Schwierige Fragen
Die Zeitung “De Standaard” in Brüssel hat schon länger die Rubrik “Mein Leben in Büchern”. Darin stellt sie Autoren individuell zugeschnittene ungewöhnliche Fragen. Mir unter anderem die Fragen “Das Buch, das ich nach meinem Tod verschenke” und “Das Buch, das ich brauche, um nach Hause zu kommen”. Ich musste länger nachdenken, bis ich einigermaßen tragfähige Antworten hingekriegt habe. Jetzt sind sie erschienen. Die Zeitung war so freundlich, mir einen Beleg zuzuschicken. Ich freue mich sehr. Leider kann ich ihn nicht lesen, denn leider kann ich nicht Flämisch. Hier Fragen und Antworten in Deutsch:
Mein Leben in Büchern

Literaturbeilage von “De Standaard” vom 11. März 2026
Das Buch, das ich brauche, um nach Hause zu kommen
„Das Kursbuch“. Das ist ein altmodischer Name für den Fahrplan der Deutschen Bahn. Das Kursbuch habe ich jahrelang gebraucht, um zu erfahren, wie und wann ich nach Hause komme. Als Journalist habe ich in vielen verschiedenen Städten gearbeitet, in Berlin, München, Paris. Doch die Familie hat immer in Frankfurt gelebt. Also musste ich pendeln und habe eine Menge Zeit in Zügen verbracht. Pro Jahr oft 40.000 Kilometer, einmal um die Welt. Gelernt habe ich dabei: Züge sind großartige Orte fürs Lesen. Lesen in Zügen beruhigt den Fahrgast ungemein. Sogar bei Verspätungen (ich schreibe hier schließlich über die Deutsche Bahn). Ich glaube, die Bücher, die ich auf meinen Fahrten von und nach Frankfurt gelesen habe, könnten mehrere Regale füllen. Und die Bücher, die ich in Zügen liegen ließ, weil ich sie nicht mochte, zumindest eins.
Das Buch, das ich nach meinem Tod verschenke
„How not to die“ von Michael Greger. Das ist ein Superbuch für alle, die nicht gern sterben. Ich gebe es frühestens nach meinem Tod aus der Hand. Michael Greger ist Arzt. Er erklärt die 15 beliebtesten Todesursachen, wie zum Beispiel Herzerkrankungen, Krebs, Diabetes, Bluthochdruck, und gibt dann Ratschläge, wie man sie vermeidet. Zumindest für eine Weile. Außerdem empfiehlt Greger lebensverlängernde Nahrungsmittel. Er schreibt viel über Gemüse und solche Sachen. Greger ist Vegetarier. Ich bin es nicht. Das ist für mich die andere Seite dieses formidablen Buches: Es beweist mir am Beispiel meiner eigenen Person, dass ein Autor selbst mit den besten Argumenten nicht alle Leser überzeugen kann.
Das Buch, das ich wiederlese
„Madame Bovary“ von Gustave Flaubert. Viele Schriftsteller haben ein Buch, von dem sie wie besessen sind. Ich auch. Ich habe Flauberts Roman über die unglückliche Ehe der Emma Bovary wohl ein dutzend Mal gelesen. Ich vermute, dass sich hinter meiner Leidenschaft für dieses Buch auf verquere Weise der Wunsch verbirgt, irgendwann einmal einen Roman über eine glückliche Ehe zu schreiben. Das ist ein ziemlich waghalsiges Projekt, denn das kleine Einmaleins des Schriftstellerhandwerks besagt, dass eine glückliche Liebe nur für die Liebenden interessant ist und für die Leser sterbenslangweilig. Also sollte ich mir die Arbeit wohl besser sparen. Aber vielleicht lese ich Flauberts „Bovary“ auch deshalb immer wieder, weil ich jedes Mal heimlich hoffe, diesmal geht es gut aus, diesmal muss sich Emma nicht umbringen, diesmal kriegt sie die Kurve hin zum Glück.
Das Buch, das ich momentan lese

Dirk von Petersdorff: “Wir Kinder der Leichtigkeit”. Unere Geschichte seit den Siebzigern”. Verlag C.H.Beck
„Wir Kinder der Leichtigkeit“ von Dirk von Petersdorff. Es ist ein schmales, saukluges Buch über meine Generation, die einen historischen Moment lang glauben durfte, die Geschichte könnte vielleicht doch ein gutes Ende nehmen. Wir sind aufgewachsen in den siebziger Jahren, in denen die Religionen und Ideologien ihre dominierende Bedeutung verloren und die Zukunft offen und unbelastet vor uns lag. Wir durften uns frei fühlen und gewöhnten uns daran, dass jeder sich seine Weltdeutung selbst zusammenbasteln konnte. Es gab keinen Zwang mehr, an irgendeine ‚große Erzählung‘ zu glauben. Es herrschte der Karneval der Lebensphilosophien. Nach der Implosion des Ostblocks 1989 war mir so leicht ums Herz wie den Helden von Petersdorffs Buch. In einer Literaturzeitschrift schrieb ich damals, möglicherweise bräche nun ein „augusteisches Zeitalter“ an, eine Epoche des Friedens und der Harmonie. Ja, ich gebe zu, das war naiv. Ich habe mich getäuscht. Was machen wir jetzt, wir Kinder der Leichtigkeit, nach dem Sturz in die Polykrise? Jetzt, wo die Zukunft noch immer offen vor uns liegt, so offen wie ein weit aufgesperrter, allesverschlingender Rachen?
Der beste Lesetipp, den ich je bekommen habe
Ein Tipp von meinem Vater. Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt und hatte Grippe. Ich lag im Bett, mein Vater saß bei mir und ich jammerte: „Mir ist so langweilig“. Er antwortete: „Dann lies doch was“ und drückte mir Short Stories von Ernest Hemingway in die Hand. Ich begann zu lesen und las und las und habe bis heute nicht aufgehört.