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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Berliner Buchbetriebs-Berichte</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Annette Mingels Roman &#8220;Was alles war&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Nov 2017 15:57:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Berliner Buchbetriebs-Berichte]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Annette Mingels]]></category>
		<category><![CDATA[Anthony Giddens]]></category>
		<category><![CDATA[Ulrich Beck]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Roman einer echt krassen Herde Am 27. November 2017 hatte ich das Vergnügen in Berlin die Laudatio zu halten anlässlich der Verleihung des Buchpreises 2017 der Stiftung Ravensburger Verlag an Annette Mingels für ihren Roman „Was alles war“. Es &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2315">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der Roman einer echt krassen Herde</strong></h1>
<h2><strong>Am 27. November 2017 hatte ich das Vergnügen in Berlin die Laudatio zu halten anlässlich der Verleihung des Buchpreises 2017 der Stiftung Ravensburger Verlag an Annette Mingels für ihren Roman „Was alles war“. Es ist ein genau gearbeiteter, kluger Roman, der vor Augen führt, wie sehr sich das Verständnis von Familie in einer liberalen Gesellschaft heute verändert hat. Schon deshalb hat es mir Freude gemacht, eine Rede lang das Loblied auf dieses Buch zu singen.</strong></h2>
<p>Liebe Frau Hess-Maier,<br />
sehr geehrter Herr Hauenstein,<br />
sehr verehrte Damen und Herren,<br />
vor allem aber: Liebe Frau Mingels,</p>
<p>wenn wir wissen wollen, in welcher Epoche wir leben, sollten wir gut zählen können. Früher einmal machte man es sich einfach und nannte unser Zeitalter die Moderne, der wir mit bürgerlicher Gesellschaft, individueller Freiheit und Demokratie fast alles verdanken, was unser politisches Denken bis heute prägt. Aber es ist noch nicht lange her, rund 30 oder 35 Jahre, als die Soziologen Anthony Giddens und Ulrich Beck beschrieben, wie sich diese gesellschaftlichen Grundlagen durch die Globalisierung, aber auch die Flexibilisierung der Arbeitswelt gleichermaßen zu radikalisieren und aufzulösen begannen – und nannten diese Entwicklung die Zweite Moderne. In der jüngsten Zeit beginnt nun die digitale Revolution diesen Prozess noch weiter zu beschleunigen, die Freiheiten des Einzelnen von gesellschaftlichen Zwängen scheinen immer größer, die Welt immer kleiner zu werden, aber verwirrenderweise ist gleichzeitig auch das Gegenteil richtig, denn es scheinen sich im Zugriff von Big Data sämtliche Freiheiten zu verflüchtigen und auf die Grenzenlosigkeit der Gegenwart eine neue Sehnsucht nach politischen Grenzen, Mauern, Zäunen zu antworten – was jetzt die Dritte Moderne genannt wird.</p>
<p>Wer heute einen Roman über unsere Gegenwart schreiben will, sollte also mindestens bis Drei zählen können. Denn man kann Geschichten von Menschen in unserer Zeit nicht erzählen, wenn man sich nicht auch ein Bild von dieser Zeit macht. Das sollte allerdings nicht das Bild der Soziologen sein, deren Geschichten immer von gesellschaftlichen Gruppen und Prozessen handeln, sondern im Roman müssen es die Bilder sein, die einzelne Figuren sich von ihrem Zeitalter machen, während diese Einzelnen zugleich von ihrem Zeitalter &#8220;gemacht&#8221; werden. Das ist klein leichtes Geschäft.</p>
<p>In ihrem Roman „Was alles war“ ist Annette Mingels diesem schwierigen Geschäft glanzvoll nachgegangen. Und sie hat es sich dabei alles andere als einfach gemacht. Denn sie erzählt von einigen der wichtigsten und zugleich ungreifbarsten, den prägendsten und zugleich ambivalentesten Faktoren, die ein Leben beeinflussen: Sie erzählt von dem Geflecht der Familienbindungen. Und davon, wie sich dieses Geflecht in einer dreifach gestaffelten, ersten, zweiten, dritten Moderne verändert, um das bleiben zu können, was es ist: ein Netz, das den Einzelnen wenn möglich nicht einfängt und fesselt, sondern auffängt und ihm Halt bietet.</p>
<p>Die Hauptfigur, von der Annette Mingels in ihrem Roman erzählt, ist eine kluge Frau. Sie heißt Susanna, erforscht als Meeresbiologin das Liebesleben der Plattwürmer, hat aber auch mit dem Liebesleben der Menschen schon ein paar Erfahrung gesammelt und kann verdammt gut bis Drei zählen. Sie könnte hier bei uns in diesem Saal sitzen, die Erkenntnisse der aktuellen Soziologie würden sie nicht überraschen, denn sie geht mit offenen Augen durch ihre Zeit und weiß sehr genau, wie tiefgreifend sich Familie in der liberalen Welt des Westens verändert hat.</p>
<div id="attachment_2320" class="wp-caption alignleft" style="width: 197px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/11/Mingels_AWas_alles_war_173045_300dpi2.jpg"><img class="size-medium wp-image-2320" title="Was alles war von Annette Mingels" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/11/Mingels_AWas_alles_war_173045_300dpi2-187x300.jpg" alt="" width="187" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Annette Mingels: &quot;Was alles war&quot;. Roman. Knaus Verlag. 19,99 Euro</p></div>
<p>Denn Susanna ist – wie uns allen auch – in diesem Zeitalter die Freiheit der Entscheidung geschenkt worden. In Susannas Familienleben wird das besonders deutlich: Sie ist von ihren Eltern adoptiert worden, ihre Eltern haben sich also sehr bewusst für sie entschieden. Und ihre leibliche Mutter Viola hatte sich zuvor die Freiheit genommen, sie und ihre drei Geschwister zur Adoption freizugeben, weil sie, wie sie Susanna einmal schreibt, „seit jeher vor der Abhängigkeit in jeder Form zurückschreckt“. Aber damit nicht genug der Entscheidungen: Als sich Susanna in einen jungen Witwer namens Henryk mit zwei kleinen Töchtern verliebt, steht sie vor der Entscheidung nicht nur für oder gegen eine Ehe, sondern zugleich vor der für oder gegen eine Patchwork-Mutterschaft. Und die modernen Verhütungsmittel verschaffen ihr die Möglichkeit, sich für oder gegen ein drittes, gemeinsames Kind mit ihrem Mann zu entscheiden, um das familiäre Patchwork noch ein wenig bunter zu machen. Und als Henryk den lang ersehnten Ruf erhält, als Professor an einer Universität zu unterrichten, die aber unglücklicherweise fernab von jedem meeresbiologischen Institut liegt, ermöglicht Susanna das moderne Scheidungsrecht sich frei zu entscheiden zwischen ihrer beruflichen Selbstständigkeit als Alleinerziehende in ihrer vertrauten Küstenstadt  oder dem Leben als einer Fernpendler-Mutter und -Wissenschaftlerin  oder eben auch als Ehefrau, die ihre persönlichen Berufschancen eintauscht gegen die traditionelle Familienbindung.</p>
<p>Doch spätestens bei dem letztgenannten Entscheidungsszenario wird überdeutlich, wie zynisch es ist, noch von der Freiheit zur Entscheidung zu sprechen, obwohl es sich doch unverkennbar um einen Entscheidungszwang handelt, der die Heldin Susanna, gleichgültig wie sie sich entscheidet, zu zerreißen droht. Denn das macht die Schattenseite jener umfassenden Liberalisierungen aus, vor die wir uns durch die Entwicklungslogik der modernen Gesellschaft gestellt sehen: Sie befreit uns von lauter überkommenen sozialen Zwängen, um uns im Gegenzug vor den Zwang zu unseren ganz persönlichen Entscheidungen zu stellen, die dann unsere Verantwortung ausmachen.</p>
<p>Zu dem Großartigen an Annette Mingels Roman gehört, dass er diese Dialektik der gewachsenen Freiheiten nicht beklagt, denn wer würde sich schon die angeblich so guten alten Zeiten der Unfreiheit zurückwünschen. Nein, der Roman klagt nicht über die neuen Freiheiten, sondern er beobachtet und beschreibt ihre Auswirkungen mit großer psychologischer Einfühlungskraft. Ihre kluge Heldin Susanna erlebt den permanenten Entscheidungszwang, vor den sie sich gestellt sieht, nämlich zugleich als einen Bewusstmacher, der sie dazu anhält, sich alle Möglichkeiten, Chancen, Alternativen in ihrem Leben sehr genau vor Augen zu führen, bevor sie sich entscheidet. Niemand wird behaupten, das wäre leicht, aber es sorgt doch auch dafür, das sie intensiver und eben bewusster lebt. Es ist keine Konvention, kein blindes Schicksal und auch nicht die Diktatur der Mutterschaft, die sie an ihre Ehe und Familie fesseln, sondern es ist die Wahl, die sie selbst für sich trifft.</p>
<p>Natürlich geht es in diesem Roman nicht um Susanna allein, das macht ja den Reiz eines Familienromans aus, dass die Entscheidungen jeder einzelnen Figur immer auch abhängig sind und zurückwirken auf die Entscheidungen anderer Figuren. Doch der Versuch zu zeigen, mit welchem erzählerischen Geschick Annette Mingels auch die anderen Figuren ihrer Geschichte mit ihren jeweiligen Wahlzwängen konfrontiert, führte hier zu weit. Beeindruckend ist auch, wie sie ihre Heldin Susanna zwischenzeitlich in der Vielzahl von Rollen, denen sie als Wissenschaftlerin, Ehefrau, Mutter und zugleich auch noch als Tochter eines sterbenden Vaters gerecht werden muss, an die Grenze ihrer Kräfte führt – und noch ein gutes Stück über diese Grenze hinaus, wo sich Susanna dann so gründlich selbst verliert, dass von ihr nicht mehr aus der Ich-Perspektive erzählt werden kann, sondern nur noch aus einer distanzierten Außenperspektive.</p>
<div id="attachment_2324" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/11/Mingels-Annette-©-Hendrik-Lüders11.jpg"><img class="size-medium wp-image-2324" title="Mingels, Annette © Hendrik Lüders(1)" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/11/Mingels-Annette-©-Hendrik-Lüders11-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Annette Mingels Foto: (c) Hendrik Lüders</p></div>
<p>Aber auch das ist noch nicht alles, was in diesem Roman steckt. All das klingt nach einer sehr ernsten, sehr gewichtigen Geschichte, die hier erzählt wird, und das ist auch richtig so. Aber Annette Mingels versteht es zugleich, die wunderbaren kleinen Unvernünftigkeiten und Irrtümer ihrer Figuren mit Ironie anklingen zu lassen. Dutzendfach entdecken sie Familienähnlichkeiten zwischen Menschen, zwischen denen es zumindest aus biologischen Gründen gar keine Familienähnlichkeiten geben kann. Und als sich Susanna schließlich nach dem Tod ihres Adoptivvaters auf die Suche macht nach ihrem biologischen Vater, der von ihrer Geburt nie etwas erfahren hat, entdeckt sie genetische Zusammenhänge, über die ich hier lieber nichts verraten will, um niemanden, der den Roman noch nicht gelesen hat, eine Schlusspointe vorwegzunehmen.</p>
<p>Aber ich glaube, dass in diesen ironischen Momenten des Romans zugleich ein großes Stück Weisheit liegt.  Es gibt einen, wie ich finde: sehr philosophischen Film über eine Adoption, der vor einigen Jahren in historischer Verkleidung von unserer modernen Erfahrung erzählte, dass Familie heute nicht mehr unbedingt in dem Fundament der gemeinsamen Gene wurzelt, sondern auch auf der Grundlage gemeinsamer Entscheidungen sich entwickeln kann. Es ist ein Trickfilm, heute nennt man so etwas einen Animationsfilm, und ich habe ihn gemeinsam mit meinen damals noch recht kleinen Söhnen angeschaut. Er heißt „Ice Age“, spielt in einer sehr frühen Steinzeit, und handelt von einem einsamen Mammut, einem Säbelzahntiger mit Altersproblemen und einem vorlauten, ein wenig dummen Riesenfaultier namens Sid. Die drei sind von der Natur offenkundig nicht füreinander bestimmt, aber sie haben sich entschieden, zusammen zu bleiben, und sie fahren gut damit, da sich ihre Stärken und Schwächen vorteilhaft ergänzen – und außerdem adoptieren sie vorübergehend einen verlorenen Menschensäugling, um ihn zurückzubringen zu seinen Eltern. Nachdem viele Abenteuer bestanden, der Säugling beim glücklichen Vater abgegeben und die Steinzeitwelt wieder in Ordnung ist, wendet sich Sid, das Riesenfaultier vom Stamme der Shakespearischen Narren an seine beiden Begleiter und meint: „Also, ich weiß nicht, wie ihr darüber denkt, aber wir sind die krasseste Herde, die ich kenne.“</p>
<p>Tja, und vermutlich geht es einfach darum, nicht nur beim Zusammenleben von Mammut, Tiger und Faultier, sondern auch bei Susanna, Henryk, Henryks beiden Töchtern und ihrem gemeinsamen Sohn, dass sie bei all den Unterschieden, die sie trennen, und den aufreibenden Entscheidungs-Abenteuern, die ihnen die Moderne abverlangt, dennoch immer wieder mal zu der Überzeugung kommen, hey, wir sind die krasseste Herde, die wir kennen.</p>
<p>Meine Damen und Herren, ich danke für Ihre Geduld, und liebe Frau Mingels, ich gratuliere ihnen zu ihrem großartigen Roman „Was alles war“ und beglückwünsche Sie sehr herzlich zum <a href="https://www.ravensburger.net/stiftung/aktuelles/preisverleihungen-fuer-leuchtturm-und-buchpreis-2017-in-berlin/index.html">Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag 2017</a>.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Julian Rosefeldt: &#8220;Manifesto&#8221; mit Cate Blanchett</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Oct 2016 08:01:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Berliner Buchbetriebs-Berichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Wahrheit der Kunst in 13 Filmen Ich bin kein Kunstkritiker, zugegeben, und es ist für jeden Schuster ein guter Rat, bei seinen Leisten zu bleiben. Wenn ich hier als Literaturkritiker dennoch meiner Begeisterung für Julian Rosefeldts hinreißende Filmkunst-Installation &#8220;Manifesto&#8221; &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2027">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Die Wahrheit der Kunst in 13 Filmen</strong></h1>
<h2><strong>Ich bin kein Kunstkritiker, zugegeben, und es ist für jeden Schuster ein guter Rat, bei seinen Leisten zu bleiben. Wenn ich hier als Literaturkritiker dennoch meiner Begeisterung für <a href="http://www.julianrosefeldt.com/pages/biography">Julian Rosefeldt</a>s hinreißende <a href="http://www.smb.museum/ausstellungen/detail/julian-rosefeldt-manifesto.html">Filmkunst-Installation &#8220;Manifesto&#8221;</a> Luft machen möchte, kann ich als Entschuldigung zumindest anführen: Unter den in den 13 Filmen verlesenen Manifeste sind etliche, die auch in den modernen Literaturgeschichte viel Wind um sich machten. Außerdem: &#8220;Manifesto&#8221; hat mir so viel Spaß gemacht, so viel sowohl intellektuelle wie sinnliche Freude bereitet, dass mir meine Schuster-Leisten-Bedenken hier einfach Schnurz sind.</strong></h2>
<div id="attachment_2028" class="wp-caption alignright" style="width: 206px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault-3.jpg"><img class="size-full wp-image-2028" title="hqdefault-3" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault-3.jpg" alt="" width="196" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Cate Blanchett in &quot;Manifesto&quot; von Julian Rosefeld als Obdachloser</p></div>
<p>Zunächst der Datenteil: &#8220;Manifesto&#8221; ist noch bis zum 6. November im &#8220;Hamburger Bahnhof &#8211; Museum für Gegenwart&#8221; in Berlin zu sehen. Das Museum liegt nur ein paar hundert Meter vom Berliner Hauptbahnhof entfernt. Leichter kann ein Besuch kaum gemacht werden, und es lohnt sich, versprochen.</p>
<p>Die konzeptionelle Seite von Rosefeldts fabelhafter Arbeit ist schnell erklärt. Die Kunst der Moderne hat eine starke Neigung zum Manifest. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat sich alle paar Jahre irgendein Künstler daran gemacht, per manifestöser Grundsatzerklärung zu verkünden, was die wahre Kunst sei und was die falsche, wie Kunst richtig zu verstehen sei, wo die Grenze zwischen alter, überlebter und neuer, zukunftsweisender Kunst verlaufe. Undsoweiterundsofort. Man kennt diesen Ausschließlichkeits- und Alleinvetretungsanspruch, diesen illiberalen Größenwahn, der von der Moderne regelrecht gezüchtet und bejubelt wurde. Darunter eben auch einige in der Literaturgeschichte viel zitierte Manifeste von André Breton, Philippe Soupault, Paul Èluard, Louis Aragon und anderen</p>
<div id="attachment_2029" class="wp-caption alignright" style="width: 206px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault.jpg"><img class="size-full wp-image-2029" title="hqdefault" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault.jpg" alt="" width="196" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Cate Blanchett in &quot;Manifesto&quot; von Julian Rosefeld als Lehrerin</p></div>
<p>Julian Rosefeldt lässt nun in 13 Filmen über 60 solche Manifeste ganz oder in Teilen vorlesen. Die Pointe seiner &#8220;Manifesto&#8221;-Installation ist, dass diese 13 Filme gleichzeitig auf 13 geschickt im Raum verteilten Leinwände projiziert werden. Die Manifeste fallen sich also gleichsam ins Wort, widersprechen und relativieren sich. Der ironische Gestus von Rosefeldts Arbeit wird sofort klar: Wenn auch 13 Kanälen gleichzeitig verkündet wird, was und wie Kunst in Wahrheit sei, an wird die Anmaßung, die in solchen Manifesten steckt, DIE WAHRHEIT DER KUNST zu kennen, unübersehbar.</p>
<p>Doch dies ist nur die konzeptionelle Dimension von &#8220;Manifesto&#8221;. Die sinnliche, ästhetische Dimension erst macht diese Arbeit so großartig. Rosefeldt hat &#8211; vom ersten Prologfilm abgesehen &#8211; seine 12 Filme mit überwältigender Liebe zum Detail ausgestatten und für sie spektakuläre Drehorte gefunden, die er mit viel Witz den jeweiligen Manifesten zugeordnet hat. So ist es ausgerechnet eine Trauerrednerin, die Manifeste des Dadaismus vorträgt, eine Börsenmaklerin, die die Thesen des Futurismus vertritt oder eine Arbeiterin, die ihr tristes Leben zwischen Plattenbau und Industrieanlage verbringt, die die hochfliegenden Utopien der modernen Architektur vorträgt.</p>
<div id="attachment_2030" class="wp-caption alignleft" style="width: 206px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault-1.jpg"><img class="size-full wp-image-2030" title="hqdefault-1" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault-1.jpg" alt="" width="196" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Cate Blanchett in &quot;Manifesto&quot; von Julian Rosefeld als Nachrichtensprecherin</p></div>
<p>Kurz: Das Ganze ist sehr sehr sehr klug und sehr sehr sehr komisch. Ich habe mich dabei erwischt, dass ich immerzu lächelnd vor Rosefeldts Leinwänden saß und staunend diese 12 filmischen Augenweiden abgraste nach den zahlosen geschickt arragierten Anspielungen und Kommentaren zu dem Exklusivitätsirrsinn der jeweils proklamierten Manifeste.</p>
<p>Aber es kommt noch ein eminentes Vergnügen hinzu: In allen 12 Filme spielt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cate_Blanchett">Cate Blanchett</a> die Verkünderin der Manifeste. Und zwar in 13 extrem verschiedenen Rollen: Als männlicher Obdachloser, Brokerin, Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, Vorstandsvorsitzende, Punkerin, Puppenspielerin, Familientyrannin am Mittagstisch, Lehrerin, Wissenschaftlerin, Trauerrednerin, Choreographin  oder Anchorwoman einer Nachrichtensendung, die zu einer Außenreporterin schaltet &#8211; die selbstverständlich auch von Cate Blanchett gespielt wird.</p>
<p>Die Virtuosität, ach was: die Genialität der Darstellerin Blanchett ist hinreißend. Nur 12 Drehtage hatte sie für &#8220;Manifesto&#8221;, ist also buchstäblich an jedem Drehtag in eine andere Haut geschlüpft und hat ihre Figuren mit überwältigender Suggestionskraft auf die Leinwand gebracht. Sie beweist &#8211; und das ist vielleicht der klügste Kunstgriff Rosefeldts &#8211; damit eine Wandlungsfähigkeit, in der man die unendliche Wandlungsfähigkeit der Kunst selbst wiedererkennen kann, die sich eben nicht von Manifesten definieren, festlegen und verhaften lässt, sondern ihren größten Reiz daraus zieht, niemals festlegbar zu sein.</p>
<div id="attachment_2031" class="wp-caption aligncenter" style="width: 959px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/csm_Rosefeldt_Manifesto_4_Querformat_1920x937_md_68c266f205.jpg"><img class="size-full wp-image-2031" title="csm_Rosefeldt_Manifesto_4_Querformat_1920x937_md_68c266f205" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/csm_Rosefeldt_Manifesto_4_Querformat_1920x937_md_68c266f205.jpg" alt="" width="949" height="464" /></a><p class="wp-caption-text">Cate Blanchett in &quot;Manifesto&quot; von Julian Rosefeld als Punkerin</p></div>
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		<title>Berliner Buchbetriebs-Bericht (2): KOOKread</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Feb 2014 12:47:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Berliner Buchbetriebs-Berichte]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander Gumz]]></category>
		<category><![CDATA[Christoph Szalay]]></category>
		<category><![CDATA[Daniela Seel]]></category>
		<category><![CDATA[Ron Winkler]]></category>
		<category><![CDATA[Tamara Bach]]></category>

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		<description><![CDATA[Labor für Literatur als Leseform Das literarische Leben Berlins ist, wie gesagt, legendär. Was man niemandem erklären muss, der je einen Blick in die prallen Veranstaltungskalender der Stadt geworfen hat. Vollständig kann über die Szene nur der Auskunft geben, der &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=890">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Labor für Literatur als Leseform</strong></h2>
<h3><strong><strong>Das literarische Leben Berlins ist, wie gesagt, legendär. Was man niemandem erklären muss, der je einen Blick in die prallen Veranstaltungskalender der Stadt geworfen hat. Vollständig kann über die Szene nur der Auskunft geben, der die reizvolle Fähigkeit besitzt, an bis zu siebzehn Orten gleichzeitig zu sein. Mir ist das nicht gegeben, doch das hält mich nicht davon ab, mich immer wieder mal  ins Publikum zu mischen. Und vom Erlebten hier gelegentlich zu berichten. Heute: KOOKread.<br />
</strong></strong></h3>
<p>Klar, „Kook“ heißt im Englischen so viel wie „Verrückter“ oder „Exzentriker“. Wer also zu einem KOOKread geht, sollte sich nachher nicht beschweren, wenn nicht alles läuft wie bei konventionellen Lesungen in ehrwürdigen Literaturhäusern. Zumal die KOOKreads eine Veranstaltungsreihe des KOOKbooks Verlags sind, der sich schon auf seiner Homepage als „labor für poesie als lebensform“ bezeichnet. Verlegerin Daniela Seel ist mit KOOKbooks zu einem Liebling der deutschen Lyrik-Gemeinde geworden – von Literaturpreisen und jubelnden Verlagsporträts überhäuft. Allerdings stellt sie auf derselben Homepage dem genannte Motto die betont skeptische Zeile „literature’s over. let’s go. face it“ gegenüber. Wir lernen: Konsequente Kleinschreibung ist cool, Englisch schadet nicht, Widersprüche erst recht nicht.</p>
<div id="attachment_892" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/kvartira62.jpeg"><img class="size-medium wp-image-892" title="kvartira62" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/kvartira62-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Kvartira No. 62 in der leicht schmuddelig verschneiten Lübbener Str. 18</p></div>
<p>Ein wenig exzentrisch ist schon der Ort von KOOKreads. Die Kneipe heißt „Kvartira No. 62“ und befindet sich nicht etwa in der Lübbener Str. 62, sondern in der Lübbener Str. 18. Tiefstes Kreuzberg. Der Mann hinter der Theke spricht mit Vorliebe russisch, bietet Borsch, Pelmeni oder Vareniki und einen höllisch guten Wodka an. Die Ausstattung des Etablissements ist ungefähr so, wie es die Vokabel Etablissement nahe legt: plüschig, dunkle Tapeten, schwere rote Vorhänge, Wandleuchten mit kleinen Schirmchen. Alles getreu der kvartira-eignen Devise: „Die Bar im Stil der russischen Kultursalons der 20ger Jahre“.</p>
<div id="attachment_891" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/Kvartir62In.jpeg"><img class="size-medium wp-image-891" title="Kvartir62In" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/Kvartir62In-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Leninwinkel mit Kerze direkt überm Tischlämpchen</p></div>
<p>Besonders gut gefallen hat mir eine Art realsozialistisch-satirisch-postmoderner Herrgottswinkel, der gleich rechts oberhalb jener Posterbank eingerichtet wurde, von der aus die Autoren lesen: In dem Winkel befindet sich statt des traditionellen Kruzifixes ein Band der Schriften W.I. Lenins in russischen Original samt beschaulich flackernder Kerze.</p>
<p>Ich war schon einmal Ende des vergangenen Jahrs bei einem denkwürdigen KOOKread: Neben den lesenden zwei Autorinnen/einem Autor und dem Moderator fanden sich nur fünf Zuhörer ein. Dennoch wurde die Veranstaltung eisern durchgezogen, was mich sehr für die poetische Unbeirrbarkeit der Akteure eingenommen hat.</p>
<p>Am 28. Januar war das KOOKread sardinenbüchsenmäßig besser besucht und stand unter dem unbedingt beherzigenswerten Titel „Love me tonight for I may never see you again“ (wie gesagt, Englisch schadet nicht). Es lasen der Grazer Christoph Szalay, der ein Ski-Gymnasium besuchte und bis in den ÖSV B-Kader für Nordische Kombination vordrang, bevor er sich für Poesie als Lebensform entschied. Dazu Ron Winkler, der bereits so viele Gedichtbände usw. veröffentlicht hat (auch bei KOOKbooks), dass eine Aufzählung hier echt sperrig wäre. Und die mit mehreren Jugendliteraturpreisen ausgezeichnete Romanautorin Tamara Bach.</p>
<div id="attachment_896" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/Ashbury1.jpeg"><img class="size-thumbnail wp-image-896" title="Ashbury" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/Ashbury1-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Szalay: &quot;Asbury Park, NJ&quot;. Luftschacht Verlag, 16,40 Euro</p></div>
<p>Eine Zusammenstellung (2 x Lyrik + 1 x Jugendbuch), auf die nicht jeder Veranstalter gekommen wäre und die dem Abend von Beginn an einen leise exotischen Touch gab. Szalay las sausensible Gedichte über Asbury Park, New Jersey, Winkler eine lyrische Prosa, an der er vor Jahren gearbeitet, die er aber nie fertig gestellt habe, und Tamara Bach Ausschnitte aus einem in betont knappen, mitunter stakkatohaften Sätzen gehaltenen Scheidungskind-Roman. Keiner länger als 25 Minuten.</p>
<div id="attachment_894" class="wp-caption alignleft" style="width: 77px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/RonWinkler.jpeg"><img class="size-full wp-image-894" title="RonWinkler" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/RonWinkler.jpeg" alt="" width="67" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Ron Winkler: &quot;Prachtvolle Mitternacht&quot;. Schöffling Verlag, 18,95 Euro</p></div>
<p>Der Moderator – oder sollte man in diesem Fall besser von Maitre de Plaisir sprechen? – war Alexander Gumz, selbst Lyriker und Clemens-Brentano-Preisträger. Er macht seine Sache unaufdringlich, kassiert persönlich vier Euro von jedem Zuhörer und fügt mit absolut überzeugendem Augenaufschlag hinzu: „Für die Autoren.“ Die Autoren stellt er mit sehr effektvollen Uneitelkeit vor, kurz, präzise, irgendwie abrupt und immer mit Hinweisen versehen, wo er die Daten im Internet zusammengeklaubt hat. Zum Titel des Abends hatte sich Gumz &#8211; vermutlich auch per Internet &#8211; durch Szalays Buchtitel anregen lassen, der ihn folgerichtig zu Bruce Springsteens Song &#8220;4th of July, Ashbury Park (Sandy)&#8221; brachte. Darin findet sich die, wie gesagt, absolut vorbildliche Zeile: &#8220;Love me tonight for I may never see you again, hey Sandy girl&#8221;.</p>
<div id="attachment_895" class="wp-caption alignright" style="width: 79px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/TamaraBach.jpeg"><img class="size-full wp-image-895" title="TamaraBach" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/TamaraBach.jpeg" alt="" width="69" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Tamara Bach: &quot;Marienbilder&quot;. Carlsen Verlag, 13,90 Euro</p></div>
<p>Daniela „KOOKbooks“ Seel saß derweil im Hintergrund, gleich neben dem Eingang, die Haare neuerdings blond, verkaufte eigenhändig Bücher der vortragenden Autoren und fiel durch den Zwischenruf auf, der Christoph Szalay aufforderte „neue Gedichte“, statt weiter aus dem vorliegenden Band <em>Ashbury Park </em>zu lesen.</p>
<p>Alles in allem ein rundum angenehmer literarischer Abend, nicht zu lang (ca. 90 Minuten einschließlich Bier-Pause), abwechslungsreich, unprätentiös präsentiert, preiswert und mit freundlichem, geduldigem Publikum. Dazu der teuflisch gute Wodka (2 Euro fürs halbvolle Schnapsglas mit einem Scheibchen Saurer Gurke, 3 Euro fürs randvolle Schnapsglas mit dicker Scheibe Saure Gurke). Kurz: Sehr empfehlenswert.</p>
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		<title>Berliner Buchbetriebs-Bericht: Alice Munro</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Dec 2013 14:14:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Berliner Buchbetriebs-Berichte]]></category>
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		<description><![CDATA[&#8220;Was machen Sie denn hier?&#8221; Das literarische Leben Berlins ist legendär. Was man keinem sagen muss, der je einen Blick in die Veranstaltungskalender der Stadt geworfen hat. Vollständig kann über die Szene nur der Auskunft geben, der die reizvolle Fähigkeit &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=830">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>&#8220;Was machen Sie denn hier?&#8221;</strong></h2>
<h3><strong>Das literarische Leben Berlins ist legendär. Was man keinem sagen muss, der je einen Blick in die Veranstaltungskalender der Stadt geworfen hat. Vollständig kann über die Szene nur der Auskunft geben, der die reizvolle Fähigkeit besitzt, an bis zu siebzehn Orten gleichzeitig zu sein. Mir ist das nicht gegeben, doch das hält mich nicht davon ab, mich immer wieder mal irgendwo ins Publikum zu mischen. Vielleicht ist es, dachte ich gestern, interessant oder gelegentlich sogar amüsant, über das Erlebte Auskunft zu geben. Also möchte ich mich hier hin und wieder an einem Berliner Buchbetriebs-Bericht (sog. BBbB) versuchen. Mal schaun, ob&#8217;s Spaß macht</strong>.</h3>
<div id="attachment_833" class="wp-caption alignleft" style="width: 163px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro1.jpg"><img class="size-full wp-image-833" title="Munro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro1.jpg" alt="" width="153" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Alice Munro: &quot;Liebes Leben&quot;. Erzählungen. Übersetzt von Heidi Zernig. S.Fischer Verlag, 21,99 Euro</p></div>
<p>Was würde sich zum Auftakt besser eignen, als die Buchpremiere zu Ehren einer Literatur-Nobelpreisträgerin am Tage der Nobelpreis-Verleihung? Obwohl Alice Munro gestern weder in Stockholm noch in Berlin dabei war. In Stockholm vertrat sie ihre Tochter, in Berlin lasen die Munro-Verehrerinnen Judith Hermann, Monika Maron und Eva Menasse eine Erzählung aus dem neuen Munro-Band <em>Liebes Leben</em>, umrahmt durch biographisch-literaturkritischen Vor- bzw. Nachbemerkungen von Manuela Reichart. Und zwar im Babylon-Kino, das einst in Berlin – Hauptstadt der DDR eine ähnliche Rolle spielte wie der Zoo-Palast im alten West-Berlin. Der offenbar seit Jahren hingebungsvoll konservierte leicht angestaubte Charme des Ortes gab dem Ganzen zusätzlichen Reiz.</p>
<p>„Was machen Sie denn hier?“ fragte mich die Dame, neben die ich mich setzte. Sie wollte damit, wie sich herausstellte, nicht andeuten, dass wir uns kannten. Sie wollte vielmehr ihrer Überraschung Ausdruck geben, einen Mann bei der Präsentation eines Buches einer Autorin durch vier Autorinnen zu sehen. Zur Ehrenrettung der Dame muss ich hinzufügen, der Anteil männlicher Zuhörer im Saal war tatsächlich erstaunlich gering (er ist meiner Erfahrung nach bei Lesungen jedoch nie sonderlich hoch). Mir hängt allerdings der Geschlechterdiskurs in literarischen Fragen besonders weit zum Hals heraus. Ich habe deshalb, um ehrlich zu sein, den Gedankenaustausch mit der Sitznachbarin vergleichsweise kurz gehalten. Alice Munro schreibt weder Frauen- noch Männerliteratur, sondern eben Weltliteratur aus der Perspektive einer Frau, und die sollte für jeden Menschen von Interesse sein &#8211; ebenso wie Weltliteratur aus der Perspektive eines Mannes.</p>
<div id="attachment_834" class="wp-caption alignright" style="width: 178px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro2.jpg"><img class="size-full wp-image-834" title="Munro2" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro2.jpg" alt="" width="168" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Alice Munro: &quot;Love Life&quot;. Stories. Random House US, 16.95 Euro</p></div>
<p>Das Programm war tadellos, die Anmerkungen Manuela Reicharts klug, die drei lesenden Autorinnen eindrucksvoll, die Erzählung selbst fabelhaft. Aus Alice Munros Sätzen ist auch noch der letzte Funke Eitelkeit getilgt, sie verzichtet auf alles Prunkende oder Prächtige in ihrer Sprache, ja sogar auf das heimliche Gepränge allzu demonstrativer Lakonie. Im ersten Moment kann ein unbedachter, wenig erfahrener das Leser mit Schlichtheit verwechseln. Vor ein paar Jahren legte ich an der Universität in Jena einem Seminar mit Germanistik-Studenten eine anonymisierte Erzählung Alice Munros vor und bat sie, Rezensionen darüber zu schreiben. Fast die Hälfte lieferten glatte Verrisse ab, sie hielten die Geschichte für eine dürftige Anfängerarbeit ohne die geringste Kunstfertigkeit. In Deutschland wird, fürchte ich, der Wert von Literatur noch viel zu oft nach dem Grad des sprachliches Schwulstes auf der nach oben offenen Bombast-Skala bewertet. Identifiziert hat die Autorin keiner der knapp dreißig Seminar-Teilnehmer.</p>
<p>Was diesen Punkt angeht, erwiesen sich die Ausführungen des S.Fischer-Verlagschefs Jörg Bong im Babylon als aufschlussreich: Seit etlichen Jahren verlege, sagte Bong, der S.Fischer Verlag Alice Munro, leider ohne große Auflagenerfolge. Doch nach der Nobelpreis-Nachricht im Oktober konnten, so berichtete er mit Stolz in Stimme und Blick, in nur zwei Monaten 600.000 Exemplare ihrer Bücher hierzulande an die Leserinnen und (darauf bestehe ich:) Leser gebracht werden.</p>
<div id="attachment_835" class="wp-caption alignleft" style="width: 170px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro3.jpg"><img class="size-full wp-image-835" title="Munro3" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro3.jpg" alt="" width="160" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Alice Munro: &quot;Love Life&quot;. Stories. Random House US, Vintage London, 11,95 Euro</p></div>
<p>Gute Literatur, gute Nachrichten: lauter Anlässe zur Freude also. Kommt hinzu, dass die Sitze im Babylon-Kino wirklich saubequem sind, weitaus bequemer als die Stühle bei Lesungen üblicherweise. Zu allem Überfluss ließ die Kanadische Botschaft danach im Foyer noch Weißwein ausschenken, mit dem es sich der Meisterin nach Clinton, Ontario, hervorragend zuprosten ließ. Wenn die Stockholmer Akademie immer ein so gutes Händchen bei der Auswahl ihrer Laureaten erwiese, dürfte aus der Veranstaltung von mir aus gern eine feste jährliche Reihe gemacht werden.</p>
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