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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Marcel Reich-Ranicki</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Matthias Politycki: &#8220;Tankwart, das Lied vom Volltanken singend&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 22 May 2018 12:44:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Leben zwischen Manta und Mazda Matthias Politycki gehört für mich zu den originellsten Dichtern, die wir derzeit in der deutschen Literatur haben. Seine Gedichte bereiten mir sinnlich und intellektuell immer wieder ein prachvolles Vergnügen. Jetzt hat Politycki einen umfangreichen &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2373">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Das Leben zwischen Manta und Mazda</strong></h1>
<div id="attachment_2377" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/05/MP1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2377" title="MP" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/05/MP1-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Matthias Politycki: &quot;Sämtliche Gedichte 2017-1987&quot;. Mit einem Nachwort von Wolfgang Frühwald. Verlag Hoffmann und Campe. 32 Euro</p></div>
<h2><strong>Matthias Politycki gehört für mich zu den originellsten Dichtern, die wir derzeit in der deutschen Literatur haben. Seine Gedichte bereiten mir sinnlich und intellektuell immer wieder ein prachvolles Vergnügen. Jetzt hat Politycki einen umfangreichen Band mit seinen <a href="http://www.matthias-politycki.de/Saemtliche-Gedichte-2017-1987~16-10316">&#8220;Sämtlichen Gedichten 2017-1987&#8243;</a> auf den Buchmarkt gewuchtet, den ich jedem, der Gedichte als Genuss und nicht als literaturwissenschaftliche Decodierungsvorlage betrachtet, ans Herz legen möchte. Das Buch enthält außerdem ein kluges Nachwort von Wolfgang Frühwald. Matthias Politycki und sein Verlag Hoffmann und Campe haben mir erlaubt, eines der Gedichte hier im Blog vorzustellen und einen kleinen, hoffentlich erhellenden Kommentar hinzuzufügen. Der Kommentar mir zugleich Gelegenheit gibt, über eine Interpretation nachzudenken, die ich vor über zwanzig Jahren zu eben diesem Gedicht geschrieben habe. Mein Dank an Autor und Verlag! </strong></h2>
<h2><strong>Zuerst natürlich das 1994 entstandene Gedicht von Politycki:<br />
</strong></h2>
<h2><strong><br />
Tankwart, das Lied vom Volltanken singend</strong></h2>
<p>Ist doch<br />
ziemlich egal, ob du einer von denen bist -<br />
einer der lausigen Lichthupenfürsten,<br />
die (mit ner Beifahrerloge in Blond)<br />
hier ihren Unterarm raushängen müssen</p>
<p>Ist doch<br />
wirklich egal, ob du einer von denen bist,<br />
die (mit ner schönen Bescherung zur Rechten<br />
und auch drei schreienden Schrazen im Fond)<br />
vollauf beschäftigt sind, Chips ranzuschaffen</p>
<p>Ist doch<br />
völlig egal, ob ich dir deine Mühle jetzt<br />
volltanken soll, denn schon morgen, da hab ich<br />
den Tag komplett frei und da steig ich, ihr<br />
windigen Manta- und Mazda-Rummurkser, ihr<br />
hochwürdigen Audi- und Volvos-Schnarchsäcke, steig<br />
in meinen Turbo-Metallic und dann: nix wie<br />
weg! Mann, die Kurve gekrazt</p>
<p>bis zu<br />
dieser, oh ja: <em>dieser</em> Tanke, und wenn ich<br />
das Fenster dann kaum einen Spalt runterkurble und<br />
keinen Mucks leiser gar dreh die Musik und auch<br />
keinen Deut rauf in die Stirn etwa schiebe die<br />
Brille mit blickdichtem Sonnenglas, wenn ich<br />
dann nur so leicht nicke und &#8211; na? Ist doch<br />
absolut schnurzpiepegal</p>
<h2><strong>Fitnesstrainer für die Erinnerung</strong></h2>
<p>Polityckis Gedicht hatte mir sofort gefallen, als ich es in seinem Band <a href="http://www.matthias-politycki.de/Jenseits-von-Wurst-und-Kaese~16-168">&#8220;Jenseits von Wurst und Käse&#8221;</a> (1995) zum ersten Mal las. Also schrieb ich damals für Marcel Reich-Ranicki eine kleine Interpretation dazu, die er am 30. März 1996 in der FAZ in seiner Reihe &#8220;Frankfurter Anthologie&#8221; veröffentlichte. Die Chance, das Gedicht jetzt in dem 639seitigen Band &#8220;Samtliche Gedichte&#8221; wiederzulesen, gibt mir folglich auch Gelegenheit, mir nach gut zwanzig Jahren noch einmal meine eigene Interpretation vorzuknöpfen. Hat die Zeit etwas an dem Gedicht geändert oder an meinem Blick darauf? Denn es ist, auch wenn es das im ersten Augenblick vielleicht nicht gleich sichtbar wird, ein politisches Gedicht, dass zu politischen Reaktionen und Interpretationen herausfordert. Und die können sich im Laufe von über zwanzig Jahren ändern.</p>
<p>Aber zunächst einmal zur sprachlichen Seite der Angelegenheit. Denn damit begann ich damals meinen Beitrag zur &#8220;Frankfurter Anthologie&#8221;:</p>
<p>&#8220;Gute Dichter ziehen aus, neue Sprachterritorien zu erbeuten. Sicher, sie kennen jene wunderbaren Wortlandschaften, in denen die Poeten früherer Jahre und Jahrhunderte ihre Lyrikernte einbrachten, und sie tun sich dort ebenfalls um. Aber solche bereits bekannten Areale allein genügen ihnen nicht. Sie wollen Neuland gewinnen und erforschen &#8211; denn die wissen, dass sich Sprache unentwegt wandelt.</p>
<p>Aber selbst unter den Autoren, die in ihren Versen der ständigen Spracherneuerung auf den Fersen bleiben, bilden sich immer wieder fade Konventionen aus. So ist in der deutschen Gegenwartslyrik oft &#8211; mit wackerer Gesinnung, aber meist ein wenig abstakt &#8211; die Rede von übertriebenem Wohlstand oder vergifteter Natur, von der Fremdheit zwischen den Menschen und deren mangelnder Selbsterkenntnis. Sehr selten dagegen treten in Gedichten unserer Jahre &#8216;Tankstellen&#8217; oder &#8216;Chips&#8217;, &#8216;Mazda-Rummurkser&#8217; oder &#8216;Volvo-Scharchsäcke&#8217; in Erscheinung &#8211; und das ist verwunderlich, handelt es sich dabei doch um sehr zeitgenössische, sehr vertraute Phänomene. Kann es sein, dass in der Gegenwartslyrik unsere Gegenwart viel zu selten vorkommt?</p>
<p>Matthias Politycki (Jahrgang 1955) liebt es, die Leser seiner Gedichte mit alltäglichen, scheinbar banalen Worten und Wendungen zu konfrontieren, die nicht zum üblichen Lyrik-Vokabular gehören wie Sonne, Mond und Sterne. So ist das &#8216;Lied vom Volltanken&#8217;, das sein Tankwart singt, ganz auf das Adjektiv &#8216;egal&#8217; eingestimmt: liebevoll gesteigert von &#8216;ziemlich egal&#8217; über &#8216;wirklich egal&#8217; und &#8216;völlig egal&#8217; bis zu &#8216;absolut schnurzpiepegal&#8217;&#8221;.</p>
<p>Soweit damals meine ersten Bemerkungen zur Sprache des Gedichts. Diese Ansichten zu Polityckis Arbeit sind inzwischen weit verbreitet. Im Jahr 2000 rechnete ihn der Kritikerkollege Denis Scheck zu den wenigen Autoren deutsche Zunge, in deren Büchern man &#8220;ein Soundtrack des gelebten Lebens, eine Tonspur der bundesrepublikanischen Wirklichkeit&#8221; wiederfinden könne, wie Wolfgang Frühwald in seinem Nachwort dankenswerterweise zitiert. Ich war vermutlich nicht der erste und bin hoffentlich nicht der letzte, der sich über das große Talent Polityckis freut, bislang ungenutzte Sprachschätze unserer Zeit aus dem Sprechalltag zu bergen und in die Welt der Literatur zu überführen. Ich denke, diesen Punkt können wir abhaken, an dieser Leidenschaft dieses Autors und der entsprechenden Qualität seine Bücher besteht heute kein begründeter Zweifel mehr.</p>
<p>Nach diesem Einstieg bog in meiner Interpretation dann zu dem gesellschaftspolitischen Aspekt des Gedichtes ab. Denn das darin so liebevoll gesteigerte Adjektiv &#8220;egal&#8221; sah ich und sehe ich auch heute als deutlichen Hinweis an:</p>
<p>&#8220;Das unscheinbare Wort ist, so zeigt Polityckis Gedicht, zu einem zentralen Begriff unserer weitgehend egalitären Gesellschaft geworden. Natürlich gibt es nach wie vor Unterschiede zwischen den einzelnen Milieus, zwischen &#8216;lausigen Lichthupenfürsten&#8217; oder braven Familienvätern mit &#8216;drei schreienden Schazen im Fond&#8217;, zwischen Mazda- oder Audi-Besitzern. Und natürlich werden diese feinen Unterschiede, die nüchtern betrachtet minimal sind, von den Beteiligten gern mit ungeheurer Bedeutung aufgeladen, um sich zumindest die Illusion einer gesellschaftlichen Rangordnung zu retten.</p>
<p>Aber letztlich stehen wir, erinnert uns Politycki, dann doch alle an der gleichen Tankstelle. Das einst so gravierende soziale Gefälle ist letztlich in beträchtlichem Maße applaniert worden. Der Tankwart, der seine Kunden bedient, ist heute kein Diener mehr, und die anderen sind nicht seine Herren. Schon morgen hat er &#8216;wieder komplett den Tag frei&#8217; steigt in seinen &#8216;Turbo-Metallic&#8217;, fährt zu nächstgelegenen Zapfsäule und ist dort seinerseits Kunde, der auf ein beiläufiges Nicken seines mit &#8216;blickdichtem Sonnenglas&#8217; bewehrtem Kopf eilfertig umsorgt wird.&#8221;</p>
<p>Unschwer zu merken, dass damals meine Lektüre von Pierre Bourdieus &#8220;Feinen Unterschieden&#8221; seine Spuren im Gedicht-Kommentar hinterlassen hat. Aber ebenso unschwer ist zu spüren, dass der Kommentar vor der Agenda 2010 geschrieben wurde, die zwischen 2003 und 2005 unter Kanzler Schröder die Realitäten des Landes veränderten. Der Begriff &#8220;egalitär&#8221; gehört nicht zu den zentralen Begriffen, mit denen man derzeit den aktuellen Zustand der Bundesrepublik zu beschreiben versucht. Wenn heute vielmehr von einer &#8220;neuen Spaltung&#8221; der Gesellschaft gesprochen wird und davon, dass es eine beträchtliche Gruppe von Bürgern &#8220;angehängt&#8221; fühle von der Entwicklung des Landes, werden die Ursachen dafür regelmäßig auf die Agenda-Politik zurückgeführt.</p>
<p>Ob diese gegenwärtig sehr geläufige Diagnose richtig ist oder unzureichend, ob es dem Land ohne Agenda 2010 heute besser ginge oder nicht, möchte ich hier gern dahingestellt sein lassen. Es interessiert mich bei der Lektüre dieses Gedichtes (samt meiner Interpretation) im Grunde nicht. Darüber wäre in einer zähen und hoffentlich mit zuverlässigen soziologischen und wirtschaftspolitischen Fakten unterfütterten Debatte zu streiten.</p>
<p>Im Hinblick auf das Gedicht scheint mir anderes wichtiger: Nämlich seine Kraft, eine inzwischen fast 25 Jahre zurückliegende gesellschaftliche Atmosphäre beim Lesen zu vergegenwärtigen &#8211; eben weil es die Tonlage dieser Zeit und ihr Sprachmaterial literarisch so kunstvoll konserviert hat. Die Sprach-Sinnlichkeit und die Sprach-Freude Polityckis hat einen bestimmten gesellschaftlichen Moment durch das saloppe Schwingen der Verse, durch die kunstvolle Lässigkeit des Tonfalls eingefangen. Er führt seinen Lesern nicht nur einen Ausschnitt des Lebens unter egalitären Verhältnissen vor, er lässt sie diesen Moment mit Worten noch einmal nachschmecken. Mit Sonne, Mond und Sternen, also mit dem traditionell gewohnten lyrischen Sprachmaterial, das große Teile der zeitgenössischen Lyrik hierzulande noch immer dominiert, wäre das wohl kaum möglich. Politycki erfüllt so eine uralte Aufgabe der Literatur: die sinnliche Vergegenwärtigung von Vergangenheit. Er ist ein Fitnesstrainer für die Erinnerung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><br />
</strong></p>
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		<title>Zum Geburtstag von Wolfgang Koeppen</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Jun 2016 07:56:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Arno Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
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		<description><![CDATA[&#8220;Koeppens entscheidendes Buch ist im falschen Augenblick erschienen. Viel zu früh!&#8221; Vor zehn Jahren wurde Wolfgang Koeppens 100. Geburtstag gefeiert. Damals war das für mich ein Anlass, mit Marcel Reich-Ranicki über diesen Meister des Verträumens und Versäumens zu sprechen, schließlich &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1788">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Koeppens entscheidendes Buch ist im falschen Augenblick erschienen. Viel zu früh!&#8221;<br />
</strong></h1>
<h2><strong>Vor zehn Jahren wurde Wolfgang Koeppens 100. Geburtstag gefeiert. Damals war das für mich ein Anlass, mit Marcel Reich-Ranicki über diesen Meister des Verträumens und Versäumens zu sprechen, schließlich hatte sich MRR für ihn hartnäckig und über Jahre hinweg eingesetzt &#8211; allerdings ohne den durchschlagenden Erfolg bei den Lesern, den Reich-Ranicki sonst von sich gewohnt war.</strong> <strong>Er zählte Koeppen zu den wichtigsten Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur. Weshalb Koeppen dennoch nur ein recht kleines Publikum findet, ist m.E. auch heute noch, an Koeppens 110. Geburtstag, ein</strong> <strong>paar Überlegungen wert.</strong><em><br />
</em></h2>
<p><strong>Uwe Wittstock</strong>: Für keinen anderen Schriftsteller haben Sie sich so hartnäckig eingesetzt wie für Wolfgang Koeppen. Heute gehört er unverändert zu den wenig gelesenen deutschen Nachkriegsautoren. Ist Koeppen für Sie als Literaturvermittler eine große Niederlage?</p>
<div id="attachment_1794" class="wp-caption alignright" style="width: 313px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/51+akcPaO6L._SX301_BO1204203200_.jpg"><img class="size-full wp-image-1794" title="51+akcPaO6L._SX301_BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/51+akcPaO6L._SX301_BO1204203200_.jpg" alt="" width="303" height="499" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Koeppen: &quot;Tod in Rom&quot;. Suhrkamp, 9 Euro</p></div>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Nein. Aber ein Sieg oder ein Triumph war es nun auch nicht. Das erste Buch von Koeppen las ich Mitte der fünfziger Jahre noch in Polen, den Roman &#8220;Tod in Rom&#8221;. Nachdem ich die frühen Bücher von Böll, Walser oder Siegfried Lenz gelesen hatte, erschien mir Koeppen damals der modernste unter den neueren deutschen Schriftstellern zu sein. Damit begann meine Begeisterung für ihn, ich war entschlossen, seine öffentliche Wirkung nach Kräften zu fördern. Nicht primär, um Koeppen zu unterstützen, sondern weil ich glaubte, daß es für die deutsche Literatur wichtig sei, einem so modernen Erzähler zum Erfolg zu verhelfen.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Was erschien Ihnen damals so originell an Koeppen?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Die deutsche Literatur nach 1945 stand insofern unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, als sie sich vor allem gegen Geist und Sprache des Dritten Reiches wendete. Die Autoren, die damals ihre Karriere begannen, Wolfgang Borchert, Böll, Schnurre, später Lenz schrieben im Grunde eher konventionelle Literatur, die an den Expressionismus anknüpfte oder unter dem Stichwort &#8220;Kahlschlag&#8221; firmierte: Sie kämpften gegen jedes Pathos, jeden Schwulst, noch einfacher gesagt: gegen die großen Worte, die von den Nazis mißbraucht worden waren. Hinzu kam der lapidare, lakonische Stil Hemingways, der viele Autoren damals beeinflußte. Mit all dem hatte Koeppen nichts zu tun. Er knüpfte an andere Vorbilder an, an Joyce, Dos Passos, Faulkner, Proust und Döblin. Diese Tradition moderner Prosa in Deutschland wieder zu stärken, schien mir sehr wichtig.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Aus heutiger Sicht wirkt manches an Koeppens Romanen gar nicht modern, sondern recht kolportagehaft.</p>
<div id="attachment_1795" class="wp-caption alignright" style="width: 300px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/01697893z.jpg"><img class="size-full wp-image-1795" title="01697893z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/01697893z.jpg" alt="" width="290" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Koeppen: &quot;Tauben im Gras&quot;. Suhrkamp, 8 Euro</p></div>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Gewisse kolportagehafte Elemente finden Sie in fast jedem Roman. Und Koeppens Romane sind von unterschiedlicher Qualität. Keine Frage, sein bedeutendstes Buch ist &#8220;Tauben im Gras&#8221;. An diesem Roman ist nichts kolportagehaft, das ist große Literatur. Etwas schwächer sind &#8220;Tod in Rom&#8221; und &#8220;Das Treibhaus&#8221;.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: War Koeppen für Sie nicht auch eine Gegenfigur zu Arno Schmidt? Wenn Sie Koeppen für die Modernität seiner Prosa loben, dafür, daß er sich an Dos Passos und Joyce geschult hat, trifft das doch in vielleicht noch höherem Maße auf Schmidt zu?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong> Ich habe mich viel mit Schmidt beschäftigt. Ich bewundere einige seiner Erzählungen, zumal &#8220;Seelandschaft mit Pocahontas&#8221; und &#8220;Die Umsiedler&#8221;. Beide habe ich in meinen Kanon aufgenommen. Seine Romane haben mich allerdings nie ganz überzeugt, sie sind oft blutleer. Es ist aber richtig, daß Schmidt in mancherlei Hinsicht einen ähnlichen Weg wie Koeppen gegangen ist. Aber weder Schmidt noch Koeppen haben einen großen Einfluß auf die deutsche Literatur der fünfziger und sechziger Jahre gehabt.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Bleiben wir bei Koeppen: Warum hatte er trotz seiner Modernität und Ihres Engagements für ihn so wenig Erfolg?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Sein entscheidendes Buch, &#8220;Tauben im Gras&#8221;, war im falschen Augenblick erschienen. Es kam 1951 viel zu früh. Das Publikum war weder bereit noch fähig, diese Literatur zu akzeptieren. Joyce war ja damals in der Bundesrepublik nahezu unbekannt, Dos Passos nie populär gewesen oder schon wieder vergessen, und Faulkner setzte sich gerade erst langsam durch. Die Deutschen waren durch die Nazis zwölf Jahre lang von der modernen Literatur abgeschnitten gewesen. Die Leser hatten kein Verständnis für Koeppen, er wirkte allzu avantgardistisch auf sie.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Tatsächlich?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Ja, das war so. Viele Leute, die ich persönlich kenne, haben auf meine Empfehlung hin &#8220;Tauben im Gras&#8221; gelesen. Und nach fünf oder zehn Seiten klappten die das Buch zu und sagten: &#8220;Ich verstehe das nicht.&#8221; Dabei sind die ersten Seiten des Buches besonders gut geschrieben &#8211; aber sie sind nicht leicht zugänglich.</p>
<p><strong>Wittstock</strong> : Koeppens Roman &#8220;Tauben im Gras&#8221; wurde vorgeworfen, lebende Zeitgenossen so genau zu porträtieren, daß diese sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlen könnten. Er hat darauf in seinem Aufsatz &#8220;Die elenden Skribenten&#8221; geantwortet. Hat dieser Vorwurf Koeppens Roman damals geschadet?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Ich glaube nicht. Damals protestierten Leute gegen &#8220;Tauben im Gras&#8221; und behaupteten, Koeppen habe ihr Leben in dem Buch dargestellt. Doch er kannte diese Leute überhaupt nicht. Er sagte einmal zu mir, er sei verblüfft gewesen, wie viele Menschen genau jene Gefühle zu teilen schienen, die er in seinem Roman beschrieben hatte: diese Angst, dieses Leiden an der Nachkriegszeit. Er hatte sie offensichtlich genau getroffen. Ein großer Triumph für einen Schriftsteller.</p>
<div id="attachment_1796" class="wp-caption alignright" style="width: 297px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/00559241z.jpg"><img class="size-full wp-image-1796" title="00559241z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/00559241z.jpg" alt="" width="287" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Koeppen: &quot;Das Treibhaus&quot;. Suhrkamp, 8,50 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock</strong>: Gibt es nicht noch einfache Gründe dafür, daß Koeppen wenig Erfolg hatte? Im &#8220;Treibhaus&#8221; macht er einen Bundestagsabgeordneten zur Hauptfigur, der sich als pädophiler sozialistischer Selbstmörder entpuppt. Ist es wirklich eine Überraschung, daß dieses Buch kein Massenerfolg war?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranick</strong>: Nein, das ist keine Überraschung. Der Held verführt gleich nach dem Krieg ein sechzehnjähriges Mädchen &#8211; das ist, wie so vieles in den Romanen Koeppens, natürlich autobiographisch. Literatur ist doch meist Selbstdarstellung.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Die Hauptfigur ist sehr eindrucksvoll, aber nicht eben eine, mit der sich viele Leser gern identifizieren würden.</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Ich habe den Eindruck, daß Koeppen &#8220;Treibhaus&#8221; viel zu schnell geschrieben hat. Das Buch ist streckenweise flüchtig. Dann kommt hinzu: Das Milieu war zuvor noch nie dargestellt worden. Noch kein anderer hatte die politische Welt in Bonn, das Parlament, die Parteien, die Fraktionen, die Bundestagsabgeordneten zum Thema der Literatur gemacht. Es gab also keine Vorbilder. Trotzdem hätte Koeppen das noch besser schaffen können, wenn er der Sache mehr Zeit gewidmet hätte.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Ist &#8220;Tauben im Gras&#8221; wirklich einer der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Es ist künstlerisch der beste deutsche Roman dieser Zeit und dieser Generation. Von Arno Schmidt war schon die Rede. Seine Romane scheinen mir doch alle etwas blutleer zu sein. Uwe Johnsohn ist im Kanon selbstverständlich enthalten (eine Erzählung, ein Essay), aber ein Roman wie &#8220;Mußmaßungen über Jakob&#8221; scheint mir für die Leser doch zu schwer. Die beiden Romane von Jurek Becker und Patrick Süskind waren für den Kanon vorgesehen, mußten aber der grausamen Umfanggrenze zum Opfer fallen.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: In einem der Briefe an Siegfried Unseld beschwert sich Wolfgang Koeppen massiv über Sie: &#8220;Reich-Ranicki, gefährlich gekränkt, begreift überhaupt nichts, hat kein Empfinden für Sätze, die nicht in seine Erwartungen passen, er mißversteht erfreut und rührt im Literaturklatsch, er liest nicht, sucht eine Wunde, steckt die Hand hinein und reißt auf zum Schlachtfest.&#8221; Haben Sie mit solchen Äußerungen Koeppens gegen Sie gerechnet, obwohl sie sich so für ihn einsetzten?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Nein. Ich habe damals, als das geschrieben wurde, noch nicht gewußt, was ich später gelernt habe: Die Autoren wollen meist doch nur gelobt werden. Und werden sie nicht gelobt, behaupten sie immer, der Kritiker sei gefährlich gekränkt, begreife überhaupt nichts und habe kein Empfinden für Sätze.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Aber Sie haben Koeppen gelobt.</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Nein. Diesen Brief schickte er an Unseld, nachdem ich über sein Buch &#8220;Romanisches Café&#8221; geschrieben hatte, es sei ein Sammelband mit alten Arbeiten, der auch einige &#8220;ziemlich schwache Stücke, flüchtige oder nebensächliche Gelegenheitsarbeiten&#8221; enthalte. Das hat mir Koeppen verübelt.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Sie sind ein sehr temperamentvoller, aktiver Mensch. Koeppen dagegen war ein großer Meister des Verträumens und Versäumens. Wie sind Sie mit seiner Neigung zur Trägheit, zur Passivität zurechtgekommen?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Schlecht. Ich hatte gehofft, ihn zum Schreiben zu bringen. Und es ist mir auch gelungen, in sehr bescheidenen Grenzen. Also habe ich ihm immer wieder Aufträge gegeben, Bücher des 19. Jahrhunderts für die FAZ zu rezensieren. Manche dieser Bücher habe ich überhaupt nur besprechen lassen, damit er Aufträge erhielt. Aus diesen Artikeln ist dann Koeppens Buch &#8220;Die elenden Skribenten&#8221; entstanden. Ich glaube, es ist ein wichtiges Buch, aber natürlich kein Ersatz für den Roman, den ich von ihm zu bekommen hoffte.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: In Ihrer Autobiographie &#8220;Mein Leben&#8221; nennen Sie Ihren Vater einen &#8220;willensschwachen Menschen&#8221; von &#8220;erschreckender Untüchtigkeit&#8221; und kritisieren seine &#8220;Passivität&#8221;. Die Beschreibung könnte ebensogut auf Koeppen passen. War der eine halbe Generation ältere Koeppen für Sie auch so etwas wie eine Erinnerung an Ihren Vater? Und haben Sie sich deshalb so hartnäckig für diese Vaterfigur eingesetzt?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Nicht im geringsten. Die Ähnlichkeiten, von denen Sie sprechen, waren mir nicht bewußt &#8211; weder als ich Koeppen zu fördern versuchte, noch als ich das Buch &#8220;Mein Leben&#8221; schrieb. Aber ich verstehe, daß sie heute darauf hinweisen.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Könnte es sein, daß Wolfgang Koeppen Sie unbewußt an Ihren Vater erinnert hat?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Ja.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Gespräch mit Ernst Augustin</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Oct 2015 16:17:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Bis 12 Uhr war ich ein Literatur-Star&#8221; Ernst Augustin im Gespräch über seinen Roman “Schönes Abendland” von 2007, die Gruppe 47 und das Schreiben allein in der Wüste sowie die Schwarze Romantik. Der Schriftsteller Ernst Augustin feiert heute seinen 88. &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1450">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Bis 12 Uhr war ich ein Literatur-Star&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Ernst Augustin im Gespräch über seinen Roman “Schönes Abendland” von 2007, die Gruppe 47 und das Schreiben allein in der Wüste sowie die Schwarze Romantik.</strong></h2>
<div>
<h2><strong>Der Schriftsteller Ernst Augustin feiert heute seinen 88. Geburtstag und fällt aus der Reihe. Schon sein Haus im Münchner Stadtteil Neuhausen sticht heraus: Zwischen gleichförmigen Fassaden wirkt es von den Bäumen des eigenen Gartens wie umhüllt und verborgen. Sein Treppenhaus ist bis in den dritten Stock hoch ausgemalt von Augustins Ehefrau, der Malerin Inge Augustin. Der Hausherr, für den Architektur nicht nur in seinen Romanen eine große Rolle spielt, hat es mit Dachterrasse und Keller-Disko, mit Kajützimmer und privater Nachtbar, mit verschwiegenen Gängen und geheimen Türen zu einem sehr persönlichen Wunderhaus umgestaltet. Zur Feier seines Geburtstags hier ein Gespräch mit ihm über seinen großen Roman &#8220;Schönes Abendland&#8221;.</strong></h2>
<div id="attachment_1454" class="wp-caption alignright" style="width: 308px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/29748241z.jpg"><img class="size-full wp-image-1454" title="29748241z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/29748241z.jpg" alt="" width="298" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Ernst Augustin: &quot;Schönes Abendland&quot;. Roman. dtv. 12,90 Euro</p></div>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> 2007 erschien ihr Roman „Schönes Abendland“, eine Neufassung ihres Romans „Mamma“ von 1970. Was für Erfahrungen haben Sie bei der Arbeit an diesem fast vier Jahrzehnte alten Buch gemacht?</p>
<p><strong>Ernst Augustin:</strong> Ich habe das Buch immer geliebt, aber es wurde nicht geliebt. Dann habe ich es noch einmal durchgelesen, und ich muss sagen, es war misslungen. Ich erzählte nacheinander die sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten von Drillingen. Aber die Reihenfolge war falsch. Ich habe die jetzt umgestellt, vieles neue geschrieben und verändert. Einer der drei Helden wird General, dessen Lebensgeschichte stand früher zu Anfang. Marcel Reich-Ranicki hat das Buch damals schroff abgelehnt, er fand es militaristisch. Offenbar hatte er nur den Anfang gelesen und die Ironie der Geschichte nicht verstanden. Heute würde er, mit dem Kaufmann beginnend, vielleicht mehr Stimmigkeit entdecken.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> „Schönes Abendland“ ist ein großer, anspruchsvoller Titel. Fast, als enthielte der Roman eine Art Weltformel, eine Erklärungsformel fürs gesamte Abendland.</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Es ist ein abendländisches Gleichnis. Es beginnt in der Renaissance-Zeit, in der drei Männer, der Kaufmann, der General und der Arzt für allzu großes Gewaltstreben hingerichtet werden. Sie werden auf der Stelle wiedergeboren – dieses Mal in unserer Zeit – und wieder streben sie mit allen Mitteln, die ihre Gesamtexistenz in sich trägt, nach Reichtum, Macht, Wissen. Im Übermaß. Ich habe diese drei Lebensläufe als eine Art absurde Kultur- und Sittengeschichte geschrieben: Absurdität des Habenwollens, der maßlosen Aufstiegs- (und Abstiegs-) Möglichkeiten, und der daraus resultierenden ziemlich tödlichen Ergebnisse. So erscheinen sie mir doch sehr abendländisch.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Wie war das Echo damals? Aus heutiger Sicht hat man nicht den Eindruck, dass ein so ironisch flirrendes, phantastisches, schrilles Buch gut in die Hochzeit der Studentenbewegung passte.</p>
<div id="attachment_1455" class="wp-caption alignleft" style="width: 485px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/22802790z.jpg"><img class="size-full wp-image-1455" title="22802790z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/22802790z.jpg" alt="" width="475" height="356" /></a><p class="wp-caption-text">Ernst Augustin: &quot;Romane und Erzählungen&quot; In acht Bänden. Verlag C.H.Beck. 78 Euro</p></div>
<p><strong>Augustin:</strong> Ich habe auch Zustimmung bekommen, größtenteils aber Ablehnung geerntet. Der Werbemann meines damaligen Verlages, Suhrkamp, hatte den Slogan geprägt: Man erzählt wieder. Das klang wie: Man trägt wieder Hut und kam gar nicht gut an. Der Roman passte wohl tatsächlich nicht in diese Zeit eines teilweise politischen, teilweise literarisch formalistischen Avantgardismus. Ich wollte erzählen, ich bin ein Erzähler. Vielleicht trifft das Buch heute auf offnere Ohren.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Sie haben aus diesem Roman auch 1966 in Princeton bei der Gruppe 47 gelesen?</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Da fing das Unglück schon an. Ich las dort einen Ausschnitt aus dem Romanteil über den Arzt unter meinen drei Helden. Eine in sich geschlossene, runde Geschichte über seine kindlichen Doktorspiele. Es war ein großer Erfolg, die Geschichte kam prächtig an, wurde hoch gelobt. Damals glaubte man ja noch, dass jeder, der von der Gruppe 47 gefeiert wird, sofort der nächste Literaturstar wird. Ein Journalist der Münchner Abendzeitung telegrafierte sofort in seine Redaktion: „Ich war dabei!“ Man hat mich richtiggehend hofiert. Aber nur bis 12 Uhr mittags. Am Nachmittag kam Peter Handkes großer Auftritt, seine Kritikerbeschimpfung, seine wütende Rede gegen die Gruppe 47. Damit war ich völlig abgemeldet. Ich existierte nicht mehr. Handke war nun der große Mann.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Man merkt das ihren Büchern deutlich an: Sie haben sich nicht den damals in Deutschland verbreiteten literarischen Trends angeschlossen. Welche Vorbilder hatten Sie statt dessen?</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Ich hatte wenig Vorbilder. Ich kam ja aus der DDR. Die ganze Moderne gab es da gar nicht. Es gab keinen James Joyce, es gab noch nicht einmal Kafka. Was ich dort gelesen habe, waren die großen russischen Autoren, ich habe Gogol gelesen und sehr geliebt. Dann natürlich Thomas Mann. Und Hans Fallada, ein ausgesprochener Erzähler, den ich sehr mochte. Ansonsten aber habe ich mich vor allem mit den Romantikern beschäftigt. Mit E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Edgar Allan Poe, Melville. Die Romantiker sind für mich bis heute der wichtigste literarische Bezugspunkt.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Haben Sie damals überhaupt in Deutschland gelebt?</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Ja und nein. Ich habe ja immer einen Fuß draußen gehabt. Ich kam 1958 aus der DDR in den Westen und bin dann direkt nach Afghanistan gegangen, habe dort bis 1961 als Arzt gearbeitet für eine amerikanische Firma, die unter anderem einen Staudamm baute, Brücken und ein Bewässerungssystem. Entwicklungshilfe eben. Dort habe ich dann angefangen zu schreiben. Meinen ersten Roman „Der Kopf“. Das war geboren aus der Situation. Ich saß allein mitten in der Wüste und schrieb vor mich hin. Und habe mir so durch meine Figuren etwas Gesellschaft verschafft. Nach 1961 kam ich dann zurück nach Deutschland, bevor ich in Mittelamerika, in Costa Rica gearbeitet habe. Das Aufnahmeverfahren als DDR-Flüchtling in der Bundesrepublik habe ich erst nach meiner Rückkehr aus Afghanistan gemacht. Genau genommen war ich dort – den DDR-Pass hatte ich nicht mehr, den neuen Pass noch nicht – drei Jahre lang staatenlos.</p>
<div id="attachment_1456" class="wp-caption alignright" style="width: 284px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/41877628z1.jpg"><img class="size-full wp-image-1456" title="41877628z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/41877628z1.jpg" alt="" width="274" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Ernst Augustin&quot;. Edition Text + Kritik. Göttingen 2015. 24 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock:</strong> Das ist vielleicht eine bezeichnende Episode für Ihr Schicksal: Sie sind ein Sonderfall. Ihr üppiges, schwelgerisches, ebenso phantastisches wie realistisches Fabulieren passt hierzulande nicht in die üblichen Kategorien.</p>
<p><strong> Augustin:</strong> Eigentlich bin ich selbst Romantiker. Es ist ja eine sehr deutsche, eine urdeutsche literarische Veranlagung. Schwarze Romantik liegt mir am meisten. Es muss im Hintergrund immer ein schweres Gewitter aufziehen, immer schwarz bei aller Lieblichkeit im Vordergrund, bei aller Ironie und leichter Hand, die ich rüberzubringen versuche. Es ist mein Los und meine Freude.</p>
</div>
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		<title>Ausstellung &#8220;Marcel Reich-Ranicki: Sein Leben&#8221;</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1215</link>
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		<pubDate>Fri, 22 May 2015 08:39:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Andrew Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Schopf]]></category>

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		<description><![CDATA[Frankfurt zeigt: &#8220;Marcel Reich-Ranicki: Sein Leben in unbekannten Fotos und Dokumenten&#8221; Gemeinsam mit Wolfgang Schopf habe ich die oben in voller Titelschönheit genannte Ausstellung zusammengestellt. Oder um es mit dem Modewort der Saison zu bezeichnen: Wir haben sie kuratiert. Eröffnung &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1215">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Frankfurt zeigt: </strong></h1>
<h1><strong>&#8220;Marcel Reich-Ranicki: <em>Sein Leben</em> in unbekannten Fotos und Dokumenten&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Gemeinsam mit Wolfgang Schopf habe ich die oben in voller Titelschönheit genannte Ausstellung zusammengestellt. Oder um es mit dem Modewort der Saison zu bezeichnen: Wir haben sie kuratiert. Eröffnung ist am kommenden Donnerstag 28. Mai, 19 Uhr.</strong></h2>
<h2>Gezeigt werden rund 200 bislang unveröffentlichen Fotos und Dokumente aus dem Besitz von Andrew Ranicki, dazu Materialien der Reich-Ranicki Forschungsstelle in Marburg, des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, Reich-Ranickis Sammlung mit Schriftsteller-Porträts (aus dem Jüdischen Museum Frankfurt), sein Schreibtisch samt Lesesessen (Historisches Museum Frankfurt) und etliche andere gedruckte oder auch ungedruckte Inkunablen.</h2>
<h2>Hier die Ausstellungsdaten:</h2>
<h2><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong><br />
<strong><em>Sein Leben</em> in unbekannten Fotos und Dokumenten.</strong><br />
<strong>Eine Ausstellung des Literaturarchivs der Goethe-Universität.</strong><br />
<strong>Vom 29. Mai bis 30. Juni</strong><br />
<strong>Literaturarchiv der Goethe-Universität</strong><br />
<strong>Dantestr. 9, 60325 Frankfurt am Main</strong><br />
<strong>Montags bis Freitags 15 – 19 Uhr<br />
Samstags bis Sonntags 11 – 20 Uhr</strong></h2>
<p><strong>Eröffnung am 28. Mai um 19:00 Uhr<br />
</strong>Wer an der Eröffnung teilnehmen will, kann sich anmelden unter:<br />
Tel: 069-798 22 71<br />
Mobil: 0173 470 26 12<br />
w.schopf@lingua.uni-frankfurt.de</p>
<p>&nbsp;</p>
<h2>Dazu gibt es ein dreistufiges Begleitprogramm:</h2>
<h2>2. Juni, 19:30 Uhr<br />
<strong>Glückwunsch Marcel</strong><br />
Eva Demski und Ex-OB Petra Roth erinnern sich<br />
am 95. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki<br />
an den persönlichen Freund und großen Frankfurter<br />
Moderation: Andreas Platthaus (FAZ)</h2>
<h2>15. Juni 2015, 19:30 Uhr<br />
<strong>Lesung</strong><br />
Joachim Kersten und Wolfgang Schopf lesen aus<br />
Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf: <em>Der Briefwechsel</em></h2>
<h2>26. Juni 2015, 19:30 Uhr<br />
<strong>Marcel Reich-Ranicki: Der Kritiker</strong><br />
Ina Hartwig, Martin Lüdke, Hubert Spiegel und Uwe Wittstock diskutieren über die Leistungen eines Kollegen</h2>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Interview über &#8220;Marcel Reich-Ranicki. Die Biographie&#8221;</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1210</link>
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		<pubDate>Thu, 21 May 2015 14:10:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Reich-Ranicki war ein Volkstribun&#8221; Im Journal Frankfurt ist jetzt ein Interview des Literaturkritiker-Kollegen von Christoph Schröder mit mir über meine Biographie Marcel Reich-Ranicki (Blessing Verlag) erschienen. Was mich naturgemäß freut. Das bislang unpublizierte Foto, mit dem das Magazin den Artikel &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1210">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Reich-Ranicki war ein Volkstribun&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Im <em>Journal Frankfurt</em> ist jetzt ein Interview des Literaturkritiker-Kollegen von Christoph Schröder mit mir über meine Biographie <em>Marcel Reich-Ranicki (Blessing Verlag) </em>erschienen. Was mich naturgemäß freut. Das bislang unpublizierte Foto, mit dem das Magazin den Artikel illustriert hat, stammt aus der Fotosammlung von Andrew Ranicki, die vom 28. Mai bis 30. Juni im Ausstellungsgebäude der Universität Frankfurt, Dantestraße 9, unter dem anspielungsreichen Titel &#8220;Sein Leben&#8221; zu sehen sein wird. Hier als JPGs die beiden Interview-Seiten aus dem <strong><em>Journal Frankfurt</em>.</strong></strong></h2>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/05/Journal-Ffm-S.1-0011.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1211" title="Journal Ffm   S.1 001[1]" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/05/Journal-Ffm-S.1-0011.jpg" alt="" width="2550" height="3510" /></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><strong></strong><br />
</strong></p>
<p><strong></strong><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/05/Journal-Ffm-S.-2-0011.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1212" title="Journal Ffm S. 2 001[1]" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/05/Journal-Ffm-S.-2-0011.jpg" alt="" width="2550" height="3510" /></a></p>
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		<title>2 unbekannte Telegramme von Marcel Reich-Ranicki</title>
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		<pubDate>Sun, 03 May 2015 17:25:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>

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		<description><![CDATA[ &#8221;Ich bin am Leben&#8221; und andere Familienpost Für die erste vollständige Biografie Marcel Reich-Ranickis hat mir sein Sohn Andrew Ranicki über 200 Dokumente und Fotos aus privaten Alben zur Publikation anvertraut. Die Materialien haben das Bild vom Leben seiner Eltern &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1182">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong> &#8221;Ich bin am Leben&#8221; und andere Familienpost</strong></h1>
<h2><strong>Für die erste vollständige Biografie Marcel Reich-Ranickis hat mir sein Sohn Andrew Ranicki über 200 Dokumente und Fotos aus privaten Alben zur Publikation anvertraut. Die Materialien haben das Bild vom Leben seiner Eltern verändert und anschaulicher gemacht. Das Buch <em>Marcel Reich-Ranicki. Die Biographie</em> erschien am 24. April im Blessing Verlag, München (19,99 Euro). Am 28. Mai sollen diese Materialien in der von Wolfgang Schopf und mir kuratierten Ausstellung „Sein Leben“ in Frankfurt (Dantestr. 9) zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden. Hier möchte ich vorab zwei Telegramme von Marcel Reich-Ranicki aus dem Jahr 1945 an seine Schwester Gerda Böhm in London vorlegen.</strong></h2>
<p>Wie sagt man, wenn man überlebt hat? Wie schreibt man der eigenen Schwester, dass man davongekommen ist? Davongekommen nach fünf Jahren, in denen man täglich ermordet werden konnte, genauer: täglich ermordet werden sollte?</p>
<div id="attachment_1191" class="wp-caption alignright" style="width: 198px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/05/MRRCover.jpeg"><img class="size-medium wp-image-1191" title="MRRCover" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/05/MRRCover-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock: &quot;Marcel Reich-Ranicki. Die Biographie&quot;. Blessing Verlag, München 2015. 19,99 €</p></div>
<p>Am 26. Mai 1945 musste Marcel Reich, der später unter dem Namen Marcel Reich-Ranicki zu einem der mächtigsten Journalisten Deutschlands wurde, in Warschau eine Antwort auf diese Frage finden. Er war 24 Jahre alt.</p>
<p>Ein paar Tage zuvor hatten die deutschen Truppen kapituliert, der Krieg war vorbei, Hitler besiegt. Doch noch immer blieb die Kommunikation über Ländergrenzen – besser: Frontverläufe – hinweg, weitgehend dem Militär vorbehalten. Deshalb fand sich nur unter größten Schwierigkeiten eine Chance, ein Telegramm ins Ausland zu schicken. Ein erstes Lebenszeichen.</p>
<p>Man darf sich das Warschau von 1945 nicht als Stadt mit ein paar Kriegsschäden vorstellen. Nach dem polnischen Aufstand gegen die deutschen Besatzer im Jahr zuvor, hatten Sprengkommandos die Stadt auf Hitlers Befehl systematisch zerstört. Straßenzug um Straßenzug war in Geröllhalden verwandelt worden. Warschau galt als unbewohnbar, als buchstäblich zermalmt. Fachleute rieten, das Trümmerfeld abzutragen und die Stadt an anderem Ort neu zu errichten.</p>
<p>Ein winziges Foto aus diesem Jahr zeigt den jungen Marcel Reich-Ranicki in polnischer Uniform mit Freunden zwischen dem, was vom Warschauer Ghetto geblieben war: Schutt, lose Steine, ein paar Balken, ein zersplitterter Fensterrahmen.</p>
<p>Seine Schwester Gerda hatte es im Juli 1939 noch geschafft, zusammen mit ihrem Mann Gerhard Böhm aus Berlin nach London zu fliehen. Falls sich an ihrer Adresse in Hampstead Hill nichts geändert hatte, konnte ein Telegramm sie erreichen.</p>
<p>Wie schreibt man, dass man überlebt hat? Reich-Ranicki tat es so nüchtern wie möglich: „I am alive“. Dann fügte er, obwohl so viel Entsetzliches zu berichten gewesen wäre, zwei positive Nachrichten hinzu: Er sei verheiratet mit Teofila Langnas (die Ehe wird fast 69 Jahre bis zu Teofilas Tod 2011 halten), und er arbeite nun für ein Ministerium. Und bittet um rasche Antwort.</p>
<div id="attachment_1189" class="wp-caption aligncenter" style="width: 5082px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/05/telegrams19453.jpg"><img class="size-full wp-image-1189" title="telegrams1945" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/05/telegrams19453.jpg" alt="" width="5072" height="6571" /></a><p class="wp-caption-text">Erste Lebenszeichen nach Jahren der Lebensgefahr: Marcel Reich-Ranickis Telegramme vom 26. Mai 1945 und vom 19. Juni 1945 an seine Schwester Gerda Böhm in London</p></div>
<p>Diese Antwort Gerda Böhms an ihren Bruder ist nicht erhalten geblieben. Wohl aber ein zweites erschütterndes Telegramm Reich-Ranickis an seine Schwester, das er erst fünf Wochen später, Ende Juni 1945, abschicken konnte. Nun gab es für ihn keine Möglichkeit mehr, ihr die heillosen Familiennachrichten zu ersparen. Ihre Eltern, so teilte er ihr in nur neun knappen Telegramm-Worten mit, sind im September 1942 im Vernichtungslager vergast, ihr Bruder Alexander ein Jahr später ermordet worden.</p>
<p>Vielleicht hat die Botschaft Gerda Böhm trotz allem nicht ganz unvorbereitet getroffen und ihr nur eine letzte traurige Gewissheit verschafft. Denn die so kurze wie sachliche Nachricht „I am alive“ hat, sobald man über sie nachzudenken beginnt, eine finstere Seite. In dem Satz „Ich bin am Leben“ musste für Reich-Ranickis Schwester bereits ein viel sagendes Schweigen über die Eltern und den Bruder anklingen. Sie wird dieses Schweigen, nach den langen Jahren ohne jede Nachricht von ihrer Familie in Polen, wohl nicht überhört haben.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Kleine Nachlieferung zur Biographie &#8220;Marcel Reich-Ranicki&#8221;</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1174</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Apr 2015 11:14:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>

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		<description><![CDATA[Günter Grass, Reich-Ranicki und der Regenschirm-Mord Heute erreichte mich eine Zuschrift eines Lesers zu einem Kapitel meiner Biographie Marcel Reich-Ranicki, das sich mit dem Verhältnis zwischen Günter Grass und Reich-Ranicki beschäftigt. Diese Zuschrift ist wohlinformiert und verlangt eine kleine Nachbesserung &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1174">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Günter Grass, Reich-Ranicki und der Regenschirm-Mord</strong></h1>
<h2><strong>Heute erreichte mich eine Zuschrift eines Lesers zu einem Kapitel meiner Biographie <em>Marcel Reich-Ranicki</em>, das sich mit dem Verhältnis zwischen Günter Grass und Reich-Ranicki beschäftigt. Diese Zuschrift ist wohlinformiert und verlangt eine kleine Nachbesserung zu meinem Buch &#8211; die ich hiermit liefern möchte:</strong></h2>
<p>Im Buch berichte ich von dem Gespräch, das ich am 8. Juli 2004 mit Günter Grass über Reich-Ranicki führte und auf Tonband aufnahm. Unter anderem bat ich Grass, mir von seiner ersten Begegnung mit Reich-Ranicki 1958 in Warschau zu erzählen. Beide Beteiligte waren damals noch weitgehend unbekannt: Grass hatte einen ersten Lyrikband <em>Die Vorzüge der Windhühner</em> (1956) veröffentlicht und arbeitete an der <em>Blechtrommel</em>, die 1959 erscheinen sollte<em>. </em>Reich-Ranicki hatte 1958 zwar schon acht Jahre als Kritiker in Polen gearbeitet. Doch im Westen war sein Name als Kenner vornehmlich der deutschen Literatur bislang nur wenigen Fachleuten ein Begriff.</p>
<p>Schon dieses erste Aufeinandertreffen der beiden selbstbewussten und streitlustigen Männer verlief nicht spannungsfrei. Reich-Ranicki wollte offenbar ausschließlich über Literatur reden. Grass hatte keine große Lust, sich einem &#8220;Verhör&#8221; über literarische Themen zu unterziehen und reagierte &#8220;frech&#8221; auf die hartnäckigen Fragen Reich-Ranickis. Beide merkten, dass sie wenig Freude an dem Gespräch hatten und kürzten das Treffen ab. Also schrieb ich in meiner Biographie unter anderem:</p>
<p><strong>&#8220;Wenig später hätten sich die beiden getrennt – doch Grass habe, erzählt er weiter, kurz darauf einen Anruf jenes Freundes erhalten, der den Kontakt zu Reich-Ranicki hergestellt hatte und der ihn nun am Telefon konsterniert fragte: &#8216;Was hast Du denn mit dem Ranicki angestellt? Der hat mich eben angerufen und hat gesagt: Pass auf, das ist kein deutscher Schriftsteller, das ist ein bulgarischer Agent.&#8217; Und bulgarische Agenten hatten zu jener Zeit einen sehr speziellen Ruf, denn kurz zuvor hatten Angehörige des bulgarischen Geheimdienstes in London mit einem Regenschirm, dessen Spitze vergiftet war, einen Mord begangen, der weltweites Aufsehen erregt.&#8221;</strong></p>
<p>Diese Stelle fiel Mark Schultheiß auf und er schickte mir dazu eine Email in der es unter anderem heißt:</p>
<p><strong>&#8220;Das Regenschirmattentat fand jedoch 1978 statt, die Begegnung zwischen Grass und Reich-Ranicki glatte 20 Jahre früher. Ob der Ruf des &#8216;bulgarischen Agenten/Partisans&#8217; nicht aus der Kombination einer gewissen bäurischen Rückständigkeit des damaligen Bulgarien sowie dessen extrem devoter Haltung gg. der UdSSR, die in den anderen Ostautokratien so massiv nicht stattfand, gerade in Polen nicht, zu Stande kam?&#8221;</strong></p>
<p>Tatschächlich hat, wie ich per Google schnell feststellen konnte, Mark Schultheiß recht und der berühmte Regenschirmmord 1978 in London stattgefunden. Inzwischen gilt er als aufgeklärt. Er wurde am 7. September 1978 vom bulgarischen Geheimdienst mit Unterstützung des sowjetischen KGB verübt. Das Opfer war Georgi Markow, ein regimekritischer Autor und Emigrant aus Bulgarien, der in London für die BBC arbeitete. Der bulgarische Staats- und Parteichef Todor Schiwkow fühlte sich durch satirischen Bemerkungen Markows buchstäblich tödlich beleidigt und gab den Mord in Auftrag. Markow wurde auf offener Straße durch die mit einer Giftkugel präparierte Regenschirmspitze an der Wade geringfügig verletzt und starb wenige Tage später am 11. September 1978.</p>
<p>Hier ein Link zu einem Artikel, der den Regenschirmmord von 1978 ausführlich schildert:</p>
<p><strong>http://www.sueddeutsche.de/politik/mysterioeser-regenschirmmord-aufgeklaert-gift-direkt-vom-diktator-1.587790</strong></p>
<p>Und hier der entsprechende Wikibedia-Beitrag:</p>
<p><strong>http://de.wikipedia.org/wiki/Regenschirmattentat</strong></p>
<p>Nachdem ich die Mail von Mark Schultheiß gelesen und mich per Google über die Vorgängen von 1978 informiert hatte, hörte ich mir noch einmal das Tonband mit meinem Gespräch mit Günter Grass vom 8. Juli 2004 an. Als er die Begegnung mit Reich-Ranicki 1958 geschildert und den Satz &#8220;Pass auf, das ist kein deutscher Schriftsteller, das ist ein bulgarischer Agent&#8221; zitiert hatte, fährt er fort:</p>
<p><strong>&#8220;Nun muss man wissen (&#8230;) zu der Zeit waren bulgarische Agenten sehr aktuell. Das waren diejenigen. die in London mit einer vergifteten Regenspitze einen anderen ermordet hatten. Der berühmte Regenschirmmord, der in London spielte. Also der &#8216;bulgarische Agent&#8217; hatte eine besondere Bedeutung.&#8221;</strong></p>
<p>Grass&#8217; (zeitlich verschobene) Erinnerungen an diesen Mord hatten mich beim Schreiben der Biographie beeindruckt, doch die Sätze von Grass waren im Wortlaut nicht gut wörtlich zitierbar, also machte ich daraus einen kommentierenden Nachsatz. Besser wäre es gewesen, Grass&#8217; Angaben  genau zu überprüfen. Schriftsteller sind phantasiebegabe Menschen, die sich von ihren Assoziationen und Erinnerungen gelegentlich mal über die Grenzen der reinen Faktentreue hinaustragen lassen.</p>
<p>Doch an der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Reich-Ranicki und Grass ändert sich meines Erachtens durch die (von mir übernommene) historisch verschobene Zuordnung von Grass nichts. Die beiden Männer hatten vom ersten Moment an eine spannungsvolle Beziehung zu einander, die von starke Konkurrenzgefühlen geprägt war. Das herauszuarbeiten und zu beschreiben, war meine Absicht in diesem kurzen Kapitel der Biographie.</p>
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		<title>Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Apr 2015 07:19:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>

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		<description><![CDATA[Zwei Platzhirsche Nicht als Nachruf, aber aus Anlass des Todes von Günter Grass: Ein Auszug aus meiner Biographie Marcel Reich-Ranicki, die in der kommenden Wochen am 20. April im Blessing Verlag erscheinen wird. Über das eigenwillige Verhältnis zweier großer Männer &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1129">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Zwei Platzhirsche</strong></h1>
<h2><strong>Nicht als Nachruf, aber aus Anlass des Todes von Günter Grass: Ein Auszug aus meiner Biographie <em>Marcel Reich-Ranicki</em>, die in der kommenden Wochen am 20. April im Blessing Verlag erscheinen wird. Über das eigenwillige Verhältnis zweier großer Männer des deutschen Literaturbetriebs.</strong></h2>
<p>Das Verhältnis zwischen Günter Grass und Reich-Ranicki war von Beginn an durch Misshelligkeiten und Rivalitäten gekennzeichnet. Reich-Ranicki lernte Grass, wie zwei Jahre zuvor Heinrich Böll, bereits 1958 in Polen kennen. Während jedoch Böll ihre Begegnung in Warschau in angenehmer Erinnerung behielt, verlief das erste Zusammentreffen mit Grass weniger harmonisch. Nicht einmal über dessen Verlauf können sich die beiden Beteiligten einigen. Reich-Ranicki erzählt in seiner Autobiographie <em>Mein Leben</em>, er habe Grass auf Bitten eines Freundes im Warschauer Hotel Bristol getroffen, doch Grass sei „nachlässig gekleidet und auch nicht rasiert“ und keineswegs nüchtern gewesen: „Er hatte, was er mir freilich erst zwei Stunden später sagte, zum einsamen Mittagessen eine ganze Flasche Wodka getrunken.“ Deshalb, aber auch weil Reich-Ranicki vor allem über Literatur reden wollte, wozu Grass wenig Lust hatte, verlief das Gespräch stockend, und nach einem Spaziergang verabschiedeten sich die beiden rasch und ohne Bedauern voneinander. Danach rief Reich-Ranicki jenen Freund an, der das Treffen vermittelt hatte, und teilte ihm mit, Grass sei im Hotel nicht zu finden gewesen, der einzige Mann, der im Foyer „saß, habe nicht wie ein Schriftsteller aus dem Wirtschaftswunderland ausgesehen, sondern wie ein ehemaliger bulgarischer Partisan“.</p>
<div id="attachment_1130" class="wp-caption alignright" style="width: 202px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/04/MRRCover.jpeg"><img class="size-full wp-image-1130" title="MRRCover" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/04/MRRCover.jpeg" alt="" width="192" height="306" /></a><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock: &quot;Marcel Reich-Ranicki. Die Biographie&quot;. Karl Blessing Verlag, München 2015. 19,99 Euro</p></div>
<p>In Grass’ Bericht über dieselbe Begegnung ist weder von Alkohol noch von einem Gespräch die Rede, vielmehr habe Reich-Ranicki ihn „einer Art Verhör“ zur deutschen Literatur unterzogen: „Aber ich war damals sehr frech und habe auf so etwas allergisch reagiert. Er sagte zum Beispiel: Kennen Sie Hesse? Und ich sagte: Hesse? Hesse? Hat der nicht irgendwas über eine Glasfabrik geschrieben? Darauf er: Sie meinen das <em>Glasperlenspiel</em>!“ Auch auf Reich-Ranickis Frage nach dem Roman, an dem er schreibe, <em>Die Blechtrommel</em>, habe Grass abwehrend reagiert und lediglich „im <em>Spiegel</em>-Stil eine Inhaltsangabe gegeben: Junge, dreijährig, stellt Wachstum ein.“ Wenig später hätten sich die beiden getrennt – doch Grass habe, erzählt er weiter, kurz darauf einen Anruf jenes Freundes erhalten, der den Kontakt zu Reich-Ranicki hergestellt hatte und der ihn nun am Telefon konsterniert fragte: „Was hast Du denn mit dem Ranicki angestellt? Der hat mich eben angerufen und hat gesagt: Pass auf, das ist kein deutscher Schriftsteller, das ist ein bulgarischer Agent.“ Und bulgarische Agenten hatten zu jener Zeit einen sehr speziellen Ruf, denn kurz zuvor hatten Angehörige des bulgarischen Geheimdienstes in London mit einem Regenschirm, dessen Spitze vergiftet war, einen Mord begangen, der weltweites Aufsehen erregte.</p>
<p>Schon wenige Monate später begegneten Grass und Reich-Ranicki einander wieder bei dem Treffen der Gruppe 47 in Großholzleute 1958. Reich-Ranicki hatte den endgültigen Absprung nach Westdeutschland gewagt, und Grass erlebte hier mit seiner Lesung aus der <em>Blechtrommel</em> die Initialzündung zu seiner Weltkarriere. Aber ihr Verhältnis wurde deshalb nicht unkomplizierter: In seinem Bericht über die Tagung lobte Reich-Ranicki die gehörten zwei Kapitel des Romans: „Grass schreibt eine unkonventionelle, kräftige, ja sogar wilde Prosa.“ Doch die Besprechung des ganzen Buches für die Zeit geriet ihm dann fast zu einem Verriss: „Seine große stilistische Begabung wird dem Grass zum Verhängnis. Denn er kann die Worte nicht halten.“ Drei Jahre später wiederum korrigierte Reich-Ranicki diese Rezension behutsam: Was er geschrieben habe, sei „im großen und ganzen richtig. Dennoch könnte ich diese Kritik nicht mehr unterschreiben. Ich würde heute die Akzente anders setzen und mich insbesondere mit dem Neuartigen in der Prosa von Grass eingehender befassen.“</p>
<p>In den folgenden Jahren und Jahrzehnten nahm der Konfliktstoff zwischen beiden nicht ab. In der Gruppe 47 zum Beispiel beteiligte sich Grass als Autor gern und oft an den Debatten über die Lesungen seiner Kollegen, war aber nur in seltenen Fällen der gleichen Meinung wie der mindestens ebenso engagiert diskutierende Reich-Ranicki. Außerdem gehört Grass zu jenen Autoren, die das kollegiale Werkstattgespräch aus der Frühzeit der Gruppe bevorzugten und wenig von der professionellen „Fachkritik“ der späten Jahre halten. Dennoch betonte Grass, Reich-Ranicki und er hätten sich „befreundet in dieser Zeit.“ Reich-Ranicki dagegen, und das belegt noch einmal, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen dieser beiden Menschen sind, gewann den Eindruck, Grass habe sich darum bemüht, „dass man mich wieder rausschmeißt aus der Gruppe“ – wofür sich in den veröffentlichten Briefen von und an das Gruppen-Oberhaupt Hans Werner Richter allerdings keinerlei Hinweis findet.</p>
<p>Auch die Rezensionen Reich-Ranickis über die Bücher von Grass waren nicht minder konfliktträchtig, denn wieder einmal erwies er sich als ein Kritiker, der sich nicht zu den konsequenten Anhängern oder Widersachern eines bestimmten Autors zählen lässt, sondern der von Buch zu Buch zu mitunter extrem unterschiedlichen Urteilen kommt: So lehnte er die Theaterstücke von Grass ab, lobt aber dessen Lyrik, erklärte den <em>Butt</em> für weitgehend gescheitert, feierte jedoch begeistert <em>Das Treffen in Telgte</em>, nannte <em>Die Rättin</em> „ungenießbar“, die Unkenrufe ein „Malheur“, <em>Ein weites Feld</em> „missraten“ und zählt Grass dennoch zu den „größten Meistern der deutschen Sprache unserer Zeit“. Das Titelbild des <em>Spiegel</em>-Heftes, in dem seine Kritik zu <em>Ein weites Feld</em> erscheint, zeigt Reich-Ranicki überdies in einer Fotomontage, die den Eindruck erweckt, als reiße er ein Exemplar des Romans auseinander. Damit habe sich Reich-Ranicki, so meint Grass, durch den <em>Spiegel</em> „missbrauchen“ lassen, zu einem symbolischen Akt von Büchervernichtung, der „weit über eine Literaturkritik hinausgeht“.</p>
<p>Mit merklicher Genugtuung erfüllt Grass jedoch, dass er den Kampf um die Gunst des Publikums trotz allem gewonnen hat und binnen weniger Monate von seinem Roman über eine viertel Million Exemplare verkauft wurden. Reich-Ranickis Talent, die Lesermassen in seinem Sinne zu lenken, stieß bei diesem Buch offenkundig an seine Grenzen.</p>
<p>Am deutlichsten wurde die Rivalität der beiden Männer wohl bei einem Schlagabtausch 1994: Grass beklagte damals in einer Rede, dass Kritiker inzwischen größere Aufmerksamkeit genössen als Schriftsteller. Das Rezensionsgewerbe habe sich in der Öffentlichkeit gleichsam vor die zu rezensierenden Bücher gedrängt: „Es herrscht nicht nur vor, es beherrscht den Betrieb.“ Und er verschwieg nicht, welchen Kritiker er bei diesem Angriff vor allem im Sinn hatte: „Der einzelne Entertainer, der sich als Quartett aufspielt, der literarische Stammtisch gibt den Ton an.“Reich-Ranicki nahm den Fehdehandschuh auf und antwortete mit einer Polemik in der <em>Frankfurter Allgemeinen</em>. Es sei wahr, schrieb er, „dass sich bei uns gelegentlich ein Missverhältnis zwischen dem Primären und dem Sekundären bemerkbar macht. Alle wissen wir, dass nicht  nur Grass in eine Krise geraten ist, sondern die ganze deutsche Gegenwartsliteratur. (…) Ein Zeichen der Krise mag es auch sein, dass die deutschen Kritiker bisweilen besser schreiben als die Autoren, mit denen sie sich beschäftigen. Was Grass so ärgert, trifft teilweise zu: Für manche Kritiker interessiert man sich heutzutage mehr als für diesen oder jenen Schriftsteller, der uns in den sechziger, in den siebziger Jahren entzückt hat. So ist das: Wenn Seuchen um sich greifen, werden die Ärzte immer wichtiger.“ Stritten hier zwei Platzhirsche des Literaturbetriebs um die Vorherrschaft im Revier?</p>
<p>Nachdem Grass 1999 den Literaturnobelpreis erhalten hatte, entspannte sich die Situation zwischen den Kontrahenten, Reich-Ranicki gratulierte Grass öffentlich, und 2003 begegneten sie sich im Lübecker Grass-Haus, obwohl zuvor jahrelang jedes Gespräch zwischen ihnen nahezu unmöglich schien. Dennoch hält Grass an seiner Kritik fest: „Ich glaube schon“, sagt er über Reich-Ranicki, „dass er sich als ein Kritiker versteht in der Schlegelschen Tradition: Kritik als Kunstform, gleichberechtigt neben der Literatur, und in dürren Zeiten der Literatur überlegen. Es ist eine gewisse Hybris bei ihm da.“ Zwar hat Reich-Ranicki die betreffenden Thesen Friedrich Schlegels ausdrücklich zurückgewiesen, mehr noch, er hat auch Alfred Kerrs „waghalsigen Versuch, die Kritik zur gleichberechtigten poetischen Gattung zu erheben“, immer wieder abgelehnt und als „Irrweg“ bezeichnet. Doch setzte er in Grass’ Augen die löbliche Absicht, lediglich ein Diener der Literatur sein zu wollen, nicht oft und nicht konsequent genug in die entsprechenden Taten um.</p>
<p><em>Vorab-Veröffentlichung aus der Biographie &#8220;Marcel Reich-Ranicki&#8221;, die am 20. April im Blessing Verlag, München, erscheinen wird. Einige der hier angeführten Zitate von Günter Grass stammen aus einem Gespräch, das ich mit dem Schriftsteller über Reich-Ranicki führte. Sie sind im Buch mit Fußnoten gekennzeichnet. Es beschäftigen sich noch andere Passagen der Biographie mit dem spannungsreichen Verhältnis zwischen Grass und Reich-Ranicki.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Marcel Reich-Ranicki</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Sep 2012 12:47:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Dante Alighieri]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Paul Sartre]]></category>
		<category><![CDATA[Leo Tolstoi]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Sibylle Lewitscharoff]]></category>

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		<description><![CDATA[»Näher kann der Tod nicht kommen« Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki spricht über seine Angst vor dem Sterben, darüber, warum er nicht an das Jenseits glaubt und was ihm das Wichtigste war in seinem Leben Marcel Reich-Ranicki sitzt in seinem Wohnzimmer in &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=684">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>»Näher kann der Tod nicht kommen«</strong></h2>
<h3><strong>Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki spricht über seine Angst vor dem Sterben, darüber, warum er nicht an das Jenseits glaubt und was ihm das Wichtigste war in seinem Leben</strong></h3>
<p>Marcel Reich-Ranicki sitzt in seinem Wohnzimmer in einem hohen schwarzen Sessel. Hinter seinem Rücken ragt eine Bücherwand auf, die inzwischen halb Deutschland kennt aus den Fernsehinterviews mit ihm. Sakine, seine Haushälterin, hat uns Wasser gebracht und von Tosia Reich-Ranicki erzählt, die sie vor deren Tod im April 2011 hingebungsvoll betreute. Dann geht sie und schließt die Tür.</p>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> Herr Reich-Ranicki, vor mehr als einem Jahr starb Ihre Frau. Sie waren fast 70 Jahre verheiratet. Ist Ihnen der Gedanke an den Tod seither näher gekommen?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki:</strong> Nein. Wenn man wie ich über 90 Jahre alt ist, steht einem der Tod immerzu vor Augen. Noch näher kann er nicht kommen. Natürlich fehlt mir meine Frau, sie fehlt mir jeden Tag, jeden Augenblick. Es ist, als wäre ein Körperteil abgeschnitten.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Haben Sie Angst vor dem Tod?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Ja, sehr. Aber die Formulierung der Frage missfällt mir. Ich fürchte nicht den Tod. Ich habe Angst vor dem Nicht-mehr Existieren.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Sie waren im Warschauer Ghetto als junger Mann stärker mit dem Tod konfrontiert als andere Menschen in ihrem ganzen Leben. Hat das Ihre Einstellung zum Tod verändert?</p>
<p><strong> </strong></p>
<div id="attachment_685" class="wp-caption alignright" style="width: 209px"><strong><strong><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/MRR.jpg"><img class="size-medium wp-image-685" title="MRR" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/MRR-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" /></a></strong></strong><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock: &quot;Marcel Reich-Ranicki. Geschichte eines Lebens&quot; Biographie. Pantheon Verlag. 287 Seiten, 11,90 Euro</p></div>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Der Tod war eine reale Erfahrung im Ghetto. Wenn meine Frau und ich morgens aus dem Haus gingen, mussten wir über Leichen steigen, die auf den Straßen lagen. Sie wurden in offenen Holzkarren abgeholt. Tosia und ich lernten uns mit 19 kennen an dem Tag, an dem sich Tosias Vater im Ghetto an seinem Hosengürtel erhängt hatte. Er lag tot im Nebenzimmer. Tosia hatte ihn erst Minuten vorher entdeckt. Zwei Jahre später mussten wir uns von meinen Eltern Helene und David trennen, als sie aus dem Ghetto abtransportiert wurden. Wenige Tage darauf hörten Tosia und ich, dass sie in den Gaskammern von Treblinka ermordet worden waren. Der Tod ist für mich so etwas sehr Reales geworden.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Der Tod gehört zu den wichtigsten Themen der Literatur. Was kann man aus der Literatur über den Tod lernen?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Einem wirklichen Schriftsteller kann es gelingen, uns an den Tod zu erinnern. An unseren ganz persönlichen Tod. Jeder weiß, dass das Leben irgendwann endet. Aber selten machen wir uns klar, dass wir selbst es sind, die sterben werden. Während die Welt ungerührt weiterexistiert. Literatur öffnet uns manchmal für Momente die Augen für diese Wahrheit, vor der wir sie sonst zumeist schließen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Hilft Ihnen die Literatur, um mit dem Gedanken an den eigenen Tod fertigzuwerden?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Mit dem Gedanken an den Tod kann man nicht fertigwerden. Er ist völlig sinnlos und vernichtend. Die Literatur hilft vielleicht dabei, sich das unvermeidliche Ende des Lebens bewusst zu machen. Aber damit fertigwerden? Es gibt Menschen, die sich selbst töten, wie Kleist, Tucholsky, Hemingway. Sie wollen nicht mehr leben. Aber ich bezweifle, dass sie mit dem Tod fertiggeworden sind. Sich mit dem Tod auszusöhnen ist unmöglich. Selbstmörder wählen den Tod, weil er für sie das kleinere Übel ist als ein unerträgliches Dasein.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es ein Buch über den Tod, das Sie besonders beeindruckt hat?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki:</strong>Viele große Schriftsteller erzählen vom Sterben. Stark berührt hat mich das Buch <em>Der Tod des Iwan Iljitsch</em> von Leo Tolstoi. Es ist kein Roman, sondern eine lange Erzählung. Aber wie Tolstoi darin die Gedanken eines Menschen einfängt, der tödlich erkrankt ist, eines Menschen, der nicht glauben will und kann, dass er selbst mit all seinen Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen sterben muss und dabei alles zerstört wird, was ihn ausmacht, das ist grandios. Tolstoi konnte die Seele, die Psyche des Menschen so genau beschreiben wie kaum ein anderer Schriftsteller. Er zeigt die Angst seines Helden Iwan Iljitsch, seine hilflose Wut, seine Ungläubigkeit, als er erfährt, dass er todkrank ist. Am Schluss beschreibt er, wie in einem drei Tage dauernden Todeskampf das Leben aus Iwan Iljitsch langsam und unaufhaltsam förmlich herausgepresst wird. Ein ungeheuerliches, unvergleichliches Buch.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, das über den eigenen Tod hinwegtrösten kann?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Nein. Es gibt nichts.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Wie stellen Sie sich das Jenseits vor?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Es gibt kein Jenseits. Es gibt kein Leben nach dem Tod. Also hat es auch keinen Sinn, sich das Jenseits auszumalen. Der Tod ist der Schlusspunkt.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Es gibt viele Beschreibungen des Jenseits in der Literatur: Dantes <em>Göttliche Komödie</em> oder Sartres <em>Geschlossene Gesellschaft</em>. Sibylle Lewitscharoff entwirft in ihren Romanen immer wieder Jenseits-Landschaften, in denen sich Tote bewegen.</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Jetzt bringen Sie bitte nicht alles durcheinander: Die <em>Göttliche Komödie</em> stammt aus dem 14. Jahrhundert. Dante verwandelte hier Theologie in Literatur. Ob er wirklich an ein Jenseits geglaubt hat, steht auf einem anderen Blatt. Für Sartre war die <em>Geschlossene Gesellschaft</em> ein Gedankenspiel: Er wollte bestimmte philosophische Ideen in literarische Bilder umsetzen. Mit dem Glauben an ein Jenseits hat das nichts zu tun. Und wenn eine Autorin wie Sibylle Lewitscharoff heute glaubt, darüber schreiben zu müssen, wie es den Toten im Jenseits ergeht, dann ist das die Sache dieser Autorin. Ich möchte das nicht lesen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Sie sind kein religiöser Mensch. Viele Religionen versprechen ein Weiterleben nach dem Tod. Würden Sie gern in einer Religion Trost finden?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Nein. Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Das ist Wunschdenken. Marx nannte Religion Opium fürs Volk. Es ist wichtig, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Auch wenn mir nicht gefällt, was ich sehe. Es hat keinen Sinn, sich selbst zu betrügen. Religion ist wie eine Brille, die den Blick auf die Wirklichkeit trübt, die bittere Realitäten hinter einem milden Schleier verschwinden lässt. Deshalb wehren sich die Anhänger der Religionen auch so vehement, diese Brille jemals abzusetzen. Aber für mich ist das nichts. Selbst im Ghetto habe ich versucht, die Dinge so zu sehen, wie sie sind und mir nichts vorzumachen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Was tun Sie, um mit dem Gedanken an den Tod fertigzuwerden?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Man wird mit dem Gedanken an den Tod nicht fertig. Darüber sprachen wir schon. Der Gedanke daran ist eine Qual, daran ist nichts zu ändern.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong>Sie sind jetzt 92 Jahre alt. Wenn Sie Resümee ziehen, was war Ihnen das Wichtigste in Ihrem Leben?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Die Liebe, die Literatur, die Musik, meine Familie, meine Frau. Nicht immer in dieser Reihenfolge. Mal war das eine wichtiger für mich, mal das andere. So etwas wechselt, je nachdem in welcher Situation man ist.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, was Sie in Ihrem Leben versäumt haben?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Es gibt immer etwas, das man versäumt hat. Zumal in sexueller Hinsicht.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, das Sie gern noch tun möchten?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>(Lange Pause) Vor allen Dingen möchte ich noch möglichst lange Zeit etwas tun können. Ich habe einmal gesagt, was mich am Tod vor allem schreckt, ist die Gewissheit, nicht mehr die Zeitungen des nächsten Tages lesen zu können. Ich möchte gern erfahren, wie es weitergeht. Ich möchte dabei sein. Ich will immer wieder die nächste Zeitung lesen. Aber das geht nicht, irgendwann ist Schluss.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Das Alter hat eine Menge Nachteile, das ist eine banale Feststellung. Aber hat das Alter aus Ihrer Sicht auch Vorteile?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Lassen Sie sich nichts erzählen von Altersweisheit oder Altersmilde. Das ist sentimentales Geschwätz. Das Alter ist fürchterlich. Es raubt einem nach und nach alles, was einem lieb und wichtig war, alles, worauf man glaubte, sich verlassen zu können. Philip Roth, der große amerikanische Schriftsteller, sagte einmal: Das Alter ist ein Massaker. Die Akademie in Stockholm soll sich schämen, dass sie ihm noch immer nicht den Nobelpreis gegeben hat. Roth hat Recht. Im Alter stehen wir einem übermächtigen Gegner gegenüber, wir sind allein und werden immer schwächer. Dieser Gegner, die Zeit, wird immer stärker, und sie vernichtet nach und nach immer mehr von uns, ohne dass wir uns wehren können, bis er uns schließlich ganz auslöscht. Einen Vorteil sehe ich da nicht.</p>
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		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ortsbesichtigung. Atlas der Autoren]]></category>
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		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
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