Iwan Maiski: “Tagebücher”

Diplomat in Stalins Diensten

Der Historiker Gabriel Gorodetsky fand Jahrzehnte nach Kriegsende die Tagebücher der sowjetischen Botschafters in London Iwan Maiski. Maiski war nicht nur einer der wichtigsten Diplomaten, die während des Zweiten Weltkriegs an der Anti-Hitler-Allianz zwischen Großbritannien und der Sowjetunion bauten, sondern überdies ein hervorragender Schriftsteller. Seine Aufzeichnungen sind nicht nur von enormer historischer Bedeutung, sondern auch ein Lesegenuss.

Der Sensationsfund war reiner Zufall. Der Historiker Gabriel Gorodetsky durchforschte das Archiv des russischen Außenministeriums in Moskau, weil er mehr erfahren wollte über die Rolle der Sowjetunion bei der Gründung Israels im Jahr 1947. Einer der Archiv-Mitarbeiter wiegte sein Haupt, verschwand in einer Abteilung mit jahrzehntelang gesperrten Geheimsachen und als er zurückkam, brachte er ein riesiges Akten-Konvolut.

"Die Maiski-Tagebücher". Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932-1943 Übersetzung: Karl-Heinz Siber. Herausgegeben von Gabriel Gorodetsky. Verlag C.H.Beck. 34,95 Euro

Gorodetsky blätterte darin, eingeschüchtert von dem Umfang des Materials, las zunächst nur kleine Passagen, las dann immer weiter, las sich fest. Er war, begriff er, im unerforschlichen Papier-Bergwerk dieses Archivs auf eine Goldader gestoßen, auf ein historisches Dokument ersten Ranges, in dem einige der wichtigsten Politiker des 20. Jahrhunderts, Churchill, Stalin, Roosevelt, Chamberlain, wie auf einer Bühne sich in Szene setzten und ein hochdramatischen Theaterstück aufführten: den Zweiten Weltkrieg.

Es hat noch Jahre gedauert, bis Gorodetsky die russischen Rechteinhaber zur Veröffentlichung des Materials bewegen konnte. Doch er blieb hartnäckig und deshalb liegt nun weltweit öffentlich vor, was während des Kalten Kriegs in der Sowjetunion als so brisant galt, dass absurderweise nicht einmal der Autor selbst es lesen durfte: Die Tagebücher des Iwan Michailowitsch Maiski, der von 1932 bis 1943 als Botschafter Stalins in London arbeitete.

Maiski war ein genialer Diplomat. Sein Vater, ein polnischer Jude, ließ sich im Russland des Zaren nieder. Sohn Iwan kämpfte als Sozialist gegen das Zaren-Regime, wurde nach Sibirien verbannt, floh ins Exil unter anderem nach München und London, und kehrte kurz nach der Revolution 1917 nach Moskau zurück.

Hochintelligent, sprachbegabt, reise- und unternehmungslustig machte er im neuen sowjetischen Außenministerium rasant Karriere und wurde schließlich nach Großbritannien auf den damals wichtigsten Botschafterposten entsandt. Dort schlug ihm, dem „ungewaschenen Bolschewiken“, zunächst enormes Misstrauen entgegen. Dennoch gelang es ihm mit Charme und Witz schnell ein dichtes Netz persönlicher Kontakte und Freundschaften nicht nur zu Politikern, sondern auch zu Unternehmern, Bankern, Journalisten, Künstlern zu knüpfen.

Władysław Sikorski, Anthony Eden, Winston Churchill und Iwan Maiski bei der Unterzeichung des sowjetisch-polnischen Abkimmens 1941

Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 ging es Maiski dann zehn Jahre lang nur noch darum, dieses Netz zum Schutz seines Landes vor den Nazis einzusetzen. Als Leser seiner Tagebücher erlebt man mit, wie lange manche britischen Politiker, Chamberlain vor allem, lavierten, zögerten und mit den Deutschen liebäugelten. Hitler wurde für seine Tatkraft und wirtschaftlichen Erfolge unverhohlen bewundert. Seinen innenpolitischen Verbrechen zum Trotz wollte man es sich nicht mit ihm verderben und hoffte insgeheim seine Aggression nach Osten und gegen das Sowjet-Regime ablenken zu können.

Für Maiski war genau das der Albtraum. Unermüdlich warb er bei Staatssekretären, Ministern, Oppositionspolitikern um Vertrauen zu seinem Land, fütterte Verleger und Leitartikler mit Informationen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen oder versuchte die – damals weit links stehenden – Gewerkschaften vor seinen Karren zu spannen. Maiski war nicht allein der Botschafter, er entwickelte sich zum rasenden Propagandachef seines Landes.

Maiski und die sowjetische Militärmission 1941: (von rechts nach links) Admiral Charlamow, General Golikow, Maiski und links hinter Maiski der berufsbedingt argwöhnische und allgegenwärtige Maiski-Überwacher Nowikow

Was Maiski in seinen Notizen nur andeuten konnte, macht der Herausgeber Gorodetsky in seinen klugen Begleittexten klar: Parallel zu all dem kämpfte Maiski buchstäblich um sein Überleben: Bei paranoiden „Säuberungen“ ließ Stalin in jenen Jahren mindestens 62 Prozent seiner ranghohen Diplomaten und Beamten ermorden. Nur 16 Prozent blieben auf ihren Posten. Zu den täglichen Meisterleistungen des Meisterdiplomaten Maiski gehörte es, nicht liquidiert zu werden.

Durch die britische Unentschlossenheit fühlte sich die Sowjetunion förmlich in den Hitler-Stalin-Pakt hineingedrängt, der zum Startsignal des Weltkrieges wurde. In Kriegspremier Winston Churchill fand Maiski auf der Londoner Politik-Bühne endlich einen Partner und Widerpart nach seinem Geschmack. Im Tagebuch als Zuschauer mitzuverfolgen wie diese beiden Männer einander umwarben und belauerten, zu beeinflussen und zu manipulieren versuchten, ist ein Drama eigener Güte.

Ebenso wie Churchill, der 1953 den Nobelpreis für Literatur erhielt, war auch Maiski neben seinen politischen Leidenschaften ein begnadeter Schriftsteller. Schon in seiner Jugend schwärmte er für Heinrich Heine und leitete später eine Literaturzeitschrift. Mit welcher erzählerischen Kraft er Charaktere und Schauplätze, Geist und Atmosphäre seiner Zeit einfängt, ist hinreißend. Das macht die Tagebücher neben ihrem historischen Informationswert zugleich zu einem besonderen Lesevergnügen.

Aber Stalin fühlte sich später auch von Churchill hingehalten und verlor die Geduld. 1943 berief er Maiski nach Moskau zurück und ließ ihm zehn Jahre lang demütigende oder schlicht sinnlose Tätigkeiten zuteilen. Im 19. Februar 1953 wurde Maiski bei erneuten „Säuberungen“ wegen angeblichem Hochverrat verhaftet und wäre nicht zu retten gewesen, wenn Stalin nicht zwei Wochen später, am 5. März, gestorben wäre.

Dennoch wurde Maiski erst im Juli 1955 aus dem Gefängnis entlassen. Er zog sich zurück, widmete sich fast nur seiner literarischen Arbeit, schrieb einen Roman, den er in seiner Gefängniszeit im Kopf konzipiert hatte, und seine Memoiren. Als ihn ein Freund kurz vor seinem Tod 1975 besuchte und fragte, wie er diese mörderische Epoche überlebt hatte, schaute ihm der neunzigjährige Maiski in die Augen „schmunzelte und sagte: ‚Ich habe immer einen kühlen Kopf behalten’.

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