Buch&Bar 89: Hanna Diyāb “Von Aleppo nach Paris”

Ein Syrer beim Sonnenkönig

Heute: Über märchenhaftes Lesen und Trinken

Hanna Diyap: "Von Aleppo nach Paris". Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV. Übersetzung: Gennaro Ghirardelli. Andere Bibliothek. 42 Euro

Es war einmal eine Zeit, in der die Welt nicht vom Pulverfass Nahost, sondern vom Zauber des Orients sprach. Es war einmal eine Zeit, in der Aleppo blühte.

Vor rund 300 Jahren zum Beispiel sandte König Ludwig XIV. den Franzosen Paul Lucas aus, um im Orient Kunstschätze für zu kaufen. In Aleppo engagierte Lucas einen jungen christlichen Syrer namens Hanna Diyāb als Dolmetscher. Ihre Abenteuer führten sie über Zypern, Ägypten, Libyen, Tunesien und Italien  zurück nach Versailles, wo der König sie empfing. Diyāb hat später aufgeschrieben, was sie auf ihrer Reise erlebten „Von Aleppo nach Paris“ (Andere Bibliothek, 42 Euro). Schon allein Ludwig XIV. samt seinem Hofstaat mal durch die Augen eines unbekümmerten Arabers zu betrachten, ist ein köstliches Vergnügen.

Doch Diyāb brachte auch immaterielle Kunstschätze mit. In Europa erschienen zu seiner Zeit erstmals die „Märchen aus 1001 Nacht“. Sie waren damals noch lange nicht vollständig. Diyāb konnte dem Herausgeber in Paris 14 weitere Märchen seiner Heimat erzählen, darunter zwei der heute berühmtesten: „Ali Baba und die 40 Räuber“ und „Aladdin und die Wunderlampe“.

Ob Diyāb Urenkel heute noch in Aleppo leben, ist unbekannt. Wo immer sie sind und wer immer heute in dieser Stadt eingesperrt zu überleben versucht – ich trinke einen für diese Weltgegend typischen Arak Brun auf sie, einen Anisschnaps, der älter und stärker ist als der französische Pastis. Könnte vielleicht endlich mal jemand an seiner Wunderlampe reiben und auch in dieser Weltgegend das Märchen namens Frieden beginnen lassen?

 

2014 startete BUCH & BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.

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