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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Friedrich Schiller</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Thilo Sarrazin: &#8220;Wunschdenken&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 05 May 2016 10:52:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander Gauland]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Schiller]]></category>
		<category><![CDATA[Thilo Sarrazin]]></category>

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		<description><![CDATA[Er ist wieder da. Ein Hausbesuch bei Thilo Sarrazin In seinem neuen Buch „Wunschdenken“ rechnet er mit den größten Fehlern der Politik ab. Übersieht er dabei seine eigenen? Eine Nahaufnahme von Uwe Wittstock Man könnte es sich einfach machen mit &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1760">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Er ist wieder da. Ein Hausbesuch bei Thilo Sarrazin</strong></h1>
<h2><strong>In seinem neuen Buch „Wunschdenken“ rechnet er mit den größten Fehlern der Politik ab. Übersieht er dabei seine eigenen? Eine Nahaufnahme von Uwe Wittstock</strong></h2>
<p>Man könnte es sich einfach machen mit Thilo Sarrazin. Und man müsste sich nicht einmal dafür schämen, denn Thilo Sarrazin macht es sich selbst einfach mit den Menschen. Aber richtig wäre es trotzdem nicht.</p>
<p>Das fängt schon bei der Begrüßung an. In den knapp sechs Jahren, die seit Sarrazins Streitschrift „Deutschland schafft sich ab“ vergangen sind, ist er zu einer echten Berühmtheit geworden, die auf offener Straße erkannt wird. Allein an Buchhonoraren dürfte ihm sein Verlag 3,5 bis vier Millionen Euro überwiesen haben. Es gibt Autoren, denen solche Erfolge zu Kopf steigen.</p>
<p>Doch als Sarrazin uns die Tür im Berliner Westend öffnet, ist er unzeremoniell, offen, zugewandt. Er führt den Fotografen und mich durch sein Haus, als wären wir Nachbarn, die nur mal auf einen Sprung vorbeigekommen sind. Zeigt uns Arbeitszimmer, Lesesessel, Bücherwände, viele Bücherwände. Bringt uns in den akkurat gepflegten Garten, den Rasen hat er selbst vor ein paar Tagen vertikutiert, „das Moos“, brummt er, „musste raus“.</p>
<p>Sogar in den Keller führt er uns, wo die Bronzebüsten stehen, die seine Mutter, eine Bildhauerin, von seiner Frau, seinen beiden Söhnen und ihm geschaffen hat, beeindruckende Arbeiten. Sein Vater schrieb Gedichte, Sarrazin stammt aus einer musischen Familie. Schließlich amüsiert er sich über sich selbst, als er uns seine Armbanduhr präsentiert: eine Rolex, die ihm seine Frau zum 70. Geburtstag geschenkt hat, die aber, so bat er es sich von ihr aus, möglichst genauso aussehen müsse wie die vertraute 100-Euro-Quarzuhr, die er vorher trug. Es ist lustig, wie er das erzählt, wir lachen.</p>
<p>Nein, Thilo Sarrazin ist kein Ungeheuer.</p>
<p>Doch dann, als ich mit ihm zusammensitze, um über sein neues Buch „Wunschdenken“ zu sprechen, kommt mir so vieles an seiner Gedankenwelt wieder so ganz und gar ungeheuerlich vor.</p>
<p>Sarrazin, der begabte Provokateur und Polemiker, kann an der heiß gelaufenen Flüchtlingsdebatte naturgemäß nicht vorübergehen. Auf schwierige Fragen gibt er einfache Antworten: Europa sei den Krisenstaaten und Entwicklungsländern anderer Kontinente nichts schuldig. Mauern zu bauen, Zäune zu ziehen, Europa in eine Festung zu verwandeln sei für alle das Beste. Wer nicht wolle, dass Migranten im Mittelmeer ertrinken, müsse konsequent dafür sorgen, dass sie gar nicht erst Richtung Europa aufbrechen, weil sie wissen, dass sie dort niemals Aufnahme finden werden.</p>
<p>Er sagt das und schreibt das in aller Klarheit. Und ohne jedes Bedauern.</p>
<p>Ob es denn, setze ich ihm zu, nicht grauenvoll sei, dass Europa künftig vielleicht vor derartige Entscheidungen gestellt sein könnte? Gefühle, entgegnet er, tun nichts zur Sache.</p>
<p>Aber wäre es nicht humaner und auch klüger, hake ich nach, wenn er in seinem Buch wenigstens einen Funken Mitgefühl mit Menschen in Not erkennbar werden ließe? Das Foto des ertrunkenen Jungen an der türkischen Küste habe ihn, den Vater zweier Söhne, doch sicher erschüttert? Seine emotionale Entscheidung sei, erwidert Sarrazin, das Beste für Deutschland zu wollen, und hinter dieses Ziel müsse er alle anderen Fragen zurückstellen.</p>
<p>Kein Mitleid, kein Erbarmen.</p>
<p>Man könnte es sich, wie gesagt, einfach machen mit Thilo Sarrazin. Vor allem nach solchen Sätzen. Man könnte schreiben, wie sehr es einen fröstelt, während man mit dem vielleicht kaltherzigsten Mann Europas in einem Zimmer sitzt.</p>
<p>Aber richtig wäre das nicht, denn es wäre nicht die ganze Wahrheit. Sarrazin sagt das alles nicht aus Übermut. Er denkt Fragen mit schauriger Konsequenz und Engstirnigkeit zu Ende, die andere lange Zeit nicht einmal zu stellen wagten.</p>
<p>Als er vor sechs Jahren „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlichte, schnitt er darin haargenau die Themen an &#8211; Zuwanderung, mangelnde Integration -, die in den vergangenen Monaten unsere Gesellschaft aufwühlten bis zur Hysterie und Rechtspopulisten jetzt zweistellige Wahlergebnisse eintrugen.</p>
<p>Der Schwindel erregende Erfolg Sarrazins hätte ein früher Alarmruf für die etablierten Politiker sein können, wie viel wutbürgerlicher Unmut da im Schatten brodelt, um den sie sich kümmern müssen. Doch statt Sarrazin als Minenhund zu nutzen, begegneten sie ihm mit Empörung, mit Ausgrenzung und dem Kanzlerinnenwort, sein Buch sei „nicht hilfreich“.</p>
<p>Dabei hätte es doch hilfreich sein können &#8211; als Warnsignal. Ein Beispiel: Schon vor Jahren wurde von den grauenvollen Zuständen in den Flüchtlingslagern rund um Syrien berichtet, internationale Hilfe kam aber nur ebenso zögerlich wie kärglich in Gang. Als das Elend dann unerträglich geworden war und die Notleidenden leibhaftig an Europas Türen klopften, wurde alles viel schwieriger, gefährlicher, teurer. Hätte die Politik die indirekte Warnung ernst genommen, die von Sarrazins Triumphzug bei anderthalb Millionen Lesern ausging, und rechtzeitig Geld für die Lager organisiert, wäre den Deutschen viel Streit und den Flüchtlingen viel Leid erspart geblieben.</p>
<p>Sarrazin war lange Zeit seines Lebens Beamter, Staatsdiener, er ist ein Mann der Ordnung, der strengen Regeln und der geraden Linien. Für das krumme Holz, aus dem viele Menschen geschnitzt sind, hat er wenig Sinn und in seinem Buch keinen Platz.</p>
<p>Bei den türkisch-arabischen „Kopftuchmädchen“ sieht er nur das Kopftuch, nicht die sexy geschminkten Augen oder hautenge Jeans, die signalisieren, wie sich auch ihre Kultur verändert und dass aus dem kreativen Chaos des Ost-West-Gemenges längst neue Hybrid- und Mischkulturen entstehen.</p>
<p>Sein Buch „Wunschdenken“ ist vernarrt in die ganz, ganz großen Gedanken und möchte gern ein ambitioniertes Stück politischer Philosophie sein. Der Arbeitstitel lautete lange Zeit „Vom guten Regieren“, verrät Sarrazin im Gespräch. Er beginnt sein Buch mit der Entwicklung des Menschen (fünf Seiten) und der Entwicklung der Zivilisation (acht Seiten), streift Intelligenzforschung, Staatstheorie, Demografie, Religionswissenschaften, Vererbungslehre, Umwelt- und Bildungspolitik, verkündet „Zehn Regeln für den guten Regenten“ oder „Wie ich die Weltlage sehe“ und hat offenbar gar kein Gespür für die intellektuelle Großmannssucht all dessen.</p>
<p>Andererseits muss man Sarrazin in manchen Details einfach Recht geben: Natürlich braucht unser Land seit Jahrzehnten ein modernes Einwanderungsgesetz, ein radikal neues, zeitgemäßes Schulsystem oder eine gründliche Steuerreform mitsamt einem Familiensplitting statt des Ehegattensplittings.</p>
<p>Die Unfähigkeit der politischen Klasse, solche unbestreitbaren Notwendigkeiten umzusetzen, ist tatsächlich ernüchternd. Als Ministerialbeamter dürfte er dieses Versagen oft genug aus nächster Nähe beobachtet haben. Vielleicht wären, denkt man, während man sein Buch liest, ein paar neue Regeln fürs Regieren ja doch ganz schön.</p>
<p>Aber schon auf der nächsten Seite durchzuckt es mich wieder, wenn ich lese, welche Gefühlskälte Sarrazins Gedanken lenkt. In gewisser Hinsicht erinnert er an Alexander Gauland, den Vizechef der AfD. Auch der ein hoch kultivierter, hoch belesener Konservativer mit dem moralischen Verantwortungsgefühl eines Kleiderbügels.</p>
<p>Aber wofür, frage ich mich in Sarrazins Gästesessel, wofür all dieser Bildungseifer und diese endlosen Bücherwände, wenn dabei nichts anderes herauskommt als rhetorisch glänzend verpackte Mitleidlosigkeit. Einer der deutschen Klassiker, auf die sich Sarrazin und Gauland so gern berufen, hieß Friedrich Schiller. Er glaubte fest an die “ästhetische Erziehung des Menschen“, also daran, dass Kunst und Bildung die Leute nicht nur zu klugen, sondern auch zu guten, zu mitfühlenden, Anteil nehmenden Zeitgenossen machen.</p>
<p>Offenbar können auch Klassiker sich irren.</p>
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		<title>Streit ums &#8220;Blutbuchenfest&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Jan 2014 11:34:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Platthaus]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Schiller]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Mosebach]]></category>

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		<description><![CDATA[Martin Mosebach vs. Andreas Platthaus Das Buch „funktioniert“ nicht – schreibt Andreas Platthaus heute in der FAZ. Martin Mosebachs Gesellschaftsroman Das Blutbuchenfest spiele im Jahr 1991, die handelnden Figuren benutzten aber Technik, die es damals noch nicht gab: Smart-Phones, Laptops, &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=868">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Martin Mosebach vs. Andreas Platthaus<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Das Buch „funktioniert“ nicht – schreibt Andreas Platthaus heute in der FAZ. Martin Mosebachs Gesellschaftsroman <em>Das Blutbuchenfest</em> spiele im Jahr 1991, die handelnden Figuren benutzten aber Technik, die es damals noch nicht gab: Smart-Phones, Laptops, das Internet, Emails. Es werde interessant sein zu beobachten, „ob sich Mosebachs Publikum über seine Erzählverschluderung erregt“, meint Platthaus. Noch ist der Roman offiziell gar nicht erschienen, schon wird er in die Tonne getreten. Oder übertreibt Platthaus doch ein wenig?</strong></h3>
<p>Zunächst einmal, damit keine Missverständnisse entstehen: Andreas Platthaus ist ein sympathischer Kollege, den ich nicht zuletzt für seine immensen Kenntnisse zur Kunst des Comics, des Cartoons und der Graphic Novel bewundere. Aber gerade weil ich ihn schätze und als differenzierten Kritiker kenne, verblüfft es mich, wenn er es sich in diesem Fall so einfach macht.</p>
<p>Bekanntlich ist Maria Stuart, Königin von Schottland, ihrer Gegenspielerin Elizabeth I. nie begegnet. In Schillers Drama <em>Maria Stuart</em> gewährt ihr der Autor nicht nur ein Treffen, sondern einen langen, hinreißenden Dialog mit Elizabeth. Das widerspricht den historischen Fakten eklatant. Aber „funktioniert“ Schillers Stück deshalb nicht?</p>
<p>Im Gegensatz zur Geschichtsschreibung lässt sich die Literatur nicht auf die Treue zu den Tatsachen festlegen. Wer die Zeit um 1991 mit den Augen des Zeithistorikers oder des Soziologen betrachtet, hat sich sklavisch an die historischen Fakten halten. Doch wer einen Roman über diese Zeit schreibt, muss die Wahrheit seiner Geschichte erfinden – und wenn er zugunsten dieser erfundene Wahrheit ein paar historische Tatsachen so zurechtrückt, wie er es für die innere Logik seines Romans braucht, dann ist das nicht nur sein gutes literarisches Recht, sondern seine literarische Pflicht.</p>
<div id="attachment_869" class="wp-caption alignright" style="width: 267px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach.jpg"><img class="size-full wp-image-869" title="Mosebach" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach.jpg" alt="" width="257" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Martin Mosebach: &quot;Das Blutbuchenfest&quot;. Roman. Hanser Verlag, München 2014. 24,90 Euro</p></div>
<p>Mosebachs <em>Blutbuchenfest</em> zeigt eine gerade in ökonomischer Hinsicht konsequent modernisierte Stadtgesellschaft: Die meisten Figuren gehen sehr abstrakt gewordenen, etwas halbseidenen Tätigkeiten nach. Sie leiten eine PR-Agentur, die Kontakte schafft und für derlei luftige Leistungen gut bezahlt wird. Oder sie sind Kuratoren ohne Aufträge, die Kongresse oder Ausstellungen organisieren, für die sich später – vielleicht – die nötigen finanziellen Mittel finden werden. Oder sie haben ihren Job in der Werbung längst verloren und lassen deshalb jetzt für ihren aufwendigen Lebensstil nicht mehr das Spesenkonto, sondern einen gutmütigen Restaurantwirt einstehen.</p>
<p>Ich finde diese Beschreibung der gesellschaftlichen Situation überzeugend und zutreffend. Als langjähriger Bürger Frankfurts bestätige ich gern, wie schön Mosebach manche seiner Schauplätze nach der Frankfurter Wirklichkeit modelliert hat und wie viele seiner Figuren realen Personen dieser Stadt wie aus dem Gesicht geschnitten sind.</p>
<p>Die immer schwerer greifbaren, sich verflüssigenden beruflichen Verhältnisse, die Mosebach schildert und die bereits die neunziger Jahre prägten, sind naturgemäß nicht das einzige Kennzeichen dieses sich radikalisierenden Modernisierungs-Prozesses. Parallel dazu erleben wir eine Revolution der Computer- und Kommunikationstechnik. Die traditionelle Ordnung der Berufstätigkeit löst sich damit immer weiter auf: Mit einem Smart-Phone haben heute viele ihre Produktionsmittel buchstäblich in der Tasche. Wer früher für seine Arbeit einen Schreibtisch brauchte, braucht heute nur noch ein Telefon-Display oder ein Laptop. Er ist räumlich ungebunden, immer mobil, auf Präsenz nicht mehr festlegbar und wird so immer unfassbarer.</p>
<p>Das hat natürlich Folgen für das Leben der Menschen – und diese Folgen versucht Mosebach in seinem Roman erkennbar werden zu lassen. Diese zunehmende Schwerelosigkeit unseres Arbeits- und Gesellschaftslebens ist aber keineswegs eine Erfindung der letzten Jahre, sondern war auch schon in den Neuzigern spürbar. Folglich ist es mir als Leser von Mosebachs Roman schnuppe, ob er nun die jüngsten Erfindungen der IT-Branche entgegen den historischen Fakten in diese Neunziger zurückverlegt. Es geht ja darum, einen gesellschaftlichen Prozess mit den Mitteln eines Erzählers so sichtbar wie möglich zu machen. Und dabei hilft der kleine Zeitsprung, der technische Umwälzungen zehn Jahre früher beginnen lässt, ganz unbedingt.</p>
<div id="attachment_887" class="wp-caption alignleft" style="width: 208px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach_Martin7.jpeg"><img class="size-medium wp-image-887" title="Martin Mosebach 2010" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach_Martin7-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Martin Mosebach, fotografiert von Peter-Andreas Hassiepen. Copyright bei Peter-Andreas Hassiepen</p></div>
<p>Andreas Platthaus versteht – und da kann ich ihm überhaupt nicht mehr folgen – Mosebachs Roman als eine Abrechnung mit jenen Menschen, die diesem Modernisierungsprozess unterliegen. Er schreibt: „Denn die ständige Erreichbarkeit ist zentral fürs ganze Geschehen; erst sie macht den behaupteten moralischen Skandal einer egozentrischen Gruppe von Wohlstandsbürgern plausibel, in deren Wohnungen jeweils dieselbe bosnische Putzfrau arbeitet, die im Laufe des Buchs alles verlieren wird, ihr Kind, ihre Heimat, ihre Familie und schließlich auch jeden Respekt vor dem Gastland und seinen Menschen.“</p>
<p>Das ist schlicht falsch. Mosebach verurteilt seine Figuren nicht, er beobachtet sie. Er konstruiert aus dem finsteren Schicksal der bosnischen Putzfrau Ivana keinen Vorwurf gegen jene „Wohlstandsbürger“, die ihr Arbeit geben: 1) Ivanas Kind kommt bei einem Unfalls in Bosnien um. 2) Ihre Heimat geht verloren wegen der lang zurückreichenden ethnischen und religiösen Konflikte in Jugoslawien. 3) Ihre Familie wird vertrieben, weil sie schicksalhaft in diese historischen Konflikte hineingeboren wurde, in denen sie Täter und Opfer zugleich ist.</p>
<p>Daraus einen Vorwurf gegen die „egozentrische Gruppe von Wohlstandsbürgern“ zu konstruieren, wie Platthaus das tut, ist absurd. Im Gegenteil: Mosebach zeigt in den Kapiteln seines Romans, die in Bosnien spielen, sowohl den Reiz als auch die Schrecken der vormodernen Lebensverhältnisse dort sehr deutlich. Es feiert mit der ihm eigenen Sprachpracht manche Schönheit, die seinem Helden dort begegnet, beschreibt aber auch die ausweglose Grausamkeit, mit der sich dort Nachbarn seit Jahrhunderten belauern und bekriegen.</p>
<p>Ebenso wird das moderne Großstadtleben einige hundert Kilometer nördlich in Deutschland nicht verdammt – denn schließlich herrscht hier ein wunderbarer Frieden und auch wenn die Menschen allerlei windigen Geschäften nachgehen, so verstehen sie es doch ihre Konflikte allesamt gewaltlos auszutragen. Zugegeben, die bürgerliche Gesellschaft Frankfurts macht in Mosebachs Roman tatsächlich einen recht egozentrischen Eindruck, aber dass die Bosnier von ihm als vorbildliche Altruisten beschrieben werden, kann niemand behaupten. Mosebach schildert halt Menschen und keine Heiligen.</p>
<p>Platthaus schreibt spürbar abfällig von den „Lobpreisern“ Mosebachs, die ihn um jeden Preis gegen Kritik verteidigen wollen. Um auch hier einem Missverständnis vorzubeugen: Ich kann mit Mosebachs Kampf um liturgische Feinheiten der katholischen Messe wenig anfangen. Und wenn Mosebach öffentlich verlangt, Gotteslästerung solle hierzulande juristisch strenger verfolgt und bestraft werden, stehen mir die Haare zu Berge. Kritik an Mosebach ist selbstverständlich möglich und meines Erachtens gelegentlich angebracht.</p>
<p>Aber ich habe es schon immer für einen Fehler gehalten, von den politischen Stellungnahmen eines Schriftstellers auf seine literarischen Werke kurzzuschließen. Der Schriftsteller Günter Grass, der mit <em>Blechtrommel</em> und <em>Hundejahre</em> großartige Romane geschrieben hat, ist ein anderer als der Bürger Günter Grass, der mir mit seinen Ansichten zu USA oder Israel häufig genug auf die Nerven geht.</p>
<p>Hier, glaube ich, ist der Grund für den Unwillen zu finden, mit dem Platthaus auf Mosebachs neuen Roman reagiert: Er liest das Buch und hat die fröhliche Unverfrorenheit im Kopf, mit der sich Mosebach selbst als Reaktionär und Antimodernist bezeichnet. Und glaubt deshalb in dem Roman ziemlich platte reaktionäre und antimoderne Züge zu entdecken.</p>
<p>Aber das ist nicht der Fall: Die spezifische Erzählweise des Gesellschaftsromans bleibt auch für Mosebach nicht ohne Folgen. Sie ist so etwas wie eine literarische Schule der Toleranz, die jede Gesellschaft als Versammlung von Individuen betrachtet, in der keiner der alleinige Inhaber der Wahrheit ist, sondern in der alle mit dem gleichen Recht ihrer persönlichen Wahrheit und Weltsicht folgen. In diesem Nebeneinander der Standpunkte, das sich nie harmonisch auflöst, sondern nur ausgehalten werden kann, haben antimoderne Sichtweisen ebenso ihren Platz wie solche, die sich für die Moderne begeistern.</p>
<p>Und um diese Gegenüberstellung geht es dem Roman: Hier das vormoderne Lebensverständnis von Ivana, der bosnischen Putzfrau, und dort die hypermoderne Lebenssituation der guten Frankfurter Gesellschaft. Und ob die Angehörigen dieser Gesellschaft nun bereits Anfang der Neunziger ein Smart-Phone in der Tasche hatten oder erst zehn Jahre später, ist dabei literarisch herzlich egal.</p>
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		<title>Die Dichter des Zorns</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Nov 2012 12:53:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Literatur über einen Erregungszustand: Zorn Ein Radioessay Für Literatur, die sich unübersehbar dem Wahren, dem Schönen, dem Guten verschrieben hat, gibt es kaum Rechtfertigungsprobleme. Es gehört zur vertrauten humanistischen Vorstellungswelt, dass die Arbeit der Dichter aufs Positive zielt. Man glaubt &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=717">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Literatur über einen Erregungszustand: Zorn<br />
Ein Radioessay</strong></h2>
<h3><strong>Für Literatur, die sich unübersehbar dem Wahren, dem Schönen, dem Guten  verschrieben hat, gibt es kaum Rechtfertigungsprobleme. Es gehört zur  vertrauten humanistischen Vorstellungswelt, dass die Arbeit der Dichter  aufs Positive zielt. Man glaubt voraussetzen zu dürfen, dass es ihnen darum geht, ihre Leser zu bessern  oder zu belehren, das Leben erfreulicher und die Welt glücklicher zu  machen. Eine Literatur des Zorns passt nicht gut in dieses Bild. Doch  solche braven Vorstellungen von Literatur sind nicht nur vorschnell,  sondern gleich in doppelter Hinsicht falsch. Denn natürlich zielen die  Dichter zum einen nicht nur aufs Positive, oft genug ist es ihren  schlicht gleichgültig, ob sie mit ihren Büchern irgendjemanden bessern  oder glücklicher machen. Zum anderen steht nicht fest, ob denn Zorn  etwas Negatives ist.</strong></h3>
<p>Von der Ilias bis zu Goethe und Schiller, von Hölderlin und Kleist bis zu Kafka,  Enzensberger und in den Gedichten von Robert Gernhardt hat der Zorn in der Literatur eine herausragende Rolle gespielt. Über das Thema habe ich einen Radioessay geschrieben, der heute im Deutschlandfunk gesendet wurde. Hier der Link zu der Audio-Fassung zum nachhören:</p>
<p><strong>http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=1&amp;broadcast=445216&amp;datum=20121125&amp;playtime=1353832248&amp;fileid=624514a9&amp;sendung=445216&amp;beitrag=1929951&amp;/</strong></p>
<p>Und falls das nicht funktioniert, hier der Link zur Textfassung:</p>
<p><strong>http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1929951/</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Spät aber dennoch: &#8220;Shades of Grey&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Jul 2012 13:23:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[E.L. James]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Schiller]]></category>
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		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>

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		<description><![CDATA[Ausgepeitscht vom Märchenprinzen Okay, jetzt habe also auch ich in Shades of Grey reingelesen. Der Rummel um die SM-Schwarte von E.L. James lässt einem ja keine Ruhe. Der erste Band der Trilogie ist tatsächlich dramatisch schlecht geschrieben. Die anderen beiden &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=543">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Ausgepeitscht vom Märchenprinzen</strong></h2>
<h3><strong>Okay, jetzt habe also auch ich in <em>Shades of Grey</em> reingelesen. Der Rummel um die SM-Schwarte von E.L. James lässt einem ja keine Ruhe. Der erste Band der Trilogie ist tatsächlich dramatisch schlecht geschrieben. Die anderen beiden habe ich nicht in die Hand genommen. Wer so etwas Literatur nennt, könnte genauso gut einem Antiquitäten-Liebhaber einen Holzscheit auf’s Intarsien-Tischchen knallen und behaupten, zwischen beidem gäbe es keinen Unterschied, schließlich bestünden sowohl Tischchen als auch Scheit aus Holz. Mehr noch: Der Scheit hätte sogar den höheren Heizwert.</strong></h3>
<p><em> </em></p>
<div id="attachment_545" class="wp-caption alignleft" style="width: 173px"><em><em><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Shades.jpg"><img class="size-full wp-image-545" title="Shades" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Shades.jpg" alt="" width="163" height="250" /></a></em></em><p class="wp-caption-text">E.L. James &quot;Shades of Grey - Geheimes Verlangen&quot;. Goldmann Verlag 9,99 Euro</p></div>
<p><em>Shades</em> erreichte knapp das Niveau von <em>Julia</em>-, <em>Jerry Cotton</em>- oder <em>Perry Rhodan</em>-Heftchen. (Ich habe ein paar davon gelesen, unter anderem weil ich mal einen „Kongress der Liebesroman-Autorinnen“ besuchte. Davon bei anderer Gelegenheit mehr.) Aber letztlich sind solche literaturkritischen Erwägungen angesichts der Verkaufszahlen der Trilogie unzureichend und ein wenig albern.</p>
<p>Viel interessanter ist in meinen Augen die Überlegung, weshalb gerade ein solches Buch gerade zu diesem Zeitpunkt so erfolgreich ist. Es gab ja früher schon haufenweise SM-Romane und gibt sie parallel zu E.L. James auch jetzt auf dem Buchmarkt. Den Millionenerfolg fährt aber <em>Shades</em> ein. Das macht die Trilogie aus sozialpsychologischer Perspektive zu einem aufschlussreichen Fall: Welche Leser-Fantasien werden speziell in diesem Buch befriedigt? Was macht diesen „Mommy-Porn“ (<em>New York Times</em>) für so viele Leserinnen so lesenswert? Denn an der Erkenntnis, dass vor allem Frauen <em>Shades</em> verschlingen, lassen die Berichte aus USA wenig Zweifel.</p>
<p>Bei meiner völlig unverantwortlich lückenhaften Vorne-Mitte-Hinten-Lektüre wurde schnell klar, dass der Roman eine soziale Aufsteiger-Story erzählt. Unschuldige Studentin trifft Milliardär, der sie zu seiner Herzallerliebsten erklärt. Das ist naturgemäß schön für die Studentin – und lässt die uralte Geschichte vom unschuldigen Bürgermädchen durchschimmern, das vom örtlichen Grafen entdeckt, begehrt, geheiratet und triumphal ins Grafenschloss heimgeführt wird. Ein Erzählmuster, das in seiner tragischen Spielart von Lessings <em>Emlia Galotti</em> bis Schillers <em>Kabale und Liebe</em>“ etliche bürgerliche Trauerspiele vom Klassiker-Format hervorbrachte.</p>
<div id="attachment_552" class="wp-caption alignright" style="width: 185px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Pretty2.jpg"><img class="size-full wp-image-552" title="Pretty" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Pretty2.jpg" alt="" width="175" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Pretty Woman&quot; (1990). Regie: Garry Marshall. Drehbuch: J. F. Lawton</p></div>
<p>Da zu meinem Bekanntenkreis bedauerlich wenige Milliardäre zählen, habe ich keine Erfahrung, wie die in Liebesdingen tatsächlich so sind. Andererseits drängt sich da die Kino-Erinnerung an <em>Pretty Woman</em> mit Julia Roberts und Richard Gere als Milliardär auf. Diese soziale Aufsteiger-Geschichte ist sexuell schärfer gewürzt als die alten Jungfrau-meets-Graf-Romane, Julia Roberts spielt bekanntlich eine Prostituierte. Das macht den Film zwar nicht gerade zum Inbegriff einer feministische Vorzeige-Literatur, dennoch teilt er der Heldin die Rolle einer im Bett professionell erfahrenen und wirtschaftlich selbständigen Frau zu. Das ist ja schon mal was, im Vergleich zur Unschuld vom Lande mit ihren Adelsherren.</p>
<p><em>Shades</em> dreht das Rad der Emanzipation gnadenlos zurück. Auch hier wird das alte Erzählmuster erotisch aufgepeppt, diesmal mit einer Portion SM. Aber Heldin Anastasia Steele hat weder von Sex noch von Beruf den blassesten Schimmer und muss auch keinen Schimmer haben, denn sie begibt sich willig errötend in die Arme eines mächtigen Mannes, der all das für sie regelt. Wenn es das ist, was den Massenfantasien der weiblichen Leserschaft derzeit in Wallung bringt, dann darf man das wohl ein bemerkenswertes Signal nennen.</p>
<p>Steeles Beitrag zur Emanzipationsgeschichte beschränkt sich darauf, den Sklavinnen-Vertrag mit Mr. Grey über viele Seiten hinweg beinhart auszuhandeln. Hier macht sie ihrem Namen alle Ehre und wird zur stahlharten Verhandlungspartnerin.</p>
<p>Was lässt sich aus all dem lernen?</p>
<p>1.)   Alte Erkenntnis: Auf literarische Qualität kommt es beim literarischen Erfolg nicht an. Um es mit Eichendorff zu sagen: Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Kass’ hebt an zu klingen, triffst du nur das Zauberwort. Wer das richtige Thema zum richtigen Zeitpunkt trifft, den hält werden Ochs noch Esel auf: Der hat Erfolg, auch wenn er absolut miserabel schreibt.</p>
<div id="attachment_553" class="wp-caption alignright" style="width: 171px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/ShadesEng1.jpg"><img class="size-full wp-image-553" title="ShadesEng" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/ShadesEng1.jpg" alt="" width="161" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">E.L. James &quot;Fifty Shades of Grey&quot;. Amerikanische Ausgabe. Verlag Vintage, New York</p></div>
<p>2.)   Millionen Frauen träumen offenbar noch immer gern von der alten Märchenprinz-Nummer, bei der sie vom Helden auf dessen edlen Schimmel gezogen und in ein besseres Leben entführt werden.</p>
<p>3.)   Natürlich darf die Geschichte heute sexuell etwas heißer serviert werden. Ein bisschen Härte im Bett wird inzwischen offenbar gern genommen.</p>
<p>4.)   Was die Soziologen seit ein paar Jahrzehnten vorkauen, wird inzwischen auch in der Trivial-Literatur wiedergekäut: Die verbindlichen Normen in Liebensdingen haben sich in postmodernen Zeiten aufgelöst. Partnerschaften werden heute von der Verhandlungs-Ethik regiert. Das Paar klärt in Diskussionen, welche Regeln für ihre Partnerschaft gelten sollen. E.L. James macht das mit dem Sklavinnen-Vertrag überdeutlich.</p>
<p>5.)   Ist erst einmal ein gutaussehender, milliardenschwerer Märchenheld im Spiel, scheint es für die Fantasie der Leserinnen kein Problem zu sein, sich sexuell ganz auf seine Wünsche einzustellen.</p>
<p>6.)   Der miese, ranzige Altherrengedanke liegt nahe: Dass Frauen (zumindest in den Träumen, die sie lesend ausleben) noch immer gern bereit sind, sich kaufen zu lassen, wenn den das finanzielle Angebot wirklich verlockend und der Mann nicht allzu unansehnlich ist. Was auf eine schockierende Schlussfolgerung hinausläuft: Milliardäre haben bessere Chancen bei Frauen als Literaturkritiker! Ein Gedanke, der mich persönlich echt unheimlich betroffen macht.</p>
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		<title>Krieg und Literatur</title>
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		<pubDate>Fri, 18 May 2012 07:37:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Kollektive Verdrängung? Die deutschen Schriftsteller begegnen dem modernen High-Tech-Militär nahezu unisono mit Schweigen. Dabei ist der Krieg eines der ältesten Themen der Literaturgeschichte. Fällt den Autoren hier und heute zu Soldaten nichts mehr ein? Ein Zwischenruf. Die Kriege unserer Zeit &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=335">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><!-- @font-face {   font-family: "Cambria"; }@font-face {   font-family: "CandidaFocusRoman"; }p.MsoNormal, li.MsoNormal, div.MsoNormal { margin: 0cm 0cm 0.0001pt; font-size: 12pt; font-family: "Times New Roman"; }div.Section1 { page: Section1; } --></p>
<h2><strong>Kollektive Verdrängung?</strong></h2>
<h3><strong>Die deutschen Schriftsteller begegnen dem modernen High-Tech-Militär nahezu unisono mit Schweigen. Dabei ist der Krieg eines der ältesten Themen der Literaturgeschichte. Fällt den Autoren hier und heute zu Soldaten nichts mehr ein? Ein Zwischenruf.</strong></h3>
<div id="attachment_336" class="wp-caption alignleft" style="width: 90px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/80px-Homeros_MFA_Munich_272.jpg"><img class="size-full wp-image-336" title="80px-Homeros_MFA_Munich_272" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/80px-Homeros_MFA_Munich_272.jpg" alt="" width="80" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Homer</p></div>
<p>Die Kriege unserer Zeit finden in der deutschen Literatur nicht statt. Das ist verständlich und verwunderlich zugleich. Verwunderlich, weil Krieg immer eines der wichtigsten Themen der Literatur war. Von Homers <em>Ilias</em> bis Cäsars <em>Bellum Gallicum</em>, von Shakespeares Königsdramen bis Grimmelshauses <em>Simplicissimus</em>, von Schillers <em>Wallenstein</em> bis Kleists <em>Prinz von Homburg</em>, von Remarques <em>Im Westen nichts Neues</em> bis Ernst Jüngers <em>In Stahlgewittern</em> gehörte Krieg zu den Stoffen, aus dem große Schriftsteller große Bücher machten.</p>
<div id="attachment_337" class="wp-caption alignright" style="width: 104px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/94px-Heinrich_von_Kleist2.jpg"><img class="size-full wp-image-337" title="94px-Heinrich_von_Kleist2" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/94px-Heinrich_von_Kleist2.jpg" alt="" width="94" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Kleist</p></div>
<p>Auch in der deutschen Literatur nach 1945 spielte der Rückblick auf den Zweiten Weltkrieg zunächst eine zentrale Rolle. Heinrich Böll, Heiner Müller, Günter Grass, Theodor Plievier, Siegfried Lenz und viele andere hielten die Erinnerung an das Grauen und Töten auf dem Papier fest. Sie brachten damit zur Sprache, was die Gesellschaft jener Jahre geformt hatte und zu ihren stärksten Antriebskräften gehörte. Doch seither ist der Krieg, sind zumal die zeitgenössischen Kriege nahezu ganz aus der deutschen Literatur verschwunden.</p>
<p>Verständlich war das vor allem deshalb, weil der Krieg hierzulande lange nur als fernes Gespenst wahrgenommen wurde. Er schien jede Realität jenseits der Nachrichtenkanäle eingebüßt zu haben. Doch das ist seit zwanzig Jahren vorbei. Die Einsätze der Bundeswehr out of area lassen sich inzwischen an den Fingern beider Hände nicht mehr abzählen. Deutsche Soldaten sind vor den Küsten Libanons und Somalias, in Dafur oder am Hindukusch stationiert, überwachen, kämpfen, werden verwundet oder sterben im Auftrag ihres Landes. Das Engagement in Afghanistan wurde vom damaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg entschlossen „Krieg“ genannt &#8211; und fast alle stimmten ihm zu, so dass dies eine Wort heute wie das größte Verdienst seiner Amtszeit wirkt.</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/41Ckxe+HP6L._SL500_AA300_.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-339" title="41Ckxe+HP6L._SL500_AA300_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/41Ckxe+HP6L._SL500_AA300_-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Der deutschen Literatur ist zu all dem wenig eingefallen. Sie begegnet den spezifischen Schrecken des Hightech-Kriegs mit Schweigen. Ingo Niemann und Alexander Wallasch haben 2010 in ihrem gemeinsam geschriebenen Roman <em>Deutscher Sohn</em> einen Soldaten zur Hauptfigur gemacht, der verwundet aus Afghanistan ausgeflogen wurde. Doch statt von seinem Kriegsschicksal zu erzählen, nehmen sie die Figur zum Vorwand, allerlei pornographischen Phantasien nachzuhängen. Der Journalist und Erzähler Dirk Kurbjuweit hat 2011 in dem Roman <em>Kriegsbraut</em> eine deutsche Soldatin beschrieben, die nach Afghanistan kommandiert wird und nicht nur die Langeweile des Lageralltags, sondern auch Feuergefechte zu bestehen hat. Viel mehr gibt es bislang zu dem uralten, brandneuen Thema nicht.<a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/415pfnvNj0L._AA115_.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-340" title="415pfnvNj0L._AA115_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/415pfnvNj0L._AA115_.jpg" alt="" width="115" height="115" /></a></p>
<p>Es versteht sich von selbst, dass Literatur über den Krieg mit Kriegs-Verherrlichung nichts zu tun haben muss. Spätestens seit Anbruch der Moderne sind die hymnischen Tön aus den Schlachtenbeschreibungen fast vollständig verschwunden. Auch heute erwartet niemand, dass Schriftsteller versuchen ihren Lesern einzureden, es sei süß fürs Vaterland zu sterben.</p>
<p>Im Gegenteil: Viele Bürger der westlichen Hemisphäre sehen im Ausbruch eines Kriegs inzwischen nichts anderes als einen Beweis für die Unfähigkeit der Politik. Sobald die Waffen sprechen, haben in ihren Augen die Diplomaten nachweislich versagt. Wie immer man zu solchen Argumenten steht – sie lassen den Krieg aus literarischer Sicht nicht uninteressanter werden. Denn was sind das für Menschen, die sich dennoch als Soldaten in den Kampf kommandieren lassen? Opfer, die für wenig Geld Kopf und Kragen riskieren müssen? Abenteurer, die auf Grenzerfahrungen aus sind? Letzte Idealisten, die sich für ihr Land einsetzen, auch wenn die meisten Landsleute es ihnen nicht danken?</p>
<p>Davon könnte Literatur heute erzählen. Kein Schriftsteller muss das tun, jeder hat  ganz persönlichen Themen, die ihn inspirieren. Doch wenn eine ganze Autorengeneration über Jahrzehnte hinweg einen uralten literarischen Stoff ausblendet, dann riecht das nach kollektiver Verdrängung. Oder steckt dahinter die Furcht, sich allein durch die Berührung mit dem Thema Krieg ins Abseits zu manövrieren, weil sie gegen einen pazifistischen Grundkonsens des Literaturbetriebs verstößt?</p>
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		<title>Was Ärzte und Schriftsteller verbindet</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 18:57:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Feine Verwandtschaft Sie kennen sich aus mit dem Menschen: Die Mediziner und die Dichter, die Ärzte und die Erzähler. Kaum ein anderer Berufsgruppe ist unter den Fachleuten der Wortkunst so stark vertreten wie die Fachleute der Heilkunst. Warum ist das &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=253">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Feine Verwandtschaft</strong></h2>
<h3><strong>Sie kennen sich aus mit dem Menschen: Die Mediziner und die Dichter, die Ärzte und die Erzähler. Kaum ein anderer Berufsgruppe ist unter den Fachleuten der Wortkunst so stark vertreten wie die Fachleute der Heilkunst. Warum ist das so? </strong></h3>
<div>
<p>“Ich kenne keine bessere Schulung für den Schriftsteller”, behauptete  Somerset Maugham, “als einige Jahre den Beruf eines Arztes auszuüben.”  Maugham wußte wovon er sprach, denn er war Arzt und Schriftsteller.  Medizin hatte er studiert, um den “Menschen ohne Maske” kennenzulernen &#8211;  und er wurde einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit.</p>
<p>Beide, so schrieb Marcel Reich-Ranicki einmal, Literaten und  Mediziner seien “Fachleute für menschliche Leiden”, und so sei es nur  naheliegend, daß es zwischen diesen Berufsgruppen erstaunlich viele  Berührungspunkte gebe, ja so etwas wie eine verborgene Verwandtschaft  existiere.</p>
<div id="attachment_258" class="wp-caption alignleft" style="width: 104px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/94px-Maugham.jpg"><img class="size-full wp-image-258" title="94px-Maugham" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/94px-Maugham.jpg" alt="" width="94" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">William Somerset Maugham, 26. Mai 1934.  Portrait by Carl Van Vechten </p></div>
<p>Maugham reiht sich ein in eine erstaunliche Zahl von Autoren,  die eine medizinische Ausbildung hatten. So waren allein drei der  größten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zugleich Ärzte:  Gottfried Benn, der als Lyriker von europäischem Rang gestand, ihm sei  seine “Existenz ohne diese Wendung zur Medizin und Biologie völlig  undenkbar”. Alfred Döblin, der Medizin studierte, “weil ich Wahrheit  wollte, die aber nicht durch Begriffe gelaufen und hierbei verdünnt und  zerfasert war”. Und schließlich Arthur Schnitzler, der all seine  Erzählungen und Stücke immer auch als Arzt schrieb, denn, so bekannte  er: “Wer je Mediziner war, kann nie aufhören, es zu sein. Denn Medizin  ist eine Weltanschauung.”</p>
<p>Tatsächlich ist die Ruhmestafel weltweit gefeierter Autoren, die  zugleich als Ärzte arbeiteten, überraschend lang. Angelus Silesius war studierter Philosoph, Theologe und Arzt, Friedrich Schiller ausgebildeter Regimentsmedikus, John Keats Wundarzt, Georg Büchner  promovierter Anatom. Heinrich Hoffmann, der Vater des <em>Struwwelpeter</em>,  leitete als Chefarzt die Frankfurter Irrenanstalt, Anton Tschechow  meinte, “die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine  Geliebte”. Und Louis-Ferdinand Céline studierte als Armenarzt in Pariser  Vorstädten den Argot, den er dann in seinen &#8211; zutiefst  antisemitischen &#8211; Romanen zu Literatur veredelte. Eugène Sue steht  ebenso auf dieser Liste wie Michail Bulgakow, Sir Arthur Conan Doyle,  Friedrich Wolf und William Carlos Williams.</p>
<div id="attachment_259" class="wp-caption alignright" style="width: 94px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Georg_Büchner.png"><img class="size-full wp-image-259" title="84px-Georg_Büchner" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Georg_Büchner.png" alt="" width="84" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Georg Büchner (1813 - 1837)</p></div>
<p>Noch beeindruckender wird die Aufzählung, wenn man bedenkt, welche  Schriftsteller zunächst Medizin studierten, sich aber noch vor dem  Examen ganz der Literatur verschrieben: nämlich unter anderem Louis  Aragon, Johannes R. Becher, Ludwig Börne, Bertolt Brecht, André Breton,  Johann Gottfried Herder, Henrik Ibsen, Stanislaw Lem, Hermann Löns und  August Strindberg. Auch unter den deutschen Autoren der Gegenwart sind  die medizinisch-poetischen Doppelbegabungen keine Seltenheit: Sowohl der  Dramatiker Heinar Kipphardt, wie der Romancier Ernst Augustin, der  Popliteratur-Avantgardist Rainald Goetz, der DDR-Epiker Uwe Tellkamp und die Erzählerin Melitta  Breznik genossen eine medizinische Ausbildung &#8211; fast alle in der Psychiatrie.</p>
<p>Sogar ein klinisches Zentrum für Dichterärzte in Deutschland hat sich  herauskristallisiert: In der Berliner Charité betrieb schon Döblin  wissenschaftliche Forschungen, dort arbeiteten Gottfried  Bermann-Fischer, der den S.Fischer Verlag durch die Nazi-Zeit brachte,  und Peter Bamm, der in den Nachkriegsjahren Bestseller schrieb, hier  standen Ernst Augustin und Kipphardt als Assistenzärzte am Krankenbett.  Heute arbeitet Jakob Hein in der Charité als Nachwuchsmediziner, der  zugleich schon mehr ist hoffnungsvoller Nachwuchsautor gilt.</p>
<p>Solche Häufungen sind kein Zufall. Unter den Schriftstellern der  deutschen Literaturgeschichte ließen sich allenfalls noch Geistliche, Lehrer oder Juristen in ähnlich großer Zahl nachweisen wie Ärzte. Diese Berufsstände neigen allerdings dazu, die Menschen unter dem Blickwinkel  zu betrachten, wie sie sein sollten. Mediziner dagegen betrachten sie  eher von dem Gesichtspunkt aus, wie sie sind. Mit anderen Worten:  Theologen. Pädagogen und Rechtsgelehrte entwerfen gern Rezepte, wie ein vorbildliches  Leben zu führen wäre. Ärzte dagegen halten sich als Naturwissenschaftler  lieber nicht an Utopien. Statt dessen benennen sie die traurigen  Tatsachen des Daseins.</p>
<div id="attachment_260" class="wp-caption alignright" style="width: 94px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Alfred_Doeblin_1930.jpg"><img class="size-full wp-image-260" title="84px-Alfred_Doeblin_1930" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Alfred_Doeblin_1930.jpg" alt="" width="84" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Alfred Döblin (1878 - 1957)</p></div>
<p>Es ist wohl der kühle, der beobachtende, der diagnostische Blick, der  manche Menschen zu Ärzten macht, und manche Ärzte dann &#8211; literarische  Neigungen und Fähigkeiten vorausgesetzt &#8211; zu Schriftstellern werden  läßt. Zudem noch liefert ihnen der ärztliche Beruf, wenn sie denn als  Autoren an der gesellschaftlichen Realität interessiert sind, manchen  brisanten und literarisch verwertbaren Stoff frei Haus. “Ich fand meine  Kranken”, schrieb Döblin im Rückblick auf sein Leben, “in ihren  ärmlichen Stuben liegen; sie brachten mir auch ihre Stuben in mein  Sprechzimmer mit. Ich sah ihre Verhältnisse, ihr Milieu; es ging alles  ins Soziale, Ethische und Politische über.” Ohne die  Patientenschicksale, denen Döblin in seiner Praxis begegnete, wäre <em>Berlin Alexanderplatz</em> mit Sicherheit ein anderes, vermutlich ein  schwächeres Buch geworden.</p>
<p>Doch das ärztliche Studium ist für einen Schriftsteller, zumal wenn  es sich um einen gefährdeten, seelisch nicht hundertprozentig stabilen  Menschen handelt, auch mit Risiken verbunden. “Es war eine Rieseneselei  von mir”, schreibt Arthur Schnitzler als junger Mann, “Mediziner zu  werden, und es ist leider eine Eselei, die nicht wieder gut zu machen  ist.”</p>
<p>Denn all die Krankheiten, die er während seines Studiums  kennenlernte, glaubte er bald schon an sich selbst diagnostizieren zu  können. Das Phänomen ist nicht unbekannt: Bei vielen Medizinstudenten  werden, sobald sie ihre klinische Ausbildung beginnen, ähnliche Symptome  beobachtet &#8211; die ihre Professoren dann gern ironisch als “Morbus  clinicus” bezeichnen.</p>
<p>Bei dem äußerst empfindsamen Schnitzler jedoch ging dieses Leiden  weit über das gewöhnliche Maß hinaus. Immer wieder klagte er in seinen  Tagebüchern über “meine Hypochondrie, die zuweilen wie ein schwerer  schmerzlicher Nebel über dem ganzen Grund meines Wesens liegt” und  verzeichnete handfeste “Todesangst-Anfälle”. Aber die Besessenheit, mit  der er noch die geringste Missempfindungen an sich registrierte, war eben  zugleich die Grundlage seines schriftstellerischen Talents, Menschen  noch bis in ihre verborgenen Regungen hinein beschreiben zu können. Ein  Talent, daß ihm neidvolle Anerkennung selbst von so berufener Seite wie  der Sigmund Freuds eintrug: Er habe, schrieb Freud 1922 an Schnitzler,  “den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition &#8211; eigentlich aber  infolge feiner Selbstwahrnehmung &#8211; alles das wissen, was ich in  mühseliger Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe. Ja, ich glaube,  im Grunde ihres Wesens sind Sie ein psychologischer Tiefenforscher.”</p>
<div id="attachment_261" class="wp-caption alignleft" style="width: 90px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/80px-Hetsch01.jpg"><img class="size-full wp-image-261" title="80px-Hetsch01" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/80px-Hetsch01.jpg" alt="" width="80" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Schiller als Regimentarzt, 1781/1782. Gemälde von Philipp Friedrich Hetsch</p></div>
<p>Mitunter sind dichtende Ärzte allerdings für ihre Patienten nicht  ungefährlich. Als Schiller an seinem ersten Stück <em>Die Räuber</em> schrieb,  war er von seinen draufgängerischen Figuren so hingerissen, daß er als  Arzt zu ähnlich draufgängerischen Therapien neigte. Wie in der Literatur  wolle er, beklagte ein Vorgesetzter, offenbar auch in der Medizin  “Kraftstücke liefern, die aber weder gerieten, noch (von den Kranken)  zum besten rezensiert würden”. Schiller war Stolz auf seinen Ruf. Er  liebe als Arzt, schrieb er unter Pseudonym über sich selbst, “starke  Dosen” und man solle ihm lieber zehn Pferde zu Behandlung schicken als  die eigene Frau.</p>
</div>
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