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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Uwe Wittstock</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Offener Brief in Sachen Édition Grasset</title>
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		<pubDate>Mon, 11 May 2026 08:37:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;We will not submit future works to Éditions Grasset&#8221; 21 internationale Autoren, darunter die südkoreanische Literaturnobelpreisträgerin Han Kang, veröffentlichen einen Offenen Brief in Sachen des Verlags Édition Grasset. Nachdem der Verleger Olivier Nora von dem Eigentümer Vincent Bolloré entlassen wurde, erklärten &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2701">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div title="Page 1">
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<h1><strong>&#8220;We will not submit future works to Éditions Grasset&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>21 internationale Autoren, darunter die südkoreanische Literaturnobelpreisträgerin Han Kang, veröffentlichen einen Offenen Brief in Sachen des Verlags Édition Grasset. Nachdem der Verleger Olivier Nora von dem Eigentümer Vincent Bolloré entlassen wurde, erklärten fast 200 französischprachige Autorinnen und Autoren, künftig nicht mehr mit Édition Grasset zusammenarbeiten und die Rechte an ihren Büchern zurückfordern zu wollen. Dazu haben  jetzt 21 internationale Autoren, deren Bücher bislang in Übersetzung bei Èdition Grasset veröffentlicht worden den folgenden Offenen Brief unterschrieben.</strong></h2>
<p>As authors published on Éditions Grasset’s international list, we express our grave concern for the future of this house, its editorial integrity, and the teams who sustain it.</p>
<p>The dismissal of Olivier Nora for his editorial choices suggests that no editor at Grasset or within Hachette is now secure, that acquiring editors may be dismissed at any time without continuity or protection, and that the conditions of editorial independence have been fundamentally undermined.</p>
<p>We stand with Olivier Nora, with our editors and their teams, and with the authors who have already spoken out. We also stand with those authors who are contractually bound and cannot prevent their books from being published under these conditions.</p>
<p>It has been an honour to be translated into French and published by such a dedicated, world-class team. This makes the present situation all the more difficult, and the decisions we have taken all the more painful.</p>
<p>Many of us signed with Éditions Grasset before its acquisition by Vincent Bolloré. We refuse to see our work used to serve political ends we do not share.</p>
<p>The far right operates across borders; it must be resisted across borders. As matters stand, we will not submit future works to Éditions Grasset.</p>
<p>List of signatories:</p>
<p>Solvej Balle (Nordic Council Literature Prize), Adam Biles, Gabriela Cabezón Cámara (National Book Award), Thomas Chatterton Williams, Joshua Cohen (Pulitzer Prize for Fiction), Claudia Durastanti, Urszula Honek, Siri Ranva Hjelm Jacobsen, Han Kang (Nobel Prize in Literature), Andrew McMillan, Fernanda Melchor, Samanta Schweblin (National Book Award for Translated Literature), Ali Smith (Women’s Prize for Fiction), Bergþóra Snæbjörnsdóttir, Jón Kalman Stefánsson (Icelandic Literature Prize), Colm Tóibín (Folio Prize), Frank Trentmann, Diego Vecchio, Sandro Veronesi (Strega Prize), Katharina Volckmer, Uwe Wittstock (Prix littéraire de la Résistance)</p>
</div>
</div>
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		<title>Fünf Fragen von &#8220;De Standaard&#8221; über &#8220;Mein Leben in Büchern</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Apr 2026 14:12:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Schwierige Fragen Die Zeitung &#8220;De Standaard&#8221; in Brüssel hat schon länger die Rubrik &#8220;Mein Leben in Büchern&#8221;. Darin stellt sie Autoren individuell zugeschnittene ungewöhnliche Fragen. Mir unter anderem die Fragen &#8220;Das Buch, das ich nach meinem Tod verschenke&#8221; und &#8220;Das &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2695">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Schwierige Fragen</strong></h1>
<h2><strong>Die Zeitung &#8220;De Standaard&#8221; in Brüssel hat schon länger die Rubrik &#8220;Mein Leben in Büchern&#8221;. Darin stellt sie Autoren individuell zugeschnittene ungewöhnliche Fragen. Mir unter anderem die Fragen &#8220;Das Buch, das ich nach meinem Tod verschenke&#8221; und &#8220;Das Buch, das ich brauche, um nach Hause zu kommen&#8221;. Ich musste länger nachdenken, bis ich einigermaßen tragfähige Antworten hingekriegt habe. Jetzt sind sie erschienen. Die Zeitung war so freundlich, mir einen Beleg zuzuschicken. Ich freue mich sehr. Leider kann ich ihn nicht lesen, denn leider kann ich nicht Flämisch. Hier Fragen und Antworten in Deutsch:</strong></h2>
<h2><em>Mein Leben in Büchern</em></h2>
<div id="attachment_2697" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-2697" alt="Literaturbeilage von &quot;De Standaard&quot; vom 11. März 2026" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2026/04/IMG_2917-e1776434845788-225x300.jpg" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Literaturbeilage von &#8220;De Standaard&#8221; vom 11. März 2026</p></div>
<p><b>Das Buch, das ich brauche, um nach Hause zu kommen</b></p>
<p>„Das Kursbuch“. Das ist ein altmodischer Name für den Fahrplan der Deutschen Bahn. Das Kursbuch habe ich jahrelang gebraucht, um zu erfahren, wie und wann ich nach Hause komme. Als Journalist habe ich in vielen verschiedenen Städten gearbeitet, in Berlin, München, Paris. Doch die Familie hat immer in Frankfurt gelebt. Also musste ich pendeln und habe eine Menge Zeit in Zügen verbracht. Pro Jahr oft 40.000 Kilometer, einmal um die Welt. Gelernt habe ich dabei: Züge sind großartige Orte fürs Lesen. Lesen in Zügen beruhigt den Fahrgast ungemein. Sogar bei Verspätungen (ich schreibe hier schließlich über die Deutsche Bahn). Ich glaube, die Bücher, die ich auf meinen Fahrten von und nach Frankfurt gelesen habe, könnten mehrere Regale füllen. Und die Bücher, die ich in Zügen liegen ließ, weil ich sie nicht mochte, zumindest eins.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Das Buch, das ich nach meinem Tod verschenke</b></p>
<p>„How not to die“ von Michael Greger. Das ist ein Superbuch für alle, die nicht gern sterben. Ich gebe es frühestens nach meinem Tod aus der Hand. Michael Greger ist Arzt. Er erklärt die 15 beliebtesten Todesursachen, wie zum Beispiel Herzerkrankungen, Krebs, Diabetes, Bluthochdruck, und gibt dann Ratschläge, wie man sie vermeidet. Zumindest für eine Weile. Außerdem empfiehlt Greger lebensverlängernde Nahrungsmittel. Er schreibt viel über Gemüse und solche Sachen. Greger ist Vegetarier. Ich bin es nicht. Das ist für mich die andere Seite dieses formidablen Buches: Es beweist mir am Beispiel meiner eigenen Person, dass ein Autor selbst mit den besten Argumenten nicht alle Leser überzeugen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Das Buch, das ich wiederlese</b></p>
<p><b>„</b>Madame Bovary“ von Gustave Flaubert. Viele Schriftsteller haben ein Buch, von dem sie wie besessen sind. Ich auch. Ich habe Flauberts Roman über die unglückliche Ehe der Emma Bovary wohl ein dutzend Mal gelesen. Ich vermute, dass sich hinter meiner Leidenschaft für dieses Buch auf verquere Weise der Wunsch verbirgt, irgendwann einmal einen Roman über eine glückliche Ehe zu schreiben. Das ist ein ziemlich waghalsiges Projekt, denn das kleine Einmaleins des Schriftstellerhandwerks besagt, dass eine glückliche Liebe nur für die Liebenden interessant ist und für die Leser sterbenslangweilig. Also sollte ich mir die Arbeit wohl besser sparen. Aber vielleicht lese ich Flauberts „Bovary“ auch deshalb immer wieder, weil ich jedes Mal heimlich hoffe, diesmal geht es gut aus, diesmal muss sich Emma nicht umbringen, diesmal kriegt sie die Kurve hin zum Glück.</p>
<p><b> </b></p>
<p><b>Das Buch, das ich momentan lese</b></p>
<div id="attachment_2698" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-2698" alt="Dirk von Petersdorff: &quot;Wir Kinder der Leichtigkeit&quot;. Unere Geschichte seit den Siebzigern&quot;. Verlag C.H.Beck" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2026/04/IMG_2915-e1776435004919-225x300.jpg" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Dirk von Petersdorff: &#8220;Wir Kinder der Leichtigkeit&#8221;. Unere Geschichte seit den Siebzigern&#8221;. Verlag C.H.Beck</p></div>
<p>„Wir Kinder der Leichtigkeit“ von Dirk von Petersdorff. Es ist ein schmales, saukluges Buch über meine Generation, die einen historischen Moment lang glauben durfte, die Geschichte könnte vielleicht doch ein gutes Ende nehmen. Wir sind aufgewachsen in den siebziger Jahren, in denen die Religionen und Ideologien ihre dominierende Bedeutung verloren und die Zukunft offen und unbelastet vor uns lag. Wir durften uns frei fühlen und gewöhnten uns daran, dass jeder sich seine Weltdeutung selbst zusammenbasteln konnte. Es gab keinen Zwang mehr, an irgendeine ‚große Erzählung‘ zu glauben. Es herrschte der Karneval der Lebensphilosophien. Nach der Implosion des Ostblocks 1989 war mir so leicht ums Herz wie den Helden von Petersdorffs Buch. In einer Literaturzeitschrift schrieb ich damals, möglicherweise bräche nun ein „augusteisches Zeitalter“ an, eine Epoche des Friedens und der Harmonie. Ja, ich gebe zu, das war naiv. Ich habe mich getäuscht. Was machen wir jetzt, wir Kinder der Leichtigkeit, nach dem Sturz in die Polykrise? Jetzt, wo die Zukunft noch immer offen vor uns liegt, so offen wie ein weit aufgesperrter, allesverschlingender Rachen?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>Der beste Lesetipp, den ich je bekommen habe</b></p>
<p>Ein Tipp von meinem Vater. Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt und hatte Grippe. Ich lag im Bett, mein Vater saß bei mir und ich jammerte: „Mir ist so langweilig“. Er antwortete: „Dann lies doch was“ und drückte mir Short Stories von Ernest Hemingway in die Hand. Ich begann zu lesen und las und las und habe bis heute nicht aufgehört.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Dankrede zum Literaturpreis der Französischen Résistance 2025</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Dec 2025 07:53:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Abendessen bei Fanny. Eine Dankrede Am 25. November 2025 wurde mein Buch &#8220;Marseille 1940&#8243; mit dem Literaturpreis der Französischen Résistance ausgezeichnet. Die Auszeichnung ging damit erstmals an einen deutschen Autor. Die Entscheidung traf eine zwölfköpfigen Jury aus Historikern unter dem Vorsitz &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2686">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Abendessen bei Fanny. Eine Dankrede</strong></h1>
<h2>Am 25. November 2025 wurde mein Buch<strong> &#8220;Marseille 1940&#8243;</strong> mit dem <strong>Literaturpreis der Französischen Résistance</strong> ausgezeichnet. Die Auszeichnung ging damit erstmals an einen deutschen Autor. Die Entscheidung traf eine zwölfköpfigen Jury aus Historikern unter dem Vorsitz des Generalkontrolleurs der französischen Streitkräfte <strong>Serge Barcellini</strong>. Die französische Ausgabe &#8220;Marseille 1940. Quand la littérature s’évade&#8221; ist 2025 in Lizenz bei <strong>Grasset</strong> (übersetzt ins Französische von <strong>Olivier Mannoni</strong>) erschienen. Die Verleihung fand in Paris im Palais du Luxembourg statt.</h2>
<div id="attachment_2690" class="wp-caption alignleft" style="width: 215px"><img class="size-medium wp-image-2690" alt="Uwe Wittstock: Marseille 1940: Quand la littérature s'évade. Grasset, 28 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/12/81uaby1kxbL._AC_UL320_-205x300.jpg" width="205" height="300" /><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock: Marseille 1940: Quand la littérature s&#8217;évade. Grasset, 28 Euro</p></div>
<h2>Ich war am Tag der Verleihung offengestanden ziemlich nervös, das<strong> Palais du Luxembourg</strong> ist das Gebäude des französischen Senats, das Publikum bestand aus lauter Senatorinnen, Generälen und Präsidenten namhafter französischen Institutionen. Mein größtes Handicap war, dass ich nicht Französisch spreche. Ich habe mich mit Englisch beholfen und auch meine Dankrede in Englisch gehalten. In meinen Augen war die Verleihung vor allem ein fabelhaftes Signal für die französisch-deutsche Aussöhnung, schließlich waren es Deutsche, gegen die die Résistance im Zweiten Weltkrieg kämpfte.</h2>
<h2>Der Literaturpreis der Résistance wurde 1961 vom <strong>Comité d’action de la Résistance (CAR)</strong> ins Leben gerufen. Er soll ein Werk für seine literarischen und historischen Qualitäten über den Widerstand, das freie Frankreich oder die Deportationen auszeichnen. <strong>Le Souvenir Français</strong>, Nachfolger des CAR, führt diesen Literaturpreis seit 2016 fort. Im Jahr 2023 wurde der <strong>Ordre de la Libération</strong> Partner des Preises, der nun <strong>Prix littéraire de la Résistance CAR – Souvenir Français – Ordre de la Libération</strong> heißt.</h2>
<p>Hier nun meine kleine Dankrede:</p>
<p>Ich möchte zunächst den Organisatoren des Preises und Jury danken für ihre Entscheidung, die mich im ersten Moment sprachlos gemacht hat und dem wundervollen Palais du Luxembourg für die Möglichkeit, den Preis hier in Empfang zu nehmen. Als Deutscher den Literaturpreis der französischen Widerstandskämpfer zu erhalten, ist eine einschüchternde Ehrung. Ich nehme den Preis mit größtem Respekt entgegen vor allen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg Widerstand gegen Hitler leisteten. Bitte erlauben Sie mir, kurz von einem Franzosen zu erzählen, den ich kennenlernte und der für mich zu diesen Helden gehört.</p>
<p>Mein Vater war Psychiater. In den sechziger Jahren schrieb er Gutachten für jüdische Überlebende des Holocaust, damit sie beim deutschen Staat eine Rente beantragen konnten. Eine Frau, über die mein Vater ein Gutachten schrieb, hieß Fanny. Sie lebte in Südfrankreich, in einer kleinen Stadt direkt am Meer. Da unsere Familie nach Südfrankreich in Urlaub fahren wollten, lud sie uns ein, sie zu besuchen, um bei ihr einen Kaffee zu trinken. Als wir eintrafen, blieb es natürlich nicht bei einem Kaffee, Fanny lud uns zu einem großen Abendessen ein, zusammen mit ihrem Ehemann Albert.</p>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-2687" alt="2025-904-033-PL" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/12/2025-904-033-PL-1024x682.jpg" width="640" height="426" />Es war ein wunderschöner, warmer Sommerabend. Fanny und Albert wohnten in einem kleinen Haus mit herrlichem Garten. Dort saßen wir, als Fanny ihre Lebensgeschichte erzählte. Sie war als junge Frau aus Deutschland nach Südfrankreich geflohen. Dort verliebte sie sich in Albert, einen französischen Automechaniker, ebenso jung wie sie. Als die deutsche Armee im November 1942 Südfrankreich besetzte, versteckte Albert sie in den Weinbergen. Nur er allein wusste, wo sie war, nur er brachte ihr Essen.</p>
<p>Alles ging gut, bis Albert von den Deutschen den Befehl bekam, als Zwangsarbeiter nach Deutschland zu gehen. Er konnte dem Befehl unmöglich folgen: Wer würde für Fanny versorgen, wenn er nach Deutschland verschleppt würde? Niemand außer ihm durfte wissen, wo sich Fanny versteckte. Also ging er in seine Werkstatt, zündete seinen Schneidbrenner an und verbrannte sich damit die Füße. Er musste ins Krankenhaus, aber als Verletzter durfte er in Frankreich bleiben und konnte Fanny weiterhin das Essen bringen, humpelnd.</p>
<p>Es war eine wunderbar warme Nacht, als Fanny das erzählte. Albert, ihr Mann, saß neben ihr. Er trug Sandalen, die Narben auf seinen Füßen waren gut zu erkennen. Ich habe sie gesehen und Albert bewundert.</p>
<p>Vielleicht darf ich den Preis, den man meinem Buch heute zugedacht hat, diesem Paar widmen: Fanny und Albert, die in einer Zeit großer Grausamkeit unbeirrt an ihrer Liebe festhielten.</p>
<p>Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit und die besondere Ehre, die dieser Preis bedeutet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dear Madams and Sirs</p>
<p>First of all, I would like to thank the organisers of the prize and the jury for their decision, which left me speechless at first, and the wonderful Palais du Luxembourg for the opportunity to receive the prize here. As a German, receiving the French Resistance fighters&#8217; literary prize is an intimidating honour. I accept this prize with the utmost respect for all those who resisted Hitler during the Second World War. Please allow me to briefly tell you about a Frenchman I met who, for me, is one of these heroes.</p>
<p>My father was a psychiatrist. In the 1960s, he wrote reports for Jewish survivors of the Holocaust so that they could apply for a pension from the German state. One woman my father wrote a report about was called Fanny. She lived in the south of France, in a small town right by the sea. Since our family wanted to go on holiday to the south of France, she invited us to visit her for a coffee. When we arrived, it didn&#8217;t stop at coffee, of course. Fanny invited us to a big dinner with her husband Albert.</p>
<p><img class="alignleft size-large wp-image-2688" alt="20251125_174414" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/12/20251125_174414-e1766084382760-768x1024.jpg" width="640" height="853" />It was a beautiful, warm summer evening. Fanny and Albert lived in a small house with a lovely garden. We sat there as Fanny told us her life story. As a young woman, she had fled from Germany to the south of France. There she fell in love with Albert, a French car mechanic who was the same age as her. When the German army occupied the south of France in November 1942, Albert hid her in the vineyards. Only he knew where she was, and only he brought her food.</p>
<p>Everything went well until Albert received orders from the Germans to go to Germany as a forced labourer. It was impossible for him to obey the order: who would take care of Fanny if he was deported to Germany? No one but him was allowed to know where Fanny was hiding. So he went to his workshop, lit his cutting torch and burned his feet with it. He had to go to hospital, but as an injured person he was allowed to stay in France and could continue to bring Fanny food, limping.</p>
<p>It was a wonderfully warm night when Fanny told us this story. Albert, her husband, sat next to her. He wore sandals, and the scars on his feet were clearly visible. I saw them and admired Albert.</p>
<p>Perhaps I may dedicate the prize awarded to my book today to this couple: Fanny and Albert, who remained steadfast in their love during a time of great cruelty.</p>
<p>Thank you for your attention and for the special honour that this prize represents.</p>
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		<title>Lobrede auf &#8220;Für immer seh ich dich wieder&#8221; von Yannic Han Biao Federer</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Dec 2025 15:08:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Yannic Han Biao Federer]]></category>

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		<description><![CDATA[Von der Notwendigkeit des Erzählens oder: Kinder sollten nicht sterben Am 24. November 2025 erhielt der Dramatiker und Romanautor Yannic Han Biao Federer in Berlin den mit 15.000 Euro dotierten Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag. Ich durfte an dem &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2681">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Von der Notwendigkeit des Erzählens</strong></h1>
<h1><strong>oder: Kinder sollten nicht sterben</strong></h1>
<h2>Am 24. November 2025 erhielt der Dramatiker und Romanautor Yannic Han Biao Federer in Berlin den mit 15.000 Euro dotierten Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag. Ich durfte an dem Abend die Laudatio auf Federers ebenso bewegendes wie literarisch anspruchsvolles Buch halten. Ich dokumentiere sie hier.</h2>
<p>Sehr geehrte Damen und Herren,</p>
<p>sehr geehrter Yannic Han Biao Federer,</p>
<p>sehr geehrte Charlotte Loesch,</p>
<p>heute ist ein schöner Abend mit schönen Aufgaben, denn wichtige Leistungen sollen verdientermaßen mit Preisen ausgezeichnet werden. Zudem wird der Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag heute zum 15. Mal vergeben und die Stiftung Ravensburger wird 25 Jahre alt. Lauter Anlässe um zu feiern und froh zu sein. Doch die Laudatio, die ich hier zu halten habe, kann sich nicht so einfach in die frohe Atmosphäre einfügen, denn das Buch, dass ich nach Kräften loben und preisen möchte, ist ein trauriges Buch, ein todtrauriges.</p>
<p>„Für immer seh ich dich wieder“ erzählt von dem Tod eines Kindes. Und Kinder sollten nicht sterben. Gustav stirbt während der Schwangerschaft an einer unvorhersehbaren Komplikation. Zunächst ist alles gut verlaufen, die jungen Eltern freuen sich zärtlich auf ihren Sohn, alle Vorsorgeuntersuchungen werden absolviert und geben keinen Anlass zur Beunruhigung. Doch plötzlich, eines nachts, hat die Mutter Schmerzen, die Eltern fahren voller Sorge ins Krankenhaus, aber die Ärztinnen und Ärzte können nur noch den Tod des ungeborenen Kindes feststellen und müssen froh sein, dass es ihnen gelingt, das Leben der Mutter zu retten.</p>
<p>Als ich das Buch zum ersten Mal las, im Frühjahr, kam ich neun Seiten weit, dann wurde mir die Kehle eng, die Augen wurden feucht und ich brauchte eine Pause. Wie oft es mir beim Weiterlesen erneut so ging, wieder und wieder, habe ich nicht gezählt.</p>
<p>Als ich das Buch dann zum zweiten Mal las, vor ein paar Wochen, nachdem die Entscheidung zur Preisvergabe gefallen war und ich an dieser kleinen Rede hier arbeitete, glaubte ich, besser vorbereitet zu sein auf die Katastrophe, von der hier erzählt wird. Doch ich kam kaum eine Seite weiter als bei der ersten Lektüre, dann kämpfte ich wieder mit den Tränen und musste das Buch für einen Moment zur Seite legen, um durchzuatmen. Kinder sollten nicht sterben.</p>
<div id="attachment_2682" class="wp-caption alignleft" style="width: 210px"><img class="size-full wp-image-2682" alt="Yannic Han Biao Federer: &quot;Für immer seh ich dich wieder&quot;. Suhrkamp Nova. 185 Seiten, 20 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/12/51kV+-89cIL._AC_UY327_QL65_.jpg" width="200" height="327" /><p class="wp-caption-text">Yannic Han Biao Federer: &#8220;Für immer seh ich dich wieder&#8221;. Suhrkamp Nova. 185 Seiten, 20 Euro</p></div>
<p>Die Eltern erfahren in der Tragödie, die sie durchleben, viel Zuwendung, Mitgefühl, Anteilnahme von anderen Menschen. Federer beschreibt die Begegnungen im Krankenhaus als durchweg positiv, und schon das ist ein bemerkenswerter Zug seines Buches. Nie gestattet er sich die Vermutung, irgendein Dritter könnte die Schuld haben an diesem entsetzlichen Unglück. Das macht den Tod des kleinen Gustav vielleicht noch ein wenig erschütternder. Gustav stirbt an einer höchst seltenen, statistisch kaum noch erfassbaren Konstellation, gegen die auch die beste Medizin machtlos ist. Gustavs Tod ist schicksalhaft.</p>
<p>„Ruf alle an“, sagt Gustavs Mutter Charlotte, bevor sie in den OP gerollt wird, wo man versucht, ihr Leben zu retten. Und der völlig verstörte Vater steht vor dem OP, nimmt sein Telefon zur Hand und ruft ohne groß nachzudenken Charlottes Schwester an, dann Charlottes Mutter, dann eine zweite Schwester Charlottes, dann seine eigene Mutter, dann Charlottes Vater. Kurz gesagt, er informiert die Familie. Das ist im Buch so natürlich und naheliegend, dass man es als Leser ganz fraglos hinnimmt. Wem sonst sollten die ersten Anrufe gelten, als den Menschen, denen das Schicksal von Gustav und seiner Mutter fast ebenso nahe geht, wie Gustavs Vater selbst? Die Familie erweist sich angesichts der Katastrophe als Schicksalsgemeinschaft.</p>
<p>In Deutschland ist der Begriff Schicksalsgemeinschaft politisch belastet. Wer ihn in öffentlichen Zusammenhängen benutzt, muss mit Skepsis und Kritik rechnen. Zurecht. Doch in familiären Zusammenhängen ist das, wie Federers Buch zeigt, anders. Der Schicksalsschlag, der die jungen Eltern hier ereilt, betrifft die anderen in ihrer Familie ganz direkt und persönlich mit. Hier ist es mit den eben genannten Worten wie Zuwendung, Mitgefühl, Anteilnahme nicht getan. Ludwig Wittgenstein, der Philosoph, meinte einmal: „Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen“. Durch Gustavs Tod werden nicht nur seine Eltern in ein, wie Federer schreibt, „neues seltsames Leben“ versetzt, sondern in einem gewissen Maße die ganze Familie. Sie alle zusammen werden herausgerissen aus ihrer gewohnten Welt und abrupt versetzt in eine Welt des Schmerzes und der Trauer.</p>
<p>Federer zeigt in seinem Buch welche Wirkungen ein solcher Schicksalsschlag auf die Schicksalsgemeinschaft Familie hat. Und bei dieser Familie handelt es sich durchaus nicht um eine homogene Gruppe von Menschen. Es sind Personen ganz unterschiedlicher Überzeugungen, Lebensweisen und Weltgegenden. Diese Vielfalt ist ein Signum unserer Gegenwart und Federer fängt das ganz selbstverständlich mit ein in seinem Buch. Der Vater des kleinen Gustav ist längst aus der Kirche ausgetreten, Gustavs Mutter dagegen ist Protestantin mit einem engen Verhältnis zu ihrer Kirche, beide leben in Deutschland. Gustavs Großvater aber ist Chinese und lebt in Indonesien, andere Angehörige in Australien. Doch als in Deutschland die Trauerfeier für Gustav stattfindet und er beerdigt wird, geht sein Großvater zeitgleich nach chinesischem Trauerritus mit weißem Hemd und rasierten Haaren in den Tempel, bringt Opfer und hebt betend Räucherstäbchen vor die Stirn. Selbst über zehntausende von Kilometern und mehrere Zeitzonen hinweg rückt die Familie zusammen.</p>
<p>Es sind nicht zuletzt die kleinen Gesten der Fürsorge und Vertrautheit zwischen den Familienmitgliedern, die Federers Buch so berührend machen. Der Großvater in Indonesien kennt seinen Sohn in Deutschland gut genug, um zu wissen, dass er über seiner Trauer sich selbst und das eigene Befinden aus den Augen verlieren wird und mahnt ihn deshalb per Mail: „Bitte vergiss nicht zu essen. Ihr müsst essen.“ Und als ihm Federer in der Nacht nach der Beerdigung per Mail von der Zeremonie berichtet und Foto um Foto schickt, schreibt er ihm schließlich: „Geh doch bitte ins Bett jetzt…Ruh dich aus, gute Nacht.“</p>
<p>Da Yannid Han Biao Federer heute Abend der Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger überreicht wird, liegt es nahe, die Aspekte seines Buches hervorzuheben, die von Familie sprechen. Doch darin erschöpft sich sein Buch nicht. Es wäre hier auch von der Sprache Federers zu reden, von seinen langen, kunstvoll rhythmisierten Sätzen, die einen dramatischen, stakkatohaften Ton annehmen, wenn sich die beschriebenen Ereignisse gefahrvoll überstürzen, die aber auch einen gedankenvollen, ruhig schwingenden Klang haben können, wenn es um die grüblerischen oder andachtsvollen Momente der beteiligten Personen geht. Natürlich hat das Buch einen autobiografischen Hintergrund, daraus macht Federer an keiner Stelle ein Geheimnis. Aber es ist kein Erlebnisbericht, sondern ein genau durchgearbeitetes, mit artistischem Verstand geformtes Stück Literatur. Es gibt kalkuliert eingesetzte Leitmotive wie die wiederholten Begegnungen von Gustavs Eltern mit anderen Menschen, die ebenfalls Kinder verloren haben. Oder die Emojis, die in großer Zahl die digitalen Konversationen der kummervollen Eltern mit ihren Freunden begleiten, als Zeichen sowohl der sprachlosen Hilflosigkeit angesichts der Katastrophe als auch als ein sehr aktueller, heutiger Ausdruck der tiefen emotionalen Beteiligung.</p>
<p>Häufig ist in den letzten Jahren von autofiktionaler Literatur die Rede, wenn es darum geht, dass eine Autorin oder ein Autor Erlebtes nicht einfach aufschreibt, sondern es mit bewusst eingesetzten dramaturgischen und sprachlichen Mitteln strukturiert und in Literatur verwandelt. Gegen diesen Begriff und diese Arbeitsweise ist nichts einzuwenden, wenn man darauf verzichtet zu behaupten, es sei literarisch betrachtet etwas Neues. Spätestens seit Goethes Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ gehört das autofiktionale Schreiben zum festen Repertoire der deutschen Literatur, auch wenn erst heute den Namen autofiktional dafür erfunden wurde.</p>
<p>Und in Federers Buch wird mit Bitterkeit eine der ältesten Fragen der Theologie und Philosophie gestellt, die Theodizee. Wie kann es sein, so wird seit Jahrhunderten gefragt, dass ein Gott, der als gut, barmherzig und allmächtig gilt, den Schmerz und das Unglück in der Welt zulässt. Wie kann ich, fragt Gustavs Vater „an einen Gott glauben…, der mir meinen Sohn nimmt, obwohl er ihm nichts getan hat, er gar keine Zeit hatte, irgendwem irgendetwas zu tun, irgendetwas falsch zu machen.“ Eine sehr berechtigte, untröstliche Frage. Kinder sollten nicht sterben.</p>
<p>Und Federer erzählt in seinem Buch nicht zuletzt davon, weshalb er erzählt, wie wichtig das Erzählen ist und welche Wirkung das Erzählen entfalten kann. Er notiert diese Gedanken in der Szene, in der Gustavs Vater nach dem Tod seines Kindes zum ersten Mal wieder die Kraft findet zu einer Lesung aus seinen Büchern. Es fühlt sich seltsam an für ihn, wieder auf einer Bühne zu sitzen und vorzulesen nach all dem Gefühlschaos, das er erlebt und noch lange nicht hinter sich gelassen hat. Aber er weiß und sagt das auch, dass der Schmerz „unförmig bleibt, zeit- und ortlos, immerzu drohend“, den Trauernden zu überwältigen und ihm jeden Halt zu rauben. Erst wenn er erzählt, immer wieder erzählt von seinem Unglück, beginnt das Durcheinander der Gefühle allmählich eine Form zu finden, eine erste noch vage Ordnung, die einen ersten kleinen Halt verspricht. „Wenn Menschen sagen“, erzählt Gustavs Vater auf der Bühne, „was sie erlebt haben, was sie gemeinsam erlebt, aber unterschiedlich erfahren haben, was sie dabei gedacht und gefühlt haben, beginnen sie, sich ihrer selbst zu versichern, ihrer Gedanken und Gefühle, ihres Menschseins, und sie versichern sich der Welt, die sie umgibt, der Realität – sie stiften Realität, gemeinsam, sie stiften Zusammenhang und Zusammenhalt, also Sinn.“</p>
<p>Yannic Han Biao Federers Buch “Für immer seh ich dich wieder“ ist der Versuch, einem fürchterlichen, sinnlosen, weil zufälligen Schicksalsschlag durch das Erzählen in einen Zusammenhang zu stellen, der den Zusammenhalt der Eltern und ihrer Familien beschwört und ihm so in all seiner Sinnlosigkeit dennoch einen Sinn abzutrotzen.</p>
<p>Lieber Yannic Han Biao Federer, ich gratuliere Ihnen zu ihrem wunderbaren Buch und zum Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag. Und Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.</p>
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		<title>Interview zu &#8220;Hitler übersetzen&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Apr 2025 17:16:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Verworren, brüchig, inkohärent Über die endlosen Schwierigkeiten, Adolf Hitlers Buch &#8220;Mein Kampf&#8221; ins Französische zu übersetzen. Eine Gespräch mit Olivier Mannoni, der acht Jehre lang an einer fast unlösbaren Aufgabe gearbeitet hat Olivier Mannoni ist ein herausragender Übersetzer, der deutsche &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2674">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Verworren, brüchig, inkohärent</strong></h1>
<h2><strong>Über die endlosen Schwierigkeiten, Adolf Hitlers Buch &#8220;Mein Kampf&#8221; ins Französische zu übersetzen. Eine Gespräch mit Olivier Mannoni, der acht Jehre lang an einer fast unlösbaren Aufgabe gearbeitet hat</strong></h2>
<h3>Olivier Mannoni ist ein herausragender Übersetzer, der deutsche Bücher ins Französische bringt. Er hat zahllose literarische Bücher, aber auch Sachbücher übersetzt. Vor allen Bücher von Historikern oder zu historischen Themen. Eins seiner großen Projekte war eine Übersetzung von Hitlers &#8220;Mein Kampf&#8221;. Über die Erfahrungen beim Übersetzen dieses so oft erwähnten, aber selten gelesenen und letztlich hundsmiserablen Buchs hat er dann selbst ein Buch geschrieben, das jetzt seinerseits ins Deutsche übersetzt wurde. Sein Fazit: »Hitler zu übersetzen, bedeutet auch, sich gegen seine zeitgenössischen Epigonen zu wappnen.« Ich habe mich mit ihm in Lyon über sein Buch unterhalten.</h3>
<p><b>Uwe Wittstock: Sie haben Hitlers „Mein Kampf“ ins Französische übersetzt. Wie lange haben Sie dafür gebraucht?</b></p>
<p>Olivier Manonni: Acht Jahre.</p>
<p><b>Warum so lange?</b></p>
<p>Das deutsche Buch hat achthundert eng bedruckte Seiten. Meine erste Übersetzung war nach zwei Jahren fertig, zählte 1200 Manuskriptseiten und wurde vom ersten Herausgeber sehr gelobt. Doch dann brachte der neue wissenschaftliche Herausgeber Florent Brayard einen unerwarteten, aber wichtigen Einwand vor. Normalerweise versucht man als Übersetzer einen Text so verständlich und flüssig wie möglich in die andere Sprache zu übertragen. Das hatte ich auch in diesem Fall getan. Doch Brayard war dagegen. Er wollte Hitlers Buch genauso im Französischen, wie Hitler es im Deutschen geschrieben hatte: voller syntaktischer Fehler, endloser Sätze, zwanghafter Wiederholungen. Nur so, sagte Brayard, könnte die Übersetzung den gleichen Eindruck vermitteln, den das Original beim Erscheinen 1925/26 auf den deutschen Leser hatte. Das leuchtete mir ein und ich habe noch einmal sechs Jahre gebraucht, um Hitlers miserables Deutsch in ein ebenso miserables Französisch zu bringen.</p>
<p><b>Was war für Sie das größte Problem bei der Arbeit?</b></p>
<div id="attachment_2675" class="wp-caption alignleft" style="width: 146px"><img class="size-full wp-image-2675" alt="Olivier Mannoni: &quot;Hitler übersetzen. Über die Sprache des Faschismus und ihre unheilvolle Wirkmacht&quot;. HarperCollins, 19,99 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/04/81Ibx7ZZYfL._AC_UY218_.jpg" width="136" height="218" /><p class="wp-caption-text">Olivier Mannoni: &#8220;Hitler übersetzen. Über die Sprache des Faschismus und ihre unheilvolle Wirkmacht&#8221;. Übersetzung: Nicola Denis. HarperCollins, 19,99 Euro</p></div>
<p>Viele der Originalsätze Hitlers sind verworren, brüchig, inkohärent. Das ist eine riesige Herausforderung. Es ist ungeheuer schwer, unverständliche Sätze so genau wie möglich in einer anderen Sprache nachzubilden. Daneben gibt es in dem Buch auch klare Formulierungen, zumeist wenn es um das geht, was Hitler heftig ablehnt, die Juden zum Beispiel. Sie spielen die Rolle des Feindes, daran lässt er keinen Zweifel. Manchmal übernehmen diese Rolle auch die Franzosen oder die Intellektuellen. Hitlers Sprache ist wie ein Morast, mir fällt kein besseres Wort ein, ein Morast, in dem man keinen richtigen Halt findet. Die einzigen klaren Haltepunkte sind die Stellen, in denen er vom Hass auf seine Feinde spricht.</p>
<p><b>Der erste Teil von „Mein Kampf“ ist eine Art Autobiografie: Hitler beschreibt seinen Werdegang zum Politiker und mischt unter die Fakten lauter Unwahrheiten und Verfälschungen. Ist es nicht eine Geschichtsklitterung, das heute wieder zu veröffentlichen?</b></p>
<p>Ich habe den Auftrag zur Übersetzung nur übernommen, weil ich wusste, dass der übersetzte Text zusammen mit den Kommentaren hervorragender Historiker gedruckt wird, die jede Lüge Hitlers analysieren und die Leser mit den historischen Wahrheiten konfrontieren. Zusammen ist das ein sehr großformatiger Band geworden, fast vier Kilo schwer, der 100 Euro kostet und den Titel „Historiciser le mal“ trägt, also „Das Böse historisieren“. Der Name Adolf Hitler kommt also nicht einmal auf dem Umschlag des Buches vor.</p>
<p><b>Es gibt kaum jemanden, der die Sprache eines Buchs so genau durchleuchtet, wie ein Übersetzer, der sie in einer anderen Sprache nachbilden muss. Welche Eigenheiten haben sie an Hitlers Sprache festgestellt? </b></p>
<p>Sie ist schwülstig, konfus, mit einer wackeligen Grammatik. Er benutzt entsetzlich viele Adverbien, was immer ein Zeichen für schlechten Stil ist. Er hat eine Neigung zu abgedroschenen und klischeehaften Bildern und Begriffen. Hinzu kommt seine auffällige Vorliebe, Adjektive wie „unbarmherzig“, „rücksichtslos“ oder „fanatisch“, die gewöhnlich immer in einem negativen Zusammenhang benutzt werden, mit einer scheinbar positiven Wertung zu versehen. Er hielt es für eine gute Sache, die Juden „unbarmherzig auszurotten“ oder betrachtete einen „fanatischen Nationalsozialisten“ als einen guten Mann. Außerdem stopft er seine Sätze voll mit Füllworten, die für die Aussage gar keine Funktion haben und des Satz schwerfällig, wenn nicht unverständlich machen.</p>
<p>Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?</p>
<p>Ich muss Sie warnen, die Sätze Hitlers sind wie Bandwürmer. Endlos.</p>
<p>Ich gehe das Risiko ein.</p>
<p>Im Kapitel 9 des zweiten Teils unterscheidet Hitler zwischen den drei Klassen der besten, mittleren und schlechtesten Menschen einer Gesellschaft: „Der Krieg hat nun in seinem viereinhalbjährigen blutigen Geschehen das innere Gleichgewicht dieser drei Klassen insofern gestört, als man – bei Anerkennung aller Opfer der Mitte – dennoch feststellen muss, dass er zu einer fast vollständigen Ausblutung des Extrems des besten Menschtums führte.“ Hier bleibt der Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten Satzteil unklar: Logisch müsste auf die anfängliche Behauptung, der Krieg habe das innere Gleichgewicht gestört, eine Art Beweisführung folgen. Stattdessen setzt Hitler ein „dennoch“ ein, das sich auf den Einschub „…bei Anerkennung…“ bezieht und so die Argumentation völlig zerfasern lässt.</p>
<p>Der Satz ist dunkel, fast unverständlich. Nietzsche hat mal gesagt, manche Autoren „trüben ihre Gewässer, damit sie tief scheinen“.</p>
<p>Hitlers Prosa ist tatsächlich trüb. Den gleichen Grad von Trübheit im Französischen zu erzeugen, war eine Aufgabe zum Haareausraufen.</p>
<p><b>Es ist eine alte Idee, man könne am Sprachstil eines Menschen, seinen Charakter erkennen. Schopenhauer nannte den Stil die Physiognomie des Autors. Welche Rückschlüsse erlaubt Hitlers Sprachstil auf die Persönlichkeit Hitlers?</b></p>
<p>Die konfuse Sprache lässt zunächst einmal auf ein konfuses Denken schließen. Aber das ist nicht alles. Hitler war ein Hassprediger. Immer wieder entlädt sich in „Mein Kampf“ ein unglaublicher Hass. Er geht wie eine Lawine auf den Leser nieder. Für Hitler war die Welt strikt in Freund und Feind geteilt. Es gab für ihn nur getreue Anhänger oder Feinde, die er hasste: Juden, Sozialisten, Kommunisten, Homosexuelle, Zigeuner und Arbeitsscheue, wie man damals sagte.</p>
<p>Wie kann es sein, dass ein Mensch, der eine so unklare, schwer verständliche Sprache spricht, politisch so erfolgreich war?</p>
<div id="attachment_2676" class="wp-caption alignleft" style="width: 163px"><img class="size-full wp-image-2676" alt="Olivier Mannoni: &quot;Traduire Hitler&quot;. Éditions Héloïse Ormesson. 15 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/04/510bvWNbyaL._AC_UY218_.jpg" width="153" height="218" /><p class="wp-caption-text">Olivier Mannoni: &#8220;Traduire Hitler&#8221;. Éditions Héloïse Ormesson. 15 Euro</p></div>
<p>Zumindest in seinem Hass war Hitler immer glasklar. Da hat er keinen Zweifel aufkommen lassen. Mit diesem Denken in simplen Kategorien von Freund und Feind hatte er tatsächlich große politische Breitenwirkung. Aber die ersten Reaktionen auf „Mein Kampf“ nach dem Erscheinen Mitte der zwanziger Jahre waren katastrophal. Sogar die Nazi-Zeitungen stellten entsetzt die Frage, ob denn ein Mann, der keine vernünftigen zwei Sätze schreiben könne, fähig sei, die Partei zu leiten. Das Buch hat sich zunächst ganz schlecht verkauft.</p>
<p>Ihre Übersetzung von „Mein Kampf“ ist nicht die erste. Schon 1934 wurde das Buch erstmals in Französische übertragen.</p>
<p>Ja, das war eine geglättete Fassung, die Hitlers Sprache viel klarer und einleuchtender erscheinen ließ, als sie es tatsächlich war. Absurderweise wurde diese Ausgabe von Adolf Hitler selbst verboten und zwar aus kommerziellen Gründen – er erhielt aus dem Verkauf in Frankreich keine Tantiemen. Aber auch aus politischen Gründen wollte er nicht, dass das</p>
<p>Buch in Frankreich erscheint.</p>
<p><b>Sie haben ein Buch geschrieben über Ihre Erfahrungen bei der Arbeit an „Mein Kampf“. Es ist jetzt in Deutschland erschienen …</b></p>
<p>… übersetzt von einer großartigen Kollegin, von Nicola Denis…</p>
<p><b>… und darin beschreiben Sie erstaunliche Parallelen zwischen der Sprache Hitlers und der heutiger Rechtspopulisten.</b></p>
<p>Da ist zunächst einmal die Neigung zur autobiografischen Lüge. Jordan Bardella, der Vorsitzende der rechtsextremen Partei Frankreichs „Rassemblement National“, hat im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht, in dem er behauptet, als Kind armer Eltern im Elend aufgewachsen zu sein. Journalisten haben jedoch recherchiert, dass ihm sein Vater bereits im Alter von 20 Jahren eine Wohnung und ein Auto schenkte und dass er als Student niemals für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste.</p>
<p><b>Donald Trump, ebenfalls ein Rechtspopulist, hat niemals behauptet, im Elend gelebt zu haben.</b></p>
<p>Richtig. Aber in seinem Leben gibt es so viele Unwahrheiten und Lügen, dass die amerikanischen Zeitungen aufgehört haben, sie zu zählen. Viel wichtiger sind jedoch zwei andere Punkte. Auch Trumps Sprache ist eine Sprache des Hasses. Er will mit seinen politischen Gegnern nicht zu einem Kompromiss kommen. Er will sie unterwerfen, oder besser noch vernichten. Und auch er denkt in den einfachen Kategorien von Freundschaft und Feindschaft. Er hat nur zwei große Themen: Unser Land ist kaputt, wir müssen es wieder groß machen. Und: Ich bin der Erlöser, der diese Aufgabe bewältigen kann. Mit solchen einfachen Formeln kann man offenbar Wahlkämpfe gewinnen.</p>
<p><b>Sie schreiben, auch für die Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“, also die Vorstellung, die deutsche beziehungsweise französische Bevölkerung solle gegen Muslime ausgetauscht werden, gäbe es bereits ein Vorbild in „Mein Kampf“?</b></p>
<p>Nicht unter diesem Namen, aber der Idee nach sehr wohl. Im 11. Kapitel des ersten Teils erläutert Hitler seine Vorstellungen zu „Volk und Rasse“. Darin behauptet er, die Deutschen würden förmlich von den Juden an den Rand geschoben und aus dem eigenen Land verdrängt. Die Juden besäßen alle großen Unternehmen und die wichtigsten Zeitungen. Diesen Einfluss würden sie nutzen, um allein die Juden zu fördern und die Nicht-Juden zu benachteiligen. Das höchste Ziel der Juden sei es zudem, junge deutsche Frauen zu verführen und zu schwängern, um so die deutsche „Rasse“ zu schänden und gewissermaßen genetisch auszulöschen. Auch in seinem rassistischen Wahn drohte also ein Großer Austausch.</p>
<p><b>Allerdings werden in der Verschwörungstheorie von heute die Migranten an die Stelle der Juden gerückt.</b></p>
<p>Unterschätzen Sie den Antisemitismus der Rechtspopulisten nicht! In Deutschland mag das bei der AfD noch nicht so deutlich sichtbar sein. Aber beim französischen „Front National“ war der Judenhass ein stark spürbares Element. Der Gründer der Bewegung, Jean-Marie le Pen, hat den Mord an den Juden in den Gaskammern hartnäckig als ein Detail der Geschichte abgetan – und ist dafür mehrfach verurteilt worden.</p>
<p><b>In den deutschen Debatten spielt heute nicht die Klimakrise, nicht die Kriegslust Putins oder die die Zerstörung der Demokratie durch die Sozialen Medien die Hauptrolle, sondern die Migration.</b></p>
<p>Ja, der Flüchtling ist zum Ahasver gemacht geworden, zum „Ewigen Juden“, zum Sündenbock, der angeblich an allem die Schuld trägt. Auch hier ist zu spüren, wie dieses toxische Buch „Mein Kampf“ bis heute Einfluss auf das Denken rechtsextremer Menschen nimmt. Diese Wirkung hat nie aufgehört, sie war einige Jahrzehnte lang nicht so deutlich zu bemerken, aber jetzt ist sie wieder da und hochgefährlich.</p>
<p>Olivier Mannoni: „Hitler übersetzen“. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Verlag HaperCollins. 19,99 Euro</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Statt eines Nachrufs auf den großen Germanisten Peter von Matt</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Apr 2025 06:01:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[F. Scott Fitzgerald]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich von Kleist]]></category>
		<category><![CDATA[Peter von Matt]]></category>
		<category><![CDATA[Virginia Woolf]]></category>

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		<description><![CDATA[Was wollen uns die Küsse sagen? Eine Eloge auf Peter von Matt, seinerzeit geschrieben zu seinem 80. Geburtstag &#8211; und jetzt als Nachruf aus vollem Herzen Peter von Matt lernte ich vor über dreißig Jahren auf einer germanistischen Tagung in &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2669">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1>Was wollen uns die Küsse sagen?</h1>
<h2>Eine Eloge auf Peter von Matt, seinerzeit geschrieben zu seinem 80. Geburtstag &#8211; und jetzt als Nachruf aus vollem Herzen</h2>
<p>Peter von Matt lernte ich vor über dreißig Jahren auf einer germanistischen Tagung in Bochum kennen. Damals war ich verblüffenderweise jünger als heute und wohl auch selbstgewisser. Ich arbeitete bei einer Zeitung, fühlte mich als Literaturkritiker, und meine Skepsis gegenüber der Literaturwissenschaft erreichte ihren Höhepunkt. Als Entschuldigung darf ich vielleicht anführen, dass ich zu jener Zeit an meiner Dissertation schrieb und deshalb gezwungen war, eine Überdosis germanistischer Spezialstudien zu meinem kleinen Forschungsgebiet zu mir nehmen. Für mich hatte sich der Eindruck verfestigt, nirgendwo auf der Welt werde uneleganter, kleinkarierter, kunstverständnisloser formuliert und argumentiert als ausgerechnet in der Germanistik. Und diese Tagung würde meine Überzeugungen vollauf bestätigen, so viel war sicher.</p>
<div id="attachment_2670" class="wp-caption alignleft" style="width: 202px"><img class="size-medium wp-image-2670" alt="Peter von Matt: &quot;Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur&quot;. dtv, 12,90 Euro." src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/04/81fwKkFvJaL._SL1500_-192x300.jpg" width="192" height="300" /><p class="wp-caption-text">Peter von Matt: &#8220;Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur&#8221;. dtv, 12,90 Euro.</p></div>
<p>Doch dann hielt Peter von Matt den Eröffnungsvortrag, es ging um „Spiele des Lachens“ in der Literatur, und ich war von meiner Skepsis kuriert. Er formulierte elegant, mit weitem intellektuellen Zuschnitt und einem beneidenswerten Fingerspitzengefühl für die Antriebskräfte der Schriftsteller. Er sprach über „Spiele des Lachens“ und brachte sein Publikum dabei zumindest zum Lächeln, und was er sagte, schärfte nicht nur den Blick auf die Literatur, sondern auch aufs Leben.</p>
<p>Peter von Matt erzählte, ja wirklich: er erzählte unter anderem von Caroline Schlegels Reaktion auf ein zu ihrer Zeit frisch erschienenes, heute längst zum Monument erstarrtes Stück deutscher Lyrik, und von dem schönen Satz, den sie an einen ihrer Briefpartner schrieb: „Über ein Gedicht von Schiller, das Lied von der Glocke, sind wir gestern Mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen.“ Und tatsächlich war, wie Peter von Matt leichthändig zeigte, die aus formal perfekten, idealistischen, todernsten Versen erbaute Welt der Schiller-Glocke schreiend komisch, sobald man sie mit den Augen eines Menschen anschaute, der an der keineswegs so perfekten und idealen Einrichtung der realen Welt litt wie Caroline Schlegel. Peter von Matt sprach, wenn ich mich heute, dreißig Jahre danach noch richtig entsinne, von dem „verharmlosenden Ernst“, zu der die Literaturwissenschaft bei der Betrachtung von Literatur neige und von der radikalen Sprengkraft der Komik, die mit literaturwissenschaftlichen Begriffen so schwer zu fassen ist.</p>
<p>Durch allerlei dreiste Manöver gelang es mir, bei dem Mittagessen, das auf seinen Vortrag folgte, einen Platz neben Peter von Matt zu ergattern. Ich weiß nicht, wie sehr ich ihm mit meinem Versuch, von meiner Bewunderung für seine Arbeit zu reden, beim Essen auf die Nerven gegangen bin. Scham überkommt mich, wenn ich daran denke. Aber eines weiß ich noch genau: Irgendwann ließ Peter von Matt seinen Blick über den Mittagstisch wandern, jenen Blick, mit dem er immer wieder entscheidende, zuvor übersehene Details in den Werken der Schriftsteller entdeckte, um sie seinem staunenden Publikum vorzulegen, Peter von Matt also ließ seinen Blick über unseren Tisch wandern, ergriff einen der kleinen Löffel, die bei den Tellern der Mittagsgäste lagen, hielt ihn hoch und fragte mich: „Was bedeutet das?“ Ich hatte keinen blassen Schimmer. Woraufhin Peter von Matt vorfreudig lächelte und sagte: „Das bedeutet: Wir kriegen noch Nachtisch.“</p>
<p>Seither zählt Peter von Matt zu meinen Stars der Germanistik. Seine Bücher sind eine Leselust, er ist ein Stilist von Gnaden, ein weiser Mann der Literatur, der sein enormes Wissen mit Charme und Witz, mit intellektueller Präzision und tänzerischer Leichtigkeit austeilt. Sein jüngstes Buch „Sieben Küsse“ ist ein prachtvolles Beispiel für diese seine Kunst, der Sprache der Schriftsteller nachzulauschen und das, was sie sagen, deutlicher ins Bewusstsein zu heben.</p>
<p>Denn die Literatur hat, schreibt er, ihren eigenen Blick auf die Welt. Sie ist ein uraltes System der Welterklärung ebenso wie Wissenschaft, Philosophie oder Religion. Die Schriftsteller denken in Szenen, so wie die Philosophen in Begriffen und Theorien denken. Für die Literatur zählt immer nur der lebendige Einzelfall, das konkrete Detail – aber sie vermag den Einzelfall, das Detail symbolisch aufzuladen und ihnen so zu überlebensgroßer Bedeutung zu verhelfen. Denn die Literatur, sagt von Matt, „hat sich, im Unterschied zu den andern Systemen, nie ganz abgelöst vom Blick des Kindes. Für das Kind gibt es noch keine Ordnung der Dinge. Alles kann riesig sein oder wie nicht vorhanden. Ein Stein auf dem Weg ist kostbar wie der Rubin in der Königskrone. Er ist sogar lebendig wie ein Tier.“</p>
<p>Und weil, so von Matt, Literatur Wege zeigt, die aus den üblichen Hierarchien und Ordnungsmuster hinausführen, kann sie verschollene, ins unbewusste abgesunkene Erfahrungen wachrufen, „Erfahrungen aus den Urzeiten des eigenen Lebens oder Erfahrungen aus den Urzeiten der Menschheit“. Natürlich wird auch in der Literatur über solche Erfahrungen nachgedacht, aber da diese Erfahrungen in Szenen vergegenwärtigt werden, nicht in Begriffen oder Theorien, bleibt in ihnen immer ein unausdeutbarer Rest, etwas, das man erahnen, aber nicht ganz und gar erklären kann. Wie immer man sich über dieses Denken in Szenen „innerhalb oder außerhalb des Textes den Kopf zerbricht, zu einem vollständig in Sprache übersetzten Verständnis gelangt man nie.“</p>
<p>Wie aber, fragt von Matt, geht das Welterklärungssystem Literatur mit der Sehnsucht nach dem Glück um? Das ist das Forschungsprojekt seines neuen Buches „Sieben Küsse“. Da die Literatur in Szenen denkt, spricht sie auch von dieser Sehnsucht in Szenen und eine der Urszenen des Glückes ist der Kuss. Also spürt von Matt sieben großen Kussszenen der Weltliteratur nach, Küssen, mit denen das Leben ein anderes wird für die küssenden Geschöpfe der Literatur, Küsse, in denen sich das verdichtet, was die Schriftsteller zur Sehnsucht nach dem Glück zu sagen haben.</p>
<p>Er findet diese Szenen im „Großen Gatsby“ des Amerikaners F.Scott Fitzgerald, im Roman „Mrs Dalloway“ der Engländerin Virginia Woolf, in Erzählungen des Schweizers Gottfried Keller und des Österreichers Franz Grillparzer, in der „Marquise von O.“ des unpreußischen Preußen Heinrich von Kleist, in einem Kurzroman der Französin Marguerite Duras und einer Shortstory des Russen Anton Tschechow. Wie gesagt, Peter von Matts Horizont ist niemals eng, er klammert sich weder an Epochen- noch an Sprachgrenzen. Und ihm gelingt immer wieder, was in der Literaturwissenschaft häufig genug nicht einmal versucht wird: Er macht neugierig, ja regelrecht gierig auf die Bücher, über die er schreibt. Das liegt zum einen daran, dass er, der über die Kunst des Erzählens schreibt, zugleich eine Kunst des Nacherzählens beherrscht, und keine Mühe scheut, seinen Lesern die Geschichten, von denen er spricht, auch vor Augen zu rücken. Zum andern liegt es an seiner Fähigkeit, diese Geschichten eben nicht als bloße Objekte der Analysen zu behandeln, sondern als kunstvolle Versuche der Schriftsteller, Erfahrungen zur Sprache zu bringen, die auf anderem Weg schwer oder gar nicht zu formulieren sind.</p>
<p>Literatur ist nämlich für Peter von Matt kein Spaß – auch wenn es ein großes Vergnügen ist, seinen Argumentationen zu folgen. Wenn er schreibt, dass Literatur ein Versuch der Welterklärung ist, dann ist das auch so zu verstehen, dass die Welt der Erklärung bedarf, dass wir oft vor Rätseln stehen, die uns nicht selten quälen, und wir froh sein dürfen, diesen Rätseln mit der Macht der Literatur zu Leibe rücken zu können. Literatur hat nicht immer Recht, warnt von Matt ausdrücklich. Aber unausgesprochen liegt in dieser Warnung das Versprechen, manchmal habe sie eben doch Recht und könne dabei helfen, das rätselvolle Leben etwas weniger rätselhaft machen und uns in ihm ein bisschen heimischer.</p>
<p>Dazu muss man Literatur allerdings genau lesen und zu verstehen versuchen, was in dem Text steht, und nicht die Theorien in ihn hineinlesen, die man ohnehin schon im Kopf hat. In Kleists „Marquise von O.“ zum Beispiel gibt ein Vater seiner verloren geglaubten, aber für ihn dann doch geretteten Tochter einen Kuss, der kein einfacher Kuss mehr ist, sondern eine wahre Kussorgie. Die feministische Literaturtheorie interpretiert diese skandalöse Szene gern als patriarchalischen Gewaltakt, als inzestuöse Beinahe-Vergewaltigung der zu Anfang der Novelle bereits vergewaltigten Marquise. Doch von Matt zeigt, dass diese Interpretation nicht aufgehen kann, wenn man liest, was Kleist tatsächlich geschrieben hat, und diese Szene ein Skandal extremer Gefühle bleibt, die sich üblichen Deutungsmustern nicht fügt.</p>
<p>Peter von Matts Grundüberlegung in diesem Buch, die Literatur denke in Szenen, ist selbstverständlich nicht als absolute Maxime gedacht. Niemand muss von Matt erklären, dass es unszenische Formen von Literatur gibt, denen man Gedankenarmut gleichwohl nicht nachsagen kann. Dennoch verstehe ich von Matts Lehrsatz auch als einen klugen Hinweis auf die besonderen Qualitäten des Erzählens, von dem manche Parteigänger der literarischen Moderne so gern behaupten, es sei längst überlebt und im Rahmen eines ernsthaften ästhetischen Nachdenkens nicht mehr satisfaktionsfähig. Wer heute an die erzählerischen Traditionen des Denkens in Szenen anknüpft, fesselt sich deshalb noch lange nicht an billige literarische Konventionen – auch das ist in von Matts fabelhaftem Buch über „Sieben Küsse“ zu lernen.</p>
<p>Für mich persönlich hat Peter von Matt nur einen Nachteil. Er lebt in Zürich. Und Zürich liegt, aus welchen Zufällen auch immer, unglücklicherweise weitab von meinen Reisepflichten. Wäre das anders, hätte ich längst wieder einmal allerlei dreiste Manöver unternommen, um ihn zu einem Essen und einem Gespräch über Literatur zu gewinnen. Zu einem Essen samt kleinem Löffel, der ihm von Anfang an verspricht: „Wir kriegen noch Nachtisch.“</p>
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<td align="center" valign="top"><a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3446254625/rezensionsforuml" target="_blank"><img title="Zur Amazon Bestellseite" alt="Titelbild" src="https://m.media-amazon.com/images/I/41Ow68IwH+L._SL160_.jpg" width="75" /></a><a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3446254625/rezensionsforuml" target="_blank"><img title="Zur Amazon Bestellseite" alt="" src="https://literaturkritik.de/public/images/amazon_kaufen.gif" width="90" /></a></td>
<td valign="top" width="100%"><a title="Informationen über den Autor" href="https://literaturkritik.de/public/online_abo/lexikon-literaturwissenschaft-autoren-von-matt-peter,11,14,7612">Peter von Matt</a>: Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur.<br />
Carl Hanser Verlag, München 2017.<br />
288 Seiten, 22,00 EUR.<br />
ISBN-13: 9783446254626<a name="biblio"></a></td>
</tr>
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		<title>Ein fabelhaften Familienroman: &#8220;Gewässer im Ziplock&#8221; von Dana Vowinckel</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Nov 2024 17:58:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>

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		<description><![CDATA[Familie ist eine Chance Laudatio auf Dana Vowinkel und ihren Roman &#8220;Gewässer im Ziplock&#8221; Am 11. November wurde der Buchpreis für Familienroman des Siftung Ravensburger Verlag 2024 in Berlin an Dana Vowickel verliehen. Sie erhielt die Auszeichnung für ihren Roman &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2661">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Familie ist eine Chance</strong></h1>
<h2><strong>Laudatio auf Dana Vowinkel und ihren Roman &#8220;Gewässer im Ziplock&#8221;</strong></h2>
<h2>Am 11. November wurde der Buchpreis für Familienroman des Siftung Ravensburger Verlag 2024 in Berlin an Dana Vowickel verliehen. Sie erhielt die Auszeichnung für ihren Roman &#8220;Gewässer im Ziplock&#8221;. Ich durfte die Laudatio halten. Leider war Dana Vowincken in New York aus familiären Gründen (und welche Hinderungsgründe könnten bei einem Preis für Familienroman wichtiger sein!) verhindert und konnte an der Preisverleihung nur per Videoschalte teilnehmen. Hier meine Rede:</h2>
<p>Sehr geehrte Damen und Herren,</p>
<p>liebe Dana Vowinckel im fernen New York</p>
<p>Was eigentlich ist Familie? Wovon sprechen wir, wenn wir von Familie sprechen? Eine naheliegende, sehr soziologische Antwort auf diese Frage lautet: Familie ist eine durch Partnerschaft, Heirat, Abstammung oder Adoption begründete Lebensgemeinschaft, die meist aus Eltern und Kindern bzw. Enkeln besteht, aber auch andere, weiter gefasste Verwandtschaftsverhältnisse mit einbeziehen kann.</p>
<div id="attachment_2662" class="wp-caption alignright" style="width: 196px"><img class="size-medium wp-image-2662" alt="Dana Vowinckel: &quot;Gewässer im Ziplock&quot;. Roman. Suhrkamp Verlag. Handcover: 23 Euro, Taschenbuch 13 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2024/11/Titel_Cover_U1-186x300.jpg" width="186" height="300" /><p class="wp-caption-text">Dana Vowinckel: &#8220;Gewässer im Ziplock&#8221;. Roman. Suhrkamp Verlag. Handcover: 23 Euro, Taschenbuch 13 Euro</p></div>
<p>Das ist eine sehr formale Definition, der jede emotionale Dimension fehlt. Diese emotionale Dimension aber ist im alltäglichen Leben das eigentlich entscheidende. Gehört man noch zu einer Familie, wenn man sie verlassen hat? Wenn man den Kontakt zu den anderen Familienmitgliedern abgebrochen hat? Juristisch gehört man sicherlich noch dazu, aber eben kaum im Sinne einer gefühlsmäßigen Bindung. Solche Bindungen aber machen letztlich den Kern einer Familie aus. Familie ist eine Chance. Familie bietet die Chance, das eigene Leben mit den Leben anderer so eng zu verbinden, dass man das eigene Leben und das der anderen kaum noch unterscheiden kann, dass man das Schicksal des anderen ebenso ernst nimmt wie das eigene – oder in extremen Fällen vielleicht sogar ernster als das eigene. Familie ist eine Chance, über sich hinauszuwachsen.</p>
<p>Marsha, die Mutter der fünfzehnjährigen Margarita in Dana Vowinckels Roman, hat diese Chance nicht genutzt. Sie hat ihren Mann und ihre Tochter verlassen, als Margarita im Kindergartenalter war. Sie gibt für diese Entscheidung gleich mehrere Gründe an. Sie ist eine ambitionierte Sprachwissenschaftlerin und fand in Deutschland keine Arbeit, was für sie unerträglich war. Sie hatte geglaubt, so lautet eine andere Begründung, der Familie nur voranzureisen nach Amerika, um ihr so den letzten, den ultimativen Anstoß zu geben, ihr zu folgen. Und schließlich macht sie noch ein drittes, politisches Motiv geltend: Sie konnte, sagt sie, als Jüdin Deutschland nicht mehr ertragen. Doch dorthin, nach Deutschland, hat es Avi, ihren israelischen Mann, einer Arbeit wegen verschlagen. Avi ist Chasan, Sänger und Vorbeter in der Synagoge, ein sehr frommer, weitgehend unpolitischer Mann, den es wenig interessiert, in welchem Land er lebt, solange er die Möglichkeit hat, die jüdischen Gesetze zu befolgen und für eine jüdische Gemeinde zu arbeiten. Er ist nach Marshas Flucht aus Deutschland so tief verletzt, dass er überhaupt nicht auf die Idee kommt, ihr nach Amerika zu folgen.</p>
<p>Kann man in eine Familie wieder einsteigen, nachdem man für Jahre aus ihr ausgestiegen ist? Avi kümmert sich in Berlin über ein Jahrzehnt lang allein rührend um seine Tochter, und auch die mütterlichen Großeltern, die in Chicago leben, wachen über die Kindheit ihrer Enkelin und holen Margarita jeden Sommer in den Ferien zu sich. Doch inzwischen ist Margarita fünfzehn und langweilt sich in Chicago – bis ihre Großmutter ihr den Vorschlag macht, ihre Mutter Marsha in Israel zu besuchen, die als Linguistin Karriere gemacht hat und für einige Monate an die Hebrew Universität in Jerusalem eingeladen worden ist.</p>
<p>Damit beginnt der ebenso dramatische wie problematische Versuch, eine einst auseinandergefallene Familie wiederzubeleben, von dem dieser wunderbare Roman Dana Vowinckels erzählt. Für einige Wochen reisen die drei Hauptbeteiligten unentwegt zwischen verschiedenen Schauplätzen in Deutschland, Israel und Amerika hin und her und vielleicht ist dieses ständige Unterwegssein das äußere Zeichen für die innere Unschlüssigkeit der Figuren.</p>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-2664" alt="Thumbnail_Vowinckel_5-Fragen" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2024/11/Thumbnail_Vowinckel_5-Fragen1-300x168.jpg" width="300" height="168" />Denn Dana Vowinckel macht es sich in ihrem Roman nicht so einfach, die traumschöne, aber letztlich doch unrealistische Geschichte einer schmerzarmen familiären Wiedervereinigung zu erzählen. Nichts wäre dramaturgisch gesehen leichter gewesen als das. Als Ausgangspunkt einer solchen Happy-End-Geschichte müsste die Autorin zeigen, wie fremd sich die Familienmitglieder in den Jahren der Trennung geworden sind. Dann käme die Phase der Wiederannäherung, in der die drei begreifen, wie sehr sie sich trotz allem brauchen und lieben – die schließlich in ein großes Verzeihen und Versöhnen mündet, gefolgt von einer zuckersüßen, sonnenüberstrahlten Zukunft für alle Beteiligten.</p>
<p>Was Dana Vowinckel stattdessen beschreibt, ist literarisch viel glaubwürdiger und überzeugender. Sie zeigt, in welches Chaos der Empfindungen Margarita und Avi durch Marshas Wunsch gestürzt werden, ihre Tochter nach dreizehn Jahren Abwesenheit besser kennenzulernen. Und auch Marsha selbst bleibt von diesen Turbulenzen nicht verschont. Es ist als wären die drei auf eine emotionale Achterbahn geraten, mit mühsamen Aufstiegen, rasenden Abstürzen, nervenaufreibenden Schleuderstrecken und wahren Loopings der Gefühle. Immerzu wechseln die Konstellationen, mal sind sich Avi und Marsha einig, dass die Tochter ihrer Mutter näherkommen sollte, dann wieder gehen die Eltern aufeinander los, weil Marsha mit Margaritas Freiheitsbedürfnissen nicht zurechtkommt und gelegentlich verbünden sich Mutter und Tochter gegen Avi, da dessen Verhalten seiner Tochter gegenüber allzu deutlich von Einsamkeitsängsten und allzu großer Nachgiebigkeit geprägt ist.</p>
<p>Erschwerend kommt die seelische Labilität einer Fünfzehnjährigen hinzu, die im Minutentakt schwankt zwischen Selbstverliebtheit und Selbsthass, zwischen Abenteuerlust und Ängstlichkeit, zwischen sentimentaler Elternanhänglichkeit und brutaler Elternmanipulation. Mit diesem Porträt einer Pubertierenden, die glaubt, ganz genau zu wissen, was sie will und zugleich nicht die geringste Ahnung von sich selbst hat, ist Dana Vowinckel etwas literarisch Herausragendes gelungen. Wie Margarita einerseits die Umwelt mit ihrer Unberechenbarkeit und Selbstbezogenheit psychisch terrorisiert, andererseits aber in Momenten der Selbsterkenntnis unter dem eigenen Terrorregime moralisch am meisten leidet, das ist hinreißend genau beobachtet und beschrieben.</p>
<p>Doch das ist noch längst nicht alles. Zu den besonderen Qualitäten dieses Romans gehört auch, wie liebevoll und detailgenau Dana Vowinckel das religiöse Weltbild von Avi nachzeichnet. Wie leicht wäre es gewesen, seine Frömmigkeit vom Standpunkt der eher säkular denkenden Tochter als eine Art versponnene, weltfremde Lebensweise zu beschreiben. Aber genau das macht Dana Vowinckel nicht. Sie lässt sich ganz und gar ein auf die tiefe Gläubigkeit eines Vorbeters, auf seine Sorgen um die zahllosen religiösen Regeln und um seine Gemeinde. Und sie wird auf diese Weise der Figur in ihrem ganzen jahrhundertealten Ernst erst wirklich gerecht.</p>
<div id="attachment_2665" class="wp-caption alignright" style="width: 650px"><img class="size-large wp-image-2665" alt="Preisübergabe in Berlin an Dana Vowinckel in New York. Stellvertretend nimmt Suhrkamp-Chef Jonathan Landgrebe (links) die Urkunde der Auszeichnung vom Leiter der Situng Ravensburger Verlag, Johannes Hauenstein (rechts) entgegen." src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2024/11/Preisverleihung_SRV_2024_Urkundenübergabe-Buchpreis-Familienroman_1045_515-1024x504.jpg" width="640" height="315" /><p class="wp-caption-text">Preisübergabe in Berlin an Dana Vowinckel in New York. Stellvertretend nimmt Suhrkamp-Chef Jonathan Landgrebe (links) die Urkunde der Auszeichnung vom Leiter der Situng Ravensburger Verlag, Johannes Hauenstein (rechts) entgegen.</p></div>
<p>Vor allem aber gelingt es diesem Roman, viel von der aktuellen politischen Situation der Juden in Deutschland und Israel einzufangen, sowohl die sehr konkrete Angst vor einem neuen handgreiflichen, mörderischen Antisemitismus in Deutschland wie auch die Spaltung der israelischen Gesellschaft zwischen Gegnern und Anhängern der Regierung Netanjahu. Das Buch wirkt, als sei es nach dem entsetzlichen Massaker vom 7.Oktober 2023 geschrieben, obwohl es schon Monate davor erschien. Doch zugleich sind in diesem so zeitgenössischen Roman literarische Muster einer langen Geschichte des Familienromans wiederzuerkennen, bis hin zu einem alles bedrohenden Familiengeheimnis – das sich dann allerdings als eine längst enthüllte und deshalb entschärfte Familienheimlichkeit entpuppt, von der sich Margarita in Identitätsprobleme gestürzt sah.</p>
<p>Bleibt noch über den Titel des Romans zu reden: „Gewässer im Ziplock“. Um ehrlich zu sein, ich hatte, bevor ich Dana Vowinckels Roman las, keine Ahnung, was ein Ziplock ist. Ich hatte schon oft einen dieser wiederverschließbaren Plastikbeutel mit Gleitverschluss benutzt, aber ihren gewissermaßen lautmalerischen Namen Ziplock kannte ich nicht. Was hat ein solcher Alltagsgegenstand im Titel eines solch dramatischen Familienromans zu suchen? Darf man ihn vielleicht als Anspielung auf das dünne, verletzliche Gewebe betrachten, das eine Familie zusammenhält und in dem Gewässer, von dem der Titel spricht, ein Bild sehen für die nur ihrem eigenen Willen gehorchenden, impulsiven, ständig in Bewegung befindlichen Familienmitglieder? Das ist natürlich nur eine Spekulation, eine persönliche Interpretation, aber so ist mir der Titel zur Metapher für die widerstrebenden Kräfte dessen geworden, was wir Familie nennen.</p>
<p>Ich möchte Dana Vowinckel im fernen New York gratulieren zu einem Roman, der politische Aktualität und literarische Tradition zwanglos zu verbinden versteht, der ungeheuer plastische, lebendige Porträts seiner Figuren zeichnet, und der hingebungsvoll dem Rätsel nachspürt, was Familie im Kern eigentlich ist, denn um nichts ringen Dana Vowinckels Figuren so hartnäckig und besessen, wie darum, sich als Familie zu begreifen. Und nicht zuletzt gratuliere ich Ihnen, liebe Dana Vowinckel, zum Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag. Herzlichen Glückwunsch.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Laudatio auf den Roman &#8220;22 Bahnen&#8221; von Caroline Wahl</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Dec 2023 08:47:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Caroline Wahl]]></category>

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		<description><![CDATA[1222 Worte des Lobes zu &#8220;22 Bahnen&#8221; von Caroline Wahl Am 13. November 2023 wurde Caroline Wahl in Berlin der Buchpreis für Familienroman der Stiftung Ravensburger verliehen. Es ist das erste Buch dieser Autorin und sie hat damit sofort großen &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2654">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>1222 Worte des Lobes zu &#8220;22 Bahnen&#8221; von Caroline Wahl</strong></h1>
<h2><strong>Am 13. November 2023 wurde Caroline Wahl in Berlin der Buchpreis für Familienroman der Stiftung Ravensburger verliehen. Es ist das erste Buch dieser Autorin und sie hat damit sofort großen Erfolg sowohl bei den Lesern wie auch bei den Kritikern gehabt. Ein starker literarischer Start. Ich durfte bei der Preisübergabe die Laudatio auf den bemerkenswerten Roman halten.</strong></h2>
<p>Liebe Caroline Wahl, sehr verehrte Damen und Herren,</p>
<p>eine Familie kann so groß und weit verzweigt sein, dass Außenstehende versucht sind, von einem Klan oder einer Sippe zu sprechen. Solche Familien wirken stark und gefestigt, selbst wenn hinter den Kulissen heimlich gestritten wird. Es mag archaisch klingen, aber je größer eine Familie ist, desto eher spielt sie in unserem Bewusstsein die Rolle eines Machtfaktors.</p>
<div id="attachment_2655" class="wp-caption alignright" style="width: 199px"><img class="size-medium wp-image-2655" alt="Caroline Wahl: &quot;22 Bahnen&quot;. Roman . DuMont Buchverlag, 22 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2023/12/519S1b3lJUL-189x300.jpg" width="189" height="300" /><p class="wp-caption-text">Caroline Wahl: &#8220;22 Bahnen&#8221;. Roman . DuMont Buchverlag, 22 Euro</p></div>
<p>Doch wie sieht es mit dem Gegenteil aus? Wie klein kann eine Familie sein, damit sie noch immer zurecht Familie genannt werden kann? Was gehört zum Mindestbestand einer Familie? Vater, Mutter, Kind? Oder weniger normativ gesprochen: Zwei Eltern – gleich welchen Geschlechts – und mindestens ein Kind? Ist das die kleinste Einheit, der wir den Titel Familie zugestehen? Nein, natürlich nicht, selbstverständlich haben auch die oder der Alleinerziehende mit Kind ein Recht auf die Bezeichnung Familie. Und ein Recht auf den Schutz und eine besondere Fürsorge der Gesellschaft.</p>
<p>Caroline Wahl lässt die Frage, wie klein eine Familie sein kann, damit man noch von einer Familie sprechen kann, in ihrem Roman „22 Bahnen“ anklingen. Das Buch handelt von zwei Schwestern, die in einer namenlosen Provinzstadt leben: Tilda ist Anfang zwanzig und Ida zehn Jahre alt. Ihre alleinerziehende Mutter, mit der die beiden unter einem Dach leben, leidet unter Depressionen und schwerer Alkoholabhängigkeit. Die beiden Schwestern nennen sie oft „das Monster“, weil sie den größten Teil ihrer Tage betrunken und halb bewusstlos auf dem Sofa vorm Fernseher verbringt, aber plötzlich aggressiv und handgreiflich werden kann, wenn kein Wein oder Wodka mehr in Haus ist.</p>
<p>Das Urteil der Außenstehenden über diese Konstellation scheint auf der Hand zu liegen: eine zerbrochene, eine dysfunktionale, eine gefährdete Familie – und der Schutz der zehnjährigen Ida vielleicht sogar ein Fall fürs Jugendamt. Doch Tilda sieht das anders. Als sie an einem Sommer-Wochenende allein mit ihrer kleinen Schwester zu einer Wanderung in den nahegelegenen Wäldern aufbricht, fühlt sie sich glänzend, weil ihre Schwester und sie, so sagt Tilda, <i>(Zitat)</i> „jeweils ein fester Teil, die Hälfte von einem Ganzen sind. Wir sind eine Familie. Wir sind ein intakter Organismus, wir funktionieren zusammen. Gestört werden wir nur durch den letzten Teil unserer Familie. (Die Mutter.) Also eigentlich sind wir eine überwiegend intakte Familie. Zu 66,67 Prozent. Wir sind intakte Schwestern. Zu 100 Prozent.“</p>
<p>Wir sind eine Familie, sagt Tilda, wir sind ein intakter Organismus, und damit meint sie ihre Schwester und sich selbst. Tilda ist, das deutet schon ihr althochdeutscher Name an, eine Kämpferin. Sie arbeitet als Kassiererin in einem Supermarkt, um die Familie zu ernähren, und studiert daneben noch Mathematik mit so großem Erfolg, dass ihr Professor ihr eine Promotionsstelle an einer Berliner Universität anbietet. Ihre Tage sind präzise durchgetaktet, sie besucht ihre Seminare, sorgt dafür, dass ihre Schwester etwas zu Essen auf den Tisch bekommt, geht zur Arbeit und gönnt sich am Abend als einzigen Luxus einen Besuch im Schwimmbad. Auch dort liegt sie nicht faul auf dem Handtuch in der Sonne, sondern spult zwischen planschenden Kindern und behaglich paddelnden Erwachsenen in hohem Tempo 22 Bahnen ab. Denn Schwimmen ist für Tilda zweierlei zugleich: Es ist eine Zuflucht, eine monotone, meditative Übung, die alle düsteren Gedanken in ihrem Kopf vorübergehend zum Schweigen bringt, und zugleich ist es ein körperliches Training, das ihr die Kondition verschafft, die sie als Kämpferin dringend braucht.</p>
<p>Denn Tilda ist zwar erst Anfang zwanzig, aber sie will mit aller Kraft ihre Familie zusammenhalten. Natürlich ist das eigentlich die Aufgabe der Eltern, doch der Vater hat eine neue Familie und lässt sich nicht mehr blicken, und die Mutter ist im Dauerdämmer ihrer Sucht versunken. Also übernimmt Tilda diese Aufgabe. Eine Familie ist, wie Tilda es sagt, ein Organismus, und dieser Organismus namens Familie zeigt oft die bemerkenswerte Eigenschaft, das einer seiner Teile besondere Fähigkeiten und Leistungskräfte ausbildet, wenn andere Teile schwächeln, oder gar ihre Funktion aufgeben.</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-2656" alt="F9dizmXXEAAm4SB" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2023/12/F9dizmXXEAAm4SB-225x300.jpg" width="225" height="300" />Das ist nicht immer gesund, man darf dieses Selbsterhaltungsprinzip des Familien-Organismus nicht romantisieren. Tilda muss viel von sich opfern, damit das Zusammenleben ihrer Kleinstfamilie weiterhin einigermaßen funktioniert. Sie ist rabiat nicht nur der kranken Mutter, sondern auch sich selbst gegenüber. Sie gestattet sich nur wenig von den Freiheiten, den Egoismen oder den Sorglosigkeiten, die gleichaltrige Freundinnen wie selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen. Und natürlich hat das Folgen: Sie ist einsamer, verschlossener, kantiger, abweisender als es für sie gut ist. Als die Kämpferin, die sie ist, hat sie sich eine Rüstung zugelegt – nicht zufällig malt ihre Schwester sie als Ritterin mit Helm und Harnisch. Aber diese Rüstung wird für sie eben auch zu einer Art Zwangsjacke, zu ihrem ganz persönlichen maßgeschneiderten Gefängnis.</p>
<p>Zu den großartigen Qualitäten des Romans „22 Bahnen“ gehört, dass Caroline Wahl die Geschichte der Kämpferin Tilda nicht nur erzählt, sondern gleichsam hörbar macht. Tildas Sprache ist knapp, sie geizt mit Worten. Sie sagt, was sie für richtig hält, nicht mehr oder weniger, und danach schweigt sie. Sie wirkt deshalb schroff und widerborstig. Ihre Leidenschaft für Mathematik scheint auf ihre Kommunikation abgefärbt zu haben: Die Welt der Zahlen kennt keinen small talk, sie kennt nur richtig oder falsch, ohne schmückendes sprachlichen Beiwerk. Von ähnlicher Nüchternheit sind Tildas Sätze.</p>
<p>Doch Tilda ist nicht nüchtern oder kaltherzig, sondern lediglich aufs Wesentliche konzentriert. Und das Wesentliche ist für sie die Schwester, also ihre Familie. Ihre Freundin Melanie, die in einem liebevollen, behütenden Elternhaus aufgewachsen ist, erweist sich diesen Eltern gegenüber als anmaßend und egozentrisch. Tilda, die so viel schlechtere Startbedingungen hat, wächst an den Konflikten, mit denen sie groß geworden ist. Sie will die kleine Ida nicht allein bei der Mutter lassen, und sich deshalb gar nicht erst auf die Promotionsstelle in Berlin bewerben. Ida wiederum will ihrer großen Schwester nicht die Zukunft verbauen und will es deshalb künftig allein mit dem Mutter-Monster aufzunehmen, damit Tilda nach Berlin gehen kann. Beide sind bereit, für den jeweils andere Familienteil viel zu opfern. Ob Ida mit nur zehn Jahren den Aufgaben gewachsen sein kann, die sie auf sich nehmen will, ist die offene Frage, die am Ende des Romans steht.</p>
<p>Caroline Wahls Buch ist in allen seinen Teilen auf das Thema Familie bezogen: Da wird von der Sehnsucht nach einer intakten Familie erzählt, wie Tilda sie bei Ihrer Freundin Melanie erlebt hat, dann von der persönlichen Opferbereitschaft für andere Familienmitglieder und schließlich von dem unsäglichen Schmerz über eine verlorene Familie, den Tilda bei ihrem Freund und Geliebten Viktor kennenlernt, dessen Eltern und Geschwister bei einem Autounfall umgekommen sind. Ganz ohne Ausflüge ins Essayistische, sondern immer aus der Erzählung eines Sommers in einer Provinzstadt heraus, befragt Caroline Wahls Roman das Lebensmodell Familie virtuos nach seinen Glücksversprechen und seinen Abgründen, seinen Freuden und seinen Fesseln, nach den ihm innenwohnenden Potentialen der Stärkung, aber auch der Traumatisierung der Familienmitglieder.</p>
<p>Kommen wir zum Schluss: Caroline Wahl ist eine junge Autorin, „22 Bahnen“ ist ihr erster Roman. Es ist ein Buch von beeindruckender sprachlicher Kraft und Präzision. Sie nutzt geschickt den Jargon der Zeit, aber nicht, wie es klischeehaft heißt, um ihren Generationsgenossen aufs Maul zu schauen, sondern um Literatur daraus zu machen. Sie schreibt einen Schwesternroman, einen sehr zarten, sehr behutsamen Liebesroman, einen Coming-of-age-Roman – alles in einem. Vor allem aber schreibt sie einen Roman, der zeigt, welchen prägenden, unersetzbaren, fördernden, aber auch fordernden, beglückenden ebenso wie gefährdenden oder verletzenden Charakter Familienbeziehungen haben können.</p>
<p>Caroline Wahl ist eine junge Autorin, die einen bemerkenswert reifen Roman geschrieben hat. Liebe Caroline Wahl, ich beglückwünsche Sie zu Ihrem großartigen Buch „22 Bahnen“ und zum Buchpreis der Stiftung Ravensburger 2023.</p>
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		<title>Christiane Hoffmann &#8220;Alles, was wir nicht erinnern&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Jan 2023 16:17:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Christiane Hoffmann]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht]]></category>
		<category><![CDATA[Johannes Hauenstein]]></category>
		<category><![CDATA[Novalis]]></category>
		<category><![CDATA[transgenerationelles Familientrauma]]></category>

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		<description><![CDATA[Was geschieht, wenn eine Lebensgemeinschaft namens Familie auf die politische Katastrophe namens Krieg trifft? Das Buch &#8220;Alles, was wir nicht erinnern&#8221; von Christiane Hoffmann erzählt von der Flucht eines neunjährigen Jungen zu Fuß über 550 Kilometer im Winter 1945. Und &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2643">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Was geschieht, wenn eine Lebensgemeinschaft namens Familie auf die politische Katastrophe namens Krieg trifft?</strong></h1>
<h2><strong>Das Buch &#8220;Alles, was wir nicht erinnern&#8221; von Christiane Hoffmann erzählt von der Flucht eines neunjährigen Jungen zu Fuß über 550 Kilometer im Winter 1945. Und von den Folgen, die diese Flucht noch 75 Jahre später für die Familie dieses Jungen hat. Christiane Hoffman wurde für &#8221;Alles, was wir nicht erinnern&#8221; mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger 2022 ausgezeichnet. Hier die Laudatio, die ich auf Buch und Autorin halten durfte.</strong></h2>
<p>Liebe Frau Hess-Maier, lieber Herr Hauenstein, sehr geehrter Herr Hess, sehr verehrte Damen und Herren und vor allem sehr verehrte Christiane Hoffmann,</p>
<div id="attachment_2645" class="wp-caption alignleft" style="width: 204px"><img class="size-medium wp-image-2645" alt="Christiane Hoffmann: &quot;Alles, was wir nicht erinnern&quot;.  Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters. Verlag C.H.Beck. 22 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2023/01/62830079z-194x300.jpg" width="194" height="300" /><p class="wp-caption-text">Christiane Hoffmann: &#8220;Alles, was wir nicht erinnern&#8221;. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters. Verlag C.H.Beck. 22 Euro</p></div>
<p>vielleicht ist es das Beste, den wissenschaftlichen Begriff gleich an den Anfang zu stellen, über den man reden muss, sobald man über Christiane Hoffmanns großartiges Buch sprechen will. Christiane Hoffmann beschreibt in „Alles, was wir nicht erinnern“ ein transgenerationelles Familientrauma, ausgelöst durch die Erfahrung einer Flucht über 550 Kilometer im Winter 1945. Mehr noch, das Buch führt dem Leser Diagnose und Therapieversuch dieses generationsübergreifenden Traumas vor. Es schildert eine strapaziöse, gegen innere und äußere Widerstände vorangetriebene Selbstanalyse und dazu den ebenso unorthodoxen wie radikal entschlossenen Versuch, das Trauma so weit möglich zu überwinden.</p>
<p>Das klingt im ersten Moment vielleicht ein wenig nüchtern und nach dem Tonfall eines psychologischen Gutachtes. Aber nichts könnte falscher sein als dieser Eindruck. Christiane Hoffmanns Buch ist von einer solchen emotionalen Wucht, dass es – hier spreche ich aus eigener Erfahrung – dem Leser leicht die Tränen in die Augen treiben kann. Es ist eine literarisch meisterhafte Mischung aus Reportage, Essay und Autobiografie, sprachlich hinreißend, historisch kenntnisreich, politisch hellsichtig und nicht zuletzt von großer, erfahrungsgesättigter Menschlichkeit.</p>
<p>Sicher, Familie ist nicht alles. Aber vielleicht ist ohne Familie alles nichts. Was geschieht eigentlich, wenn nicht ein Einzelner, sondern eine Lebensgemeinschaft namens Familie auf die politische Katastrophe namens Krieg trifft? Christiane Hoffmann nennt die Kriegsfront, die im Winter 45 auf die schlesische Familie Hoffmann in ihrem Heimatdorf Rosenthal zurollt, einen Drachen, dessen Brüllen schon von Weitem zu hören, und dessen heißer Atem von Weitem zu spüren ist. Was passiert, wenn der Drache bei ihnen ankommt? Es beginnt ein seltsamer, ambivalenter Prozess. Die Familie bricht auseinander und rückt zugleich umso näher zusammen.</p>
<div id="attachment_2646" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2646" alt="Christiane Hoffmann und Johannes Hauenstein, der Vorstand der Stiftung Ravensburger Foto: www.heine-foro.de" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2023/01/DSC_3081-heine-foto-300x199.jpg" width="300" height="199" /><p class="wp-caption-text">Christiane Hoffmann und Johannes Hauenstein, der Vorstand der Stiftung Ravensburger Foto: www.heine-foro.de</p></div>
<p>Sie bricht räumlich auseinander, zwei Söhne, Manfred und Gotthard sind beim Militär, der Vater Herbert muss zum Volkssturm und die Mutter Olga flieht mit Walter, dem neunjährigen Nachzüglersohn, Richtung Westen. Ein behinderter Onkel und die Großmutter schließen sich der Flucht an. Die Familie beginnt sich also in alle Winde zu zerstreuen. Im gleichen Augenblick aber rückt sie emotional zusammen, Hoffnungen, Sorgen, Wünsche richten sich mit ungeahnter Intensität auf die jeweils anderen Familienmitglieder. Das Zusammensein, zuvor eine Selbstverständlichkeit, wird mit einem Mal zur inständig zurückersehnten Lebensutopie.</p>
<p>Aber wenn dann Krieg und Flucht überstanden sind und die Familie wieder zusammengefunden hat, lässt sie der Drache noch lange nicht aus seinen Krallen. Christiane Hoffmann schildert das mit ergreifender Überzeugungskraft. Wie die schlesischen Flüchtlinge im norddeutschen Hamburg-Wedel ein neues, gewöhnungsbedürftiges Zuhause finden. Wie sie glauben wollen, dass mit dem Überlebthaben und dem Wiederzusammensein tatsächlich eine Utopie wahr geworden ist und dabei übersehen, wie sehr jeder von ihnen durch Krieg und Flucht zu einem anderen Menschen geworden ist und wie tief der Drache sie verletzt hat.</p>
<p>Instinktiv tun sie alles, um die überstandene Katastrophe und das, was sie ihnen angetan hat, nicht mehr spüren zu müssen. Sie retten sich ins radikale Vergessen, denn es ist besser, keine Erinnerung zu haben als die Erinnerungen an das Unerträgliche, das sie durchlebt haben. Oder sie retten sich ins Schweigen, in das innere Versteinern, denn es ist besser keine Gefühle zu haben, als die Gefühle, die aus dieser Vergangenheit resultieren könnten. Oder sie retten sich in eine bedingungslose Heiterkeit, in eine immerwährende Freundlichkeit und Zugänglichkeit, mit der sie ihre inneren Spannungen, denen sie nicht gewachsen sind, überdecken können.</p>
<p>Und nun beginnt etwas Gespenstisches. Etwas, das zunächst ganz und gar unbegreiflich wirkt. All diese Erinnerungen, Gefühle, Haltungen, die von den Überlebenden ins Unbewusste abgedrängt wurden, beginnen innerhalb der Familie im Laufe der Jahrzehnte auf das Unbewusste der nachfolgenden Generation abzufärben. Der Flüchtling, der von einem Tag auf den anderen alles verlor, Besitz, Heimat, Sicherheit, Vertrauen, bekommt Jahre nach seiner Flucht Kinder, die ein schwieriges Verhältnis zu Besitz und Heimat entwickeln, die selbst im sichersten sozialen Umfeld eine dumpfe Angst verspüren und denen es schwerfällt, Vertrauen zu fassen, zu was oder wem auch immer.</p>
<div id="attachment_2647" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2647" alt="Christiane Hoffmann liest aus ihrem Buch bei der Preisverleihung Foto: www.heine-foto.de" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2023/01/DSC_3299-heine-foto-1-300x199.jpg" width="300" height="199" /><p class="wp-caption-text">Christiane Hoffmann liest aus ihrem Buch bei der Preisverleihung Foto: www.heine-foto.de</p></div>
<p>Christiane Hoffmann findet ein fabelhaftes und doch ganz alltägliches Bild für diese unbeabsichtigte Weitergabe eines Traumas. Die Elterngeneration sitzt am Familientisch und spricht über die Heimat, die sie verloren hat, und die Kinder spielen unter dem Tisch und hören, wie die Stimmen der Eltern einen anderen Klang annehmen, wenn Worte fallen wie Schlesien, wie Krieg, wie Flucht. Denn Kinder besitzen die ans Wunderbare grenzende Fähigkeit, schlichtweg alles an ihren Eltern wahrzunehmen, selbst das, was die Eltern an sich selbst nicht wahrnehmen können. Es ist ein seltsamer, ein beunruhigender Klang in den Stimmen, ein Unterton der abgetöteten Sehnsucht, des unverarbeiteten Schreckens, der verdrängten, weil übermächtigen Angst. Und also setzt sich in den Kindern der Eindruck fest, dass im Leben der Familie eine verborgene Bedrohung lauert, so groß, dass nicht einmal die Eltern sie aussprechen können, die aber immerzu da ist und sie alle verfolgt.</p>
<p>Kein Wunder, wenn das Flüchtlingskind Christiane zu fragen beginnt nach dieser dunkel drohenden Gefahr, nach Krieg und Flucht. Doch ihr Vater kann ihr nur Tatsachen berichten, aber keine emotional befriedigende Antwort geben. Denn die Erinnerungen und Empfindungen, die sein Leben überschatten, hat er so vollständig aus dem Bewusstsein gestrichen, dass er kaum noch etwas davon weiß und buchstäblich nichts mehr davon fühlt. Mit der ausbleibenden Antwort aber vollendet sich die Übergabe des Traumas vom Vater zur Tochter, denn nun kann auch sie keine Auskunft geben über das Unbestimmte, Unbenennbare, Bedrohliche, das sie empfindet.</p>
<p>Die inzwischen zur Journalistin herangewachsene Flüchtlingstochter will sich damit allerdings nicht zufriedengeben. Nach dem Tod des Vaters entscheidet sie sich, das zu erleben, was ihr Vater erlebt, aber nicht verarbeitet hat. Sie beschließt, exakt den 550 Kilometer langen Fluchtweg entlangzuwandern, zu Fuß und allein, den ihr Vater als neunjähriger Junge zurücklegen musste. Sie will spüren, was er spürte, sie will, so gut das mit siebzig Jahren Verspätung geht, bewusst erleben, was er erlebte, aber ins Unbewusste verbannte, weil es zu angsteinflößend war.</p>
<p>Was wir heute in Christiane Hoffmanns Buch über diese 550 Kilometer lesen dürfen, ist also mehr als der abenteuerliche Bericht über eine erschöpfende, kräftezehrende Wanderung durch Ostmitteleuropa. Es ist zugleich die Erzählung einer Reise in das eigene Selbst, in die eigene seelische Verfasstheit, in das von den Eltern ererbte Trauma. Das Buch folgt damit einer Idee, die spätestens seit der Romantik in der deutschen Literatur heimisch wurde „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg“, heißt es bei Novalis programmatisch. „Die Außenwelt ist die Schattenwelt.“</p>
<p>Und wirken die Folgen transgenerationeller Familientraumata nicht letztlich wie ein Motiv aus einer romantischen Erzählung von, sagen wir, E.T.A.Hoffmann oder von Wilhelm Hauff? Eine Erzählung, in der Eltern Dinge erleben, aber erst ihre Kinder sie zu spüren bekommen? Oder in der Kinder die märchenhafte Fähigkeit haben, aus dem Klang der Stimmen ihre Eltern etwas herauszuhören, was die Eltern selbst längst nicht mehr wissen? Wer lesend die Wanderung von Christiane Hoffmann mitwandert, kann lauter zutiefst romantische Themen entdecken. Und das sollte niemanden überraschen, denn es waren Romantiker wie Jean Paul, die lange vor Freud das Unbewusste entdeckten, in dem es wilder und dunkler zugeht als in den Dschungeln eines unerforschten Kontinents.</p>
<p>Damit hier kein Missverständnis entsteht: Christiane Hoffmanns Buch lässt romantische Motive anklingen. Doch es wirft zugleich einen sehr klaren, rationalen, vorausschauenden Blick auf die politischen Verhältnisse in den ostmitteleuropäischen Landschaften, durch die sie wandert. Geschrieben hat Christiane Hoffmann ihr Buch vor dem 24. Februar 2022, als ein imperialistischer Angriffskrieg mitten in Europa noch als unvorstellbar galt. Aber sie benennt darin bereits eine Menge der Faktoren, die ihn inzwischen haben losbrechen lassen. Und in prophetischer Vorwegnahme sieht sie, auf dem siebzig Jahre alten Fluchtweg ihres Vaters wandernd, schon jene Flüchtlingszüge vor sich, die heute wieder von Osten nach Westen ziehen, die wieder seelische Kriegs- und Fluchtwunden schlagen, die später einmal möglicherweise wieder an nachfolgende Generationen vererbt werden. Ein finsterer, finsterer Staffellauf der Geschichte.</p>
<p>Nahezu alle Menschen, die Christiane Hoffmann auf ihrer Reise auf den Spuren ihres Vaters trifft, sind Flüchtlinge der ersten, der zweiten oder dritten Generation. Die Familien, die heute in Schlesien leben, wurden zuvor von Stalins Sowjetunion aus dem ehemaligen Ostteil Polens vertrieben. Auch diese Familien tragen ihre Traumata durch die Zeiten. Es gehört zu den ergreifenden Aspekten ihres Buches, dass sich bei den Begegnungen zwischen Deutschen und Polen mit Fluchterfahrungen viel eher ein gegenseitiges Mitgefühl einstellt als revanchistische Gelüste. Vielleicht ist das der zarte Schimmer einer Hoffnung, den das Buch vermittelt, trotz all des Dunklen, von dem er berichten muss.</p>
<p>Kommen wir zum Schluss: „Alles, was wir nicht erinnern“ ist eine literarische Familienaufstellung von ergreifender Intensität, ist das grandiose Logbuch einer mutigen Wanderung, ist ein untröstlicher Klagegesang über die Schmerzen vergangener und kommender Kriege und ist nicht zuletzt die hinreißende Liebeserklärung einer Tochter an ihren von seiner Flucht unwiederbringlich versehrten Vater. Liebe Frau Hoffmann, ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu diesem Buch und zum Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger.</p>
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		<title>Heiner Müller: &#8220;Zahnfäule in Paris&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2022 08:02:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Bert Papenfuß]]></category>
		<category><![CDATA[Cornelia Schleime]]></category>
		<category><![CDATA[Gottfried Benn]]></category>
		<category><![CDATA[Heiner Müller]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Gedicht an der Wand neben meinem Schreibtisch Am 30. Dezember 1995, vor 27 Jahren starb Heiner Müller. Ich habe ihn einige Mal getroffen und sein Werk war mir immer wichtig. Als kleine Erinnerung an ihn möchte ich hier die &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2630">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Das Gedicht an der Wand neben meinem Schreibtisch</strong></h1>
<h2><strong>Am 30. Dezember 1995, vor 27 Jahren starb Heiner Müller. Ich habe ihn einige Mal getroffen und sein Werk war mir immer wichtig. Als kleine Erinnerung an ihn möchte ich hier die Geschichte eines Gedichts von ihm erzählen, das in Müllers Handschrift neben meinem Schreibtisch hängt. Seit rund 40 Jahren. Und davon, was es mir bedeutet.</strong></h2>
<p>­­­Das alles ist fast vierzig Jahre her. Damals war ich Literaturredakteur der FAZ. Die DDR existierte noch und mir fiel der erste Lyrikband eines jungen Mannes aus Ostberlin in die Hände, er hieß Sascha Anderson. In seinen Gedichten kürzte er die Parteizeitung „Neues Deutschland“ mit „eNDe“ ab, listete sämtliche Worte aus Goethes Gedicht „Dämmerung“ penibel alphabetisch auf („dämmerung der der der die die doch durch durchs“) oder brachte die in der Blockkonfrontation festgefahrene Übertrumpfungslogik von Ost und West auf so lapidare Zeilen wie „östwestlicher die wahn“ oder „jeder satellit hat einen killersatelliten“.</p>
<p>Was war das? Eine sprachspielerische Form politischer Kritik? Ein neuer Dadaismus? Eine Punk-Lyrik, die sich über die Ideologien beider Hemisphären lustig machte und über die kniefällige deutsche Goethe-Verehrung gleich mit?</p>
<p>Ich wollte mehr erfahren über diesen Anderson. Also fuhr ich nach Ostberlin, traf ihn in der Pankower Keramikwerkstatt, in der er damals wohnte, und schrieb danach ein Porträt über ihn (siehe F.A.Z. vom 23. Juni 1983). Ich war überrascht: Er sprach kaum über die eigenen Gedichte, er hatte spürbar keine Lust, einem Kritiker seine Qualitäten als Schriftsteller anzupreisen. Stattdessen versuchte er mich zu begeistern für die Lyrik seines Freundes Bert Papenfuß oder die Arbeiten der Malerin Cornelia Schleime. Er wirkte völlig offen und angstfrei, obwohl er davon sprach, von der Stasi „regelmäßig verfolgt, verhört, bedroht“ zu werde &#8211; wie ich in meinem Artikel festhielt.</p>
<p>Was er seinen Führungsoffizieren bei diesen Verhören berichtete, sagte er mir natürlich nicht. Seine Enttarnung als Spitzel des Prenzlauer Bergs, der seine engsten Freunde an die Stasi verraten hatte, gelang erst acht Jahre später. Seither scheint auch das Urteil über ihn als Autor gesprochen.</p>
<div id="attachment_2631" class="wp-caption alignright" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-2631" alt="Aus: Heiner Müller: „Die Gedichte“. Werke Band 1. Herausgegeben von Frank Hörnigk. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998. S.216" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/12/0-2-225x300.jpg" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Aus: Heiner Müller: „Die Gedichte“. Werke Band 1. Herausgegeben von Frank Hörnigk. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998. S.216</p></div>
<p>Doch damals, 1983, war das alles noch unvorstellbar. In einem Winkel des Keramik-Ateliers entdeckte ich ein mit zwei Reißnägeln an die Wand geheftetes Papier und darauf die Handschrift Heiner Müllers. Es waren die fünf Zeilen von „Zahnfäule in Paris“, signiert mit „HM“. Ich hatte mich davor lange mit Müllers Werk beschäftigt, doch dieses Gedicht kannte ich nicht. Ich war beeindruckt. Anderson merkte das, zog die Reißnägel aus der Wand und schenkte mir das Blatt. Er tat das ohne großes Aufhebens – eine schöne (vielleicht demonstrative?) Probe seiner Freimut.</p>
<p>Seither, seit fast vierzig Jahren hängt das Blatt neben meinem Schreibtisch. Kein Umzug, kein Wechsel der Arbeitszimmer konnte daran etwas ändern. Zugegeben, es ist ein etwas ruppiger lyrischer Lebensbegleiter. Manche Freunde, die davorstehen, um das Gedicht zu entziffern, finden meine Anhänglichkeit – milde formuliert – seltsam.</p>
<p>Schon der Titel lässt keinen Zweifel an der desillusionierenden, einer Ästhetik des Hässlichen verpflichteten Haltung, mit der Müller hier schreibt. Sie erinnert ein wenig an Gottfried Benns Morgue-Gedichte. In der Hochglanzwelt der Zahnpastareklame wird gern der Begriff Karies benutzt und er steht für eine Bagatellerkrankung, die medizinisch problemlos beherrschbar ist. In dem Wort „Zahnfäule“ dagegen klingt deutlich hörbar ein Zersetzungsprozess an, ein körperlicher Zerstörungsvorgang, der sich nicht wieder gut machen lässt.</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-2632" alt="FT08QXwWQAEnL_c" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/12/FT08QXwWQAEnL_c-224x300.jpg" width="224" height="300" />Mit der ersten Zeile erweitert Müller diesen Anklang an Verfall und Agonie dann ins Allgemeine. Die Fäulnis frisst nicht nur an den Zähnen, sondern an dem Menschen, an „mir“. Ich verstehe die ersten sieben Worte des Gedichts als denkbar knappes Memento mori: Als eine Vorahnung des Todes, die einen selbst in Paris, der Hauptstadt des Lebensgenusses, einholen kann.</p>
<p>Dann ändert das Gedicht ein wenig die Perspektive. Das „Ich“, das in diesen fünf Zeilen spricht, lenkt den Blick auf sich selbst, auf seine Gewohnheit zu viel zu rauchen und zu trinken. Es konstatiert diese Tatsache so sachlich wie möglich, ohne Ausflucht oder Beschönigung. In der Psychologie wird derartiges Suchtverhalten oft als Hinweis auf verstreckte Neigungen zur Selbstdestruktion, zur Autoaggression verstanden. Oder um es ebenso lapidar wie brutal zu formulieren: Als den uneingestandenen Wunsch, schneller zu sterben.</p>
<p>Tatsächlich war Heiner Müller in der Öffentlichkeit selten anzutreffen ohne zwei ständige Begleiter: die Zigarre und das Whiskyglas. Sein Gedicht arbeitet mit einem typischen Stilmittel der Moderne, dem Schock. Der Schock soll die alltägliche Wahrnehmung für einen Augenblick öffnen für ein Kunsterlebnis, das tiefer ins Bewusstsein eingreift – etwa durch die schmerzhaft zugespitzte Selbsteinschätzung: „Du stirbst zu langsam.“</p>
<p>Für mich ist das Gedicht eine nun bald vierzigjährige Mahnung. Nicht eine zur gesunden Lebensführung. Wohl aber die Aufforderung, auch den verdeckten, unbewussten Motiven des eigenen Handelns auf der Spur zu bleiben.</p>
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