Buch & Bar 25: Truman Capote: “Erhörte Gebete”

Das Tratschen als hohe Kunst betrachtet

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über herrlich schamlos Lesen, Trinken und Übertreiben

Truman Capote: "Erhörte Gebete". Übersetzt von Heidi Zerning. Verlag Kein & Aber. Zürich 2015. 9,90 Euro

Lästern Sie gern? Ich gestehe, ich bin nicht frei von diesem Laster. Meine ungeteilte Bewunderung gilt allen, die ihm widerstehen. Jedes Zusammensein mit anderen Menschen ist mühevoll genug, denn sie sind – wie soll ich sagen – irgendwie anders als man selbst. Die Versuchung ist groß, sich für diese mühevollen Mühen zu entschädigen, indem man die natürlich total liebenswerten kleinen Schwächen der anderen mit nicht nur liebenswürdigen Worten bedenkt. Pfui.

Truman Capote war der unangefochtene World-Champion des Lästerns. Sein Hauptwerk „Erhörte Gebete“ (Kein & Aber, 9,90 €) sollte eine Orgie der üblen Nachrede werden – aber er hat es nie vollendet. Zu besichtigen ist (jetzt als Taschenbuch) die Ruine eines Romans, der das klassische Ideal des Wahren, Schönen, Guten ersetzt durch schamlose Klatschsucht, eleganten Zynismus und brillante Boshaftigkeit. Mitleidloser ist die Welt der Reichen, Mächtigen und Schönen, der Jackie Kennedy, Montgomery Clift oder Dorothy Parker nie gezeigt worden. Und nie mit mehr Witz.

Allerdings bleibt Capote wohl nicht eng bei der Wahrheit, sondern neigt zu maßlosen Übertreibungen. Ein Indiz: Einen guten Daiquiri, der nicht nach „reiner Salzsäure“, sondern „angenehm säuerlich und leicht süß“ schmeckt, kriegt seiner Ansicht nach nur der Chefbarkeeper des Pariser „Ritz“ hin. Da zum klassischen Daiquiri neben weißem Rum und Limettensaft vor allem Rohrzuckersirup gehört, halte ich das für eine völlig haltlose Behauptung und – und bin bereit in einer Menge Bars zwischen Frankfurt und Berlin den Gegenbeweis anzutreten.

Die Kolumne erschien im Focus vom 20. Juni 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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