Buch & Bar (21): Ulrich Woelk “Pfingstopfer”

Das Mädchen und die Glaubensmänner

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über angstlüsternes Lesen und Trinken

Ulrich Woelk: "Pfingstopfer". Kriminalroman. dtv, München 2015. 14,90 Euro

Es beginnt wie im Schwedenkrimi: Eine junge Frau ist auf bizarre Weise ermordet worden, Teile des Hirns wurden ihr entfernt und ein Zettel mit einer Nachricht im Schädel versteckt. Sie war eine Prostituierte, ihr Mörder hat sie nackt und von Kopf bis Fuß kahl rasiert vor einer Kirche drapiert.

Doch Ulrich Woelk hat mit seinem Kriminalroman „Pfingstopfer“ (dtv, 14,90 Euro) mehr ihm Sinn, als die Angstlust seiner Leser durch exquisite Schockeffekte zu schüren. Denn bei ihm geraten als Täter einerseits fanatisierte christliche Fundamentalisten in Verdacht und andererseits ein Hirnforscher, der Gott zur evolutionsbedingten Selbsttäuschung der Menschen erklärt. So beschreibt der Roman neben dem Kriminalfall einen handfesten philosophischen Streit: zwischen der radikal nüchteren Weltsicht des Wissenschaftlers und dem ebenso radikalen Glaubensdiktat des Theologen.

Ein klassischer Konflikt. Schon Galilei trug ihn einst aus mit der Inquisition. Also liegt es nahe, dazu einen Cocktail-Klassiker zu wählen. Da der Mörder dem Mädchen so übel mitspielt, habe ich mich für Bloody Mary entschieden. Dazu braucht es, wie jeder weiß, zwei Teile Tomatensaft und einen Teil Wodka. Erst die übrigen Zutaten machen den Charakter des Drinks aus: Ich mag ihn mit Tabasco und Worcestershire-Sauce (je drei Schuss), einem Spritzer Zitrone und dazu ein bisschen Salz und Pfeffer.

Die Kolumne erschien im Focus vom 23. Mai 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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