100. Geburtstag von John F. Kennedy – und sein Blick auf die Deutschen

Vom Playboy zum Präsidenten

“Unter Deutschen” – Die Reise-Aufzeichnungen des jungen John F. Kennedy

Heute vor 100 Jahren wurde John F.Kennedy geboren. Seine Präsidentschaft 1961-1963 wirkt inzwischen wie ein Auftaktsignal zu der großen liberalen Epoche der westlichen Welt, die heute durch Wahlerfolge von Rechtspopulisten und seinen Amtsnachfolger Donald Trump gefährdet ist. Doch auch wenn man Kennedy aus heutiger Perspektive feiern möchte und feiern muss für seine politischen Verdienste, sollte man die mitunter irritierenden politischen Ansichten aus seinen Jugendjahren nicht übersehen. der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch hat einmal “Entfernte Verwandschaft” behauptet zwischen dem europäischen Faschismus und dem amerikanischen New Deal zwischen 1933 und 1939, also jener Ära, in der John F-Kennedy Schule und Hochschule besuchte. Schivelbuschs Untersuchung ist nicht unumstitten, aber sie kommt einem in den Sinn, wenn man John F. Kennedys Reisetagebuch “Unter Deutschen” (Aufbau Verlag) aus der Zeit von 1937 bis 1945 liest.

John F. Kennedy ist 20 Jahre alt, als er im Sommer 1937 im Ford Cabrio am Rhein entlang von Frankfurt nach Köln fährt. Er hat alles, was ein Playboy braucht: Charme, Geld, Stilgefühl und unerschöpfliches Interesse an „den Mädels“. Nur von Politik hat er keine Ahnung.

John F. Kennedy: "Unter Deutschen". Reisetagebücher und Briefe 1937 - 1945. Aufbau Verlag. 9,95 Euro

In seinem Reisetagebuch „Unter Deutschen“, das 2013 in Deutschland erstmals gedruckt wird, schreibt er: „Die Städte sind alle sehr reizend, was zeigt, dass die nordischen Rassen den romanischen gewiss überlegen zu sein scheinen. Die Deutschen sind wirklich zu gut – deshalb rottet man sich gegen sie zusammen, um sich zu schützen . . .“

Weshalb Kennedy dennoch kein Lebemann mit kruden Ansichten, sondern ein liberaler Präsident der Vereinigten Staaten wurde, vielleicht einer der liberalsten und wichtigsten in der Geschichte der USA, gehört zu den vielen Rätseln seines Lebens.

Er hatte das erste Jahr an der Elite-Universität Harvard hinter sich, als er 1937 zu seiner Europa-Reise aufbrach. Zusammen mit dem Freund Lem Billings ließ er sich zwei Monate lang durch Deutschland, Frankreich und Italien treiben. Die völkerpsychologischen Ideen, die er in diesen Wochen notiert, sind vor allem zweierlei: ahnungslos und peinlich. So sieht er im Stierkampf den Beweis dafür, dass „diese Südländer, wie etwa diese Franzosen und Spanier, Grausamkeiten regelrecht genießen“. Oder er begeistert sich für die „hübschen“ Italienerinnen: „Die ganze Rasse wirkt attraktiver. Der Faschismus scheint ihnen gutzutun.“

Der Politikstudent Kennedy kennt allerdings nicht einmal die Schreibweise des Begriffs Faschismus: Statt „Fascism“ heißt es bei ihm durchweg „Facism“.

Robert Dallek: "John F. Kennedy. Ein unvollendetes Leben". Übersetzt von Klaus Binder, Bernd Leineweber, Peter Torberg. Pantheon Verlag. 16,99 Euro

Die Begegnung mit den Diktaturen in Italien und Deutschland ist aber auch ein Wendepunkt für den Millionärssohn. Kennedy entwickelte plötzlich, wie Reisebegleiter Billings schreibt, „einen stärkeren Willen, die Probleme der Welt zu durchdenken“. Als er nur zwei Jahre später, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, wieder durch Europa reist, ist sein politisches Urteil bereits wacher: „Sollte sich Deutschland zum Krieg entschließen, wird es versuchen, Polen in die Rolle des Aggressors zu drängen.“

Exakt so geschah es drei Monate später,beim Überfall auf den Sender Gleiwitz. Er wurde von SS-Leuten verübt, aber polnischen Freischärlern untergeschoben, um einen Vorwand für den Angriff auf ihr Land zu haben.

Joseph P. Kennedy, der Vater Johns, war damals US-Botschafter in London und schickte ihn auf Erkundungstour nach Deutschland und in fast alle Krisengebiete des Kontinents. Der nun 22-jährige Kennedy berichtet von den Konfliktherden, lässt sich aber nicht davon abhalten, „richtig viel Spaß“ zu haben. So schwärmt er von der „Debütparty“, die man in Warschau für ihn gibt („obwohl die polnischen Mädels nicht so heiß sind“), oder von einem „Leckerbissen“: einer „geschiedenen rumänischen Prinzessin“.

Auch nach Kriegsende reist Kennedy gleich wieder nach Deutschland. Er ist jetzt 28 und hat es als Held einer Seeschlacht im Pazifik bis auf die Titelseite der „New York Times“ gebracht. Im Gefolge des US-Marineministers besucht er die zerbombten Städte und schreibt mit einer Schreibmaschine ein Art Reisetagebuch.

John F. Kennedy: "Die geheimen Aufnahmen aus dem Weißen Haus". Mit einem Vorwort von Caroline Kennedy. Übersetzung: Helmut Dierlamm, Dagmar Mallett. Herausgeber: Ted Widmer. List verlag. 12,99 Euro

Über seinen Aufenthalt in Berlin heißt es: „Alles ist zerstört. Unter den Linden und die Straßen sind verhältnismäßig frei, doch es gibt kein einziges Gebäude, das nicht ausgebrannt ist. In manchen Straßen ist der Gestank der Leichen überwältigend – süßlich und Ekel erregend. Die Menschen haben vollkommen farblose Gesichter – gelbstichig, mit blassbraunen Lippen. Alle tragen Bündel mit sich herum. Wohin sie unterwegs sind, weiß wohl keiner. Ich frage mich, ob sie selbst es wissen. Sie schlafen in Kellern.“

Wie immer hat Kennedy einen genauen Blick auf die Frauen. Sie „würden für Essen alles tun. Eine oder zwei Frauen trugen Lippenstift, doch die meisten scheinen sich so unscheinbar wie möglich machen zu wollen, um der Aufmerksamkeit der Russen zu entgehen.“ Was ihnen nicht immer leicht falle, denn da sie „mitunter sehr attraktiv sind“. Doch es überrascht Kennedy, wie „aufreizend“ sie sich den „Amerikanern an den Hals“ werfen:.„Sie sagen, es habe vier Jahre lang keine Männer gegeben, und es sei bloße Biologie.“

Auf dem Obersalzberg besichtigt er Hitlers Landsitz und in Berlin dessen verwüstete Reichskanzlei: Sie „war nur noch eine Hülle. In den Mauern klafften Löcher, sie waren von Kugeln zernarbt.“  Ein historischer Augenblick: Der Mann, der nur 16 Jahre später als Präsident der Vereinigten Staaten zum größten Hoffnungsträger seines Zeitalters aufsteigen wird, steht als Sieger im Bunker, in dem sich einer der größten politischen Verbrecher der Geschichte umbrachte.

Doch so gern man ihn bewundern würde: Kennedy zeigt sich der Situation nicht gewachsen. Zum Abschluss seiner Aufzeichnungen spekuliert er, Hitler werde „aus dem Hass, der ihn jetzt umgibt, in einigen Jahren als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten hervortreten, die je gelebt haben“. Grenzenloser Ehrgeiz habe Hitler zur Bedrohung für den Frieden der Welt gemacht. Doch: „Er war aus dem Stoff, aus dem Legenden sind.“

Alan Posener: "John F. Kennedy". Biographie. Rowohlt Verlag. 18,95 Euro

Kein Wunder, dass Kennedy diese Aufzeichnungen zu Lebzeiten im Verborgenen ließ. Bemerkenswert aber ist, was ihn an Hitler am meisten interessierte: Denn sehr bald schon zählte er selbst zu den charismatischsten Präsidenten, die Amerika je hatte. Seine Legende aber erzählt nicht von Vernichtung und Krieg, sondern vom Mut zur Zukunft und von dem Zutrauen, die Welt zu einem humaneren Ort machen zu können.

1963, vor jetzt 54 Jahren, kam Kennedy zum letzten Mal nach Deutschland und lieferte hier eines seiner politischen Meisterstücke ab. Sein Bruder Joe war im Krieg gegen die Deutschen gefallen. Dennoch setzte er mit einer nur neun Minuten langen Rede einen bis heute unvergessenen Markstein für die Freundschaft beider Länder.

Er erklärte die Menschen der „Frontstadt“ Westberlin zum weltweiten Vorbild im Kampf gegen Totalitarismus und Diktatur: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz darauf, sagen zu können: ‚Ich bin ein Berliner!‘“

 

 

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