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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Willy Brandt</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Willy Brandt und Günter Grass: &#8220;Der Briefwechsel“</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Apr 2017 07:48:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Willy Brandt]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Dichter und sein Kanzler Vor zwei Jahren starb Günter Grass. Seit der &#8220;Bechtrommel&#8221; war er nicht nur ein Erzähler von Weltruhm, sondern entwickelte sich bald darauf auch zu einem jederzeit politisch engagierter Schriftsteller. Vielleicht ist es, wenn heute die &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2204">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der Dichter und sein Kanzler</strong></h1>
<h2><strong>Vor zwei Jahren starb Günter Grass. Seit der &#8220;Bechtrommel&#8221; war er nicht nur ein Erzähler von Weltruhm, sondern entwickelte sich bald darauf auch zu einem jederzeit politisch engagierter Schriftsteller. Vielleicht ist es, wenn heute die politischen Debatten rapide an Heftigkeit und Dramatik zunehmen, nicht falsch, an den politisch denkenden Autor Grass und seine Freundschaft zu Willy Brandt zu erinnern. Der 2013 veröffentlichte Briefwechsel verrät viel darüber, wie nahe sich beide standen und welchen Einfluss Grass auf den Politiker und Bundeskanzler hatte.<br />
</strong></h2>
<p>Zwei Männer von Weltruhm, zweimal Tränen: 1966 besuchte Willy Brandt, der spätere Friedensnobelpreisträger, im Berliner Schillertheater das Theaterstück „Die Plebejer proben den Aufstand“ von Günter Grass. Danach schrieb er dem Autor, wie sehr ihn die Aufführung „aufgewühlt“ habe und dass er „mehr als einmal auch nahe am Heulen“ gewesen sei. Literatur war es, die den Politiker aus der Fassung brachte. 1974 dann, als Brandt wegen der Guillaume-Affäre vom Amt des Bundeskanzlers zurücktrat, weinte Grass, der spätere Literaturnobelpreisträger, wie ein Schlosshund. Politik war es, die dem Schriftsteller die Fassung raubte.</p>
<div id="attachment_2205" class="wp-caption alignright" style="width: 289px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/36897922z.jpg"><img class="size-full wp-image-2205" title="36897922z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/36897922z.jpg" alt="" width="279" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Willy Brandt und Günter Grass: &quot;Der Briefwechsel“, Steidl Verlag, 49,80 Euro</p></div>
<p>Die acht Jahre zwischen beiden emotionalen Aufwallungen machen den Hauptteil des gewaltigen Briefwechsels zwischen Brandt und Grass aus. Gewaltig schon wegen seines Umfangs: Über 1200 Seiten hat der Band „Der Briefwechsel“. Gewaltig aber auch von seiner Bedeutung her: Seit Goethes Freundschaft mit Großherzog Karl August vor 200 Jahren gab es keinen deutschen Schriftsteller mehr, der so enge Beziehungen zu einem aktiven Machthaber pflegte wie Grass zu Brandt und einen so unmittelbaren Einfluss auf dessen Politik hatte.</p>
<p>Erstmals begegneten sich beide, als der Regierende Bürgermeister Brandt kurz nach dem Mauerbau einige Schriftsteller zum Gespräch ins Berliner Rathaus bat. Grass war zwar nicht eingeladen, ging aber trotzdem hin. Als Brandt die Autoren fragte, wer künftig bereit sei, ihm beim Überarbeiten seiner Reden zu helfen, meldete sich nur einer: ausgerechnet der damals als Anarchist und angeblicher Pornograf verschriene Grass. Der aber hielt Wort.</p>
<p>Schon bald ging es nicht mehr nur um Formulierungstipps. Grass kümmerte sich um Brandt wie ein Rede-Coach um seinen Klienten: Er korrigierte dessen Aussprache („verschwimmende Satzenden“) oder Vortragsrhythmus („stockend“). Schließlich begann er, konkrete politische Empfehlungen zu geben. So beschwor er Brandt 1966, auf keinen Fall in eine Große Koalition („falsche Harmonie“) einzutreten, und bittet, seine Argumente allen SPD-Abgeordneten vorzutragen: „Ich weiß, dass Herbert Wehner allzu rasch geneigt ist, im Andersdenkenden einen Neurotiker zu vermuten. Dennoch bitte ich Sie, diesen Brief der Fraktion zu verlesen. Nichts soll unversucht bleiben.“</p>
<div id="attachment_2207" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/43682576m1.jpg"><img class="size-full wp-image-2207" title="43682576m" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/43682576m1.jpg" alt="" width="150" height="135" /></a><p class="wp-caption-text">Günter Grass: &quot;Der politische Literat&quot;. 1 CD. Günter Grass im Originalton. Random House Audio. 10,95 Euro</p></div>
<p>Damit hat der Briefwechsel seine Tonlage gefunden: Grass häuft Vorschlag auf Vorschlag, wie die SPD und das Land zu führen seien, liefert Argumente für Wahlkämpfe oder berichtet von der Stimmungslage unter Intellektuellen. Brandts Antworten dagegen sind kurz und konzentriert, er bestreitet nur gefühlte zehn Prozent der Korrespondenz. Manche haarsträubende Idee des Schriftstellers übergeht er dabei mit diplomatischem Schweigen: So etwa, wenn Grass 1968 anregt, die SPD solle „einen Anteil ihrer Mitgliedsbeiträge Nord- und Südvietnam zur Verfügung“ stellen.</p>
<p>Anderes jedoch nimmt Brandt sehr ernst &#8211; und das zu Recht. Grass, mit dem sich Brandt ab 1968 duzt, ist in mancherlei Hinsicht erstaunlich hellsichtig. So warnt er schon 1970, noch bevor die RAF die ersten Banken überfällt, eindringlich vor den Gefahren des Terrors. Und erkennt bereits 1971 in Helmut Kohl („stärkster Eindruck“) das größte Talent der CDU: „Auf sympathisch anmutende Weise gab er bestimmt und ohne die in Bonn üblichen Ichwürdemeinen-Formulierungen Auskunft über seinen politischen Standort.“</p>
<p>Mehrfach fragt Grass an, ob Brandt ihn nicht mit politischen Aufträgen betrauen wolle: „Dir direkt unterstellt“, sei er gern bereit, „für eine Entwicklungspolitik zu arbeiten.“ Brandt reagiert sehr zurückhaltend, bietet ihm kaum mehr an als die „Eröffnung des Goethe-Instituts in Australien“ &#8211; wozu Grass keine Lust hat. Doch der Freundschaft beider Männer tut das keinen Abbruch.</p>
<div id="attachment_2208" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/38472704m.jpg"><img class="size-full wp-image-2208" title="38472704m" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/04/38472704m.jpg" alt="" width="150" height="135" /></a><p class="wp-caption-text">Willy Brandt: &quot;Ein Zeitbild in Originaltönen. Wir sind keine Erwählten, wir sind Gewählte.&quot; Verlag Antje Kunstmann. 12,99 Euro</p></div>
<p>Das Verhältnis von Grass zu Brandt wirkt tatsächlich wie das eines hochbegabten, aber rebellischen Sohnes zum verehrten Übervater. Was gelegentliche Anfälle von Größenwahn auf Seiten des Schriftstellers nicht ausschließt. Als Brandt erstmals Kanzler wird, gibt Grass detaillierte Hinweise, wie das Kabinett zusammenzustellen sei, und drängte ihn, keinesfalls „untaugliche Männer wie Egon Franke und Carlo Schmid“ zu berufen: „In dieser Stunde sollten wir uns jede Sentimentalität verbieten.“</p>
<p>Auch mit direkter Kritik hält sich Grass nicht zurück. Immer wieder verlangt er von Brandt einen „härteren Führungsanspruch“ innerhalb der Partei. Und wirft ihm vor, die falschen Mitarbeiter auszuwählen: “. . . möchte ich Dich darauf aufmerksam machen, dass die Muse der Personalpolitik Deine Nähe scheut.“ Ein höchst ahnungsvolles Urteil, wenn man bedenkt, woran Brandt als Kanzler schließlich scheiterte: an seinem persönlichen Referenten Günter Guillaume, der sich als Stasi-Spion entpuppte.</p>
<p>Indirekt hatte Grass vielleicht sogar Anteil an einer der berühmtesten politischen Gesten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Bevor Willy Brandt 1970 zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags nach Polen aufbrach, ermahnte ihn Grass, dieses außergewöhnliche Ereignis nicht mit der “üblichen Glätte und innerhalb des gewohnten Protokolls vonstatten“ gehen zu lassen. Möglicherweise war es dieser Rat, der Brandt auf die Idee zum Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos brachte &#8211; dem größten symbolpolitischen Erfolg in seiner Karriere.</p>
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		<title>Erinnerung an Siegfried Lenz</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Oct 2016 12:42:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Siegfried Lenz]]></category>
		<category><![CDATA[Willy Brandt]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Gelassenheit, Deutlichkeit&#8221; Vor zwei Jahren, am 7. Oktober starb Siegfried Lenz. Er war einer der großen Erzähler der alten Bundesrepublik. Ich traf ihn ein letztes Mal im März 2011 in Hamburg in seiner Wohnung mit direktem Blick auf die Elbe. &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1993">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Gelassenheit, Deutlichkeit&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Vor zwei Jahren, am 7. Oktober starb Siegfried Lenz. Er war einer der großen Erzähler der alten Bundesrepublik. Ich traf ihn ein letztes Mal im März 2011 in Hamburg in seiner Wohnung mit direktem Blick auf die Elbe. Es war kurz vor seinem 85. Geburtstag. Damals schrieb ich  dieses Porträt über ihn.</strong></h2>
<p>Das Erste, was an Siegfried Lenz auffällt, ist die Elbe. Als mächtiges graues Band schiebt sie sich hinter seinem Profil der Nordsee entgegen. Wir treffen uns tief im Westen Hamburgs, direkt am Elbufer, dort, wo der Strom das Labyrinth des Hafens hinter sich gelassen hat, nach getaner Arbeit durchzuatmen scheint und sich zu ganzer Größe streckt.</p>
<div id="attachment_1995" class="wp-caption alignright" style="width: 300px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/41586764z1.jpg"><img class="size-full wp-image-1995" title="41586764z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/41586764z1.jpg" alt="" width="290" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Siegfried Lenz war zeitlebens zurückhaltend mit biographischen Auskünften. Bis heute gibt es auf dem Buchmarkt nur eine Biografie des Schriftstellers. Erich Maletzke: &quot;Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung&quot;. zu Klampen Verlag. eBook. 8,99 Euro</p></div>
<p>Einladend winkt mich Lenz von Weitem schon an seinen kleinen Tisch. Er steht direkt vor dem Panoramafenster, das den Strom in seiner machtvollen Schönheit zeigt. Es ist, als betrete man ein Kino, in dem nur noch ein zweiter Zuschauer sitzt: der Schattenriss eines schmächtigen Mannes mit großem Kopf und Pfeife vor dem überwältigenden Breitwandpanorama des Flusses.</p>
<p>Ein Auftritt, wie ihn der Erzähler Siegfried Lenz effektvoll und sinnfällig für die Hauptfigur eines Romans erfunden haben könnte. Gleich das erste Bild enthält viel von dem, was den Helden charakterisiert: die Haltung des Beobachters, die Ruhe des Pfeifenrauchers und sein Blick auf den unaufhaltsam vorandrängenden Strom der Ereignisse.</p>
<p>Lenz ist heute, 2011, der dienstälteste Großautor des Landes. Seine erste Geschichte schrieb er 1949, im Gründungsjahr der Bundesrepublik. Es folgten 14 Romane, rund 170 Erzählungen und dazu Essays, Reden, Theaterstücke. In 35 Sprachen wurden seine Bücher übersetzt, 30 Millionen Mal verkauft. Der bescheidene Mann am Elbufer, der fragt, ob er weiterrauchen darf oder ob das stört, ist ein Weltautor, ist Schöpfer und Herr eines literarischen Universums namens Lenz.</p>
<p>Worüber spricht man mit einem Weltautor? Übers Angeln. „Ich bin“, bekennt Lenz, „hoffnungslos in die Fischerei verliebt.“ Wohin auch immer er eingeladen wurde, bat er, sobald die Gastgeber nach seinen Wünschen fragten, um eine Angelrute. In Schottland, in Japan, in Neuseeland konnte er so sein Fischerglück versuchen. „Mein größter Fang? Ein Dorsch in Norwegen. 18 Pfund.“ Nachprüfbare 18 Pfund, sagt Lenz und hebt den Finger. Da ist kein Anglerlatein im Spiel: Die Beute wurde fotografiert, das Bild in einer Zeitung gedruckt.</p>
<p>Sein Lieblingsthema bringt den Erzähler in Schwung: Mit Ulla, seiner zweiten Frau, war er vor nicht allzu langer Zeit zum ersten Mal beim Fischen. „Sie ist Dänin und immer dem Wasser nahe gewesen, stammt aber aus einer Försterfamilie und hat nie geangelt.“ Als sie ihren ersten Fisch fing, einen Plötz, haben sie ihn gemeinsam vorsichtig an Land geholt und vom Haken gelöst. „Aber dann hat Ulla ihn nicht nur ins Wasser zurückgesetzt, nein, sie hat ihn vorher noch gestreichelt.“</p>
<p>Mit seiner ersten Frau Liselotte war Lenz 57 Jahre verheiratet. Sie starb 2006. „Danach glaubte ich, es geht nicht mehr weiter. Ich hatte jede Arbeitskraft, jede Imaginationskraft verloren.“ Die Furcht, nie mehr schreiben zu können, war sehr konkret. Er wäre heute, sagt er, ohne seine neue Frau nicht mehr am Leben. „Ulla hat mir enorm geholfen. Sie hat mir insbesondere geholfen, mein Buch zu Ende zu bringen, die ’Schweigeminute’.“</p>
<p><strong>Der Erzähler als Verwandlungskünstler</strong></p>
<div id="attachment_1996" class="wp-caption alignleft" style="width: 308px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/26366260z.jpg"><img class="size-full wp-image-1996" title="26366260z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/26366260z.jpg" alt="" width="298" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Siegfried Lenz: &quot;Schweigeminute&quot;. Novelle. dtv. 7,90 Euro</p></div>
<p>Mit der Novelle „Schweigeminute“ kehrte Lenz 2008 auf die Bestsellerlisten zurück. Das Buch ist kein blasses Alterswerk, sondern der Triumph eines reifen Schriftstellers, es zeigt Lenz im Vollbesitz seines Könnens.</p>
<p>Er gehörte nie zu den Autoren, die über sich selbst oder das eigene Seelenleben schreiben. Er war immer ein Geschichtenerfinder, der spannende, dramatisch zugespitzte Stoffe liebt. Aber wenn Lenz in „Schweigeminute“ von der Liebe eines gerade Achtzehnjährigen zu seiner Englischlehrerin erzählt, die bei einem Bootsunfall stirbt, dann schimmert doch etwas durch von der Liebe zu seiner ersten Frau, die acht Jahre älter war als er.</p>
<p>Wie jeder große Erzähler ist Lenz letztlich so etwas wie ein Verwandlungskünstler. Was immer ihm begegnet, was immer ihn beschäftigt: Er verwandelt es in eine Geschichte. Und seine Geschichten fangen die spezielle Atmosphäre, das besondere Aroma ihrer Zeit, so präzise ein, dass man beim Lesen glaubt, Kapitel für Kapitel der Vergangenheit der Bundesrepublik wiederzubegegnen.</p>
<p>Er hat eine ungeheure Zärtlichkeit, wenn er Bilder oder Gesten beschreibt, die für dieses Land wichtig sind. Er war gemeinsam mit Günter Grass dabei, als Willy Brandt 1970 auf die Knie fiel vor dem Denkmal für das Warschauer Ghetto. „Der Ort hat Brandt einfach übermannt“, sagt Lenz, „das gibt es: Selbst ein Staatsmann wie Brandt kann übermannt werden.“ Oder er spricht von dem Händedruck, mit dem Helmut Kohl und François Mitterrand 1984 auf dem Soldatenfriedhof von Douaumont die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland bekräftigten.</p>
<p>So sinnlich die Kraft seiner Worte ist, so wenig Wind macht er um seine Person. Seine Wohnung wirkt schlicht, fast ein wenig karg: weiße Wände, wenige Bilder, Möbel, die ihn sicher schon seit Jahrzehnten begleiten. Da ist nichts, was den Welterfolg seiner Bücher verrät &#8211; außer dem grandiosen Blick auf die Elbe.</p>
<div id="attachment_1997" class="wp-caption alignright" style="width: 295px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/44641638z.jpg"><img class="size-full wp-image-1997" title="44641638z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/44641638z.jpg" alt="" width="285" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Hanjo Kesting: &quot;Begegnungen mit Siegfried Lenz&quot;. Essays, Gespräche, Erinnerungen. Wallstein Verlag. 17,99 Euro</p></div>
<p>„Schauen Sie, dieses Container-Gebirge!“ Mit der Pfeife in der Hand deutet er auf einen Riesenfrachter, hochbepackt mit Containern, den die Elbe bedächtig an uns vorüberträgt. Lenz war immer ein Schriftsteller des Nordens und der Nautik. Das Wasser zog ihn an, seit er in der kleinen ostpreußischen Stadt Lyck an einem See aufwuchs. „Er bot mir alle Freuden, die ein See bieten kann: schwimmen, tauchen, im Winter Eishockey, angeln.</p>
<p><strong>»Das Alter bringt Gelassenheit, Deutlichkeit«</strong></p>
<p>Er bot ihm aber auch die Schrecken, die im Wasser auf einen warten können. Als Schüler brach Lenz an einem Wintertag durchs Eis. Mit viel Glück nur konnte er gerettet werden. Danach war das Leben wie einen Schritt von ihm zurückgetreten: „Ich hatte streng genommen keine Daseinsberechtigung, ich war überflüssig, entbehrlich, ein fahrlässiger Luxus.“</p>
<p>Vermutlich liegt hier eine Wurzel für die eigentümliche Fähigkeit des Schriftstellers Lenz, von sich selbst abzusehen. „Ich stelle mir vor“ lautet sein Arbeitsprinzip, nicht „Ich habe erlebt“. Auf dem Papier breitet er nicht seine persönlichen Befindlichkeiten aus, sondern erprobt nie gelebte Lebensmodelle. Ihm fehlt die Selbstverliebtheit, jene große Schwäche vieler anderer Autoren. Er ist ein Erzähler, der sich freimachen kann von der eigenen Person und der vielleicht deshalb seinen Lesern oft so nahe kommt.</p>
<p>Die geplanten Feiern zu seinem 85. Geburtstag entlocken ihm nur ein geduldiges Lächeln. Prüfungen nennt er sie, die es zu bestehen gilt. Wichtig ist anderes. Er schreibt an einem neuen Buch, es soll bald fertig werden, wieder eine Novelle. Das Alter bringt, sagt Lenz zwischen zwei Zügen aus der Pfeife, neben vielen Verlusten und „körperlichen Miseren“ auch Gewinne mit sich: „Gelassenheit, Deutlichkeit.“ Und mit aller Deutlichkeit weiß er, dass ihm die Arbeit am meisten bedeutet, nicht das Gefeiertwerden.</p>
<p>Als wolle sie das unterstreichen, trägt die Elbe in aller Ruhe noch ein zweites, diesmal viel kleineres Containerschiff an uns vorüber. Lenz folgt ihm mit den Augen, zuckt die Schultern und meint: „Das macht uns jetzt keinen Eindruck mehr.“</p>
<p>»Herr Lenz, was würden Sie einem jungen Schriftsteller raten, der heute zu schreiben beginnt?«</p>
<p>»Da leihe ich mir einen Ratschlag, den mir der englische Captain Gains kurz nach dem Krieg gab: Wann immer du glaubst, es ist Zeit zu zweifeln, dann sprich es aus«</p>
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		<title>Zum Todestag: Gespräch mit Günter Grass</title>
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		<pubDate>Thu, 14 Apr 2016 10:54:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Ilija Trojanow]]></category>
		<category><![CDATA[Juli Zeh]]></category>
		<category><![CDATA[Willy Brandt]]></category>

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		<description><![CDATA[„Ich möchte als Kuckuck wiedergeboren werden“ Im Mai 2014, knapp ein Jahr vor seinem Tod, sprach ich für den Focus mit Günter Grass: über seine Ängste am Lebensende, Versagen in der Nazi-Zeit und sein Engagement für die SPD. Hier ist &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1723">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>„Ich möchte als Kuckuck wiedergeboren werden“</strong></h1>
<h2><strong>Im Mai 2014, knapp ein Jahr vor seinem Tod, sprach ich für den Focus mit Günter Grass: </strong><strong></strong><strong>über seine Ängste am Lebensende, Versagen in der Nazi-Zeit und sein Engagement für die SPD. Hier ist es noch einmal zur  Erinnerung an seinen Todestag vor einem Jahr.</strong></h2>
<p>Vor dem Hund hatte man uns gewarnt. Minka belle gern laut und viel. Wir sollten uns nicht erschrecken. Als wir bei Günter Grass ankamen, der Fotograf Parwez Mohabat-Rahim und ich, gab es keinen Grund zu erschrecken. Grass stand vor seinem Haus, das wie eingebettet liegt im lichten Wald zwischen Ratzeburg und Mölln. Minka hielt sich neben ihm, Grass stricht ihr über den Kopf. Der Hausherr sah uns aufmerksam entgegen, der Hund gelangweilt &#8211; ein Bellen waren wir ihm nicht wert.</p>
<p>Es war im Mai vergangenen Jahres. Ein paar Wochen hatte es gedauert, bis sich im dicht getakteten Terminkalender des damals 86-jährigen Nobelpreisträgers eine Lücke fand für ein Gespräch. Ich hatte kein Geheimnis daraus gemacht, worüber ich mit ihm sprechen wollte: über das Sterben, über sein Verhältnis zum Tod, über letzte Dinge. Doch Grass war nicht der Mann, Ziel und Zweck eines Gesprächs ganz aus der Hand zu geben. Er bat uns in sein Atelier, ein geräumiges zweistöckiges Nebengebäude, gerade weit genug vom Haus entfernt, um ungestört arbeiten zu können. Im vorderen Teil war es die Werkstatt des Zeichners und Bildhauers Günter Grass, im hinteren Teil, ein paar Stufen tiefer, die Schreibstube des Schriftstellers Günter Grass.</p>
<p>Im Aschenbecher lagen hier gleich zwei Pfeifen, die er nun abwechselnd stopfte, rauchte und abkühlen ließ. Keine Antwort ohne Rauchwolke, es war, als würde er seine Sätze mit Rauch in die Luft malen. Über seinen Roman „Hundejahre“ wollte er sprechen, den er gerade für eine Neuausgabe mit Radierungen illustriert hatte. Auf manchen der Bilder glaubte ich Züge von Minka wiederzuentdecken.</p>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> Herr Grass, In Ihrem Roman „Hundejahre“ gibt es den ehemaligen SA-Mann Matern, dem Hitlers Schäferhund Prinz hartnäckig nachläuft. Matern kann das Tier ebenso wenig abschütteln wie die Erinnerung an seine Nazi-Vergangenheit. Sie sind ja als 17-Jähriger eingezogen worden zur Waffen-SS. Steckt in Matern auch etwas von einem Selbstporträt?</p>
<p><strong>Günter Grass:</strong> Nein, das kann ich nicht sagen. Was mich bedrückt hat, waren die Erinnerungen an den Schüler Günter Grass, der geschwiegen hat: zur Erschießung eines Onkels, der das polnische Postamt in Danzig gegen deutsche Angreifer verteidigt hatte; zum Verschwinden eines Mitschülers; zur Abwesenheit eines Lehrers, der für Monate im KZ Stutthof gewesen war. Ich habe keine Fragen gestellt. Das sind die Dinge, die mir nachgegangen sind. Die wenigen Wochen, die ich an der Front war, hießen Rückzug und Angst in einem zusammengewürfelten Haufen. Die SS-Einheit war nach kurzer Zeit auseinandergesprengt, da kam Volkssturm dazu und Personal eines aufgelösten Flughafens. Das hat bei mir nicht zu Schuldgefühlen geführt. Entsetzt war ich, als ich in der Gefangenschaft Bilder aus dem KZ Bergen-Belsen sah. Da habe ich zum ersten Mal in vollem Ausmaß begriffen, was geschehen war. Was Deutsche getan hatten.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Also gab es doch Erinnerungen an Mitschuld, die Ihnen nachgingen, so wie Matern der Hund nachläuft?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Der Begriff Schuld ist falsch. Was ich spürte beim Schreiben der „Hundejahre“ und vieler anderer Bücher später, ist die bleibende Mitverantwortung. Ich habe auf kleine, passive Art und Weise als Schüler durch Nicht-Fragen, durch Nicht-wissen-Wollen dazu beigetragen, Hitlers Herrschaft zu ermöglichen. Darin sehe ich Mitverantwortung, aber nicht Mitschuld.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Sie haben Ihre Waffen-SS-Mitgliedschaft sehr spät, aber immerhin aus eigenem Antrieb öffentlich gemacht. Und wurden doch scharf kritisiert. Danach wirkten Sie beleidigt . . .</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich bin unter die Heuchler geraten. Es wurde die Gelegenheit wahrgenommen, alte Rechnungen zu begleichen, nicht zuletzt Rechnungen auf Grund meiner politischen Haltung und meines hartnäckigen politischen Engagements.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Ihr heftigstes politisches Engagement galt Willy Brandt. Sie haben Wahlkampf für ihn betrieben und an Reden mitgearbeitet. Ihr Briefwechsel mit Brandt wurde jetzt veröffentlicht. Verliert der Autor nicht die nötige kritische Distanz, wenn er einem Politiker so nahe kommt?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Der Briefwechsel beweist, dass die kritische Distanz nicht verloren ging. Zum Beispiel sprach ich mich 1966 energisch gegen die erste Große Koalition aus. Brandt und ich haben das beide als Probe verstanden, ob unsere junge Bekanntschaft so eine Meinungsverschiedenheit aushält.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Warum wurde gerade Willy Brandt so wichtig für Sie?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich habe ihn bewundert, aber nicht blindlings. Für seine Klarsicht als 19-Jähriger, die ihn zur Flucht vor den Nazis trieb. Aber auch für seine Ausdauer: Obwohl er drei Anläufe brauchte, um Parteivorsitzender zu werden, und später auch drei, um das Amt des Bundeskanzlers zu erreichen, hat er sich nicht beirren lassen. Und nicht zuletzt bewunderte ich ihn für seine mutig geäußerte Einsicht: Wer etwas an der deutschen Teilung ändern will, muss aufhören, die Gegenseite als Feind zu betrachten, sondern in ihr einen Gegner sehen, mit dem man reden muss. Das ist in etwa die Situation, die wir heute in der Ukraine haben. In diesem Sinne ist Steinmeier heute ein guter Schüler Brandts, das ist an seiner Handlungsweise und seiner Argumentation zu merken.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Die meisten deutschen Autoren sind Ihrem Vorbild nicht gefolgt, sondern haben das politische Tagesgeschäft über Jahrzehnte konsequent gemieden. Warum?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Vielleicht weil ihnen die Triebkraft des gebrannten Kindes fehlt. Sie sind in Frieden und Wohlstand aufgewachsen und haben nie am eigenen Leib erlebt, was Politik bedeuten kann. Eine Bereicherung ohnegleichen für die deutsche Literatur sind da Autoren mit ausländischen Wurzeln. Sie bringen über die Geschichte ihrer Familien nicht selten Erfahrungen von großer Dringlichkeit mit, die sie ihr Leben lang nicht loswerden, Erfahrungen mit Diktaturen oder Kriegen, wie dem in Jugoslawien. Und eine solche, sie nicht verlassende Thematik zwingt sie zum Schreiben.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Birgt die Vermischung von Literatur und Politik nicht letztlich Gefahren für die Literatur? Ihr Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ ist oft auch aus literarischen Gründen kritisiert worden. Es sei ein schlechtes Gedicht, eher ein Leitartikel als Poesie.</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich habe meine Kritik an Israel nicht nur in Gedichtform, sondern auch in Reden oder Essays geäußert &#8211; und kein Hahn hat danach gekräht. Es war für mich in diesem Fall überraschend, welche Sprengkraft ein Gedicht haben kann. Vielleicht war die Form also doch wichtig. Ich halte es für falsch, eine Trennlinie zwischen Literatur und Politik ziehen zu wollen. Jeder Schriftsteller, ob jung oder alt, muss eigentlich bemerken, dass selbst die privateste Geschichte nicht frei ist von politischen Umständen. Wenn die komplizierten und oft verqueren Zwänge unseres politisch eingefärbten Alltags ausgespart werden, hängt die Geschichte in der Luft, dann wird sie bodenlos. Der Alltag wird nicht nur durch Kommunismus oder Nationalismus ideologisch verformt, sondern auch durch den Kapitalismus. Die Marktgläubigkeit hat religiöse Züge angenommen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Doch die politische Enthaltsamkeit der jüngeren Autoren scheint vorbei zu sein. Eine Gruppe deutscher Schriftsteller hat jetzt jedenfalls einen Protestbrief gegen die Überwachungspraxis der NSA formuliert, der inzwischen weltweit aufgegriffen wurde.</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ja, aber wie hat die deutsche Politik darauf reagiert? Juli Zeh und Ilija Trojanow, zwei Schriftsteller, die ich hoch schätze, machen sich Sorgen wegen der  umfassenden Bespitzelung durch unsere amerikanische Schutzmacht. Sie schreiben einen höflich und genau formulierten Brief an die Bundeskanzlerin, der von 67 000 Menschen im Internet unterschrieben wird. Doch bis heute haben sie keine Antwort von der Bundeskanzlerin. In diesem Schweigen drückt sich eine skandalöse Missachtung der Autoren und ihrer Unterstützer aus.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Erleben wir hier die Ablösung einer älteren, politisch engagierten Schriftstellergeneration durch eine jüngere?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich hoffe es. Aber ich betone: Dazu gehört langer Atem. Man darf sich von der Missachtung durch die Kanzlerin nicht enttäuschen lassen. Sie versucht gern, Dinge auszusitzen. Man muss jetzt weiterbohren und auf der Beantwortung des Briefes bestehen, was Juli Zeh mit einem erneuten Brief auch getan hat. Wenn ich jünger wäre, würde ich ein Zelt aufschlagen vor dem Bundeskanzleramt und warten, bis ich eine Antwort bekomme.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Was empfinden Sie bei dieser Wachablösung?</p>
<p><strong>Günter Grass:</strong> Es gibt Unterschiede in der Motivation zwischen diesen beiden Generationen. Uns ging es primär um die Vergangenheit, von der nicht nur wir Schriftsteller, sondern das ganze deutsche Volk immer wieder eingeholt wurde. Bei der jüngeren Generation ist es der Gedanke an die Zukunft, der sie umtreibt: Ob es die Durchleuchtung der Gesellschaft durch Geheimdienste ist, der Klimawandel oder die Entmachtung der Parlamente durch den Lobbyismus. Ihre Triebkraft ist die Sorge um die Zukunft, diese Sorge hat sie aufwachen lassen.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Wie weit geht diese Wachablösung bei Ihnen persönlich? Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie wohl keinen Roman mehr schreiben werden.</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>In meinem Alter wäre es vermessen, wenn ich nicht bemerkte, dass meine Tage gezählt sind. Für einen Roman brauche ich Jahre. Heute fehlen mir die Lebenszeit und die Kraft, ein solches Projekt anzugehen. Aber deshalb höre ich nicht auf zu schreiben. Ich habe als Autor mit Lyrik angefangen, und Lyrik schreibe ich auch jetzt. Und ich zeichne weiter. Ich wüsste sonst nicht, was ich tun sollte, ich würde den Menschen nur zur Last fallen.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Ist Ihnen der Gedanke an den Tod nähergekommen?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ja, ganz gewiss. Ich habe mehr Zeit, mich mit meiner Endlichkeit zu befassen. Da ich ein Mensch bin, der ganz aufs Irdische konzentriert ist, also auf das, was ich während meiner Lebenszeit tun kann, ist für mich die Frage, was danach kommt, eigentlich uninteressant.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Haben Sie Angst vor dem Tod?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich spüre bisher keine. Angst habe ich vor Schmerzen. Wenn mir die erspart blieben, wäre ich dankbar. Auch die Vorstellung, ich könnte dement werden und für meine Familie nur noch eine Belastung sein, ist für mich schrecklich. Noch entsetzlicher wäre die Vorstellung, in dementem Zustand auch noch der Öffentlichkeit quasi vorgeführt zu werden &#8211; so wie es Walter Jens geschehen ist. Einer der peinlichsten Vorgänge, die ich je erlebt habe.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Gibt es für Sie religiöse Gewissheiten, die beim Gedanken an den Tod Trost geben?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Nein. Allenfalls in Märchenform: Im Buddhismus ist ja davon die Rede, nach dem Tod in anderer Gestalt wiedergeboren zu werden. Mich reizt der Gedanke: Was wäre wünschenswert? Welches Getier, welche Pflanze möchtest du sein? Eine Amöbe?</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Welche Gestalt würden Sie sich wünschen?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Ich mag den Vogel, der das Frühjahr verkündet und den Leuten jedes Jahr wieder Versprechungen macht mit seinen Rufen, den <span style="text-decoration: underline;">Kuckuck</span>. Auch seine Unart, seine Eier in die Nester anderer Vögel zu legen, ist eine verführerische Vorstellung.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Was war Ihnen das Wichtigste im Leben?</p>
<p><strong>Günter Grass: </strong>Meine Anfänge in der Literatur waren artistischer, spielerischer, verspielter Art, in der Lyrik, auch im Theater. Bis ich bemerkt habe, dass ich auf Grund meiner Erfahrungen und der Zeit, in der ich lebe, mit politischen Themen konfrontiert bin. Wenn ich jetzt Bilanz ziehe, kann ich sagen, ich bin diesen Themen nicht ausgewichen. Ich bin drangeblieben. Das war mein Leben.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, das Sie bereuen?</p>
<p><strong>Günter Grass:</strong> Meine Mutter ist im Alter von 57 Jahren gestorben. Sie hat an mich auf aberwitzige Weise geglaubt &#8211; trotz vieler Ängste, weil ich den Hungerberuf des Künstlers ergreifen wollte gleich nach Kriegsende. Sie ist zu früh gestorben, als dass ich ihr hätte beweisen können, dass aus ihrem Jungen was wird. Ich hatte ihr alles Mögliche versprochen, vor allem Reisen. Diese Versprechungen habe ich nicht erfüllen können. Das nagt.</p>
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