Buch&Bar 123: Raymond Chandler “Der lange Abschied”

Ein Held nur aus Worten

Buch&Bar heute zum letzten Mal: Über die Macht der Literatur und die Rituale des Abschieds beim Lesen und Trinken

Raymond Chandler: "Der große Abschied". Roman. Aus dem Englischen von Hans Wollschläger. Diogenes Verlag. 12,90 Euro

Manche Schriftsteller können zaubern. Nur aus Worten erschaffen sie Figuren, die einen festen Platz in unserer Fantasie einnehmen, selbst wenn wir ihre Bücher gar nicht kennen. Raymond Chandler ist so ein Schriftsteller, und sein Held, der Privatdetektiv Philip Marlowe, ist so eine Figur.

Marlowe lebt in einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft und bewegt sich in ihr wie ein Fisch im Wasser. Aber er ragt doch über sie hinaus. Mitten in ehrloser Zeit ist er ein Mann von Ehre. Während alle enthemmt nach Geld grapschen, nimmt er nur Honorare, die ihm nach seinem Moralkodex zustehen. Während alle auf den eigenen Vorteil achten, hält er den Kopf hin für die Schwachen. Er ist ein hartgesottener Romantiker in der unromantischsten aller Welten.

Besonders glaubwürdig war diese Figur nie. Aber Chandler erzählt so perfekt von ihr, dass sie bis heute in zahllosen anderen Detektiv- oder Polizistenfiguren und also noch immer im kollektiven Gedächtnis fortlebt. In Chandlers schönstem Roman „Der lange Abschied“ (Diogenes, 10,90 Euro) lässt sich Marlowe von Gangstern verprügeln und von der Polizei einsperren, weil er an die Unschuld eines Freundes glaubt, mit dem ihn nicht mehr verbindet als ein paar gute Gespräche in einer Bar und ein paar gute Drinks.

Der beste Drink, den die beiden dann auch zu ihrem langen Abschied trinken, ist für sie der Gimlet: „Richtiger Gimlet besteht zur einen Hälfte aus Gin und zur anderen aus Rose’s Lime Juice und aus sonst nichts.“ In dieser Mischung ist der Gimlet deshalb zum klassischen Farewell-Drink geworden. Also trinke ich zu meinem Abschied von dieser Kolumnen-Reihe nun einen Gimlet auf die Geduld der Leser und auf Raymond Chandler.

 

2014 startete BUCH & BAR die mit dieser 123 Folge endet. Die Kolumne war schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Sie war also haargenau das, worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs servierte. Doch nach 123 Folgen ist es Zeit, sich nach anderem umzuschauen. Cheerio!

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