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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Hans Magnus Enzensberger</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Verspäteter verfrühter Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2022 17:51:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Hannah Arendt. Postmoderne]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Magnus Enzensberger]]></category>

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		<description><![CDATA[Nicht nur Bücher haben ihre Schicksale, manchmal haben sogar Zeitungsartikel so etwas wie ein Schicksal. Den folgenden Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger habe ich im Jahr 2010 gechrieben, also rund zwölf Jahre zu früh. Es war ein Artikel auf Vorrat &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2610">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Nicht nur Bücher haben ihre Schicksale</strong>, manchmal haben sogar Zeitungsartikel so etwas wie ein Schicksal. Den folgenden Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger habe ich im Jahr 2010 gechrieben, also rund zwölf Jahre zu früh. Es war ein Artikel auf Vorrat &#8211; Zeitungsredaktionen möchten gern für alles gerüstet sein, und Nachrufe auf bedeutende Persönlichkeiten jenseits des achtizigsten Geburtstags werden vorab geschrieben, und für den Fall der Fälle bereit gehalten.</em></p>
<div id="attachment_2611" class="wp-caption alignright" style="width: 168px"><img class="size-full wp-image-2611" alt="Stefan Moses: Hans Magnus Enzensberger. Eine Hommage. Verlag Schirmer &amp; Mosel, 29,80 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/41F71uKQM5L._AC_UY218_.jpg" width="158" height="218" /><p class="wp-caption-text"><em>Stefan Moses: Hans Magnus Enzensberger. Eine Hommage. Verlag Schirmer &amp; Mosel, 29,80 Euro</em></p></div>
<p><em>Diesen Nachruf habe ich nach seiner Fertigstellung aber per Email nicht an die Redaktion geschickt, für die ich damals arbeitete, sondern zunächst irrtümlicherweise an einen freundlichen Cousin. Erst als er mich auf dieses Fehler aufmerksam machte, habe ich ihn dann in die richtigen Hände leiten können. Als jetzt, zwölf Jahre später, HME bedauerlicherweise tatsächlich gestorben ist, hatte ich den Artikel längst vergessen &#8211; und die Redaktion, für die ich ihn damals geschrieben habe, offensichtlich auch. Jedenfalls wurde er vergangene Woche nicht gedruckt. Und wieder war es jetzt der freundliche Cousin, er heißt Michael, der mich an den Nachruf <em>auf einen von mir hochgeschätzten Schriftsteller</em> erinnerte und ihn mir noch einmal zuschickte.</em></p>
<p><em>Und als wäre das für einen Zeitungsartikel noch nicht Schicksal genug, landete Michaels aktuelle Email samt HME-Nachruf in meinem Spam-Ordner, wo ich sie erst jetzt, mit einigen Tagen Verspätung, gefunden habe. Damit bietet sich mir die einmalige Gelegenheit, hier einen zwölf Jahre verfrüht geschriebenen Nachruf mit einigen Tagen Verspätung zu veröffentlichen.</em></p>
<h1><strong>Hans MAGNUS Enzensberger</strong></h1>
<h2><strong>Ein Nachruf</strong></h2>
<p>Er war nie so recht zu fassen. Und er hat zeitlebens großen Wert darauf gelegt, immer ein wenig unfassbar zu bleiben. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass Dichter und Denker keine Betongießer sind, denen alles unter den Händen zu toter, wandlungsloser Unverrückbarkeit erstarrt, dann wäre Hans Magnus Enzensberger ein schlagendes Beispiel. Er hatte viel zu viele Talente und Interessen, war viel zu erfahrungsgierig und abenteuerlustig, als dass er ein Leben ohne Metamorphosen hätte leben können. Sein Freund, der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson sprach einmal davon, dass Enzensberger über ein ganzes Bündel von Persönlichkeiten verfüge, die jeweils einzeln, aber auch alle zusammen auf den Namen Enzensberger hörten.</p>
<div id="attachment_2612" class="wp-caption alignleft" style="width: 141px"><img class="size-full wp-image-2612" alt="Hans Magnus Enzensberger: &quot;Der Untergang der Titanic&quot;. Eine Komödie. Suhrkamp Verlag,  8 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/71NdmQhG+MS._AC_UY218_.jpg" width="131" height="218" /><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &#8220;Der Untergang der Titanic&#8221;. Eine Komödie. Suhrkamp Verlag, 8 Euro</p></div>
<p>Seine Gegner haben ihm das oft übel genommen. Sie nannten ihn unzuverlässig und flatterhaft, nannten ihn einen Hans Dampf in allen Gassen des Zeitgeists oder schärfer noch: einen Renegaten und Verräter, weil er mancher linken Idee, die er in den wilden sechziger Jahren propagierte, bald darauf achselzuckend den Rücken kehrte. Doch das beunruhigte ihn augenscheinlich wenig. Seit er 1945 als fünfzehnzehnjähriger Volkssturmknabe von gewissenlosen Befehlshabern losgeschickt wurde, um amerikanische Panzer aufzuhalten, hatte er ein für allemal begriffen, dass auf getreuer Pflichterfüllung weit weniger Segen ruhen kann als auf kühn geplanter Desertion.</p>
<p>Sein Aufstieg im Literaturbetrieb der noch jungen Bundesrepublik ist bis heute nahezu beispiellos: 1957 erschien sein erstes Buch, der Lyrikband „Verteidigung der Wölfe“ und bereits 1963, mit nur 33 Jahren, erhielt er den Büchnerpreis, die höchste literarische Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat. In der kurzen Zeit dazwischen hatte er zwei weitere Gedichtbände publiziert, Essays zum Neckermann-Katalog, zur Sprache des „Spiegels“, zum Film und zur FAZ veröffentlicht, mit denen er sich als fulminanter Medienkritiker erwies und erste Aufsätze zu „Politik und Verbrechen“ (1964) geschrieben, die ihn in einen politologischen Disput mit der in USA lehrenden Philosophin Hannah Arendt verstrickten. Er war ein literarischer Shooting-Star von europäischem Format, kein Poet in weltferner Klause, sondern ein „Luftwesen“, wie Dichterkollege Peter Rühmkorf ihn beschrieb, immer unterwegs zu „dringenden Terminen, Verabredungen auf Flugplätzen, Besprechungen in Hotel-Lobbys, Projektkonferenzen für alle Medien und auf allen Wellenlängen.“</p>
<p>Enzensberger schien den von den Nazis abgebrochenen Kontakt der deutschen Literatur zu den Debatten der Weltkultur eigenhändig und im Alleingang wiederherstellen zu wollen. Mit seinem 16-sprachigen „Museum der modernen Poesie“ (1960) präsentierte er die Meisterleistungen der lyrischen Moderne einem damit weitgehend unvertrauten deutschen Publikum. Im Nachwort allerdings verkündete er dann das Ende der Moderne und den Beginn einer Nach-Moderne: Man kann diesen Essay als das weltweit erste präzise argumentierende Manifest der literarischen Postmoderne betrachten – erschienen wenige Monate nachdem der Begriff in Amerika geboren und Jahrzehnte bevor er dann in Deutschland endlich diskutiert wurde.</p>
<p>Wenn zunächst niemand seine Gedanken aufgriff, wie in diesem Fall, weil er den Zeitgenossen meilenweit voranstürmte, verbiss sich Enzensberger nicht in sein Thema, sondern wandte sich munter dem nächsten zu. Er trug wie kaum ein anderer deutsche Schriftsteller zur Politisierung der sechziger Jahre bei. Seine 1965 gegründete Zeitschrift „Kursbuch“ erreichte Schwindel erregende Auflagen und wurde zum intellektuellen Orientierungsmittel einer rebellierenden Generation. Um den Einfluss, über den er damals verfügte, dürften ihn nicht nur Schriftsteller, sondern selbst Politiker beneidet haben.</p>
<div id="attachment_2613" class="wp-caption alignright" style="width: 141px"><img class="size-full wp-image-2613" alt="Hans Magnus Enzensberger: &quot;Politik und Verbrechen&quot;. Neun Beiträge. Suhrkamp Verlag. 14 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/81xDrrd5BrL._AC_UY218_.jpg" width="131" height="218" /><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &#8220;Politik und Verbrechen&#8221;. Neun Beiträge. Suhrkamp Verlag. 14 Euro</p></div>
<p>Dennoch bezeichnet diese Zeit nicht nur einen Höhe-, sondern zugleich den Tiefpunkt seiner Karriere. Mitgerissen vom scheinrevolutionären Schwung ließ sich Enzensberger, der Ironiker und Feind jedes politischen Romantizismus, zu Thesen verführen, die sich nur durch zeitweilige Bewusstseinstrübung erklären lassen. 1968 bricht er einen Aufenthalt an einer amerikanischen Universität ab, weil ihn die in den Vietnamkrieg verstrickten USA „an die deutsche Situation in den dreißiger Jahren“ erinnern, also an den sich anbahnenden oder bereits etablierten Nationalsozialismus. Stattdessen reist er für einige Monate in das Kuba Fidel Castros, um unter Palmen beim Aufbau des Sozialismus zu helfen.</p>
<p>Doch Kehrtwendungen waren nie Enzensbergers Problem. „Wahrheit“, schrieb er einmal, „ist die permanente Revision.“ Sein kubanischer Abstecher heilte ihn von politischen Illusionen. Hatte man in der Vergangenheit gelegentlich den Eindruck, er mache der Realität im Namen der Ideale den Prozess, so begann er nun noch konsequenter als zuvor die Ideale an der Realität zu messen und viele davon für unbrauchbar zu erklären. „Manchmal gefallen mir meine eigenen Essays nicht mehr“, sagte er damals, „weil sie in dieser Tradition der Rechthaberei stehen.“</p>
<p>Was daraufhin folgte, klang nicht selten wie eine groß angelegte Verteidigung der von Intellektuellen so gern verachteten braven Bundesrepublik. Enzensberger verabschiedete sich geschichtsphilosophischen Gewissheiten, die so oft in Totalitarismus und Terror endeten und entdeckte die Geschichte als kontingenten, vom Zufall abhängigen Prozess. Also predigte er die Weisheit eines von Ideologien unbeschwerten politischen Sichdurchwurschtelns. Er war in bester liberaler Tradition nie ein Freund starker Staatsgewalt gewesen, sondern immer ein Verfechter der Selbstorganisation der „Leute“ und hatte auch linke Ideen immer an diesem Ziel gemessen. Nun aber ging er soweit, ein – nur leise ironisches – Loblied auf die unermüdliche Strebsamkeit und den Common Sense des Kleinbürgertums anzustimmen.</p>
<div id="attachment_2614" class="wp-caption alignright" style="width: 143px"><img class="size-full wp-image-2614" alt="Hans Magnus Enzensberger: &quot;Gedichte 1950 - 2020&quot;. Suhrkamp Verlag, 14 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/11/71o3OK9YO4S._AC_UY218_.jpg" width="133" height="218" /><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &#8220;Gedichte 1950 &#8211; 2020&#8243;. Suhrkamp Verlag, 14 Euro</p></div>
<p>Weiter konnte er sich vom Avantgardedenken seiner frühen Jahre, das gelegentlich mehr als nur einen Anflug von Massenverachtung zeigte, nicht entfernen. Dass er auch damit seiner Zeit weit voraus war, belegt der Misserfolg seines Journals „TransAtlantik“. Ein grandioses Essay- und Reportagemagazin, das einige der klügsten deutschen und internationalen Schreiber auf Hochglanzseiten vereinte und alte linke Weggefährten schon mit dem Untertitel „Journal des Luxus und der Moden“ provozierte. Doch der deutsche Literaturbetrieb war auf eine derart selbstbewusste Rückkehr bürgerlicher Lebens- und Lesekultur noch nicht vorbereitet und so gab Enzensberger die Zeitschrift 1982 nach nur zwei Jahren wieder auf.</p>
<p>Angesichts der Ruhelosigkeit und Nervosität seines Denkens, ist die Entwicklungslosigkeit der Lyrik Enzensbergers umso auffälliger. Auch wenn sich seine Themenschwerpunkte gelegentlich verschoben, ist er sich als Dichter zumindest in formaler Hinsicht jahrzehntelang auffällig treu geblieben. Schon für seine ersten Gedichte Mitte der fünfziger Jahre bevorzugte er vor allem reimlose, freirhythmische Verse und mied die traditionellen strengen Gedichtformen. Bis zu seinen letzten Bänden hat sich daran nichts geändert. Enzensberger schöpfte das Sprachmaterial seiner Poesie aus dem Umgangsdeutsch, das den Geist der Zeit und der Zeitgenossen zuverlässig einfängt und liebte es, abgenutzte Phrasen in neue, überraschende Zusammenhänge zu rücken, um sie den Lesern in flirrend Frische neu vor Augen treten zu lassen.</p>
<p>Enzensberger verband all das mit der Schärfe seines Intellekts, der Aggressivität seines politischen Urteils, aber auch seiner tänzelnd ironischen Lebenshaltung zu einem unverkennbaren Ton, der mal schneidend streng werden konnte, mal melancholisch oder auch federnd leicht, doch nie sich in raunende Dunkelheit verlor. In seiner Lyrik klingt immer wieder eine Wunschvorstellung an, die er als politisch unerledigte Aufgabe betrachtete: Eine lebenswerte Welt für souveräne Individuen. In „Utopia“, einem seiner frühesten Gedichte, heißt es: „Die Liebe / wird polizeilich gestattet, / ausgerufen wird eine Amnestie / für die Sager der Wahrheit. / Die Bäcker schenken Semmeln / den Musikanten. Die Schmiede beschlagen mit Eisernen Kreuzen / die Esel. Wie eine Meuterei / bricht das Glück, wie ein Löwe aus.“</p>
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		<title>Hans Magnus Enzensberger: &#8220;Tumult&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 13 May 2016 16:00:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Magnus Enzensberger]]></category>

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		<description><![CDATA[Liebe in den Zeiten der Rebellion Nie wollte Hans Magnus Enzensberger seine Autobiographie schreiben. Nun hat er es doch getan &#8211; zumindest für ein kurzes, aber wichtiges Kapitel seines Lebens: In  „Tumult“ erzählt vom wilden Jahr 1968 und seiner großen, &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1780">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Liebe in den Zeiten der Rebellion</strong></h1>
<h2><strong>Nie wollte Hans Magnus Enzensberger seine Autobiographie schreiben. Nun hat er es doch getan &#8211; zumindest für ein kurzes, aber wichtiges Kapitel seines Lebens: In  „Tumult“ erzählt vom wilden Jahr 1968 und seiner großen, verwirrenden Amour fou &#8211; lässt dabei aber Wichtiges ungesagt. Jetzt ist der Band als Taschenbuch erschienen. Eine Leseempfehlung.</strong></h2>
<div id="attachment_1781" class="wp-caption alignright" style="width: 304px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/42777629z.jpg"><img class="size-full wp-image-1781" title="42777629z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/42777629z.jpg" alt="" width="294" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &quot;Tumult&quot;. Suhrkamp Verlag. 10,99 Euro</p></div>
<p>Hans Magnus Enzensberger ist der Lucky Luke der deutschen Literatur: schlank, lässig, ungebunden. Und: schnell. Der schnellste Dichter-Denker im Westen. Als die Nachkriegsautoren 1960 noch mühsam durchbuchstabierten, was denn die von den Nazis verbotene literarische Moderne sei, erfand er schon im Vorübergehen die Postmoderne.</p>
<p>Doch sich an irgendeiner Theorie fest- oder aufzuhalten, war seine Sache nicht. Lieber blieb er im Sattel, immer auf dem Weg zu neuen und allerneuesten Horizonten. Er ist, in geistiger wie in geografischer Hinsicht, einer der meistgereisten Schriftsteller des Landes. Ein Reiter mit leichtem Gepäck, souverän, ironisch, frei, der nichts so verabscheut wie Versuche, ihn an die Kette zu legen.</p>
<p>Doch in seiner geistigen Abenteurer-Biografie gibt es ein paar Jahre der Peinlichkeit. Es ist die Zeit der Studentenbewegung zwischen 1966 und 1970, in der er weniger der intellektuellen Pflicht zum Zweifel huldigte als vielmehr der Freude an der linken Parole. Später ließ er sich nur ungern zu dieser Phase seines Lebens befragen und gab sich wortkarg wie ein verwitterter Cowboy.</p>
<p>Doch kurz vor seinem 85. Geburtstag schlug Enzensberger wieder mal einen jener überraschenden Haken, für die er legendär ist. Von ihm sei, so ließ er schon mehrfach wissen, eine Autobiografie nicht zu erwarten, da er derlei Schriften allesamt für halb bewusste, halb unbewusste Fälschungen halte: „Man braucht weder ein Kriminologe noch ein Erkenntnistheoretiker zu sein, um zu wissen, dass auf Zeugenaussagen in eigener Sache kein Verlass ist.“</p>
<div id="attachment_1782" class="wp-caption alignleft" style="width: 205px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/29965054z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1782" title="29965054z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/29965054z-195x300.jpg" alt="" width="195" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Hans Magnus Enzensberger&quot;. Edition Text und Kritik. 23 Euro</p></div>
<div id="attachment_1784" class="wp-caption alignright" style="width: 290px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/44760670z1.jpg"><img class="size-medium wp-image-1784" title="44760670z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/44760670z1-280x300.jpg" alt="" width="280" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Morris: &quot;Auf den Spuren von Lucky Luke&quot;. Übersetzung: Horst Berner. Verlag: Ehapa Comic Collection. 70 Euro</p></div>
<p>Doch dann fand Enzensberger, so schreibt er es zumindest, in seinem Keller, „zwischen Weinregal und Werkzeugkasten“, eine verstaubte Pappschachtel mit lange vergessenen Briefen, Notizen und Fotos, ausgerechnet aus den politisch so brisanten 60er-Jahren. Da Inkonsequenz eine seiner lange geübten Stärken ist, hat er aus diesem autobiografischen Material jetzt &#8211; nicht ohne zuvor einiges auszuklammern und anderes zu bearbeiten &#8211; ein Buch gemacht, es auf den Titel „Tumult“ getauft und sich selbst zum Geburtstag geschenkt.</p>
<p>Tumult meint nicht nur das politische Getümmel jener Zeit, sondern vor allem einen persönlichen Liebestumult Enzensbergers. Auf einem „Friedenskongress“ in Baku am Kaspischen Meer entflammte er 1966 für eine Russin namens Maria, genannt Mascha &#8211; und zwar so sehr, dass er in seinen damaligen Aufzeichnungen nicht mal die Farbe ihrer Augen ohne Verwirrung notieren konnte: Erst sind sie „grün schimmernd“ und nur zwei Seiten später von einem „strahlenden Blau, das bald in ein metallisches Grau, bald in ein Türkis changieren kann“.</p>
<div id="attachment_1785" class="wp-caption alignleft" style="width: 193px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/40874231z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1785" title="40874231z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/40874231z-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &quot;Gedichte 1950 - 2015&quot;. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. 10 Euro</p></div>
<p>Die beiden Verliebten lassen sich von ihren jeweiligen Ehepartnern scheiden und heiraten ein knappes Jahr später in Moskau. Doch mit Maschas Ausreise aus der Sowjetunion beginnt der qualvolle Teil dieser Amour fou: Mascha erweist sich, so zumindest beschreibt es Enzensberger, als psychisch gefährdet, rasend eifersüchtig und für ein Alltagsleben untauglich. Da Deutschland sie maßlos enttäuscht, siedelt sie gleich weiter um nach London. Und Enzensberger lässt sich wie auf der Flucht um den Globus treiben.</p>
<p>Es beginnt eine rastlose Suche nach einem Ort, der das Zusammenleben möglich macht. Nach vier Monaten in den USA („Mascha war nicht glücklich“) wirft Enzensberger einer amerikanischen Universität ein üppig dotiertes Stipendium vor die Füße &#8211; und begründet seine Abreise ideologisch: Das Ziel der US-Regierung sei „die politische, ökonomische und militärische Weltherrschaft“. Dann verbringt das Paar ein knappes Jahr in Fidel Castros Cuba („Mascha war glücklich“), angeblich, um die Revolution zu unterstützen. Doch schließlich erkennt Enzensberger die diktatorischen Züge des Regimes und verabschiedet sich Richtung Berlin.</p>
<p>Eine anrührende Liebesgeschichte. Enzensberger hat sein Privatleben bislang gegen die Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmt. Wenn er diese Deckung jetzt teilweise aufhebt, darf er sich neugieriger Blicke sicher sein.</p>
<p>Doch aus politischer Sicht ist das Buch enttäuschend. Den größten Teil nimmt ein Selbstgespräch ein, in dem der alte Enzensberger fiktiv den jungen Enzensberger der 60er-Jahre nach seinen Motiven ausfragt. Doch er fragt so zahm und lahm, dass er sein junges Ich nie in Verlegenheit bringt.</p>
<div id="attachment_1786" class="wp-caption alignright" style="width: 348px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/51SJ8WBBQRL._SX336_BO1204203200_.jpg"><img class="size-full wp-image-1786" title="51SJ8WBBQRL._SX336_BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/51SJ8WBBQRL._SX336_BO1204203200_.jpg" alt="" width="338" height="474" /></a><p class="wp-caption-text">Jörg Lau: &quot;Hans Magnus Enzensberger. Ein öffentliches Lebven&quot;. Alexander Fest Verlag, 24,80 Euro</p></div>
<p>Enzensbergers vorübergehende ideologische Radikalisierung fällt recht genau in die Zeit seiner Liebesschlachten mit Mascha. Kann es sein, dass seine erotische Konfusion eine Konfusion in seinem politischen Denken nach sich zog? 1971 trennte er sich von seiner Frau und kehrte danach auch in seinen Essays zu vertrauten, von Ironie und Zweifel geprägten Tonlagen zurück.</p>
<p>Das alles hat mehr als nur literaturgeschichtliche Bedeutung. Enzensberger nahm mit seiner Zeitschrift „Kursbuch“ erheblichen Einfluss auf die Studentenbewegung, er nennt sie heute noch stolz ein „Leitmedium“ jener Jahre. Sicher, er hat nie der Gewalt das Wort geredet. Aber wenn Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader im Mai 1970, unmittelbar nachdem sie den Häftling Baader aus Polizeigewahrsam befreit hatten, zu Enzensbergers Haus nach Berlin-Friedenau flohen, zeigt das, welche wichtige Rolle er seinerzeit für manche Wirrköpfe spielte.</p>
<p>Enzensberger hätte also Gründe, seine damalige Rolle einmal selbstkritisch zu beleuchten. Doch mit der charmanten Geste des literarischen Dandys winkt er ab: Ihm sei „weder an einem Verhör noch an einer Beichte gelegen“. Dem Dichter Enzensberger wird das niemand vorwerfen wollen. Doch von dem politischen Publizisten Enzensberger würde man das alles gern etwas genauer erklärt bekommen.</p>
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		<title>Buch &amp; Bar (9): Hans Magnus Enzensberger</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Apr 2015 10:33:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch & Bar]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Magnus Enzensberger]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer verleiht Flügel? Natürlich die Dichter! Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH &#38; BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1160">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Wer verleiht Flügel?</strong><br />
<strong>Natürlich die Dichter!</strong></h1>
<h2><strong>Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH &amp; BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.</strong></h2>
<h2><strong>Heute: Über Wermut und Anmut beim Lesen und Trinken</strong></h2>
<p><em>Der Innenminister kam an,</em><br />
<em>schwungvoll wie immer,</em><br />
<em>nur wir nahmen keine Notiz von ihm.</em></p>
<p><em>Die meisten von uns waren beschäftigt</em><br />
<em>mit ihren Bandscheiben,</em><br />
<em>oder hatten ihre Geheimzahl vergessen.</em></p>
<div id="attachment_1162" class="wp-caption alignright" style="width: 193px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/04/40874231z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1162" title="40874231z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/04/40874231z-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Hans Magnus Enzensberger: &quot;Gedichte 1950-2015&quot;. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Berlin 2015. 10 Euro</p></div>
<p>Sechs Zeilen, die dem schwungvollen Minister die Luft ablassen. Hans Magnus Enzensberger kann das fabelhaft: In alles, was sich aufbläst pikst er rein mit seinen „Gedichten 1950-2015“ (Suhrkamp, 10 €). Klar, so ganz fair ist das nicht. Auch Minister werden ja irgendwie gebraucht. Wenn sie sich mal wieder wichtig tun, sollten wir wohl Geduld mit ihnen haben. So wie mit unseren Bandscheiben oder unserem Gedächtnis, wenn es die Geheimzahl verkramt.</p>
<p>Enzensberger ist der Dandy unter den deutschen Dichtern und mit 85 jünger als nahezu alle, die Jahrzehnte nach ihm kamen. Seine Gedichte sind voller Freimut, Anmut, Übermut, voller Intelligenz, Witz, Eleganz. Wer sie nicht liest, macht einen Fehler, denn sie bringen eine kluge Leichtigkeit ins Leben.</p>
<p>Manche davon schlürfe ich wie einen Dry Martini. Der gilt auch als ein bisschen oldfashioned, und ist doch jünger geblieben als viele andere, die nach ihm kamen. In meiner Berliner Lieblingsbar namens Victoria wird er aus drei Zutaten gemacht: Aus viel Gin, wenig Wermut und Kälte. Dazu gibt‘s noch ein Glas Eiswasser, damit er einen nicht gleich vom Hocker haut.</p>
<address><em>Die Kolumne erschien im Focus vom 21. Februar 2015. </em></address>
<address><em> 2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch &amp; Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.</em></address>
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		<title>Die Dichter des Zorns</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Nov 2012 12:53:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Literatur über einen Erregungszustand: Zorn Ein Radioessay Für Literatur, die sich unübersehbar dem Wahren, dem Schönen, dem Guten verschrieben hat, gibt es kaum Rechtfertigungsprobleme. Es gehört zur vertrauten humanistischen Vorstellungswelt, dass die Arbeit der Dichter aufs Positive zielt. Man glaubt &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=717">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Literatur über einen Erregungszustand: Zorn<br />
Ein Radioessay</strong></h2>
<h3><strong>Für Literatur, die sich unübersehbar dem Wahren, dem Schönen, dem Guten  verschrieben hat, gibt es kaum Rechtfertigungsprobleme. Es gehört zur  vertrauten humanistischen Vorstellungswelt, dass die Arbeit der Dichter  aufs Positive zielt. Man glaubt voraussetzen zu dürfen, dass es ihnen darum geht, ihre Leser zu bessern  oder zu belehren, das Leben erfreulicher und die Welt glücklicher zu  machen. Eine Literatur des Zorns passt nicht gut in dieses Bild. Doch  solche braven Vorstellungen von Literatur sind nicht nur vorschnell,  sondern gleich in doppelter Hinsicht falsch. Denn natürlich zielen die  Dichter zum einen nicht nur aufs Positive, oft genug ist es ihren  schlicht gleichgültig, ob sie mit ihren Büchern irgendjemanden bessern  oder glücklicher machen. Zum anderen steht nicht fest, ob denn Zorn  etwas Negatives ist.</strong></h3>
<p>Von der Ilias bis zu Goethe und Schiller, von Hölderlin und Kleist bis zu Kafka,  Enzensberger und in den Gedichten von Robert Gernhardt hat der Zorn in der Literatur eine herausragende Rolle gespielt. Über das Thema habe ich einen Radioessay geschrieben, der heute im Deutschlandfunk gesendet wurde. Hier der Link zu der Audio-Fassung zum nachhören:</p>
<p><strong>http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=1&amp;broadcast=445216&amp;datum=20121125&amp;playtime=1353832248&amp;fileid=624514a9&amp;sendung=445216&amp;beitrag=1929951&amp;/</strong></p>
<p>Und falls das nicht funktioniert, hier der Link zur Textfassung:</p>
<p><strong>http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1929951/</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ortsbesichtigung. Atlas der Autoren]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Andersch]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Döblin]]></category>
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		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
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		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
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