische Arbeitslager verbannt – und nur einer von ihnen überlebt. Die historischen Tatsachen in der Familie Ruge liegen etwas anders: Wie mir Eugen Ruge erzählte, haben sowohl sein Vater als auch sein Onkel Jahre im GuLag zugebracht, kamen aber beide davon. Doch angesichts der hohen Sterbequote in den Lagern war das in Ruges Augen für die Familie eine unfassbar glückliche Wendung. Folglich hat er, um der literarischen Glaubwürdigkeit Willen, in seinem Buch dem einen der beiden Söhne das Lebenslicht frühzeitig ausgeblasen.
  • In Zeiten des abnehmenden Lichts - Ruge, Eugen
  • Auch André Kubiczeks Roman Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn hat unverkennbar autobiographische Züge. Hier ist ein aufrechter SED-Parteisoldat zunächst mit einem Flüchtlingsmädchen aus Laos verheiratet und hat zwei Söhne. Die Frau stirbt früh an Krebs. Eines Nachmittags achtet der ältere Bruder nicht genau genug auf den jüngeren, woraufhin der mit dem Fahrrad verunglückt – und eine geistige Behinderung davonträgt. Doch nicht für lange, denn die DDR-Medizin trägt dazu bei, ihn durch Therapie-Versuchen bald schon unter die Erde zu bringen.
  • Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn - Kubiczek, André
  • Besonders gründlich schlägt das Schicksal in Marion Braschs Familienbericht Ab jetzt ist Ruhe zu. Der stellvertretende Kulturminister Horst Brasch hat drei Söhne und eine Tochter. Seine Frau stirbt wie in Kubiczeks Roman früh an Krebs. Die drei Söhne Klaus (1980), Peter (2001) und Thomas (2001) sterben an Alkohol oder anderen Suchtstoffen und -schäden.
  • Ab jetzt ist Ruhe - Brasch, Marion

Zwei Unfälle mit einschneidenden geistigen Folgen, zwei krebstote Mütter, ein Doppelselbstmord und insgesamt sechs tote männliche Familiensprösslinge in nur fünf Romanen. Wenn man in Rechnung stellt, dass alle fünf Bücher zwischen September 2011 und Februar 2012 veröffentlicht wurden, ist das schon eine erstaunliche Häufung. Zudem gehen – von Ruges Onkel einmal abgesehen – alle diese Toten nicht auf das Konto der literarischen Fantasie der Autoren. Was das Ganze zu einer verdammt traurigen Angelegenheit macht.

Wie kommt es zu einer solchen literarischen Häufung? Ich habe keinen blassen Schimmer. Natürlich fällt einem sofort die suggestive Titel-Formel des erwähnten Thomas Brasch ein, der mit Blick auf die festgefahrenen ideologischen Zustände in der DDR seinen ersten Erzählband Vor den Vätern sterben die Söhne nannte. Vielleicht nahmen die Generationskonflikte dort, verschärft durch die diktatorischen Gesellschaftsverhältnisse, tatsächlich schneller eine tödliche Gnadenlosigkeit an.

Doch in Angelika Klüssendorfs Buch ist von den politischen Zuständen und Engstirnigkeiten des Landes fast gar nicht die Rede. In Ruges Roman gehört weder der tote noch der überlebende Bruder, als sie ins Lager verbannt werden, zur Opposition gegen Stalin. Und auch die Brüder in Kubiczeks Familiengeschichte tragen letztlich keine größeren ideologischen Streitigkeiten mit dem Vater aus.

So überzeugend Thomas Braschs Formel im ersten Moment klingt, sie trifft die Sache letztlich nicht. Andere Thesen zu dieser Häufung toter junger Männer im DDR-Familienroman aus dieser und der vergangenen Saison fallen mir aber derzeit nicht ein. Hat jemand Vorschläge? Die Literatur bleibt rätselhaft.

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Deutsche Buchbrache im Tsunami?

Nicht immer flüssig, aber auch nicht überflüssig

Weltbild braucht einen neuen Eigentümer. Um Thalia gibt es Verkaufsgerüchte. Zusammen bringen beide Unternehmen 25 Prozent des gesamten Branchen-Umsatzes auf die Waage. Wie groß sind die Sorgen wirklich, die sich die Buchhändler angesichts solcher Zahlen machen müssen? Vier Fragen an Hartmut Falter, Chef der drittgrößten Buchhandelskette Mayersche.

Zum Start der Leipziger Buchmesse ein Seitenblick auf die aktuelle Lage des Buchhandels

Literaturkritiker sind üblicherweise keine Fachleute für betriebs- oder gar volkswirtschaftliche Fragen. Keine Schande also, wenn sie sich bei Kennern der Materie über die aktuelle Lage der Buchbrache aufklären lassen.

Je größer, umso besser – schien lange die simple Rechnung der Buchhandelsketten zu lauten. Doch seit E-Books und Buchkauf per Internet immer wichtiger werden, wirken die Buchverkaufspaläste in den Innenstädten oft wie Dinosaurier kurz vorm Aussterben.

Der gesamte deutsche Buchmarkt verzeichnet einen Umsatz von knapp zehn Milliarden Euro. Rund 1,6 Milliarden davon gehen auf das Konto der Augsburger Verlagsgruppe Weltbild, von der sich der Eigentümer, die katholischen Kirche Deutschlands, seit November „ohne Verzug“ trennen möchte. Seit ein paar Wochen sind Gerüchte im Umlauf, auch die knapp 300 Buchhandlungen der Kette Thalia mit 900 Millionen Umsatz stünden zum Verkauf.

Grob gerechnet – und ein Wirtschafts-Laie wie ich darf vielleicht etwas gröber rechnen – sehen damit derzeit 25 Prozent, also ein glattes Viertel des Buchmarkts, einer unklaren Zukunft entgegen. Der Buchhandel sei, sagte Thalia-Chef Michael Busch kürzlich eine „Branche im Tsunami“.

Um mehr zu erfahren, habe ich also einen Kenner der Materie gefragt: Hartmut Falter, ist Chef der Mayerschen, die mit knapp 50 Filialen, rund 1000 Angestellten und ca. 175 Millionen Jahresumsatz die drittgrößte Buchhandelskette in Deutschland ist. Falter sieht die Lage des Buchhandels lange nicht so düster, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat – und geht die Probleme mit erfrischendem Pragmatismus an.

Uwe Wittstock: Wie können die Buchhandelsketten mit großflächigen Filialen auf den Trend zum E-Book bzw. zum Internet-Versand reagieren?

Hartmut Falter: Durch ein hohes Maß an Flexibilität und Intelligenz – schauen Sie vergleichsweise, wie die Automobilindustrie auf die E-Mobilität reagiert. Im unserem speziellen Fall heißt das u.a.: Ständige Sortimentsoptimierung und eigene E-Commerce-Aktivitäten. Wir haben enorme Zuwachsraten im Internet und profitieren vom Multichannel-Ansatz.

Wittstock: Im vergangenen Jahrzehnt hieß es immer, die kleinen und mittleren Buchhandlungen seien in der Existenz bedroht. Können sie den kommenden Umbrüchen gelassener entgegen schauen als die Ketten?

Falter: Die Großen stehen natürlich automatisch im Rampenlicht. – Die Situation fordert allerdings die gesamte Branche, unabhängig von ‘Groß’ oder ‘Klein’. Die mediale Diskussion ist hysterisch und entspricht nicht dem derzeitigen Kundenverhalten.

Wittstock: Erwarten Sie durch illegale Downloads von E-Books ähnliche Umsatzeinbrüche auch dem Buchmarkt, wie sie die Musikindustrie auf ihrem Markt in den letzten Jahren erlebt hat?

Falter: Kurz gesagt: Nein.

Wittstock: Wenn große soziale Netzwerke wie Facebook oder Suchmaschinen wie Google künftig Bücher vertreiben und verlegen – werden dann nicht sowohl die alten Verlage als auch der traditionelle Buchhandel weitgehend überflüssig?

Falter: Nein. Die sozialen Netzwerke sind ein “Heimspiel” für Unternehmen, die – so wie wir – von den Kunden als kulturelle Institution vor Ort gesehen werden.



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Christian Kracht zu Gast bei Susan Sontag

Der Nackte, seine Nüsse und der Zwang zur Ironie

Sicher, Christian Kracht predigt kein rechtes Gedankengut. Aber ist sein Imperium deshalb schon ein guter Roman? Und warum findet Kracht es chic, sich per Mail mit lauter politischen Wirrköpfen zu beschäftigen? Vielleicht hat Susan Sontag darauf eine Antwort.

Nun wird schon eine ganze Weile diskutiert über Christian Krachts Imperium und noch immer ist niemand auf die Idee gekommen, die Rechtsradikalen vor dem Buch zu warnen. Mir scheint das dringend nötig. Denn falls sie den Roman auf Empfehlung den Krawall-Kritikers Georg Diez kaufen, werden sie mächtig enttäuscht sein. Ich sehe Wehrsportgruppen mit Glatzen und Springerstiefeln vor mir, die ratlos in dem Buch blättern und nach den von Diez versprochenen „rechten Gedanken“ Ausschau halten. Und dann auf die Vision einer „mit dem indischen Sonnenkreuze eindrücklich beflaggten“ Münchner Feldherrnhalle stoßen, in der sich „alsdann ein kleiner Vegetarier, eine absurde schwarze Zahnbürste unter der Nase“, wichtig tut.

Wie Diez auf den Gedanken kam, ausgerechnet den Autor eines Romans, in dem Hitler derart abfällig präsentiert wird, mit Donnergrollen in der Stimme einen „Türsteher der rechten Gedanken“ (Spiegel vom 13. Februar) zu titulieren, dürfte sein Geheimnis bleiben. Zugegeben, rechtes Denken erschöpft sich nicht in Hitler-Verherrlichung. Aber auch rechte Intellektuelle, die sich für landläufigen Nationalsozialismus oder Faschismus zu fein sind, kommen in Krachts Roman nicht auf ihre Kosten. Zumindest, wenn man unter rechtem Denken die Rechtfertigung völkischer, nationalistischer, biologistischer, antisemitischer oder sonstwie rassistischer Argumente versteht.

Imperium - Kracht, Christian

In Krachts Roman werden solche Denkmuster vorgeführt, weil sie zu der Zeit um 1900, von der das Buch erzählt, gang und gäbe waren. Doch was der Erzähler darüber hinaus von seinen Figuren berichtet, ist für die Mitglieder keines Volkes sonderlich schmeichelhaft: Deutsche Kolonialherren treten als moralisch verkommene Säufer auf, Franzosen als „petit bourgeois“, die noch mehr trinken, dazu einige besoffenen Amerikaner und Australier als barbarische Schläger oder herzlose Kapitalisten. Ein Tamile erweist sich als Hoteldieb und ein Helgoländer als Kinderschänder,. Indische Arbeiter auf den Fidschi-Inseln werden als leichtgläubige Sekten-Anhänger vorgeführt und die eingeborenen Südsee-Insulaner als gemütliche Menschenfresser.

Unvoreingenommenen Leser dürfte es schwer fallen, aus all dem spezifisch rechte, nationalistische Ideen des Erzählers herauszulesen. Eher ließe sich auf eine recht umfassende Menschen- und spürbare Alkoholikerverachtung schließen.

Zur Ironie verdammt

Wenn Georg Diez dazu noch den fingerdick aufgetragenen ironischen Ton nicht nur im Imperium, sondern auch in Krachts und David Woodards Email-Buch Five Years überhörte (oder überhören wollte), stärkt das mein Vertrauen in seine literaturkritischen Fähigkeiten nicht. Sein nachgeschobener Rechtfertigungsversuch (Spiegel vom 20. Februar 2012), er könne das Imperium Krachts „nicht mehr mit der Brille der Ironie lesen“, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil. Denn es wäre mehr als halsbrecherisch, sich einer Figur wie August Engelhardt ironiefrei zu nähern. Nicht allein weil dessen Idee, er könne durch Nacktheit, Sonne und Kokosnüsse die Welt erlösen und Unsterblichkeit erlangen, milde formuliert ziemlich extravagant ist. Sondern weil jedwede Welterlösungsprogramme inzwischen nur noch eine sehr relative Überzeugungskraft entfalten.

Wir sind heute solchen Programmen gegenüber zur Ironie verdammt. Denn die Moderne besitzen keine letzten Gewissheiten, die für jedermann verpflichtend wären, weder im religiöser noch in weltanschaulicher Hinsicht. Wer die Augen nicht verschließt vor der Gegenwart, ist sich bewusst, dass grundverschiedene Glaubenswahrheiten und politische Überzeugungen gute Gründe für sich ins Feld führen können. Diese Überzeugungen liegen permanent miteinander im Wettstreit, ohne je einen alleinseligmachenden Sieger zu ermitteln. Also sollte jeder, der einen Standpunkt bezieht, sich und anderen eingestehen, dass es auch andere Standpunkte gibt, die mit gleichem Recht bezogen werden können, und er also nicht umhin kommt, den eigenen mit einer gewissen relativierenden Distanz, sprich: mit Ironie zu betrachten.

Das verleiht dem Denken der Moderne eine eigentümliche Bodenlosigkeit und Verbindlichkeitsarmut. Alles wirkt so unbestimmt und gut wattiert. Doch eine Epoche kann sich ihren geistesgeschichtlichen Ort nicht aussuchen. Es bleibt ihr nur, sich ihm zu stellen. In der modernen Literatur, der deutschen zumal, wird dabei gern der schmerzliche Nachteil betont, dass Einzelne sich nicht mehr in einem allgemein akzeptierten (göttlichen oder weltanschaulichen) Heilsplan geborgen fühlen kann. Auch in Krachts Romanen, vor allem in 1979, wird die Sehnsucht haltloser westlicher Wohlstandsbürger nach dem Aufgehobensein in umfassenden, totalitären Systemen spürbar. Dagegen findet der offenkundige Vorzug der politischen Moderne, die den Einzelnen vom Zwang zur Einordnung in Heilspläne oder Ideologien weitgehend befreit hat, literarisch viel seltener die angemessene Aufmerksamkeit.

Sonnenkult und Sonnenkreuz

Umso befremdlicher ist es, wenn Georg Diez wie ein trotziges Kind mit dem Fuß aufstampft, und Kracht mit mühsam aus dem ironischen Zusammenhang des Imperiums gerissenen Sätzen „antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken“ vorwirft. Nüchtern betrachtet, zeichnet Kracht seinen Held Engelhardt als naiv verstiegenen, ebenso bedauerns- wie liebenswerten Wirrkopf. Als einen unbedarften Nachfolger jener hochbegabten Romantiker um Novalis, Brentano, die Brüder Schlegel oder Eichendorff, die bereits hundert Jahre vor Engelhardts Aufbruch in die Südsee die fundamentale Fundamentlosigkeit der Moderne literarische vermaßen – und als Spätromantiker schließlich Zuflucht in den Armen der Kirche suchten.

Doch Engelhardts „Sonnenkult“, mit dem er seiner Zeit ein neues geistiges Fundament (oder eine neue Mythologie, wie es in der Sprache der Romantiker heißt) verschaffen will, blieb historisch folgenlos. Wogegen es dem ebenso verqueren Kult ums „indische Sonnenkreuz“ des vierzehn Jahre jüngeren Adolf Hitler gelingt, totalitäre Macht zu entfalten und alle Nicht-Kultgläubigen (sowie alle, die der Kult zu „Untermenschen“ erklärt) mit dem Tod zu bedrohen. Die Ursachenforschung zu diesem weltpolitischen Desaster füllt mittlerweile Bibliotheken.

Was Diez auf Teufel komm raus als Skandal hinstellen will, folgt also durchaus einer gewissen historischen Logik. Aus entsprechendem geistesgeschichtlichem Abstand betrachtet, lassen sich in Engelhardts Geschichte tatsächlich, wie Kracht schreibt, „manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier“, (also zu Hitler) ausmachen. Rigoristen der politischen Korrektheit könnten versucht sein, in diesem Satz eine Verharmlosung Hitlers zu sehen. Doch ein Indiz für spezifisch rechtes Denken ist es nicht.

Stil betonen heißt Inhalt vernachlässigen

Entsprechendes findet sich auch nicht in Krachts Email-Wechsel mit dem politisch wenig zurechnungsfähigen amerikanischen Künstler David Woodard. Beide kokettieren in dieser Korrespondenz mit ihrem spielerischen Interesse für Despoten, Terroristen, Eugeniker oder alte Nazis. Aber diese Vorliebe bleibt ganz und gar oberflächlich, ist von einer Lust an der satirischen Provokation getrieben, ohne dass eine ernstzunehmende politische Faszination spürbar würde. Mal bittet Kracht Woodard darum, einen Artikel über eine nach dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il benannte Blume zu schreiben. Mal fiebert er einem Interview mit Carmen bin Laden, der Schwägerin Osama bin Ladens, über Make-up entgegen. Mal beglückwünscht Woodard zu dem Vorhaben, eine Hymne für Nordkorea schreiben zu wollen. Mal plant er eine Reise nach Nueva Germania in Paraguay, einem von Nietzsches Schwester Elisabeth und deren antisemitischen Ehemann Bernhard Förster gegründeten Dschungeldorf, das ein Zufluchtsort der arischen Rasse werden sollte.

Five Years: Briefwechsel 2004-2009. Band 1: 2004-2007

Mit Susan Sontag lässt sich der digitale Schriftwechsel der beiden Freunde als Form eines scheinbar politisierten „Camp“ verstehen. Die Mails leben von einer esoterischen Freude an allem, was in der westlichen Medienwelt üblicherweise als anstößig, unvernünftig, bedenklich, bizarr oder tendenziell gefährlich gilt. Womit das Reiz-Reaktions-Schema dieser Korrespondenz schnell durchsichtig wird: Wer oder was auch immer im Medienbetriebs als schlechthin verurteilenswert betrachtet wird, reizt die beiden Freunde ganz besonders. Für sie ist es eine Frage des Stils, eben das für sich in den Mittelpunkt zu stellen, was nach gängigen Ansichten die Rolle des Bösen, des Verworfenen oder schlechten Geschmacks spielt.

Susan Sontag hat diese künstlerische Strategie überzeugend beschrieben: „Camp ist eine Art unter anderen, die Welt als ein ästhetisches Phänomen zu betrachten. Nicht um Schönheit geht es dabei, sondern um den Grad der Kunstmäßigkeit, der Stilisierung.“ Und: „Den Stil betonen heißt den Inhalt vernachlässigen oder eine Haltung einzuführen, die im Hinblick auf den Inhalt neutral ist. Es versteht sich von selbst, dass die Erlebnisweise des Camp unengagiert, entpolitisiert – oder zumindest unpolitisch – ist.“

Mit anderen Worten: Es wäre albern, das gelegentlich pubertäre und oft schnöselige Geplänkel zwischen Kracht und Woodard irgendeine politische Bedeutung oder auch nur politische Intention unterstellen zu wollen. Viel eher ist es eine Art Code, mit dem sich zwei notorische Selbstdarsteller gegenseitig ihrer Attitüde und ihrer Bedeutsamkeit vor einem kleinen Kreise von Gleichgesinnten versichern. Tatsächlich sehen manche in ihnen so etwas wie die Speerspitze der künstlerisch-intellektuellen Entwicklung unserer Zeit. Susan Sontags Camp-Essay ist übrigens rund fünfzig Jahre alt.

Kunst und Antikunst: 24 literarische Analysen

 

Ist Imperium tatsächlich ein Abenteuerroman?

Aber wenn es Kracht in seinem Imperium nicht um rechtes Gedankengut geht, worum geht es ihm dann? Ein Abenteuerroman ist sein Buch letztlich nicht, auch wenn Engelhardts Biographie eine Menge abenteuerliches Material bietet. Viel zu wenig Wert legt Kracht darauf, dieses Material vor seinen Lesern auszubreiten, sorgsam auszumalen und sinnlich anschaulich zu machen, um damit eine gewisse Neugier auf den Fort- und Ausgang der Geschichte anzustacheln. Die meisten Episoden von Engelhardts Leben werden nur knapp skizziert, manche Handlungslinien nur angedeutet oder plötzlich abgebrochen. Ein Gesellschaftsroman aus der Kolonialzeit ist Imperium ebenfalls nicht, viel zu lieblos und dürftig handelt Kracht das Milieu der Pflanzer auf den Südseeinseln ab. Auch hat das Buch als Entwicklungsroman eines scheiternden Romantikers kaum etwas zu bieten: Man erfährt fast nichts über Engelhardt Kindheit und Jugend, wenig über seine seelische Verfasstheit und auch über sein großes Projekt, den Sonnenorden, nicht viel mehr als Schlagworte.

Stattdessen gönnt Kracht einem vielköpfigen Schar von Statisten kurze Auftritte in seinem Roman. Sie tauchen im Umkreis Engelhardt oder der Nebenfiguren auf, werden mit wenigen Strichen schemenhaft skizziert und gleich wieder mit ein paar Bemerkungen zu ihrem weiteren Lebensweg aus dem Roman entlassen. Kafka, Hesse, Einstein, aber auch etliche andere unbekannte Gestalten holt so Kracht heran, nur um sie kurz darauf verschwinden zu lassen. In meinen Augen erzeugt das einen ganz hübschen Effekt: Kracht springt regelmäßig aus der Geschichte um Engelhardt heraus und zeigt wie aus der Vogelperspektive Randfiguren, die mit Engelhardt nur sehr zufällig und peripher in Berührung kommen – um dann wieder ihrer Wege zu gegen und ihre eigenen, unabhängigen Ziele zu verfolgen.

Kracht macht auf diese Weise erzählerisch eben jenes Fehlen einer alles und jeden überwölbenden Ordnung spürbar, dem Engelhardt mit seinem skurrilen Welterlösungsprogramm gern Abhilfe verschaffen würde. Der Roman führt so die Zersplitterung moderner Gesellschaften vor, unter der ihr Held leidet. Die Geschichte Engelhardts ist eben nur eine unter unendlich vielen anderen Geschichten, die parallel zu seiner zu erzählen wären, die aber letztlich nie in ein gemeinsames Ziel, ein höheres, sinnstiftendes Weltgesetz einmünden. Nein, diese chaotische Vielfalt setzt sich  in einem endlosen Reigen fort – wie das Ende des Romans andeutet, das wieder in den Anfangssatz des Buches einmündet.

Es trifft den Leser wie ein Schlag

Unter diesem Gesichtspunkt gelesen, ist der Roman ganz lehrreich und gelungen. Ansonsten aber macht mir das Buch einen erstaunlich lieblos zusammengeschusterten Eindruck. Wenn viele andere Kritiker Krachts Imperium nach Georg Diez’ unverständlicher Attacke über den grünen Klee lobten, folgten sie damit in meinen Augen der nie wirklich überzeugenden Neigung mancher Fußball-Schiedsrichter zum Kompensations-Elfmeter.

Ich will das gern mit ein paar Beispielen belegen: Krachts Erzähler hält nie den altertümelnden Tonfall eines Romanciers des 19. Jahrhunderts durch, sondern verfällt immer wieder bruchstückweise in zeitgenössisches Deutsch. Das mag noch als eine – in meinen Ohren wenig reizvolle – postmoderne Sprachmixtur angehen. Aber wenn er Engelhardt unter anderem von einem „Rudel Delphine“ sprechen lässt, obwohl Delphine sich bekanntlich in Schulen zusammenfinden, oder unbeholfene Wortwiederholungen wie „Hin und her sinnierend, wie er ihn aufmuntern könnte, entsann er sich…“ abliefert, zeugt das von einer sprachlichen Sorglosigkeit, die gerade bei einem dandyhaft auftretenden Autor, der ein betont ästhetisches Weltverhältnis pflegt, befremdlich wirkt.

Wer das als läppische Kleinigkeiten betrachtet, sollte noch einmal jene Szene lesen, in der sich Engelhardts Gefährte Lützow in die Kolonialherrin Queen Emma verliebt. Lützow blickt in deren Gesicht und: „Es trifft ihn wie ein elektrischer Schlag.“ Es gibt, denke ich, wohl kaum einen Satz für den Moment plötzlicher Verliebtheit, der noch verschlissener und schlagersängerhaft banaler ist als dieser.

Die schulterzuckende Gleichgültigkeit, mit der Kracht hier seine Leser billig abspeist, zeigt sich auch in einer anderen, für den Roman noch ungleich wichtigeren Frage. Zunächst beschreibt Kracht seinen Helden, der bereits die ersten Jahre in seinem Südsee-Sonnen-Paradies hinter sich hat, so: „Engelhardt teilte nicht jene aufkommende Mode der Verteufelung des Semitischen, die der fürchterliche Richard Wagner mit seinen Schriften und seiner schwülstig-komischen Musik wenn nicht initiiert, dann aber allerorten salonfähig gemacht hatte.“ (S. 127). Gegen Ende des Romans aber tritt der Held plötzlich als entschiedener Judenfeind auf: „Ja, so war Engelhardt unversehens zum Antisemiten geworden; wie die meisten seiner Zeitgenossen, wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unrecht zu sehen.“ (S. 225)

Natürlich spricht nichts dagegen, wenn Kracht seine Hauptfigur zum Antisemiten werden lässt. Aber die Mühe, seinen Lesern Gründe oder wenigstens irgendein halbwegs plausibles Motiv für diese nicht nur politisch, sondern auch psychologisch bedeutsamen Wandlung zu liefern, macht er sich nicht. Offen gestanden fällt es mir schwer, in diesem willkürlichen Umgang Krachts mit seiner Hauptfigur etwas anderes als literarische Leichtfertigkeit zu sehen.

Gerade für einen Dandy aber, als der Christian Kracht von seinen Verteidigern gern beschrieben wird, müssten ästhetische, müssten literarische Kriterien besonders schwer wiegen. Wenn er auch über die leichherzig hinweggeht, verspielt er seine Rechtfertigung als Dandy.

Christian Kracht:
Imperium
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012
242 Seiten, 18,99 Euro
ISBN 978-3-462-04131-6

Christian Kracht / David Woodard:
Five Years. Briefwechsel 2004-2009. Vol.1: 2004-2007
Herausgegeben von Johannes Birgfeld & Claude D. Conter
Werhahn Verlag, Hannover 2011
247 Seiten, 19,80 Euro
ISBN 978-3-86525-235-7

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Maxim Billers Quartalsschwachsinn

Keine Ichzeit

Als sich Maxim Biller einmal gründlich verhob und glaubte, die deutsche Literatur fest im Griff zu haben.

Gern würde ich Trotzkopf Maxim Biller ja irgendwie mögen. Ich gebe mir auch immer wieder Mühe. Aber er macht es einem nicht leicht. Vor allem, wenn er wieder mal einen seiner Anfälle von Quartalsschwachsinn hat.

Heute vermisst er in der FAS großräumig “die Epoche, in der wir schreiben” und tauft sie “Ichzeit”. Falls ich alles richtig verstanden habe, ist es in seinen Augen das Kennzeichen unserer Epoche, dass die großen Autoren in ihren Büchern ihre “ganze verletzende und verletzliche Person stolz ins grelle öffentliche Licht” rücken. Biller hält das für richtig, weil dies derzeit ohnehin jeder täte, denn die Selbstbesessenheit werde “heutzutage auch beim normalsten Facebook-Nutzer durch die Medienlupe bis ins Monströse vergrößert.”

Gut und schön, offenbar glaubt Biller, in der Affirmation läge das Glück der Literatur. Das sei ihm gegönnt – mindestens ebenso wie sein alter Fimmel, falsche Superlative (“normalst”) für lustig zu halten.

Aber zum einen sind die Kriterien, die er für seine These nennt, so weit und unscharf gefasst, dass sie die halbe Weltliteratur umfassen: “Fast jedes der bedeutenden deutschen Bücher der vergangenen Jahre kommt in der ersten Person Singular daher – oder zumindest ist der Protagonist dem Autor zum Verwechseln ähnlich.” Zum anderen sind die Bücher, die er als Belege für seine These aus den letzten 25 Jahren herbeizitiert, derart willkürlich ausgewählt, dass sie alles und nichts beweisen.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Der wunderbare Roman Tschick von Wolfgang Herrndorf ist reine Erfindungs-Literatur, ist eben nicht authentisch, sondern eine perfekte Fiktion, aus der sich der Autor persönlich heraushält. Herrndorf erschafft diese Fiktion, er selbst kommt nicht darin vor – nur seine Haltung zur Welt tritt in Erscheinung.

Wenn Billers Ansicht nach Tschick ein Beispiel für die Literatur der “Ichzeit” sein soll, daneben aber auch Helene Hegemanns Roadkill, dann kann einfach alles und jedes Literatur der Ichzeit sein. Ansonsten zieht er noch ein bisschen über die Literatur der Gruppe 47 und die 68igern her, doch es gibt derzeit wohl kaum etwas, das noch abgeschmackter, abgegriffener und altbackener ist als das Gruppe-47-und-68iger-Bashing. Was Biller jenseits von Honorar und Eitelkeit dazu treibt, derart dünne Laubsägearbeiten von sich zu geben, ist mir ein Rätsel. Das Ganze liest sich noch nicht einmal schwungvoll oder provokativ. Sondern langatmig und – eben – selbstbesessen. Ein Alterswerk.

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Navid Kermanis Selbsterlebensbeschreibung

Brav und flach, aber dafür mächtig lang

Lauter Abschweifungen um kein Zentrum: Als Navid Kermani einmal einen besonders dickes Buch geschrieben hatte

Navid Kermani ist ein habilitierter Orientalist und bemerkenswerter Essayist. Als ihm 2009 der Hessische Kulturpreis zunächst zugesprochen, dann aberkannt und schließlich doch verliehen wurde, hatte er ein paar beeindruckende öffentliche Auftritte. Doch ein bemerkenswerter Intellektueller ist nicht notwendigerweise zugleich ein bemerkenswerter Schriftsteller.

Sein neuer Roman Dein Name (Hanser Verlag, 1200 Seiten, 34,90) hat einen poetologischen Reiz, aber keinen poetischen. Er ist von literaturtheoretischem, nicht von literarischem Interesse. Ich habe die begleitende Frankfurter Poetik-Vorlesung von 2010 mit größerer Spannung gelesen als den Roman selbst. Dort liefert Kermani mit dem Hinweis auf Jean Pauls Selbsterlebensbeschreibung ein gutes Stichwort, unter dem man sein monströses Romanprojekt betrachten kann.

  • Dein Name

Es ist, auch wenn sich der Autor im Buch immer wieder neue Namen und Titel gibt, eine auf weite Strecken leicht erkennbare autobiographische Lebensmitschrift mit gelegentlichen Ausflügen auf fiktives Terrain. Sie nimmt die Gestalt einer endlosen Kette von Abschweifungen und Episoden an. Allerdings fehlt die zentrale inhaltliche Klammer, die das Ganze als Ganzes erkennbar machte.

Mit anderen Worten, die Kette der Abschweifungen rankt sich um kein Zentrum. Man kann das als postmodernes Lebensbild betrachten: Das Zentrum ist leer, das Leben eine Folge von kontingenten Episoden. Bei einen stark von religiösen Motiven getriebenen Schriftsteller wie Kermani hat das natürlich theologische Dimensionen. Die häufigen Hinweise im Roman auf tote Freunde, Bekannte oder Intellektuelle scheinen mir hier ihren Grund zu finden: In einer kontingenten, gottlosen Welt ist das Leben mit dem Tod endgültig verloren, eine höhere Ordnung, in der ein Toter aufgehoben wäre, ist nicht in Sicht. Selbst der literarische Versuch, die Erinnerung an die Toten zu bewahren, bleibt nüchtern betrachtet angesichts der wahren zeitlichen Dimensionen der erforschbaren Welt eine hilflose Geste.

Das alles ist von großer intellektueller Ambition, aber meines Erachtens durch keinerlei künstlerischer Gestaltungskraft gedeckt. Von der Sprache Kermanis und seiner Erzählstoffen geht kaum sinnliche Ausstrahlungspraft aus. Es ist über weite Strecken eine brave, flache Berichtprosa, die Navid Kermani hier schreibt. Die Episoden gewinnen keine Eindringlichkeit. Oft genug hat man das Gefühl, das er einfach aufschreibt, was gerade um ihn herum passiert und was ihm dazu durch die Rübe rauscht. Das macht den Roman zu einer 1200seitigen privatistischen Zumutung.

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