Buch&Bar 67: Reinhard Krüger “Der Stinkefinger”

Altwerden ist eine prima Chance, noch länger zu sündigen

Heute: Über anmutiges Beleidigen beim Lesen und Trinken

Reinhard Krüger: "Der Stinkefinger. Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste". Galiani Verlag, 16,99 Euro

Ältere Damen entwickeln ja gelegentlich gewisse Eigenwilligkeiten. Nehmen wir zum Beispiel die distinguierte achtzigjährige Golf-Fahrerin, die kürzlich darauf bestand, mich zu überfahren. Ich war mit dem Fahrrad auf dem Fahrradweg unterwegs. Sie kam aus der Seitenstraße, stoppte aber erst, als ich direkt vor ihrem Kühler stand. Ich machte sie auf den Fahrradweg aufmerksam, sie nannte ihn „Bürgersteig“, mich „illegal“, ließ die Kupplung kommen und schob mich samt Fahrrad beiseite.

Ich gestehe, mir fiel in diesem Moment Reinhard Krügers Buch „Der Stinkefinger. Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste“ein (Galiani Verlag, 16,99 Euro). Es versammelt nicht nur Fotos Prominenter mit erigiertem Mittelfinger von Yanis Varoufakis bis Peer Steinbrück, sondern erklärt auch die Herkunft der Gebärde

als Anspielung auf den hochragenden Phallus. Aber kann man, frage ich Sie, einer hochbetagten, zauberhaft gepflegten Verkehrsrabaukin mit einer solchen Obszönität gegenübertreten? Ich konnte nicht.

Kurz: Ich habe versagt in der Kunst einer kultivierten Beleidigung. In meiner Berliner Lieblingsbar Victoria bekam ich, was ich zur Beruhigung dringend brauchte, den Cocktail „The Veiled Insult“: 6 Teile Bénédictine, 2 Teile Kirschlikör, 1 Teil Fernet-Branca, 3 Teile Zitronensaft und 2 Teile Orangensaft. Ein hochelegantes sauer-fruchtiges Vergnügen, das mich schnell zu den anmutigsten Beleidigungen inspirierte. Aber: zu spät.

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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