Navid Kermanis Selbsterlebensbeschreibung

Brav und flach, aber dafür mächtig lang

Lauter Abschweifungen um kein Zentrum: Als Navid Kermani einmal einen besonders dickes Buch geschrieben hatte

Navid Kermani ist ein habilitierter Orientalist und bemerkenswerter Essayist. Als ihm 2009 der Hessische Kulturpreis zunächst zugesprochen, dann aberkannt und schließlich doch verliehen wurde, hatte er ein paar beeindruckende öffentliche Auftritte. Doch ein bemerkenswerter Intellektueller ist nicht notwendigerweise zugleich ein bemerkenswerter Schriftsteller.

Sein neuer Roman Dein Name (Hanser Verlag, 1200 Seiten, 34,90) hat einen poetologischen Reiz, aber keinen poetischen. Er ist von literaturtheoretischem, nicht von literarischem Interesse. Ich habe die begleitende Frankfurter Poetik-Vorlesung von 2010 mit größerer Spannung gelesen als den Roman selbst. Dort liefert Kermani mit dem Hinweis auf Jean Pauls Selbsterlebensbeschreibung ein gutes Stichwort, unter dem man sein monströses Romanprojekt betrachten kann.

  • Dein Name

Es ist, auch wenn sich der Autor im Buch immer wieder neue Namen und Titel gibt, eine auf weite Strecken leicht erkennbare autobiographische Lebensmitschrift mit gelegentlichen Ausflügen auf fiktives Terrain. Sie nimmt die Gestalt einer endlosen Kette von Abschweifungen und Episoden an. Allerdings fehlt die zentrale inhaltliche Klammer, die das Ganze als Ganzes erkennbar machte.

Mit anderen Worten, die Kette der Abschweifungen rankt sich um kein Zentrum. Man kann das als postmodernes Lebensbild betrachten: Das Zentrum ist leer, das Leben eine Folge von kontingenten Episoden. Bei einen stark von religiösen Motiven getriebenen Schriftsteller wie Kermani hat das natürlich theologische Dimensionen. Die häufigen Hinweise im Roman auf tote Freunde, Bekannte oder Intellektuelle scheinen mir hier ihren Grund zu finden: In einer kontingenten, gottlosen Welt ist das Leben mit dem Tod endgültig verloren, eine höhere Ordnung, in der ein Toter aufgehoben wäre, ist nicht in Sicht. Selbst der literarische Versuch, die Erinnerung an die Toten zu bewahren, bleibt nüchtern betrachtet angesichts der wahren zeitlichen Dimensionen der erforschbaren Welt eine hilflose Geste.

Das alles ist von großer intellektueller Ambition, aber meines Erachtens durch keinerlei künstlerischer Gestaltungskraft gedeckt. Von der Sprache Kermanis und seiner Erzählstoffen geht kaum sinnliche Ausstrahlungspraft aus. Es ist über weite Strecken eine brave, flache Berichtprosa, die Navid Kermani hier schreibt. Die Episoden gewinnen keine Eindringlichkeit. Oft genug hat man das Gefühl, das er einfach aufschreibt, was gerade um ihn herum passiert und was ihm dazu durch die Rübe rauscht. Das macht den Roman zu einer 1200seitigen privatistischen Zumutung.

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