Buch & Bar (20): Dörte Hansen “Altes Land”

Der Schnaps der Gummistiefelwelt

Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH & BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.

Heute: Über trendskeptisches Lesen und Trinken

Dörte Hansen: "Altes Land". Roman. Knaus Verlag, München 2015. 19,99 Euro

Noch immer kommt kein deutscher Familienroman, der von mehr als zwei Generationen erzählt, ohne ein paar zappendustere Kapitel aus. In Dörte Hansens Debüt „Altes Land“ (Knaus Verlag, 19,99 EURO) ist es die Geschichte einer Flucht aus Ostpreußen durch den Eiswinter 1945 in Richtung Westen und von den Mühen, in der neuen, oft abweisenden Heimat anzukommen.

Sage keiner, unsere Zeit sei geschichtsvergessen. Oder vergnügungssüchtig. Dieses Buch einer komplett unbekannten Autorin ist jedenfalls weder das eine noch das andere – und landete doch sofort für Wochen auf den Bestsellerlisten. Selbst 70 Jahre danach ist das Thema Kriegsende für Leser offenbar noch lange nicht erledigt.

Heitere Kapitel hat das Buch aber auch. Dörte Hansen hält wenig von der Landliebe, die manche trendbewusste Städter in den jüngsten Jahren überkam. Mit Lust karikiert sie deren romantisch verblasene Verzückung angesichts der „Gummistiefelwelt“.

Das Alte Land bei Hamburg gilt als größtes geschlossenes Obstanbaugebiet Europas. Schon deshalb kommt zu dem Roman ein guter Obstbrand wie gerufen. Ein Hamburger Freund empfahl mir einen sortenreinen Altländer Williams-Christ. Ich kann nur hoffen, dass er Dörte Hansens strengen Vorstellungen vom richtigen, untrendigen Landleben standhält. Aber mir hat er jedenfalls geschmeckt. Herrlich fruchtig bei 40 % vol.

Die Kolumne erschien im Focus vom 16. Mai 2015. 
2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch & Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.
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