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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Personen</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Statt eines Nachrufs auf den großen Germanisten Peter von Matt</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Apr 2025 06:01:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[F. Scott Fitzgerald]]></category>
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		<description><![CDATA[Was wollen uns die Küsse sagen? Eine Eloge auf Peter von Matt, seinerzeit geschrieben zu seinem 80. Geburtstag &#8211; und jetzt als Nachruf aus vollem Herzen Peter von Matt lernte ich vor über dreißig Jahren auf einer germanistischen Tagung in &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2669">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1>Was wollen uns die Küsse sagen?</h1>
<h2>Eine Eloge auf Peter von Matt, seinerzeit geschrieben zu seinem 80. Geburtstag &#8211; und jetzt als Nachruf aus vollem Herzen</h2>
<p>Peter von Matt lernte ich vor über dreißig Jahren auf einer germanistischen Tagung in Bochum kennen. Damals war ich verblüffenderweise jünger als heute und wohl auch selbstgewisser. Ich arbeitete bei einer Zeitung, fühlte mich als Literaturkritiker, und meine Skepsis gegenüber der Literaturwissenschaft erreichte ihren Höhepunkt. Als Entschuldigung darf ich vielleicht anführen, dass ich zu jener Zeit an meiner Dissertation schrieb und deshalb gezwungen war, eine Überdosis germanistischer Spezialstudien zu meinem kleinen Forschungsgebiet zu mir nehmen. Für mich hatte sich der Eindruck verfestigt, nirgendwo auf der Welt werde uneleganter, kleinkarierter, kunstverständnisloser formuliert und argumentiert als ausgerechnet in der Germanistik. Und diese Tagung würde meine Überzeugungen vollauf bestätigen, so viel war sicher.</p>
<div id="attachment_2670" class="wp-caption alignleft" style="width: 202px"><img class="size-medium wp-image-2670" alt="Peter von Matt: &quot;Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur&quot;. dtv, 12,90 Euro." src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2025/04/81fwKkFvJaL._SL1500_-192x300.jpg" width="192" height="300" /><p class="wp-caption-text">Peter von Matt: &#8220;Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur&#8221;. dtv, 12,90 Euro.</p></div>
<p>Doch dann hielt Peter von Matt den Eröffnungsvortrag, es ging um „Spiele des Lachens“ in der Literatur, und ich war von meiner Skepsis kuriert. Er formulierte elegant, mit weitem intellektuellen Zuschnitt und einem beneidenswerten Fingerspitzengefühl für die Antriebskräfte der Schriftsteller. Er sprach über „Spiele des Lachens“ und brachte sein Publikum dabei zumindest zum Lächeln, und was er sagte, schärfte nicht nur den Blick auf die Literatur, sondern auch aufs Leben.</p>
<p>Peter von Matt erzählte, ja wirklich: er erzählte unter anderem von Caroline Schlegels Reaktion auf ein zu ihrer Zeit frisch erschienenes, heute längst zum Monument erstarrtes Stück deutscher Lyrik, und von dem schönen Satz, den sie an einen ihrer Briefpartner schrieb: „Über ein Gedicht von Schiller, das Lied von der Glocke, sind wir gestern Mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen.“ Und tatsächlich war, wie Peter von Matt leichthändig zeigte, die aus formal perfekten, idealistischen, todernsten Versen erbaute Welt der Schiller-Glocke schreiend komisch, sobald man sie mit den Augen eines Menschen anschaute, der an der keineswegs so perfekten und idealen Einrichtung der realen Welt litt wie Caroline Schlegel. Peter von Matt sprach, wenn ich mich heute, dreißig Jahre danach noch richtig entsinne, von dem „verharmlosenden Ernst“, zu der die Literaturwissenschaft bei der Betrachtung von Literatur neige und von der radikalen Sprengkraft der Komik, die mit literaturwissenschaftlichen Begriffen so schwer zu fassen ist.</p>
<p>Durch allerlei dreiste Manöver gelang es mir, bei dem Mittagessen, das auf seinen Vortrag folgte, einen Platz neben Peter von Matt zu ergattern. Ich weiß nicht, wie sehr ich ihm mit meinem Versuch, von meiner Bewunderung für seine Arbeit zu reden, beim Essen auf die Nerven gegangen bin. Scham überkommt mich, wenn ich daran denke. Aber eines weiß ich noch genau: Irgendwann ließ Peter von Matt seinen Blick über den Mittagstisch wandern, jenen Blick, mit dem er immer wieder entscheidende, zuvor übersehene Details in den Werken der Schriftsteller entdeckte, um sie seinem staunenden Publikum vorzulegen, Peter von Matt also ließ seinen Blick über unseren Tisch wandern, ergriff einen der kleinen Löffel, die bei den Tellern der Mittagsgäste lagen, hielt ihn hoch und fragte mich: „Was bedeutet das?“ Ich hatte keinen blassen Schimmer. Woraufhin Peter von Matt vorfreudig lächelte und sagte: „Das bedeutet: Wir kriegen noch Nachtisch.“</p>
<p>Seither zählt Peter von Matt zu meinen Stars der Germanistik. Seine Bücher sind eine Leselust, er ist ein Stilist von Gnaden, ein weiser Mann der Literatur, der sein enormes Wissen mit Charme und Witz, mit intellektueller Präzision und tänzerischer Leichtigkeit austeilt. Sein jüngstes Buch „Sieben Küsse“ ist ein prachtvolles Beispiel für diese seine Kunst, der Sprache der Schriftsteller nachzulauschen und das, was sie sagen, deutlicher ins Bewusstsein zu heben.</p>
<p>Denn die Literatur hat, schreibt er, ihren eigenen Blick auf die Welt. Sie ist ein uraltes System der Welterklärung ebenso wie Wissenschaft, Philosophie oder Religion. Die Schriftsteller denken in Szenen, so wie die Philosophen in Begriffen und Theorien denken. Für die Literatur zählt immer nur der lebendige Einzelfall, das konkrete Detail – aber sie vermag den Einzelfall, das Detail symbolisch aufzuladen und ihnen so zu überlebensgroßer Bedeutung zu verhelfen. Denn die Literatur, sagt von Matt, „hat sich, im Unterschied zu den andern Systemen, nie ganz abgelöst vom Blick des Kindes. Für das Kind gibt es noch keine Ordnung der Dinge. Alles kann riesig sein oder wie nicht vorhanden. Ein Stein auf dem Weg ist kostbar wie der Rubin in der Königskrone. Er ist sogar lebendig wie ein Tier.“</p>
<p>Und weil, so von Matt, Literatur Wege zeigt, die aus den üblichen Hierarchien und Ordnungsmuster hinausführen, kann sie verschollene, ins unbewusste abgesunkene Erfahrungen wachrufen, „Erfahrungen aus den Urzeiten des eigenen Lebens oder Erfahrungen aus den Urzeiten der Menschheit“. Natürlich wird auch in der Literatur über solche Erfahrungen nachgedacht, aber da diese Erfahrungen in Szenen vergegenwärtigt werden, nicht in Begriffen oder Theorien, bleibt in ihnen immer ein unausdeutbarer Rest, etwas, das man erahnen, aber nicht ganz und gar erklären kann. Wie immer man sich über dieses Denken in Szenen „innerhalb oder außerhalb des Textes den Kopf zerbricht, zu einem vollständig in Sprache übersetzten Verständnis gelangt man nie.“</p>
<p>Wie aber, fragt von Matt, geht das Welterklärungssystem Literatur mit der Sehnsucht nach dem Glück um? Das ist das Forschungsprojekt seines neuen Buches „Sieben Küsse“. Da die Literatur in Szenen denkt, spricht sie auch von dieser Sehnsucht in Szenen und eine der Urszenen des Glückes ist der Kuss. Also spürt von Matt sieben großen Kussszenen der Weltliteratur nach, Küssen, mit denen das Leben ein anderes wird für die küssenden Geschöpfe der Literatur, Küsse, in denen sich das verdichtet, was die Schriftsteller zur Sehnsucht nach dem Glück zu sagen haben.</p>
<p>Er findet diese Szenen im „Großen Gatsby“ des Amerikaners F.Scott Fitzgerald, im Roman „Mrs Dalloway“ der Engländerin Virginia Woolf, in Erzählungen des Schweizers Gottfried Keller und des Österreichers Franz Grillparzer, in der „Marquise von O.“ des unpreußischen Preußen Heinrich von Kleist, in einem Kurzroman der Französin Marguerite Duras und einer Shortstory des Russen Anton Tschechow. Wie gesagt, Peter von Matts Horizont ist niemals eng, er klammert sich weder an Epochen- noch an Sprachgrenzen. Und ihm gelingt immer wieder, was in der Literaturwissenschaft häufig genug nicht einmal versucht wird: Er macht neugierig, ja regelrecht gierig auf die Bücher, über die er schreibt. Das liegt zum einen daran, dass er, der über die Kunst des Erzählens schreibt, zugleich eine Kunst des Nacherzählens beherrscht, und keine Mühe scheut, seinen Lesern die Geschichten, von denen er spricht, auch vor Augen zu rücken. Zum andern liegt es an seiner Fähigkeit, diese Geschichten eben nicht als bloße Objekte der Analysen zu behandeln, sondern als kunstvolle Versuche der Schriftsteller, Erfahrungen zur Sprache zu bringen, die auf anderem Weg schwer oder gar nicht zu formulieren sind.</p>
<p>Literatur ist nämlich für Peter von Matt kein Spaß – auch wenn es ein großes Vergnügen ist, seinen Argumentationen zu folgen. Wenn er schreibt, dass Literatur ein Versuch der Welterklärung ist, dann ist das auch so zu verstehen, dass die Welt der Erklärung bedarf, dass wir oft vor Rätseln stehen, die uns nicht selten quälen, und wir froh sein dürfen, diesen Rätseln mit der Macht der Literatur zu Leibe rücken zu können. Literatur hat nicht immer Recht, warnt von Matt ausdrücklich. Aber unausgesprochen liegt in dieser Warnung das Versprechen, manchmal habe sie eben doch Recht und könne dabei helfen, das rätselvolle Leben etwas weniger rätselhaft machen und uns in ihm ein bisschen heimischer.</p>
<p>Dazu muss man Literatur allerdings genau lesen und zu verstehen versuchen, was in dem Text steht, und nicht die Theorien in ihn hineinlesen, die man ohnehin schon im Kopf hat. In Kleists „Marquise von O.“ zum Beispiel gibt ein Vater seiner verloren geglaubten, aber für ihn dann doch geretteten Tochter einen Kuss, der kein einfacher Kuss mehr ist, sondern eine wahre Kussorgie. Die feministische Literaturtheorie interpretiert diese skandalöse Szene gern als patriarchalischen Gewaltakt, als inzestuöse Beinahe-Vergewaltigung der zu Anfang der Novelle bereits vergewaltigten Marquise. Doch von Matt zeigt, dass diese Interpretation nicht aufgehen kann, wenn man liest, was Kleist tatsächlich geschrieben hat, und diese Szene ein Skandal extremer Gefühle bleibt, die sich üblichen Deutungsmustern nicht fügt.</p>
<p>Peter von Matts Grundüberlegung in diesem Buch, die Literatur denke in Szenen, ist selbstverständlich nicht als absolute Maxime gedacht. Niemand muss von Matt erklären, dass es unszenische Formen von Literatur gibt, denen man Gedankenarmut gleichwohl nicht nachsagen kann. Dennoch verstehe ich von Matts Lehrsatz auch als einen klugen Hinweis auf die besonderen Qualitäten des Erzählens, von dem manche Parteigänger der literarischen Moderne so gern behaupten, es sei längst überlebt und im Rahmen eines ernsthaften ästhetischen Nachdenkens nicht mehr satisfaktionsfähig. Wer heute an die erzählerischen Traditionen des Denkens in Szenen anknüpft, fesselt sich deshalb noch lange nicht an billige literarische Konventionen – auch das ist in von Matts fabelhaftem Buch über „Sieben Küsse“ zu lernen.</p>
<p>Für mich persönlich hat Peter von Matt nur einen Nachteil. Er lebt in Zürich. Und Zürich liegt, aus welchen Zufällen auch immer, unglücklicherweise weitab von meinen Reisepflichten. Wäre das anders, hätte ich längst wieder einmal allerlei dreiste Manöver unternommen, um ihn zu einem Essen und einem Gespräch über Literatur zu gewinnen. Zu einem Essen samt kleinem Löffel, der ihm von Anfang an verspricht: „Wir kriegen noch Nachtisch.“</p>
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<td align="center" valign="top"><a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3446254625/rezensionsforuml" target="_blank"><img title="Zur Amazon Bestellseite" alt="Titelbild" src="https://m.media-amazon.com/images/I/41Ow68IwH+L._SL160_.jpg" width="75" /></a><a href="http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3446254625/rezensionsforuml" target="_blank"><img title="Zur Amazon Bestellseite" alt="" src="https://literaturkritik.de/public/images/amazon_kaufen.gif" width="90" /></a></td>
<td valign="top" width="100%"><a title="Informationen über den Autor" href="https://literaturkritik.de/public/online_abo/lexikon-literaturwissenschaft-autoren-von-matt-peter,11,14,7612">Peter von Matt</a>: Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur.<br />
Carl Hanser Verlag, München 2017.<br />
288 Seiten, 22,00 EUR.<br />
ISBN-13: 9783446254626<a name="biblio"></a></td>
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		<title>Verspäteter verfrühter Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2022 17:51:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Hannah Arendt. Postmoderne]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Magnus Enzensberger]]></category>

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		<description><![CDATA[Nicht nur Bücher haben ihre Schicksale, manchmal haben sogar Zeitungsartikel so etwas wie ein Schicksal. Den folgenden Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger habe ich im Jahr 2010 gechrieben, also rund zwölf Jahre zu früh. Es war ein Artikel auf Vorrat &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2610">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Nicht nur Bücher haben ihre Schicksale</strong>, manchmal haben sogar Zeitungsartikel so etwas wie ein Schicksal. Den folgenden Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger habe ich im Jahr 2010 gechrieben, also rund zwölf Jahre zu früh. Es war ein Artikel auf Vorrat &#8211; Zeitungsredaktionen möchten gern für alles gerüstet sein, und Nachrufe auf bedeutende Persönlichkeiten jenseits des achtizigsten Geburtstags werden vorab geschrieben, und für den Fall der Fälle bereit gehalten.</em></p>
<div id="attachment_2611" class="wp-caption alignright" style="width: 168px"><img class="size-full wp-image-2611" alt="Stefan Moses: Hans Magnus Enzensberger. Eine Hommage. Verlag Schirmer &amp; Mosel, 29,80 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/41F71uKQM5L._AC_UY218_.jpg" width="158" height="218" /><p class="wp-caption-text"><em>Stefan Moses: Hans Magnus Enzensberger. Eine Hommage. Verlag Schirmer &amp; Mosel, 29,80 Euro</em></p></div>
<p><em>Diesen Nachruf habe ich nach seiner Fertigstellung aber per Email nicht an die Redaktion geschickt, für die ich damals arbeitete, sondern zunächst irrtümlicherweise an einen freundlichen Cousin. Erst als er mich auf dieses Fehler aufmerksam machte, habe ich ihn dann in die richtigen Hände leiten können. Als jetzt, zwölf Jahre später, HME bedauerlicherweise tatsächlich gestorben ist, hatte ich den Artikel längst vergessen &#8211; und die Redaktion, für die ich ihn damals geschrieben habe, offensichtlich auch. Jedenfalls wurde er vergangene Woche nicht gedruckt. Und wieder war es jetzt der freundliche Cousin, er heißt Michael, der mich an den Nachruf <em>auf einen von mir hochgeschätzten Schriftsteller</em> erinnerte und ihn mir noch einmal zuschickte.</em></p>
<p><em>Und als wäre das für einen Zeitungsartikel noch nicht Schicksal genug, landete Michaels aktuelle Email samt HME-Nachruf in meinem Spam-Ordner, wo ich sie erst jetzt, mit einigen Tagen Verspätung, gefunden habe. Damit bietet sich mir die einmalige Gelegenheit, hier einen zwölf Jahre verfrüht geschriebenen Nachruf mit einigen Tagen Verspätung zu veröffentlichen.</em></p>
<h1><strong>Hans MAGNUS Enzensberger</strong></h1>
<h2><strong>Ein Nachruf</strong></h2>
<p>Er war nie so recht zu fassen. Und er hat zeitlebens großen Wert darauf gelegt, immer ein wenig unfassbar zu bleiben. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass Dichter und Denker keine Betongießer sind, denen alles unter den Händen zu toter, wandlungsloser Unverrückbarkeit erstarrt, dann wäre Hans Magnus Enzensberger ein schlagendes Beispiel. Er hatte viel zu viele Talente und Interessen, war viel zu erfahrungsgierig und abenteuerlustig, als dass er ein Leben ohne Metamorphosen hätte leben können. Sein Freund, der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson sprach einmal davon, dass Enzensberger über ein ganzes Bündel von Persönlichkeiten verfüge, die jeweils einzeln, aber auch alle zusammen auf den Namen Enzensberger hörten.</p>
<div id="attachment_2612" class="wp-caption alignleft" style="width: 141px"><img class="size-full wp-image-2612" alt="Hans Magnus Enzensberger: &quot;Der Untergang der Titanic&quot;. Eine Komödie. Suhrkamp Verlag,  8 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/71NdmQhG+MS._AC_UY218_.jpg" width="131" height="218" /><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &#8220;Der Untergang der Titanic&#8221;. Eine Komödie. Suhrkamp Verlag, 8 Euro</p></div>
<p>Seine Gegner haben ihm das oft übel genommen. Sie nannten ihn unzuverlässig und flatterhaft, nannten ihn einen Hans Dampf in allen Gassen des Zeitgeists oder schärfer noch: einen Renegaten und Verräter, weil er mancher linken Idee, die er in den wilden sechziger Jahren propagierte, bald darauf achselzuckend den Rücken kehrte. Doch das beunruhigte ihn augenscheinlich wenig. Seit er 1945 als fünfzehnzehnjähriger Volkssturmknabe von gewissenlosen Befehlshabern losgeschickt wurde, um amerikanische Panzer aufzuhalten, hatte er ein für allemal begriffen, dass auf getreuer Pflichterfüllung weit weniger Segen ruhen kann als auf kühn geplanter Desertion.</p>
<p>Sein Aufstieg im Literaturbetrieb der noch jungen Bundesrepublik ist bis heute nahezu beispiellos: 1957 erschien sein erstes Buch, der Lyrikband „Verteidigung der Wölfe“ und bereits 1963, mit nur 33 Jahren, erhielt er den Büchnerpreis, die höchste literarische Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat. In der kurzen Zeit dazwischen hatte er zwei weitere Gedichtbände publiziert, Essays zum Neckermann-Katalog, zur Sprache des „Spiegels“, zum Film und zur FAZ veröffentlicht, mit denen er sich als fulminanter Medienkritiker erwies und erste Aufsätze zu „Politik und Verbrechen“ (1964) geschrieben, die ihn in einen politologischen Disput mit der in USA lehrenden Philosophin Hannah Arendt verstrickten. Er war ein literarischer Shooting-Star von europäischem Format, kein Poet in weltferner Klause, sondern ein „Luftwesen“, wie Dichterkollege Peter Rühmkorf ihn beschrieb, immer unterwegs zu „dringenden Terminen, Verabredungen auf Flugplätzen, Besprechungen in Hotel-Lobbys, Projektkonferenzen für alle Medien und auf allen Wellenlängen.“</p>
<p>Enzensberger schien den von den Nazis abgebrochenen Kontakt der deutschen Literatur zu den Debatten der Weltkultur eigenhändig und im Alleingang wiederherstellen zu wollen. Mit seinem 16-sprachigen „Museum der modernen Poesie“ (1960) präsentierte er die Meisterleistungen der lyrischen Moderne einem damit weitgehend unvertrauten deutschen Publikum. Im Nachwort allerdings verkündete er dann das Ende der Moderne und den Beginn einer Nach-Moderne: Man kann diesen Essay als das weltweit erste präzise argumentierende Manifest der literarischen Postmoderne betrachten – erschienen wenige Monate nachdem der Begriff in Amerika geboren und Jahrzehnte bevor er dann in Deutschland endlich diskutiert wurde.</p>
<p>Wenn zunächst niemand seine Gedanken aufgriff, wie in diesem Fall, weil er den Zeitgenossen meilenweit voranstürmte, verbiss sich Enzensberger nicht in sein Thema, sondern wandte sich munter dem nächsten zu. Er trug wie kaum ein anderer deutsche Schriftsteller zur Politisierung der sechziger Jahre bei. Seine 1965 gegründete Zeitschrift „Kursbuch“ erreichte Schwindel erregende Auflagen und wurde zum intellektuellen Orientierungsmittel einer rebellierenden Generation. Um den Einfluss, über den er damals verfügte, dürften ihn nicht nur Schriftsteller, sondern selbst Politiker beneidet haben.</p>
<div id="attachment_2613" class="wp-caption alignright" style="width: 141px"><img class="size-full wp-image-2613" alt="Hans Magnus Enzensberger: &quot;Politik und Verbrechen&quot;. Neun Beiträge. Suhrkamp Verlag. 14 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/81xDrrd5BrL._AC_UY218_.jpg" width="131" height="218" /><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &#8220;Politik und Verbrechen&#8221;. Neun Beiträge. Suhrkamp Verlag. 14 Euro</p></div>
<p>Dennoch bezeichnet diese Zeit nicht nur einen Höhe-, sondern zugleich den Tiefpunkt seiner Karriere. Mitgerissen vom scheinrevolutionären Schwung ließ sich Enzensberger, der Ironiker und Feind jedes politischen Romantizismus, zu Thesen verführen, die sich nur durch zeitweilige Bewusstseinstrübung erklären lassen. 1968 bricht er einen Aufenthalt an einer amerikanischen Universität ab, weil ihn die in den Vietnamkrieg verstrickten USA „an die deutsche Situation in den dreißiger Jahren“ erinnern, also an den sich anbahnenden oder bereits etablierten Nationalsozialismus. Stattdessen reist er für einige Monate in das Kuba Fidel Castros, um unter Palmen beim Aufbau des Sozialismus zu helfen.</p>
<p>Doch Kehrtwendungen waren nie Enzensbergers Problem. „Wahrheit“, schrieb er einmal, „ist die permanente Revision.“ Sein kubanischer Abstecher heilte ihn von politischen Illusionen. Hatte man in der Vergangenheit gelegentlich den Eindruck, er mache der Realität im Namen der Ideale den Prozess, so begann er nun noch konsequenter als zuvor die Ideale an der Realität zu messen und viele davon für unbrauchbar zu erklären. „Manchmal gefallen mir meine eigenen Essays nicht mehr“, sagte er damals, „weil sie in dieser Tradition der Rechthaberei stehen.“</p>
<p>Was daraufhin folgte, klang nicht selten wie eine groß angelegte Verteidigung der von Intellektuellen so gern verachteten braven Bundesrepublik. Enzensberger verabschiedete sich geschichtsphilosophischen Gewissheiten, die so oft in Totalitarismus und Terror endeten und entdeckte die Geschichte als kontingenten, vom Zufall abhängigen Prozess. Also predigte er die Weisheit eines von Ideologien unbeschwerten politischen Sichdurchwurschtelns. Er war in bester liberaler Tradition nie ein Freund starker Staatsgewalt gewesen, sondern immer ein Verfechter der Selbstorganisation der „Leute“ und hatte auch linke Ideen immer an diesem Ziel gemessen. Nun aber ging er soweit, ein – nur leise ironisches – Loblied auf die unermüdliche Strebsamkeit und den Common Sense des Kleinbürgertums anzustimmen.</p>
<div id="attachment_2614" class="wp-caption alignright" style="width: 143px"><img class="size-full wp-image-2614" alt="Hans Magnus Enzensberger: &quot;Gedichte 1950 - 2020&quot;. Suhrkamp Verlag, 14 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/71o3OK9YO4S._AC_UY218_.jpg" width="133" height="218" /><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &#8220;Gedichte 1950 &#8211; 2020&#8243;. Suhrkamp Verlag, 14 Euro</p></div>
<p>Weiter konnte er sich vom Avantgardedenken seiner frühen Jahre, das gelegentlich mehr als nur einen Anflug von Massenverachtung zeigte, nicht entfernen. Dass er auch damit seiner Zeit weit voraus war, belegt der Misserfolg seines Journals „TransAtlantik“. Ein grandioses Essay- und Reportagemagazin, das einige der klügsten deutschen und internationalen Schreiber auf Hochglanzseiten vereinte und alte linke Weggefährten schon mit dem Untertitel „Journal des Luxus und der Moden“ provozierte. Doch der deutsche Literaturbetrieb war auf eine derart selbstbewusste Rückkehr bürgerlicher Lebens- und Lesekultur noch nicht vorbereitet und so gab Enzensberger die Zeitschrift 1982 nach nur zwei Jahren wieder auf.</p>
<p>Angesichts der Ruhelosigkeit und Nervosität seines Denkens, ist die Entwicklungslosigkeit der Lyrik Enzensbergers umso auffälliger. Auch wenn sich seine Themenschwerpunkte gelegentlich verschoben, ist er sich als Dichter zumindest in formaler Hinsicht jahrzehntelang auffällig treu geblieben. Schon für seine ersten Gedichte Mitte der fünfziger Jahre bevorzugte er vor allem reimlose, freirhythmische Verse und mied die traditionellen strengen Gedichtformen. Bis zu seinen letzten Bänden hat sich daran nichts geändert. Enzensberger schöpfte das Sprachmaterial seiner Poesie aus dem Umgangsdeutsch, das den Geist der Zeit und der Zeitgenossen zuverlässig einfängt und liebte es, abgenutzte Phrasen in neue, überraschende Zusammenhänge zu rücken, um sie den Lesern in flirrend Frische neu vor Augen treten zu lassen.</p>
<p>Enzensberger verband all das mit der Schärfe seines Intellekts, der Aggressivität seines politischen Urteils, aber auch seiner tänzelnd ironischen Lebenshaltung zu einem unverkennbaren Ton, der mal schneidend streng werden konnte, mal melancholisch oder auch federnd leicht, doch nie sich in raunende Dunkelheit verlor. In seiner Lyrik klingt immer wieder eine Wunschvorstellung an, die er als politisch unerledigte Aufgabe betrachtete: Eine lebenswerte Welt für souveräne Individuen. In „Utopia“, einem seiner frühesten Gedichte, heißt es: „Die Liebe / wird polizeilich gestattet, / ausgerufen wird eine Amnestie / für die Sager der Wahrheit. / Die Bäcker schenken Semmeln / den Musikanten. Die Schmiede beschlagen mit Eisernen Kreuzen / die Esel. Wie eine Meuterei / bricht das Glück, wie ein Löwe aus.“</p>
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		<title>Lobrede auf Sven Regener</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Sep 2022 09:07:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Weltherrschaft ist nicht wichtig im Café Einfall Am 1. September erhielt Sven Regener den Sondermann-Preis 2022 für komische Kunst und Literatur. Die Auszeichnung wird gern der &#8220;Oscar&#8221; der komischen Kunst in Deutschland genannt. Die Verleihung fand ein einer vom &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2598">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Die Weltherrschaft ist nicht wichtig im Café Einfall</strong></h1>
<h2>Am 1. September erhielt <strong>Sven Regener</strong> den Sondermann-Preis 2022 für komische Kunst und Literatur. Die Auszeichnung wird gern der &#8220;Oscar&#8221; der komischen Kunst in Deutschland genannt. Die Verleihung fand ein einer vom Sondermann-Verein ausgerichteten Gala im Club &#8220;Zoom&#8221; in Frankfurt statt. Ich durfte Sven Regener in einer kleinen Laudatio feiern. Hier ist sie:</h2>
<div id="attachment_2603" class="wp-caption alignright" style="width: 252px"><img class="size-full wp-image-2603" alt="Sven Regener: &quot;Herr Lehmann&quot;. Roman. Goldmann Verlag, 9,99 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/09/11255372n.jpg" width="242" height="383" /><p class="wp-caption-text">Sven Regener: &#8220;Herr Lehmann&#8221;. Roman. Goldmann Verlag, 9,99 Euro</p></div>
<h3>Verehrtes Publikum, haben sie schon mal versucht, einen Roman von Sven Regener nachzuerzählen?  Das ist verdammt schwierig, vielleicht sogar unmöglich. Denn Regener erzählt nicht <b>eine</b> Geschichte, sondern gleich einen ganzen Haufen Geschichten, die sich parallel entwickeln, miteinander verschlingen, nach allen Seiten fortwuchern und zu unabsehbarer Größe heranwachsen. Kurz, Regener ist gar kein Romancier, sondern ein Epiker. Und sein ungeheurer epischer Erzähl-Kosmos blüht und gedeiht seit jetzt über 20 Jahren in den paar Straßen zwischen Görlitzer Park und Kottbusser Tor und zeichnet ein großartiges Porträt der achtziger Jahre.</h3>
<h3>Wenn sie mich, verehrtes Publikum, nun fragten, was denn der Unterschied ist zwischen einem handelsüblichen Roman und einem fabelhaften Sven-Regener-Epos, dann gestehe ich sofort, dass ich keine Ahnung habe und erst recht keine Definition. Aber ich erkenne ein Epos, wenn ich eines lese.</h3>
<div id="attachment_2602" class="wp-caption alignleft" style="width: 199px"><img class="size-medium wp-image-2602" alt="Sven Regener: &quot;Der kleine Bruder&quot;. Roman. Goldmann Verlag. 9,99 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/09/27948731z-189x300.jpg" width="189" height="300" /><p class="wp-caption-text">Sven Regener: &#8220;Der kleine Bruder&#8221;. Roman. Goldmann Verlag. 9,99 Euro</p></div>
<h3>Zugegeben, Berlin-Kreuzberg ist nicht Mittelerde und Regeners Held Frank Lehmann kein Herr der Ringe. Aber wer glaubt, als Herr des Bieres im Café Einfall sei Frank Lehmann kein Mann von maßloser Macht, der hat noch nie durstig an einer Theke gesessen. Und zugegeben, Frank Lehmann ist nicht der <b>kleine Hobbit</b>, aber auch als der <b>kleine Bruder</b> ist er in endlose Kämpfe verstrickt. Bei diesen Kämpfen geht es nicht darum, Sauron die Weltherrschaft zu entreißen, sondern um etwas, dass in den achtziger Jahren noch viel wichtiger war als Weltherrschaft, nämlich die sogenannte Selbstverwirklichung.</h3>
<h3>Ein großer Teil der Komik von Sven Regeners Alltags-Epos rührt, so kommt es mir vor, her von dem inständigen Wunsch der Bewohner Kreuzbergs, haargenau als derjenige oder diejenige anerkannt zu werden, als der oder die sie gesehen werden wollen. Man merkt das nicht zuletzt beim Umgang mit ihren Namen. Frank Lehmann möchte um jeden Preis Frank sein, nicht Herr Lehmann und schon gar nicht Frankie. Karl Schmitt möchte auf keinen Fall Charlie genannt werden. Peter von Immel will unbedingt P.Immel sein. Susi möchte Kerstin heißen. Und H.R. will niemals Heinz-Rüdiger gerufen werden – was ich gut verstehen kann.</h3>
<div id="attachment_2604" class="wp-caption alignright" style="width: 153px"><img class="size-full wp-image-2604" alt="Sven Regener: &quot;Wiener Strasse&quot;. Roman. Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch. 12 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/09/81XJbpcwOEL._AC_UY218_.jpg" width="143" height="218" /><p class="wp-caption-text">Sven Regener: &#8220;Wiener Strasse&#8221;. Roman. Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch. 12 Euro</p></div>
<h3>Sven Regener hat Kreuzberg nicht nur ein Denkmal gesetzt, er hat es in unser Denken hineinversetzt. Oscar Wilde hat einmal gesagt, das 19. Jahrhundert sei, so wie wir es kennen, im Wesentlichen eine Erfindung von Balzac. Kreuzberg ist, so wie wir es heute kennen, eine Erfindung von Sven Regener. Und der Sondermann-Preis ist dafür die angemessene, längst überfällige Anerkennung.</h3>
<h3>Vielen Dank!</h3>
<h3></h3>
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		<title>Hans Christoph Buch &#8220;Nächtliche Geräusche im Dschungel&#8221;</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2592</link>
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		<pubDate>Sat, 21 May 2022 13:57:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Christoph Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Jovenel Moïse]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie man sich das eigene Bild von der Welt macht Nicht reden, sondern reisen – der Schriftsteller und Abenteurer Hans Christoph Buch veröffentlicht seine postkolonialen Notizen / Von Uwe Wittstock Hans Christoph Buch gehört zu den meistgereisten Schriftstellern Deutschlands. Er &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2592">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Wie man sich das eigene Bild von der Welt macht</strong></h1>
<h2>Nicht reden, sondern reisen – der Schriftsteller und Abenteurer <strong>Hans Christoph Buch</strong> veröffentlicht seine postkolonialen Notizen / Von Uwe Wittstock</h2>
<p>Hans Christoph Buch gehört zu den meistgereisten Schriftstellern Deutschlands. Er ist Abenteurer, Reporter, Forschungsreisender und Autor in einem. Es gibt weltweit kaum einen Krisenherd der letzten dreißig Jahre, den er nicht besucht hat. Er will sich sein Bild von der Welt nicht nach Aktenlage machen, sondern durch eigene Anschauung.</p>
<div id="attachment_2593" class="wp-caption alignleft" style="width: 328px"><img class="size-full wp-image-2593" alt="Hans Christoph Buch: &quot;Nächtliche Geräusche im Dschungel&quot;. Transit-Verlag. 20 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/05/41PUJITVkvL.jpg" width="318" height="500" /><p class="wp-caption-text">Hans Christoph Buch: &#8220;Nächtliche Geräusche im Dschungel&#8221;. Transit-Verlag. 20 Euro</p></div>
<p>„Es gibt“, hat er in seinem erschütternden Reportagebuch „Blut im Schuh“ geschrieben, „existentielle Herausforderungen, denen ein Autor sich stellen muss, wenn er etwas über sich und die ihn umgebende Welt herausfinden will, was er nicht schon vorher gewusst hat. Ich rede von Grenzsituationen wie Geburt und Tod, Gefängnis und Exil, Folter und Krieg, die man, weil die Einfühlung versagt, nicht zu Hause am Schreibtisch nachvollziehen kann.“</p>
<p>Er war in Tschetschenien, als die Russen Grosny zerbombten wie jetzt Mariupol in der Ukraine, er war bei den Rebellen in Dafur, die bei 50 Grad ohne Schatten gegen die Milizen des Sudans kämpften, er musste in Osttimor mitansehen, wie zehn aneinandergekettete Menschen mit Benzin übergossen und verbrannt wurden, hat den Bürgerkrieg im Kosovo beobachtet und die Leichenfelder Kambodschas oder Ruandas gesehen, wo beim Völkermord der Hutus an den Tutsis in nur 100 Tagen rund eine Million Menschen umkamen.</p>
<p>Auch wenn jeder Reporter für solche Reisen immer den guten Grund vorweisen kann, seinen Lesern ungefilterten Informationen über die mörderischen Konflikte dieser Welt verschaffen zu wollen, sind solche Expeditionen dennoch ein zweischneidiges Unterfangen. Denn immer spielt zweifelhafte Sensationsgier und Abenteuerlust dabei mit. Natürlich ist sich Buch auch über diesen Aspekt seiner Arbeit klar und spricht selbstkritisch davon, längst einer „Sucht“ verfallen zu sein nach der Erlebnisintensität, die Kriege oder Katastrophen bereithalten. Wogegen ihm der Alltag in den gut geordneten Verhältnissen hierzulande mitunter belanglos und fade vorkommt.</p>
<p>In seinem jüngsten Buch „Nächtliche Geräusche im Dschungel“ (Transit Buchverlag, 20 Euro) erzählt er wieder von fernen, aber glücklicherweise etwas friedlicheren Weltgegenden: Von dem wirtschaftlichen Niedergang Südafrikas, von den tastenden Versuchen des westafrikanischen Guinea, nach jahrzehntelanger Gewaltherrschaft Sékou Tourés wieder so etwas wie eine Zivilgesellschaft zu errichten, von Äthiopien, das jetzt allmählich vom Pauschaltourismus entdeckt wird oder von Nicaragua, wo die Rebellen, die einst den Diktator Somoza stürzten, inzwischen selbst eine waschechte Diktatur errichtet haben.</p>
<p>Und immer wieder kehrt er, wie schon in anderen Büchern zuvor, nach Haiti zurück, einem der ärmsten und elendesten Länder der Welt. Denn mit Haiti verbinden ihn eine familiäre Vergangenheit: Sein Großvater ließ sich dort 1897 als Apotheker nieder und heiratete eine Haitianerin.</p>
<div id="attachment_2594" class="wp-caption alignright" style="width: 149px"><img class="size-full wp-image-2594" alt="Hans Christoph Buch" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/05/10hcb_kl.jpg" width="139" height="104" /><p class="wp-caption-text">Hans Christoph Buch</p></div>
<p>Schon das, was er über diese Katastrophenregion berichtet, reicht aus, um den Leser fassungslos zu machen. Nach einem blutigen Sklavenaufstand erklärte sich Haiti 1804 als erstes Land der Karibik für unabhängig. Seither wechseln sich diktatorische oder korrupte Regime in endloser Folge ab und richten Haiti wieder und wieder zugrunde. Weder eine Militärintervention der USA, noch ein UNO-Mandat konnten bislang an der desaströsen wirtschaftlichen Lage etwas ändern. Ein Erdbeben forderte 2010 über 300.000 Tote und zerstörte die Hauptstadt – die bis heute nicht wieder aufgebaut wurde. Es gibt kaum noch funktionierende staatliche Strukturen, die Macht liegt bei bewaffneten Banden und Warlords. Präsident Jovenel Moïse wurde im vergangenen Jahr ermordet, die Täter nie ermittelt.</p>
<p>Vielleicht liegt es am Übermaß des Elends, von dem Hans Christoph Buch zu berichten hat, dass er zwischen die faktengesättigten Reportagen immer wieder seiner literarischen Fantasie freien Lauf lässt und kurze Erzählungen einstreut. Sie wirken wie letzte Utopien in einer unheilen Welt. Oder wie der Versuch, der Vergangenheit, die einen falschen, gewaltsamen Weg nahm, den Traum einer besseren Entwicklung entgegenzustellen.</p>
<p>Zu alledem scheut Hans Christoph Buch nicht den Streit mit sogenannten postkolonialen Aktivisten hierzulande, die stets handliche Erklärungen bereit halten für alle Probleme der notleidenden Länder. Und die in erster Linie auf die strenge Einhaltung der jeweils neuesten, „woken“ Sprachregelungen achten – so als wäre die Bekämpfung der Armut und des Leids zu allererst eine Frage des richtigen Vokabulars. Buch will sich von sicherlich wohlmeinenden Leuten, die eher selten ihren Schreibtisch verlassen, nicht über die Zustände in Ländern belehren lassen, die er oft und manchmal unter Einsatz seines Lebens bereist hat.</p>
<p>Hans Christoph Buch: „Nächtliche Geräusche im Dschungel. Postkoloniale Notizen“ Transit Buchverlag. Berlin 2022. 190 Seiten. 20 Euro</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Über Anna Katharina Hahns Familienroman &#8220;Aus und davon&#8221;</title>
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		<pubDate>Sun, 12 Dec 2021 17:58:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Anna Katharina Hahn]]></category>

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		<description><![CDATA[Im November durfte ich Anna Katharina Hahn als Laudator zum Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger 2020 gratulieren. Sie wurde ausgezeichnet für ihren Roman „Aus und davon“. In den Wochen danach war ich so überhäuft von Tagesarbeit und verschiedenen Verpflichtungen für &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2573">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Im November durfte ich <strong>Anna Katharina Hahn</strong> als Laudator zum Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger 2020 gratulieren. Sie wurde ausgezeichnet für ihren Roman <strong>„Aus und davon“</strong>. In den Wochen danach war ich so überhäuft von Tagesarbeit und verschiedenen Verpflichtungen für mein Buch &#8220;Februar 33&#8243;, dass ich weder die Zeit noch die Energie fand, die Rede online zu stellen. Jetzt komme ich endlich dazu und hoffe, dass meine kleine Rede Leser auf diesen wichtigen und schönen Roman aufmerksam machen und vielleicht zur Diskussion über ein neues Verständnis des anspruchsvollen Genres &#8220;Familienroman&#8221; beitragen kann.</h2>
<h1><strong>Das innerfamiliäre Reiz-Reaktions-Pingpong</strong></h1>
<p>Viele junge Eltern hängen über der Wiege ihres Neugeborenen ein Mobile auf. Die Babys haben dann etwas, auf das sie ihren Blick fixieren können und dessen langsam schwingende Bewegungen sie beruhigt.</p>
<p>Aber ist das schon alles? Um ehrlich zu sein, habe ich, wenn ich so ein Mobile über einer Wiege hängen sehe, oft das Gefühl, dass diese schaukelnden und schlingernden kleinen Gebilde für das Kind auch eine anschauliche Vorbereitung auf das sind, was in den nächsten Jahren familiär auf sie zukommen wird. Nämlich eine endlose Choreografie bedächtig wogender oder aber auch dramatisch wirbelnder zwischenmenschlicher Beziehungen und Abhängigkeiten, die niemals zum Stillstand kommt.</p>
<div id="attachment_2575" class="wp-caption alignleft" style="width: 309px"><img class="size-full wp-image-2575" alt="Anna Katharina Hahn: &quot;Aus und davon&quot;. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.12 Euro " src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/12/51T9Kpp-qtS._SX297_BO1204203200_.jpg" width="299" height="499" /><p class="wp-caption-text">Anna Katharina Hahn: &#8220;Aus und davon&#8221;. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.12 Euro</p></div>
<p>Jeder von uns kennt das: Schubst man ein Element eines Mobiles an und setzt es damit in Bewegung, teilt sich dieser Schwung in der einen oder anderen Form allen andern Teilen des Mobiles mit. Nichts von dem, was einem Element zustößt, lässt die anderen vollkommen gleichgültig. Zu sensibel ist einerseits die Verbindung zwischen ihnen und zu fest sind sie andererseits aneinander gebunden. Alles bewegt alle – auch wenn sich die Bewegungen den verschiedenen Teilen in einem gebremsten Maße mitteilen und in einer schwer vorherzusehenden Richtung.</p>
<p>Wir stellen uns ein ideales Familienleben gern als eine stabile, gut gefügte, belastbare Einheit vor, in der jedes Teil seinen festen Platz findet. Und natürlich ist diese Vorstellung nicht falsch. Aber wenn wir genauer hinschauen, ähnelt Familienleben letztlich auch dem ewigen Tanz der Mobiles. Alles, was ein Mitglied einer Familie betrifft, beschäftigt, innerlich bewegt, teilt sich in der einen oder anderem Form den anderen Mitgliedern mit, betrifft sie, bewegt sie, verändert ihre Lage. Und das gilt keineswegs nur für Impulse, die von außen kommen, für Erfolge, Schicksalsschläge, neue Begegnungen oder was auch immer. Sondern es gilt ebenso für die ständigen feinen und feinsten Veränderungen der inneren Balancen aller Familienmitglieder. Auch sie teilen sich den anderen mit und verändern wiederum deren Balance. Ein gelungenes Familienleben ist vielleicht nichts anderes als ein ständiger Tumult, der kein konstantes Zentrum kennt und dennoch immerzu nach neuen Gleichgewichtszuständen strebt.</p>
<p>Aus der Perspektive der Schriftstellerin oder des Schriftstellers bedeutet das vor allem eines: jeder Familienroman ist, wenn er seinem Thema gewachsen sein will, nicht zuletzt bei der Zeichnung der Figuren eine ungeheure Herausforderung. Eine Herausforderung, die sich vergrößert, ja multipliziert, je komplexer die Familienkonstellationen sind, von denen erzählt wird. Und Anna Katharina Hahn erweist sich in „Aus und davon“, dem Roman für den sie heute den Preis der Stiftung Ravensburger Verlag erhält, als eine wahre Virtuosin darin, das Familien-Mobile Geiger-Chatzis in kluge Turbulenzen zu versetzen und zugleich die jeweiligen Folgen dieser Turbulenzen im Leben der verschiedenen Familienmitglieder nachzuzeichnen.</p>
<p>Nehmen wir zum Beispiel Elisabeth Geiger, eine Schwäbin, aufgewachsen mit einem ungeliebten pietistischen Über-Ich, das ihr in der Doppelgestalt zweier glaubensstrenger Fellbacher Diakonissen durch das Bewusstsein spukt. Geheiratet hat sie allerdings Heinrich, einen durchaus lebensfrohen Katholiken, der ihr ein wenig Lockerheit ins Leben brachte,  so wie sie ihm ein Element von Stabilität schenkte. Zusammen haben sie zwei Töchter, Cornelia und Sabina, und ein Reisebüro in Stuttgart. Ihr Familienmobile setzt sich in Gang, als sich die Töchter sehr gegensätzlich entwickeln. Sabina heiratet einen Arzt und beginnt sich einzumauern in eine gut abgedichtete pietistische Glaubensfestung, in der ihr viel Arbeit und zahllose Ehrenämter jede Zeit für Zweifel rauben. Cornelia dagegen gründet eine Familie mit Dimitrios, Schwabe mit griechischen Vorfahren, und beide werden Physiotherapeuten, sorgen also für das Wohlbefinden des Körpers, dem die Mutter Elisabeth nie Beachtung schenkte und den sie nur das alte „Gestell“ nennt.</p>
<p>Wie reagiert dieses Familiengefüge, wenn, sagen wir, Dimitrios von der Sehnsucht nach seinen griechischen Wurzeln überwältigt wird, sich von Cornelia trennt und nach Parga bei Korfu zieht? Welche Spuren hinterlässt das zum Beispiel bei ihren Kindern, aber auch bei Elisabeth, in deren Wertewelt ein Scheidung im Grunde ein krimineller Akt ist? Welche Familienfolgen stellen sich ein, wenn der genussfrohe Heinrich einen Schlaganfall hat und von Elisabeth gepflegt werden soll, die ihren Lebensabend aber nicht als „Bettflaschenknecht“ am Krankenlager verbringen möchte? Was für Familienturbulenzen löst es aus, wenn Heinrich sich von seinem Schlaganfall gerade gut genug erholt, um aus der kühl gewordenen Ehe mit Elisabeth zu einer anderen Frau zu fliehen?</p>
<p>Anna Katharina Hahn veranschaulicht das alles – und noch viel viel mehr – in ihren Roman in zahllosen Detailbeobachtungen, mit genauem Blick auf ihre Figuren und immer psychologisch überzeugend. Sie ist eine literarische Meisterin dessen, was ich hier einmal hilfsweise das innerfamiliäre Reiz-Reaktions-Pingpong nennen möchte: Also der literarischen Darstellung des Echos, den jede familiäre Veränderung im Innenleben jedes Familienmitglieds auslöst, gefiltert durch die jeweilige Persönlichkeit – eines Echos, das dann unvermeidlich selbst wieder einen neuen Wiederhall bei den anderen findet.</p>
<p>Und immer so weiter in einer schier endlosen Reaktionskaskade.</p>
<p>Wenn Cornelia zum Beispiel meint, der Abschied von Dimitrios sei überfällig gewesen, ihre Ehe habe sich längst erschöpft, dann bedeutet das noch lange nicht, dass Elisabeth ihm die Trennung verzeihen kann, von der glaubensfesten Schwägerin Sabina ganz zu schweigen und von seinem Sohn, der sich aus Angst vor weiteren Verlusten essend einen Panzer aus Übergewicht zulegt, während seine Schwester ihre wachsende Freiheit ohne die Kontrolle der so oft abwesenden Mutter genießt. Jedes der Mobile-Teilchen zerrt in eine eigene Richtung, in seine Richtung im Durcheinander der Gefühle.</p>
<p>Natürlich macht ein derart enges Gewirr von Bindungen und Gefühlen nicht immer nur glücklich, sondern wirkt manchmal wie ein Gefängnis und reizt zum Ausbruch. Anna Katharina Hahn erzählt in ihrem Roman ausführlich von zwei vorübergehenden Abschieden von der Familie, beide führen in die USA, einer ist freiwillig, der andere unfreiwillig. Die unfreiwillige Trennung von der Familie findet in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts statt: Oma Gertrud, die Mutter Elisabeths, wird in sehr jungen Jahren als Haushaltshilfe nach Meadville, Pennsylvania, geschickt, weil die wirtschaftliche Not in Deutschland groß ist, und sie Geld für die Familie verdienen soll. Und Cornelia, ihre Enkelin folgt bei ihrer kurzen freiwilligen Auszeit von der Familie 100 Jahre später den Spuren ihrer Großmutter an den gleichen Ort.</p>
<p>Doch trotz des gleichen Ziels könnten die beiden Reisen kaum unterschiedlicher sein. Für die junge Gertrud ist die Trennung kurz nach dem Ersten Weltkrieg derart traumatisch, dass sie – so verstehe ich jedenfalls einen erzählerischen Kunstgriff Anna Katharina Hahns – ihre Erlebnisse nur noch aus der Perspektive ihrer Puppe erzählen kann. Sie ist ohne ihre Familie nicht mehr sie selbst, sie verliert das Bewusstsein ihrer selbst. Cornelia dagegen bleibt, als sie aus dem täglichen Familienchaos nach Amerika flieht, dennoch über etliche elektronische Kanäle weiter in das Familiengewebe eingebunden: WhatsApp, Email, Skype lassen sie nicht los und damit lässt sie auch der stete Strom familiärer Nachrichten nicht los, durch die sich das beschriebene Reiz-Reaktions-Pingpong fast ungemindert fortsetzt.</p>
<p>Neben Anna Katharina Hahns großartiger Fähigkeit ein Familieninnenleben literarisch zu veranschaulichen, hat mich gerade dies an ihrem Roman hingerissen: Dass sie nämlich zugleich eine genaue Beobachterin unserer Gegenwart ist. Familie ist bei ihr keine fest, unveränderliche Größe, sondern wird eben auch durch die historischen Umstände geformt. Die Gelassenheit und die erzählerische Sicherheit, mit der sie das ihren Lesern in „Aus und davon“ vorführt, ist eine fabelhaft literarische Leistung. Ich gratuliere Ihnen, liebe Anna Katharina Hahn, von Herzen zum Buchpreis Familienroman 2020 der Stiftung Ravensburger Verlag.</p>
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		<title>Über Saskia Lukas sehr politisch-unpolitischen Roman &#8220;Tag für Tag&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 14 Oct 2021 06:53:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
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		<category><![CDATA[Jugoslawienkriege]]></category>
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		<description><![CDATA[Im November 2019 hielt ich eine Laudatio auf Saskia Luka anlässlich der Verleihung des Buchpreises der Stiftung Ravensburger für ihren Roman „Tag für Tag“. In der Zeit danach bin ich so vollständig von der Arbeit an meinem Buch &#8220;Februar 33&#8243; &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2548">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Im November 2019 hielt ich eine Laudatio auf Saskia Luka anlässlich der Verleihung des Buchpreises der Stiftung Ravensburger für ihren Roman „Tag für Tag“. In der Zeit danach bin ich so vollständig von der Arbeit an meinem Buch &#8220;Februar 33&#8243; verschlungen worden, dass ich weder die Zeit noch die Energie fand, die Rede online zu stellen. Das tat mir vor allem leid, weil Saskia Lukas Roman über drei Frauengenerationen und die Jugoslawienkriege ein sehr bedenkenswerter literarischer Versuch über eine unpolitische Haltung in hochpolitischen Zeiten ist. Ich stelle die Laudatio deshalb jetzt nachträglich auf meine Blog und zur Diskussion.</h2>
<h1><strong>&#8220;Das geht mich nichts an&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Ist Politik die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht ?</strong></h2>
<h2>Sehr geehrte Damen und Herren,</h2>
<div id="attachment_2549" class="wp-caption alignleft" style="width: 252px"><img class="size-full wp-image-2549" alt="Saskia Luka: &quot;Tag für Tag&quot;. Roman. Verlag Kein &amp; Aber. 14 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/10/60547483n.jpg" width="242" height="386" /><p class="wp-caption-text">Saskia Luka: &#8220;Tag für Tag&#8221;. Roman. Verlag Kein &amp; Aber. 14 Euro</p></div>
<p>die Kriege im ehemaligen Jugoslawien sind zu einem großen Thema der deutschsprachigen Literatur geworden. Das klingt im ersten Augenblick paradox, doch das ist es nicht. Die Debatte um Peter Handkes Verteidigung serbischer Nationalisten und den ihm zugesprochenen Nobelpreis hat 2019 nicht nur im Literaturbetrieb unversöhnliche Gegensätze aufgerissen. Sie zeigte, wie nah uns diese Kriege sind, auch wenn sie inzwischen zwanzig Jahre oder mehr zurückliegen und jenseits der deutschen Landesgrenzen stattfanden. Die Zahl der Romane, Erzählungen, Theaterstücke oder Gedichte in deutscher Sprache – von Saša Stanišićs „Herkunft“ bis Oliver Bottinis „Der kalte Traum“, von Nicol Ljubićs „Meeresstille“ bis Marco Dinić „Die guten Tage“ – die von Erfahrungen aus diesen Kriegen erzählen und literarisch zu verarbeiten versuchen, ist inzwischen fast unabsehbar geworden.</p>
<p>Saskia Luka, die mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger auszeichnet wird, entwirft in ihrem großartigen Familienroman „Tag für Tag“ die Geschichte dreier Generationen, deren Leben auf jeweils ganz unterschiedliche Weise durch diese Kriege geprägt, verformt, und zerrissen wird. Das Besondere und Riskante an Saskia Lukas Roman wird sofort deutlich, sobald man sich vor Augen stellt, was in diesem Roman NICHT vorkommt. In ihrem Roman spielt Politik fast keine Rolle. All jene Fragen, die in der Debatte um Handke im Zentrum stehen, also wie der Krieg begann, wer wann welches Massaker aus welchen Gründen beging, ob es ein Rache-Massaker war oder ein versuchter Genozid, kurz: wer die Schuld trägt – all diese Fragen haben in diesem Buch keinen Platz. Dieser Roman erzählt von den gleichen Kriegen, aber er erzählt eine andere Geschichte. Eine Familiengeschichte.</p>
<p>Es gibt eine Szene in Saskia Lukas Roman, die diesen Gegensatz mit charakteristischer Offenheit klarstellt. Es ist bezeichnenderweise eine häusliche Szene. Die in Jugoslawien geborenen Maria und ihr deutscher Mann Georg, der dann viel zu früh stirbt, leben in einer glücklichen Ehe, Streit kennen sie kaum. Doch als die Kämpfe in Jugoslawien aufflammen, bricht auch ein Konflikt zwischen ihnen auf – daheim im friedlichen Deutschland. Und zwar weil sich Maria nicht für den Krieg interessiert, der ihr Geburtsland zerstört, sie will keine Nachrichten hören, sie will keine Position beziehen, sie sagt: „Das geht mich nichts an.“ Georg ist daraufhin außer sich: „Wie kannst Du so gleichgültig sein?“ Sie könne doch nicht einfach so weiterleben wie zuvor. „Doch“, antwortet Maria, „das können wir. Das tun alle anderen auch.“ Ihr Mann hält das für Wahnsinn, und Maria entgegnet ihm, der Krieg sei Wahnsinn. Vor Zorn wirft Georg erst die Zeitung, dann Bücher durch den Raum und schließlich alles, was er zu fassen kriegt. „Ich möchte hier glücklich sein“, bekennt Maria. „Um glücklich zu sein“, erwidert ihr Mann, „musst du erst einmal etwas empfinden.“</p>
<div id="attachment_2550" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2550" alt="Saskia Luka  (Foto: Katarina Ivanisevic)" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/10/aa5e82d355ad1dbbe3762be7dce6fd62-300x197.jpg" width="300" height="197" /><p class="wp-caption-text">Saskia Luka (Foto: Katarina Ivanisevic)</p></div>
<p>Kurz: Der Krieg geht auch an Maria in Deutschland nicht spurlos vorüber. Zumindest die Atmosphäre der Aggression und der Wut schwappt über die Landesgrenzen hinweg bis in ihre Ehe hinein. Obwohl sie versucht, sich und die Ihren aus allem herauszuhalten, fliegen plötzlich Zeitungen, Bücher und andere Gegenstände durch die Wohnung und wird ihr von ihrem Mann die Fähigkeit zum Empfinden und Mitempfinden abgesprochen. Aber das ändert an ihrer Haltung nichts. Dieser Krieg ist nicht ihr Krieg, sie will mit ihm nichts zu tun haben.</p>
<p>Womit aber will sie stattdessen etwas zu tun haben?</p>
<p>Ich möchte, bevor ich dieser Frage weiter nachgehe, kurz an den französischen Philosoph und Schriftsteller Paul Valéry (1871-1945) erinnern. Valéry hatte die Gewohnheit, morgens um fünf Uhr aufzustehen, um noch vor Tau und Tag ebenso ungeschützt wie ungeordnet in simple Schulheften zu notieren, was ihm durch den Kopf ging. In einem der Hefte findet sich ein Gedanke, der berühmt wurde und der im radikalen Widerspruch zu allem zu stehen scheint, was wir heute unter staatsbürgerlicher Verantwortung in einer freiheitlichen Demokratie verstehen. „Politik“, schrieb Valéry, „Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.“</p>
<div id="attachment_2551" class="wp-caption alignleft" style="width: 226px"><img class="size-medium wp-image-2551" alt="Paul Valéry (Foto: Pierre Choumoff)" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/10/Choumoff_-_Paul_Valéry-216x300.jpg" width="216" height="300" /><p class="wp-caption-text">Paul Valéry (Foto: Pierre Choumoff)</p></div>
<p>Im Sinne dieser Definition scheint mir die Maria, die Saskia Luka in ihrem Roman beschreibt, ein restlos unpolitischer Mensch zu sein. Sie will sich von Politik und Krieg nicht daran hindern lassen, sich ganz entschieden um das zu kümmern, was sie in ihren Augen etwas angeht. Und das sind: Ihre Arbeit als Künstlerin, die Sorge um ihre Familie, die Liebe zu ihrem Mann, die Erziehung ihrer Tochter, die zahllosen kleinen und doch so fundamentalen Mühen des Alltags. Natürlich ist sich Maria klar darüber, dass auch sie Verantwortung trägt und Fehler gemacht hat. Sie hat als junger Frau nicht reagiert, als die verschiedenen Nationalismen im jugoslawischen Vielvölkerstaat plötzlich aufblühten, als „einige kroatische und serbische Schüler, die gestern noch Jugoslawen gewesen waren, plötzlich aufeinander losgingen“, als Mokkatassen und Feuerzeuge mit kroatischen Wappen auftauchten. Doch nachdem Jugoslawien von Fanatikern gespalten und mit populistischen Mitteln aufgehetzt wurde, ist es für sie die einzig denkbare Reaktion, sich eben nicht aufhetzen zu lassen, eben nicht Partei zu ergreifen und mitzukämpfen, sondern das Land zu verlassen, neu anzufangen und sich dort, in dem neuen Land, „um das zu kümmern, was sie angeht“.</p>
<p>Es ist eine Entscheidung, die seinerzeit viele Menschen in Jugoslawien trafen. Wenn ich hier eine kurze persönliche Erinnerung einflechten darf: Unser ältester Sohn Nicolas ging damals in den Kindergarten des Krankenhauses, für das meine Frau arbeitete. Weil in dem Krankenhaus auch zahllose Flüchtlinge aus den jugoslawischen Teilstaaten angestellt waren, traf Nicolas dort auf so viele Spielkameraden, die serbokroatisch sprachen, dass er sich schließlich bei uns beschwerte, wir hätten ihm „diese andere Sprache“ ruhig beibringen können, es sei für ihn mitunter ganz schön lästig, nur Deutsch zu können.</p>
<div id="attachment_2552" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2552" alt="Saskia Luka während der Preisverleihung 2019 in Berlin" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/10/Preisverleihung_Berlin2019_StiftungRavensburger-Verlag-30-300x199.jpg" width="300" height="199" /><p class="wp-caption-text">Saskia Luka während der Preisverleihung 2019 in Berlin</p></div>
<p>Unser Sohn machte damit bereits frühzeitig eine Erfahrung, die wir jetzt in der deutschen Literatur nachvollziehen können. Es ist unmöglich geworden, sich vor den Kriegen anderer Länder hinter Grenzen verschanzen zu wollen. Die Folgen dieser Kriege, die Flüchtlinge und ihre Konflikte verändern auch unser Leben. Und deshalb ist es eben nicht paradox, sondern ganz natürlich, wenn die Kriege des zerfallenden Jugoslawien heute zu den wichtigen Themen der deutschsprachigen Literatur zählen. Denn diese Kriege sind zu Geschichte geworden und zu Geschichten, die sich die Menschen hierzulande erzählen, egal ob sie erst seither oder immer schon hier lebten.</p>
<p>Die Geschichten der drei Frauengenerationen, die uns Saskia Luka in ihrem Roman erzählt, sind beides zugleich: persönlich und paradigmatisch. Da ist die Älteste, Lucia, die wie versteinert ist und Jugoslawien nicht verließ, obwohl ihr der Krieg alles genommen hat: ihr Mann ist tot, ihre beiden Söhne sind tot und ihre Tochter ist geflohen. Ihr Leben ist pures Ausharren und Erdulden. „Lucia bleibt stehen und lässt das Leben an sich vorüberziehen“, heißt es einmal in dem Roman.</p>
<p>Ihre Tochter Maria aber erweist sich als das Gegenteil, sie bleibt nicht stehen, sondern flieht und passt sich bereitwillig den neuen Lebensumständen an. Sie ist alles andere als versteinert, sondern höchst flexibel, sie ändert ihren Namen, lernt die fremde Sprache makellos, sie will ihr Geburtsland, das der nationalistischen Raserei verfallen ist, abschütteln und dort leben, wo man sie in Frieden leben lässt: „Mein Leben hat keine Nationalität“, sagt sie einmal: „Ich bin Mensch. Darüber diskutiere ich nicht mehr.“</p>
<p>Doch ausgerechnet in diesem Punkt gerät sie mit ihrer Tochter Anna aneinander. Anna ist zwar in Deutschland geboren und ihre Mutter hat ihr nie ein Wort serbokroatisch beigebracht, doch gerade sie ist mit einem Mal wie ergriffen von dem Land, in dem ihre Großmutter Lucia noch immer lebt. Sie wirft der Mutter vor, ihr die andere Sprache vorenthalten und sich viel zu schrankenlos dem neuen Land angepasst zu haben.</p>
<p>Es ist die alte Frage nach dem richtigen Weg zwischen notwendiger Integration in die Verhältnisse eines Gastlandes und der vielleicht übertriebenen Assimilation an dieses Gastland, die hier von Saskia Luka mit großer Sensibilität als Konflikt zwischen Mutter und Tochter ausgebreitet wird. Die richtige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Auch das beschreibt Saskia Lukas Roman. Denn die richtige Antwort kann nur individuell von jedem Einzelnen für sich selbst gegeben werden.</p>
<p>Aber ihr Roman zeigt auch, und das hat mich besonders für ihn eingenommen, dass die Anpassungsbereitschaft Marias keine Einbahnstraße ist. Nachdem Lucia gestorben ist und Maria nach Kroatien fährt, um sie dort zu beerdigen, beginnt sie sich diesem Land wieder anzunähern. Vielleicht hat sie tatsächlich keine Nationalität, wie sie es von sich behauptet, aber sie hat Erinnerungen und die werden bei ihren Besuch so stark, dass es ihr immer schwerer fällt, sich wieder von ihrem Geburtsland zu lösen. „Heimat“, denkt sie, „dieses Wort knirschte zwischen den Zähnen wie Sand.“</p>
<p>Saskia Lukas Roman „Tag für Tag“ ist ein konfliktreiches Buch über ein konfliktreiches Thema. Es liefert keine Antworten und erst recht keine Patentrezepte, welche Form von Integration richtig und welcher Grad an Assimilation übertrieben ist. Es zeigt mit großer Ehrlichkeit Menschen, die sich nicht um Politik kümmern wollen, sondern nur um das, was sie persönlich angeht. Auch dies sicher kein Patentrezept, aber zweifellos ein Teil der Realität, in der wir leben. „Tag für Tag“ ist ein Roman, der mit beeindruckender Einfühlungskraft die Lebenserfahrungen einer von Migration geprägten Familie einfängt und dafür wird Saskia Luka mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger ausgezeichnet. Ich gratuliere Ihnen, Frau Luka, sehr herzlich und danke Ihnen, meine Damen und Herren, für Ihre Aufmerksamkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Bücher-Bar / Eine Kolumne / Folge 8</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Aug 2021 08:16:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bücher-Bar / Eine Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Jamaica Kincade]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Büchersäufer stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat. Heute geht es um Jamaica Kincaid: Eine Autorin, die aus einem wahren Sonnenparadies stammt und so eindringlich &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2522">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Der <em>Büchersäufer</em> stellt hier Bücher vor, die er mit Genuss bis zur Neige geleert, oder an denen er lieber nur kurz genippt hat.</strong></h2>
<h2><strong>Heute geht es um Jamaica Kincaid: Eine Autorin, die aus einem wahren Sonnenparadies stammt und so eindringlich von dessen Schattenseiten erzählt, dass ich zu frösteln begann.<em><br />
</em></strong></h2>
<h1><b>Der Fluch der Karibik</b></h1>
<div id="attachment_2523" class="wp-caption alignleft" style="width: 272px"><img class="size-full wp-image-2523" alt="Jamaica Kincade: &quot;Nur eine kleine Insel&quot;. Übersetzt von Ilona Lauscher. Kampa Verlag, 18 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/08/60148659z.jpg" width="262" height="420" /><p class="wp-caption-text">Jamaica Kincade: &#8220;Nur eine kleine Insel&#8221;. Übersetzt von Ilona Lauscher. Kampa Verlag, 18 Euro</p></div>
<p>Jamaica Kincaid wurde 1949 auf der Karibikinsel Antigua geboren. Mit 17 ging sie als Au-pair-Mädchen nach New York. Neben der Arbeit büffelte sie an einer Abendschule, erhielt ein Stipendium, brach aber ihr Studium ab, um Schriftstellerin zu werden. Schon ihre frühen Short-Stories erschienen in den besten Zeitschriften, in <a href="https://www.theparisreview.org/">„The Paris Review“</a> und im <a href="https://www.newyorker.com/contributors/jamaica-kincaid">„New Yorker“</a>. Eine der Geschichten im &#8220;New Yorker&#8221; trug den Titel <a href="https://www.newyorker.com/magazine/1978/06/26/girl">&#8220;Girl&#8221;</a>, sie ist nur 40 Zeilen lang, aber ebenso ergreifend wie kurz.  Heute lehrt Jamaica Kincade, wenn sie keine Romane oder Erzählungen schreibt, an der Harvard University.</p>
<p>Antigua ist keine große Insel, nur 16 Kilometer lang und 24 Kilometer breit. Sie ist wunderschön und bettelarm. Hundertfünfzig Jahre lang ließen hier weiße Siedler afrikanische Sklaven auf Plantagen um ihr Leben schuften. Erst 1981, vor vierzig Jahren, wurde das Land wirklich unabhängig.</p>
<p>Jamaica Kincaid gehört nicht zu den Autorinnen und Autoren, die von dem Glück berichten, dass die Sklaverei abgeschafft wurde, sondern zu denen, die voll Zorn sind darüber, dass Nationen, die sich gern zivilisiert nennen, jemals Sklaverei betrieben haben. In ihrem Buch „Nur eine kleine Insel“ (Kampa, 18 Euro) erzählt sie vom vergangenen Elend Antiguas unter britischer Herrschaft und vom Elend danach unter der angeblich unabhängigen Regierung.</p>
<p>Sie berichtet strikt aus der Perspektive der ehemaligen Sklaven, denen jedes Verständnis fehlt für die Brutalität ihrer ehemaligen Herren: „Wir dachten, sie seien wie Tiere, ein Stück unter dem menschlichen Niveau.“ Queen Victoria, in deren Namen so viel Unrecht verübt wurde, ist für sie nichts als eine „abstoßende Person“. Und auf die Frage, warum es ihrem Land nach seiner Befreiung noch immer nicht besser geht, antwortet Jamaica Kincaid, dass die korrupte neue Regierung genau das nachahmt, was sie von dem Kolonialregime gelernt hat: wie man Leute einsperrt oder umbringt, und wie man den Reichtum des Landes abräumt, um ihn auf Schweizer Konten zu deponieren.</p>
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		<title>Lobrede auf &#8220;Ein mögliches Leben&#8221; von Hannes Köhler</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Dec 2018 10:36:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Franz Fühmann]]></category>
		<category><![CDATA[Hannes Köhler]]></category>
		<category><![CDATA[Scott Fitzgerald]]></category>
		<category><![CDATA[William Faulkner]]></category>

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		<description><![CDATA[Der lange Kampf gegen die Vergangenheit Am 26. November wurde der Schriftsteller Hannes Köhler für seinen Roman &#8220;Ein mögliches Leben&#8221; (Ullstein Verlag) mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger 2018 ausgezeichnet. Die Verleihung des Preises fand in Berlin statt, ich durfte &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2416">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der lange Kampf gegen die Vergangenheit</strong></h1>
<h2><strong>Am 26. November wurde der Schriftsteller Hannes Köhler für seinen Roman &#8220;Ein mögliches Leben&#8221; (<a href="http://https://www.ullstein-buchverlage.de/verlage/ullstein.html">Ullstein Verlag</a>) mit dem Buchpreis der <a href="http://https://www.ravensburger.net/stiftung/stiftung/index.html">Stiftung Ravensburger </a>2018 ausgezeichnet. Die Verleihung des Preises fand in Berlin statt, ich durfte dazu eine Laudatio auf den Roman beisteuern &#8211; und saß danach mit Hannes Köhler und seiner spanischen Freundin <strong>einen Abend lang bei einem sehr guten, von der Stiftung organisierten Essen bei</strong>sammen. Meine kleine Lobrede möchte ich hiermit gern zur Diskussion stellen.</strong></h2>
<p>Sehr geehrte Frau <a href="http://https://www.ravensburger-gruppe.de/de/presse/pressemitteilungen/unternehmen/ravensburger-verlegerin-dorothee-hess-maier-wird-80-jahre/index.html">Hess-Meyer</a>,<br />
sehr geehrter Herr <a href="http://https://www.buchmarkt.de/menschen/runde-geburtstage/n-a-52/">Hauenstein</a>,<br />
vor allem aber: sehr geehrter <a href="http://https://hanneskoehlerautor.wordpress.com/">Hannes Köhler</a><br />
und sehr verehrte Damen und Herren,</p>
<p>es gibt einen Satz von <a href="http://William Faulkner">William Faulkner</a>, der hierzulande immer wieder gern zitiert wird. Er lautet: „Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Er  stammt aus Faulkners „Requiem für eine Nonne“ und nicht aus seinem wohl berühmtesten Buch <a href="http://https://www.zeit.de/1979/46/licht-im-august/komplettansicht">„Licht im August“</a>, auf das Hannes Köhler in seinem Roman gelegentlich anspielt. Der Held aus „Licht im August“ heißt Joe Chrismas und winkt uns Lesern freundlich zu von einem der amerikanischen Kartoffelfelder, von denen Köhler in seinem Roman erzählt.</p>
<div id="attachment_2420" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/koe96652.jpg"><img class="size-medium wp-image-2420" title="koe9665" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/koe96652-300x226.jpg" alt="" width="300" height="226" /></a><p class="wp-caption-text">Hannes Köhler, Foto Copyright Gerald von Foris</p></div>
<p>Es ist ein Satz, der es in sich hat. Man kann ihn wie ein Motto sowohl über viele Gesellschaftsromane als auch Familienromane setzen. Und das ist kein Zufall, denn kluge Familienromane erzählen aus einer gleichsam mikroskopischen Perspektive von der Geschichte der Gesellschaft, deren kleinste soziale Einheiten eben die Familien sind. Hannes Köhlers Roman ist ein solcher kluger, klug gebauter Familienroman, der sich die Zeit nimmt, am Beispiel des Schicksals eines Mannes namens Franz Schneider zu zeigen, dass die Vergangenheit niemals tot, ja dass sie noch nicht einmal vergangen ist, sondern dass sie mit umso größerer Macht fortwirkt, je mehr wir uns der Illusion hingeben, sie sei längst abgetan und vergessen.</p>
<p>Das Besondere und das in meinen Augen literarisch besonders Gelungene an Köhlers Roman ist dabei, dass er nicht der Versuchung erliegt, aus seiner Hauptfigur Franz Schneider einem Helden nach dem Geschmack unserer Gegenwart zu machen. Er zeigt ihn stattdessen als Spielball und Opfer der deutschen Geschichte in der entsetzlichen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, er zeigt ihn als einen Mann, der im Tumult mörderischer politischer Katastrophen oft falsche und manchmal richtige Entscheidungen trifft, immer aber eine ambivalente, zwiespältige Figur bleibt, die den Leser nie zur bequemen Identifikation einlädt.</p>
<p>Franz Schneider ist ein Bergmann aus Essen-Katernberg, und sein Schöpfer Hannes Köhler hat diesen Beruf nicht zufällig für ihn gewählt. Denn Schneiders Schicksal ist es, sich einen Lebensweg aus der brutalen geistigen und politischen Enge des Nationalsozialismus wie ein Verschütteter in eine freiere Welt graben zu müssen – über sich wie ein Berg die unermessliche deutsche Schuld und in sich die Sehnsucht nach Weite, Leichtigkeit und Offenheit. Als er als junger, hitlergläubiger Soldat in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät, erlebt er in der Landschaft von Texas und Utah eine Weite und Offenheit und in der Mentalität vieler Amerikaner eine Freiheit und Leichtigkeit, die ihn berauschen. Doch in beides einzutauchen gelingt ihm nicht, so sehr er es sich auch wünscht, denn seine Vergangenheit als Hitler-Soldat und als Kind der Nazi-Enge ist eben nicht tot, ja sie ist nicht einmal vergangen.</p>
<p>Der in der DDR berühmte, in Deutschlands Westen zu unrecht fast unbekannte Schriftsteller <a href="http://http://www.franz-fuehmann.de/">Franz Fühmann</a> hat in seinen autobiographisch grundierten Büchern ein ähnliches Schicksal wie das von Franz Schneider beschrieben, auch wenn <a href="http://https://www.amazon.de/Franz-F%C3%BChmann-Uwe-Wittstock/dp/3406331572">Fühmann</a> nicht in amerikanische, sondern sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet. Wie Schneider konnten sich auch <a href="http://https://www.welt.de/print-welt/article326419/Jeder-Text-war-fuer-ihn-Bekenntnis.html">Fühmann</a> zunächst schwer von seiner jugendlichen Hitlerverehrung lösen, wie für Schneider bedeuteten auch für Fühmann die deutschen Verbrechen eine schier unerträgliche moralische Mitverantwortung, wie Schneider erlebte auch Fühmann eine rasche und scheinbar umfassende politische Wandlung vom Nazi-Anhänger zum Nazi-Gegner, legte aber eine tiefergehende Dumpfheit, in die er als Hitler-Junge hineinerzogen und eine Verrohung, in die er als Wehrmachtssoldat hineingedrillt wurde, erst sehr viel später ab. (Meine kleine Fühmann-Monografie ist <a href="http://https://www.amazon.de/Franz-F%C3%BChmann-Uwe-Wittstock/dp/3406331572">hier</a> zu haben.)</p>
<div id="attachment_2425" class="wp-caption alignleft" style="width: 202px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/KoehlerCover2.jpg"><img class="size-medium wp-image-2425" title="KoehlerCover" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/KoehlerCover2-192x300.jpg" alt="" width="192" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Hannes Köhler: &quot;Ein mögliches Leben&quot;. Roman. Ullstein Verlag 2018</p></div>
<p>Hannes Köhler zeigt das alles in seinem Roman mit großartiger erzählerischer Genauigkeit. Wie Franz Schneider, unterstützt durch seinen Freund Paul, das eingeimpfte Nazi-Denken hinter sich lässt und den Krieg aus amerikanischer Perspektive zu sehen beginnt. Wie seine unbelehrbar hitlergläubigen Mitgefangenen ihn deshalb als Verräter ausgrenzen, verfolgen und bedrohen. Wie sein Freund Paul von solchen Unbelehrbaren im Lager ermordet wird, und er selbst nur überlebt, weil er sich vom amerikanischen Wachpersonal verhaften und in ein anderes Lager verlegen lässt.</p>
<p>Hätte Köhler jedoch nur dieses Kapitel von Schneiders Kriegsgefangenschaft geschildert, er hätte einen recht einseitigen, undifferenzierten Roman geschrieben. Die ungewöhnliche literarische Qualität seines Buches und auch die Menschen- und Geschichtskenntnis des Autors erweisen sich darin, was er vom zweiten Teil von Schneiders Gefangenschaft erzählt. Dass Schneider nämlich nach dem Tod seines Freundes Paul von Rachsucht nicht frei ist, dass er in dem neuen Gefangenenlager, in das er verlegt wird, frühzeitig Gleichgesinnte um sich schart, dass er mit ihnen gemeinsam die sturen Hitleranhänger unter den Mitgefangenen seinerseits ausgrenzt, verfolgt und bedroht und dass er sich schließlich an der Ermordung eines solchen Unbelehrbaren beteiligt. Er glaubt in diesem Moment, seine Nazi-Vergangenheit überwunden zu haben, aber in ihm ist diese Vergangenheit keineswegs tot, in ihm ist sie noch lange nicht vergangen, sondern sie wirkt – obwohl die politischen Vorzeichen ausgetauscht wurden – mit brutaler Unmenschlichkeit fort.</p>
<p>Geschichte geht nicht spurlos an uns vorüber, Hannes Köhler zeigt das in seinem Roman auf eindringliche Weise. Was Franz Schneider im Krieg und in der Gefangenschaft zugemutet wurde, hat manches in diesem Bergmann gleichsam zu Stein erstarren lassen. Bezeichnenderweise sammelt er kleine Steine, die er an den entscheidenden Orten seiner Biographie aufliest. Seine Persönlichkeit hat schroffe Bruchkanten, an denen sich selbst seine Familie üble Verletzungen zuziehen kann. Die menschliche Aufgeschlossenheit und Freiheit, die er an vielen Amerikanern bewundert, bleibt für ihn oft unerreichbar, zum Beispiel wenn es um Kritik an jenem geliebten Amerika geht. Als seine Tochter Barbara in den Jahren der Studentenbewegung gegen den Krieg der USA in Vietnam protestiert, reagiert er nicht mit Verständnis, sondern mit Ausgrenzung wie er sie im Gefangenenlager erfahren hat. Er wirft seine Tochter aus dem Haus, er verbannt sie mit steinerner Konsequenz aus seinem Leben und reicht so das Trauma der Ausgrenzung innerhalb der Familie an die nächste Generation weiter.</p>
<p>Sobald Köhlers Roman nicht mehr allein von Franz Schneider erzählt, sondern auch von seiner Tochter Barbara und seinem Enkel Martin, sobald er sich also zum Familienroman weitet, skizziert er zugleich etwas von der Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik in familiärem Maßstab. Barbara zum Beispiel ist keine stereotype, sondern glücklicherweise eine wohltuend unfanatische Achtundsechzigerin. Sie hat von frühester Kindheit an um die Aufmerksamkeit und Liebe ihres seltsam kühlen, distanzierten, erstarrten Vaters werben müssen. Nicht zuletzt deshalb hat sie wohl seine Begeisterung für amerikanische Literatur auch zu der ihren gemacht. Aber als sie von ihm mit fast alttestamentarischer Härte verstoßen wird, beginnt auch sie sich gegen ihren Vater zu verhärten und auf seine Ablehnung ihrerseits mit Ablehnung zu reagieren. Erst ihr Sohn Martin, der Enkel Franz Schneiders, ist von dieser Konfrontation biographisch weit genug entfernt, um Neugier auf die Geschichten seines Großvaters zu entwickeln und durch die gemeinsame Reise nach Amerika die Gespräche zwischen den Generationen wieder in Gang zu bringen.</p>
<p>Doch das ist längst nicht alles, Köhler macht wie nebenbei auch andere mentalitätsgeschichtliche Entwicklungen spürbar. Als Franz Schneider aus der Kriegsgefangenschaft  nach Deutschland zurückkehrt, dort eine Frau kennenlernt und sie schwängert, ist für beide selbstverständlich klar, dass sie heiraten müssen. Es ist eine Ehe, in der oft das Schweigen herrscht und die von Ausbruchsphantasien begleitet wird, die aber für beide einen felsenfesten, steinernen Bestand hat. Für ihre Tochter Barbara ist die Ehe dann nur der äußere Rahmen für eine Liebe, die sie mit ihrem Mann verbindet. Als die Liebe verschwindet, gibt sie ganz selbstverständlich auch die Ehe auf. Für den Enkel Martin wiederum scheint Sex kein großes Thema zu sein, jede Andeutung einer festeren Bindung jedoch ein erhebliches Problem. Als er nach einem One-Night-Stand Vater wird, schließt er das Kind sofort ins Herz, aber es braucht einen ungeheuer langen und windungsreichen Weg, bevor er auch seiner Zuneigung zu der Mutter des Kindes die Chance des Zusammenlebens gibt.</p>
<div id="attachment_2424" class="wp-caption alignright" style="width: 234px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/koe96992.jpg"><img class="size-medium wp-image-2424" title="koe9699" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/koe96992-224x300.jpg" alt="" width="224" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Hannes Köhler, Foto Copyright Gerald von Foris</p></div>
<p>„Die Vergangenheit ist niemals tot“, schreibt William Faulkner, „sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Sie wirkt in uns fort, sie beherrscht uns oft stärker, als wir es selbst wissen. Und das bedeutet zugleich, wir können vieles an anderen Menschen, mehr noch: wir können vieles an den Menschen in der eigenen Familie erst richtig verstehen, wenn wir ihre Vergangenheit zu verstehen beginnen. Hannes Köhlers Roman erzählt von der langen Reise eines Enkels in die Vergangenheit seines Großvaters. Er erzählt nicht nur davon, dass der Enkel seinen Großvater daraufhin besser begreift, sondern auch davon, dass der Großvater die eigene Geschichte mit anderen Augen zu betrachten beginnt und zum ersten Mal versucht, sich seiner Tochter zu erklären. Dieses wiederbegonnene Gespräch nach Jahren des Schweigens wird nicht alle Wunden heilen, machen wir uns nichts vor, manche Wunden sind zu tief, sie verschwinden nicht, sie können allenfalls vernarben. Aber ein wiederbegonnenes Gespräch eröffnet Chancen: auf mehr Verständnis, auf mehr Milde im Umgang oder gar auf Bereitschaft zur Vergebung. Und diese Bereitschaft gehört wohl zu dem, von dem wir sprechen, wenn wir von Familie sprechen.</p>
<p>Wie sorgsam und liebevoll <a href="http://https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/ein-moegliches-leben-9783550081859.html">Hannes Köhler seinen Roman „Ein mögliches Leben“</a> gebaut hat, zeigt sich vor allem an den Details seiner Geschichte. An einer Stelle heißt es zum Beispiel, Franz Schneider habe sich in der Abstellkammer seines Reihenhäuschens ein Arbeitszimmer eingerichtet, um dort amerikanische Romane zu lesen und seiner Träume von der Weite und Offenheit Amerikas zu träumen. Für mich ist das ein ungeheuer intensives Bild: Ich stelle mir diese Abstellkammer eng vor, bedrückend und lichtlos. Der frühere Bergmann Franz Schneider muss sich dort gefühlt haben, als kehre er in die finsteren, engen Stollen zurück, in denen er einst arbeitete. Von realer Offenheit und Weite keine Spur.</p>
<p>Vielleicht darf ich abschließend einen kleinen literarischen Wunsch in diese Lobrede einflechten. Ich weiß natürlich nicht, welche Bücher Franz Schneider in seinem winzigen Arbeitszimmer gelesen hat, Hannes Köhler deutet nur seine Begeisterung für Hemingway und Faulkner an. Doch ich wünschte mir, es wäre auch <a href="http://https://www.cliffsnotes.com/literature/g/the-great-gatsby/book-summary">„The Great Gatsby“</a> darunter gewesen, jener grandiose Roman von <a href="http://https://www.biography.com/people/f-scott-fitzgerald-9296261">Scott Fitzgerald</a>, der von einem Mann erzählt, der aus einem Weltkrieg zurückkehrt. Es ist ein anderer Krieg als der, aus dem Franz Schneider zurückkehrt, aber das ist egal. Auch Gatsby hat Verletzungen davongetragen, die niemand recht begreifen kann, der den Krieg nicht erlebt hat. Und auch Gatsby scheitert an dem Versuch, sich von dieser Vergangenheit zu lösen und in eine neue, offene, freie Zukunft zu treten. Und falls Franz Schneider, wie ich es mir wünschte, irgendwann „The Great Gatsby“ gelesen haben sollte, dann dürfte ihm vielleicht der ebenso wunderbare wie erschütternde Satz aufgefallen sein, den Fitzgerald an den Schluss seines Romans gestellt hat: „So kämpfen wir weiter“, heißt es da, „ so kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.“</p>
<p>Lieber Hannes Köhler, Sie haben ein sehr kluges, verständnisvolles, sehr beeindruckendes Buch geschrieben. Ich gratuliere Ihnen zu diesem Roman, und ich gratuliere Ihnen zum Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Helmut Winkelmann ist tot</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2018 06:41:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Bertolt Brecht]]></category>
		<category><![CDATA[Fritz Kortner]]></category>
		<category><![CDATA[Helmut Winkelmann]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Härtling]]></category>

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		<description><![CDATA[Helmut Winkelmann ist tot Der Schauspieler und Sprecher Helmut Winkelmann ist am 19. August gestorben. Man kennt seine markante Stimme von zahllosen Hörbüchern und von unübersehbar vielen Sendungen der Kulturmagazine &#8220;ttt&#8221; oder &#8220;Kulturzeit&#8221;. Vor allem aber war er ein großartiger &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2405">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Helmut Winkelmann ist tot</strong></h1>
<h2><strong>Der Schauspieler und Sprecher Helmut Winkelmann ist am 19. August gestorben. Man kennt seine markante Stimme von zahllosen Hörbüchern und von unübersehbar vielen Sendungen der Kulturmagazine &#8220;ttt&#8221; oder &#8220;Kulturzeit&#8221;. Vor allem aber war er ein großartiger Mensch, ein wunderbarer Freund und Kollege. Gestern, am 30. August fand die Trauerfeier zu seinen Ehren in Frankfurt am Main statt. Ich durfte eine der Reden auf ihn halten.</strong></h2>
<h2><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/Anzeige.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2406" title="Anzeige" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/Anzeige.jpg" alt="" width="540" height="372" /></a>Liebe Jutta, liebe Mieka, lieber Malte,<br />
liebe Familie von Helmut,<br />
liebe Freunde, Kollegen, Nachbarn,</h2>
<p>Abschiednehmen ist nie leicht. Und manchmal ist es sehr schwer.</p>
<p>Zu dem Kreis der Freunde, Kollegen, Nachbarn von Helmut zähle ich mich auch, mein Arbeitszimmer auf dem Heilsberg liegt keine achtzig Schritte entfernt von Helmuts Arbeitszimmer. Aber mir kommt im Kreis der Freunde, Kollegen, Nachbarn keine besondere Rolle zu. Wenn ich hier zum Abschied von Helmut spreche, bitte ich, darin keine Anmaßung zu sehen, sondern es als Wunsch von Jutta, Mieka und Malte zu betrachten. Ich möchte gern von meiner Freundschaft mit Helmut erzählen, und hoffe, dass meine Erinnerungen an ihn einen Raum bieten, in dem andere ihre Erinnerungen wiederkennen.</p>
<div id="attachment_2407" class="wp-caption alignright" style="width: 337px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/41MOkkG4XQL._AC_US327_QL65_.jpg"><img class="size-full wp-image-2407" title="41MOkkG4XQL._AC_US327_QL65_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/41MOkkG4XQL._AC_US327_QL65_.jpg" alt="" width="327" height="327" /></a><p class="wp-caption-text">E.T.A.Hoffmann: &quot;Der Sandmann&quot;. Sprecher: Helmut Winkelmann. Legato Verlag</p></div>
<p>Das erste, was ich von Helmut kennenlernte, war seine Stimme. Ich konnte ihn nicht sehen, ich konnte ihn nur hören. Es war vor gut 20 Jahren, Helmut saß in einer etwas unübersichtlichen Bürgerversammlung weit hinten, es ging um die Pläne der Stadt Bad Vilbel mit den Häuser auf dem Heilsberg, und natürlich gab es Ärger. Helmut hatte sich zu Wort gemeldet, stand auf und sagte seine Meinung, sehr klar und sehr entschieden und mit einer Stimme, die nicht zu überhören war.  Sie grollte erst wie ein Unwetter und versuchte dann sanft wie das Schnurren eines Kätzchens unsere Kleinstadtpolitiker zurückzulocken auf einen Pfad der Vernunft. Wie gesagt, ich kannte Helmut vorher nicht und konnte ihn von meinem Platz aus zunächst nicht sehen, aber nach dem Mann mit dieser Stimme drehte ich mich um.</p>
<p>Bald merkten Helmut und ich, wie viel wir gemeinsam hatten. Das waren vor allem anderen: Kinder ungefähr im gleichen Alter. Bei Jutta und Helmut also Mieka und Malte, bei Annette und mir Nicolas, Marten und Lennart. Kinder bilden, gleichgültig wo sie sind, eine schier grenzenlose Gemeinschaft des Spielens, die auch ihren Eltern wunderbare Chancen zu neuen Freundschaften eröffnet. Doch schnell kam vieles andere hinzu: Wir hatten beide in Köln studiert: Helmut in den sechziger Jahren Theaterwissenschaft und Germanistik. Ich Germanistik und Theaterwissenschaft in den siebziger Jahren. Helmut war Schauspieler und Sprecher geworden, Sprache war sein tägliches Handwerkszeug. Ich Journalist und Literaturkritiker, was Sprache auch für mich zum täglichen Arbeitsmaterial machte.</p>
<div id="attachment_2409" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/41YNRbum-cL._SY494_BO1204203200_1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2409" title="41YNRbum-cL._SY494_BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/41YNRbum-cL._SY494_BO1204203200_1-300x297.jpg" alt="" width="300" height="297" /></a><p class="wp-caption-text">Honoré de Balzac: &quot;Tobias Guanerius&quot;. Sprecher: Helmut Winkelmann. Legato Verlag</p></div>
<p>Und noch etwas: Helmut stammt aus Neuss am Rhein, ich wuchs nur 40 Kilometer rheinaufwärts in Köln auf. Wir waren zwei Rheinländer im hessischen Exil. Es ist ein sehr freundliches, ein selbstgewähltes Exil, aus dem wir uns aber im Gespräch dennoch gern fortschlichen in die rheinische Grundhaltung, möglichst nichts allzu ernst zu nehmen.</p>
<p>Mein Gott, wie gern hat Helmut gelacht, mein Gott, wie großartig konnte Helmut lachen und vergnügt in sich hineinkichern. Mir kam es oft vor, als würde er in solchen Momenten ein wenig wachsen, sein Oberkörper hob sich, wippte auf und ab, während er lachte, und Helmut schien für einen Augenblick einen Fingerbreit über dem Boden zu schweben.</p>
<p>Auch Abschieden, die nie leicht und manchmal sehr schwer sind, hat er gerne mit einem Scherz und einem Lachen etwas von ihrem Gewicht genommen. Vermutlich wäre es in Helmuts Sinne, wenn wir auch am Ende dieser Abschiedsfeier lachen und möglichst nichts allzu ernst nähmen.</p>
<p>Zu meinen schönsten Erinnerungen an Helmut gehören einige abendliche und nächtliche Autofahrten durch das Rhein-Main-Gebiet und Hessen. Wir waren damals unterwegs zu den wechselnden Aufnahmeorten von <a href="http://https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_H%C3%A4rtling">Peter Härtling</a>s langjähriger Radiosendung <a href="http://http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/die-radiosendung-literatur-im-kreuzverhoer-mit-peter-haertling-laeuft-zum-letzten-mal-13923322.html">„Literatur im Kreuzverhör“</a>. Härtling, der im vergangenen Sommer gestorben ist, hatte kurze literarische Texte ausgewählt, die Helmut in der Sendung vortrug. Ich gehörte zu der fünfköpfigen Raterunde, die zu erraten hatte, von welchen Autoren diese Textausschnitte stammten.</p>
<div id="attachment_2410" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51OecJEmv0L._SY424_BO1204203200_.jpg"><img class="size-medium wp-image-2410" title="51OecJEmv0L._SY424_BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51OecJEmv0L._SY424_BO1204203200_-300x255.jpg" alt="" width="300" height="255" /></a><p class="wp-caption-text">Fritrz Kortner: &quot;Aller Tage Abend&quot;. Alexander Verlag</p></div>
<p>Das bot auf der Heimfahrt dann den perfekten Anlass, über die vorgelesenen Autoren und die gehörten Textsplitter zu reden. Wunderbar, wie viel ich von Helmut über das Theater gelernt habe, über seine Zeit am <a href="http://http://www.maxreinhardtseminar.at/">Max Reinhardt Seminar</a> in Wien, über seine Engagements in der Schweiz, dann in Nürnberg, wo er Jutta kennenlernte, und vor allem <a href="http://https://www.echo-online.de/freizeit/kunst-und-kultur/kulturnachrichten/in-den-achtzigern-hatte-helmut-winkelmann-die-markanteste-stimme-des-darmstadter-schauspiels_15940790">über die zehn Jahre am Staatstheater in Darmstadt</a>. Zu Hamlet und Macbeth macht man sich auch als Literaturkritiker seine Gedanken, aber was man mit diesen riesenhaften Figuren erlebt, wenn man sie auf der Bühne verkörpert, das kann einem nur ein Schauspieler erzählen, der sie gespielt hat. Ich werde nicht vergessen, wie Helmut mir <a href="http://https://www.deutsche-biographie.de/sfz44606.html">Fritz Kortner</a>s Memoiren „Aller Tage Abend“ ans Herz legte und mir dabei erklärte, wie wichtig das richtige Timing ist für jeden professionellen Sprecher. Kortners großes Vorbild sei, sagte Helmut, der Langstreckenläufer Nurmi gewesen: „Denn der schaute beim Laufen auf die Uhr – um zu sehen, ob er nicht zu schnell ist.“</p>
<p>Wie sehr habe ich Helmut bewundert für seine Präzision als Sprecher – nicht nur, wenn er für Härtling kurze Ausschnitte, sondern wenn er ganze Bücher vorlas. Es war wie ein Zauberkunststück: Aus seinem Mund wurde jeder Text vollkommen klar, verständlich und transparent. Er hatte es zu seiner Kunst entwickelt, dem Zuhörer beim Lesen exakt die Betonungen zu liefern und kleinen Pausen zu verschaffen, die es braucht, um den Gedanken, der in dem Text steckt, tatsächlich verfolgen und begreifen zu können. Ein Kunststück, das ihm auch deshalb so gut gelang, weil er sich beim Lesen nie in den Vordergrund drängte, sondern bewusst hinter das Vorgelesene zurücktrat. Er nutzte seine Stimme, an der man sich als Zuhörer wärmen konnte wie im Winter an einer frisch gebrühten Tasse Tee, um den Text ins beste Licht zu rücken, nicht sich selbst. Diese Fähigkeit steht im Theater heute nicht immer hoch in Kurs. In Nürnberg soll ihn ein Regisseur einmal getadelt haben: „Helmut, Du sprichst so gut, schluder’ doch mal ein bisschen.“</p>
<div id="attachment_2411" class="wp-caption alignleft" style="width: 337px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51P+0Bn096L._AC_US327_QL65_.jpg"><img class="size-full wp-image-2411" title="51P+0Bn096L._AC_US327_QL65_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51P+0Bn096L._AC_US327_QL65_.jpg" alt="" width="327" height="327" /></a><p class="wp-caption-text">Wilhelm von Sternburg: &quot;Die Geschichte der Deutschen&quot;. Sprecher: Helmut Winkelmann. Campus Verlag</p></div>
<p>Zu den üblichen Vorurteilen über Schauspieler gehört, dass sie unsagbar eitel sind. Vielleicht kann das auch nicht anders sein, wenn man einen Beruf ausübt, der es verlangt, sich selbst mit Haut und Haar öffentlich auszustellen. Aber ich habe nie einen uneitleren Schauspieler kennengelernt als Helmut. Vielleicht war auch das einer der Gründe, weshalb er sich von der Bühne verabschiedet und <a href="http://https://www.youtube.com/watch?v=ggXk5tvAZ2E">seinen Platz hinter dem Mikrophon des professionellen Sprechers</a> eingenommen hat. Er liebte es mehr,  Literatur zu präsentieren als sich selbst. Der Text war ihm wichtiger, als das eigene Gesicht in eine Kamera zu halten.</p>
<p>Helmut war für mich immer ein Mann mit ganz besonderen Fähigkeiten und Talenten. Und die größte seiner Begabungen war für mich seine Fähigkeit, trotz seines außerordentlichen Könnens kein Aufhebens um sich zu machen. Er hatte die erstaunliche und sehr seltene Gabe, von sich selbst abzusehen. Er liebte seine Arbeit, sie war seine Passion, in ihr konnte er aufgehen. Er selbst kam erst danach.</p>
<p>Abschiednehmen ist nie leicht und manchmal ist es schwer. Als Annette und ich vor vier Wochen das letzte Mal bei ihm waren, fühlte ich, wie meine Bewunderung für Helmut immer weiter wuchs. Seine Ruhe, seine Gelassenheit, ja seine Heiterkeit trotz der Krankheit haben mich umgehauen. Auch in dieser Situation hatte er die Kraft, von sich selbst abzusehen. Brecht hat <a href="http://https://www.neues-deutschland.de/artikel/713646.als-ich-in-weissem-krankenzimmer-der-charite.html">in einem seiner letzten Gedichten</a> davon geschrieben, er freue sich nicht nur an den Vögeln, die er vor seinem Fenster singen höre, sondern er freue sich auch an dem Gesang der Vögel, die noch dann vor seinem Fenster singen werden, wenn er nicht mehr da sei. Etwas von dieser erstaunlichen, dieser selbstlosen Freude am Leben habe ich bei diesem Besuch bei Helmut gespürt.</p>
<div id="attachment_2412" class="wp-caption alignright" style="width: 337px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51FWCRYBAGL._AC_US327_QL65_.jpg"><img class="size-full wp-image-2412" title="51FWCRYBAGL._AC_US327_QL65_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51FWCRYBAGL._AC_US327_QL65_.jpg" alt="" width="327" height="327" /></a><p class="wp-caption-text">Umberto Eco, T.C.Boyle et.al.: &quot;Ziemlich komisch&quot;. Sprecher: Helmut Winkelmann. Hörbuch Verlag</p></div>
<p>Eine Rede auf Helmut sollte nicht, ja darf nicht in düsterer Tonlage schließen. Dafür hat er viel zu gern gelacht und das Leben genossen. Ich erinnere mich an unsere nächtliche Autofahrt, als mir Helmut von Wien und Fritz Kortner erzählte. Einmal sei, sagte Helmut, Kortner nach dem Unterschied zwischen dem Berliner Schillertheater und dem Wiener Burgtheater gefragt worden. Der Unterschied, antwortete Kortner, sei nicht groß: „An beiden Theatern wird miserabel gespielt. Aber am Burgtheater sind sie stolz darauf.“</p>
<p>Doch die beste Geschichte, die Helmut mir damals erzählte, ist die von dem alten Kortner, der nachts im Zug sitzt und sein müdes, kränkliches Gesicht im spiegelnden Fenster studiert. Bis ihn ein Fremder anspricht und sagt:<br />
„Sie sehen aus wie Fritz Kortner, aber ich weiß, Sie können es nicht sein.“<br />
„Warum nicht?“, fragte Kortner.<br />
„Weil“, so der Mitreisende, „meine Frau mir unlängst erzählt hat, dass Kortner tot ist.“<br />
Kortner zuckte die Achseln: „Sagen Sie ihrer Frau, Kortner lebt.“<br />
Als sein Blick dann wieder auf sein Spiegelbild im Fenster fiel, fügte er schnell hinzu: „Aber sagen Sie es ihr bald!“</p>
<p>Lieber Helmut, nach dieser mustergültigen Pointe lachten wir beide lauthals nachts auf dieser Heimfahrt im Wagen, und wir hätten, ein wenig Licht vorausgesetzt, unsere Gesichter in den Seitenscheiben des Autos studieren können. Wir wussten das, aber es machte nichts. Wir lachten und genossen den Moment, und ich schwöre, für einen winzigen Augenblick schwebte unser Wagen einen Fingerbreit über dem Boden.</p>
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		<title>V.S. Naipaul ist tot</title>
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		<pubDate>Sun, 12 Aug 2018 14:28:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[V.S. Naipaul]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Mann mit mindestens drei Gesichtern Gestern, am 11. August 2018 starb der Literatur-Nobelpreisträger V.S. Naipaul in London. Er galt als einer der größten englischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1932 in Trinidat als Nachkomme verarmter indischer Wanderarbeiter geboren, hatte er &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2392">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Ein Mann mit mindestens drei Gesichtern</strong></h1>
<h2><strong>Gestern, am 11. August 2018 starb der Literatur-Nobelpreisträger V.S. Naipaul in London. Er galt als einer der größten englischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1932 in Trinidat als Nachkomme verarmter indischer Wanderarbeiter geboren, hatte er den atemberaubenden Weg eines &#8220;Barfüßigen aus der Kolonie&#8221; bis hin zu einem Mitglied der Oberklasse in England erfolgreich bewältigt. Naipaul erhielt nicht nur einige der begehrtesten Literaturpreise, sondern 1990 auch den Adelstitel. Seither durfte er sich Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul nennen, zeichnete seine Bücher aber weiterhin mit der kappen Chiffre: V.S. Naipaul.</strong></h2>
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<div id="attachment_2399" class="wp-caption alignright" style="width: 202px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/34516543z1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2399" title="34516543z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/34516543z1-192x300.jpg" alt="" width="192" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">V.S.Naipaul: &quot;Ein Haus für Mr. Biswas&quot;. Roman. Übersetzt von Sabine Roth. Fischer Taschenbuch Verlag, 12,99 Euro</p></div>
<p>Der Schriftsteller V. S. Naipaul hatte mindestens drei Gesichter. Er war zu Anfang seiner literarischen Karriere ein Erzähler von großem Atmen und beeindruckender Suggestivität. Zwei seiner Romane &#8211; &#8220;Ein Haus für Mister Biswas&#8221; (1961) und &#8220;In der Biegung des großen Flusses&#8221; (1979) &#8211; gehören zu dem Eindrucksvollsten was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über die fragilen, von ihren ehemaligen Kolonialherren in eine krisengeschüttelte Freiheit entlassenen Gesellschaften der Dritten Welt geschrieben wurde. In Anspielung auf seine Herkunft erklärte Naipaul, als er 2001 den Literaturnobelpreis erhielt: &#8220;Ich bin höchst erfreut. Dies ist eine große Anerkennung für England, meine Heimat, und für Indien, die Heimat meiner Vorfahren.&#8221;</p>
<div id="attachment_2400" class="wp-caption alignleft" style="width: 197px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51u9rUDO5lL._SX310_BO1204203200_2.jpg"><img class="size-medium wp-image-2400" title="51u9rUDO5lL._SX310_BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51u9rUDO5lL._SX310_BO1204203200_2-187x300.jpg" alt="" width="187" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">V.S.Naipaul: &quot;Eine islamische Reise&quot;. Unter den Gläubigen.Übersetzt von Karin Graf. Derzeit nur als dtv-Taschenbuch lieferbar</p></div>
<p>Zweitens war der 1932 auf Trinidad als Nachkomme eingewanderter indischer Landarbeiter geborene Naipaul ein Reiseschriftsteller von internationalem Rang. Schon in jungen Jahren, nach der Veröffentlichung seiner ersten drei satirischen Frühwerke, die er selbst als &#8220;soziale Komödien&#8221; bezeichnete, nahm Naipaul eine ausgedehnte und weitschweifende Reisetätigkeit auf. Wie nur wenige andere Autoren &#8211; zumal wie sehr wenige deutschsprachige Schriftsteller &#8211; eroberte er sich auf diese Weise weite Erdteile und fremde Zivilisationen durch eigene Anschauung. Als literarischer Erträge brachte er von diesen Expeditionen epische Reportagen mit, die wie &#8220;The Middle Passage&#8221; (1962), &#8220;Indien: Eine verwundete Kultur&#8221; (dt. 1978) oder &#8220;Eine islamische Reise. Unter den Gläubigen&#8221; (dt. 1982) zu dem Anschaulichsten und Informativsten zählen, was man über die Karibik, Indien und die islamischen Länder lesen kann. Zu den Eigentümlichkeiten des deutschen Buchmarktes gehört, das derlei literarische Reisebeschreibungen &#8211; auch Naipauls &#8211; hierzulande nur sehr wenige Leser finden, obwohl die Deutschen sich doch so gern als überaus reise- und leselustiges Volk betrachten.</p>
<div id="attachment_2397" class="wp-caption alignright" style="width: 207px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/31748050z1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2397" title="31748050z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/31748050z1-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">V.S.Naipaul: &quot;The Enigma of Arrival&quot; Novel (dt.: &quot;Das Rätsel der Ankunft&quot;) Macmillan Publishers International, 9,99 Euro</p></div>
<p>Drittens schließlich hat sich Naipaul mit zunehmendem Alter zu einem explizit modernen, vielfältig experimentierenden Prosaautor entwickelt, der sich von seinem früheren traditionellen Schreiben fast demonstrativ abwandte. In &#8220;Das Rätsel der Ankunft&#8221; beispielsweise beschreibt Naipaul über viel hundert Seiten hinweg im Grunde nichts anderes als ein kleines Tal östlich von London, wo er in einem kleinen, feuchten Landhaus jahrelang lebte und schrieb. Ein Buch, dass man eher einem Autor des französischen &#8220;Nouveau Roman&#8221; zugetraut hätte, als einem ehemals so lebendig und temperamentvoll erzählenden Romancier oder einem politisch kühl analysierenden Reporter zugetraut hätte.</p>
<p>Seinen internationalen Ruhm begründete Naipaul mit dem Roman &#8220;Ein Haus für Mister Biswas&#8221;, der in seiner karibischen Heimat und den Kampf eines einfachen, aber ambitionierten eingewanderten Inders beschreibt, der das kühne Lebensziel verfolgt, mit seiner Familie ein wirtschaftlich selbständiges und zugleich kultiviertes Leben zu führen. Mit diesem autobiografisch gefärbten Roman setzte Naipaul seinen Vater, der sein Leben lang darum rang, ein Journalist und Schriftsteller zu werden, immer aber an den erbärmlichen Lebensbedingungen Trinidads scheiterte, ein menschlich anrührendes, unvergessliches Denkmal.</p>
<div id="attachment_2396" class="wp-caption alignleft" style="width: 202px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/34516773n.jpg"><img class="size-medium wp-image-2396" title="34516773n" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/34516773n-192x300.jpg" alt="" width="192" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">V.S.Naipaul: &quot;An der Biegung des großen Flusses&quot;. Roman. Übersetzt von Sabine Roth. Fischer Taschenbuch Verlag, 14,99 Euro</p></div>
<p>Wie beweglich Naipauls literarische Fantasie ist, wie unabhängig von spezifischen Milieus oder Landschaften er zu erzählen vermag, bewies er rund 15 Jahre später, als er mit dem Roman &#8220;An der Biegung des großen Flusses&#8221; das Porträt einer afrikanischen Gesellschaft schrieb, in der sich ein Einwanderer als Geschäftsmann einen festen Lebensplatz zu erobern versucht. Seine jahrelange Arbeit, seine intensiven Anpassungsbemühungen und auch seine so behutsam angeknüpften Liebesbande zu einer ihm unerreichbar erscheinenden Frau werden kurzer Zeit zunichte gemacht, in der gewalttätige Rassenunruhen die wenigen, mühsam herausgebildeten zivilisatorischen Strukturen in diesem Land hinwegschwemmen.</p>
<p>Wegen seines gnadenlosen Blickes nicht nur auf die Schwächen der Ersten Welt, sondern auch auf die der Dritten Welt ist Naipaul oft heftig angegriffen worden. Sein Fazit, nachdem er als Collegelehrer in den USA gearbeitet hatte: &#8220;Ungebildete Studenten mit weißen Söckchen bedrohen Amerika mehr als Öl-Embargos&#8221;. Über seine britische Wahlheimat schrieb er: &#8220;Das Leben hier ist eigentlich eine Art Kastration. In England sind die Leute sehr stolz darauf, dumm zu sein.&#8221; Und nach einer seiner Afrikareise schrieb er: &#8220;Die Leute sagen, der Mann im Busch ist ausgebeutet worden, ist ein Opfer des Kolonialismus. Ich dagegen glaube, dass die Menschen in Europa viel größere Ungewissheiten und Gewalt ertragen haben als je ein Mensch, der im Busch lebt. Ich bin erstaunt über die Kreativität in Europa. Unkreative Länder, das sind doch wohl die arabischen Länder und Afrika. Sie tun nichts, das sind parasitäre Orte.&#8221;</p>
<div id="attachment_2401" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/41JVG2KWS8L._SX281_BO1204203200_.jpg"><img class="size-medium wp-image-2401" title="41JVG2KWS8L._SX281_BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/41JVG2KWS8L._SX281_BO1204203200_-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">V.S.Naipaul: &quot;Indien - eine verwundete Kultur&quot;. Derzeit nur antiquarisch lieferbar</p></div>
<p>Naipaul war kein Mann der politisch ausgewogenen, begütigenden Äußerung. Doch er konnte seinen Furor stets mit großer Kompetenz und Lebenserfahrung rechtfertigen: Er kannte, wovon es sprach und konnte sein Urteil durch eigene Erlebnisse untermauern. Naipaul, der vom namenlosen Sohn verarmter indischer Eltern auf einer verlorenen Karibikinsel aus eigener literarischer Kraft zu einem Kosmopoliten und weltweit anerkannten Autor geworden war, legt unerbittliche Maßstäbe an. Dass ihn das zu einem sanftmütigen Menschen machte, wird niemand behaupten. Er sei ein glänzender Schriftsteller, gestanden ihm viele seiner Kritiker zu, aber eben auch ein Mann mit einem schwierigen Charakter.</p>
<p>Naipaul schonte nichts und niemanden &#8211; aber am wenigsten sich selbst. Er war ein fanatischer Arbeiter, der seine Manuskripte, nachdem sie getippt waren, mehrfach mit der Hand abschrieb, um so an jedem Satz, an jeder Formulierung erneut zu feilen &#8211; mitunter bis zum körperlichen Zusammenbruch. Auf diese Weise wurde er im buchstäblichen Sinn des Wortes ein freier Autor: &#8220;Das hat mit die Unabhängigkeit bewahrt&#8221;, schrieb er einmal, &#8220;von Leuten, von Verstrickungen, von Rivalitäten, vom Wettbewerb. Ich habe keine Gegenspieler, keine Rivalen, keine Meister: Ich fürchte niemanden.&#8221;</p>
<p>Gerade zu Beginn des neuen Jahrtausends und nach den Terroranschlägen vom 11. September &#8211; V. S. Naipual den Literaturnobelpreis zu verleihen, war mehr als eine literarische Entscheidung. Es war eine politische Demonstration: Für einen in vielen Kulturen erfahrenen Mann, der ohne Scheuklappen auf seine Epoche sah und der ohne Ärmelschoner schrieb und dachte. Für eine Mann, der &#8211; auch schmerzvoll &#8211; die Globalisierung sämtlicher Lebensverhältnisse schon Jahrzehnten zuvor am eigenen Leibe erfahren hatte. Und nicht zuletzt für einen Schriftsteller, der in der literarischen Tradition Europas den Lesern aller Kontinente mit hinreißender erzählerischer Anschaulichkeit von scheinbar entlegene Weltgegenden berichtet hatte, und der dort letztlich die gleichen Hoffnungen, die gleichen Schmerzen, die gleichen Träume, kurz: die gleichen Menschen entdeckt, die alle großen Romane bevölkern. V.S. Naipaul hat den Horizont unserer Literatur um ein gutes Stück ins Unbekannte vorangeschoben.</p>
</div>
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