Buch & Bar 26: Goethe und der Wein

Erst der Fleiß macht das Genie!

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über unbeirrbar edelsüßes Lesen und Trinken

"Will keiner trinken? keiner lachen?" Goethe und der Wein. Herausgegeben von Heiner Boehncke und Joachim Seng. Insel Verlag, Berlin 2014. 13,95 Euro

Wir braven Bürger stellen uns das Leben der Dichter gern frei und lustvoll vor. Aber das ist natürlich ganz falsch. Man glaubt ja nicht, wie viel Kraft es kostet, genial zu sein. Nehmen wir mal Goethe zum Beispiel. Wie viel der tagtäglich zu tun hatte! Schon zum zweiten Frühstück, so gegen 10 Uhr, wollte das erste Glas Süßwein getrunken sein, meist Madeira. Den restlichen Vormittag über war ein weiteres Wasserglas voll Wein fällig. Zu Mittag galt es, eine ganze Flasche Wein wegzuputzen, zum Dessert ein Glas Champagner. Nachmittags ging er es ruhiger an, bis schließlich zum Abendessen wieder Wein, Tee, Punsch oder Champagner abzuarbeiten waren war. Kamen Gäste, gab es noch eine Flasche Rheinwein.

Wie soll man, frage ich Sie, bei derartigen Verpflichtungen noch zum Dichten kommen? Etwa zwei Liter Wein trank er pro Tag, listet das feine, kleine Bändchen „Will keiner trinken? keiner lachen?“ über „Goethe und den Wein“ (Insel Verlag, 13,95 Euro) auf. Angesichts solcher Anforderungen, fiele es mir schwer, einen klaren Gedanken fassen oder auch nur der Weg zum Schreibtisch finden. Aber Goethe war eben ein Genie.

Er liebte Wein aus dem Rheingau. Der „Kometenwein“ Jahrgang 1811 war sein Liebling. Der ist heute unbezahlbar. Aber kürzlich habe ich auf einer Rheingau-Wanderung Riesling 2011 probiert, edelsüß, so wie Goethe es mochte (wein-prinz.de). Ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber nicht schlecht. Sonst trinke ich trockene Weine. Doch Goethe wage ich nicht zu widersprechen. Nicht einmal in Riesling-Fragen.

Die Kolumne erschien im Focus vom 27. Juni 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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