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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Poesie</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Heiner Müller: &#8220;Zahnfäule in Paris&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2022 08:02:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Bert Papenfuß]]></category>
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		<category><![CDATA[Heiner Müller]]></category>
		<category><![CDATA[Sascha Anderson]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Gedicht an der Wand neben meinem Schreibtisch Am 30. Dezember 1995, vor 27 Jahren starb Heiner Müller. Ich habe ihn einige Mal getroffen und sein Werk war mir immer wichtig. Als kleine Erinnerung an ihn möchte ich hier die &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2630">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Das Gedicht an der Wand neben meinem Schreibtisch</strong></h1>
<h2><strong>Am 30. Dezember 1995, vor 27 Jahren starb Heiner Müller. Ich habe ihn einige Mal getroffen und sein Werk war mir immer wichtig. Als kleine Erinnerung an ihn möchte ich hier die Geschichte eines Gedichts von ihm erzählen, das in Müllers Handschrift neben meinem Schreibtisch hängt. Seit rund 40 Jahren. Und davon, was es mir bedeutet.</strong></h2>
<p>­­­Das alles ist fast vierzig Jahre her. Damals war ich Literaturredakteur der FAZ. Die DDR existierte noch und mir fiel der erste Lyrikband eines jungen Mannes aus Ostberlin in die Hände, er hieß Sascha Anderson. In seinen Gedichten kürzte er die Parteizeitung „Neues Deutschland“ mit „eNDe“ ab, listete sämtliche Worte aus Goethes Gedicht „Dämmerung“ penibel alphabetisch auf („dämmerung der der der die die doch durch durchs“) oder brachte die in der Blockkonfrontation festgefahrene Übertrumpfungslogik von Ost und West auf so lapidare Zeilen wie „östwestlicher die wahn“ oder „jeder satellit hat einen killersatelliten“.</p>
<p>Was war das? Eine sprachspielerische Form politischer Kritik? Ein neuer Dadaismus? Eine Punk-Lyrik, die sich über die Ideologien beider Hemisphären lustig machte und über die kniefällige deutsche Goethe-Verehrung gleich mit?</p>
<p>Ich wollte mehr erfahren über diesen Anderson. Also fuhr ich nach Ostberlin, traf ihn in der Pankower Keramikwerkstatt, in der er damals wohnte, und schrieb danach ein Porträt über ihn (siehe F.A.Z. vom 23. Juni 1983). Ich war überrascht: Er sprach kaum über die eigenen Gedichte, er hatte spürbar keine Lust, einem Kritiker seine Qualitäten als Schriftsteller anzupreisen. Stattdessen versuchte er mich zu begeistern für die Lyrik seines Freundes Bert Papenfuß oder die Arbeiten der Malerin Cornelia Schleime. Er wirkte völlig offen und angstfrei, obwohl er davon sprach, von der Stasi „regelmäßig verfolgt, verhört, bedroht“ zu werde &#8211; wie ich in meinem Artikel festhielt.</p>
<p>Was er seinen Führungsoffizieren bei diesen Verhören berichtete, sagte er mir natürlich nicht. Seine Enttarnung als Spitzel des Prenzlauer Bergs, der seine engsten Freunde an die Stasi verraten hatte, gelang erst acht Jahre später. Seither scheint auch das Urteil über ihn als Autor gesprochen.</p>
<div id="attachment_2631" class="wp-caption alignright" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-2631" alt="Aus: Heiner Müller: „Die Gedichte“. Werke Band 1. Herausgegeben von Frank Hörnigk. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998. S.216" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/12/0-2-225x300.jpg" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Aus: Heiner Müller: „Die Gedichte“. Werke Band 1. Herausgegeben von Frank Hörnigk. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998. S.216</p></div>
<p>Doch damals, 1983, war das alles noch unvorstellbar. In einem Winkel des Keramik-Ateliers entdeckte ich ein mit zwei Reißnägeln an die Wand geheftetes Papier und darauf die Handschrift Heiner Müllers. Es waren die fünf Zeilen von „Zahnfäule in Paris“, signiert mit „HM“. Ich hatte mich davor lange mit Müllers Werk beschäftigt, doch dieses Gedicht kannte ich nicht. Ich war beeindruckt. Anderson merkte das, zog die Reißnägel aus der Wand und schenkte mir das Blatt. Er tat das ohne großes Aufhebens – eine schöne (vielleicht demonstrative?) Probe seiner Freimut.</p>
<p>Seither, seit fast vierzig Jahren hängt das Blatt neben meinem Schreibtisch. Kein Umzug, kein Wechsel der Arbeitszimmer konnte daran etwas ändern. Zugegeben, es ist ein etwas ruppiger lyrischer Lebensbegleiter. Manche Freunde, die davorstehen, um das Gedicht zu entziffern, finden meine Anhänglichkeit – milde formuliert – seltsam.</p>
<p>Schon der Titel lässt keinen Zweifel an der desillusionierenden, einer Ästhetik des Hässlichen verpflichteten Haltung, mit der Müller hier schreibt. Sie erinnert ein wenig an Gottfried Benns Morgue-Gedichte. In der Hochglanzwelt der Zahnpastareklame wird gern der Begriff Karies benutzt und er steht für eine Bagatellerkrankung, die medizinisch problemlos beherrschbar ist. In dem Wort „Zahnfäule“ dagegen klingt deutlich hörbar ein Zersetzungsprozess an, ein körperlicher Zerstörungsvorgang, der sich nicht wieder gut machen lässt.</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-2632" alt="FT08QXwWQAEnL_c" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/12/FT08QXwWQAEnL_c-224x300.jpg" width="224" height="300" />Mit der ersten Zeile erweitert Müller diesen Anklang an Verfall und Agonie dann ins Allgemeine. Die Fäulnis frisst nicht nur an den Zähnen, sondern an dem Menschen, an „mir“. Ich verstehe die ersten sieben Worte des Gedichts als denkbar knappes Memento mori: Als eine Vorahnung des Todes, die einen selbst in Paris, der Hauptstadt des Lebensgenusses, einholen kann.</p>
<p>Dann ändert das Gedicht ein wenig die Perspektive. Das „Ich“, das in diesen fünf Zeilen spricht, lenkt den Blick auf sich selbst, auf seine Gewohnheit zu viel zu rauchen und zu trinken. Es konstatiert diese Tatsache so sachlich wie möglich, ohne Ausflucht oder Beschönigung. In der Psychologie wird derartiges Suchtverhalten oft als Hinweis auf verstreckte Neigungen zur Selbstdestruktion, zur Autoaggression verstanden. Oder um es ebenso lapidar wie brutal zu formulieren: Als den uneingestandenen Wunsch, schneller zu sterben.</p>
<p>Tatsächlich war Heiner Müller in der Öffentlichkeit selten anzutreffen ohne zwei ständige Begleiter: die Zigarre und das Whiskyglas. Sein Gedicht arbeitet mit einem typischen Stilmittel der Moderne, dem Schock. Der Schock soll die alltägliche Wahrnehmung für einen Augenblick öffnen für ein Kunsterlebnis, das tiefer ins Bewusstsein eingreift – etwa durch die schmerzhaft zugespitzte Selbsteinschätzung: „Du stirbst zu langsam.“</p>
<p>Für mich ist das Gedicht eine nun bald vierzigjährige Mahnung. Nicht eine zur gesunden Lebensführung. Wohl aber die Aufforderung, auch den verdeckten, unbewussten Motiven des eigenen Handelns auf der Spur zu bleiben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Verspäteter verfrühter Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2022 17:51:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Hannah Arendt. Postmoderne]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Magnus Enzensberger]]></category>

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		<description><![CDATA[Nicht nur Bücher haben ihre Schicksale, manchmal haben sogar Zeitungsartikel so etwas wie ein Schicksal. Den folgenden Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger habe ich im Jahr 2010 gechrieben, also rund zwölf Jahre zu früh. Es war ein Artikel auf Vorrat &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2610">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Nicht nur Bücher haben ihre Schicksale</strong>, manchmal haben sogar Zeitungsartikel so etwas wie ein Schicksal. Den folgenden Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger habe ich im Jahr 2010 gechrieben, also rund zwölf Jahre zu früh. Es war ein Artikel auf Vorrat &#8211; Zeitungsredaktionen möchten gern für alles gerüstet sein, und Nachrufe auf bedeutende Persönlichkeiten jenseits des achtizigsten Geburtstags werden vorab geschrieben, und für den Fall der Fälle bereit gehalten.</em></p>
<div id="attachment_2611" class="wp-caption alignright" style="width: 168px"><img class="size-full wp-image-2611" alt="Stefan Moses: Hans Magnus Enzensberger. Eine Hommage. Verlag Schirmer &amp; Mosel, 29,80 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/41F71uKQM5L._AC_UY218_.jpg" width="158" height="218" /><p class="wp-caption-text"><em>Stefan Moses: Hans Magnus Enzensberger. Eine Hommage. Verlag Schirmer &amp; Mosel, 29,80 Euro</em></p></div>
<p><em>Diesen Nachruf habe ich nach seiner Fertigstellung aber per Email nicht an die Redaktion geschickt, für die ich damals arbeitete, sondern zunächst irrtümlicherweise an einen freundlichen Cousin. Erst als er mich auf dieses Fehler aufmerksam machte, habe ich ihn dann in die richtigen Hände leiten können. Als jetzt, zwölf Jahre später, HME bedauerlicherweise tatsächlich gestorben ist, hatte ich den Artikel längst vergessen &#8211; und die Redaktion, für die ich ihn damals geschrieben habe, offensichtlich auch. Jedenfalls wurde er vergangene Woche nicht gedruckt. Und wieder war es jetzt der freundliche Cousin, er heißt Michael, der mich an den Nachruf <em>auf einen von mir hochgeschätzten Schriftsteller</em> erinnerte und ihn mir noch einmal zuschickte.</em></p>
<p><em>Und als wäre das für einen Zeitungsartikel noch nicht Schicksal genug, landete Michaels aktuelle Email samt HME-Nachruf in meinem Spam-Ordner, wo ich sie erst jetzt, mit einigen Tagen Verspätung, gefunden habe. Damit bietet sich mir die einmalige Gelegenheit, hier einen zwölf Jahre verfrüht geschriebenen Nachruf mit einigen Tagen Verspätung zu veröffentlichen.</em></p>
<h1><strong>Hans MAGNUS Enzensberger</strong></h1>
<h2><strong>Ein Nachruf</strong></h2>
<p>Er war nie so recht zu fassen. Und er hat zeitlebens großen Wert darauf gelegt, immer ein wenig unfassbar zu bleiben. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass Dichter und Denker keine Betongießer sind, denen alles unter den Händen zu toter, wandlungsloser Unverrückbarkeit erstarrt, dann wäre Hans Magnus Enzensberger ein schlagendes Beispiel. Er hatte viel zu viele Talente und Interessen, war viel zu erfahrungsgierig und abenteuerlustig, als dass er ein Leben ohne Metamorphosen hätte leben können. Sein Freund, der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson sprach einmal davon, dass Enzensberger über ein ganzes Bündel von Persönlichkeiten verfüge, die jeweils einzeln, aber auch alle zusammen auf den Namen Enzensberger hörten.</p>
<div id="attachment_2612" class="wp-caption alignleft" style="width: 141px"><img class="size-full wp-image-2612" alt="Hans Magnus Enzensberger: &quot;Der Untergang der Titanic&quot;. Eine Komödie. Suhrkamp Verlag,  8 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/71NdmQhG+MS._AC_UY218_.jpg" width="131" height="218" /><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &#8220;Der Untergang der Titanic&#8221;. Eine Komödie. Suhrkamp Verlag, 8 Euro</p></div>
<p>Seine Gegner haben ihm das oft übel genommen. Sie nannten ihn unzuverlässig und flatterhaft, nannten ihn einen Hans Dampf in allen Gassen des Zeitgeists oder schärfer noch: einen Renegaten und Verräter, weil er mancher linken Idee, die er in den wilden sechziger Jahren propagierte, bald darauf achselzuckend den Rücken kehrte. Doch das beunruhigte ihn augenscheinlich wenig. Seit er 1945 als fünfzehnzehnjähriger Volkssturmknabe von gewissenlosen Befehlshabern losgeschickt wurde, um amerikanische Panzer aufzuhalten, hatte er ein für allemal begriffen, dass auf getreuer Pflichterfüllung weit weniger Segen ruhen kann als auf kühn geplanter Desertion.</p>
<p>Sein Aufstieg im Literaturbetrieb der noch jungen Bundesrepublik ist bis heute nahezu beispiellos: 1957 erschien sein erstes Buch, der Lyrikband „Verteidigung der Wölfe“ und bereits 1963, mit nur 33 Jahren, erhielt er den Büchnerpreis, die höchste literarische Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat. In der kurzen Zeit dazwischen hatte er zwei weitere Gedichtbände publiziert, Essays zum Neckermann-Katalog, zur Sprache des „Spiegels“, zum Film und zur FAZ veröffentlicht, mit denen er sich als fulminanter Medienkritiker erwies und erste Aufsätze zu „Politik und Verbrechen“ (1964) geschrieben, die ihn in einen politologischen Disput mit der in USA lehrenden Philosophin Hannah Arendt verstrickten. Er war ein literarischer Shooting-Star von europäischem Format, kein Poet in weltferner Klause, sondern ein „Luftwesen“, wie Dichterkollege Peter Rühmkorf ihn beschrieb, immer unterwegs zu „dringenden Terminen, Verabredungen auf Flugplätzen, Besprechungen in Hotel-Lobbys, Projektkonferenzen für alle Medien und auf allen Wellenlängen.“</p>
<p>Enzensberger schien den von den Nazis abgebrochenen Kontakt der deutschen Literatur zu den Debatten der Weltkultur eigenhändig und im Alleingang wiederherstellen zu wollen. Mit seinem 16-sprachigen „Museum der modernen Poesie“ (1960) präsentierte er die Meisterleistungen der lyrischen Moderne einem damit weitgehend unvertrauten deutschen Publikum. Im Nachwort allerdings verkündete er dann das Ende der Moderne und den Beginn einer Nach-Moderne: Man kann diesen Essay als das weltweit erste präzise argumentierende Manifest der literarischen Postmoderne betrachten – erschienen wenige Monate nachdem der Begriff in Amerika geboren und Jahrzehnte bevor er dann in Deutschland endlich diskutiert wurde.</p>
<p>Wenn zunächst niemand seine Gedanken aufgriff, wie in diesem Fall, weil er den Zeitgenossen meilenweit voranstürmte, verbiss sich Enzensberger nicht in sein Thema, sondern wandte sich munter dem nächsten zu. Er trug wie kaum ein anderer deutsche Schriftsteller zur Politisierung der sechziger Jahre bei. Seine 1965 gegründete Zeitschrift „Kursbuch“ erreichte Schwindel erregende Auflagen und wurde zum intellektuellen Orientierungsmittel einer rebellierenden Generation. Um den Einfluss, über den er damals verfügte, dürften ihn nicht nur Schriftsteller, sondern selbst Politiker beneidet haben.</p>
<div id="attachment_2613" class="wp-caption alignright" style="width: 141px"><img class="size-full wp-image-2613" alt="Hans Magnus Enzensberger: &quot;Politik und Verbrechen&quot;. Neun Beiträge. Suhrkamp Verlag. 14 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/81xDrrd5BrL._AC_UY218_.jpg" width="131" height="218" /><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &#8220;Politik und Verbrechen&#8221;. Neun Beiträge. Suhrkamp Verlag. 14 Euro</p></div>
<p>Dennoch bezeichnet diese Zeit nicht nur einen Höhe-, sondern zugleich den Tiefpunkt seiner Karriere. Mitgerissen vom scheinrevolutionären Schwung ließ sich Enzensberger, der Ironiker und Feind jedes politischen Romantizismus, zu Thesen verführen, die sich nur durch zeitweilige Bewusstseinstrübung erklären lassen. 1968 bricht er einen Aufenthalt an einer amerikanischen Universität ab, weil ihn die in den Vietnamkrieg verstrickten USA „an die deutsche Situation in den dreißiger Jahren“ erinnern, also an den sich anbahnenden oder bereits etablierten Nationalsozialismus. Stattdessen reist er für einige Monate in das Kuba Fidel Castros, um unter Palmen beim Aufbau des Sozialismus zu helfen.</p>
<p>Doch Kehrtwendungen waren nie Enzensbergers Problem. „Wahrheit“, schrieb er einmal, „ist die permanente Revision.“ Sein kubanischer Abstecher heilte ihn von politischen Illusionen. Hatte man in der Vergangenheit gelegentlich den Eindruck, er mache der Realität im Namen der Ideale den Prozess, so begann er nun noch konsequenter als zuvor die Ideale an der Realität zu messen und viele davon für unbrauchbar zu erklären. „Manchmal gefallen mir meine eigenen Essays nicht mehr“, sagte er damals, „weil sie in dieser Tradition der Rechthaberei stehen.“</p>
<p>Was daraufhin folgte, klang nicht selten wie eine groß angelegte Verteidigung der von Intellektuellen so gern verachteten braven Bundesrepublik. Enzensberger verabschiedete sich geschichtsphilosophischen Gewissheiten, die so oft in Totalitarismus und Terror endeten und entdeckte die Geschichte als kontingenten, vom Zufall abhängigen Prozess. Also predigte er die Weisheit eines von Ideologien unbeschwerten politischen Sichdurchwurschtelns. Er war in bester liberaler Tradition nie ein Freund starker Staatsgewalt gewesen, sondern immer ein Verfechter der Selbstorganisation der „Leute“ und hatte auch linke Ideen immer an diesem Ziel gemessen. Nun aber ging er soweit, ein – nur leise ironisches – Loblied auf die unermüdliche Strebsamkeit und den Common Sense des Kleinbürgertums anzustimmen.</p>
<div id="attachment_2614" class="wp-caption alignright" style="width: 143px"><img class="size-full wp-image-2614" alt="Hans Magnus Enzensberger: &quot;Gedichte 1950 - 2020&quot;. Suhrkamp Verlag, 14 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/71o3OK9YO4S._AC_UY218_.jpg" width="133" height="218" /><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &#8220;Gedichte 1950 &#8211; 2020&#8243;. Suhrkamp Verlag, 14 Euro</p></div>
<p>Weiter konnte er sich vom Avantgardedenken seiner frühen Jahre, das gelegentlich mehr als nur einen Anflug von Massenverachtung zeigte, nicht entfernen. Dass er auch damit seiner Zeit weit voraus war, belegt der Misserfolg seines Journals „TransAtlantik“. Ein grandioses Essay- und Reportagemagazin, das einige der klügsten deutschen und internationalen Schreiber auf Hochglanzseiten vereinte und alte linke Weggefährten schon mit dem Untertitel „Journal des Luxus und der Moden“ provozierte. Doch der deutsche Literaturbetrieb war auf eine derart selbstbewusste Rückkehr bürgerlicher Lebens- und Lesekultur noch nicht vorbereitet und so gab Enzensberger die Zeitschrift 1982 nach nur zwei Jahren wieder auf.</p>
<p>Angesichts der Ruhelosigkeit und Nervosität seines Denkens, ist die Entwicklungslosigkeit der Lyrik Enzensbergers umso auffälliger. Auch wenn sich seine Themenschwerpunkte gelegentlich verschoben, ist er sich als Dichter zumindest in formaler Hinsicht jahrzehntelang auffällig treu geblieben. Schon für seine ersten Gedichte Mitte der fünfziger Jahre bevorzugte er vor allem reimlose, freirhythmische Verse und mied die traditionellen strengen Gedichtformen. Bis zu seinen letzten Bänden hat sich daran nichts geändert. Enzensberger schöpfte das Sprachmaterial seiner Poesie aus dem Umgangsdeutsch, das den Geist der Zeit und der Zeitgenossen zuverlässig einfängt und liebte es, abgenutzte Phrasen in neue, überraschende Zusammenhänge zu rücken, um sie den Lesern in flirrend Frische neu vor Augen treten zu lassen.</p>
<p>Enzensberger verband all das mit der Schärfe seines Intellekts, der Aggressivität seines politischen Urteils, aber auch seiner tänzelnd ironischen Lebenshaltung zu einem unverkennbaren Ton, der mal schneidend streng werden konnte, mal melancholisch oder auch federnd leicht, doch nie sich in raunende Dunkelheit verlor. In seiner Lyrik klingt immer wieder eine Wunschvorstellung an, die er als politisch unerledigte Aufgabe betrachtete: Eine lebenswerte Welt für souveräne Individuen. In „Utopia“, einem seiner frühesten Gedichte, heißt es: „Die Liebe / wird polizeilich gestattet, / ausgerufen wird eine Amnestie / für die Sager der Wahrheit. / Die Bäcker schenken Semmeln / den Musikanten. Die Schmiede beschlagen mit Eisernen Kreuzen / die Esel. Wie eine Meuterei / bricht das Glück, wie ein Löwe aus.“</p>
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		<title>Matthias Politycki: &#8220;Tankwart, das Lied vom Volltanken singend&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 22 May 2018 12:44:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Wolfgang Frühwald]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Leben zwischen Manta und Mazda Matthias Politycki gehört für mich zu den originellsten Dichtern, die wir derzeit in der deutschen Literatur haben. Seine Gedichte bereiten mir sinnlich und intellektuell immer wieder ein prachvolles Vergnügen. Jetzt hat Politycki einen umfangreichen &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2373">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Das Leben zwischen Manta und Mazda</strong></h1>
<div id="attachment_2377" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/05/MP1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2377" title="MP" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/05/MP1-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Matthias Politycki: &quot;Sämtliche Gedichte 2017-1987&quot;. Mit einem Nachwort von Wolfgang Frühwald. Verlag Hoffmann und Campe. 32 Euro</p></div>
<h2><strong>Matthias Politycki gehört für mich zu den originellsten Dichtern, die wir derzeit in der deutschen Literatur haben. Seine Gedichte bereiten mir sinnlich und intellektuell immer wieder ein prachvolles Vergnügen. Jetzt hat Politycki einen umfangreichen Band mit seinen <a href="http://www.matthias-politycki.de/Saemtliche-Gedichte-2017-1987~16-10316">&#8220;Sämtlichen Gedichten 2017-1987&#8243;</a> auf den Buchmarkt gewuchtet, den ich jedem, der Gedichte als Genuss und nicht als literaturwissenschaftliche Decodierungsvorlage betrachtet, ans Herz legen möchte. Das Buch enthält außerdem ein kluges Nachwort von Wolfgang Frühwald. Matthias Politycki und sein Verlag Hoffmann und Campe haben mir erlaubt, eines der Gedichte hier im Blog vorzustellen und einen kleinen, hoffentlich erhellenden Kommentar hinzuzufügen. Der Kommentar mir zugleich Gelegenheit gibt, über eine Interpretation nachzudenken, die ich vor über zwanzig Jahren zu eben diesem Gedicht geschrieben habe. Mein Dank an Autor und Verlag! </strong></h2>
<h2><strong>Zuerst natürlich das 1994 entstandene Gedicht von Politycki:<br />
</strong></h2>
<h2><strong><br />
Tankwart, das Lied vom Volltanken singend</strong></h2>
<p>Ist doch<br />
ziemlich egal, ob du einer von denen bist -<br />
einer der lausigen Lichthupenfürsten,<br />
die (mit ner Beifahrerloge in Blond)<br />
hier ihren Unterarm raushängen müssen</p>
<p>Ist doch<br />
wirklich egal, ob du einer von denen bist,<br />
die (mit ner schönen Bescherung zur Rechten<br />
und auch drei schreienden Schrazen im Fond)<br />
vollauf beschäftigt sind, Chips ranzuschaffen</p>
<p>Ist doch<br />
völlig egal, ob ich dir deine Mühle jetzt<br />
volltanken soll, denn schon morgen, da hab ich<br />
den Tag komplett frei und da steig ich, ihr<br />
windigen Manta- und Mazda-Rummurkser, ihr<br />
hochwürdigen Audi- und Volvos-Schnarchsäcke, steig<br />
in meinen Turbo-Metallic und dann: nix wie<br />
weg! Mann, die Kurve gekrazt</p>
<p>bis zu<br />
dieser, oh ja: <em>dieser</em> Tanke, und wenn ich<br />
das Fenster dann kaum einen Spalt runterkurble und<br />
keinen Mucks leiser gar dreh die Musik und auch<br />
keinen Deut rauf in die Stirn etwa schiebe die<br />
Brille mit blickdichtem Sonnenglas, wenn ich<br />
dann nur so leicht nicke und &#8211; na? Ist doch<br />
absolut schnurzpiepegal</p>
<h2><strong>Fitnesstrainer für die Erinnerung</strong></h2>
<p>Polityckis Gedicht hatte mir sofort gefallen, als ich es in seinem Band <a href="http://www.matthias-politycki.de/Jenseits-von-Wurst-und-Kaese~16-168">&#8220;Jenseits von Wurst und Käse&#8221;</a> (1995) zum ersten Mal las. Also schrieb ich damals für Marcel Reich-Ranicki eine kleine Interpretation dazu, die er am 30. März 1996 in der FAZ in seiner Reihe &#8220;Frankfurter Anthologie&#8221; veröffentlichte. Die Chance, das Gedicht jetzt in dem 639seitigen Band &#8220;Samtliche Gedichte&#8221; wiederzulesen, gibt mir folglich auch Gelegenheit, mir nach gut zwanzig Jahren noch einmal meine eigene Interpretation vorzuknöpfen. Hat die Zeit etwas an dem Gedicht geändert oder an meinem Blick darauf? Denn es ist, auch wenn es das im ersten Augenblick vielleicht nicht gleich sichtbar wird, ein politisches Gedicht, dass zu politischen Reaktionen und Interpretationen herausfordert. Und die können sich im Laufe von über zwanzig Jahren ändern.</p>
<p>Aber zunächst einmal zur sprachlichen Seite der Angelegenheit. Denn damit begann ich damals meinen Beitrag zur &#8220;Frankfurter Anthologie&#8221;:</p>
<p>&#8220;Gute Dichter ziehen aus, neue Sprachterritorien zu erbeuten. Sicher, sie kennen jene wunderbaren Wortlandschaften, in denen die Poeten früherer Jahre und Jahrhunderte ihre Lyrikernte einbrachten, und sie tun sich dort ebenfalls um. Aber solche bereits bekannten Areale allein genügen ihnen nicht. Sie wollen Neuland gewinnen und erforschen &#8211; denn die wissen, dass sich Sprache unentwegt wandelt.</p>
<p>Aber selbst unter den Autoren, die in ihren Versen der ständigen Spracherneuerung auf den Fersen bleiben, bilden sich immer wieder fade Konventionen aus. So ist in der deutschen Gegenwartslyrik oft &#8211; mit wackerer Gesinnung, aber meist ein wenig abstakt &#8211; die Rede von übertriebenem Wohlstand oder vergifteter Natur, von der Fremdheit zwischen den Menschen und deren mangelnder Selbsterkenntnis. Sehr selten dagegen treten in Gedichten unserer Jahre &#8216;Tankstellen&#8217; oder &#8216;Chips&#8217;, &#8216;Mazda-Rummurkser&#8217; oder &#8216;Volvo-Scharchsäcke&#8217; in Erscheinung &#8211; und das ist verwunderlich, handelt es sich dabei doch um sehr zeitgenössische, sehr vertraute Phänomene. Kann es sein, dass in der Gegenwartslyrik unsere Gegenwart viel zu selten vorkommt?</p>
<p>Matthias Politycki (Jahrgang 1955) liebt es, die Leser seiner Gedichte mit alltäglichen, scheinbar banalen Worten und Wendungen zu konfrontieren, die nicht zum üblichen Lyrik-Vokabular gehören wie Sonne, Mond und Sterne. So ist das &#8216;Lied vom Volltanken&#8217;, das sein Tankwart singt, ganz auf das Adjektiv &#8216;egal&#8217; eingestimmt: liebevoll gesteigert von &#8216;ziemlich egal&#8217; über &#8216;wirklich egal&#8217; und &#8216;völlig egal&#8217; bis zu &#8216;absolut schnurzpiepegal&#8217;&#8221;.</p>
<p>Soweit damals meine ersten Bemerkungen zur Sprache des Gedichts. Diese Ansichten zu Polityckis Arbeit sind inzwischen weit verbreitet. Im Jahr 2000 rechnete ihn der Kritikerkollege Denis Scheck zu den wenigen Autoren deutsche Zunge, in deren Büchern man &#8220;ein Soundtrack des gelebten Lebens, eine Tonspur der bundesrepublikanischen Wirklichkeit&#8221; wiederfinden könne, wie Wolfgang Frühwald in seinem Nachwort dankenswerterweise zitiert. Ich war vermutlich nicht der erste und bin hoffentlich nicht der letzte, der sich über das große Talent Polityckis freut, bislang ungenutzte Sprachschätze unserer Zeit aus dem Sprechalltag zu bergen und in die Welt der Literatur zu überführen. Ich denke, diesen Punkt können wir abhaken, an dieser Leidenschaft dieses Autors und der entsprechenden Qualität seine Bücher besteht heute kein begründeter Zweifel mehr.</p>
<p>Nach diesem Einstieg bog in meiner Interpretation dann zu dem gesellschaftspolitischen Aspekt des Gedichtes ab. Denn das darin so liebevoll gesteigerte Adjektiv &#8220;egal&#8221; sah ich und sehe ich auch heute als deutlichen Hinweis an:</p>
<p>&#8220;Das unscheinbare Wort ist, so zeigt Polityckis Gedicht, zu einem zentralen Begriff unserer weitgehend egalitären Gesellschaft geworden. Natürlich gibt es nach wie vor Unterschiede zwischen den einzelnen Milieus, zwischen &#8216;lausigen Lichthupenfürsten&#8217; oder braven Familienvätern mit &#8216;drei schreienden Schazen im Fond&#8217;, zwischen Mazda- oder Audi-Besitzern. Und natürlich werden diese feinen Unterschiede, die nüchtern betrachtet minimal sind, von den Beteiligten gern mit ungeheurer Bedeutung aufgeladen, um sich zumindest die Illusion einer gesellschaftlichen Rangordnung zu retten.</p>
<p>Aber letztlich stehen wir, erinnert uns Politycki, dann doch alle an der gleichen Tankstelle. Das einst so gravierende soziale Gefälle ist letztlich in beträchtlichem Maße applaniert worden. Der Tankwart, der seine Kunden bedient, ist heute kein Diener mehr, und die anderen sind nicht seine Herren. Schon morgen hat er &#8216;wieder komplett den Tag frei&#8217; steigt in seinen &#8216;Turbo-Metallic&#8217;, fährt zu nächstgelegenen Zapfsäule und ist dort seinerseits Kunde, der auf ein beiläufiges Nicken seines mit &#8216;blickdichtem Sonnenglas&#8217; bewehrtem Kopf eilfertig umsorgt wird.&#8221;</p>
<p>Unschwer zu merken, dass damals meine Lektüre von Pierre Bourdieus &#8220;Feinen Unterschieden&#8221; seine Spuren im Gedicht-Kommentar hinterlassen hat. Aber ebenso unschwer ist zu spüren, dass der Kommentar vor der Agenda 2010 geschrieben wurde, die zwischen 2003 und 2005 unter Kanzler Schröder die Realitäten des Landes veränderten. Der Begriff &#8220;egalitär&#8221; gehört nicht zu den zentralen Begriffen, mit denen man derzeit den aktuellen Zustand der Bundesrepublik zu beschreiben versucht. Wenn heute vielmehr von einer &#8220;neuen Spaltung&#8221; der Gesellschaft gesprochen wird und davon, dass es eine beträchtliche Gruppe von Bürgern &#8220;angehängt&#8221; fühle von der Entwicklung des Landes, werden die Ursachen dafür regelmäßig auf die Agenda-Politik zurückgeführt.</p>
<p>Ob diese gegenwärtig sehr geläufige Diagnose richtig ist oder unzureichend, ob es dem Land ohne Agenda 2010 heute besser ginge oder nicht, möchte ich hier gern dahingestellt sein lassen. Es interessiert mich bei der Lektüre dieses Gedichtes (samt meiner Interpretation) im Grunde nicht. Darüber wäre in einer zähen und hoffentlich mit zuverlässigen soziologischen und wirtschaftspolitischen Fakten unterfütterten Debatte zu streiten.</p>
<p>Im Hinblick auf das Gedicht scheint mir anderes wichtiger: Nämlich seine Kraft, eine inzwischen fast 25 Jahre zurückliegende gesellschaftliche Atmosphäre beim Lesen zu vergegenwärtigen &#8211; eben weil es die Tonlage dieser Zeit und ihr Sprachmaterial literarisch so kunstvoll konserviert hat. Die Sprach-Sinnlichkeit und die Sprach-Freude Polityckis hat einen bestimmten gesellschaftlichen Moment durch das saloppe Schwingen der Verse, durch die kunstvolle Lässigkeit des Tonfalls eingefangen. Er führt seinen Lesern nicht nur einen Ausschnitt des Lebens unter egalitären Verhältnissen vor, er lässt sie diesen Moment mit Worten noch einmal nachschmecken. Mit Sonne, Mond und Sternen, also mit dem traditionell gewohnten lyrischen Sprachmaterial, das große Teile der zeitgenössischen Lyrik hierzulande noch immer dominiert, wäre das wohl kaum möglich. Politycki erfüllt so eine uralte Aufgabe der Literatur: die sinnliche Vergegenwärtigung von Vergangenheit. Er ist ein Fitnesstrainer für die Erinnerung.</p>
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		<title>F.W.Bernstein alias Fritz Weigle zum Geburtstag</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Mar 2017 17:11:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Jarry]]></category>
		<category><![CDATA[F.K. Waechter]]></category>
		<category><![CDATA[F.W. Bernstein]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Valentin]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Gernhardt]]></category>

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		<description><![CDATA[Der allerschärfste Kritiker der Elche Um ein Haar hätte ich es verpasst. Aber F.W. Bernstein feiert heute Geburtstag, und zwar den 79. Eine gute Gelegenheit den Grandseigneur des Grotesken nach besten Kräften zu feiern. Hier meine Verbeugung vor dem Nonsens-Lyriker &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2169">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der allerschärfste Kritiker der Elche</strong></h1>
<div>
<h2><strong>Um ein Haar hätte ich es verpasst. Aber F.W. Bernstein feiert heute Geburtstag, und zwar den 79. Eine gute Gelegenheit den Grandseigneur des Grotesken nach besten Kräften zu feiern. Hier meine Verbeugung vor dem Nonsens-Lyriker und Absurditäts-Dramatiker und Bildergeschichten-Zeichner und Gentleman und großartigen Künstler im komischen Fach:</strong></h2>
<div id="attachment_2170" class="wp-caption alignright" style="width: 271px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/47024193z.jpg"><img class="size-full wp-image-2170" title="47024193z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/47024193z.jpg" alt="" width="261" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Seine taufrischen Gedichte, gerade eben erst erschienen: F.W.Bernstein &quot;Frische Gedichte&quot; Kunstmnann Verlag. 18 Euro</p></div>
<p>Es gibt nur wenige, aber Fritz Weigle, genannt F.W. Bernstein, ist einer davon, einer von jenen freien Geistern, die soviel Talent, Verstand und Glück haben, dass sie sich nie in irgendein Schema fügen müssen und allen Zwängen die Zunge rausstrecken können. Der Zeichner, Karikaturist, Cartoonist, Dichter, Dramatiker Bernstein gehört zu den fabelhaft Vielfachbegabten der inzwischen legendären Neuen Frankfurter Schule.</p>
<p>Er hat einen entscheidenden Teil seiner Biografie im tänzelnden Gleichschritt mit Robert Gernhardt verbracht. Geboren in Göppingen, traf er Gernhardt 1956, studierte mit ihm in Stuttgart und Berlin, wurde im Doppelpack mit ihm 1964 als Redakteur für das Satiremagazin &#8220;Pardon&#8221; engagiert, veröffentlichte mit ihm den Lyrikband &#8220;Besternte Ernte&#8221; und dazu noch mit Gernhardt und F.K. Waechter die ebenso hochkomische wie fiktive Biografie &#8220;Die Wahrheit über Arnold Hau&#8221;.</p>
<p>Neben seiner künstlerischen Karriere verfolgte Bernstein, anders als das übrige Neue Frankfurter Schulpersonal, auch eine bürgerliche Laufbahn. Er begann Mitte der Sechzigerjahre als Kunsterzieher, schrieb über seine einschlägigen Erfahrungen &#8220;Die Lehrprobe&#8221;, einen satirischen &#8220;Report aus dem Klassenzimmer&#8221;, wechselte dann an die Pädagogische Hochschule in Göttingen, bevor er 1984 die deutschlandweit einzige Professur für Karikatur und Bildergeschichte an der Kunsthochschule in Berlin übernahm.</p>
<div id="attachment_2171" class="wp-caption alignleft" style="width: 275px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/06438671z.jpg"><img class="size-full wp-image-2171" title="06438671z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/06438671z.jpg" alt="" width="265" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">F.W.Bernstein / Robert Gernhardt: &quot;Besternte Ernte&quot;. Fischer Taschenbuch Verlag. 7,95 Euro</p></div>
<p>Aber auch den Zwängen einer solchen akademischen Existenz entzog er sich schließlich wieder und gab sein Amt 1999 auf. Als Praktiker und Pädagoge eines Zeichnens, das auf die Lachlust zielt, ist es ihm gelungen, die Grundlagen dieser Kunst auf das nach ihm benannte Bernsteinsche &#8220;Gesetz von den drei großen G der Karikatur&#8221; zu bringen: &#8220;Gritik, Gomik und Graphik&#8221;. Entgangen ist ihm dabei allerdings ein vierter entscheidender G-Faktor, nämlich: Graft. Bernstein ist mit Stift, Kreide, Pinsel unermüdlich, arbeitet buchstäblich pausenlos, und hat allein oder in Zusammenarbeit mit anderen eine schier unübersehbare Zahl von Büchern herausgegeben oder illustriert. Vor allem &#8220;Bernsteins Buch der Zeichnerei&#8221;, ein, wie es im Untertitel heißt, &#8220;Lehr-, Lust-, Sach-, und Fach-Buch sondergleichen&#8221;, ist eine so umfassende wie inspirierende Einführung in die Geheimnisse der Karikatur.</p>
<p>Als Dichter ist Bernstein ein Meister der Nonsens-Lyrik. &#8220;Horch – ein Schrank geht durch die Nacht, / voll mit nassen Hemden … / den hab ich mir ausgedacht, um euch zu befremden.&#8221; Er ist ein Sprachjongleur, der die formalen Ansprüche der Gattung leichthändig erfüllt, auf deren hartnäckige Tendenz zur Sinnstiftung aber allemal mit der Freude an der Unsinnstiftung antwortet. &#8220;Erwin aus der Unterschicht / liebt die Oberklasse nicht. / Doch vom Chef die Tochter / sah er gern und mocht er.&#8221;</p>
<div id="attachment_2172" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/08349741z.jpg"><img class="size-full wp-image-2172" title="08349741z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/08349741z.jpg" alt="" width="200" height="332" /></a><p class="wp-caption-text">F.W.Bernstein: &quot;Der Untergang Göttingens und andere Kunststücke in Wrt &amp; Bld&quot;. Herausgegeben von Peter Köhler. Salzwerk Verlag. 15 Euro</p></div>
<p>Seinem poetischen Genie verdankt die Neue Frankfurter Schule nicht zuletzt ihren heute wohl bekanntesten und geflügeltsten Zweizeiler: &#8220;Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.&#8221;</p>
<p>Eine ganz eigene, schwer vergleichbare Form der Komik hat Bernstein mit seinen kurzen &#8220;Dramen in unordentlichem Zustand&#8221; für sich erobert. Sie versetzen den Leser in eine aberwitzige Welt, die irgendwo zwischen den literarischen Ländereien von Karl Valentin und Alfred Jarry angesiedelt ist. Ob da ein Städter mit Sehnsucht nach dem Landleben vor einem strengen bäurischen Prüfer eine Dialektprüfung ablegen muss, ob ein Starpianist namens Franz Liszt sich von einem Reporter nach seinen Geliebten befragen lassen muss oder ob ein Ministerialdirektor fröhlich die komplette Vernichtung Göttingens organisiert – die Stücke sind allesamt von betörend verwirrendem Witz.</p>
<p>Zum Ungewöhnlichen des Künstlers F.W. Bernstein gehört, dass er nicht nur von den Zwängen der literarischen Sinnstiftung oder des bürgerlichen Karriere-Ehrgeizes frei zu sein scheint, sondern auch von jenem Drang zum Ruhm, der so viele Künstler lebenslang quält. Anstatt von Kollegen, Kritikern oder Publikum mit der Besessenheit des Egozentrikers Anerkennung einzufordern, ist ihm die so menschenfreundliche Fähigkeit zur Bewunderung gegeben. Fast nie spricht er von der eigenen Arbeit, umso häufiger stimmt er Hymnen der Begeisterung und des Lobes auf andere an. Er ist ein Gentleman des Gags, ein Grandseigneur des Grotesken, der nichts so sehr genießt wie &#8220;die Lust, sich über die Wirklichkeit lustig zu machen.&#8221;</p>
<div id="attachment_2173" class="wp-caption aligncenter" style="width: 331px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/34511552z.jpg"><img class="size-full wp-image-2173" title="34511552z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/34511552z.jpg" alt="" width="321" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">W.P. Fahrenberg (Hrsg.): &quot;Meister der komischen Kunst: F.W.Bernstein&quot;. Kunstmann Verlag. 16 Euro</p></div>
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		<title>Porträt der Dichterin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Jan 2016 09:15:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Rainer Maria Rilke]]></category>
		<category><![CDATA[Ruth Klüger]]></category>

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		<description><![CDATA[Gedichte aufsagen beim Appell in Auschwitz-Birkenau Heute spricht die Schriftstellerin Ruth Klüger anlässlich des Holocaust-Gedenktages vor dem Deutschen Bundestag. Sie war im KZ Theresienstadt, überlebte als Zwölfjährige im KZ Auschwitz-Birkenau. Beschützt und gerettet wurde sie durch Ihre Mutter und manche &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1587">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Gedichte aufsagen beim Appell in Auschwitz-Birkenau</strong></h1>
<h2><strong>Heute spricht die Schriftstellerin Ruth Klüger anlässlich des Holocaust-Gedenktages vor dem Deutschen Bundestag. Sie war im KZ Theresienstadt, überlebte als Zwölfjährige im KZ Auschwitz-Birkenau. Beschützt und gerettet wurde sie durch Ihre Mutter und manche anonyme Mitgefangene &#8211; aber auch durch die Kraft, die sie aus der Literatur zog, aus den Gedichten deutscher Klassiker. Hier eine kleine Skizze einer großen Dichterin &#8211; und eine schier unglaubliche Lebensgeschichte:</strong></h2>
<p>„Er war ein Dichter und hasste das Ungefähre“, lautet eine der vielzitierten Zeilen von Rainer Maria Rilke. Nicht so oft zitiert wird die Fortsetzung dieses Satzes: „Vielleicht war es ihm nur um die Wahrheit zu tun.“</p>
<div id="attachment_1588" class="wp-caption alignright" style="width: 302px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/23798629z.jpg"><img class="size-full wp-image-1588" title="23798629z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/23798629z.jpg" alt="" width="292" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Ruth Klüger: &quot;unterwegs verloren. Erinnerungen&quot;. Zscholnay Verlag, 19,90 Euro</p></div>
<p>Ruth Klüger ist eine Dichterin buchstäblich von Kindesbeinen an. Sie war Wienerin und sechs Jahre alt, als die Nationalsozialisten aus Österreich die Ostmark machten. In diesem Augenblick endete die Kindheit Ruth Klügers, denn zur Kindheit gehört doch wohl, dass ein junger Mensch sich behütet und behutsam seine ersten Wege durch die Welt suchen darf.</p>
<p>Doch für Ruth Klüger bestand die Kindheit von nun an nicht aus sacht wachsender Selbstständigkeit, sondern aus rapide wachsenden Einschränkungen und Verlusten. Sie durfte in kein Kino mehr gehen, durfte auf keiner Parkbank mehr sitzen, schließlich keine Schule mehr besuchen. In immer schlechtere, dunklere Wohnungen musste sie umziehen und auf der Straße einen gelben Stern tragen, weshalb selbst Spaziergänge keinen Reiz mehr für sie hatten. Und sie verlor, größter Verlust von allen, ihren Vater. Da war sie neun.</p>
<p>Sentimentalität liegt Ruth Klüger fern. In ihrer Autobiographie schreibt sie nicht, angesichts all dieses Unrechts und dieser Verluste habe sie sich als Kind von der Literatur das Leben verzaubern oder verschönern lassen. Sie schreibt stattdessen: „Man ließ mich lesen, weil ich dann niemanden behelligte.“</p>
<p>Nachdem sie von der Schule ausgesperrt worden war, sah sie monatelang keine Kinder und auch die Familie hatte wenig Zeit. Also vertiefte sie sich in Bücher, las Schiller und andere Klassiker, denn die galten den Erwachsenen als unbedenklich, und da sie ein Talent hatte zum Auswendiglernen, brauchte sie für Schillers Balladen bald kein Buch mehr. Sie sagte sie sogar auf der Straße murmelnd her, was ihre Verwandten für unmanierlich hielten.</p>
<p>Aber als sie dann zwölfjährig im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bei den Appellen stundenlang in der Sonne stehen musste, hatte sie in diesem lyrischen Gedächtnisvorrat etwas, mit dem sie sich über die Zeit retteten konnte.</p>
<div id="attachment_1589" class="wp-caption alignleft" style="width: 278px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/23323116z.jpg"><img class="size-full wp-image-1589" title="23323116z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/23323116z.jpg" alt="" width="268" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Ruth Klüger: &quot;weiter Leben. Ein Jugend&quot;. Mit MP3-CD. Wallstein Verlag. 14,90 Euro</p></div>
<p>Und beim Auswendighersagen blieb es nicht. Schon im ersten KZ, in das man sie und ihre Mutter deportierte, in Theresienstadt schrieb sie eigene Gedichte, und im KZ Christianstadt dann Verse, mit denen sie das Unfassliche, was sie zwischenzeitlich in Auschwitz erlebt hatte, fassbar zu machen versuchte.</p>
<p>Ruth Klüger ist eine Dichterin und hasst das Ungefähre. An beidem lässt ihre Autobiographie keinen Zweifel. Sie nimmt es genau und sie hat die Fähigkeit zur genauen Beobachtung, zu genauen Gedanken, zur genauen Formulierung. Auch und gerade wenn es um ihre Erfahrungen während des Holocaust geht. Sie will, so schreibt sie, sich nicht mit der „Schreckensrührung“ zufrieden geben, in die viele Menschen verfallen, wenn sie von den KZs hören und denen, so schreibt sie „alle Lager in einem Entsetzensnebel verschwimmen, worin man sowieso keine Einzelheiten erkennen kann“.</p>
<p>Ihre Genauigkeit auch in den Einzelheiten ermöglicht Ruth Klüger unerwartete Einsichten. Da sind zum Beispiel die Minuten, in denen sich ihre Rettung aus Auschwitz entschied. Frauen von 15 bis 45 wurden selektiert für einen Arbeitstransport, der Auschwitz verlassen durfte. Ihre Mutter hatte es geschafft, sie war dem Transport zugeteilt worden. Aber Ruth Klüger hatte dem SS-Mann, der die Auswahl traf, die Wahrheit gesagt, sie sei erst zwölf und der verurteilte sie daraufhin mit einem Kopfschütteln zum Tode.</p>
<p>Doch die Mutter überredete die Tochter, sich ein zweites Mal bei einem anderen SS-Mann anzustellen. Und dessen Schreiberin, eine Gefangene wie alle andern, bestärkte Ruth Klüger nicht nur flüsternd darin, ihr Alter diesmal mit 15 anzugeben, sondern überzeugte noch dazu den SS-Mann, diese wenig glaubwürdige Angabe zu akzeptieren.</p>
<p>An einer solchen Szene zeigt sich die Genauigkeit des Nachdenkens und Erzählens von Ruth Klüger. Sie schildert die Szene nicht nur, sie erforscht sie. Es gab für diese Schreiberin nicht den geringsten Grund, sich für sie einzusetzen. Ruth Klüger hatte diese junge Frau noch nie zuvor gesehen und ist ihr auch danach nicht mehr begegnet. Dennoch hat diese Mitgefangene ohne den geringsten Vorteil für sich erwarten zu können, etwas ganz und gar Unerwartbares getan und viel riskiert für eine fremde Zwölfjährige. „Sie sah mich“, schreibt Ruth Klüger, „in der Reihe stehen, ein zum Tod verurteiltes Kind, sie kam auf mich zu, sie gab mir die richtigen Worte ein, und sie hat mich verteidigt und durchgeschleust. Die Gelegenheit zu einer freien, spontanen Tat war nirgends und nie so gegeben wie dort und damals.“</p>
<p>Ein Absatz weiter spitzt Ruth Klüger diese Einsicht noch einmal zu. Die junge Frau hatte nichts zu gewinnen und konnte allzu leicht alles verlieren. Wenn sie sich dennoch gegen jeden Eigennutz für eine Unbekannte einsetze, dann war das eine tatsächlich altruistische, eine tatsächlich freie Entscheidung: „Es kann“, folgert Ruth Klüger, „die äußerste Annäherung an die Freiheit nur in der ödesten Gefangenschaft in der Todesnähe stattfinden, also dort, wo die Entscheidungsmöglichkeit auf fast Null reduziert ist. In dem winzigen Spielraum, der dann noch bleibt, dort, kurz vor Null, ist die Freiheit.“</p>
<div id="attachment_1590" class="wp-caption alignright" style="width: 300px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/38145208z.jpg"><img class="size-full wp-image-1590" title="38145208z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/38145208z.jpg" alt="" width="290" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Ruth Klüger: &quot;Zerreißproben. Kommentierte Gedichte&quot;. Zscholnay Verlag. 14,90 Euro</p></div>
<p>Solche Sätze haben es in sich. Sie setzen einer anonymen Schreiberin ein Denkmal, die unter unsäglichen Bedingungen menschlich handelte, und sorgen mit ihrer Unerbittlichkeit beim Leser für einen Schock, der in Erinnerung bleibt.</p>
<p>Ruth Klügers Bücher sind voller solcher Sätze. Zum Beispiel, wenn sie nachdenkt über all die literaturkritischen Verbotstafeln, die in den ersten Nachkriegsjahren aufgerichtet wurden, und wenn sie sich dann die hochfahrenden Verbotstafel-Aufsteller wie Adorno zum Beispiel vorknöpft: „Ich meine“, schreibt sie, „die Experten in Sachen Ethik, Literatur und Wirklichkeit, die fordern, man möge über, von und nach Auschwitz keine Gedichte schreiben. Die Forderung muss von solchen stammen, die die gebundene Sprache entbehren konnten, weil sie diese nie gebraucht, verwendet haben, um sich seelisch über Wasser zu halten. Statt zu dichten möge man sich nur informieren, heißt es, also Dokumente lesen und ansehen – und dass gefassten, aber auch betroffenen Mutes. Und was sollen sich Leser und Betrachter solcher Dokumente dabei denken? Gedichte sind eine bestimmte Art von Kritik am Leben und könnten ihnen beim Verstehen helfen. Warum soll man das nicht dürfen? Und“, spitzt Ruth Klüger ihren Widerspruch erneut zu, „was ist das überhaupt für ein Dürfen und Sollen? Ein moralisches, ein religiöses? Welchen Interessen dient es? Wer mischt sich hier ein?“</p>
<p>Ich glaube, es wäre ein Klischee, wollte man Ruth Klüger solcher Sätze wegen eine streitbare Frau nennen. Das klänge ein wenig so, als würde sie Kontroversen suchen, damit unser öffentlicher Debattenbetrieb kräftig brummt und weiterlaufen kann. Nein, treffender ist es wohl, Ruth Klüger eben eine Dichterin zu nennen, die auf Genauigkeit besteht, weil es ihr um die Wahrheit zu tun ist – und die dafür keinem Streit aus dem Weg geht.</p>
<p>Nicht nur, wenn es um ihre Erfahrungen in deutschen KZs geht oder um allzu selbstgewisse Literaturtheorie. Schonungslos ist sie auch sich selbst gegenüber. Wie sie in ihren autobiographischen Büchern die, wie es wörtlich heißt, „blühende gegenseitige Mutter-Tochter-Neurose“ entfaltet, wie sie über die zehn Jahre ihrer frostige Ehe oder über das komplexe Verhältnis zu ihren beiden Söhnen schreibt, ist nie exhibitionistisch oder indiskret, aber doch von einer solchen Schärfe und Klarheit, wie man sie selten findet. Auch das, was die Feministin Ruth Klüger über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen schreibt und mit Alltagsbeobachtungen untermauert, ist von solcher Treffsicherheit, dass man es gerade als Mann nicht leichten Herzens liest.</p>
<p>Oder was sie vom akademischen Betrieb zu erzählen hat: Sechs Jahre lang war sie Ordinaria in Princeton, einer den nobelsten Eliteuniversitäten der amerikanischen Ostküste. Doch was sie mit den ausschließlich männlichen Professoren im German Department dort erlebte, war alles andere als nobel: Die ließen fast keine Gelegenheit aus, ihr das Gefühl zu vermitteln, sie sei dort nur als Quotenfrau geduldet, die an das wissenschaftliche Niveau ihrer männlichen Kollegen nicht heranreiche. Die intensive Beschäftigung mit Kultur, die Ruth Klüger bei diesen Professoren-Kollegen doch wohl voraussetzen durfte, hatte deren Verhalten offenbar nur an der Oberfläche zu kultivieren vermocht. Was darunter zum Vorschein kam, ließ manches von der Behauptung Schillers, die Literatur trage bei zu einer ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts, in einem eher fahlen Licht erscheinen.</p>
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		<title>Buch&amp;Bar 47: Marco Tschirpke: &#8220;Frühling, Sommer, Herbst und Günther&#8221;</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1517</link>
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		<pubDate>Sun, 20 Dec 2015 10:51:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch & Bar]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Marco Tschirpke]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Dichter des Schreckens und der Savanne Heute über: Lesen und Trinken auf den einsamen Höhen der Poesie Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH &#38; BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1517">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der Dichter des Schreckens und der Savanne<br />
</strong></h1>
<h2><strong>Heute über: Lesen und Trinken auf den einsamen Höhen der Poesie<br />
</strong></h2>
<h3><em><strong>Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH &amp; BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.</strong></em></h3>
<div id="attachment_1523" class="wp-caption alignright" style="width: 314px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/12/42741316z-11.jpg"><img class="size-full wp-image-1523" title="42741316z-1" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/12/42741316z-11.jpg" alt="" width="304" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Marco Tschirpke: &quot;Frühlung, Sommer, herbst und Günther&quot;. Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin 2015. 9,99 Euro</p></div>
<p>Es sind die Dichter, die das Dunkle im Dasein zur Sprache bringen. In den Versen der großen Lyriker findet das Leid des Lebens ins Wort. Besinnen wir uns auf den jungen, ahnungsvoll begabten Poeten <strong>Marco Tschirpke</strong>, der die nächtlich ihn heimsuchenden Schicksals-Schrecken in einen berührenden, tief aufwühlenden Zweizeiler von unsterblicher Schönheit bringt: „Kein Tier in der Savanne / Schnarcht wie Du, Susanne.“</p>
<p>Was will uns der Dichter damit sagen? Es ist das einsame, das anonyme, in seine Savannen-Existenz geworfene Tier, das Tschirpke dem Schweigen unserer entfremdeten Epoche entreißt. In kühnem philosophischem Kontrast lässt er es in Widerstreit treten mit der Vokalkunst jenes geheimnisvollen Wesen namens Susanne. Meint der Poet damit die Susanne in uns allen? Wir wissen es nicht. Gewiss aber.meint er mit Susanne nicht Günther. Denn Günther steht nicht im Gedicht, sondern im Titel von Tschirpkes Opus Magnum <strong>„Frühling, Sommer, Herbst und Günther“</strong> (Ullstein, 9,99 Euro), das wir unfehlbar zu den Markstein der heutigen Literatur zählen müssen.</p>
<p>Hören wir, welche aufrüttelnde Wahrheit dieser Meister der Sprachkunst uns hier über den ewigen Widerstreit zwischen Natur und Zivilisation zu enthüllen weiß: „Zwischen dir und dem Idyll / Steht zumeist ein Haufen Müll.“ Kann man es genauer, kann man es gültiger sagen? Wir alle müssen Tschirpke danken für seine aufopferungsvolle Arbeit an Reim, Rhythmus und Reinheit des Gedankens, die er als Sänger seiner selbst auch von den Kabarettbühnen unseres Landes zu den Menschen bringt.</p>
<p>Was wir nach der Lektüre des Tschirpke’schen Meisterwerks brauchen, ist: Trost. Trost, dass traumhafte Poeten wie Tschirpke so selten unser Dasein erhellen. Und Trost finden wir im Cocktail <strong>Poet’s Dream</strong>, gemixt zu gleichen Teilen aus Gin, trockenem Wermut und Bénédictine-Kräuterlikör. Bitter, aber herzwärmend.</p>
<address><em>Die Kolumne erschien im Focus vom 21. November 2015. </em></address>
<address> </address>
<address><em>2014 startete BUCH &amp; BAR im Focus. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.</em></address>
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		<title>Zum ihrem gemeinsamen Geburstag: Robert Gernhardt über Heinrich Heine</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Dec 2015 12:46:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich Heine]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Gernhadt]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Es bleibt nur das schöne, gelle Lachen&#8221; Exakt 140 Jahre liegen zwischen ihnen: Zur Erinnerung an zwei große Dichter, die beide am 13. Dezember geboren wurden: Ein Gespräch mit Robert Gernhardt über Heinrich Heine, dessen Komik und dessen Hass, das &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1493">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Es bleibt nur das schöne, gelle Lachen&#8221;</strong></h1>
<h2><strong><strong>Exakt 140 Jahre liegen zwischen ihnen</strong>: Zur Erinnerung an zwei große Dichter, die beide am 13. Dezember geboren wurden: Ein Gespräch mit Robert Gernhardt über Heinrich Heine, dessen Komik und dessen Hass, das Vorurteil die Deutschen seien unkomisch sowie die Frage, weshalb es leichter ist, in großen Städten witzig zu sein. Geführt wurde das Gespräch mit Gernhardt im Februar 2006, knapp 5 Monate vor seinem Tod<br />
</strong></h2>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> War Heine ein komischer Dichter?<strong><br />
</strong></p>
<div id="attachment_1494" class="wp-caption alignright" style="width: 350px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/12/36264950z.jpg"><img class="size-full wp-image-1494" title="36264950z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/12/36264950z.jpg" alt="" width="340" height="305" /></a><p class="wp-caption-text">Robert Gernhadt: &quot;In Zungen reden. Stimmimitationen von Gott bis Jandl&quot; (Enthält auch Parodien von Gernhardt auf die Lyrik von Heinich Heine) 2 CDs. Der Hörverlag. 12,99 Euro</p></div>
<p><strong>Robert Gernhardt:</strong> Dieser Begriff führt in die Irre. Heine war ein Dichter, der auch komische Gedichte geschrieben hat, aber kein komischer Dichter. Das trifft auf die meisten der in Deutschland populären Dichter des Komischen zu. Auf Heine, Wilhelm Busch, Morgenstern oder Ringelnatz. Von allen gibt es auch Gedichte, die dezidiert nicht zum Lachen sind. Aber Heine war imstande, selbst auf dem Kranken- oder Sterbebett noch ungemein komische Verse zu finden. Das lange Gedicht zum Beispiel, in dem er sich Gedanken macht über die Körperteile des Menschen: „Gott gab uns nur einen Mund,/ Weil zwei Mäuler ungesund./ Mit dem einen Maule schon/ Schwätzt zu viel der Erdensohn.“</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Im Zirkus heißt es oft, außerhalb der Manege sei der Clown der Traurigste von allen. Trifft dieses Vorurteil auch auf Heine zu? War dieser oft komische Dichter ein Melancholiker?<br />
<strong>Gernhardt</strong>: Heine ist nicht als komischer Autor angetreten. In seiner frühen Sammlung „Buch der Lieder“ sind die komischen Einlagen und Einwagen ja noch relativ gering. Er beginnt als Dichter eher auf der Leid- und Wehmuts-Schiene. Erst mit der Zeit wird er dreister. Auch bei der Wahl seiner Reime: Der Germanist Wilhelm Solms hat gezeigt, daß der junge Heine recht konventionelle, „süße“ Reime benutzte, der ältere Heine dagegen „Philozopf“ auf „Hirsetopf“ reimte, und „Mozart“ auf „Rotznas“. Letzteres ist ja nur noch eine Assonanz, das kann man wohl nicht mehr Reim nennen. Mir ist jedoch aufgefallen, daß im Gegenzug Heines Metrik immer raffinierter wird. Zu Anfang sind seine Gedichte fast durchgängig vierhebig, später dichtet er abwechslungsreicher, was seine Gedichte natürlich viel lesbarer macht und gelenkiger.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_1495" class="wp-caption alignleft" style="width: 283px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/12/44095329z.jpg"><img class="size-full wp-image-1495" title="44095329z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/12/44095329z.jpg" alt="" width="273" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Heinirich Heine: &quot;Das Buch der Lieder&quot;. Nexx Verlag. 18,99 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock:</strong> Wenn Heine in seinem Leben so viel Grund zur Verzweiflung hatte, woher kommt seine Begeisterung für komische Effekte?<br />
<strong>Gernhardt:</strong> Ich glaube, Heine wollte sich immer zwischen alle Stühle setzen. Das war bei ihm habituell. Wenn er seine Leser in einem Gedicht mit einem rührenden Effekt gepackt hatte, dann stach ihn der Haber und er ließ den gefühlvollen Zeilen gleich die witzige Farce folgen. Das zieht sich durchs ganze Werk. Es kommt mir vor, als hätte Heine daraus geradezu ein Konzept gemacht. Er wollte nicht zu fassen, nicht festzulegen sein. Solange er in Deutschland lebte, galt er als Linker. Dann ging er nach Paris und legte sich dort mit den Linken an, mit Börne und dessen Kreisen. Er wollte sich von ihnen nicht vereinnahmen lassen, wollte nicht dazugehören, sondern als Artist Distanz zu den Nicht-Künstlern halten. Und für dieses Ziel, nicht gestellt werden zu können, sind Ausflüge ins Komisch natürlich nützlich. Die bringen alle Festlegungen oder Zuordnungen sehr effektiv durcheinander.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> „Und wenn das Herz im Leib ist zerrissen,/ Zerrissen, und zerschnitten, und zerstochen,/ Dann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen.“ Schreibt Heine. Warum bleibt uns, wenn das Herz zerrissen ist, doch das Lachen?<br />
<strong>Gernhardt:</strong> Das ist vermutlich die letzte Möglichkeit, die dem Menschen gegeben ist, aus all seinem Unglück noch einen irgendwie gearteten Lustgewinn zu ziehen. Heine hat das vorgelebt. Er hat auf dem Krankenbett verzweifelte Briefe geschrieben und daneben ein Gedicht wie „Vermächtnis“, in dem er seine Krankheiten testamentarisch an seine Feinde verteilt. „Diese würdgen, tugendfesten / Widersacher sollen erben / All mein Siechtum und Verderben,/ Meine sämtlichen Gebresten.“ Ein wunderbar komischer Einfall, und ich hoffe, daß er auch selber darüber hat lachen können. Ob diese Haltung ein Vorbild sein kann für jeden von uns, für die Menschheit als solche, vermag ich nicht zu sagen. Als ich vor meiner Herzoperation in den Fahrstuhl zum OP geschoben wurde – schon unter Einfluß von Narkosemitteln – waren meine letzten Worte: „Bei so schönem Wetter sollte man eigentlich im Freien operieren“. Alle lachten und mir schwanden die Sinne. Das hätten meine allerletzten Worte sein können. Glücklicherweise ging die Sache gut aus.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Heine hatte nicht nur viel Witz, sondern er hatte auch ein große Begabung zum Haß. Wie geht das zusammen: Heine, der Ironiker und Komiker mit Heine, dem Polemiker?<br />
<strong>Gernhardt:</strong> Er war kein Humorist. Er hat seine komische Kraft eingesetzt, um Ziele zu erreichen. Das konnte für ihn auch bedeuten: Kämpfe auszufechten und seine Gegner lächerlich zu machen.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Eigentlich müssten es die vergnüglichen Dichter doch leichter haben beim Publikum als die traurigen. Doch Heine hatte es nie leicht mit den deutschen Lesern. Warum?<br />
<strong><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/12/23589883z.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1496" title="23589883z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/12/23589883z.jpg" alt="Robert Gernhardt: Gesammelte Gedichte 1954-2006. S.Fischer Verlag, 16 Euro" width="321" height="475" /></a>Gernhardt:</strong> Hatte er es wirklich so schwer? Das „Buch der Lieder“ war wohl der erfolgreichste deutsche Gedichtband des 19. Jahrhunderts. Seine „Reisebilder“ sind viel gelesen worden. Als Korrespondent in Paris erklärte er in seinen Artikeln A) den Franzosen die deutschen Zustände und B) den Deutschen die französischen. Ich glaube, er hat sich immer dann Feinde gemacht, wenn er sich nicht nur mit seinen üblichen Gegnern anlegte, den Völkischen, den Reaktionären, sondern – wie im Fall Börne – auch noch mit dem eigenen Lager. Man muß sich das so vorstellen, als wenn zu Franz Josef Strauß’ Zeiten plötzlich ein bekannter Linker Thesen vertreten hätte, die auch ein Strauß hätte unterschreiben können. Dann wäre dieser Linke doch sofort heftig gezaust worden und man hätte ihm vorgeworfen, er riskiere den Beifall von der falschen Seite. Dieses Lagerdenken war zu Heines Zeiten sicherlich noch ausgeprägter. Dazu gab er sich als Anhänger Napoleons zu erkennen, weil der viel für die Emanzipation der Juden getan hatte. Im Bewußtsein der Deutschen aber war Napoleon in erster Linie der Eroberer und Besatzer. So macht man sich keine Freunde. Und zu allem Überdruß galt er auch noch als unzüchtiger Libertin.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Warum ist Heine heute so beliebt?<br />
<strong>Gernhardt:</strong> Ja, inzwischen wird er von allen gelobt. Aber wenn er heute wieder erstände, würde sich das mit Sicherheit rasch ändern. Biermann und Rühmkorf, Reich-Ranicki und Raddatz sind sich untereinander nicht gerade grün, aber jeder für sich ist ein Heine-Liebhaber. Wenn Heine heute lebte und schriebe und einer der Genannten böte ihm Anlaß für eine Polemik, würde er wohl nicht zögern und loslegen. Dann bekäme diese Heine-Begeisterung möglicherweise bald die ersten Risse. Auch bei mir natürlich, sollte ich Opfer sein. Heute kostet es nichts mehr, Heine zu mögen, er kann einem nichts mehr tun.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Sie haben mal nach den „Smash-Hits“ der deutschen Lyrik gefragt, also nach Gedichten, die sich wie Schlager ins Sprachbewußtsein der Deutschen eingeprägt haben. Gibt es außer „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ solche lyrischen Smash-Hits von Heine?<br />
<strong>Gernhardt:</strong> Da ist einmal der „süße“ Heine: „Leise zieht durch mein Gemüt / liebliches Geläute…“ Und jeder gebildete Deutsche glaubt den politischen Heine zu kennen: „Denk ich an Deutschland in der Nacht,/ bin ich um den Schlaf gebracht“! Ein echter Hammer-Satz. Der hat sich allerdings auf Grund eines Mißverständnisses festgesetzt, denn Heine dachte nicht an die politischen Zustände in seinem Vaterland, sondern an seine alte Mutter.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Heines Gedichte sind voller wunderschöner Mädchen, in deren „Herzchen keine Liebe glüht“. Die Biographen vermuten, daß der charmante Heine tatsächlich nur wenig Grund hatte, sich über mangelnden Erfolg bei den Frauen zu beschweren. Woher kommen in seinen Gedichten diese vielen Bilder der Zurückweisung?<br />
<strong>Gernhardt:</strong> Möglicherweise weil er die beiden großen Zurückweisungen, die am Anfang standen, nicht verkraftet hat. An seine angeschwärmten Kusinen Amalie und Therese, die Töchter seines reichen Onkels, ist er ja nicht rangekommen. Aber es gibt natürlich noch einen handwerklichen Grund: Man kann aus dem Unglück weit mehr poetischen Stoff ziehen, als aus den Glück. Das trifft ja nicht nur für die Literatur zu, sondern für alle Lebensbereiche. Wenn man aus dem Urlaub zurückkommt und erzählt: Hotel war spitze, Wetter toll, Essen super, dann will das keiner hören. Aber wenn einem ein Tsunami dazwischen kommt, stellen die Leute die Lauscher auf.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Heine war Berufsschriftsteller, er hat vom Schreiben gelebt. Daß hat ihn zu vielen Gelegenheitsgedichten oder journalistischen Auftragsarbeiten gezwungen. Hat das seinem Werk geschadet?<br />
<strong>Gernhardt:</strong> Ich behaupte, nein. Er ist auch in dieser Hinsicht vorbildlich. Er hat die Grenzen zwischen Literatur oder Journalismus einfach nicht akzeptiert. Es gibt ja diese merkwürdigen manichäischen Behauptungen: Wer journalistisch schreibt, verdirbt sich seinen Stil und kann nicht mehr poetisch schreiben. Oder: Wer einmal komisch dichtet, ist für ernste Themen auf immer verloren. Darum hat sich Heine nie gekümmert, glücklicherweise, und deshalb ist es nach wie vor eine Freude, Heine zu lesen. Er war nun mal ein sehr beweglicher Geist und er ist bis heute auf keiner Seite langweilig.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Oft wird der deutschen Literatur nachgesagt, sie sei ernst, trocken und humorfern. Trifft dieses Vorurteil überhaupt zu? Heine paßt zumindest nicht in dieses Schema.<br />
<strong>Gernhardt:</strong> Nein, es trifft nicht zu. Heine steht ja keineswegs allein. Er bezog sich auf Lessing, der keinem Streit aus dem Weg ging und dabei auch seinen Witz einsetzte. Aber er hätte auch Lichtenberg nennen können, dessen Witz noch heute zündet. Auch Gellert und selbst Goethe haben komische Gedichte geschrieben, die heute noch zum Lachen sind. Und nach Heine hört die Reihe der deutschen Dichter nicht mehr auf, die komische Wirkung anstreben und auch erzielen: Auf Heine folgt Wilhelm Busch, dann Morgenstern, dann Ringelnatz, dann Tucholsky, dann Brecht, dann Kästner, dann Jandl. Nein, die komische Lyrik zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsche Literaturgeschichte der letzten 250 Jahre.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Woher rührt dann dieses Vorurteil, deutsche Schriftsteller seien so unkomisch?<br />
<strong>Gernhardt:</strong> Es werden die falschen Fragen gestellt. Es wird gefragt: Haben die Deutschen solche einen komischen Roman wie den „Don Quixote“? Haben sie Lustspiele wie die von Moliere oder Shakespeare? Aber nach den komischen Gedichten fragt keiner. Außerdem gibt es in der deutschsprachigen Literatur durchaus ein paar Lustspiele: von Nestroy, von Raimund. Daß es darüber hinaus nicht allzu viele sind, liegt wohl daran, daß Deutschland lange Zeit so zersplittert war und keine Metropole hatte. In einer Metropole treffen Information, Zeitgeist, Geld, Widersprüche, anspruchsvolles Publikum zusammen, das ist gut für Komik.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Es ist leichter, in großen Städten witzig zu sein als in kleinen?<br />
<strong>Gernhardt:</strong> Ja, um höchstes literarisches Komik-Niveau in großen Formen, im Lustspiel oder im Roman zu erreichen, ist eine gewisse Urbanität vonnöten. Nestroy hatte Wien, Moliere Paris, Shakespeare London. Der Autor beobachtet mehr, hat mehr Anregungen, das Publikum ist aufgeschlossener. In großen Städten prallen die Gegensätze überall und prächtig aufeinander. Und daraus lassen sich dann natürlich leichter komische Funken schlagen. Kein Wunder, daß Heine nach Paris ging, kein Wunder, daß Wilhelm Busch sein bestes und welthaltigstes Buch, „Die fromme Helene“, in Frankfurt geschrieben hat – und daß er, als er in die niedersächsische Provinz zurückging, nichts Vergleichbares mehr zustande gebracht hat.</p>
<p><em>Das Gespräch wurde am 11. Februar 2006 in der &#8220;Literarischen Welt&#8221; veröffentlicht</em></p>
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		<title>Paul Celans Liebe zu Brigitta Eisenreich</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Nov 2015 11:43:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Brigitta Eisenreich]]></category>
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		<description><![CDATA[Du meine Königin, Du meine Freiheit! Aus Anlass des 95. Geburtstags von Paul Celan: Brigitta Eisenreich erzählt in ihren Buch &#8220;Celans Kreidestern&#8221; von ihrer geheimen Liebe mit dem Dichter und Verführer Celan. Ein Buch, das erstaunliche Seiten der Biographie des &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1467">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Du meine Königin, Du meine Freiheit!</strong></h1>
<h2 id="artAbstract"><strong>Aus Anlass des 95. Geburtstags von Paul Celan: </strong></h2>
<h2><strong>Brigitta Eisenreich erzählt in ihren Buch &#8220;Celans Kreidestern&#8221; von ihrer geheimen Liebe mit dem Dichter und Verführer Celan. Ein Buch, das erstaunliche Seiten der Biographie des großen Lyrikers enthüllt und noch einmal zeigt, welche katastrophale Wirkung die Affäre um die Plagiatsvorwürfe von Claire Goll auf Celan hatte.</strong></h2>
<p>Das Zentralgestirn dieses Buches heißt Paul Celan. Kaum ein Satz, der nicht auf ihn oder sein Werk zielte. Aber dennoch ist es nicht Celan, der den stärksten Eindruck hinterlässt, sondern der Trabant, der um das Gestirn kreist. Dieser Trabant trägt den Namen Brigitta Eisenreich. Von 1953 bis 1962 hatte Brigitta Eisenreich in Paris ein Verhältnis mit Celan, und als ihr Jahrzehnte nach seinem Tod klar wurde, dass im Deutschen Literaturarchiv zusammen mit dem Nachlass Celans Briefe und Gedichte von ihr aus jener Zeit verwahrt werden, entschloss sie sich, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Sie selbst nennt ihr Buch nüchtern &#8220;Bericht&#8221;, doch es ist weit mehr als das: Es ist die Geschichte einer außerordentlichen Liebe und vor allem die Geschichte einer klugen, furchtlosen, großmütigen Geliebten.</p>
<p id="p1"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/32454129z.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1468" title="32454129z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/32454129z.jpg" alt="Brigitte Eisenreich: &quot;Celans Kreidestern&quot;. Bericht. Suhrkamp Verlag, Berlin. 9,95 Euro" width="294" height="475" /></a>Damit kein falscher Eindruck entsteht: An keiner Stelle spielt sich Brigitta Eisenreich unangemessen in den Vordergrund, sie hat nahezu jeden Anflug von Eitelkeit aus ihren Erinnerungen getilgt. Wer sentimentale Plaudereien, wer wortreich beschworene Liebesstürme oder nachträgliche Klagelieder über das Los der verheimlichten Geliebten erwartet, wird in diesem Buch nicht auf seine Kosten kommen. Das Auf und Ab der eigenen Gefühle erwähnt Brigitta Eisenreich, die Celan konsequent in den Mittelpunkt stellt, allenfalls am Rande. Oft genug lässt es sich nur aus Andeutungen erschließen. Doch das macht ihre Rolle in diesen Erinnerungen umso eindrucksvoller und stellt Celan, auf den sie alle Aufmerksamkeit zu lenken sich bemüht, schließlich in den Schatten.</p>
<p id="p2">In der Celan-Forschung, die jeden Stein im Leben ihres Dichters gleich mehrfach umdreht, war bislang wenig über Brigitta Eisenreich zu erfahren. Die Biografen erwähnen sie mit keiner Zeile. Ende 1960 hatte sie einen Leserbrief konzipiert, mit dem sie Celan gegen den hanebüchenen Vorwurf, er habe Verszeilen Ivan Golls in seinen Gedichten plagiiert, in Schutz nahm. Dieser Leserbrief wurde nie gedruckt, ging aber in die umfangreiche Dokumentation zur &#8220;Goll-Affäre&#8221; von Barbara Wiedemann ein. Viel mehr war über diese Frau, die manches Geheimnis mit einem der wichtigsten Dichter der deutschen Nachkriegsliteratur teilte, bislang nicht bekannt.</p>
<p id="p3">Es muss eine jener fabelhaft beschwingten Pariser Sommernächte gewesen sein, in der sich Brigitta Eisenreich und Paul Celan kennenlernten. Sie war 23 Jahre alt, Österreicherin, verdiente sich ihr Studium als Au-Pair-Mädchen und war oft einsam in der großen, fremden Stadt. Ihr Bruder, der Schriftsteller Herbert Eisenreich (1925-1986), besuchte sie im Juni 1952. Er war Celan kurz zuvor bei einer Tagung der Gruppe 47 begegnet und versprach ihr, sie &#8220;mit jemand durchaus Besonderem&#8221; bekannt zu machen. Einen Abend lang führte Celan die beiden aus, zeigte ihnen seine Lieblingsplätze im Quartier Latin und präsentierte sich von seiner charmantesten Seite. &#8220;Er war ein Dichter&#8221;, schreibt Brigitta Eisenreich heute, &#8220;aber auch, das steht außer Zweifel, zu jeder Zeit ein Verführer, mit einem feststehenden Repertorium an Zauberkünsten.&#8221;</p>
<p id="p4">Zunächst blieb es bei einem losen Kontakt, Celan, damals 32 Jahre alt, stellte ihr seine Verlobte Gisèle Lestrange vor, die er im Winter 1952 heiratete. Doch eines Abends im Herbst 1953 hörte Brigitta Eisenreich jemanden unter dem Fenster ihres Zimmers ein Motiv aus Schuberts &#8220;Unvollendeter&#8221; pfeifen. Sie erkannte Celan, öffnete ihm und war sich sofort klar, &#8220;dass ich in etwas Schweres hineinging&#8221;. Der Beginn der Liaison zwischen beiden fiel in eine für Celan bittere Zeit: Sein erster Sohn François war wenige Stunden nach der Geburt gestorben. Die enorme Verständnisbereitschaft Brigitta Eisenreichs für den trauernden Dichter und den Mann verrät ihr illusionsloser Satz: &#8220;Auf Celans zu diesem Zeitpunkt zwangsläufig einsamen Wanderungen durch die Stadt lag ihm meine Wohnstätte, wenn ich so sagen darf, gewissermaßen als Trost- und Haltestelle am Weg.&#8221;</p>
<div id="attachment_1469" class="wp-caption alignright" style="width: 318px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/12807801z.jpg"><img class="size-full wp-image-1469" title="12807801z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/12807801z.jpg" alt="" width="308" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Paul Celan: &quot;Todesfuge und andere Gedichte&quot;. Text und Kommentar. Kommentare von Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag. 6,50 Euro</p></div>
<p id="p5">Zurückhaltender kann man die eigene Rolle im Leben eines Geliebten kaum beschreiben und mitfühlender die Tatsache, dass Celan seine Frau nur ein Jahr nach der Hochzeit und wenige Tage nach dem Tod des ersten Kinds hinterging, nicht akzeptieren. Brigitta Eisenreich hielt ihrer beider Liebe von Beginn an frei von Besitzansprüchen und engherzigen Moralvorstellungen. Sie schuf Celan so in ihrem Studentenzimmer eine Zuflucht von fast paradiesischer Unschuld, die unbeschwert blieb von allen Verpflichtungen. Nicht einmal an Liebesäußerungen kann sie sich aus dieser Anfangszeit erinnern, wohl aber an Celans Verwirrung über die Intensität seiner Lust: &#8220;Mir war bewusst, dass die starke physische Anziehung, die Celan für mich empfand, ihn beunruhigte.&#8221;</p>
<p id="p6">Ganz falsch wäre es, sich Brigitta Eisenreich als ein entsagungsvoll auf ihren Liebhaber wartendes Mauerblümchen vorzustellen. Sie war eine rotblonde Schönheit, lebte ein sehr selbstständiges Leben, arbeitete viel, reiste kreuz und quer durch Europa, trieb ihr Studium voran und übernahm später als Ethnologin im Wissenschaftsbetrieb Frankreichs wichtige Funktionen. Doch bei all dem reservierte sie Celan einen Platz in ihrem Herzen. &#8220;Du meine Weiße&#8221; nannte er sie, &#8220;Du meine Freiheit&#8221; und &#8220;Königin&#8221;. Wenn er sie besuchte, hörten sie Musik, sangen zusammen (!), sprachen über Literatur und nicht zuletzt über Celans Gedichte. Als Dichter deutscher Sprache fehlte Celan in Paris das alltägliche Bad im gesprochenen Deutsch. &#8220;Zu mir kam er wohl auch&#8221;, resümiert Brigitta Eisenreich, &#8220;und vielleicht sogar in erster Linie, um für dieses Fehlende einen Ersatz zu finden.&#8221;</p>
<p id="p7">Der Preis, den sie dafür zahlen musste, war nicht klein. Ende 1955 wurde sie schwanger. Da Celan verheiratet und sie beruflich völlig ungesichert war, blieb nur eine Abtreibung. Celan beschaffte das Geld, Brigitta Eisenreich fuhr allein nach Berlin in eine Klinik und nach dem Eingriff allein wieder zurück. Später zeigte sich Celan allerdings von einer wenig ritterlichen Seite und fragte sie, ob jenes nie geborene Kind tatsächlich von ihm gewesen sei. Doch selbst dafür setzt ihn Brigitta Eisenreich in ihrem Buch nicht auf die Anklagebank.</p>
<p id="p8">Am deutlichsten wird die besondere Zuneigung, die sie sich für Celan bis heute bewahrt hat, wenn sie Indizien dafür anführt, dass er seiner Frau Gisèle innerlich auf seine Weise trotz allem die Treue gehalten habe. Brigitta Eisenreich war klar und sie akzeptierte, dass sie in Celans Leben nicht zu den Hauptpersonen gehörte, sondern eine &#8211; gern besuchte &#8211; Randfigur blieb. Ab einem bestimmten Zeitpunkt spielte Celan, dem als Dichter nichts so sehr verhasst war wie die Lüge, seiner Frau gegenüber mit offeneren Karten: Er gestand ihr das Wiederaufflammen seiner Affäre mit Ingeborg Bachmann 1957 ein und bald darauf offenbar auch die Beziehung zu Brigitta Eisenreich (was er der allerdings lange verschwieg). 1961 versuchte er sogar zwischen beiden ein Verhältnis wie zwischen &#8220;Schwestern&#8221; zu stiften und arrangierte zwei Abendessen zu dritt &#8211; doch die beiden Frauen blieben distanziert.</p>
<p id="p9">Hans-Georg Gadamer schrieb einmal, dass &#8220;uns manches Gedicht Celans erst dann aufgehen wird&#8221;, wenn uns &#8220;aus der Kenntnis von Freunden&#8221; dieses Autors neue Informationen über ihn &#8220;zugeflossen sind&#8221;. Schon allein in diesem Sinne ist Brigitta Eisenreichs Buch eine unerhörte Fundgrube. Natürlich wird nicht jeder Celan-Leser einverstanden sein, wenn Brigitta Eisenreich in manchen Gedichten Hinweise auf ihre mit Celan verbrachte Zeit zu entdecken glaubt. Doch das macht nichts, der Celan-Interpret, mit dem die ganze Celan-Gemeinde einverstanden wäre, muss erst noch geboren werden. Abgesehen davon sind diese Aufzeichnungen ein unvergleichlicher Schatz für jeden, der sich ein Bild davon machen will, was für ein Mensch dieser Dichter war.</p>
<div id="attachment_1471" class="wp-caption alignleft" style="width: 188px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/08942778z1.jpg"><img class="size-medium wp-image-1471" title="08942778z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/08942778z1-178x300.jpg" alt="" width="178" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Paul Celan - Die Goll-Affäre&quot;. Dokumente zu einer &quot;Infamie&quot;. Zusammengestellt und kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag. 82 Euro</p></div>
<p id="p10">Das betrifft keineswegs nur sein Liebesleben. Brigitta Eisenreichs Erinnerungen bestätigen noch einmal, welche katastrophale Wirkung die &#8220;Goll-Affäre&#8221; auf Celan hatte. Die Verfolgungsängste aus der Nazi-Zeit, in der seine Eltern ermordet und er selbst in ein Arbeitslager verschleppt worden war, brachen wieder auf. Die Sprache war für den Heimatlosen nach dem Krieg zu einer letzten, innersten Freistatt geworden. Doch gerade aus ihr musste er sich durch die Behauptung, er sei ein Plagiator Ivan Golls, vertrieben fühlen. Er reagierte mit aggressivem Misstrauen auch gegen Freunde, auch gegen Brigitta Eisenreich. Was ihn für sie liebenswert machte, verschwand, er &#8220;wurde fordernd und fast gewalttätig&#8221;. Er ließ sie oft lange ohne Nachricht, stand dann &#8220;mit einer halbgeleerten Flasche Cognac&#8221; vor ihrer Tür und machte ihr Eifersuchtsszenen. Nach ein, zwei ratlosen Jahren trennte sie sich 1962 von ihm. Celan fand aus seiner Krise nie wieder heraus, griff seine Frau mit einem Messer an und verbrachte viele Monate in psychiatrischen Kliniken.</p>
<p id="p11">Im Jahr nach der Trennung heiratete Brigitta Eisenreich einen Österreicher und bekam eine Tochter. Sie blieben in Frankreich, doch in den ersten ruhelosen Jahren war die kleine Familie zu vielen Umzügen gezwungen. Als Brigitta Eisenreich im November 1969 Celan ein letztes Mal traf, aus Zufall, wohnte sie in Thiais im Süden von Paris. Einige Monate später schickte ihre Mutter ihr aus Österreich eine Zeitungsmeldung vom Selbstmord Paul Celans. Er war, ohne dass sie es ahnte, ganz in ihrer Nähe auf dem Friedhof von Thiais begraben worden.</p>
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		<title>Uwe Wittstock (Hg.): &#8220;Die Postmoderne in der deutschen Literatur&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Oct 2015 09:22:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschmacksfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein paar poetologische Lockerungsübungen Ich habe einen Reader zur sprunghaften Karriere des Begriffs &#8220;Postmoderne&#8221; in den Diskussionen zur deutschen Literatur herausgebracht. Der Band enthält Aufsätze, Essays, Artikel deutscher Schriftsteller (und eines amerikanischen Kritikers) aus den letzten Jahrzehnten, die sich Gedanken &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1393">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Ein paar poetologische Lockerungsübungen</strong></h1>
<h2><strong>Ich habe einen Reader zur sprunghaften Karriere des Begriffs &#8220;Postmoderne&#8221; in den Diskussionen zur deutschen Literatur herausgebracht. Der Band enthält Aufsätze, Essays, Artikel deutscher Schriftsteller (und eines amerikanischen Kritikers) aus den letzten Jahrzehnten, die sich Gedanken darüber machen, wie es in der Literatur weiter und über die Theoreme der klassischen Literatur hinaus gehen kann. </strong></h2>
<p style="text-align: right; padding-left: 120px;">&#8220;Eine sehr wichtige, toll ausgewählte, klug kommentierte Anthologie! Gibt zu denken: Die Moderne als ewige Untote?&#8221;      Wolfgang Ullrich</p>
<div id="attachment_1400" class="wp-caption alignright" style="width: 264px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/41882391z.jpg"><img class="size-full wp-image-1400" title="41882391z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/41882391z.jpg" alt="" width="254" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock (Hg.): &quot;Postmoderne in der deutschen Literatur&quot;. Lockerungsübungen aus fünfzig Jahren. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 24,90 Euro</p></div>
<p>Es geht los mit H.M. Enzensberger, der bei mir mit einem Aufsatz aus dem Jahr 1960 als &#8220;Erfinder der Postmoderne&#8221; firmiert. Weiter geht es mit eine erstmals vollständig dokumentierten Literatur-Debatte aus dem Jahr 1968, die von einem Aufsatz des Literaturkritikers Leslie A.Fieder über die &#8220;Todesagonie der Moderne und die Geburtswehen einer Nach-Moderne&#8221; ausgelöst wurde, und an der sich von Martin Walser bis Jürgen Becker, von Helmut Heißenbüttel Rolf Dieter Brinkmann alles beteiligte, was damals Rang und Namen hatte.</p>
<p>Darüber hinaus gibt es Aufsätze von Günter Grass, der die Neigung der Avantgardisten unter den Modernen zu totalitären politischen Gedanken kritisiert, von Christoph Ransmayr, Peter Sloterdijk, Sten Nadolny, Peter Rühmkorf, heiner Müller, Daniel Kehlmann, Klaus Modick, Dirk von Petersdorff, Ulrich Woelk, Durs Grünbein und noch einigen anderen.</p>
<p><strong>&#8220;Postmoderne in der deutschen Literatur&#8221;</strong><br />
<strong>Lockerungsübungen aus fünfzig Jahren</strong><br />
<strong>Herausgegeben von Uwe Wittstock</strong><br />
<strong>Wallstein Verlag, Göttingen.</strong><br />
<strong>412 Seiten, 24, 90 Euro</strong></p>
<p>»Die Moderne ist hundert Jahre alt. Sie gehört der Geschichte an«, schrieb Hans<br />
Magnus Enzensberger 1960 in seinem Nachwort zur Sammlung Museum der modernen<br />
Poesie. Auch wenn er hier den Begriff &#8220;Postmoderne&#8221;  noch nicht gebraucht, kann dieser<br />
Text als Beginn der Diskussion zum Thema im deutschsprachigen Raum angesehen werden, die zeitgleich auch in den USA in Gang kam. Was – mit allem Respekt – als »Moderne« verstanden wurde, schien plötzlich »ermüdet«, es konnte nun nicht mehr einfach für das Neue (Gute) im Gegensatz zum Traditionellen stehen, sondern wurde selbst in seiner Geschichtlichkeit gesehen. Aber es brauchte in Deutschland bis 1968, als der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Leslie A. Fiedler mit seinem Freiburger Vortrag über »Das Zeitalter der neuen Literatur« (auf Englisch gedruckt im »Playboy«, auf Deutsch in »Christ und Welt«) eine über Monate geführte Diskussion auslöste – und für poetologische Aufregung sorgte unter den Alten wie Robert Neumann und Hans Egon Holthusen ebenso wie unter den damals Jungen: Rolf Dieter Brinkmann, Martin Walser und Jürgen Becker. Diese Diskussion von 1968 wird hier erstmals komplett in Buchform wiedergegeben. Gefolgt von beträgen jüngerer und junger Autoren aus den 90iger Jahren und den sogenannten Nuller-Jahren.</p>
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		<title>Büchnerpreis 2014 für Jürgen Becker</title>
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		<pubDate>Fri, 30 May 2014 12:53:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Kehlmann]]></category>
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		<category><![CDATA[Ingo Schulze]]></category>
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		<category><![CDATA[Wolfgang Herrndorf]]></category>

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		<description><![CDATA[Ängstlich und bedenkenträgerisch Heute gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekannt, den Georg-Büchnerpreis in diesem Jahr dem Kölner Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker zu verleihen. Was ist von dieser Entscheidung zu halten? Als Friedrich Dürrenmatt 1986 &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=990">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Ängstlich und bedenkenträgerisch<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Heute gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekannt, den Georg-Büchnerpreis in diesem Jahr dem Kölner Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker zu verleihen. Was ist von dieser Entscheidung zu halten?</strong></h3>
<p>Als Friedrich Dürrenmatt 1986 den Büchnerpreis erhielt, sagte er bei einer der vielen Reden, die ein Büchnerpreisträger halten muss: &#8220;Preise bekommt man immer erst dann, wenn man keine mehr braucht.&#8221;</p>
<div id="attachment_992" class="wp-caption alignleft" style="width: 295px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/05/J%C3%BCrgenBecker.jpg"><img class="size-full wp-image-992" title="JürgenBecker" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/05/J%C3%BCrgenBecker.jpg" alt="" width="285" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Jürgen Becker: &quot;Wie es weiterging. Ein Durchkang - Prosa aus fünf Jahrzehnten&quot;. Suhrkamp Verlag. 21,95 Euro</p></div>
<p>Nun kann jeder Schriftsteller Preise gebrauchen, und Jürgen Becker wird für die Verwendung der Preissumme von 50.000 Euro auch etwas gutes einfallen. Da bin ich mir sicher. Gemeint hat der damals 65-igjährige Dürrenmatt mit seinem Satz aber wohl etwas anderes. Für einen etablierten Autor im Rentenalter hat ein Preis eine andere Bedeutung, als für einen jungen Autor, der noch um Anerkennung für seine Arbeit kämpfen muss. Hier kann ein wichtige Auszeichnung zugleich zu einer wichtigen Zäsur im Lebensweg und im Werk des Schriftstellers werden.</p>
<p>In der Satzung des Büchnerpreises heißt es: &#8220;Zur Verleihung können Schriftsteller und Dichter vorgeschlagen werden, die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben.&#8221;</p>
<p>Ich kenne Jürgen Becker ein wenig, er ist ein ungemein sympathischer Mann und ich freue mich für ihn, wenn er im Herbst den Büchnerpreis entgegennehmen kann. Aber bei allem Freude &#8211; ich würde nie behaupten, dass sein Werk &#8220;an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil&#8221; hat. Seine Bücher waren in den sechziger und siebziger Jahren wichtig. Vielleicht hätte man ihm in diesen Jahren den Büchnerpreis geben sollen.</p>
<p>Der Büchnerpreis hatte seine beste Zeiten den sechziger Jahren, als einige sehr frühe und mutige Entscheidungen getroffen wurden: Enzensberger, Bachmann, Grass erhielten die Auszeichnung in aufeinander folgenden Jahren (1963 &#8211; 1965), obwohl sie erst Mitte Dreißig waren. Wenn die Akademie heute den Mut hätte, sich unter den Mitte Vierzigjährigen umzuschauen, würden mir Daniel Kehlmann, Ingo Schulze, Judith Herrmann oder &#8211; postum &#8211; Wolfgang Herrndorf einfallen. Mag sein, dass die literarischen Fähigkeiten dieser Autoren nicht grenzenlos sind. Aber das sind die von Jürgen Becker oder Walter Kappacher (Büchnerpreis 2009) auch nicht. Aber die jüngeren Autoren haben einen spürbaren Einflüss auf die Gegenwartsliteratur &#8211; wie es die Büchnerpreis-Satzung verlangt. Und für sie und ihre weitere literarische Arbeit hätte diese Auszeichnung eine außerordentlich hohe Bedeutung.</p>
<p>Die diesjährige Entscheidung der Akademie ist ängstlich und bedenkenträgerisch. Mag sein, dass die Jury wegen ihrer Entscheidung für Sibylle Lewitscharoff im vergangenen Jahr (nach der &#8220;Halbwesen&#8221;-Rede Lewitscharoffs) Kritik einstecken musste. Aber ich halte es für viel angemessener, einem umstrittenen Autor den <strong>Büchner</strong>preis zuzuerkennen, als einem vollkommen Unumstrittenen, dessen Werk in der Literaturgeschichte eine größere Rolle spielt als in der literarischen Gegenwart.</p>
<p>&nbsp;</p>
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