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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Uncategorized</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Offener Brief in Sachen Édition Grasset</title>
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		<pubDate>Mon, 11 May 2026 08:37:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;We will not submit future works to Éditions Grasset&#8221; 21 internationale Autoren, darunter die südkoreanische Literaturnobelpreisträgerin Han Kang, veröffentlichen einen Offenen Brief in Sachen des Verlags Édition Grasset. Nachdem der Verleger Olivier Nora von dem Eigentümer Vincent Bolloré entlassen wurde, erklärten &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2701">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div title="Page 1">
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<h1><strong>&#8220;We will not submit future works to Éditions Grasset&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>21 internationale Autoren, darunter die südkoreanische Literaturnobelpreisträgerin Han Kang, veröffentlichen einen Offenen Brief in Sachen des Verlags Édition Grasset. Nachdem der Verleger Olivier Nora von dem Eigentümer Vincent Bolloré entlassen wurde, erklärten fast 200 französischprachige Autorinnen und Autoren, künftig nicht mehr mit Édition Grasset zusammenarbeiten und die Rechte an ihren Büchern zurückfordern zu wollen. Dazu haben  jetzt 21 internationale Autoren, deren Bücher bislang in Übersetzung bei Èdition Grasset veröffentlicht worden den folgenden Offenen Brief unterschrieben.</strong></h2>
<p>As authors published on Éditions Grasset’s international list, we express our grave concern for the future of this house, its editorial integrity, and the teams who sustain it.</p>
<p>The dismissal of Olivier Nora for his editorial choices suggests that no editor at Grasset or within Hachette is now secure, that acquiring editors may be dismissed at any time without continuity or protection, and that the conditions of editorial independence have been fundamentally undermined.</p>
<p>We stand with Olivier Nora, with our editors and their teams, and with the authors who have already spoken out. We also stand with those authors who are contractually bound and cannot prevent their books from being published under these conditions.</p>
<p>It has been an honour to be translated into French and published by such a dedicated, world-class team. This makes the present situation all the more difficult, and the decisions we have taken all the more painful.</p>
<p>Many of us signed with Éditions Grasset before its acquisition by Vincent Bolloré. We refuse to see our work used to serve political ends we do not share.</p>
<p>The far right operates across borders; it must be resisted across borders. As matters stand, we will not submit future works to Éditions Grasset.</p>
<p>List of signatories:</p>
<p>Solvej Balle (Nordic Council Literature Prize), Adam Biles, Gabriela Cabezón Cámara (National Book Award), Thomas Chatterton Williams, Joshua Cohen (Pulitzer Prize for Fiction), Claudia Durastanti, Urszula Honek, Siri Ranva Hjelm Jacobsen, Han Kang (Nobel Prize in Literature), Andrew McMillan, Fernanda Melchor, Samanta Schweblin (National Book Award for Translated Literature), Ali Smith (Women’s Prize for Fiction), Bergþóra Snæbjörnsdóttir, Jón Kalman Stefánsson (Icelandic Literature Prize), Colm Tóibín (Folio Prize), Frank Trentmann, Diego Vecchio, Sandro Veronesi (Strega Prize), Katharina Volckmer, Uwe Wittstock (Prix littéraire de la Résistance)</p>
</div>
</div>
</div>
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		<title>Fünf Fragen von &#8220;De Standaard&#8221; über &#8220;Mein Leben in Büchern</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Apr 2026 14:12:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Schwierige Fragen Die Zeitung &#8220;De Standaard&#8221; in Brüssel hat schon länger die Rubrik &#8220;Mein Leben in Büchern&#8221;. Darin stellt sie Autoren individuell zugeschnittene ungewöhnliche Fragen. Mir unter anderem die Fragen &#8220;Das Buch, das ich nach meinem Tod verschenke&#8221; und &#8220;Das &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2695">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Schwierige Fragen</strong></h1>
<h2><strong>Die Zeitung &#8220;De Standaard&#8221; in Brüssel hat schon länger die Rubrik &#8220;Mein Leben in Büchern&#8221;. Darin stellt sie Autoren individuell zugeschnittene ungewöhnliche Fragen. Mir unter anderem die Fragen &#8220;Das Buch, das ich nach meinem Tod verschenke&#8221; und &#8220;Das Buch, das ich brauche, um nach Hause zu kommen&#8221;. Ich musste länger nachdenken, bis ich einigermaßen tragfähige Antworten hingekriegt habe. Jetzt sind sie erschienen. Die Zeitung war so freundlich, mir einen Beleg zuzuschicken. Ich freue mich sehr. Leider kann ich ihn nicht lesen, denn leider kann ich nicht Flämisch. Hier Fragen und Antworten in Deutsch:</strong></h2>
<h2><em>Mein Leben in Büchern</em></h2>
<div id="attachment_2697" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-2697" alt="Literaturbeilage von &quot;De Standaard&quot; vom 11. März 2026" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2026/04/IMG_2917-e1776434845788-225x300.jpg" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Literaturbeilage von &#8220;De Standaard&#8221; vom 11. März 2026</p></div>
<p><b>Das Buch, das ich brauche, um nach Hause zu kommen</b></p>
<p>„Das Kursbuch“. Das ist ein altmodischer Name für den Fahrplan der Deutschen Bahn. Das Kursbuch habe ich jahrelang gebraucht, um zu erfahren, wie und wann ich nach Hause komme. Als Journalist habe ich in vielen verschiedenen Städten gearbeitet, in Berlin, München, Paris. Doch die Familie hat immer in Frankfurt gelebt. Also musste ich pendeln und habe eine Menge Zeit in Zügen verbracht. Pro Jahr oft 40.000 Kilometer, einmal um die Welt. Gelernt habe ich dabei: Züge sind großartige Orte fürs Lesen. Lesen in Zügen beruhigt den Fahrgast ungemein. Sogar bei Verspätungen (ich schreibe hier schließlich über die Deutsche Bahn). Ich glaube, die Bücher, die ich auf meinen Fahrten von und nach Frankfurt gelesen habe, könnten mehrere Regale füllen. Und die Bücher, die ich in Zügen liegen ließ, weil ich sie nicht mochte, zumindest eins.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Das Buch, das ich nach meinem Tod verschenke</b></p>
<p>„How not to die“ von Michael Greger. Das ist ein Superbuch für alle, die nicht gern sterben. Ich gebe es frühestens nach meinem Tod aus der Hand. Michael Greger ist Arzt. Er erklärt die 15 beliebtesten Todesursachen, wie zum Beispiel Herzerkrankungen, Krebs, Diabetes, Bluthochdruck, und gibt dann Ratschläge, wie man sie vermeidet. Zumindest für eine Weile. Außerdem empfiehlt Greger lebensverlängernde Nahrungsmittel. Er schreibt viel über Gemüse und solche Sachen. Greger ist Vegetarier. Ich bin es nicht. Das ist für mich die andere Seite dieses formidablen Buches: Es beweist mir am Beispiel meiner eigenen Person, dass ein Autor selbst mit den besten Argumenten nicht alle Leser überzeugen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Das Buch, das ich wiederlese</b></p>
<p><b>„</b>Madame Bovary“ von Gustave Flaubert. Viele Schriftsteller haben ein Buch, von dem sie wie besessen sind. Ich auch. Ich habe Flauberts Roman über die unglückliche Ehe der Emma Bovary wohl ein dutzend Mal gelesen. Ich vermute, dass sich hinter meiner Leidenschaft für dieses Buch auf verquere Weise der Wunsch verbirgt, irgendwann einmal einen Roman über eine glückliche Ehe zu schreiben. Das ist ein ziemlich waghalsiges Projekt, denn das kleine Einmaleins des Schriftstellerhandwerks besagt, dass eine glückliche Liebe nur für die Liebenden interessant ist und für die Leser sterbenslangweilig. Also sollte ich mir die Arbeit wohl besser sparen. Aber vielleicht lese ich Flauberts „Bovary“ auch deshalb immer wieder, weil ich jedes Mal heimlich hoffe, diesmal geht es gut aus, diesmal muss sich Emma nicht umbringen, diesmal kriegt sie die Kurve hin zum Glück.</p>
<p><b> </b></p>
<p><b>Das Buch, das ich momentan lese</b></p>
<div id="attachment_2698" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-2698" alt="Dirk von Petersdorff: &quot;Wir Kinder der Leichtigkeit&quot;. Unere Geschichte seit den Siebzigern&quot;. Verlag C.H.Beck" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2026/04/IMG_2915-e1776435004919-225x300.jpg" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Dirk von Petersdorff: &#8220;Wir Kinder der Leichtigkeit&#8221;. Unere Geschichte seit den Siebzigern&#8221;. Verlag C.H.Beck</p></div>
<p>„Wir Kinder der Leichtigkeit“ von Dirk von Petersdorff. Es ist ein schmales, saukluges Buch über meine Generation, die einen historischen Moment lang glauben durfte, die Geschichte könnte vielleicht doch ein gutes Ende nehmen. Wir sind aufgewachsen in den siebziger Jahren, in denen die Religionen und Ideologien ihre dominierende Bedeutung verloren und die Zukunft offen und unbelastet vor uns lag. Wir durften uns frei fühlen und gewöhnten uns daran, dass jeder sich seine Weltdeutung selbst zusammenbasteln konnte. Es gab keinen Zwang mehr, an irgendeine ‚große Erzählung‘ zu glauben. Es herrschte der Karneval der Lebensphilosophien. Nach der Implosion des Ostblocks 1989 war mir so leicht ums Herz wie den Helden von Petersdorffs Buch. In einer Literaturzeitschrift schrieb ich damals, möglicherweise bräche nun ein „augusteisches Zeitalter“ an, eine Epoche des Friedens und der Harmonie. Ja, ich gebe zu, das war naiv. Ich habe mich getäuscht. Was machen wir jetzt, wir Kinder der Leichtigkeit, nach dem Sturz in die Polykrise? Jetzt, wo die Zukunft noch immer offen vor uns liegt, so offen wie ein weit aufgesperrter, allesverschlingender Rachen?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Der beste Lesetipp, den ich je bekommen habe</b></p>
<p>Ein Tipp von meinem Vater. Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt und hatte Grippe. Ich lag im Bett, mein Vater saß bei mir und ich jammerte: „Mir ist so langweilig“. Er antwortete: „Dann lies doch was“ und drückte mir Short Stories von Ernest Hemingway in die Hand. Ich begann zu lesen und las und las und habe bis heute nicht aufgehört.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Dankrede zum Literaturpreis der Französischen Résistance 2025</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Dec 2025 07:53:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Abendessen bei Fanny. Eine Dankrede Am 25. November 2025 wurde mein Buch &#8220;Marseille 1940&#8243; mit dem Literaturpreis der Französischen Résistance ausgezeichnet. Die Auszeichnung ging damit erstmals an einen deutschen Autor. Die Entscheidung traf eine zwölfköpfigen Jury aus Historikern unter dem Vorsitz &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2686">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Abendessen bei Fanny. Eine Dankrede</strong></h1>
<h2>Am 25. November 2025 wurde mein Buch<strong> &#8220;Marseille 1940&#8243;</strong> mit dem <strong>Literaturpreis der Französischen Résistance</strong> ausgezeichnet. Die Auszeichnung ging damit erstmals an einen deutschen Autor. Die Entscheidung traf eine zwölfköpfigen Jury aus Historikern unter dem Vorsitz des Generalkontrolleurs der französischen Streitkräfte <strong>Serge Barcellini</strong>. Die französische Ausgabe &#8220;Marseille 1940. Quand la littérature s’évade&#8221; ist 2025 in Lizenz bei <strong>Grasset</strong> (übersetzt ins Französische von <strong>Olivier Mannoni</strong>) erschienen. Die Verleihung fand in Paris im Palais du Luxembourg statt.</h2>
<div id="attachment_2690" class="wp-caption alignleft" style="width: 215px"><img class="size-medium wp-image-2690" alt="Uwe Wittstock: Marseille 1940: Quand la littérature s'évade. Grasset, 28 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/12/81uaby1kxbL._AC_UL320_-205x300.jpg" width="205" height="300" /><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock: Marseille 1940: Quand la littérature s&#8217;évade. Grasset, 28 Euro</p></div>
<h2>Ich war am Tag der Verleihung offengestanden ziemlich nervös, das<strong> Palais du Luxembourg</strong> ist das Gebäude des französischen Senats, das Publikum bestand aus lauter Senatorinnen, Generälen und Präsidenten namhafter französischen Institutionen. Mein größtes Handicap war, dass ich nicht Französisch spreche. Ich habe mich mit Englisch beholfen und auch meine Dankrede in Englisch gehalten. In meinen Augen war die Verleihung vor allem ein fabelhaftes Signal für die französisch-deutsche Aussöhnung, schließlich waren es Deutsche, gegen die die Résistance im Zweiten Weltkrieg kämpfte.</h2>
<h2>Der Literaturpreis der Résistance wurde 1961 vom <strong>Comité d’action de la Résistance (CAR)</strong> ins Leben gerufen. Er soll ein Werk für seine literarischen und historischen Qualitäten über den Widerstand, das freie Frankreich oder die Deportationen auszeichnen. <strong>Le Souvenir Français</strong>, Nachfolger des CAR, führt diesen Literaturpreis seit 2016 fort. Im Jahr 2023 wurde der <strong>Ordre de la Libération</strong> Partner des Preises, der nun <strong>Prix littéraire de la Résistance CAR – Souvenir Français – Ordre de la Libération</strong> heißt.</h2>
<p>Hier nun meine kleine Dankrede:</p>
<p>Ich möchte zunächst den Organisatoren des Preises und Jury danken für ihre Entscheidung, die mich im ersten Moment sprachlos gemacht hat und dem wundervollen Palais du Luxembourg für die Möglichkeit, den Preis hier in Empfang zu nehmen. Als Deutscher den Literaturpreis der französischen Widerstandskämpfer zu erhalten, ist eine einschüchternde Ehrung. Ich nehme den Preis mit größtem Respekt entgegen vor allen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg Widerstand gegen Hitler leisteten. Bitte erlauben Sie mir, kurz von einem Franzosen zu erzählen, den ich kennenlernte und der für mich zu diesen Helden gehört.</p>
<p>Mein Vater war Psychiater. In den sechziger Jahren schrieb er Gutachten für jüdische Überlebende des Holocaust, damit sie beim deutschen Staat eine Rente beantragen konnten. Eine Frau, über die mein Vater ein Gutachten schrieb, hieß Fanny. Sie lebte in Südfrankreich, in einer kleinen Stadt direkt am Meer. Da unsere Familie nach Südfrankreich in Urlaub fahren wollten, lud sie uns ein, sie zu besuchen, um bei ihr einen Kaffee zu trinken. Als wir eintrafen, blieb es natürlich nicht bei einem Kaffee, Fanny lud uns zu einem großen Abendessen ein, zusammen mit ihrem Ehemann Albert.</p>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-2687" alt="2025-904-033-PL" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/12/2025-904-033-PL-1024x682.jpg" width="640" height="426" />Es war ein wunderschöner, warmer Sommerabend. Fanny und Albert wohnten in einem kleinen Haus mit herrlichem Garten. Dort saßen wir, als Fanny ihre Lebensgeschichte erzählte. Sie war als junge Frau aus Deutschland nach Südfrankreich geflohen. Dort verliebte sie sich in Albert, einen französischen Automechaniker, ebenso jung wie sie. Als die deutsche Armee im November 1942 Südfrankreich besetzte, versteckte Albert sie in den Weinbergen. Nur er allein wusste, wo sie war, nur er brachte ihr Essen.</p>
<p>Alles ging gut, bis Albert von den Deutschen den Befehl bekam, als Zwangsarbeiter nach Deutschland zu gehen. Er konnte dem Befehl unmöglich folgen: Wer würde für Fanny versorgen, wenn er nach Deutschland verschleppt würde? Niemand außer ihm durfte wissen, wo sich Fanny versteckte. Also ging er in seine Werkstatt, zündete seinen Schneidbrenner an und verbrannte sich damit die Füße. Er musste ins Krankenhaus, aber als Verletzter durfte er in Frankreich bleiben und konnte Fanny weiterhin das Essen bringen, humpelnd.</p>
<p>Es war eine wunderbar warme Nacht, als Fanny das erzählte. Albert, ihr Mann, saß neben ihr. Er trug Sandalen, die Narben auf seinen Füßen waren gut zu erkennen. Ich habe sie gesehen und Albert bewundert.</p>
<p>Vielleicht darf ich den Preis, den man meinem Buch heute zugedacht hat, diesem Paar widmen: Fanny und Albert, die in einer Zeit großer Grausamkeit unbeirrt an ihrer Liebe festhielten.</p>
<p>Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit und die besondere Ehre, die dieser Preis bedeutet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dear Madams and Sirs</p>
<p>First of all, I would like to thank the organisers of the prize and the jury for their decision, which left me speechless at first, and the wonderful Palais du Luxembourg for the opportunity to receive the prize here. As a German, receiving the French Resistance fighters&#8217; literary prize is an intimidating honour. I accept this prize with the utmost respect for all those who resisted Hitler during the Second World War. Please allow me to briefly tell you about a Frenchman I met who, for me, is one of these heroes.</p>
<p>My father was a psychiatrist. In the 1960s, he wrote reports for Jewish survivors of the Holocaust so that they could apply for a pension from the German state. One woman my father wrote a report about was called Fanny. She lived in the south of France, in a small town right by the sea. Since our family wanted to go on holiday to the south of France, she invited us to visit her for a coffee. When we arrived, it didn&#8217;t stop at coffee, of course. Fanny invited us to a big dinner with her husband Albert.</p>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-2688" alt="20251125_174414" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/12/20251125_174414-e1766084382760-768x1024.jpg" width="640" height="853" />It was a beautiful, warm summer evening. Fanny and Albert lived in a small house with a lovely garden. We sat there as Fanny told us her life story. As a young woman, she had fled from Germany to the south of France. There she fell in love with Albert, a French car mechanic who was the same age as her. When the German army occupied the south of France in November 1942, Albert hid her in the vineyards. Only he knew where she was, and only he brought her food.</p>
<p>Everything went well until Albert received orders from the Germans to go to Germany as a forced labourer. It was impossible for him to obey the order: who would take care of Fanny if he was deported to Germany? No one but him was allowed to know where Fanny was hiding. So he went to his workshop, lit his cutting torch and burned his feet with it. He had to go to hospital, but as an injured person he was allowed to stay in France and could continue to bring Fanny food, limping.</p>
<p>It was a wonderfully warm night when Fanny told us this story. Albert, her husband, sat next to her. He wore sandals, and the scars on his feet were clearly visible. I saw them and admired Albert.</p>
<p>Perhaps I may dedicate the prize awarded to my book today to this couple: Fanny and Albert, who remained steadfast in their love during a time of great cruelty.</p>
<p>Thank you for your attention and for the special honour that this prize represents.</p>
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		<title>Interview zu &#8220;Hitler übersetzen&#8221;</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2674</link>
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		<pubDate>Thu, 24 Apr 2025 17:16:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Verworren, brüchig, inkohärent Über die endlosen Schwierigkeiten, Adolf Hitlers Buch &#8220;Mein Kampf&#8221; ins Französische zu übersetzen. Eine Gespräch mit Olivier Mannoni, der acht Jehre lang an einer fast unlösbaren Aufgabe gearbeitet hat Olivier Mannoni ist ein herausragender Übersetzer, der deutsche &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2674">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Verworren, brüchig, inkohärent</strong></h1>
<h2><strong>Über die endlosen Schwierigkeiten, Adolf Hitlers Buch &#8220;Mein Kampf&#8221; ins Französische zu übersetzen. Eine Gespräch mit Olivier Mannoni, der acht Jehre lang an einer fast unlösbaren Aufgabe gearbeitet hat</strong></h2>
<h3>Olivier Mannoni ist ein herausragender Übersetzer, der deutsche Bücher ins Französische bringt. Er hat zahllose literarische Bücher, aber auch Sachbücher übersetzt. Vor allen Bücher von Historikern oder zu historischen Themen. Eins seiner großen Projekte war eine Übersetzung von Hitlers &#8220;Mein Kampf&#8221;. Über die Erfahrungen beim Übersetzen dieses so oft erwähnten, aber selten gelesenen und letztlich hundsmiserablen Buchs hat er dann selbst ein Buch geschrieben, das jetzt seinerseits ins Deutsche übersetzt wurde. Sein Fazit: »Hitler zu übersetzen, bedeutet auch, sich gegen seine zeitgenössischen Epigonen zu wappnen.« Ich habe mich mit ihm in Lyon über sein Buch unterhalten.</h3>
<p><b>Uwe Wittstock: Sie haben Hitlers „Mein Kampf“ ins Französische übersetzt. Wie lange haben Sie dafür gebraucht?</b></p>
<p>Olivier Manonni: Acht Jahre.</p>
<p><b>Warum so lange?</b></p>
<p>Das deutsche Buch hat achthundert eng bedruckte Seiten. Meine erste Übersetzung war nach zwei Jahren fertig, zählte 1200 Manuskriptseiten und wurde vom ersten Herausgeber sehr gelobt. Doch dann brachte der neue wissenschaftliche Herausgeber Florent Brayard einen unerwarteten, aber wichtigen Einwand vor. Normalerweise versucht man als Übersetzer einen Text so verständlich und flüssig wie möglich in die andere Sprache zu übertragen. Das hatte ich auch in diesem Fall getan. Doch Brayard war dagegen. Er wollte Hitlers Buch genauso im Französischen, wie Hitler es im Deutschen geschrieben hatte: voller syntaktischer Fehler, endloser Sätze, zwanghafter Wiederholungen. Nur so, sagte Brayard, könnte die Übersetzung den gleichen Eindruck vermitteln, den das Original beim Erscheinen 1925/26 auf den deutschen Leser hatte. Das leuchtete mir ein und ich habe noch einmal sechs Jahre gebraucht, um Hitlers miserables Deutsch in ein ebenso miserables Französisch zu bringen.</p>
<p><b>Was war für Sie das größte Problem bei der Arbeit?</b></p>
<div id="attachment_2675" class="wp-caption alignleft" style="width: 146px"><img class="size-full wp-image-2675" alt="Olivier Mannoni: &quot;Hitler übersetzen. Über die Sprache des Faschismus und ihre unheilvolle Wirkmacht&quot;. HarperCollins, 19,99 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/04/81Ibx7ZZYfL._AC_UY218_.jpg" width="136" height="218" /><p class="wp-caption-text">Olivier Mannoni: &#8220;Hitler übersetzen. Über die Sprache des Faschismus und ihre unheilvolle Wirkmacht&#8221;. Übersetzung: Nicola Denis. HarperCollins, 19,99 Euro</p></div>
<p>Viele der Originalsätze Hitlers sind verworren, brüchig, inkohärent. Das ist eine riesige Herausforderung. Es ist ungeheuer schwer, unverständliche Sätze so genau wie möglich in einer anderen Sprache nachzubilden. Daneben gibt es in dem Buch auch klare Formulierungen, zumeist wenn es um das geht, was Hitler heftig ablehnt, die Juden zum Beispiel. Sie spielen die Rolle des Feindes, daran lässt er keinen Zweifel. Manchmal übernehmen diese Rolle auch die Franzosen oder die Intellektuellen. Hitlers Sprache ist wie ein Morast, mir fällt kein besseres Wort ein, ein Morast, in dem man keinen richtigen Halt findet. Die einzigen klaren Haltepunkte sind die Stellen, in denen er vom Hass auf seine Feinde spricht.</p>
<p><b>Der erste Teil von „Mein Kampf“ ist eine Art Autobiografie: Hitler beschreibt seinen Werdegang zum Politiker und mischt unter die Fakten lauter Unwahrheiten und Verfälschungen. Ist es nicht eine Geschichtsklitterung, das heute wieder zu veröffentlichen?</b></p>
<p>Ich habe den Auftrag zur Übersetzung nur übernommen, weil ich wusste, dass der übersetzte Text zusammen mit den Kommentaren hervorragender Historiker gedruckt wird, die jede Lüge Hitlers analysieren und die Leser mit den historischen Wahrheiten konfrontieren. Zusammen ist das ein sehr großformatiger Band geworden, fast vier Kilo schwer, der 100 Euro kostet und den Titel „Historiciser le mal“ trägt, also „Das Böse historisieren“. Der Name Adolf Hitler kommt also nicht einmal auf dem Umschlag des Buches vor.</p>
<p><b>Es gibt kaum jemanden, der die Sprache eines Buchs so genau durchleuchtet, wie ein Übersetzer, der sie in einer anderen Sprache nachbilden muss. Welche Eigenheiten haben sie an Hitlers Sprache festgestellt? </b></p>
<p>Sie ist schwülstig, konfus, mit einer wackeligen Grammatik. Er benutzt entsetzlich viele Adverbien, was immer ein Zeichen für schlechten Stil ist. Er hat eine Neigung zu abgedroschenen und klischeehaften Bildern und Begriffen. Hinzu kommt seine auffällige Vorliebe, Adjektive wie „unbarmherzig“, „rücksichtslos“ oder „fanatisch“, die gewöhnlich immer in einem negativen Zusammenhang benutzt werden, mit einer scheinbar positiven Wertung zu versehen. Er hielt es für eine gute Sache, die Juden „unbarmherzig auszurotten“ oder betrachtete einen „fanatischen Nationalsozialisten“ als einen guten Mann. Außerdem stopft er seine Sätze voll mit Füllworten, die für die Aussage gar keine Funktion haben und des Satz schwerfällig, wenn nicht unverständlich machen.</p>
<p>Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?</p>
<p>Ich muss Sie warnen, die Sätze Hitlers sind wie Bandwürmer. Endlos.</p>
<p>Ich gehe das Risiko ein.</p>
<p>Im Kapitel 9 des zweiten Teils unterscheidet Hitler zwischen den drei Klassen der besten, mittleren und schlechtesten Menschen einer Gesellschaft: „Der Krieg hat nun in seinem viereinhalbjährigen blutigen Geschehen das innere Gleichgewicht dieser drei Klassen insofern gestört, als man – bei Anerkennung aller Opfer der Mitte – dennoch feststellen muss, dass er zu einer fast vollständigen Ausblutung des Extrems des besten Menschtums führte.“ Hier bleibt der Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten Satzteil unklar: Logisch müsste auf die anfängliche Behauptung, der Krieg habe das innere Gleichgewicht gestört, eine Art Beweisführung folgen. Stattdessen setzt Hitler ein „dennoch“ ein, das sich auf den Einschub „…bei Anerkennung…“ bezieht und so die Argumentation völlig zerfasern lässt.</p>
<p>Der Satz ist dunkel, fast unverständlich. Nietzsche hat mal gesagt, manche Autoren „trüben ihre Gewässer, damit sie tief scheinen“.</p>
<p>Hitlers Prosa ist tatsächlich trüb. Den gleichen Grad von Trübheit im Französischen zu erzeugen, war eine Aufgabe zum Haareausraufen.</p>
<p><b>Es ist eine alte Idee, man könne am Sprachstil eines Menschen, seinen Charakter erkennen. Schopenhauer nannte den Stil die Physiognomie des Autors. Welche Rückschlüsse erlaubt Hitlers Sprachstil auf die Persönlichkeit Hitlers?</b></p>
<p>Die konfuse Sprache lässt zunächst einmal auf ein konfuses Denken schließen. Aber das ist nicht alles. Hitler war ein Hassprediger. Immer wieder entlädt sich in „Mein Kampf“ ein unglaublicher Hass. Er geht wie eine Lawine auf den Leser nieder. Für Hitler war die Welt strikt in Freund und Feind geteilt. Es gab für ihn nur getreue Anhänger oder Feinde, die er hasste: Juden, Sozialisten, Kommunisten, Homosexuelle, Zigeuner und Arbeitsscheue, wie man damals sagte.</p>
<p>Wie kann es sein, dass ein Mensch, der eine so unklare, schwer verständliche Sprache spricht, politisch so erfolgreich war?</p>
<div id="attachment_2676" class="wp-caption alignleft" style="width: 163px"><img class="size-full wp-image-2676" alt="Olivier Mannoni: &quot;Traduire Hitler&quot;. Éditions Héloïse Ormesson. 15 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/04/510bvWNbyaL._AC_UY218_.jpg" width="153" height="218" /><p class="wp-caption-text">Olivier Mannoni: &#8220;Traduire Hitler&#8221;. Éditions Héloïse Ormesson. 15 Euro</p></div>
<p>Zumindest in seinem Hass war Hitler immer glasklar. Da hat er keinen Zweifel aufkommen lassen. Mit diesem Denken in simplen Kategorien von Freund und Feind hatte er tatsächlich große politische Breitenwirkung. Aber die ersten Reaktionen auf „Mein Kampf“ nach dem Erscheinen Mitte der zwanziger Jahre waren katastrophal. Sogar die Nazi-Zeitungen stellten entsetzt die Frage, ob denn ein Mann, der keine vernünftigen zwei Sätze schreiben könne, fähig sei, die Partei zu leiten. Das Buch hat sich zunächst ganz schlecht verkauft.</p>
<p>Ihre Übersetzung von „Mein Kampf“ ist nicht die erste. Schon 1934 wurde das Buch erstmals in Französische übertragen.</p>
<p>Ja, das war eine geglättete Fassung, die Hitlers Sprache viel klarer und einleuchtender erscheinen ließ, als sie es tatsächlich war. Absurderweise wurde diese Ausgabe von Adolf Hitler selbst verboten und zwar aus kommerziellen Gründen – er erhielt aus dem Verkauf in Frankreich keine Tantiemen. Aber auch aus politischen Gründen wollte er nicht, dass das</p>
<p>Buch in Frankreich erscheint.</p>
<p><b>Sie haben ein Buch geschrieben über Ihre Erfahrungen bei der Arbeit an „Mein Kampf“. Es ist jetzt in Deutschland erschienen …</b></p>
<p>… übersetzt von einer großartigen Kollegin, von Nicola Denis…</p>
<p><b>… und darin beschreiben Sie erstaunliche Parallelen zwischen der Sprache Hitlers und der heutiger Rechtspopulisten.</b></p>
<p>Da ist zunächst einmal die Neigung zur autobiografischen Lüge. Jordan Bardella, der Vorsitzende der rechtsextremen Partei Frankreichs „Rassemblement National“, hat im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht, in dem er behauptet, als Kind armer Eltern im Elend aufgewachsen zu sein. Journalisten haben jedoch recherchiert, dass ihm sein Vater bereits im Alter von 20 Jahren eine Wohnung und ein Auto schenkte und dass er als Student niemals für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste.</p>
<p><b>Donald Trump, ebenfalls ein Rechtspopulist, hat niemals behauptet, im Elend gelebt zu haben.</b></p>
<p>Richtig. Aber in seinem Leben gibt es so viele Unwahrheiten und Lügen, dass die amerikanischen Zeitungen aufgehört haben, sie zu zählen. Viel wichtiger sind jedoch zwei andere Punkte. Auch Trumps Sprache ist eine Sprache des Hasses. Er will mit seinen politischen Gegnern nicht zu einem Kompromiss kommen. Er will sie unterwerfen, oder besser noch vernichten. Und auch er denkt in den einfachen Kategorien von Freundschaft und Feindschaft. Er hat nur zwei große Themen: Unser Land ist kaputt, wir müssen es wieder groß machen. Und: Ich bin der Erlöser, der diese Aufgabe bewältigen kann. Mit solchen einfachen Formeln kann man offenbar Wahlkämpfe gewinnen.</p>
<p><b>Sie schreiben, auch für die Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“, also die Vorstellung, die deutsche beziehungsweise französische Bevölkerung solle gegen Muslime ausgetauscht werden, gäbe es bereits ein Vorbild in „Mein Kampf“?</b></p>
<p>Nicht unter diesem Namen, aber der Idee nach sehr wohl. Im 11. Kapitel des ersten Teils erläutert Hitler seine Vorstellungen zu „Volk und Rasse“. Darin behauptet er, die Deutschen würden förmlich von den Juden an den Rand geschoben und aus dem eigenen Land verdrängt. Die Juden besäßen alle großen Unternehmen und die wichtigsten Zeitungen. Diesen Einfluss würden sie nutzen, um allein die Juden zu fördern und die Nicht-Juden zu benachteiligen. Das höchste Ziel der Juden sei es zudem, junge deutsche Frauen zu verführen und zu schwängern, um so die deutsche „Rasse“ zu schänden und gewissermaßen genetisch auszulöschen. Auch in seinem rassistischen Wahn drohte also ein Großer Austausch.</p>
<p><b>Allerdings werden in der Verschwörungstheorie von heute die Migranten an die Stelle der Juden gerückt.</b></p>
<p>Unterschätzen Sie den Antisemitismus der Rechtspopulisten nicht! In Deutschland mag das bei der AfD noch nicht so deutlich sichtbar sein. Aber beim französischen „Front National“ war der Judenhass ein stark spürbares Element. Der Gründer der Bewegung, Jean-Marie le Pen, hat den Mord an den Juden in den Gaskammern hartnäckig als ein Detail der Geschichte abgetan – und ist dafür mehrfach verurteilt worden.</p>
<p><b>In den deutschen Debatten spielt heute nicht die Klimakrise, nicht die Kriegslust Putins oder die die Zerstörung der Demokratie durch die Sozialen Medien die Hauptrolle, sondern die Migration.</b></p>
<p>Ja, der Flüchtling ist zum Ahasver gemacht geworden, zum „Ewigen Juden“, zum Sündenbock, der angeblich an allem die Schuld trägt. Auch hier ist zu spüren, wie dieses toxische Buch „Mein Kampf“ bis heute Einfluss auf das Denken rechtsextremer Menschen nimmt. Diese Wirkung hat nie aufgehört, sie war einige Jahrzehnte lang nicht so deutlich zu bemerken, aber jetzt ist sie wieder da und hochgefährlich.</p>
<p>Olivier Mannoni: „Hitler übersetzen“. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Verlag HaperCollins. 19,99 Euro</p>
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		<title>Ein fabelhaften Familienroman: &#8220;Gewässer im Ziplock&#8221; von Dana Vowinckel</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Nov 2024 17:58:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Familie ist eine Chance Laudatio auf Dana Vowinkel und ihren Roman &#8220;Gewässer im Ziplock&#8221; Am 11. November wurde der Buchpreis für Familienroman des Siftung Ravensburger Verlag 2024 in Berlin an Dana Vowickel verliehen. Sie erhielt die Auszeichnung für ihren Roman &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2661">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Familie ist eine Chance</strong></h1>
<h2><strong>Laudatio auf Dana Vowinkel und ihren Roman &#8220;Gewässer im Ziplock&#8221;</strong></h2>
<h2>Am 11. November wurde der Buchpreis für Familienroman des Siftung Ravensburger Verlag 2024 in Berlin an Dana Vowickel verliehen. Sie erhielt die Auszeichnung für ihren Roman &#8220;Gewässer im Ziplock&#8221;. Ich durfte die Laudatio halten. Leider war Dana Vowincken in New York aus familiären Gründen (und welche Hinderungsgründe könnten bei einem Preis für Familienroman wichtiger sein!) verhindert und konnte an der Preisverleihung nur per Videoschalte teilnehmen. Hier meine Rede:</h2>
<p>Sehr geehrte Damen und Herren,</p>
<p>liebe Dana Vowinckel im fernen New York</p>
<p>Was eigentlich ist Familie? Wovon sprechen wir, wenn wir von Familie sprechen? Eine naheliegende, sehr soziologische Antwort auf diese Frage lautet: Familie ist eine durch Partnerschaft, Heirat, Abstammung oder Adoption begründete Lebensgemeinschaft, die meist aus Eltern und Kindern bzw. Enkeln besteht, aber auch andere, weiter gefasste Verwandtschaftsverhältnisse mit einbeziehen kann.</p>
<div id="attachment_2662" class="wp-caption alignright" style="width: 196px"><img class="size-medium wp-image-2662" alt="Dana Vowinckel: &quot;Gewässer im Ziplock&quot;. Roman. Suhrkamp Verlag. Handcover: 23 Euro, Taschenbuch 13 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2024/11/Titel_Cover_U1-186x300.jpg" width="186" height="300" /><p class="wp-caption-text">Dana Vowinckel: &#8220;Gewässer im Ziplock&#8221;. Roman. Suhrkamp Verlag. Handcover: 23 Euro, Taschenbuch 13 Euro</p></div>
<p>Das ist eine sehr formale Definition, der jede emotionale Dimension fehlt. Diese emotionale Dimension aber ist im alltäglichen Leben das eigentlich entscheidende. Gehört man noch zu einer Familie, wenn man sie verlassen hat? Wenn man den Kontakt zu den anderen Familienmitgliedern abgebrochen hat? Juristisch gehört man sicherlich noch dazu, aber eben kaum im Sinne einer gefühlsmäßigen Bindung. Solche Bindungen aber machen letztlich den Kern einer Familie aus. Familie ist eine Chance. Familie bietet die Chance, das eigene Leben mit den Leben anderer so eng zu verbinden, dass man das eigene Leben und das der anderen kaum noch unterscheiden kann, dass man das Schicksal des anderen ebenso ernst nimmt wie das eigene – oder in extremen Fällen vielleicht sogar ernster als das eigene. Familie ist eine Chance, über sich hinauszuwachsen.</p>
<p>Marsha, die Mutter der fünfzehnjährigen Margarita in Dana Vowinckels Roman, hat diese Chance nicht genutzt. Sie hat ihren Mann und ihre Tochter verlassen, als Margarita im Kindergartenalter war. Sie gibt für diese Entscheidung gleich mehrere Gründe an. Sie ist eine ambitionierte Sprachwissenschaftlerin und fand in Deutschland keine Arbeit, was für sie unerträglich war. Sie hatte geglaubt, so lautet eine andere Begründung, der Familie nur voranzureisen nach Amerika, um ihr so den letzten, den ultimativen Anstoß zu geben, ihr zu folgen. Und schließlich macht sie noch ein drittes, politisches Motiv geltend: Sie konnte, sagt sie, als Jüdin Deutschland nicht mehr ertragen. Doch dorthin, nach Deutschland, hat es Avi, ihren israelischen Mann, einer Arbeit wegen verschlagen. Avi ist Chasan, Sänger und Vorbeter in der Synagoge, ein sehr frommer, weitgehend unpolitischer Mann, den es wenig interessiert, in welchem Land er lebt, solange er die Möglichkeit hat, die jüdischen Gesetze zu befolgen und für eine jüdische Gemeinde zu arbeiten. Er ist nach Marshas Flucht aus Deutschland so tief verletzt, dass er überhaupt nicht auf die Idee kommt, ihr nach Amerika zu folgen.</p>
<p>Kann man in eine Familie wieder einsteigen, nachdem man für Jahre aus ihr ausgestiegen ist? Avi kümmert sich in Berlin über ein Jahrzehnt lang allein rührend um seine Tochter, und auch die mütterlichen Großeltern, die in Chicago leben, wachen über die Kindheit ihrer Enkelin und holen Margarita jeden Sommer in den Ferien zu sich. Doch inzwischen ist Margarita fünfzehn und langweilt sich in Chicago – bis ihre Großmutter ihr den Vorschlag macht, ihre Mutter Marsha in Israel zu besuchen, die als Linguistin Karriere gemacht hat und für einige Monate an die Hebrew Universität in Jerusalem eingeladen worden ist.</p>
<p>Damit beginnt der ebenso dramatische wie problematische Versuch, eine einst auseinandergefallene Familie wiederzubeleben, von dem dieser wunderbare Roman Dana Vowinckels erzählt. Für einige Wochen reisen die drei Hauptbeteiligten unentwegt zwischen verschiedenen Schauplätzen in Deutschland, Israel und Amerika hin und her und vielleicht ist dieses ständige Unterwegssein das äußere Zeichen für die innere Unschlüssigkeit der Figuren.</p>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-2664" alt="Thumbnail_Vowinckel_5-Fragen" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2024/11/Thumbnail_Vowinckel_5-Fragen1-300x168.jpg" width="300" height="168" />Denn Dana Vowinckel macht es sich in ihrem Roman nicht so einfach, die traumschöne, aber letztlich doch unrealistische Geschichte einer schmerzarmen familiären Wiedervereinigung zu erzählen. Nichts wäre dramaturgisch gesehen leichter gewesen als das. Als Ausgangspunkt einer solchen Happy-End-Geschichte müsste die Autorin zeigen, wie fremd sich die Familienmitglieder in den Jahren der Trennung geworden sind. Dann käme die Phase der Wiederannäherung, in der die drei begreifen, wie sehr sie sich trotz allem brauchen und lieben – die schließlich in ein großes Verzeihen und Versöhnen mündet, gefolgt von einer zuckersüßen, sonnenüberstrahlten Zukunft für alle Beteiligten.</p>
<p>Was Dana Vowinckel stattdessen beschreibt, ist literarisch viel glaubwürdiger und überzeugender. Sie zeigt, in welches Chaos der Empfindungen Margarita und Avi durch Marshas Wunsch gestürzt werden, ihre Tochter nach dreizehn Jahren Abwesenheit besser kennenzulernen. Und auch Marsha selbst bleibt von diesen Turbulenzen nicht verschont. Es ist als wären die drei auf eine emotionale Achterbahn geraten, mit mühsamen Aufstiegen, rasenden Abstürzen, nervenaufreibenden Schleuderstrecken und wahren Loopings der Gefühle. Immerzu wechseln die Konstellationen, mal sind sich Avi und Marsha einig, dass die Tochter ihrer Mutter näherkommen sollte, dann wieder gehen die Eltern aufeinander los, weil Marsha mit Margaritas Freiheitsbedürfnissen nicht zurechtkommt und gelegentlich verbünden sich Mutter und Tochter gegen Avi, da dessen Verhalten seiner Tochter gegenüber allzu deutlich von Einsamkeitsängsten und allzu großer Nachgiebigkeit geprägt ist.</p>
<p>Erschwerend kommt die seelische Labilität einer Fünfzehnjährigen hinzu, die im Minutentakt schwankt zwischen Selbstverliebtheit und Selbsthass, zwischen Abenteuerlust und Ängstlichkeit, zwischen sentimentaler Elternanhänglichkeit und brutaler Elternmanipulation. Mit diesem Porträt einer Pubertierenden, die glaubt, ganz genau zu wissen, was sie will und zugleich nicht die geringste Ahnung von sich selbst hat, ist Dana Vowinckel etwas literarisch Herausragendes gelungen. Wie Margarita einerseits die Umwelt mit ihrer Unberechenbarkeit und Selbstbezogenheit psychisch terrorisiert, andererseits aber in Momenten der Selbsterkenntnis unter dem eigenen Terrorregime moralisch am meisten leidet, das ist hinreißend genau beobachtet und beschrieben.</p>
<p>Doch das ist noch längst nicht alles. Zu den besonderen Qualitäten dieses Romans gehört auch, wie liebevoll und detailgenau Dana Vowinckel das religiöse Weltbild von Avi nachzeichnet. Wie leicht wäre es gewesen, seine Frömmigkeit vom Standpunkt der eher säkular denkenden Tochter als eine Art versponnene, weltfremde Lebensweise zu beschreiben. Aber genau das macht Dana Vowinckel nicht. Sie lässt sich ganz und gar ein auf die tiefe Gläubigkeit eines Vorbeters, auf seine Sorgen um die zahllosen religiösen Regeln und um seine Gemeinde. Und sie wird auf diese Weise der Figur in ihrem ganzen jahrhundertealten Ernst erst wirklich gerecht.</p>
<div id="attachment_2665" class="wp-caption alignright" style="width: 650px"><img class="size-large wp-image-2665" alt="Preisübergabe in Berlin an Dana Vowinckel in New York. Stellvertretend nimmt Suhrkamp-Chef Jonathan Landgrebe (links) die Urkunde der Auszeichnung vom Leiter der Situng Ravensburger Verlag, Johannes Hauenstein (rechts) entgegen." src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2024/11/Preisverleihung_SRV_2024_Urkundenübergabe-Buchpreis-Familienroman_1045_515-1024x504.jpg" width="640" height="315" /><p class="wp-caption-text">Preisübergabe in Berlin an Dana Vowinckel in New York. Stellvertretend nimmt Suhrkamp-Chef Jonathan Landgrebe (links) die Urkunde der Auszeichnung vom Leiter der Situng Ravensburger Verlag, Johannes Hauenstein (rechts) entgegen.</p></div>
<p>Vor allem aber gelingt es diesem Roman, viel von der aktuellen politischen Situation der Juden in Deutschland und Israel einzufangen, sowohl die sehr konkrete Angst vor einem neuen handgreiflichen, mörderischen Antisemitismus in Deutschland wie auch die Spaltung der israelischen Gesellschaft zwischen Gegnern und Anhängern der Regierung Netanjahu. Das Buch wirkt, als sei es nach dem entsetzlichen Massaker vom 7.Oktober 2023 geschrieben, obwohl es schon Monate davor erschien. Doch zugleich sind in diesem so zeitgenössischen Roman literarische Muster einer langen Geschichte des Familienromans wiederzuerkennen, bis hin zu einem alles bedrohenden Familiengeheimnis – das sich dann allerdings als eine längst enthüllte und deshalb entschärfte Familienheimlichkeit entpuppt, von der sich Margarita in Identitätsprobleme gestürzt sah.</p>
<p>Bleibt noch über den Titel des Romans zu reden: „Gewässer im Ziplock“. Um ehrlich zu sein, ich hatte, bevor ich Dana Vowinckels Roman las, keine Ahnung, was ein Ziplock ist. Ich hatte schon oft einen dieser wiederverschließbaren Plastikbeutel mit Gleitverschluss benutzt, aber ihren gewissermaßen lautmalerischen Namen Ziplock kannte ich nicht. Was hat ein solcher Alltagsgegenstand im Titel eines solch dramatischen Familienromans zu suchen? Darf man ihn vielleicht als Anspielung auf das dünne, verletzliche Gewebe betrachten, das eine Familie zusammenhält und in dem Gewässer, von dem der Titel spricht, ein Bild sehen für die nur ihrem eigenen Willen gehorchenden, impulsiven, ständig in Bewegung befindlichen Familienmitglieder? Das ist natürlich nur eine Spekulation, eine persönliche Interpretation, aber so ist mir der Titel zur Metapher für die widerstrebenden Kräfte dessen geworden, was wir Familie nennen.</p>
<p>Ich möchte Dana Vowinckel im fernen New York gratulieren zu einem Roman, der politische Aktualität und literarische Tradition zwanglos zu verbinden versteht, der ungeheuer plastische, lebendige Porträts seiner Figuren zeichnet, und der hingebungsvoll dem Rätsel nachspürt, was Familie im Kern eigentlich ist, denn um nichts ringen Dana Vowinckels Figuren so hartnäckig und besessen, wie darum, sich als Familie zu begreifen. Und nicht zuletzt gratuliere ich Ihnen, liebe Dana Vowinckel, zum Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag. Herzlichen Glückwunsch.</p>
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		<title>Die Bücher-Bar / Eine Kolumne / Folge 12</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Nov 2021 10:43:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bücher-Bar / Eine Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Amanda Gorman]]></category>
		<category><![CDATA[Haruki Murakami]]></category>
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		<category><![CDATA[Michel Houellebecq]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Bernhard]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Büchersäufer stellt in dieser Kolumne Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat. Heute geht es um die Frage, auf welche Weise man als Schriftsteller oder Schriftstellerin richtig &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2568">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Der <em>Büchersäufer</em> stellt in dieser Kolumne Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat.</strong></h2>
<h2><strong>Heute geht es um die Frage, auf welche Weise man als Schriftsteller oder Schriftstellerin richtig gekleidet ist und wie die bedeutende Mode des Literaturbetriebs für die Nachwelt konserviert werden kann. </strong></h2>
<h1><b>Manche Dichter sind vielleicht nicht gut, aber dafür gut angezogen</b></h1>
<div id="attachment_2569" class="wp-caption alignleft" style="width: 238px"><img class="size-medium wp-image-2569" alt="Haruki Murakami: &quot;Murakami T. Gesammelten T-Shirts&quot;. Übersetzt von Ursula Gräfe. 192 Seiten, 108 Abbildungen. Verlag DuMont. 24 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/11/9783832181802-228x300.jpg" width="228" height="300" /><p class="wp-caption-text">Haruki Murakami: &#8220;Murakami T. Gesammelten T-Shirts&#8221;. Übersetzt von Ursula Gräfe. 192 Seiten, 108 Abbildungen. Verlag DuMont. 24 Euro</p></div>
<p>Wo sind eigentlich Goethes Socken geblieben? Er soll schon in jungen Jahren welche aus Seide getragen haben, schließlich war seine Familie schwerreich. Aber über ihren Verbleib ist nichts bekannt. Es fällt schwer, sich das einzugestehen, doch die bittere Wahrheit lautet: Ein Stück Goethe ist verloren gegangen.</p>
<p>Dabei war Goethe sehr zufrieden mit seinen Socken. Nur bei Sommerausflügen an den Rhein trug er darunter noch feine Ledergamaschen, damit sich die „entsetzlichen Rheinschnaken“ (Dichtung und Wahrheit) bei dem Versuch, Dichterblut abzuzapfen, den Rüssel ruinieren. Was uns sofort zur nächsten Frage führt: Wo sind eigentlich Goethes Gamaschen geblieben?</p>
<p>Natürlich ist es gut, wenn große Autoren solchen eminenten Problemen ihrer Nachwelt rechtzeitig vorbeugen. Deshalb hat der japanische Schriftsteller Haruki Murakami jetzt seinen Kleiderschrank geleert und eine sorgfältig illustierte und edierte historisch-kritische Gesamtausgabe seiner T-Shirts zusammengestellt: „Murakami T“ (DuMont, 24 Euro). Die Kuratoren künftiger Murakami-Museen sind nun bestens im Bilde, auf welche potentiellen Ausstellungsstücke sie konservatorisch zu achten haben.</p>
<p>Bekleidungsfragen wurden im Literaturbetrieb ja lange vernachlässigt. Aber damit hat die junge amerikanischen Dichterin Amanda Gorman nach ihrer Lesung für Präsident Joe Biden gründlich aufgeräumt und die Weltöffentlichkeit inzwischen wissen lassen, dass sie mit Prada und Estée Lauder zusammenarbeitet, um ihre Gedichte modisch jederzeit ins rechte Licht zu rücken.</p>
<p>Und nun kommen erregende Fashion-News auch von Michel Huellebecq, dem Vordenker des Clochard-Looks in der französischen Buchbranche. Huellebecq besuchte das Thomas-Bernhard-Haus im österreichischen Obernathal und probierte dort die Trachtenjacke des verblichenen Kollegen Thomas Bernhard an. Sie passte und gefiel ihm so gut, dass er sich seither häufiger in dem kostbaren Stück zeigt. Dem naheliegenden Verdacht, er habe sie geklaut, widersprach jetzt die Thomas-Bernhard-Gesellschaft in einer öffentlichen Erklärung: Huellebecq habe die Jacke nach der Anprobe „nicht mehr zurückgegeben“ und die Bernhard-Kuratoren hätten das „toleriert“.</p>
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<p>@font-face {font-family:&#8221;ＭＳ 明朝&#8221;; mso-font-charset:78; mso-generic-font-family:auto; mso-font-pitch:variable; mso-font-signature:1 134676480 16 0 131072 0;}@font-face {font-family:&#8221;Cambria Math&#8221;; panose-1:2 4 5 3 5 4 6 3 2 4; mso-font-charset:0; mso-generic-font-family:auto; mso-font-pitch:variable; mso-font-signature:-536870145 1107305727 0 0 415 0;}@font-face {font-family:Cambria; panose-1:2 4 5 3 5 4 6 3 2 4; mso-font-charset:0; mso-generic-font-family:auto; mso-font-pitch:variable; mso-font-signature:-536870145 1073743103 0 0 415 0;}p.MsoNormal, li.MsoNormal, div.MsoNormal {mso-style-unhide:no; mso-style-qformat:yes; mso-style-parent:&#8221;"; margin:0cm; margin-bottom:.0001pt; mso-pagination:widow-orphan; font-size:11.0pt; font-family:Helvetica; mso-fareast-font-family:&#8221;ＭＳ 明朝&#8221;; mso-bidi-font-family:Helvetica; letter-spacing:-.25pt; mso-font-kerning:11.0pt;}.MsoChpDefault {mso-style-type:export-only; mso-default-props:yes; font-size:11.0pt; mso-ansi-font-size:11.0pt; mso-bidi-font-size:11.0pt; font-family:Helvetica; mso-ascii-font-family:Helvetica; mso-fareast-font-family:&#8221;ＭＳ 明朝&#8221;; mso-hansi-font-family:Helvetica; mso-bidi-font-family:Helvetica; letter-spacing:-.25pt; mso-font-kerning:11.0pt;}div.WordSection1 {page:WordSection1;}</p>
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		<title>Die Bücher-Bar / Eine Kolumne / Folge 11</title>
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		<pubDate>Thu, 14 Oct 2021 13:24:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bücher-Bar / Eine Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Cecilia Kang]]></category>
		<category><![CDATA[Frances Haugen]]></category>
		<category><![CDATA[Mark Zuckerberg]]></category>
		<category><![CDATA[Sheera Frenkel]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Büchersäufer stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat. Heute geht es um Facebook. Ich habe schon vor Jahren meinen Account gelöscht und nachdem ich jetzt &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2557">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Der <em>Büchersäufer</em> stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat.</strong></h2>
<h2><strong>Heute geht es um Facebook. Ich habe schon vor Jahren meinen Account gelöscht und nachdem ich jetzt &#8220;Inside Facebook. Die hässliche Wahrheit&#8221; gelesen habe, weiß  endlich auch warum.</strong></h2>
<h1><b>Nachrichten über Nachrichtenhändler</b></h1>
<div id="attachment_2561" class="wp-caption alignright" style="width: 205px"><img class="size-medium wp-image-2561" alt="Sheera Frenkel und Cecilia Kang: &quot;Inside Facebook. Die Hässliche Wahrheit&quot;. Übersetzt von Henning Dedekind, Marlene Fleißig, Frank Lachmann und Hans-Peter Remmler. S.Fischer Verlag,  24 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/10/41Hsd+dWqJL-195x300.jpg" width="195" height="300" /><p class="wp-caption-text">Sheera Frenkel und Cecilia Kang: &#8220;Inside Facebook. Die Hässliche Wahrheit&#8221;. Übersetzt von Henning Dedekind, Marlene Fleißig, Frank Lachmann und Hans-Peter Remmler. S.Fischer Verlag, 24 Euro</p></div>
<p>Als Mark Zuckerberg noch nicht der weltbekannte Facebook-Boss Mark Zuckerberg war, sondern Student in Harvard, experimentierte er bereits mit einem sozialen Netzwerk für seine Mitstudenten. Schon bald prahlte er in einem Online-Chat mit einem Freund, er könne Informationen über fast jeden in Harvard beschaffen, er haben bereits „4000 E-Mails, Bilder, Adressen“. Auf die erstaunte Frage, wie er das geschafft habe, antwortete er: „Die Leute haben es eingegeben.“ Und nach einer Pause: „Ich weiß nicht, warum.“ Erneute Pause: „Sie ‚vertrauen mir’.“ Und dann: „Vollidioten“.</p>
<p>Es ist immer schön zu wissen, was ein Unternehmer von den Leuten hält, die ihn reich machen. Für jeden, der im Fall von Mark Zuckerberg mehr darüber erfahren möchte, ist das Buch von Sheera Frenkel und Cecilia Kang eine wahre Fundgrube: „Inside Facebook. Die hässliche Wahrheit“ (S.Fischer, 24 Euro).</p>
<p>Für Kenner der IT-Branche ist das alles vermutlich nicht neu. Viele dieser Nerds geben einem ja gern das Gefühl, sie wüssten alles, was es zu wissen gibt, stehen dann aber mit offenen Schnürsenkeln vor einem, weil sie keinen Schimmer haben, wie sie die Dinger zukriegen sollen</p>
<p>Für mich war es jedenfalls lehrreich zu lesen, dass Facebook über die Möglichkeit verfügt, herauszufinden, was seine User tun, wenn sie auf anderen Websites unterwegs sind – und sich mit dieser Fähigkeit vor seinen Anzeigenkunden brüstet. Oder wie früh Zuckerbergs Sicherheitsteam wusste, dass russische Hacker per Facebook illegal Wahlkampf für Donald Trump machten. Und es nicht energisch zu verhindern, sondern vielmehr lange zu vertuschen versuchte. Oder dass Facebook-Posts zu der Hetzjagd auf Rohingyas in Myanmar beitrugen, die dann im Massenmord endete. Und dass die Erkundungsmission der UN zu dem Urteil kam, soziale Medien hätten eine „entscheidende Rolle“ bei diesem Genozid gespielt.</p>
<p>Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Seit der Aussage der Facebook Whistleblowerin Frances Haugen weiß man noch genauer, wie rücksichtslos Facebook seine Profitinteressen über die Stabilität von Demokratie und Gesellschaft stellt. Hier der Link zu einem <a href="https://www.spiegel.de/netzwelt/whistleblowerin-frances-haugen-facebook-will-dass-ihr-an-falsche-entscheidungen-glaubt-a-75a5ecf9-a395-4ee9-89da-53a26de5bd37">Spiegel-Video</a> dazu. Unter dem Stichwort Frances Haugen gibt es darüber hinaus jede Menge Informationen zum Thema.</p>
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		<title>Traditionsbuchhandlung in Not</title>
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		<pubDate>Thu, 27 Aug 2020 18:00:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Angelika Schleindl]]></category>
		<category><![CDATA[Buchhandlung Schutt]]></category>

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		<description><![CDATA[Das kulturelle Wohnzimmer von Frankfurt-Bornheim ist in Gefahr Trotz ungekündigtem Vertrag schickt der Vermieter dem Antiquariat eine Räumungsklage Die Buchhandlung &#8220;Schutt&#8221; von Angelika Schleindl in Frankfurt-Bornheim ist wirklich etwas besonderes. Ich kaufe meine Bücher seit vielen Jahren dort, gehe zu &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2484">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Das kulturelle Wohnzimmer von Frankfurt-Bornheim ist in Gefahr</strong></h1>
<h2><strong>Trotz ungekündigtem Vertrag schickt der Vermieter dem Antiquariat eine Räumungsklage</strong></h2>
<p><em>Die Buchhandlung &#8220;Schutt&#8221; von Angelika Schleindl in Frankfurt-Bornheim ist wirklich etwas besonderes. Ich kaufe meine Bücher seit vielen Jahren dort, gehe zu den Lesungen, genieße die Gastfreundschaft des Antiquariats. Ich weiß noch nicht, wie ich (oder: wie man) der Buchhandlung gegen die unmotivierte und meines Erachtens rechtswidrige Räumungsklage helfen kann. Aber ich möchte hier unbedingt auf den Hilferuf in Form eines Offenen Briefes der Buchhändlerin hinweisen. Hier ist ein Stück Frankfurter Kultur in Gefahr.</em></p>
<h2><strong>Traditionsbuchhandlung in Not!</strong></h2>
<p><strong>Seit über zwanzig Jahren führe ich mit meinem Team die Buchhandlung Schutt in Bornheim Mitte. Diese Traditionsbuchhandlung gehört zu Bornheim wie das Uhrtürmchen und sie ist auch fast so alt.</strong><br />
<strong> Der Vermieter der Buchhandlung hat mir eine Räumungsklage geschickt, die am 24. September vor dem Landgericht Frankfurt verhandelt wird.</strong></p>
<p><strong>Seitdem ich mich gegen die Zerschlagung der Buchhandlung und den Verlust des Arbeitsplatzes meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wehre, werde ich mit diversen Schikanen mürbe gemacht.</strong></p>
<p><strong>Die Absicht des Hausbesitzers ist es, die Buchhandlung auf den Verkaufsladen im Vorderhaus zu reduzieren &#8211;  wobei die Seele der Buchhandlung das Antiquariat im Hinterhof ist. Hier finden regelmäßig Lesungen, Schreibkurse, Chorproben, Diskussionen, Konzerte statt – hundert Quadratmeter Kultur in Bornheim &#8211; und nicht nur für die Menschen dieses Stadtteils. Ich habe diesen Raum für 100.000 Euro renovieren und restaurieren lassen und eine Küche, ein Bad, eine neue Heizung und neue Fenster einbauen lassen.</strong></p>
<p><strong>Das Antiquariat in der Arnsburger Straße ist ein ganz besonderer Ort. Es gibt keinen zweiten dieser Art in Frankfurt – er ist das kulturelle Wohnzimmer dieses Viertels. Hier gab es legendäre Veranstaltungen mit Robert Gernhardt, Eckard Henscheid, Wilhelm Genazino, Martin Mosebach, Michi Herl und Jan Seghers.  Er ist und war das Zuhause der Neuen Frankfurter Schule. Hier wurden Autoren bekannt gemacht und Buchpremieren gefeiert.</strong></p>
<p><strong>Ich habe einen gültigen Vertrag mit dem Besitzer und bin nicht Willens und auch nicht in der Lage, eine Mieterhöhung von fast 2.000 Euro zu bezahlen. Sollte die Buchhandlung auf den kleinen Verkaufsraum reduziert werden, ist sie nicht mehr lebensfähig und Bornheim verliert sein kulturelles Zentrum.</strong></p>
<p><strong>Gerade während des Shut downs haben wir eine Unterstützung unserer Kundinnen und Kunden erfahren, die uns überwältigt hat. Wir wurden mit Kaffee und Gebäck versorgt, es wurden Büchergutscheine gekauft wie sonst nur vor Weihnachten, wir haben Trinkgelder bekommen wie die Bedienungen in Edelrestaurants.</strong></p>
<p><strong>Kampflos werden wir die älteste Traditionsbuchhandlung der internationalen Messestadt Frankfurt nicht aufgeben!</strong></p>
<p><strong>Ich lade Sie gerne zu einem persönlichen Gespräch ein.</strong></p>
<p><strong>Buchhandlung Schutt</strong><br />
<strong> Angelika Schleindl </strong><br />
<strong> Arnsburger Straße 76</strong><br />
<strong> 60385 Frankfurt/Main</strong><br />
<strong> Tel. 069/435 173</strong><br />
<strong> handy: 0179/13 777 11</strong><br />
<strong> info@buchhandlung-schutt.de</strong><br />
&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Anna Seghers und John F. Kennedy II</title>
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		<pubDate>Fri, 25 May 2018 07:54:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Anna Seghers]]></category>
		<category><![CDATA[John F. Kennedy]]></category>

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		<description><![CDATA[Als John F. Kennedy mal Anhalter mitnahm Hatte der junge John F. Kennedy, lange bevor er Präsident wurde, einen Gastauftritt in Anna Seghers berühmtesten Roman &#8220;Das siebte Kreuz&#8221;? Diese Spekulation ist natürlich höchst gewagt, aber es gibt ein paar Indizien &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2385">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Als John F. Kennedy mal Anhalter mitnahm</strong></h1>
<h2><strong>Hatte der junge John F. Kennedy, lange bevor er Präsident wurde, einen Gastauftritt in Anna Seghers berühmtesten Roman &#8220;Das siebte Kreuz&#8221;? Diese Spekulation ist natürlich höchst gewagt, aber es gibt ein paar Indizien für sie.<br />
</strong></h2>
<h2><strong>Das großartige und klug gemachte Literaturfestival <a href="https://www.frankfurt-liest-ein-buch.de/2018/">&#8220;Frankfurt liest ein Buch&#8221;</a> war vom 16. bis 29. April des Roman von Anna Seghers gewidmet. Da ich <a href="https://buchhandlung-schutt.buchhandlung.de/shop/magazine/136924/rueckblick_auf_vergangene_lesungen.html">eine der vielen Veranstaltungen </a>zu dem Buch bestreiten durfte, habe ich den Roman wiedergelesen und dabei fiel mir eine ziemlich bemerkenswerte Szene auf, in der der Flüchtling Georg Heisler per Anhalten mitgenommen wurde. Weitere Recherchen machten die Sache immer interessanter. </strong></h2>
<h2><strong>In einem Artikel für die Frankfurter Rundschau vom 30. April 2018 (Seite F3) breite ich meine Indizien aus &#8211; und stelle ihn hier nun online. Meine Behauptung ist natürlich komplett unbeweisbar, aber vielleicht doch bemerkenswert genug, einmal vorgestellt zu werden. Kennedy besuchte Deutschland dreimal zwischen 1937 und 1945. Hinterließ er dabei Spuren in der deutschen Literatur?</strong></h2>
<div id="attachment_2387" class="wp-caption alignleft" style="width: 286px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/05/41864029z.jpg"><img class="size-full wp-image-2387" title="41864029z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/05/41864029z.jpg" alt="" width="276" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Anna Seghers: &quot;Das siebte Kreuz&quot;. Ein Roman aus Hitlerdeutschland. Aufbau Verlag. 20 Euro</p></div>
<p>Um die Entstehung von Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“ ranken sich Legenden. Ich möchte eine neue hinzufügen. Beweisbar ist meine nicht, aber fantasieanregend.</p>
<p>Anna Seghers hatte bereits 1933 vor den Nazis fliehen müssen. <a href="http://www.rotfuchs.net/rotfuchs-lesen/aus-der-entstehungsgeschichte-eines-grossen-seghers-romans.html">Doch auch Jahre später war sie, zeigt ihr Roman, noch immer exzellent orientiert über die Ereignisse und die soziale Atmosphäre in Deutschland.</a> Offenbar erreichte sie über <a href="https://hessen.vvn-bda.de/lore-wolf/">Exilorganisationen wie die „Rote Hilfe“ </a>einen steter Strom von Informationen über Gruppen, die das Hitler-Regime bekämpften. So erhielt sie vermutlich auch Nachricht von der Flucht von sieben Häftlingen aus dem KZ Sachsenhausen 1936. Sechs von ihnen wurden eingefangen und an Pfählen auf dem Appellplatz des KZs aufgehängt. Der Siebte aber entkam, sein Pfahl blieb leer und wurde so zum Hoffnungszeichen.</p>
<p>Doch wie detailliert waren die Berichte, die Anna Seghers zugetragen wurden? Schließlich lebt ein Roman wie ihrer nicht allein von der Handlungsidee – der dramatischen Flucht –, sondern ebenso von einer Unzahl möglichst überzeugender Kleinigkeiten, die diese Handlung glaubwürdig erscheinen lassen.</p>
<p>Fast in der Mitte ihres Buches hat Anna Seghers eine überraschende Szene eingebaut: Ihre Hauptfigur Georg Heisler wird von einem jungen Ausländer, der einen ausländischen Wagen fährt, per Anhalter mitgenommen. Der Fahrer kaut Kaugummi und spricht gebrochen Deutsch. Die Vermutung, er sei Amerikaner, liegt nahe.</p>
<p>Fabelhaft ist diese Episode schon deshalb, weil Anna Seghers hier den erzählerischen Mut hat, ihren Helden von einer moralisch unvorteilhaften Seite zu zeigen: Heisler erwägt kurz, den freundlichen Fahrer zu ermorden, um den „schönen Schlitten“ zu stehlen. Wie verfiel Anna Seghers auf diese Szene? Sie hatte die Handlung ihres Romans in den Oktober 1937 verlegt, und die Vorstellung von einem jungen Amerikaner, der in dieser Zeit mit einem großen amerikanischen Wagen durch Deutschland reist, liegt nicht eben nahe.</p>
<div id="attachment_2388" class="wp-caption alignright" style="width: 348px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/05/36835212z.jpg"><img class="size-full wp-image-2388" title="36835212z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/05/36835212z.jpg" alt="" width="338" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">John F. Kennedy: &quot;Unter Deutschen&quot;. Reisetagebücher und Briefe1937-1945 Herausgeber: Oliver Lubrich; Übersetzung: Tessari, Carina. 9,95 Euro</p></div>
<p>Vor fünf Jahren wurde allerdings das Reisetagebuch eines 20-jährigen Amerikaners veröffentlicht, der tatsächlich im 1937 mit seinem <a href="https://www.pinterest.co.kr/pin/534661787006226896/">Ford Deluxe Cabriolet </a>durch Europa tourte und am 21. August von Süden kommend über Frankfurt nach Köln fuhr, also die fiktive Fluchtroute Heislers berührte. Dieser Amerikaner gelangte später ins höchste politische Amt seines Landes und wird bis heute verehrt: Es war John F. Kennedy.</p>
<p><a href="https://www.g-geschichte.de/plus/kennedy-und-die-deutschen/">Er bereiste mit seinem Studienfreund Kirk LeMoyne Billings einen Sommer lang im eigenem Wagen den alten Kontinent. </a>Obwohl der junge Kennedy in Harvard Politik studierte, vertrat er erstaunliche politische Ansichten: „Komme zu dem Schluss, dass Faschismus das Richtige für Deutschland und Italien ist, Kommunismus für Russland und Demokratie für Amerika und England.“ Zudem schreibt er das Wort „Faschismus“ („Fascism“) in seinen Notizen konsequent falsch („Facism“).</p>
<p>Um mehr über Land und Leute zu erfahren, bestand Kennedy darauf, so Billings, „dass wir jeden deutschen Anhalter mitnahmen.“ Darunter sei auch ein Student gewesen, „der sehr gegen Hitler war. Wahrscheinlich ist er jetzt tot.“ In Anna Seghers Roman beginnt die entsprechende Szene mit der Bemerkung, der ausländische Wagenbesitzer habe förmlich Ausschau gehalten nach Anhaltern und „Georgs Wink geradezu erwartet.“</p>
<p>Natürlich kann die Vorstellung, der spätere Präsident Kennedy habe eine Art Gastauftritt im berühmtesten Roman von Anna Seghers, nicht mehr als eine Spekulation sein. Doch ausgeschlossen ist es nicht, dass ihr die unwahrscheinliche Begegnung zwischen einem deutschen Hitlergegner und zwei Amerikanern irgendwo bei Frankfurt bis ins Pariser Exil zugetragen wurde. Ein berührender Gedanke ist es allemal, dass es vielleicht ein Widerstandskämpfer war, der dem Politikstudenten Kennedy zu ein paar realistischen Einsichten über den Nationalsozialismus verhalf.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Buch&amp;Bar 109: Michael Behrendt &#8220;I Don&#8217;t Like Mondays&#8221;</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2211</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2211#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 19 Apr 2017 08:29:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch & Bar]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Behrendt]]></category>

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		<description><![CDATA[Verkannte Genies an der Gitarre Heute: Über Das Vergnügen an Missverständnissen bei Lesen und Trinken So ein Rocksong ist ja ganz allein und schutzlos auf der Welt, falls die Band, die ihn geschrieben hat, nicht tagtäglich auf ihn aufpasst. Und &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2211">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Verkannte Genies an der Gitarre</strong></h1>
<h2><strong>Heute: Über Das Vergnügen an Missverständnissen bei Lesen und Trinken</strong></h2>
<div id="attachment_2212" class="wp-caption alignright" style="width: 273px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/46922517z.jpg"><img class="size-full wp-image-2212" title="46922517z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/46922517z.jpg" alt="" width="263" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Michael Behrendt: &quot;I Don&#39;t Like Mondays&quot;.Die 66 größten Songmissverständnisse. Theiss Verlag. 19,95 Euro</p></div>
<p>So ein Rocksong ist ja ganz allein und schutzlos auf der Welt, falls die Band, die ihn geschrieben hat, nicht tagtäglich auf ihn aufpasst. Und dann passieren die schrecklichsten Dinge mit ihm. Er wird missverstanden, missdeutet, missbraucht, miss &#8230; sonstwas.</p>
<p>Über die 66 größten Songmissverständnisse hat der Journalist <strong>Michael Behrendt</strong> jetzt das Buch „<strong>I Don’t Like Mondays“</strong> geschrieben (Theiss, 19,95 Euro). Der Titel zum Beispiel zitiert einen Hit der Boomtown Rats, der gern als Nach-dem-Wochenende-Blues gedeutet wird, tatsächlich aber an ein kalifornisches Schulmassaker erinnert. Interessant ist auch, wie viele Leute beim Hören des Nena-Songs „99 Luftballons“ statt der Zeile „99 Kriegsminister, Streichholz und Benzinkanister“ glaubten, die Worte „99 Kriegsminister streichelten Benzinkanister“ zu verstehen. Die erstaunlichste Fantasie bewiesen jedoch die Reklame-Heinis, die mit Johnny Cashs Liebeslied „Ring Of Fire“ einen Werbespot für Hämorrhoiden-Salbe unterlegten.</p>
<p>Das unerschöpfliche Reservoir an Alkohol-Mischgetränken hält natürlich auch zu diesem Thema den richtigen Drink bereit. Der <strong>„Misunderstood Beer Cocktail“</strong> wird gemixt aus je 3 ml Mezcal und Tequila, je 2 ml Ginger-Sirup und Limettensaft, 1 ml Honig und Gurkenstreifen, aufgefüllt mit Lagerbier. Probiert habe ich ihn noch nicht. Klingt, als wäre er erfrischend. Ich werde ihn im Sommer testen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>2014 startete BUCH &amp; BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.</em></p>
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