Laudatio auf Vea Kaiser und ihren Roman “Makarionissi”

Familie in den Zeiten der allgemeinen Migration und des Vagabundentums

Kurze Betrachtung über die Frage, weshalb Eleni Stefanidis erst mit Lefti verheiratet ist, dann mit Milton, aber Otto liebt und mit ihm ein Kind hat; aber auch über die Frage, ob wir alle zu Nomaden werden und über den Polen Zygmund Bauman, der nach Israel emigrieren musste, bevor er in Leeds zu einem der großen Soziologen der Postmoderne wurde.

Laudatio auf Vea Kaiser und ihren Roman „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ anlässlich der Verleihung des Buchpreises der Stiftung Ravensburg am 30. November 2015 in Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Frau Hess-Maier,
liebe Vea Kaiser,

die Geschichte von Vea Kaisers Roman „Makarionissi“ beginnt genau genommen in Kleinasien im Jahr 1918. Der Vater der Familienpatriarchin Maria Kouzis, von der uns Vea Kaiser dann noch Vieles erzählt, ist Grieche, ein gebildeter Mann und glaubt nicht an die warnenden Vorzeichen, die seine Frau und seine Tochter für unübersehbar halten: erst wird ein Kalb mit zwei Köpfen geboren, dann fällt ein Vogel ohne Flügel aus einem Nest. Mutter und Tochter beschließen wegen dieser Menetekel, ihre Heimat Richtung Piräus zu verlassen, der Vater dagegen lacht über ihren Aberglauben, bleibt daheim und wird kurz darauf von Türken erstochen, die in den Wirren des zu Ende gehenden 1. Weltkriegs von einem griechenfreien, ethnisch gesäuberten Kleinasien träumen.

Vea Kaiser: "Makarionissi oder Die Insel der Seligen. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 19,99 Euro

In diesem Auftakt klingen gleich mehrere zentrale Motive des Romans von Vea Kaiser an: 1.) Es ist nicht immer klug, an dem Ort zu bleiben, den man für seine Heimat hält. 2.) Wer mit der Vernunft der politischen Verhältnisse rechnet, statt die bare Unvernunft für möglich zu halten, hat schnell mal ein Messer in der Brust. 3.) Der Traum von einem streng geordneten Staat, zu dem angeblich auch eine ethnisch klar sortierte Bevölkerung gehört, gebiert rasch Ungeheuer, für die Völkermord nur eine Kleinigkeit ist.

Bitte lassen Sie mich, sehr geehrte Damen und Herren, bevor ich zu dem Schicksal der griechischen Familie von Maria Kouzis zurückkehre, hier eine kleine Abschweifung machen und von einem Polen erzählen, der aus eigener Erfahrung einiges beizutragen hätte zu den genannten Motiven aus Vea Kaisers Roman. Der Mann heißt Zygmund Bauman, wurde 1925 in Posen geboren, floh mit seiner Familie 1939 in die Sowjetunion, da sie als Juden mit der ethnischen Säuberungs- und Mordlust der anrückenden Deutschen rechnen mussten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Bauman in seine Heimat zurück, studierte in Warschau Soziologie, musste das Land aber 1968 in Richtung Israel verlassen, weil die antisemitische Hetze in Polen unerträglich wurde und nahm 1971 einen Lehrstuhl im britischen Leeds an, wo er bis heute lebt. Mit anderen Worten: So wie die Menschen, von denen Vea Kaiser uns in ihrem Roman erzählt, versteht auch Zygmund Bauman, der heute zu den großen Soziologen unserer Zeit gezählt wird, etwas von dem Zwang, den Ort verlassen zu müssen, den man für seine Heimat hielt, versteht etwas von der brandgefährlichen Unvernunft politischer Verhältnisse oder auch von der Schnelligkeit, mit der ethnische oder andere ideologische Reinheitsgebote die Friedhöfe zu füllen vermögen.

Als Soziologe hat Bauman aus den Erfahrungen seines Lebens mancherlei Schlussfolgerungen gezogen. Natürlich gab es eine Zeit, in der die Menschen ihr Leben in stabileren Verhältnissen verbrachten, in denen sie einen festen Ort in der Welt hatten, sowohl im geographischen wie im gesellschaftlichen Sinne. In diesen lang versunkenen Epochen gab es eine alles überwölbende politische und religiöse Ordnung, die jedem Einzelnen seinen Platz zuwies. Das klingt gut im ersten Moment. Doch wehe, wenn die Menschen jener Zeiten über diesen zugewiesenen Platz hinauswachsen und zu neuen Ufern aufbrechen wollten. Dann entwickelte sich die fest gefügte Ordnung schnell zur Fessel, wenn nicht gar zum Gefängnis.

Doch mit Beginn der Moderne begann der Wunsch, sich selbst seine Ziele zu setzen und seinen Platz zu suchen, das Bewusstsein zu beherrschen. Die typische Lebensweise des modernen Menschen ist deshalb, so sagt Bauman, die des Pilgers in einem nicht-religiösen, sondern einem ganz und gar weltlichen Sinne. Denn für den Pilger „ist der wahre Ort“, an den er sich sehnt, „immer ein Stück weit entfernt“[1]. Er will nicht auf der Stelle treten, sondern sich entwickeln, will wachsen, sich vervollkommnen. Das hält ihn in Bewegung, das treibt ihn voran. Indem er sich ein Ziel setzt, macht er aus seinem Leben eine Reise hin zu diesem Ziel, er gibt dem Formlosen, das jedes Leben enthält, eine klare Form, eben die des unbeirrbar Voranstrebens, „macht aus dem Fragmentarischen ein Ganzes, verleiht dem Episodischen Kontinuität“[2].

Doch die Zeit der Pilger, die sich ihr Ziel selbst suchen, um ihrem Leben die gewünschte Richtung zu weisen, scheint vorbei zu sein. Zumindest konnten weder Zygmund Bauman noch Maria Kouzis und deren Familie sich ihre Ziele selbst suchen. Vielmehr sind es die politischen Ereignisse oder der rasche Wandel der wirtschaftlichen Lage, die sie buchstäblich vor sich hertreiben und ihnen die Reiseroute diktieren. Diese postmoderne Lebensweise, so schreibt Bauman, ähnelt nicht der des Pilgers, sondern viel eher der des Vagabunden. Denn der hat kein festes, langfristiges Ziel mehr. Er muss vielmehr auf Gelegenheiten reagieren, sobald sie sich bieten. Der Vagabund darf sich schon deshalb nirgendwo festsetzen, weil mit dem nächsten politischen oder wirtschaftlichen Klimawandel die Lage für ihn so ungemütlich werden kann, dass er gut beraten ist, sein Bündel zu schnüren und den Standort wieder zu wechseln. Sein Herz an eine Heimat zu hängen, birgt für den Vagabunden das Risiko, nicht schnell genug auf den Beinen und wieder weg zu sein, sobald die Situation kritisch wird. Wurzeln sind ihm suspekt, weil sie seine Bewegungsfreiheit einschränken, er muss mobil bleiben, er muss jederzeit aufspringen und sich davon machen können, darin liegt seine Freiheit. „Man weiß nicht“, schreibt Bauman, „wohin er sich als nächstes bewegen wird, weil er es selbst nicht weiß“[3]. Der Vagabund ist im doppelten Sinne des Wortes herrenlos.

Zygmund Bauman: "Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen". Übersetzt von Martin Suhr. Hamburger Edition, Hamburg 1997. 18 Euro

So ist es vielleicht kein Zufall, dass Eleni Stefanidis, die weibliche Hauptfigur in Vea Kaisers Roman, zwar zweimal im Leben heiratet und einen dritten Mann liebt und mit ihm ein Kind hat, aber sich doch niemals rückhaltlos an einen von diesen Männern bindet. Sie gehört zu den widerspenstigen, unzähmbaren Wesen, denen ihre Freiheit über alles geht. Sie ist eine Vagabundin, wie Bauman sie beschreibt, und im entschiedenen Sinne herrenlos.

Ein wenig trifft das auf fast alle Figuren aus Vea Kaisers Buch zu, und sie sind es nicht immer freiwillig, sondern weil es ihnen ihre Epoche so verordnet. Mit Maria Kouzis und ihrer Mutter beginnt der Flüchtlingsreigen in diesem Roman, sie müssen sich vor den türkischen Nationalisten in Kleinasien in Sicherheit bringen, und Maria folgt einem reichen Salzhändler in den Nordwesten Griechenlands. Von dort werden dann schon bald viele Menschen – diesmal nicht wegen eines Krieges, sondern aus wirtschaftlicher Not – erneut auf die Wanderschaft gezwungen, darunter ihre Enkelin Eleni Stefanidis und deren Cousin Lefti Zifkos. Es sind, nach der Tradition der Vagabunden, keine selbstgesteckten Ziele, von denen sich die beiden in die Ferne locken lassen, sondern das Gesetz der Opportunitäten: Deutschland lockt mit Arbeitsplätzen, also brechen sie auf nach Hildesheim, später geht es für Lefti Zifkos weiter nach Österreich und für Eleni ein halbes Jahr lang nach Indien, danach zurück nach Griechenland, dann für einige Jahre nach Chicago, bevor es sie wieder nach Griechenland führt – immer den Wechselfällen eines Berufsschicksals folgend.

Das klingt, als müssten wir Mitleid haben mit den beiden, mit Eleni und Lefti, doch von wenigen Wendepunkten in ihrem Leben abgesehen, fühlen sie sich nicht als Opfer. Ihr Vagabunden-Dasein kommt ihnen ganz gewöhnlich vor, und seien wir ehrlich: Unterscheidet es sich heute tatsächlich so erheblich von dem des angeblich sesshaften Teil der Menschheit? Sind die Ortsfesten, auch wenn sie längerfristig am selben geographischen Punkt wohnen, tatsächlich weniger umtriebig? Hat nicht das Tempo der tagtäglichen Veränderungen inzwischen einen Grad erreicht, dass von Sesshaftigkeit im engen Sinne keine Rede mehr sein kann? Selbst wer über Jahrzehnte in der gleichen Stadt wohnt, findet diese Stadt alle paar Jahre so gründlich verändert, als wären er in eine andere umgezogen. Der Boden unter unseren Füßen beginnt zu wandern und macht uns alle zu Nomaden.

Vea Kaiser beschreibt das sehr klar in ihrem Roman. Zu welchem Schauplatz sie uns in dieser Geschichte auch immer führt, überall ist die Tektonik der sozialen Strukturen in Bewegung geraten und bietet den Figuren manchmal die erstaunlichsten Chancen, manchmal aber auch verbauen sie plötzlich lang gehegte Träume – und so werden die Menschen zu reaktionsschnell kalkulierenden Fluchthelfern ihres eigenen Lebens. Ja mehr noch, wer Vea Kaisers Buch aufmerksam liest, erkennt schnell, dass es gerade die langfristigen und hartnäckig verfolgten Pläne sind, die Sorgen und Not über Eleni Stefanidis Familie bringen: Ihre Grußmutter Maria Kouzis hält stur an dem Plan fest, Eleni mit dem falschen Mann, mit Cousin Lefti zu verheiraten – und es braucht Jahre bis die zwei diesen Fehler korrigieren können. Maria Kouzis ist es auch, die den eigenen Schwiegersohn an die Polizei verrät, bevor der mit Frau und Kind nach Albanien fliehen kann, da sie die Familie um jeden Preis in Griechenland zusammenhalten will. In den gleichen Fehler verfällt dann Eleni Jahrzehnte später, als sie das Erbe der Familie auf der Insel Makarionissi sichern möchte, und deshalb mit vielen in dieser Familie in Streit gerät. Wer in der Epoche des Vagabundentums etwas besonders festzuhalten versucht, so lehrt dieser Roman, der wird es mit besonders großer Sicherheit verlieren.

Für das Lebenskonzept Familien ist das, machen wir uns nichts vor, keine bequeme Lehre. Auch diesen Punkt beleuchtet Vea Kaiser in ihrem Buch sehr deutlich. Ihre Heldin Eleni lebt ihr Leben weder in fester Familienformation noch als Einzelgängerin. Denn diese ehemals simplen Gegensätze haben sich aufgelöst. Eleni lebt lange zusammen mit Lefti, doch sie liebt den deutschen Musiker Otto und sie heiratet später in Amerika den verständnisvollen Milton. Der biologische Vater ihrer Tochter ist Otto, doch diese Tochter wächst lange ohne Eltern bei Großmutter und Tanten auf. Wenn sie je so etwas wie ein konventionelles Klein-Familienleben kennenlernt, dann weil der amerikanische Grieche Milton Vaterschaft nicht als eine Frage der biologischen Zeugung, sondern der sozialen Zugehörigkeit betrachtet.

Familie in den Zeiten der Migration, so zeigt Vea Kaisers Buch mit beeindruckender Ehrlichkeit, Familie in den Zeiten des allgemeinen Vagabundentums verlangt von allen Beteiligten, von Eltern, Kindern, Großeltern, von angeheirateten Partnern, von Freunden und Verwandten ein ungeheures Maß an Flexibilität. Zu den großartigen Kunstgriffen Vea Kaisers gehört, dass sie die Geschichte ihrer griechischen Helden der Gegenwart erzählt vor der Folie der griechischen Mythologie. Was ihre Heldin Eleni durchlebt, ist eine postmoderne Odyssee. Auch Odysseus hat etwas von einem Vagabunden, denn auch er ist nicht Herr seiner Entscheidungen: Er wird gezwungen in den Trojanischen Krieg zu ziehen. Doch eines unterscheidet die beiden Figuren grundsätzlich: Odysseus weiß, dass nach dem Krieg in Ithaka seine Familie und seine Heimat warten. Eleni und ihre Familie kennen diese Zuflucht nicht mehr, ihnen bleibt nichts anderes übrig, als ihr Vagabundendasein zu ihrer Zuflucht zu machen.

Liebe Vea Kaiser, ich gratuliere Ihnen herzlich zum Buchpreis der Stiftung Ravensburger. Und Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich für Ihre Geduld.



[1] Zygmund Baumann: „Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen“. Hamburg 1997. S. 136

[2] ebenda S. 140

[3] ebenda S. 154

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