Buch&Bar 84: Eugen Ruge “Follower”

Was hat Faust denn so als Baby gemacht?

Heute: Über unfassbar ganzheitliches Lesen und Trinken

Eugen Ruge: "Follower". Rowohlt Verlag. 22,95 Euro

Im Grunde ist jede Story Stückwerk. Jede. Egal, wo und wann sie beginnt, immer kann man fragen: Was geschah vor diesem Beginn? Und: Gehört diese Vorgeschichte nicht auch zu der Geschichte? Faust zum Beispiel schließt einen Pakt mit dem Teufel, okay, aber vielleicht macht er das nur, weil er eine schwere Kindheit hatte? Möglicherweise haben ihn seine Eltern als Baby teuflisch lange schreien lassen? Wäre gut, das zu wissen. Und die Eltern der Eltern, hatten die Schulprobleme? Und die Urgroßeltern? ADS? Und die Ururur…?

Mit diesem Fundamentalproblem aller Geschichten hat Eugen Ruge jetzt in seinem Roman „Follower“ (Rowohlt, 22,95 Euro) Schluss gemacht: In der Zukunftssatire bricht ein Handelsvertreter 2055 in einer komplett durchdigitalisierten Welt zu einem Geschäftstermin auf. Auf seinem Weg werden ihm so viele Informationen um die Ohren gehauen, dass er schließlich Überblick und Nerven verliert, ein Zweirad klaut und in den Sonnenuntergang verschwindet. Doch Ruge lässt seine Geschichte nicht 2055 beginnen, sondern buchstäblich mit dem Urknall. Genauer: 5,391 mal 10 hoch -44 Sekunden nach dem Urknall. Denn von der Zeit davor weiß man nichts, weil es da noch keine Zeit gab. Aber von der ganzen Zeit danach erzählt Ruge verdammt unterhaltsam.

Freunde von mir nennen Pilsner Urquell stur Pilsner Urknall, weil es für sie so was ist wie der Urmeter aller Biere. Es wird zwar erst seit 1842 gebraut, aber, wie meine Großmutter immer sagte: Gut Ding will Weile haben. Wenn so ein Bier dabei rauskommt, dann war die Zeit zwischen 5,391 mal 10 hoch -44 Sekunden nach dem Urknall bis zum Jahr 1842 nicht ganz verschwendet.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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