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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Günter Grass</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Willy Brandt und Günter Grass: &#8220;Der Briefwechsel“</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Apr 2017 07:48:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Willy Brandt]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Dichter und sein Kanzler Vor zwei Jahren starb Günter Grass. Seit der &#8220;Bechtrommel&#8221; war er nicht nur ein Erzähler von Weltruhm, sondern entwickelte sich bald darauf auch zu einem jederzeit politisch engagierter Schriftsteller. Vielleicht ist es, wenn heute die &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2204">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der Dichter und sein Kanzler</strong></h1>
<h2><strong>Vor zwei Jahren starb Günter Grass. Seit der &#8220;Bechtrommel&#8221; war er nicht nur ein Erzähler von Weltruhm, sondern entwickelte sich bald darauf auch zu einem jederzeit politisch engagierter Schriftsteller. Vielleicht ist es, wenn heute die politischen Debatten rapide an Heftigkeit und Dramatik zunehmen, nicht falsch, an den politisch denkenden Autor Grass und seine Freundschaft zu Willy Brandt zu erinnern. Der 2013 veröffentlichte Briefwechsel verrät viel darüber, wie nahe sich beide standen und welchen Einfluss Grass auf den Politiker und Bundeskanzler hatte.<br />
</strong></h2>
<p>Zwei Männer von Weltruhm, zweimal Tränen: 1966 besuchte Willy Brandt, der spätere Friedensnobelpreisträger, im Berliner Schillertheater das Theaterstück „Die Plebejer proben den Aufstand“ von Günter Grass. Danach schrieb er dem Autor, wie sehr ihn die Aufführung „aufgewühlt“ habe und dass er „mehr als einmal auch nahe am Heulen“ gewesen sei. Literatur war es, die den Politiker aus der Fassung brachte. 1974 dann, als Brandt wegen der Guillaume-Affäre vom Amt des Bundeskanzlers zurücktrat, weinte Grass, der spätere Literaturnobelpreisträger, wie ein Schlosshund. Politik war es, die dem Schriftsteller die Fassung raubte.</p>
<div id="attachment_2205" class="wp-caption alignright" style="width: 289px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/36897922z.jpg"><img class="size-full wp-image-2205" title="36897922z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/36897922z.jpg" alt="" width="279" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Willy Brandt und Günter Grass: &quot;Der Briefwechsel“, Steidl Verlag, 49,80 Euro</p></div>
<p>Die acht Jahre zwischen beiden emotionalen Aufwallungen machen den Hauptteil des gewaltigen Briefwechsels zwischen Brandt und Grass aus. Gewaltig schon wegen seines Umfangs: Über 1200 Seiten hat der Band „Der Briefwechsel“. Gewaltig aber auch von seiner Bedeutung her: Seit Goethes Freundschaft mit Großherzog Karl August vor 200 Jahren gab es keinen deutschen Schriftsteller mehr, der so enge Beziehungen zu einem aktiven Machthaber pflegte wie Grass zu Brandt und einen so unmittelbaren Einfluss auf dessen Politik hatte.</p>
<p>Erstmals begegneten sich beide, als der Regierende Bürgermeister Brandt kurz nach dem Mauerbau einige Schriftsteller zum Gespräch ins Berliner Rathaus bat. Grass war zwar nicht eingeladen, ging aber trotzdem hin. Als Brandt die Autoren fragte, wer künftig bereit sei, ihm beim Überarbeiten seiner Reden zu helfen, meldete sich nur einer: ausgerechnet der damals als Anarchist und angeblicher Pornograf verschriene Grass. Der aber hielt Wort.</p>
<p>Schon bald ging es nicht mehr nur um Formulierungstipps. Grass kümmerte sich um Brandt wie ein Rede-Coach um seinen Klienten: Er korrigierte dessen Aussprache („verschwimmende Satzenden“) oder Vortragsrhythmus („stockend“). Schließlich begann er, konkrete politische Empfehlungen zu geben. So beschwor er Brandt 1966, auf keinen Fall in eine Große Koalition („falsche Harmonie“) einzutreten, und bittet, seine Argumente allen SPD-Abgeordneten vorzutragen: „Ich weiß, dass Herbert Wehner allzu rasch geneigt ist, im Andersdenkenden einen Neurotiker zu vermuten. Dennoch bitte ich Sie, diesen Brief der Fraktion zu verlesen. Nichts soll unversucht bleiben.“</p>
<div id="attachment_2207" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/43682576m1.jpg"><img class="size-full wp-image-2207" title="43682576m" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/43682576m1.jpg" alt="" width="150" height="135" /></a><p class="wp-caption-text">Günter Grass: &quot;Der politische Literat&quot;. 1 CD. Günter Grass im Originalton. Random House Audio. 10,95 Euro</p></div>
<p>Damit hat der Briefwechsel seine Tonlage gefunden: Grass häuft Vorschlag auf Vorschlag, wie die SPD und das Land zu führen seien, liefert Argumente für Wahlkämpfe oder berichtet von der Stimmungslage unter Intellektuellen. Brandts Antworten dagegen sind kurz und konzentriert, er bestreitet nur gefühlte zehn Prozent der Korrespondenz. Manche haarsträubende Idee des Schriftstellers übergeht er dabei mit diplomatischem Schweigen: So etwa, wenn Grass 1968 anregt, die SPD solle „einen Anteil ihrer Mitgliedsbeiträge Nord- und Südvietnam zur Verfügung“ stellen.</p>
<p>Anderes jedoch nimmt Brandt sehr ernst &#8211; und das zu Recht. Grass, mit dem sich Brandt ab 1968 duzt, ist in mancherlei Hinsicht erstaunlich hellsichtig. So warnt er schon 1970, noch bevor die RAF die ersten Banken überfällt, eindringlich vor den Gefahren des Terrors. Und erkennt bereits 1971 in Helmut Kohl („stärkster Eindruck“) das größte Talent der CDU: „Auf sympathisch anmutende Weise gab er bestimmt und ohne die in Bonn üblichen Ichwürdemeinen-Formulierungen Auskunft über seinen politischen Standort.“</p>
<p>Mehrfach fragt Grass an, ob Brandt ihn nicht mit politischen Aufträgen betrauen wolle: „Dir direkt unterstellt“, sei er gern bereit, „für eine Entwicklungspolitik zu arbeiten.“ Brandt reagiert sehr zurückhaltend, bietet ihm kaum mehr an als die „Eröffnung des Goethe-Instituts in Australien“ &#8211; wozu Grass keine Lust hat. Doch der Freundschaft beider Männer tut das keinen Abbruch.</p>
<div id="attachment_2208" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/38472704m.jpg"><img class="size-full wp-image-2208" title="38472704m" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/38472704m.jpg" alt="" width="150" height="135" /></a><p class="wp-caption-text">Willy Brandt: &quot;Ein Zeitbild in Originaltönen. Wir sind keine Erwählten, wir sind Gewählte.&quot; Verlag Antje Kunstmann. 12,99 Euro</p></div>
<p>Das Verhältnis von Grass zu Brandt wirkt tatsächlich wie das eines hochbegabten, aber rebellischen Sohnes zum verehrten Übervater. Was gelegentliche Anfälle von Größenwahn auf Seiten des Schriftstellers nicht ausschließt. Als Brandt erstmals Kanzler wird, gibt Grass detaillierte Hinweise, wie das Kabinett zusammenzustellen sei, und drängte ihn, keinesfalls „untaugliche Männer wie Egon Franke und Carlo Schmid“ zu berufen: „In dieser Stunde sollten wir uns jede Sentimentalität verbieten.“</p>
<p>Auch mit direkter Kritik hält sich Grass nicht zurück. Immer wieder verlangt er von Brandt einen „härteren Führungsanspruch“ innerhalb der Partei. Und wirft ihm vor, die falschen Mitarbeiter auszuwählen: “. . . möchte ich Dich darauf aufmerksam machen, dass die Muse der Personalpolitik Deine Nähe scheut.“ Ein höchst ahnungsvolles Urteil, wenn man bedenkt, woran Brandt als Kanzler schließlich scheiterte: an seinem persönlichen Referenten Günter Guillaume, der sich als Stasi-Spion entpuppte.</p>
<p>Indirekt hatte Grass vielleicht sogar Anteil an einer der berühmtesten politischen Gesten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Bevor Willy Brandt 1970 zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags nach Polen aufbrach, ermahnte ihn Grass, dieses außergewöhnliche Ereignis nicht mit der “üblichen Glätte und innerhalb des gewohnten Protokolls vonstatten“ gehen zu lassen. Möglicherweise war es dieser Rat, der Brandt auf die Idee zum Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos brachte &#8211; dem größten symbolpolitischen Erfolg in seiner Karriere.</p>
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		<title>Buch&amp;Bar 100 (Jubiläum): Charles Foster &#8220;Der Geschmack von Laub und Erde&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Feb 2017 09:32:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch & Bar]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Foster]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich wollt, ich wär kein Huhn Heute: Über tierische Wünsche beim Lesen und Trinken Wären Sie gern mal ein Tier? Nur für ein paar Tage, so zur Probe? Wenn ja, was für eines? Huhn? Nashorn? Froschkönig? Hängebauchschwein? Günter Grass sagte &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2162">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Ich wollt, ich wär kein Huhn</strong></h1>
<h2><strong>Heute: Über tierische Wünsche beim Lesen und Trinken</strong></h2>
<div id="attachment_2163" class="wp-caption alignright" style="width: 308px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/02/45031671z.jpg"><img class="size-full wp-image-2163" title="45031671z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/02/45031671z.jpg" alt="" width="298" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Charles Foster: &quot;Der Geschmack von Laub und Erde&quot;. Wie ich versuchte, als Tier zu leben. Übersetzung: Robert A. Weiß. Malik Verlag, 20 Euro</p></div>
<p>Wären Sie gern mal ein Tier? Nur für ein paar Tage, so zur Probe? Wenn ja, was für eines? Huhn? Nashorn? Froschkönig? Hängebauchschwein?</p>
<p>Günter Grass sagte mir mal, er glaube nicht an Seelenwanderung, aber falls es sie doch gebe, würde er gern als Kuckuck wiedergeboren werden. Denn der Kuckuck verkünde den Menschen alljährlich „Frühling-wird’s-bald“ und überließe die Aufzucht seines Nachwuchses anderen. Beides fand er klasse.</p>
<p>Von fünf Versuchen als Tier zu leben, berichtet der Brite <strong>Charles Foster</strong> in seinem witzig-klugen Buch <strong>„Der Geschmack von Laub und Erde“</strong> (Malik, 20 Euro). Er grub sich mit der Nase in die Erde wie ein Dachs, schlief in Abflussrohren wie moderne Otter, jagte Mäuse wie ein Fuchs, ließ sich von Bluthunden hetzen wie ein Rothirsch und schnappte mit dem Mund nach Insekten wie ein Mauersegler. Das ist, zugegeben, reichlich skurril. Aber man lernt dabei fabelhaft viel übers Tiersein. Und noch mehr übers Menschsein.</p>
<p>Ich würde gern Mensch bleiben. Selbst das Daseins als Hauskatze – schlafen, fressen, schlafen – reizt mich nicht. Allenfalls das Gestreicheltwerden wäre verlockend. Ersatzweise begnüge ich mich lieber mit einem <strong>Cocktail Yellow Cat</strong>: Jeweils 2 cl Malibu Kokosnuss-Rum-Likör und trockenen Wermut, gemixt mit 3 cl Orangensaft und Eis. Dann je nach Geschmack auffüllen mit eiskaltem Champagner. Das schlürfe ich, wenn’s sein muss, auch aus einer Vogeltränke.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>2014 startete BUCH &amp; BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.</em></p>
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		<title>Erinnerung an Siegfried Lenz</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1993</link>
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		<pubDate>Fri, 07 Oct 2016 12:42:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Siegfried Lenz]]></category>
		<category><![CDATA[Willy Brandt]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Gelassenheit, Deutlichkeit&#8221; Vor zwei Jahren, am 7. Oktober starb Siegfried Lenz. Er war einer der großen Erzähler der alten Bundesrepublik. Ich traf ihn ein letztes Mal im März 2011 in Hamburg in seiner Wohnung mit direktem Blick auf die Elbe. &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1993">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Gelassenheit, Deutlichkeit&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Vor zwei Jahren, am 7. Oktober starb Siegfried Lenz. Er war einer der großen Erzähler der alten Bundesrepublik. Ich traf ihn ein letztes Mal im März 2011 in Hamburg in seiner Wohnung mit direktem Blick auf die Elbe. Es war kurz vor seinem 85. Geburtstag. Damals schrieb ich  dieses Porträt über ihn.</strong></h2>
<p>Das Erste, was an Siegfried Lenz auffällt, ist die Elbe. Als mächtiges graues Band schiebt sie sich hinter seinem Profil der Nordsee entgegen. Wir treffen uns tief im Westen Hamburgs, direkt am Elbufer, dort, wo der Strom das Labyrinth des Hafens hinter sich gelassen hat, nach getaner Arbeit durchzuatmen scheint und sich zu ganzer Größe streckt.</p>
<div id="attachment_1995" class="wp-caption alignright" style="width: 300px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/41586764z1.jpg"><img class="size-full wp-image-1995" title="41586764z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/41586764z1.jpg" alt="" width="290" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Siegfried Lenz war zeitlebens zurückhaltend mit biographischen Auskünften. Bis heute gibt es auf dem Buchmarkt nur eine Biografie des Schriftstellers. Erich Maletzke: &quot;Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung&quot;. zu Klampen Verlag. eBook. 8,99 Euro</p></div>
<p>Einladend winkt mich Lenz von Weitem schon an seinen kleinen Tisch. Er steht direkt vor dem Panoramafenster, das den Strom in seiner machtvollen Schönheit zeigt. Es ist, als betrete man ein Kino, in dem nur noch ein zweiter Zuschauer sitzt: der Schattenriss eines schmächtigen Mannes mit großem Kopf und Pfeife vor dem überwältigenden Breitwandpanorama des Flusses.</p>
<p>Ein Auftritt, wie ihn der Erzähler Siegfried Lenz effektvoll und sinnfällig für die Hauptfigur eines Romans erfunden haben könnte. Gleich das erste Bild enthält viel von dem, was den Helden charakterisiert: die Haltung des Beobachters, die Ruhe des Pfeifenrauchers und sein Blick auf den unaufhaltsam vorandrängenden Strom der Ereignisse.</p>
<p>Lenz ist heute, 2011, der dienstälteste Großautor des Landes. Seine erste Geschichte schrieb er 1949, im Gründungsjahr der Bundesrepublik. Es folgten 14 Romane, rund 170 Erzählungen und dazu Essays, Reden, Theaterstücke. In 35 Sprachen wurden seine Bücher übersetzt, 30 Millionen Mal verkauft. Der bescheidene Mann am Elbufer, der fragt, ob er weiterrauchen darf oder ob das stört, ist ein Weltautor, ist Schöpfer und Herr eines literarischen Universums namens Lenz.</p>
<p>Worüber spricht man mit einem Weltautor? Übers Angeln. „Ich bin“, bekennt Lenz, „hoffnungslos in die Fischerei verliebt.“ Wohin auch immer er eingeladen wurde, bat er, sobald die Gastgeber nach seinen Wünschen fragten, um eine Angelrute. In Schottland, in Japan, in Neuseeland konnte er so sein Fischerglück versuchen. „Mein größter Fang? Ein Dorsch in Norwegen. 18 Pfund.“ Nachprüfbare 18 Pfund, sagt Lenz und hebt den Finger. Da ist kein Anglerlatein im Spiel: Die Beute wurde fotografiert, das Bild in einer Zeitung gedruckt.</p>
<p>Sein Lieblingsthema bringt den Erzähler in Schwung: Mit Ulla, seiner zweiten Frau, war er vor nicht allzu langer Zeit zum ersten Mal beim Fischen. „Sie ist Dänin und immer dem Wasser nahe gewesen, stammt aber aus einer Försterfamilie und hat nie geangelt.“ Als sie ihren ersten Fisch fing, einen Plötz, haben sie ihn gemeinsam vorsichtig an Land geholt und vom Haken gelöst. „Aber dann hat Ulla ihn nicht nur ins Wasser zurückgesetzt, nein, sie hat ihn vorher noch gestreichelt.“</p>
<p>Mit seiner ersten Frau Liselotte war Lenz 57 Jahre verheiratet. Sie starb 2006. „Danach glaubte ich, es geht nicht mehr weiter. Ich hatte jede Arbeitskraft, jede Imaginationskraft verloren.“ Die Furcht, nie mehr schreiben zu können, war sehr konkret. Er wäre heute, sagt er, ohne seine neue Frau nicht mehr am Leben. „Ulla hat mir enorm geholfen. Sie hat mir insbesondere geholfen, mein Buch zu Ende zu bringen, die ’Schweigeminute’.“</p>
<p><strong>Der Erzähler als Verwandlungskünstler</strong></p>
<div id="attachment_1996" class="wp-caption alignleft" style="width: 308px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/26366260z.jpg"><img class="size-full wp-image-1996" title="26366260z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/26366260z.jpg" alt="" width="298" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Siegfried Lenz: &quot;Schweigeminute&quot;. Novelle. dtv. 7,90 Euro</p></div>
<p>Mit der Novelle „Schweigeminute“ kehrte Lenz 2008 auf die Bestsellerlisten zurück. Das Buch ist kein blasses Alterswerk, sondern der Triumph eines reifen Schriftstellers, es zeigt Lenz im Vollbesitz seines Könnens.</p>
<p>Er gehörte nie zu den Autoren, die über sich selbst oder das eigene Seelenleben schreiben. Er war immer ein Geschichtenerfinder, der spannende, dramatisch zugespitzte Stoffe liebt. Aber wenn Lenz in „Schweigeminute“ von der Liebe eines gerade Achtzehnjährigen zu seiner Englischlehrerin erzählt, die bei einem Bootsunfall stirbt, dann schimmert doch etwas durch von der Liebe zu seiner ersten Frau, die acht Jahre älter war als er.</p>
<p>Wie jeder große Erzähler ist Lenz letztlich so etwas wie ein Verwandlungskünstler. Was immer ihm begegnet, was immer ihn beschäftigt: Er verwandelt es in eine Geschichte. Und seine Geschichten fangen die spezielle Atmosphäre, das besondere Aroma ihrer Zeit, so präzise ein, dass man beim Lesen glaubt, Kapitel für Kapitel der Vergangenheit der Bundesrepublik wiederzubegegnen.</p>
<p>Er hat eine ungeheure Zärtlichkeit, wenn er Bilder oder Gesten beschreibt, die für dieses Land wichtig sind. Er war gemeinsam mit Günter Grass dabei, als Willy Brandt 1970 auf die Knie fiel vor dem Denkmal für das Warschauer Ghetto. „Der Ort hat Brandt einfach übermannt“, sagt Lenz, „das gibt es: Selbst ein Staatsmann wie Brandt kann übermannt werden.“ Oder er spricht von dem Händedruck, mit dem Helmut Kohl und François Mitterrand 1984 auf dem Soldatenfriedhof von Douaumont die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland bekräftigten.</p>
<p>So sinnlich die Kraft seiner Worte ist, so wenig Wind macht er um seine Person. Seine Wohnung wirkt schlicht, fast ein wenig karg: weiße Wände, wenige Bilder, Möbel, die ihn sicher schon seit Jahrzehnten begleiten. Da ist nichts, was den Welterfolg seiner Bücher verrät &#8211; außer dem grandiosen Blick auf die Elbe.</p>
<div id="attachment_1997" class="wp-caption alignright" style="width: 295px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/44641638z.jpg"><img class="size-full wp-image-1997" title="44641638z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/44641638z.jpg" alt="" width="285" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Hanjo Kesting: &quot;Begegnungen mit Siegfried Lenz&quot;. Essays, Gespräche, Erinnerungen. Wallstein Verlag. 17,99 Euro</p></div>
<p>„Schauen Sie, dieses Container-Gebirge!“ Mit der Pfeife in der Hand deutet er auf einen Riesenfrachter, hochbepackt mit Containern, den die Elbe bedächtig an uns vorüberträgt. Lenz war immer ein Schriftsteller des Nordens und der Nautik. Das Wasser zog ihn an, seit er in der kleinen ostpreußischen Stadt Lyck an einem See aufwuchs. „Er bot mir alle Freuden, die ein See bieten kann: schwimmen, tauchen, im Winter Eishockey, angeln.</p>
<p><strong>»Das Alter bringt Gelassenheit, Deutlichkeit«</strong></p>
<p>Er bot ihm aber auch die Schrecken, die im Wasser auf einen warten können. Als Schüler brach Lenz an einem Wintertag durchs Eis. Mit viel Glück nur konnte er gerettet werden. Danach war das Leben wie einen Schritt von ihm zurückgetreten: „Ich hatte streng genommen keine Daseinsberechtigung, ich war überflüssig, entbehrlich, ein fahrlässiger Luxus.“</p>
<p>Vermutlich liegt hier eine Wurzel für die eigentümliche Fähigkeit des Schriftstellers Lenz, von sich selbst abzusehen. „Ich stelle mir vor“ lautet sein Arbeitsprinzip, nicht „Ich habe erlebt“. Auf dem Papier breitet er nicht seine persönlichen Befindlichkeiten aus, sondern erprobt nie gelebte Lebensmodelle. Ihm fehlt die Selbstverliebtheit, jene große Schwäche vieler anderer Autoren. Er ist ein Erzähler, der sich freimachen kann von der eigenen Person und der vielleicht deshalb seinen Lesern oft so nahe kommt.</p>
<p>Die geplanten Feiern zu seinem 85. Geburtstag entlocken ihm nur ein geduldiges Lächeln. Prüfungen nennt er sie, die es zu bestehen gilt. Wichtig ist anderes. Er schreibt an einem neuen Buch, es soll bald fertig werden, wieder eine Novelle. Das Alter bringt, sagt Lenz zwischen zwei Zügen aus der Pfeife, neben vielen Verlusten und „körperlichen Miseren“ auch Gewinne mit sich: „Gelassenheit, Deutlichkeit.“ Und mit aller Deutlichkeit weiß er, dass ihm die Arbeit am meisten bedeutet, nicht das Gefeiertwerden.</p>
<p>Als wolle sie das unterstreichen, trägt die Elbe in aller Ruhe noch ein zweites, diesmal viel kleineres Containerschiff an uns vorüber. Lenz folgt ihm mit den Augen, zuckt die Schultern und meint: „Das macht uns jetzt keinen Eindruck mehr.“</p>
<p>»Herr Lenz, was würden Sie einem jungen Schriftsteller raten, der heute zu schreiben beginnt?«</p>
<p>»Da leihe ich mir einen Ratschlag, den mir der englische Captain Gains kurz nach dem Krieg gab: Wann immer du glaubst, es ist Zeit zu zweifeln, dann sprich es aus«</p>
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		<title>Zum Todestag: Gespräch mit Günter Grass</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1723</link>
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		<pubDate>Thu, 14 Apr 2016 10:54:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Ilija Trojanow]]></category>
		<category><![CDATA[Juli Zeh]]></category>
		<category><![CDATA[Willy Brandt]]></category>

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		<description><![CDATA[„Ich möchte als Kuckuck wiedergeboren werden“ Im Mai 2014, knapp ein Jahr vor seinem Tod, sprach ich für den Focus mit Günter Grass: über seine Ängste am Lebensende, Versagen in der Nazi-Zeit und sein Engagement für die SPD. Hier ist &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1723">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>„Ich möchte als Kuckuck wiedergeboren werden“</strong></h1>
<h2><strong>Im Mai 2014, knapp ein Jahr vor seinem Tod, sprach ich für den Focus mit Günter Grass: </strong><strong></strong><strong>über seine Ängste am Lebensende, Versagen in der Nazi-Zeit und sein Engagement für die SPD. Hier ist es noch einmal zur  Erinnerung an seinen Todestag vor einem Jahr.</strong></h2>
<p>Vor dem Hund hatte man uns gewarnt. Minka belle gern laut und viel. Wir sollten uns nicht erschrecken. Als wir bei Günter Grass ankamen, der Fotograf Parwez Mohabat-Rahim und ich, gab es keinen Grund zu erschrecken. Grass stand vor seinem Haus, das wie eingebettet liegt im lichten Wald zwischen Ratzeburg und Mölln. Minka hielt sich neben ihm, Grass stricht ihr über den Kopf. Der Hausherr sah uns aufmerksam entgegen, der Hund gelangweilt &#8211; ein Bellen waren wir ihm nicht wert.</p>
<p>Es war im Mai vergangenen Jahres. Ein paar Wochen hatte es gedauert, bis sich im dicht getakteten Terminkalender des damals 86-jährigen Nobelpreisträgers eine Lücke fand für ein Gespräch. Ich hatte kein Geheimnis daraus gemacht, worüber ich mit ihm sprechen wollte: über das Sterben, über sein Verhältnis zum Tod, über letzte Dinge. Doch Grass war nicht der Mann, Ziel und Zweck eines Gesprächs ganz aus der Hand zu geben. Er bat uns in sein Atelier, ein geräumiges zweistöckiges Nebengebäude, gerade weit genug vom Haus entfernt, um ungestört arbeiten zu können. Im vorderen Teil war es die Werkstatt des Zeichners und Bildhauers Günter Grass, im hinteren Teil, ein paar Stufen tiefer, die Schreibstube des Schriftstellers Günter Grass.</p>
<p>Im Aschenbecher lagen hier gleich zwei Pfeifen, die er nun abwechselnd stopfte, rauchte und abkühlen ließ. Keine Antwort ohne Rauchwolke, es war, als würde er seine Sätze mit Rauch in die Luft malen. Über seinen Roman „Hundejahre“ wollte er sprechen, den er gerade für eine Neuausgabe mit Radierungen illustriert hatte. Auf manchen der Bilder glaubte ich Züge von Minka wiederzuentdecken.</p>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> Herr Grass, In Ihrem Roman „Hundejahre“ gibt es den ehemaligen SA-Mann Matern, dem Hitlers Schäferhund Prinz hartnäckig nachläuft. Matern kann das Tier ebenso wenig abschütteln wie die Erinnerung an seine Nazi-Vergangenheit. Sie sind ja als 17-Jähriger eingezogen worden zur Waffen-SS. Steckt in Matern auch etwas von einem Selbstporträt?</p>
<p><strong>Günter Grass:</strong> Nein, das kann ich nicht sagen. Was mich bedrückt hat, waren die Erinnerungen an den Schüler Günter Grass, der geschwiegen hat: zur Erschießung eines Onkels, der das polnische Postamt in Danzig gegen deutsche Angreifer verteidigt hatte; zum Verschwinden eines Mitschülers; zur Abwesenheit eines Lehrers, der für Monate im KZ Stutthof gewesen war. Ich habe keine Fragen gestellt. Das sind die Dinge, die mir nachgegangen sind. Die wenigen Wochen, die ich an der Front war, hießen Rückzug und Angst in einem zusammengewürfelten Haufen. Die SS-Einheit war nach kurzer Zeit auseinandergesprengt, da kam Volkssturm dazu und Personal eines aufgelösten Flughafens. Das hat bei mir nicht zu Schuldgefühlen geführt. Entsetzt war ich, als ich in der Gefangenschaft Bilder aus dem KZ Bergen-Belsen sah. Da habe ich zum ersten Mal in vollem Ausmaß begriffen, was geschehen war. Was Deutsche getan hatten.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Also gab es doch Erinnerungen an Mitschuld, die Ihnen nachgingen, so wie Matern der Hund nachläuft?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Der Begriff Schuld ist falsch. Was ich spürte beim Schreiben der „Hundejahre“ und vieler anderer Bücher später, ist die bleibende Mitverantwortung. Ich habe auf kleine, passive Art und Weise als Schüler durch Nicht-Fragen, durch Nicht-wissen-Wollen dazu beigetragen, Hitlers Herrschaft zu ermöglichen. Darin sehe ich Mitverantwortung, aber nicht Mitschuld.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Sie haben Ihre Waffen-SS-Mitgliedschaft sehr spät, aber immerhin aus eigenem Antrieb öffentlich gemacht. Und wurden doch scharf kritisiert. Danach wirkten Sie beleidigt . . .</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich bin unter die Heuchler geraten. Es wurde die Gelegenheit wahrgenommen, alte Rechnungen zu begleichen, nicht zuletzt Rechnungen auf Grund meiner politischen Haltung und meines hartnäckigen politischen Engagements.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Ihr heftigstes politisches Engagement galt Willy Brandt. Sie haben Wahlkampf für ihn betrieben und an Reden mitgearbeitet. Ihr Briefwechsel mit Brandt wurde jetzt veröffentlicht. Verliert der Autor nicht die nötige kritische Distanz, wenn er einem Politiker so nahe kommt?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Der Briefwechsel beweist, dass die kritische Distanz nicht verloren ging. Zum Beispiel sprach ich mich 1966 energisch gegen die erste Große Koalition aus. Brandt und ich haben das beide als Probe verstanden, ob unsere junge Bekanntschaft so eine Meinungsverschiedenheit aushält.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Warum wurde gerade Willy Brandt so wichtig für Sie?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich habe ihn bewundert, aber nicht blindlings. Für seine Klarsicht als 19-Jähriger, die ihn zur Flucht vor den Nazis trieb. Aber auch für seine Ausdauer: Obwohl er drei Anläufe brauchte, um Parteivorsitzender zu werden, und später auch drei, um das Amt des Bundeskanzlers zu erreichen, hat er sich nicht beirren lassen. Und nicht zuletzt bewunderte ich ihn für seine mutig geäußerte Einsicht: Wer etwas an der deutschen Teilung ändern will, muss aufhören, die Gegenseite als Feind zu betrachten, sondern in ihr einen Gegner sehen, mit dem man reden muss. Das ist in etwa die Situation, die wir heute in der Ukraine haben. In diesem Sinne ist Steinmeier heute ein guter Schüler Brandts, das ist an seiner Handlungsweise und seiner Argumentation zu merken.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Die meisten deutschen Autoren sind Ihrem Vorbild nicht gefolgt, sondern haben das politische Tagesgeschäft über Jahrzehnte konsequent gemieden. Warum?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Vielleicht weil ihnen die Triebkraft des gebrannten Kindes fehlt. Sie sind in Frieden und Wohlstand aufgewachsen und haben nie am eigenen Leib erlebt, was Politik bedeuten kann. Eine Bereicherung ohnegleichen für die deutsche Literatur sind da Autoren mit ausländischen Wurzeln. Sie bringen über die Geschichte ihrer Familien nicht selten Erfahrungen von großer Dringlichkeit mit, die sie ihr Leben lang nicht loswerden, Erfahrungen mit Diktaturen oder Kriegen, wie dem in Jugoslawien. Und eine solche, sie nicht verlassende Thematik zwingt sie zum Schreiben.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Birgt die Vermischung von Literatur und Politik nicht letztlich Gefahren für die Literatur? Ihr Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ ist oft auch aus literarischen Gründen kritisiert worden. Es sei ein schlechtes Gedicht, eher ein Leitartikel als Poesie.</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich habe meine Kritik an Israel nicht nur in Gedichtform, sondern auch in Reden oder Essays geäußert &#8211; und kein Hahn hat danach gekräht. Es war für mich in diesem Fall überraschend, welche Sprengkraft ein Gedicht haben kann. Vielleicht war die Form also doch wichtig. Ich halte es für falsch, eine Trennlinie zwischen Literatur und Politik ziehen zu wollen. Jeder Schriftsteller, ob jung oder alt, muss eigentlich bemerken, dass selbst die privateste Geschichte nicht frei ist von politischen Umständen. Wenn die komplizierten und oft verqueren Zwänge unseres politisch eingefärbten Alltags ausgespart werden, hängt die Geschichte in der Luft, dann wird sie bodenlos. Der Alltag wird nicht nur durch Kommunismus oder Nationalismus ideologisch verformt, sondern auch durch den Kapitalismus. Die Marktgläubigkeit hat religiöse Züge angenommen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Doch die politische Enthaltsamkeit der jüngeren Autoren scheint vorbei zu sein. Eine Gruppe deutscher Schriftsteller hat jetzt jedenfalls einen Protestbrief gegen die Überwachungspraxis der NSA formuliert, der inzwischen weltweit aufgegriffen wurde.</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ja, aber wie hat die deutsche Politik darauf reagiert? Juli Zeh und Ilija Trojanow, zwei Schriftsteller, die ich hoch schätze, machen sich Sorgen wegen der  umfassenden Bespitzelung durch unsere amerikanische Schutzmacht. Sie schreiben einen höflich und genau formulierten Brief an die Bundeskanzlerin, der von 67 000 Menschen im Internet unterschrieben wird. Doch bis heute haben sie keine Antwort von der Bundeskanzlerin. In diesem Schweigen drückt sich eine skandalöse Missachtung der Autoren und ihrer Unterstützer aus.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Erleben wir hier die Ablösung einer älteren, politisch engagierten Schriftstellergeneration durch eine jüngere?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich hoffe es. Aber ich betone: Dazu gehört langer Atem. Man darf sich von der Missachtung durch die Kanzlerin nicht enttäuschen lassen. Sie versucht gern, Dinge auszusitzen. Man muss jetzt weiterbohren und auf der Beantwortung des Briefes bestehen, was Juli Zeh mit einem erneuten Brief auch getan hat. Wenn ich jünger wäre, würde ich ein Zelt aufschlagen vor dem Bundeskanzleramt und warten, bis ich eine Antwort bekomme.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Was empfinden Sie bei dieser Wachablösung?</p>
<p><strong>Günter Grass:</strong> Es gibt Unterschiede in der Motivation zwischen diesen beiden Generationen. Uns ging es primär um die Vergangenheit, von der nicht nur wir Schriftsteller, sondern das ganze deutsche Volk immer wieder eingeholt wurde. Bei der jüngeren Generation ist es der Gedanke an die Zukunft, der sie umtreibt: Ob es die Durchleuchtung der Gesellschaft durch Geheimdienste ist, der Klimawandel oder die Entmachtung der Parlamente durch den Lobbyismus. Ihre Triebkraft ist die Sorge um die Zukunft, diese Sorge hat sie aufwachen lassen.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Wie weit geht diese Wachablösung bei Ihnen persönlich? Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie wohl keinen Roman mehr schreiben werden.</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>In meinem Alter wäre es vermessen, wenn ich nicht bemerkte, dass meine Tage gezählt sind. Für einen Roman brauche ich Jahre. Heute fehlen mir die Lebenszeit und die Kraft, ein solches Projekt anzugehen. Aber deshalb höre ich nicht auf zu schreiben. Ich habe als Autor mit Lyrik angefangen, und Lyrik schreibe ich auch jetzt. Und ich zeichne weiter. Ich wüsste sonst nicht, was ich tun sollte, ich würde den Menschen nur zur Last fallen.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Ist Ihnen der Gedanke an den Tod nähergekommen?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ja, ganz gewiss. Ich habe mehr Zeit, mich mit meiner Endlichkeit zu befassen. Da ich ein Mensch bin, der ganz aufs Irdische konzentriert ist, also auf das, was ich während meiner Lebenszeit tun kann, ist für mich die Frage, was danach kommt, eigentlich uninteressant.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Haben Sie Angst vor dem Tod?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich spüre bisher keine. Angst habe ich vor Schmerzen. Wenn mir die erspart blieben, wäre ich dankbar. Auch die Vorstellung, ich könnte dement werden und für meine Familie nur noch eine Belastung sein, ist für mich schrecklich. Noch entsetzlicher wäre die Vorstellung, in dementem Zustand auch noch der Öffentlichkeit quasi vorgeführt zu werden &#8211; so wie es Walter Jens geschehen ist. Einer der peinlichsten Vorgänge, die ich je erlebt habe.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Gibt es für Sie religiöse Gewissheiten, die beim Gedanken an den Tod Trost geben?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Nein. Allenfalls in Märchenform: Im Buddhismus ist ja davon die Rede, nach dem Tod in anderer Gestalt wiedergeboren zu werden. Mich reizt der Gedanke: Was wäre wünschenswert? Welches Getier, welche Pflanze möchtest du sein? Eine Amöbe?</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Welche Gestalt würden Sie sich wünschen?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich mag den Vogel, der das Frühjahr verkündet und den Leuten jedes Jahr wieder Versprechungen macht mit seinen Rufen, den <span style="text-decoration: underline;">Kuckuck</span>. Auch seine Unart, seine Eier in die Nester anderer Vögel zu legen, ist eine verführerische Vorstellung.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Was war Ihnen das Wichtigste im Leben?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Meine Anfänge in der Literatur waren artistischer, spielerischer, verspielter Art, in der Lyrik, auch im Theater. Bis ich bemerkt habe, dass ich auf Grund meiner Erfahrungen und der Zeit, in der ich lebe, mit politischen Themen konfrontiert bin. Wenn ich jetzt Bilanz ziehe, kann ich sagen, ich bin diesen Themen nicht ausgewichen. Ich bin drangeblieben. Das war mein Leben.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, das Sie bereuen?</p>
<p><strong>Günter Grass:</strong> Meine Mutter ist im Alter von 57 Jahren gestorben. Sie hat an mich auf aberwitzige Weise geglaubt &#8211; trotz vieler Ängste, weil ich den Hungerberuf des Künstlers ergreifen wollte gleich nach Kriegsende. Sie ist zu früh gestorben, als dass ich ihr hätte beweisen können, dass aus ihrem Jungen was wird. Ich hatte ihr alles Mögliche versprochen, vor allem Reisen. Diese Versprechungen habe ich nicht erfüllen können. Das nagt.</p>
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		<title>Kurt Wolff &#8211; ein großer Verleger der deutschen Literatur</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Mar 2016 11:42:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Aufbruch, Aufbruch, immer wieder Aufbruch Kurt Wolff war der wichtigste Verlege des deutschen Expressionismus, einer der bedeutendsten Verleger der deutschen Literaturgeschichte. Heute könnte er seinen Geburtstag feiern, Grund genug an ihn und seine Arbeit zu erinnern, aber auch an seine &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1648">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Aufbruch, Aufbruch, immer wieder Aufbruch</strong></h1>
<h2><strong>Kurt Wolff war der wichtigste Verlege des deutschen Expressionismus, einer der bedeutendsten Verleger der deutschen Literaturgeschichte. Heute könnte er seinen Geburtstag feiern, Grund genug an ihn und seine Arbeit zu erinnern, aber auch an seine Frau Helen Wolff, die mit ihm gemeinsam Großartiges geleistet hat, wenn es darum ging, deutsche Literatur nach Amerika zu vermitteln. Ein Loblied.<br />
</strong></h2>
<p>Ja, wenn man solche Postkarten bekommt! Da muss das Verlegerleben doch die reine Lust sein. „Sehr geehrter Verlag“, steht da in geschwungener, klarer Handschrift, „gleichzeitig schicke ich Ihnen express-rekommand das Manuskript der ‚Strafkolonie’ mit einem Brief. Hochachtungsvoll ergeben Dr. Kafka. 19/XI/18.“</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/11559892689.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1649" title="11559892689" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/11559892689.jpg" alt="Franz Kafkas Erzählung &quot;Die Verwandlung&quot;, 1915 veröffentlicht im Verlag Kurt Wolff" width="270" height="397" /></a>So bescheiden und unprätentiös eine der berühmtesten und meistgelesenen Erzählungen des 20. Jahrhunderts frei Haus geliefert zu kriegen – kann es für einen Verleger größeres Glück geben? Welche Sorgen sollten ihn da noch drücken? Doch leider sind die Realitäten des Verlagsgeschäfts andere.</p>
<p>Kafkas Postkarte war 2007  Teil einer Ausstellung zu Ehren Kurt Wolffs in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Sie war nicht zuletzt ein Resultat des Bemühens, für die Verlagsgeschichte etwas zu erreichen, was für die vor den Nazis ins Exil geflohenen Schriftsteller schon vor Jahrzehnten geleistet wurde: Sie wieder mit ihrer ganzen Lebensleistung als Teil deutscher Literaturgeschichte bewusst zu machen.</p>
<p>Kurt Wolff, am 3. März 1887 in Bonn geboren, wuchs in einer bildungsgesättigten Atmosphäre auf, von der man heute nur noch träumen kann. Der Vater war Professor und Musikdirektor der Stadt, die Mutter, die früh starb und dem Sohn ein Vermögen hinterließ, entstammte einer alten jüdischen Familie, die zum Freundesumkreis der Familie Goethes zählte.</p>
<div id="attachment_1650" class="wp-caption alignleft" style="width: 138px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22490265z.jpg"><img class="size-full wp-image-1650" title="22490265z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22490265z.jpg" alt="" width="128" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Herausgeber: Barbara Weidle, Ursula Seeber: &quot;Kurt Wolff - Ein Literat und Gentleman&quot;. Begleitbuch zur Frankfurter Ausstellung 2007. Weidle Verlag, 25 Euro</p></div>
<p>Als Wolff – gerade mal 23jährig – mit Ernst Rowohlt seinen ersten Verlag gründete, verfügte er über souveräne Kenntnissen in Musik, Kunst, Literatur, hatte bereits literaturhistorische Bücher ediert und eine kostbare 12.000 Bände zählende Bibliothek mit Erstausgaben aufgebaut.</p>
<p>Selbst die größten Verleger sind selten länger als zehn, zwanzig Jahre auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten. In dieser Zeit verstehen sie es, wie die Beispiele von Samuel Fischer bis Siegfried Unseld zeigen, wichtige Autoren ihrer Generation an sich zu bindenden, bevor dann die nächste Generation nachrückt, zu der sie nur selten noch fruchtbare Kontakte herstellen können.</p>
<p>Die Ungunst der Epoche wollte es, das Kurt Wolff diesen Gipfel seiner Ausstrahlungskraft schon früh, als noch unerfahrener Mann und dazu in wirtschaftlich katastrophalen Zeiten erreichte. Er war nur 25 Jahre alt, als er sich 1912 von Rowohlt trennte, zwei der hellhörigsten jungen Literaten der Zeit, Kurt Pinthus und Franz Werfel, als Lektoren einstellte und mit uferloser Energie über den Buchmarkt herfiel.</p>
<div id="attachment_1651" class="wp-caption alignright" style="width: 136px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22816991z.jpg"><img class="size-full wp-image-1651" title="22816991z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22816991z.jpg" alt="" width="126" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfram Göbel: &quot;Der Kurt Wolff Verlag&quot;. Allitera Verlag 2007. 42 Euro</p></div>
<p>Schon im ersten Jahr als alleinverantwortlicher Verleger produzierte er mehr Titel als der bislang bedeutendste Großverlag S.Fischer. Wie ein Magnet zog Wolff die wichtigsten Autoren des literarischen Expressionismus an sich. Bei ihm erschien alles, was bis heute die Literaturgeschichte dieser Zeit prägt: Werfel, Trakl, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, Robert Walser, Arnold Zweig. Allein 1916 kamen Bücher heraus von Kafka, Carl Sternheim, Werfel, Gottfried Benn und Johannes R.Becher, dazu der Bestseller „Golem“ von Gustav Meyrink. Gleichsam auf Vorrat hatte Wolff im selben Jahr den während des Ersten Weltkriegs wegen der Zensur undruckbaren Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann eingekauft.</p>
<p>Doch so blitzartig Wolffs Aufstieg war, so rapide war sein Absturz. Die meisten seiner Autoren, darunter Kafka, fanden zunächst kaum Leser. Dennoch kaufte Wolff, wie manisch getrieben, zahlreiche andere Verlage, wechselte mehrfach den Hauptsitz seiner Firma, produzierte kostspielige Kunstbände, obwohl sich der Buchmarkt nach dem Ersten Weltkrieg und während der Inflationszeit im freien Fall befand.</p>
<div id="attachment_1652" class="wp-caption alignleft" style="width: 105px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/12399950m.jpg"><img class="size-full wp-image-1652" title="12399950m" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/12399950m.jpg" alt="" width="95" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Wolff: &quot;Autoren - Bücher - Abenteuer. Betrachtungen und Erinnerungen eines Verlegers&quot;. Verlag Klaus Wagenbach 2004. 9,90 Euro</p></div>
<p>Der Rheinländer Wolff war eher zu emphatischen Aufbrüchen begabt – darin vielen seiner expressionistischen Autoren verwandt – als dazu, seinen Unternehmungen Kontinuität und Dauer zu verleihen. Schon nach 1920 publizierte er kaum noch literarische Titel und als er seinen Verlag 1930 mit Anfang Vierzig aufgeben musste, hatte er sein Vermögen und große Teile der Mitgift seiner ersten Frau aufgebraucht.</p>
<p>Zusammen mit seiner zweiten Frau Helen floh er 1941 vor den Nazis nach New York, und gründete dort den Verlag Pantheon Books. Zu ihnen stieß ein anderer Exilant, der in Russland geborene Jacques Schiffrin, der in Frankreich die weltberühmte Sammlung „La Pléiade“ aus der Taufe gehoben hatte, die bis heute vom Verlag Gallimard fortgeführt wird. Zusammen spezialisierten sie sich darauf, große europäische Literatur auf den amerikanischen Buchmarkt zu bringen, auch wenn die keine großen Markterfolge garantierte. „Doch wie auch immer die aktuellen Verkaufsziffern ausfielen“, schrieb später Jacques Schiffrins Sohn André, „die Büroräume des Verlags am Washington Square bildeten für die Emigranten in New York eine Oase der Glückseligkeit, stilvoll in einer der prachtvollen Stadtvillen untergebracht, die früher die Südseite des Parks begrenzten.“</p>
<div id="attachment_1653" class="wp-caption alignright" style="width: 292px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/00753378z.jpg"><img class="size-full wp-image-1653" title="00753378z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/00753378z.jpg" alt="" width="282" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Pinthus: &quot;Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus&quot;. Rowohlt Taschenbuch Verlag. 9,90 Euro</p></div>
<p>Ökonomisch wirklich erfolgreich wurde Pantheon Books erst in den fünfziger Jahren mit einem Beststeller von Anne Morrow Lindbergh: „Muscheln in meiner Hand“ und der amerikanischen Lizenz von Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“. Dennoch wurden Kurt und Helen Wolff bald darauf aus dem Verlag gedrängt, der ihren literarischen Qualitätsvorstellungen immer weniger entsprach.</p>
<p>Helen Wolff ist bis zu ihrem Tod 1994 eine wer wichtigsten Vermittelrinnen europäischer Literatur nach Amerika geblieben. Sie brachte in einem speziell auf sie zugeschnittenen Imprint-Verlag unter anderem Uwe Johnson, Grass, Frisch, Jurek Becker, Walter Benjamin, Karl Jaspers und Umberto Eco heraus.</p>
<p>Kurt Wolff starb, wie er gelebt hatte, im Dienst der Literatur. 1963 wurde er auf dem Weg zu einer Ausstellung expressionistischer Literatur in Marbacher Schiller Nationalmuseum von einem Lastwagen überfahren. Man beerdigte ihn in Marbach, wo zwölf Jahre später auch sein alter Lektor Kurt Pinthus beisetzte wurde, dessen legendäre Anthologie „Menschheitsdämmerung“ wie keine andere den Geist der frühen Autoren Kurt Wolffs bewahrte. Doch diese Sammlung war erst 1920, also nach der kurzen, explosionsartigen Blüte von Wolffs Verlag fertig geworden – und erschien deshalb schon im Verlag seines alten Konkurrenten Rowohlt.</p>
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		<title>Buch &amp; Bar (40): Günter Grass &#8220;Vonne Endlichkait&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Oct 2015 18:00:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch & Bar]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>

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		<description><![CDATA[Das letzte Selfie eines Patriarchen Buch &#38; Bar: Heute über federleichtes vogelfreies Abschiednehmen beim Lesen und Trinken Das Leben ist kein Ponyhof, klar. Das Sterben aber erst recht nicht. Zumal wenn einem der Glaube an Gott und Jenseits gründlich abhanden &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1425">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Das letzte Selfie eines Patriarchen</strong></h1>
<h2><strong>Buch &amp; Bar: Heute über federleichtes vogelfreies Abschiednehmen beim Lesen und Trinken<br />
</strong></h2>
<div id="attachment_1427" class="wp-caption alignright" style="width: 238px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/42610143z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1427" title="42610143z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/42610143z-228x300.jpg" alt="" width="228" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Günter Grass: &quot;Vonne Endlichkait&quot;. Steidl Verlag, Göttingen 2015. 28 Euro</p></div>
<p>Das Leben ist kein Ponyhof, klar. Das Sterben aber erst recht nicht. Zumal wenn einem der Glaube an Gott und Jenseits gründlich abhanden gekommen ist. Günter Grass berichtet davon in seinem letzten Buch „Vonne Endlichkait“ (Steidl, 28 Euro).</p>
<p>Vom Zerbröseln der Zähne bis zum Brodeln der Pfeifenraucher-Lunge registriert Grass den Verfall seines Körpers. Aber er jammert nicht, sondern schreibt, liest, zeichnet. Und genießt, was noch zu genießen ist: seine Arbeit, die Natur, die lang geübte Harmonie mit seiner Frau, die eigene Ironie angesichts seiner Gebrechlichkeit und die Freiheiten des Alters: „Mich spüren. Federleicht vogelfrei sein, wenngleich seit Langem reif zum Abschuss.“</p>
<p>Kurz, Grass zeigt Haltung. Er malt ein cooles Abschiedsporträt von sich, auf dem er auf ganz zivile Weise todesmutig dasteht. Ein Bild, das sich als Vorbild anbietet, und wie fast alle Vorbilder auch ein wenig auf die Nerven geht.</p>
<p>Ich hoffe, Grass’ letzte Monate waren tatsächlich so, wie er sie hier beschreibt. Und hebe mein Glas zum Abschied auf einen kantigen Mann. Womit? Danziger Goldwasser würde sich anbieten, aber das ist nicht so mein Fall. Lieber nehme ich den polnischen Wodka Starka Banquet. Er reift 30 Jahre in Eichenfässern, hat 50 % Vol., ist kostbar und definitiv etwas für den besonderen Moment.</p>
<address><em>Die Kolumne erschien im Focus vom 2. Oktober 2015. </em></address>
<address> </address>
<address><em>Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH &amp; BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann. 2014 startete BUCH &amp; BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.</em></address>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Kleine Nachlieferung zur Biographie &#8220;Marcel Reich-Ranicki&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Apr 2015 11:14:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
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		<description><![CDATA[Günter Grass, Reich-Ranicki und der Regenschirm-Mord Heute erreichte mich eine Zuschrift eines Lesers zu einem Kapitel meiner Biographie Marcel Reich-Ranicki, das sich mit dem Verhältnis zwischen Günter Grass und Reich-Ranicki beschäftigt. Diese Zuschrift ist wohlinformiert und verlangt eine kleine Nachbesserung &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1174">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Günter Grass, Reich-Ranicki und der Regenschirm-Mord</strong></h1>
<h2><strong>Heute erreichte mich eine Zuschrift eines Lesers zu einem Kapitel meiner Biographie <em>Marcel Reich-Ranicki</em>, das sich mit dem Verhältnis zwischen Günter Grass und Reich-Ranicki beschäftigt. Diese Zuschrift ist wohlinformiert und verlangt eine kleine Nachbesserung zu meinem Buch &#8211; die ich hiermit liefern möchte:</strong></h2>
<p>Im Buch berichte ich von dem Gespräch, das ich am 8. Juli 2004 mit Günter Grass über Reich-Ranicki führte und auf Tonband aufnahm. Unter anderem bat ich Grass, mir von seiner ersten Begegnung mit Reich-Ranicki 1958 in Warschau zu erzählen. Beide Beteiligte waren damals noch weitgehend unbekannt: Grass hatte einen ersten Lyrikband <em>Die Vorzüge der Windhühner</em> (1956) veröffentlicht und arbeitete an der <em>Blechtrommel</em>, die 1959 erscheinen sollte<em>. </em>Reich-Ranicki hatte 1958 zwar schon acht Jahre als Kritiker in Polen gearbeitet. Doch im Westen war sein Name als Kenner vornehmlich der deutschen Literatur bislang nur wenigen Fachleuten ein Begriff.</p>
<p>Schon dieses erste Aufeinandertreffen der beiden selbstbewussten und streitlustigen Männer verlief nicht spannungsfrei. Reich-Ranicki wollte offenbar ausschließlich über Literatur reden. Grass hatte keine große Lust, sich einem &#8220;Verhör&#8221; über literarische Themen zu unterziehen und reagierte &#8220;frech&#8221; auf die hartnäckigen Fragen Reich-Ranickis. Beide merkten, dass sie wenig Freude an dem Gespräch hatten und kürzten das Treffen ab. Also schrieb ich in meiner Biographie unter anderem:</p>
<p><strong>&#8220;Wenig später hätten sich die beiden getrennt – doch Grass habe, erzählt er weiter, kurz darauf einen Anruf jenes Freundes erhalten, der den Kontakt zu Reich-Ranicki hergestellt hatte und der ihn nun am Telefon konsterniert fragte: &#8216;Was hast Du denn mit dem Ranicki angestellt? Der hat mich eben angerufen und hat gesagt: Pass auf, das ist kein deutscher Schriftsteller, das ist ein bulgarischer Agent.&#8217; Und bulgarische Agenten hatten zu jener Zeit einen sehr speziellen Ruf, denn kurz zuvor hatten Angehörige des bulgarischen Geheimdienstes in London mit einem Regenschirm, dessen Spitze vergiftet war, einen Mord begangen, der weltweites Aufsehen erregt.&#8221;</strong></p>
<p>Diese Stelle fiel Mark Schultheiß auf und er schickte mir dazu eine Email in der es unter anderem heißt:</p>
<p><strong>&#8220;Das Regenschirmattentat fand jedoch 1978 statt, die Begegnung zwischen Grass und Reich-Ranicki glatte 20 Jahre früher. Ob der Ruf des &#8216;bulgarischen Agenten/Partisans&#8217; nicht aus der Kombination einer gewissen bäurischen Rückständigkeit des damaligen Bulgarien sowie dessen extrem devoter Haltung gg. der UdSSR, die in den anderen Ostautokratien so massiv nicht stattfand, gerade in Polen nicht, zu Stande kam?&#8221;</strong></p>
<p>Tatschächlich hat, wie ich per Google schnell feststellen konnte, Mark Schultheiß recht und der berühmte Regenschirmmord 1978 in London stattgefunden. Inzwischen gilt er als aufgeklärt. Er wurde am 7. September 1978 vom bulgarischen Geheimdienst mit Unterstützung des sowjetischen KGB verübt. Das Opfer war Georgi Markow, ein regimekritischer Autor und Emigrant aus Bulgarien, der in London für die BBC arbeitete. Der bulgarische Staats- und Parteichef Todor Schiwkow fühlte sich durch satirischen Bemerkungen Markows buchstäblich tödlich beleidigt und gab den Mord in Auftrag. Markow wurde auf offener Straße durch die mit einer Giftkugel präparierte Regenschirmspitze an der Wade geringfügig verletzt und starb wenige Tage später am 11. September 1978.</p>
<p>Hier ein Link zu einem Artikel, der den Regenschirmmord von 1978 ausführlich schildert:</p>
<p><strong>http://www.sueddeutsche.de/politik/mysterioeser-regenschirmmord-aufgeklaert-gift-direkt-vom-diktator-1.587790</strong></p>
<p>Und hier der entsprechende Wikibedia-Beitrag:</p>
<p><strong>http://de.wikipedia.org/wiki/Regenschirmattentat</strong></p>
<p>Nachdem ich die Mail von Mark Schultheiß gelesen und mich per Google über die Vorgängen von 1978 informiert hatte, hörte ich mir noch einmal das Tonband mit meinem Gespräch mit Günter Grass vom 8. Juli 2004 an. Als er die Begegnung mit Reich-Ranicki 1958 geschildert und den Satz &#8220;Pass auf, das ist kein deutscher Schriftsteller, das ist ein bulgarischer Agent&#8221; zitiert hatte, fährt er fort:</p>
<p><strong>&#8220;Nun muss man wissen (&#8230;) zu der Zeit waren bulgarische Agenten sehr aktuell. Das waren diejenigen. die in London mit einer vergifteten Regenspitze einen anderen ermordet hatten. Der berühmte Regenschirmmord, der in London spielte. Also der &#8216;bulgarische Agent&#8217; hatte eine besondere Bedeutung.&#8221;</strong></p>
<p>Grass&#8217; (zeitlich verschobene) Erinnerungen an diesen Mord hatten mich beim Schreiben der Biographie beeindruckt, doch die Sätze von Grass waren im Wortlaut nicht gut wörtlich zitierbar, also machte ich daraus einen kommentierenden Nachsatz. Besser wäre es gewesen, Grass&#8217; Angaben  genau zu überprüfen. Schriftsteller sind phantasiebegabe Menschen, die sich von ihren Assoziationen und Erinnerungen gelegentlich mal über die Grenzen der reinen Faktentreue hinaustragen lassen.</p>
<p>Doch an der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Reich-Ranicki und Grass ändert sich meines Erachtens durch die (von mir übernommene) historisch verschobene Zuordnung von Grass nichts. Die beiden Männer hatten vom ersten Moment an eine spannungsvolle Beziehung zu einander, die von starke Konkurrenzgefühlen geprägt war. Das herauszuarbeiten und zu beschreiben, war meine Absicht in diesem kurzen Kapitel der Biographie.</p>
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		<title>Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Apr 2015 07:19:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>

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		<description><![CDATA[Zwei Platzhirsche Nicht als Nachruf, aber aus Anlass des Todes von Günter Grass: Ein Auszug aus meiner Biographie Marcel Reich-Ranicki, die in der kommenden Wochen am 20. April im Blessing Verlag erscheinen wird. Über das eigenwillige Verhältnis zweier großer Männer &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1129">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Zwei Platzhirsche</strong></h1>
<h2><strong>Nicht als Nachruf, aber aus Anlass des Todes von Günter Grass: Ein Auszug aus meiner Biographie <em>Marcel Reich-Ranicki</em>, die in der kommenden Wochen am 20. April im Blessing Verlag erscheinen wird. Über das eigenwillige Verhältnis zweier großer Männer des deutschen Literaturbetriebs.</strong></h2>
<p>Das Verhältnis zwischen Günter Grass und Reich-Ranicki war von Beginn an durch Misshelligkeiten und Rivalitäten gekennzeichnet. Reich-Ranicki lernte Grass, wie zwei Jahre zuvor Heinrich Böll, bereits 1958 in Polen kennen. Während jedoch Böll ihre Begegnung in Warschau in angenehmer Erinnerung behielt, verlief das erste Zusammentreffen mit Grass weniger harmonisch. Nicht einmal über dessen Verlauf können sich die beiden Beteiligten einigen. Reich-Ranicki erzählt in seiner Autobiographie <em>Mein Leben</em>, er habe Grass auf Bitten eines Freundes im Warschauer Hotel Bristol getroffen, doch Grass sei „nachlässig gekleidet und auch nicht rasiert“ und keineswegs nüchtern gewesen: „Er hatte, was er mir freilich erst zwei Stunden später sagte, zum einsamen Mittagessen eine ganze Flasche Wodka getrunken.“ Deshalb, aber auch weil Reich-Ranicki vor allem über Literatur reden wollte, wozu Grass wenig Lust hatte, verlief das Gespräch stockend, und nach einem Spaziergang verabschiedeten sich die beiden rasch und ohne Bedauern voneinander. Danach rief Reich-Ranicki jenen Freund an, der das Treffen vermittelt hatte, und teilte ihm mit, Grass sei im Hotel nicht zu finden gewesen, der einzige Mann, der im Foyer „saß, habe nicht wie ein Schriftsteller aus dem Wirtschaftswunderland ausgesehen, sondern wie ein ehemaliger bulgarischer Partisan“.</p>
<div id="attachment_1130" class="wp-caption alignright" style="width: 202px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/04/MRRCover.jpeg"><img class="size-full wp-image-1130" title="MRRCover" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/04/MRRCover.jpeg" alt="" width="192" height="306" /></a><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock: &quot;Marcel Reich-Ranicki. Die Biographie&quot;. Karl Blessing Verlag, München 2015. 19,99 Euro</p></div>
<p>In Grass’ Bericht über dieselbe Begegnung ist weder von Alkohol noch von einem Gespräch die Rede, vielmehr habe Reich-Ranicki ihn „einer Art Verhör“ zur deutschen Literatur unterzogen: „Aber ich war damals sehr frech und habe auf so etwas allergisch reagiert. Er sagte zum Beispiel: Kennen Sie Hesse? Und ich sagte: Hesse? Hesse? Hat der nicht irgendwas über eine Glasfabrik geschrieben? Darauf er: Sie meinen das <em>Glasperlenspiel</em>!“ Auch auf Reich-Ranickis Frage nach dem Roman, an dem er schreibe, <em>Die Blechtrommel</em>, habe Grass abwehrend reagiert und lediglich „im <em>Spiegel</em>-Stil eine Inhaltsangabe gegeben: Junge, dreijährig, stellt Wachstum ein.“ Wenig später hätten sich die beiden getrennt – doch Grass habe, erzählt er weiter, kurz darauf einen Anruf jenes Freundes erhalten, der den Kontakt zu Reich-Ranicki hergestellt hatte und der ihn nun am Telefon konsterniert fragte: „Was hast Du denn mit dem Ranicki angestellt? Der hat mich eben angerufen und hat gesagt: Pass auf, das ist kein deutscher Schriftsteller, das ist ein bulgarischer Agent.“ Und bulgarische Agenten hatten zu jener Zeit einen sehr speziellen Ruf, denn kurz zuvor hatten Angehörige des bulgarischen Geheimdienstes in London mit einem Regenschirm, dessen Spitze vergiftet war, einen Mord begangen, der weltweites Aufsehen erregte.</p>
<p>Schon wenige Monate später begegneten Grass und Reich-Ranicki einander wieder bei dem Treffen der Gruppe 47 in Großholzleute 1958. Reich-Ranicki hatte den endgültigen Absprung nach Westdeutschland gewagt, und Grass erlebte hier mit seiner Lesung aus der <em>Blechtrommel</em> die Initialzündung zu seiner Weltkarriere. Aber ihr Verhältnis wurde deshalb nicht unkomplizierter: In seinem Bericht über die Tagung lobte Reich-Ranicki die gehörten zwei Kapitel des Romans: „Grass schreibt eine unkonventionelle, kräftige, ja sogar wilde Prosa.“ Doch die Besprechung des ganzen Buches für die Zeit geriet ihm dann fast zu einem Verriss: „Seine große stilistische Begabung wird dem Grass zum Verhängnis. Denn er kann die Worte nicht halten.“ Drei Jahre später wiederum korrigierte Reich-Ranicki diese Rezension behutsam: Was er geschrieben habe, sei „im großen und ganzen richtig. Dennoch könnte ich diese Kritik nicht mehr unterschreiben. Ich würde heute die Akzente anders setzen und mich insbesondere mit dem Neuartigen in der Prosa von Grass eingehender befassen.“</p>
<p>In den folgenden Jahren und Jahrzehnten nahm der Konfliktstoff zwischen beiden nicht ab. In der Gruppe 47 zum Beispiel beteiligte sich Grass als Autor gern und oft an den Debatten über die Lesungen seiner Kollegen, war aber nur in seltenen Fällen der gleichen Meinung wie der mindestens ebenso engagiert diskutierende Reich-Ranicki. Außerdem gehört Grass zu jenen Autoren, die das kollegiale Werkstattgespräch aus der Frühzeit der Gruppe bevorzugten und wenig von der professionellen „Fachkritik“ der späten Jahre halten. Dennoch betonte Grass, Reich-Ranicki und er hätten sich „befreundet in dieser Zeit.“ Reich-Ranicki dagegen, und das belegt noch einmal, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen dieser beiden Menschen sind, gewann den Eindruck, Grass habe sich darum bemüht, „dass man mich wieder rausschmeißt aus der Gruppe“ – wofür sich in den veröffentlichten Briefen von und an das Gruppen-Oberhaupt Hans Werner Richter allerdings keinerlei Hinweis findet.</p>
<p>Auch die Rezensionen Reich-Ranickis über die Bücher von Grass waren nicht minder konfliktträchtig, denn wieder einmal erwies er sich als ein Kritiker, der sich nicht zu den konsequenten Anhängern oder Widersachern eines bestimmten Autors zählen lässt, sondern der von Buch zu Buch zu mitunter extrem unterschiedlichen Urteilen kommt: So lehnte er die Theaterstücke von Grass ab, lobt aber dessen Lyrik, erklärte den <em>Butt</em> für weitgehend gescheitert, feierte jedoch begeistert <em>Das Treffen in Telgte</em>, nannte <em>Die Rättin</em> „ungenießbar“, die Unkenrufe ein „Malheur“, <em>Ein weites Feld</em> „missraten“ und zählt Grass dennoch zu den „größten Meistern der deutschen Sprache unserer Zeit“. Das Titelbild des <em>Spiegel</em>-Heftes, in dem seine Kritik zu <em>Ein weites Feld</em> erscheint, zeigt Reich-Ranicki überdies in einer Fotomontage, die den Eindruck erweckt, als reiße er ein Exemplar des Romans auseinander. Damit habe sich Reich-Ranicki, so meint Grass, durch den <em>Spiegel</em> „missbrauchen“ lassen, zu einem symbolischen Akt von Büchervernichtung, der „weit über eine Literaturkritik hinausgeht“.</p>
<p>Mit merklicher Genugtuung erfüllt Grass jedoch, dass er den Kampf um die Gunst des Publikums trotz allem gewonnen hat und binnen weniger Monate von seinem Roman über eine viertel Million Exemplare verkauft wurden. Reich-Ranickis Talent, die Lesermassen in seinem Sinne zu lenken, stieß bei diesem Buch offenkundig an seine Grenzen.</p>
<p>Am deutlichsten wurde die Rivalität der beiden Männer wohl bei einem Schlagabtausch 1994: Grass beklagte damals in einer Rede, dass Kritiker inzwischen größere Aufmerksamkeit genössen als Schriftsteller. Das Rezensionsgewerbe habe sich in der Öffentlichkeit gleichsam vor die zu rezensierenden Bücher gedrängt: „Es herrscht nicht nur vor, es beherrscht den Betrieb.“ Und er verschwieg nicht, welchen Kritiker er bei diesem Angriff vor allem im Sinn hatte: „Der einzelne Entertainer, der sich als Quartett aufspielt, der literarische Stammtisch gibt den Ton an.“Reich-Ranicki nahm den Fehdehandschuh auf und antwortete mit einer Polemik in der <em>Frankfurter Allgemeinen</em>. Es sei wahr, schrieb er, „dass sich bei uns gelegentlich ein Missverhältnis zwischen dem Primären und dem Sekundären bemerkbar macht. Alle wissen wir, dass nicht  nur Grass in eine Krise geraten ist, sondern die ganze deutsche Gegenwartsliteratur. (…) Ein Zeichen der Krise mag es auch sein, dass die deutschen Kritiker bisweilen besser schreiben als die Autoren, mit denen sie sich beschäftigen. Was Grass so ärgert, trifft teilweise zu: Für manche Kritiker interessiert man sich heutzutage mehr als für diesen oder jenen Schriftsteller, der uns in den sechziger, in den siebziger Jahren entzückt hat. So ist das: Wenn Seuchen um sich greifen, werden die Ärzte immer wichtiger.“ Stritten hier zwei Platzhirsche des Literaturbetriebs um die Vorherrschaft im Revier?</p>
<p>Nachdem Grass 1999 den Literaturnobelpreis erhalten hatte, entspannte sich die Situation zwischen den Kontrahenten, Reich-Ranicki gratulierte Grass öffentlich, und 2003 begegneten sie sich im Lübecker Grass-Haus, obwohl zuvor jahrelang jedes Gespräch zwischen ihnen nahezu unmöglich schien. Dennoch hält Grass an seiner Kritik fest: „Ich glaube schon“, sagt er über Reich-Ranicki, „dass er sich als ein Kritiker versteht in der Schlegelschen Tradition: Kritik als Kunstform, gleichberechtigt neben der Literatur, und in dürren Zeiten der Literatur überlegen. Es ist eine gewisse Hybris bei ihm da.“ Zwar hat Reich-Ranicki die betreffenden Thesen Friedrich Schlegels ausdrücklich zurückgewiesen, mehr noch, er hat auch Alfred Kerrs „waghalsigen Versuch, die Kritik zur gleichberechtigten poetischen Gattung zu erheben“, immer wieder abgelehnt und als „Irrweg“ bezeichnet. Doch setzte er in Grass’ Augen die löbliche Absicht, lediglich ein Diener der Literatur sein zu wollen, nicht oft und nicht konsequent genug in die entsprechenden Taten um.</p>
<p><em>Vorab-Veröffentlichung aus der Biographie &#8220;Marcel Reich-Ranicki&#8221;, die am 20. April im Blessing Verlag, München, erscheinen wird. Einige der hier angeführten Zitate von Günter Grass stammen aus einem Gespräch, das ich mit dem Schriftsteller über Reich-Ranicki führte. Sie sind im Buch mit Fußnoten gekennzeichnet. Es beschäftigen sich noch andere Passagen der Biographie mit dem spannungsreichen Verhältnis zwischen Grass und Reich-Ranicki.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Streit ums &#8220;Blutbuchenfest&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Jan 2014 11:34:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Platthaus]]></category>
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		<description><![CDATA[Martin Mosebach vs. Andreas Platthaus Das Buch „funktioniert“ nicht – schreibt Andreas Platthaus heute in der FAZ. Martin Mosebachs Gesellschaftsroman Das Blutbuchenfest spiele im Jahr 1991, die handelnden Figuren benutzten aber Technik, die es damals noch nicht gab: Smart-Phones, Laptops, &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=868">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Martin Mosebach vs. Andreas Platthaus<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Das Buch „funktioniert“ nicht – schreibt Andreas Platthaus heute in der FAZ. Martin Mosebachs Gesellschaftsroman <em>Das Blutbuchenfest</em> spiele im Jahr 1991, die handelnden Figuren benutzten aber Technik, die es damals noch nicht gab: Smart-Phones, Laptops, das Internet, Emails. Es werde interessant sein zu beobachten, „ob sich Mosebachs Publikum über seine Erzählverschluderung erregt“, meint Platthaus. Noch ist der Roman offiziell gar nicht erschienen, schon wird er in die Tonne getreten. Oder übertreibt Platthaus doch ein wenig?</strong></h3>
<p>Zunächst einmal, damit keine Missverständnisse entstehen: Andreas Platthaus ist ein sympathischer Kollege, den ich nicht zuletzt für seine immensen Kenntnisse zur Kunst des Comics, des Cartoons und der Graphic Novel bewundere. Aber gerade weil ich ihn schätze und als differenzierten Kritiker kenne, verblüfft es mich, wenn er es sich in diesem Fall so einfach macht.</p>
<p>Bekanntlich ist Maria Stuart, Königin von Schottland, ihrer Gegenspielerin Elizabeth I. nie begegnet. In Schillers Drama <em>Maria Stuart</em> gewährt ihr der Autor nicht nur ein Treffen, sondern einen langen, hinreißenden Dialog mit Elizabeth. Das widerspricht den historischen Fakten eklatant. Aber „funktioniert“ Schillers Stück deshalb nicht?</p>
<p>Im Gegensatz zur Geschichtsschreibung lässt sich die Literatur nicht auf die Treue zu den Tatsachen festlegen. Wer die Zeit um 1991 mit den Augen des Zeithistorikers oder des Soziologen betrachtet, hat sich sklavisch an die historischen Fakten halten. Doch wer einen Roman über diese Zeit schreibt, muss die Wahrheit seiner Geschichte erfinden – und wenn er zugunsten dieser erfundene Wahrheit ein paar historische Tatsachen so zurechtrückt, wie er es für die innere Logik seines Romans braucht, dann ist das nicht nur sein gutes literarisches Recht, sondern seine literarische Pflicht.</p>
<div id="attachment_869" class="wp-caption alignright" style="width: 267px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach.jpg"><img class="size-full wp-image-869" title="Mosebach" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach.jpg" alt="" width="257" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Martin Mosebach: &quot;Das Blutbuchenfest&quot;. Roman. Hanser Verlag, München 2014. 24,90 Euro</p></div>
<p>Mosebachs <em>Blutbuchenfest</em> zeigt eine gerade in ökonomischer Hinsicht konsequent modernisierte Stadtgesellschaft: Die meisten Figuren gehen sehr abstrakt gewordenen, etwas halbseidenen Tätigkeiten nach. Sie leiten eine PR-Agentur, die Kontakte schafft und für derlei luftige Leistungen gut bezahlt wird. Oder sie sind Kuratoren ohne Aufträge, die Kongresse oder Ausstellungen organisieren, für die sich später – vielleicht – die nötigen finanziellen Mittel finden werden. Oder sie haben ihren Job in der Werbung längst verloren und lassen deshalb jetzt für ihren aufwendigen Lebensstil nicht mehr das Spesenkonto, sondern einen gutmütigen Restaurantwirt einstehen.</p>
<p>Ich finde diese Beschreibung der gesellschaftlichen Situation überzeugend und zutreffend. Als langjähriger Bürger Frankfurts bestätige ich gern, wie schön Mosebach manche seiner Schauplätze nach der Frankfurter Wirklichkeit modelliert hat und wie viele seiner Figuren realen Personen dieser Stadt wie aus dem Gesicht geschnitten sind.</p>
<p>Die immer schwerer greifbaren, sich verflüssigenden beruflichen Verhältnisse, die Mosebach schildert und die bereits die neunziger Jahre prägten, sind naturgemäß nicht das einzige Kennzeichen dieses sich radikalisierenden Modernisierungs-Prozesses. Parallel dazu erleben wir eine Revolution der Computer- und Kommunikationstechnik. Die traditionelle Ordnung der Berufstätigkeit löst sich damit immer weiter auf: Mit einem Smart-Phone haben heute viele ihre Produktionsmittel buchstäblich in der Tasche. Wer früher für seine Arbeit einen Schreibtisch brauchte, braucht heute nur noch ein Telefon-Display oder ein Laptop. Er ist räumlich ungebunden, immer mobil, auf Präsenz nicht mehr festlegbar und wird so immer unfassbarer.</p>
<p>Das hat natürlich Folgen für das Leben der Menschen – und diese Folgen versucht Mosebach in seinem Roman erkennbar werden zu lassen. Diese zunehmende Schwerelosigkeit unseres Arbeits- und Gesellschaftslebens ist aber keineswegs eine Erfindung der letzten Jahre, sondern war auch schon in den Neuzigern spürbar. Folglich ist es mir als Leser von Mosebachs Roman schnuppe, ob er nun die jüngsten Erfindungen der IT-Branche entgegen den historischen Fakten in diese Neunziger zurückverlegt. Es geht ja darum, einen gesellschaftlichen Prozess mit den Mitteln eines Erzählers so sichtbar wie möglich zu machen. Und dabei hilft der kleine Zeitsprung, der technische Umwälzungen zehn Jahre früher beginnen lässt, ganz unbedingt.</p>
<div id="attachment_887" class="wp-caption alignleft" style="width: 208px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach_Martin7.jpeg"><img class="size-medium wp-image-887" title="Martin Mosebach 2010" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach_Martin7-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Martin Mosebach, fotografiert von Peter-Andreas Hassiepen. Copyright bei Peter-Andreas Hassiepen</p></div>
<p>Andreas Platthaus versteht – und da kann ich ihm überhaupt nicht mehr folgen – Mosebachs Roman als eine Abrechnung mit jenen Menschen, die diesem Modernisierungsprozess unterliegen. Er schreibt: „Denn die ständige Erreichbarkeit ist zentral fürs ganze Geschehen; erst sie macht den behaupteten moralischen Skandal einer egozentrischen Gruppe von Wohlstandsbürgern plausibel, in deren Wohnungen jeweils dieselbe bosnische Putzfrau arbeitet, die im Laufe des Buchs alles verlieren wird, ihr Kind, ihre Heimat, ihre Familie und schließlich auch jeden Respekt vor dem Gastland und seinen Menschen.“</p>
<p>Das ist schlicht falsch. Mosebach verurteilt seine Figuren nicht, er beobachtet sie. Er konstruiert aus dem finsteren Schicksal der bosnischen Putzfrau Ivana keinen Vorwurf gegen jene „Wohlstandsbürger“, die ihr Arbeit geben: 1) Ivanas Kind kommt bei einem Unfalls in Bosnien um. 2) Ihre Heimat geht verloren wegen der lang zurückreichenden ethnischen und religiösen Konflikte in Jugoslawien. 3) Ihre Familie wird vertrieben, weil sie schicksalhaft in diese historischen Konflikte hineingeboren wurde, in denen sie Täter und Opfer zugleich ist.</p>
<p>Daraus einen Vorwurf gegen die „egozentrische Gruppe von Wohlstandsbürgern“ zu konstruieren, wie Platthaus das tut, ist absurd. Im Gegenteil: Mosebach zeigt in den Kapiteln seines Romans, die in Bosnien spielen, sowohl den Reiz als auch die Schrecken der vormodernen Lebensverhältnisse dort sehr deutlich. Es feiert mit der ihm eigenen Sprachpracht manche Schönheit, die seinem Helden dort begegnet, beschreibt aber auch die ausweglose Grausamkeit, mit der sich dort Nachbarn seit Jahrhunderten belauern und bekriegen.</p>
<p>Ebenso wird das moderne Großstadtleben einige hundert Kilometer nördlich in Deutschland nicht verdammt – denn schließlich herrscht hier ein wunderbarer Frieden und auch wenn die Menschen allerlei windigen Geschäften nachgehen, so verstehen sie es doch ihre Konflikte allesamt gewaltlos auszutragen. Zugegeben, die bürgerliche Gesellschaft Frankfurts macht in Mosebachs Roman tatsächlich einen recht egozentrischen Eindruck, aber dass die Bosnier von ihm als vorbildliche Altruisten beschrieben werden, kann niemand behaupten. Mosebach schildert halt Menschen und keine Heiligen.</p>
<p>Platthaus schreibt spürbar abfällig von den „Lobpreisern“ Mosebachs, die ihn um jeden Preis gegen Kritik verteidigen wollen. Um auch hier einem Missverständnis vorzubeugen: Ich kann mit Mosebachs Kampf um liturgische Feinheiten der katholischen Messe wenig anfangen. Und wenn Mosebach öffentlich verlangt, Gotteslästerung solle hierzulande juristisch strenger verfolgt und bestraft werden, stehen mir die Haare zu Berge. Kritik an Mosebach ist selbstverständlich möglich und meines Erachtens gelegentlich angebracht.</p>
<p>Aber ich habe es schon immer für einen Fehler gehalten, von den politischen Stellungnahmen eines Schriftstellers auf seine literarischen Werke kurzzuschließen. Der Schriftsteller Günter Grass, der mit <em>Blechtrommel</em> und <em>Hundejahre</em> großartige Romane geschrieben hat, ist ein anderer als der Bürger Günter Grass, der mir mit seinen Ansichten zu USA oder Israel häufig genug auf die Nerven geht.</p>
<p>Hier, glaube ich, ist der Grund für den Unwillen zu finden, mit dem Platthaus auf Mosebachs neuen Roman reagiert: Er liest das Buch und hat die fröhliche Unverfrorenheit im Kopf, mit der sich Mosebach selbst als Reaktionär und Antimodernist bezeichnet. Und glaubt deshalb in dem Roman ziemlich platte reaktionäre und antimoderne Züge zu entdecken.</p>
<p>Aber das ist nicht der Fall: Die spezifische Erzählweise des Gesellschaftsromans bleibt auch für Mosebach nicht ohne Folgen. Sie ist so etwas wie eine literarische Schule der Toleranz, die jede Gesellschaft als Versammlung von Individuen betrachtet, in der keiner der alleinige Inhaber der Wahrheit ist, sondern in der alle mit dem gleichen Recht ihrer persönlichen Wahrheit und Weltsicht folgen. In diesem Nebeneinander der Standpunkte, das sich nie harmonisch auflöst, sondern nur ausgehalten werden kann, haben antimoderne Sichtweisen ebenso ihren Platz wie solche, die sich für die Moderne begeistern.</p>
<p>Und um diese Gegenüberstellung geht es dem Roman: Hier das vormoderne Lebensverständnis von Ivana, der bosnischen Putzfrau, und dort die hypermoderne Lebenssituation der guten Frankfurter Gesellschaft. Und ob die Angehörigen dieser Gesellschaft nun bereits Anfang der Neunziger ein Smart-Phone in der Tasche hatten oder erst zehn Jahre später, ist dabei literarisch herzlich egal.</p>
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		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ortsbesichtigung. Atlas der Autoren]]></category>
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		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
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