Buch&Bar 98: David Foster Wallace “Der große rote Sohn”

Der Rebell zwischen lauter Lustgeschrei

Heute: Über den  Kampf gegen Klischees beim Lesen und Trinken

David Foster Wallace: "Der große rote Sohn". Übersetzung: Ulrich Blumenbach. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 7,99 Euro

Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, darf man als Besucher einer Sex-Messe erwarten, mit bedenklichen Obsessionen konfrontiert und um den Inhalt seiner Brieftasche erleichtert zu werden. So weit, so gut und alles im grünen Bereich. Dort aber Zeuge ernster Selbstprüfung eines der Nacktkörper-Vermarkter zu werden, damit ist nicht unbedingt zu rechnen.

1998 besuchte der Schriftsteller David Foster Wallace eine Sex-Messe samt Pornofilm-Preisverleihung. Und schrieb darüber die scharfsinnige und witzige und 100 Seiten lange Reportage „Der große rote Sohn“ (Kiepenheuer & Witsch, 7,99 Euro). Die Sexindustrie liebt es, stellt er fest, gewissenhaft all die Klischees zu erfüllen, die über sie im Umlauf sind. Sie ist vulgär, geldgierig, brutal, rücksichtslos. Bis Wallace einen komplett scharlachrot gekleideten Porno-Filmemacher trifft, der sich nach der guten alten Zeit sehnt, als sein Gewerbe noch verrucht und fast verboten war: „Irgendwie ist es schon langweilig geworden. Heute schaut das jeder. Früher waren wir Rebellen. Heute sind wie Scheißgeschäftsleute.“

Überraschend, nicht war? Ein Moment melancholischer Lebensbilanz inmitten von routiniertem Lustgeschrei. Manchmal ist die Welt doch anders als die Klischees. Aber leider nur manchmal. In einem kreuzbraven Restaurant ließ ich mir mal den angeblich aufregenden Aperitif „Porn Star Martini“ servieren: Vanilla Vodka, Passionsfrucht-Likör, -püree und -saft sowie Vanillezucker. Dazu in einem Extraglas: Prosecco. Klingt nach einer Menge Passion. Schmeckte aber kreuzbrav süßlich.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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